Staatlich kontrolliertes Sterben

Ein  Mensch, den ich zur Zeit sehr vermisse, weil man mit ihm so gut lachen konnte, ist mein Schwager Ernst, der Mann meiner Schwester Dorothee. Ernst ist im Mai letzten Jahres im Alter von knapp 73 Jahren an den Folgen einer unheilbaren, angeborenen Krankheit gestorben.

Kurz zuvor war Ernst als „austherapiert“ aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er hätte sich einer Herz-OP unterziehen sollen, war aber schon zu geschwächt. Ernst und Dorothee haben sich dann ein Hospiz angeguckt. Es gab einen Besichtigungstermin mit  „Vorstellungsgespräch“.

„Wie stellen Sie sich Ihren Aufenthalt vor?“, wurde Ernst gefragt. Ernst, der so schwach war, dass er kaum noch sprechen konnte, hatte seinen Galgenhumor behalten und sagte: „Es wäre schön, wenn Sie mich ein bisschen aufpäppeln könnten.“

„Dann sind Sie bei uns nicht richtig“, kam die Antwort. „Hier wird gestorben.“

Meine Schwester hat daraufhin das wohl einzig Richtige gemacht. Sie ist mit Ernst zusammen nach Hause gefahren und hat sich um ein Pflegebett gekümmert, das auch sofort gebracht wurde. Das Bett wurde vor das Terrassenfenster gestellt, so dass Ernst nach draußen in den Garten des Hauses gucken konnte, das schon sein Elternhaus war. Die beiden Kinder bekamen Sonderurlaub, die Schwester reiste aus Kalifornien an…

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Vor dem Hospiz St.Marien in Nippes. Für Besuche gibt es derzeit strenge Auflagen. Pro Tag und pro Gast darf nur ein Besucher kommen. Dass ein Mensch „im Kreise seiner Familie“ stirbt, ist hier zur Zeit streng untersagt. Vom kleinen Violinen-Duett war  ich unangenehm berührt. Dass sterbende Menschen, die sich nach ihren Liebsten sehnen, mit Geigenmusik  abgespeist werden, finde ich brutal.

 

2 Gedanken zu „Staatlich kontrolliertes Sterben

  1. Das ist eine schöne und traurige Geschichte. Ich liebe Ernst, der aufgepäppelt werden wollte. Und dann – „Hier wird gestorben!“ Wie krass!
    Stellenweise bin ich mir nicht sicher, was schlimmer ist, Corona oder die Auflagen. Stellenweise, heißt, in manchen Belangen. Ins Hospiz muss man in diesen Tagen wohl eher nicht.

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