Staatlich kontrolliertes Bestatten: Eine Selbsterfahrung

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Deckblatt der Trauer-Anzeige: Sonne, Mond und Erde u.u.u… Grafik: Marleen-Christin Schwalm

Ich machte während der Beerdigung meines Mannes auf dem Kölner Melaten-Friedhof eine neue Erfahrung. Nie zuvor hatte ich das Gefühl, dass der Leichnam im Sarg nichts weiter ist als eine sterbliche Hülle und dass die Seele des geliebten Menschen woanders ist und sich hat befreien und die „sterblichen Überreste“ wie eine Schlangenhaut hat abstreifen können. Ohne diese deutliche Empfindung hätte ich die Beerdigung meines Mannes kaum ausgehalten. Der kleine Raum unter der Erde, das exakt vermessene Grab, gemietet bei der Stadt Köln gemäß Friedhofsgebührensatzung, hat nichts zu tun mit der grenzenlosen, unendlichen Anderwelt, an deren Existenz ich seit einigen Jahren glaube, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben.

Wie so vieles in diesen verdrehten Coronoia-Zeiten, wo uns die Erde als „ein umgestürzter Hafen“ (Georg Büchner, Woyzeck) erscheint, war auch die Bestattungs-Zeremonie seltsam irreal.

Mittlerweile sind Trauerfeiern in geschlossenen Räumen wieder zugelassen, aber es wird erwartet, dass die Menschen Masken tragen und Abstand halten. Soweit ich es mtbekommen habe, musste sich immerhin niemand mehr namentlich in eine Kondolenz-Liste eintragen. Die Bestuhlung in der Trauerhalle ist variabel. Aktuell ist in jeder Stuhlreihe jeder zweite Stuhl entfernt, so dass 30 statt normalerweise 60 Personen einen Sitzplatz haben. Wie wir alle wissen, ist es tröstlich, während einer Trauerfeier eng beieinander sitzen und einander spüren zu können. Mit den Lücken zwischen den Stühlen ist das unmöglich. Besonders leid tat es mir für Jürgen und Michael, die beiden Brüder meines Mannes, die in den letzten Monaten in Gedanken stets bei uns waren. Meine lieben Schwäger mussten den vorgegebenen Sicherheits-Abstand zu ihren Frauen Ingrid und Daniela einhalten.

Es waren überraschend viele Menschen gekommen, zahlreiche mussten stehen. Das war tröstlich und spiegelte in keiner Weise die Isolation wieder, in der sich mein Mann und ich in den letzten Monaten nicht nur coronabedingt befunden hatten.

Ich selber setzte mich nicht, sondern hielt die Trauer-Rede: Manfred mein Manfred. Aber  ich redete nicht nur vom Ende des Lebens, sondern auch vom Beginn. Meine Töchter Lea und Carla, die neben mir standen, lasen die zärtlichen kleinen Gedichte vor, die ihr Vater anlässlich ihrer Geburt vor 21 bzw. 24 Jahren geschrieben hatte – damals auf Wunsch meiner Mutter, die eine Geburtsanzeige verschicken und auch ein bisschen mit ihrem dichtenden Schwiegersohn angeben wollte.

Manfred und ich haben nicht gedacht, dass Manfred sterben würde, sondern gesund werden. Daher haben wir nie über eine Bestattung geredet. (Wir hatten -nebenbei gesagt- auch keine Patientenverfügung). Melaten ist gewiss in seinem Sinn, denn seine Mutter und viele seiner Vorfahren mütterlicherweits (die Springobs) sind hier bestattet. Manfred, der anders als ich gerne auf Friedhöfe ging, hat vor vielen Jahren einmal einen Essay veröffentlicht mit dem Titel „Illusionsraum Melaten“. Sein eigenes Grab jedoch liegt da, wo Melaten kein Illusionsraum ist: Direkt an der Friedhofsmauer und ganz in der Nähe der vielbefahrenen Weinsbergstraße. Man hat in der Stadt Köln zwar die freie Friedhofswahl, bekommt aber den Platz zugewiesen – In diesem Fall kein lauschiges Plätzchen.

Die Beerdigung fand erst nach drei Wochen statt. Als Manfred gestorben war, habe ich vier Stunden neben dem Leichnam gesessen und erst dann den Notarzt benachrichtigt. Nach und nach waren das Leben und die Wärme aus dem toten Körper entwichen, und der Leichnam, dem ich den Ehering vom Finger abstreifte, war nicht mehr mein geliebter Mann, mit dem ich über dreißig Jahre zusammengelebt hatte. Meine Liebe galt nicht mehr seinem Leib, sondern hatte sich mit etwas verbunden, das ich Seele nennen möchte.

In Nordrhein-Westfalen darf man, wenn ein Mensch zu Hause verstirbt, den Leichnam 36 Stunden bei sich behalten, ohne den „Abtransport“ zu veranlassen. Nach vier Stunden wollte ich diesen „Abtransport“ – unbedingt. Ich fremdelte. Da die Hausärztin in Bonn und nicht in Köln praktiziert, musste ich den Notarzt anrufen.

Maskierte Notärzte kamen, maskierte Kriminalpolizisten, unisex in Uniform, Männer und Frauen, später dann kamen zwei unmaskierte Personen von der Gerichtsmedizin, beide auffällig leger gekleidet, ein Mann und eine Frau. Man machte Fotos, inspizierte den Leichnam und befestigte Elektroden. Man teilte mir etwas mit: „Ihr Mann ist verstorben“.

Ich bin so froh, dass meine beiden Töchter an dem Tag nicht in Köln waren, sondern bei ihren Liebsten. Ich selber bin 61 Jahre alt und abgebrüht, doch meine Töchter (21 und 24) sind das noch nicht.

Da mein Mann zu Hause gestorben war, brachte man den Leichnam in die Gerichtsmedizin. In wenigen Tagen, so sagte man mir, werde man mir Bescheid geben. Man werde mich anrufen – unter meiner Festnetz-Nummer.

Jedes Mal zuckten wir (meine Töchter waren gekommen) zusammen, wenn das Telefon klingelte, aber über Kondolenzanrufe hinaus kamen nur Werbeanrufe. Ich hatte Medienbilder vor Augen, ich sah vermummte Pathologen, wie sie mit gieriger, panischer Akribie die Leichen der an Corona verstorbenen Menschen durchforsten, um weitere, vermeintlich durch das Virus verursachte Schäden zu entdecken.

Je länger wir warten mussten, desto schlimmer wurden die Bilder. Dass so viele Tage vergingen, sagte mir, dass man gründlich gearbeitet hatte – auf der Suche nach Metastasen eines Tumors, den mein Mann vermutlich nie gehabt hatte.

Erst nach fünfzehn Tagen, am 17.  Juli,  kam am Freitagmorgen der Anruf der Kriminalpolizei. Der Leichnam sei bereits am 6. Juli freigegeben gewesen, denn man habe ihn nicht sezieren müssen. Mein Mann sei eines natürlichen Todes gestorben. „Ich habe ein Schreiben der Kriminalpolizei, auf dem steht, dass ein Leichnam nur so lange aufbewahrt wird, bis er abholbereit ist“, antwortete ich. Darauf sagte der Kriminalpolizist: „Sie müssen einen Bestatter informieren, der mit uns Kontakt aufnimmt.“ Darauf sagte ich: „Soweit ich informiert bin, muss ich das nicht. Und wie soll ich den Bestatter informieren, wenn ich nicht einmal weiß, dass der Leichnam abholbereit ist?“ Dann kam eine Behauptung, die nicht der Wahrheit entspricht, was sich im Zweifelsfall nachverfolgen ließe: „Wir haben Sie angerufen.“

Dass ich von „Zweifelsfall“ schreibe, hat einen Grund. Wird ein Leichnam in die Gerichtsmedizin gebracht, müssen die Angehörigen für die Aufbewahrungskosten („Kühlung“) aufkommen. Zwei Menschen erzählten mir (unabhängig voneinander!) folgendes: Da die öffentlichen Kassen leer sind, bewahrt man die Leichname zur Zeit lange dort auf. Die Kosten sind gestaffelt: In der ersten Woche kostet die „Kühlung“ 40 Euro am Tag, in der zweiten 100 am Tag, in der dritten 200…

Die Stadt Köln hat mir noch keine Rechnung geschickt. Auch wenn man die Todesursache (vermutlich eine akute Aspirin/Ibuprofenvergiftung) nicht hat ermitteln können, war und bin ich doch überglücklich, dass man den Leichnam meines Mannes nicht seziert hat. So konnte ich seinen unversehrten Leichnam in einem Sarg bestatten lassen.

Zur Beerdigung kamen einige Menschen nicht, die ich gerne umarmt hätte, aber es waren viele da, mit denen ich niemals gerechnet hatte. Und einer kam, den ich seit langem aus der Ferne bewundere und den ich im Rahmen der Highlights der Physik 2019 in Bonn bei einem Abendessen persönlich kennengelernt habe: Der Dortmunder Physikprofessor und Wissenschaftskabarettist Metin Tolan.

Metin Tolan und Axel Carl, ebenfalls habilitierter Physiker, waren mit der Bahn angereist. Im Anschluss an die Beerdigung kamen sie noch mit in unseren Garten, wo wir Biertische aufgebaut und zu einem Brunch (bei dem sieben Flaschen Sekt geleert werden sollten) eingeladen hatten. Zum Glück war das Wetter schön, denn im Haus wäre niemals genug Platz gewesen für die vielen Gäste. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei unseren Nachbarn Sabine und Prasad bedanken, deren Garten wir mitbenutzen konnten.

Vor allem aber möchte ich mich bei den Freundinnen und Freunden von der Agentur für Wissenskommunikation IserundSchmidt bedanken, wo mein Mann Geschäftsführer war. Ich war noch so weit weg von der Welt, dass ich niemals in der Lage gewesen wäre, eine Traueranzeige zu gestalten. Genau das müssen die IserundSchmidts geahnt haben, denn sie gestalteten (unabgesprochen) eine Anzeige, die geschäftlich und privat zugleich war. Ich hatte die Anzeige erst am Tag vor der Bestattung in Händen, deshalb konnte ich sie nicht mehr verschicken, sondern nur einzelne Exemplare persönlich verteilen. Damit alle, denen ich sie gerne geschickt hätte, sie dennoch sehen können, habe ich die Anzeige abfotografiert.

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Und  noch etwas Großartiges haben die Kollegen gemacht, ohne dass es abgesprochen werden musste: Sie haben die Agentur seit Oktober 2019 am Laufen gehalten.

Mein Mann hat während dieser Zeit über die Agentur sein volles Gehalt bezogen. Er war zwar Selbstständiger, aber gesetzlich krankenversichert. Mein Mann hatte eine Zusatzversicherung für den Krankenfall. Wird der Versicherte schwer krank, zahlt die Krankenkasse nach sechs Wochen 80% des Nettogehalts, allerdings nur dann, wenn sich der oder die Kranke im Krankenhaus behandeln lässt.

Der kranke Mensch muss sich, will er weiterhin Geld bekommen, der ärztlich verordneten Therapie unterziehen, und ist die vorgeschlagene Therapie auch noch so inhuman und brutal (wie bei meinem Mann). Mein Mann hätte niemals zur Krankenkasse gehen und sagen können: Ich gehe den Weg der Selbstheilung, ich faste, ich probiere eine spezielle Diät, verzichte auf Zucker, Weißmehl und Schweinefleisch. Das alles hat mein Mann probiert, und der ursprüngliche, von außen gut tastbare Tumor hatte sich ja tatsächlich zurückgebildet. Mein Mann, so denke ich, hätte vollkommen gesund werden können, hätte er die Schmerztabletten abgesetzt. Wie gefährlich die frei verkäuflichen Schmerzmittel Aspirin und Ibuprofen bei dauerhafter Einnahme sind, habe auch ich leider zu spät begriffen.

Mein ganz besonderer Dank gilt Dr. Dr. Lutz Peschke, dem zukünftigen Geschäftsführer der Agentur IserundSchmidt.

Lieber Lutz, ich hatte so sehr gehofft, dass mein Bruder zur Beerdigung kommt und mich in den Arm nimmt. Stattdessen hast du das getan. Ich danke dir.

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