13.12.2021: Digitaler Stolperstein zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi

Meine Großmutter Steffi (1898-1933) hatte fünf Kinder. Jeden Tag musste sie miterleben, wie ihr Mann Karl als Bergmann in die Bottroper Zeche Prosper III einfuhr, um in einer Tiefe von mehreren hundert Metern unter Lebensgefahr und permanenter Gefährdung seiner Gesundheit Schwerstarbeit zu leisten. Die Familie lebte auf engem Raum. Meine Großmutter, die Platzangst hatte, träumte von einem größeren Haus, zumal zwischenzeitlich immer mal wieder auch entferntere Verwandte bei der Familie wohnten. Nur für die Schneiderarbeiten, mit denen sie etwas Geld „dazuverdiente“, konnte sich meine Großmutter in ein winziges Zimmer zurückziehen und ab und zu einmal alleine sein, „Luft schnappen“.

Dass meine Großmutter Steffi nicht an einer Hirnhautentzündung („Kopfgrippe“) starb, wie es uns Enkelkindern erzählt wurde, weiß ich erst seit zweieinhalb Jahren. Sie litt an der Krankheit, die das Nazi-„Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ unter §1 mit „zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein“ bezeichnet.

Dieses Gesetz wurde am 14. Juli 1933 beschlossen, nur wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung. Es erlaubte die Zwangssterilisation von Menschen, deren körperlicher und/oder geistiger Zustand nicht den nationalsozialistischen Gesundheits- und Körperidealen entsprach und die daher als „erbkrank“ gebrandmarkt wurden. Bei der Einstufung der Menschen als „erbkrank“ beriefen sich die Nationalsozialisten auf die „Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft.“ Entsetzlich ist, dass die Zwangssterilisation nicht nur wissenschaftlich legitimiert, sondern als schützender Eingriff zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ neue Normalität wurde.

P1060891

Abfotografiert von der Seite: http://www.documentarchiv.de/ns/erbk-nws.html

Offiziell trat das Gesetz erst am 1. Januar 1934 in Kraft, aber seine Ankündigung vom 14. Juli 1933 dürfte schon im Vorfeld -insbesondere unter schwer gestörten Medizinern, so unvorstellbar und entsetzlich das ist- sadistische Phantasien angeregt haben. Und vermutlich ist schon im Vorfeld des 1. Januar 1934 probegehandelt worden.

Die einfachste Art zu verhindern, dass ein Mensch (weitere) Nachkommen zur Welt bringt, ist, ihn zu töten. Für medizinische Verbrechen im Vorfeld des Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ bot sich ein ganz bestimmtes Datum an: 13. Dezember 1933, ein Mittwoch, 11 Tage vor Heiligabend. Im Judentum ist die 13 eine gute, Glück bringende Zahl, was den höhnisch-brutalen Nationalsozialisten, in deren Köpfen und Körpern sich Judenhass und der Hass auf psychisch Kranke und Behinderte miteinander vermengten, durchaus bewusst war. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Großmutter nicht der einzige psychisch kranke Mensch war, der am 13. Dezember 1933 ermordet wurde.

Ich bin im Besitz mehrerer Totenzettel meiner Vorfahren väterlicherseits. Unter diesen Totenzetteln ist auch der meines Großvaters Karl. An dem Tag, an dem mein Großvater, ein erbitterter Nazi-Gegner, dessen Lunge durch die Arbeit unter Tage schon schwer geschädigt war, mit nur 55 Jahren an einer Lungentuberkulose starb, wurde der gnadenlose amerikanische Politiker und Geschäftsmann Donald Trump geboren: am 14. Juni 1946.

Meine Großmutter ist (vermutlich kurz vor Weihnachten 1933) auf einem Bottroper Friedhof bestattet worden. Ob eine Totenmesse stattgefunden hat, weiß ich nicht. Denn es fehlt der Totenzettel, den es vermutlich auch nie gegeben hat.

Stellvertretend für einen Totenzettel habe ich daher einen digitalen Stolperstein verfasst, den ich hier, nach dem 13.12.2020, zum zweiten Mal veröffentliche, vgl.: https://stellwerk60.com/2020/12/13/elfchen-im-12-morgen-oma-wirds-was-geben/

Digitaler Stolperstein: Voller Entsetzen über die Brutalität politisch legitimierter medizinischer „Maßnahmen“ erinnere ich mich in tiefer Trauer an meine nie gekannte liebe Großmutter Stephania („Steffi“), geboren am 19.3.1898 in Ludgierzowitz/Hultschin, tschechisch Ludgerovice, polnisch Ludgierzowice, aufgewachsen in Bottrop/Ruhrgebiet. Katholikin, Mutter von fünf Kindern. Diagnose: „manisch-depressiv“. „Verstorben“ am 13. Dezember 1933 auf der psychiatrischen Station eines Essener Krankenhauses, elf Tage vor dem christlichen Familienfest Weihnachten. Offizielle Todesursache: „Kopfgrippe“

Angesichts der NS-„Euthanasie“-Programme, in deren Rahmen ab 1939, aber „inoffiziell“ in vielen Fällen auch früher, hunderttausende kranke und behinderte Menschen ermordet wurden, ist es unfassbar, dass 88 Jahre nach Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ hier in Deutschland Mitglieder des Bundestags über eine völlig unverhältnismäßige Corona-„Impfpflicht“ und die mit einer Impfpflicht einhergehende Verletzung der körperlichen (aber auch psychischen) Integrität der in Deutschland lebenden Menschen persönlich (!) abstimmen dürfen!

Am 13. Dezember werde ich in den kommenden Jahren nicht nur an den gewaltsamen Tod meiner Großmutter Steffi denken, sondern auch an den totalen Lockdown, der heute vor einem Jahr, am 13. Dezember 2020, über ganz Deutschland verhängt wurde. Darüberhinaus werde ich mich an die Corona-„Schutz“-Impfung der unmündigen 5- bis 11-jährigen Kinder erinnern, mit der man heute, am 13. Dezember 2021, in Nordrhein-Westfalen begonnen hat.

P1060883

Katholische Kirche St. Marien in Köln Nippes. Ausgerechnet am 13.12.2021, dem 88.Todestag meiner Großmutter Steffi, wird in St.Marien gegen Corona geimpft. Das ist nicht weiter erstaunlich, schließlich finden die Corona-Impfungen auch in Diskotheken und auf Weihnachtsmärkten statt. Um bildungsferne Freier zu erreichen, funktionierte man in Wien den Eingangsbereich eines Bordells zur Impfstraße um. Auch Jugendliche, die den Puff normalerweise nicht betreten dürfen, waren herzlich eingeladen. Dank Impfung bekamen die Jungs die Möglichkeit, endlich einmal Puffluft zu schnuppern. Den 40€-Bordell-Gutschein, mit dem erwachsene Impflinge nach dem Motto „Erst piksen, dann stechen!“ (Schlagzeile rtl.de) belohnt wurden, bekamen die Jugendlichen allerdings nicht. Schließlich gelten nicht nur in Deutschland  (§ 8 JuSchG), sondern auch in Österreich Bordelle als „jugendgefährdende Orte“.  https://www.stern.de/panorama/impfen-im-bordell–vergnuegungstempel-wirbt-mit-corona-impfung-30891344.html

5 Gedanken zu „13.12.2021: Digitaler Stolperstein zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi

  1. Puh, das lässt mich sprachlos zurück. Auch dass dieses widerliche „Gesetz“ so schnell nach „Machtergreifung“ beschlossen wurde, so, als gab es wohl schon längst vorher einen Konsens über solch menschenverachtendes Vorgehen in bestimmten und bestimmenden Kreisen. Dass das, was dahinter steht, nie wirklich aufgearbeitet wurde in Medizin und Wissenschaft (ganz im Gegenteil!), macht mich wütend.

    • Liebe Maren,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Er hat mich dazu angeregt, mich auf die Suche nach dem „schon längst vorher“ zu machen. Was ich entdeckt habe, war mir so nicht bewusst.
      Zwei Männer, der Jurist und Strafrechtler Karl Binding und der Mediziner Alfred Hoche, Neurologe, Psychiater und vehementer Kritiker des jüdischen Psychoanalytikers Sigmund Freud, hatten eine Schrift verfasst, die zur zentralen programmatischen Grundlage für die NS-„Euthanasie“ wurde.
      „Schon vor den 1930er Jahren kursierten Forderungen, Menschen mit Behinderungen zu töten: Die 1920 von dem Juristen Karl Binding und dem Psychiater Alfred Hoch veröffentlichte Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ sorgte in der Weimarer Republik für teils auch kritische Debatten, fand allerdings später bei den NS-Ideologen Anklang. Das Werk prägte die Vorstellung, Menschen als „lebensunwert“ einzustufen zu können. Es regte auch Überlegungen an, menschliches Leben an wirtschaftlicher Rentabilität zu messen und damit die Ermordung von kranken oder behinderten Menschen zu rechtfertigen.“
      https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/295244/ns-euthanasie
      In den 1920er Jahren hat sich, wie ich las, ein Großteil der Ärzte noch deutlich von der „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ distanziert und auch vor den katastrophalen Folgen einer solchen „Freigabe“ gewarnt.

      • Wenn du unter dem Stichwort „Eugenik“ nachliest, stellt man fest:. Diese Gedanken sind schon sehr alt – und leider immer noch (oder wieder) modern. Es war durchaus nicht auf Deutschland beschränkt, sondern hat(te) insbesondere in Großbritannien und auch den USA viele Anhänger. (Und der dahinter stehende „Zucht“-Gedanke ging auch dort mit Zwangsterilisationen einher.) Der Bruder der Gründer der Unesco und des WWF (und Bruder von Aldous Huxley) war gleichzeitig Präsident der britischen Eugenik-Gesellschaft, was ich ziemlich erschreckend finde.

  2. Liebe Lisa!

    Die Geschichte über Leben und Sterben Deiner Großmutter ist entsetzlich und schwer zu lesen. Wie überhaupt die Erinnerung an und das Wissen um die ganze NS-Zeit auch nach bald 8 Jahrzehnten nur schwer erträglich ist.
    Es ist gut, Stolpersteine zu legen. Wir müssen und sollen uns erinnern. Es soll nie wieder geschehen.

    Den Bezug zu den jetzigen Coronaregeln lasse ich nicht gelten. Auch ich bin gegen Impfpflicht und gegen 2G und bin weder glücklich noch zufrieden mit der Art und Weise, wie hier vorgegangen wird. Aber Virus ist Virus und Nazi ist Nazi, und auch wenn man selbst das Virus als nicht bedrohlich empfindet, so sind doch – weltweit – die meisten Leute durchaus einverstanden mit einer aktiv schützenden politischen Strategie dagegen.
    Und geimpft werden Kinder, deren Eltern das befürworten. Es ist deren Entscheidung. Eltern entscheiden sehr viel für ihre Kinder.

    Solche Vergleiche und Bezüge verschleiern, dass gerade nicht nur die Politik, sondern auch die Gesellschaft scheitert.

  3. Liebe Beate,
    ich stelle keine simplen Vergleiche an, was ich mir als Historikerin auch verbieten würde. Ich finde es nur eminent wichtig, dass wir uns erinnern.
    Ich bin froh, dass meine beiden Töchter schon erwachsen sind (26 und 22). So muss ich nicht mehr für sie entscheiden. Aber es würde mich sehr betrüben, wenn sie sich impfen lassen würden, denn sie sind immer noch meine Töchter. Gerade für Frauen (und Mädchen), denen das Virus nicht viel anhaben kann, ist die Impfung mehr als bedenklich. Ich habe schon viel über heftige Menstruationsprobleme gehört. Offenbar greift die Impfung in die natürlichen Zyklen ein.
    Ältere Frauen nach den Wechseljahren berichteten darüber, dass sie wieder Blutungen hatten, die sich wie Menstruationsblutungen anfühlten. Von einer geboosterten Bekannten, die vor etwa 15 Jahren Brustkrebs hatte, weiß ich, dass sie nicht zur Kontroll-Mammographie konnte, weil nach der Corona-Impfung die Lymphknoten vergrößert sein können, was dann wie Krebs „aussieht“.
    In Griechenland müssen Menschen über 60, die sich nicht impfen lassen, jetzt schon 100 Euro Strafe bezahlen. Was du „aktiv schützende politische Strategie“ nennst, ist entwürdigend und menschenverachtend!
    Was wir mit 2G, Tests und Impfung erleben, ist ein massiver Eingriff in die körperliche Unversehrtheit der Menschen. Wenn wir wirklich eine allgemeine Impfpflicht bekämen, wäre das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das uns so lange Zeit vor körperlich-medizinischen Über- und Eingriffen des Staates geschützt hat, schwer beschädigt.
    Liebe Beate, die folgende Bitte steht mir eigentlich nicht zu, aber ich bitte dich, deine beiden Kinder, die ich durch deinen Blog ja schon ein bisschen kennengelernt habe, nicht impfen zu lassen…

Kommentar verfassen