„All the world’s a stage“, but we are only Impf potatoes

Wohl kein Politiker versteht es so gut, Anteilnahme zu zeigen, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Kann dieser Mann eigentlich auch lachen? Aber ja, er kann. Am 17. Juli 2021, drei Tage nach der Hochwasser-Katastrophe, begleitete Frank-Walter Steinmeier den NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet bei einer Reise in die betroffenen Gebiete. „In Erftstadt, einer Gemeinde im Rhein-Erft-Kreis, die es besonders schlimm getroffen hatte, hielt Steinmeier eine Rede, um den Menschen sein Mitgefühl auszudrücken und Hilfe zuzusichern. Wir wir wissen, schäkerte und lachte „Der Machtmenschliche“ (so der Titel der Laschet-Biografie) währenddessen im Hintergrund.“ (voriger Blog-Beitrag)

Weniger bekannt ist, dass wenig später Steinmeier und Laschet die Rollen wechselten. Laschet übernahm das Mikrofon, während Steinmeier endlich Pause hatte. Während der NRW-Ministerpräsident redete, scherzte im Hintergrund ein sichtlich entspannter Bundespräsident, der sich nicht bewusst machte, dass man ihn filmen könnte. https://www.youtube.com/watch?v=y_ktg6nhtng

Dass es sich bei der gut gestimmten Person um den Bundespräsidenten handelt, ist erschreckend. Schließlich repräsentiert Frank-Walter Steinmeier unser Land, die Bundesrepublik Deutschland. Öffentlich entschuldigt hat sich später meines Wissens nur Armin Laschet, und das wohl auch nur, weil man ihn darum gebeten hat.

Dass er aus der Rolle fällt, passiert Steinmeier nicht, wenn er in Schloss Bellevue ein „Heimspiel“ absolviert. Eines seiner Heimspiele, vielleicht sein Lieblingsspiel, ist die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Dieser Orden „ist die einzige allgemeine Verdienstauszeichnung in Deutschland und damit die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht.“ https://www.bundespraesident.de/DE/Amt-und-Aufgaben/Orden-und-Ehrungen/Verdienstorden/verdienstorden-node.html

Da die Verleihung nicht mit einer Geld-Prämie verbunden ist, können viele Personen den Orden erhalten, ohne dass es den Steuerzahler groß aufregt. Die allermeisten Verdienstkreuze -insgesamt sind es mehr als 1000 pro Jahr- werden übrigens nicht von Steinmeier persönlich, sondern im Namen des Präsidenten von Stellvertretern ausgeteilt. Aber die besonderen Orden, die für die besonders wichtigen Personen, die überreicht Frank-Walter Steinmeier persönlich – im Rahmen eines symbolischen Festakts im Hochsicherheitsflügel von Schloss Bellevue.

Im Rahmen eines solchen symbolischen Festakts sollte im April 2021 der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik ausgezeichnet werden. Kardinal Marx ist nicht nur ein hochrangiger Vertreter der systemrelevanten katholischen Kirche, sondern hatte schon im Januar 2021 lautstark für die Corona-Impfung geworben. https://www.katholisch.de/artikel/28339-kardinal-marx-laesst-sich-gegen-covid-19-impfen

Leider hatten es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein Beraterteam versäumt, sich die aktuelle Vita des Erzbischofs einmal genauer anzuschauen. So etwas darf nicht passieren: Man hatte tatsächlich übersehen, dass Kardinal Marx im aktuellen Missbrauchs-Skandal innerhalb der katholischen Kirche eine nach wie vor -vorsichtig ausgedrückt- unklare Rolle spielt. Erst nach massiver Kritik von Seiten Missbrauchsbetroffener aus Köln und aus Trier und einem dringenden Appell der Betroffenen an den Bundespräsidenten „verzichtete“ Marx „in Absprache mit Steinmeier“ auf den Orden und kam so einer Aberkennung zuvor. https://www.br.de/nachrichten/bayern/kardinal-marx-verzichtet-nach-kritik-auf-bundesverdienstkreuz,SVnFBaM

Seit 2020 bekommen zunehmend Wissenschaftler den Orden, die die Corona-Politik der Bundesregierung unterstützen. Zum Beispiel wurden am 1. Oktober 2020 kurz vor dem Tag der deutschen Einheit medienwirksam neben 13 weiteren Personen der Virologe Christian Drosten (Bundesverdienstkreuz 1. Klasse) und die Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin und Fernsehmoderatorin Mai Thi Nguyen-Kim ausgezeichnet. Das Motto der Verleihung: Vereint und füreinander da, was fast so klingt, als wolle man für eine Fußball-Groß-Veranstaltung werben.

Das Bundesverdienstkreuz wird in verschiedenen Rangstufen verliehen. Ordensträger können also mehrfach ausgezeichnet werden und dabei aufsteigen. Manchmal jedoch greift Steinmeier direkt zu einem höherrangigen Orden. In einer Sonderveranstaltung und im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel verlieh Frank-Walter Steinmeier am 19. März 2021 das Große Verdienstkreuz mit Stern an das uns allen wohlbekannte Pharmaunternehmer- Ärzteehepaar Prof Dr. Uğur Şahin und Dr. Özlem Türeci (Biontech).

Am 1.10.2021, zwei Tage vor dem Tag der Deutschen Einheit, wurden unter dem Motto „Kultur ist Lebenselixier für alle“ in einer Gruppenveranstaltung „Kunstschaffende“ geehrt, die sich während der Corona-Pandemie verdient gemacht hatten. PR-technisch war das längst überfällig. Die Hautevolee schmückt sich traditionell gerne mit Kunst. Daher hatte Angela Merkel schon im Dezember 2020, als Kinos, Theater und andere Kultureinrichtungen im Zuge des sogenannten „Lockdown Light“ schon seit Wochen geschlossen waren, materielle Hilfe angekündigt und gesagt: „Uns fehlt, was die Künstler uns dort sonst geben und was nur sie uns geben können.“

Ist denn die Kunst ein Konsumartikel? Was Frau Merkel sagt bzw. von ihren Textern diktiert bekommt, das klingt, als würde uns der Künstler seine Kunst servieren wie der Sterne-Koch sein Menu. Wir schlagen uns im Nobelschuppen den Bauch voll und lassen uns satt und edelfischzufrieden nach Hause kutschieren.

Nirgendwo zeigt sich die lebensferne Luxus- und Selbstverliebtheit der Reichen und schön Gekleideten so deutlich wie in ihrem Verhältnis zur Kunst. Vor allem Festivals sind beliebt, da sie die ideale Kulisse abgeben. Das Kultur-Ereignis, bei dem sich die bundesdeutsche Politik- und Medienprominenz gerne der Öffentlichkeit präsentiert, sind die Bayreuther Festspiele, die in diesem Jahr, nachdem sie 2020 ausgefallen waren, wieder stattfanden. Auch Angela Merkel war -wie seit vielen Jahren schon- bei der Eröffnung zugegen.

Nur im Jahr 2006 war sie ferngeblieben. Der Grund war vermutlich ein Malheur, das sich im Vorjahr 2005 ereignet hatte. Als Angela Merkel zur Eröffnung der Festspiele erschien, hatte sich im Achselbereich des Oberteils ihrer lachsfarbenen Robe ein kleinerer, aber unübersehbarer Schwitzfleck gebildet. Der Schwitzfleck zeigte sich, als Frau Merkel ihren Arm zum Gruß hob. Obwohl dieser Schwitzfleck unzählige Male fotografiert und abgebildet wurde, wäre er, hätte ihn nicht damals br-online eilig zum Verschwinden bringen wollen und digital wegretuschiert, schnell vergessen gewesen. https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/br-online-wie-merkels-fleck-weg-kam-a-367054.html

Angesichts knapper Kassen irritiert doch sehr, dass der Bund bzw. „Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)“ zu den Gesellschaftern der Bayreuther Festspiele GmbH gehört. Für jene Beauftragte, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), „haben die Bayreuther Festspiele in diesem Jahr eine besondere Signalwirkung für die Kultur in Deutschland. Das Festival sei «ein Zeichen der Hoffnung für Künstlerinnen und Künstler, allein deshalb, weil Musik und Theater wieder live und vor Publikum stattfinden können», sagte sie.https://www.infranken.de/lk/bayreuth/bayreuther-festspiele-angela-merkel-wieder-zu-gast-bei-premiere-das-ist-anders-art-5252559#gallery-3

Ich denke, das Festival ist weniger „ein Zeichen der Hoffnung für Künstlerinnen und Künstler“ als ein Zeichen der Hoffnung für Politikerinnen und Politiker, von nun an wieder alljährlich an die heiß begehrten Freikarten zu kommen und „wieder live und vor Publikum“ auftreten zu können. Bei der diesjährigen Eröffnung fehlten neben anderen Prominenten die Ehepaare Söder/Söder, Spahn/Funke und Merkel/Sauer ebenso wenig wie die WDR-Werbe-MAUS in Begleitung von MAUS- Miterfinder Armin Maiwald.

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Braune Zeiten: Die scheidende Bundeskanzlerin im Zeitalter der Reproduzierbarkeit per 3D-Drucker, Statue des Künstlers Wilhelm Koch. https://web.de/magazine/panorama/merkel-pferd-lebensgrosse-reiterstatue-oberpfalz-enthuellt-36249104. In ihrem wackeren Kunstwillen erinnert mich die Statue an die originalgetreuen kleinen Merkel-Porträts aus Marzipan, die in einer Manufaktur in Weilbach im Odenwald entworfen und zunächst in einer Stückzahl von 500 hergestellt wurden. https://www.tvmainfranken.de/mediathek/video/marzipan-merkel-aus-weilbach-die-kanzlerin-als-suesse-versuchung/           Outdoor-Artikel in der Farbe der Statue: Als ich „Merkel auf einem Pferd“ aus dem Internet abfotografierte, wurde am rechten Bildrand der Seite web.de eine Werbung der Firma „Bogner“ eingeblendet.

Wissenschafts-Journalist Ranga Yogeshwar, der gerne erzählt, dass er Klavier spielt, gab sich am 5.3.2021 kulturbeflissen: „Große Sorgen macht sich der Wissenschafts-Journalist über die Kulturszene des Landes: „… Deutschland ist das Land der Dichter und Denker. Und diese Dichter müssen wir uns erhalten. Für mich wäre ein Rettungspaket dringend notwendig. Und zwar wesentlich intensiver als das, was wir bisher gesehen haben.“ Sein Fazit: „Wir haben als Land eine Art Fürsorgepflicht für das, was das Leben so schön lebenswert macht.““ https://www.presseportal.de/pm/66749/4855560

Ist denn die Kunst dafür da, Wohlhabenden das Leben aufzupeppen? Der Satz „Und diese Dichter müssen wir uns erhalten“ klingt wie: Wir müssen uns unsere Zähne erhalten. Ich denke, finanzielle Entschädigungen wären das mindeste, was der Staat zu leisten hätte, aber Yogeshwars Haltung ist gönnerhaft und macht aus dem Künstler den Almosenempfänger. Zudem bringt eine materielle Entschädigung die verlorene bzw. eingetrübte Lebens- und Schaffenszeit ebenso wenig zurück wie die ausgefallenen Ausstellungen, Inszenierungen und Auftritte.

Auch Steinmeier schmückt sich gerne mit Kunst und schrickt ebenfalls nicht vor Pathos zurück. Anlässlich des Jubiläumskonzerts des NDR Elbphilharmonie Orchesters in Hamburg am 30.10.2020, das nur digital stattfand, gefiel er sich darin, folgenden Satz zu sagen: Kultur ist Lebenselixier für alle.

Ein knappes Jahr später, am 1.10.2021, wurde der Satz „Kultur ist Lebenselixier für alle“ wiederverwendet, und zwar als Motto der oben erwähnten Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an „Kulturschaffende“. Kultur ist Lebenselixier für alle ist aber nicht nur ein zweitverwendeter Satz, sondern auch der Abklatsch eines anderen Satzes, den Steinmeier am 22. März 2017 anlässlich seiner Vereidigung zum Bundespräsidenten in seiner Rede gesagt hat: „Mut ist das Lebenselixier der Demokratie – so wie die Angst der Antrieb von Diktatur und Autokratie ist. Und deshalb: Die Staatsform der Mutigen – das ist die Demokratie!“ https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2017/03/170322-Vereidigung.html

Mut hat unlängst die deutsch-japanische Künstlerin Hito Steyerl bewiesen. Hito Steyerl, die eigentlich zur Gruppe der am 1. Oktober Geehrten gehören sollte, hat Mitte September bekannt gegeben, dass sie den Bundes-Verdienstorden ablehnt.

„In den letzten 18 Monaten hat sich erwiesen, dass die Bereiche Bildung und Kultur in der Krise am wenigsten zählen“, schreibt Hito Steyerl in einem offenen Brief an Frank-Walter Steinmeier, den DIE ZEIT dankenswerterweise abgedruckt hat. Sie macht Vorschläge und kritisiert u.a. auch die missglückte Wortwahl: „Verlautbarungen mit Fremdschäm-Parolen wie „Kultur ist Lebenselixier für alle“ helfen da nicht weiter.https://www.zeit.de/2021/38/bundesverdienstkreuz-hito-steyerl-absage-corona-politik-lockdown-kritik

Hito Steyerl ist -wie sie ausdrücklich sagt- keine Lockdown-Gegnerin. Vielleicht wäre ihr Brief an Steinmeier noch kritischer ausgefallen, wenn sie gewusst hätte, dass man den Künstler Tobias Morgenstern vom Theater am Rand in Zollbrücke (Märkisch-Oderland), der am 1.10. das Bundesverdienstkreuz bekommen sollte, nur wenige Tage vor der Ordensverleihung wieder ausladen würde.

Wenn ich richtig informiert bin, war Tobias Morgenstern erst am 26. September -vermutlich als „Ersatzmann“ für Hito Steyerl- ins Schloss Bellevue eingeladen worden. Morgenstern wird seine Nähe zu „Querdenkern“ zur Last gelegt. Anstoß hatte ein Facebook-Eintrag vom Mai 2020 erregt, den das Theater am Rand zunächst geteilt, dann aber wieder von der Theater-Website entfernt hatte. Die Zeilen möchte ich hier zitieren: „Ich bin nicht bereit, unter den Folgen des Lockdown und seiner ungesicherten, willkürlichen Maßnahmen weitere Lebenszeit zu verbringen und dabei zuzusehen, wie sich Sorge, Leid und existentielle Not immer stärker in der Gesellschaft verbreiten. Ich möchte mir nicht von der Kanzlerin, Frau Merkel sagen lassen, dass ich meine Hände waschen soll. Und ich möchte mir nicht von einem Amtsdirektor sagen lassen, wann ich in meinem Theater Klavier spielen darf.“

Ich lese aus seinen Zeilen, dass Herr Morgenstern ein freundlicher, warmherziger, aber auch kritischer Mensch ist, der den autoritären Habitus der Politik kaum noch ertragen kann und Angst hat um den Fortbestand unserer Demokratie. Allerdings weisen seine Worte Spurenelemente eines leisen Spotts auf: „Ich möchte mir nicht von der Kanzlerin, Frau Merkel sagen lassen, dass ich meine Hände waschen soll.

Es ist ein schlechtes Zeichen für unsere Demokratie, dass unsere Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker nicht einmal in der Lage sind, diesen feinen Spott zu ertragen. Ich denke, es geht ihnen zu gut. Sie haben so viele Privilegien und entsprechend viel zu verlieren, nicht nur die steuerfinanzierten reservierten Zuschauerplätze in Bayreuth.

Auch im Brief von Hito Steyerl ist es der feine Spott, der für Steinmeier unerträglich gewesen sein dürfte. Nicht nur, dass Frau Steyerl den Satz, der sich um Steinmeiers Lieblingsvokabel „Lebenselixier“ rankt, für eine „Fremdschämparole“ hält.

Ich möchte -weil ich seit langer Zeit einmal wieder laut lachen musste- noch hinzufügen, dass Hito Steyerl ihr Absage-Schreiben, das mit Sehr geehrter Herr Bundespräsident beginnt, mit einem lässigen Kürzel lächelnd beendet: MfG.

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CORONA-September 2020, Wandbeschriftung im The Galleries Shopping Centre in Washington/UK. Noch konnten wir (meine beiden Töchter, unser Hund und ich) nach England reisen,  ohne in Quarantäne zu müssen. Denn auch das ist England: Mitten in einem in die Jahre gekommenen Einkaufszentrum an Shakespeare erinnert werden. Irgendwann einmal werde ich wieder nach Washington/UK reisen und in den Galleries bei COSTA einen Kaffee trinken. Dann wird es dort wieder so aussehen wie vor Corona: https://completelyoffice.co.uk/portfolio/MandG/scheme/The-Galleries-Shopping-Centre-Washington

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