V err ÄTERINNENTAG – Ein fieses verdecktes Foul in der ASTRA-Plakat-Werbung

Mit Christi Himmelfahrt verbinde ich: Katholischer Feiertag, schulfrei, Erstkommunion 1967, Familienfeste, gutes Wetter. Später dann: Langes Wochenende, Spargel, ausnahmsweise Weißwein, Kulturelle Landpartie im Wendland. Frühling…

Dass der christliche Feiertag zugleich Vatertag ist, habe ich erst realisiert, als ich erwachsen war. Und ich dachte, er wäre erfunden worden, damit sich die Väter gegenüber den Müttern mit ihrem Muttertag nicht benachteiligt fühlen. Dass der Vatertag bereits im späten 19. Jahrhundert eingeführt wurde -und zwar als PR-Event (!)-, weiß ich nur aus dem Internet.

In einem munteren Artikel auf tagesspiegel.de vom 28. Mai 2015 heißt es zur Idee des deutschen Vatertags: „Es ging den Erfindern, wie wir hörten, um die rituelle Einführung der Söhne ins sachgemäße Saufen – das gibt und gab es nur in Deutschland. Und Berlin als Epizentrum dieser Bewegung erklärt sich praktisch von selbst: Die unzähligen Brauer der wachsenden Metropole mussten sich Absatzmärkte schaffen und erfanden dafür offenbar eine Frühform der PR-Kampagne; ähnlich, wie später der Blumenhandel den Valentinstag für seine Zwecke instrumentalisierte.https://www.tagesspiegel.de/berlin/tradition-des-vatertags-als-die-soehne-saufen-lernten/11769828.html

Männerausmärsche an Christi Himmelfahrt gab und gibt es auch unabhängig vom Vatertag. Ich kenne sie aus meiner frühen Kindheit in den 1960er Jahren. Mein Großvater Josef (1883-1968) hat sich jedes Jahr an Christi Himmelfahrt, nachdem er in der Kirche war, mit anderen älteren Herren getroffen, um spazieren zu gehen. Die Herren, darunter einige pensionierte Gymnasial-Lehrer, trugen keine Freizeitkleidung, sondern ihre Sonntagsanzüge. Schließlich war Feiertag. Als Respektspersonen hätten sie niemals in aller Öffentlichkeit Bier aus der Flasche getrunken oder einen Bollerwagen hinter sich her gezogen. Dennoch hat der Alkohol eine Rolle gespielt. Die Herren klapperten die Häuser ihrer Familien ab, wo sie an der Haustür mit „Kurzen“ versorgt wurden. Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie sämtliche Pinnchen, die wir haben, auf ein Tablett stellt und mit Korn füllt.

Am deutschen Vatertag hingegen wird vor allem das Nationalgetränk Bier getrunken, so viel, dass die Tage vor dem Vatertag zu den umsatzstärksten im ganzen Jahr zählen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Brauerei ASTRA im Jahr 2019 den Vatertag dafür genutzt hat, auch in Köln-Nippes mithilfe eines einschlägigen Großplakats dem Regionalgetränk Kölsch Konkurrenz zu machen.

Im Mai 2019 bin ich auf meinem Gang zur Sonntags-Bäckerei einige Male auf das Plakat zugelaufen. Es hing rundum Christi Himmelfahrt an der Plakatwand schräg gegenüber vom Hospiz St. Marien am Eckhaus Kempener/Simon-Meister-Straße. Die Fußgängerampel an der Kempener Straße ist so geschaltet, dass man minutenlang warten muss, bis sie auf „grün“ springt. So war ich genötigt, beim Überqueren der Straße sehr lange auf das Plakat zu gucken. Überschrieben war es mit einem kalauernden Slogan: „HODENLOSE FRECHHEIT: ASTRA FEIERT VÄTERINNENTAG!“

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Ein Hintern als Eye-Catcher. Das soft-pornografische Plakat wäre jetzt – drei Jahre später- undenkbar, denn die heruntergelassene Hose korrespondiert mit dem berühmten hochgekrempelten Ärmel: Impf mich!

Auf den ersten Blick fand ich das Plakat ganz lustig, denn es erinnerte mich an den „Asi-Tag“ im Rahmen der Abitur-Mottowoche. In der Mottowoche, die an vielen deutschen Schulen stattfindet und in der Regel mit der allerletzten regulären Schulwoche zusammenfällt, verkleiden sich die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten an jedem Tag nach einem anderen Motto, etwa als Vampire oder Greise – oder eben als Asis oder Schlampen. Auch meine beiden Töchter hatten Spaß daran, es vor den Abiturprüfungen noch mal krachen zu lassen.

Vermutlich hatten auch die drei Frauen, die wir auf dem ASTRA-Plakat sehen, beim Posieren Spaß. Sie mimen Schlampen, haben knallrot lackierte Fingernägel und sind überzogen und geschmacklos verkleidet, Farben und Muster beißen sich. Die Szenerie wirkt gestellt, was sie auch soll, denn es ist eh nur ein Spiel. Die Frauen machen das, was am Vatertag sonst nur die Männer machen: Sie lassen die Sau raus.

Das Plakat erzählt eine kleine Geschichte: Die Frauen haben Bierkästen auf einen Bollerwagen gepackt und sind losgezogen. Weit sind sie nicht gekommen. In einer schäbigen Grünanlage haben sie eine olle Picknickdecke ausgebreitet und sich auf den Boden geknallt. Eine total-tätowierte Dünne trägt ein ärmelloses Karo-Top, ein knappes Leoparden-Höschen und eine Gitterstrumpfhose. Sie hat den rechten Arm lässig auf den Rand des Bollerwagens gelegt, während sie mit der linken Hand eine Flasche ASTRA-„Urtyp“ an den gespitzten Mund setzt: Sie tut nur so, als ob sie trinkt, denn es ist eh nur ein Spiel.

Die Dickere neben ihr trägt Brille, Käppi, Ohrringe, einen leuchtend orangenen Blouson, eine Trainingshose und weiße Sport-Schuhe. Es ist ihr wurst, wie sie aussieht, denn es ist eh nur ein Spiel. Man könnte denken, sie hebe mahnend den Zeigefinger, aber sie hebt nicht nur den einen, sondern gleichzeitig den kleinen. Mit Zeigefinger und kleinem Finger formt sie eine sogenannte „Mano cornuta“. „Die corna (ital. ‚Hörner‘) oder mano cornuta (ital. ‚gehörnte Hand‘) ist eine in Italien übliche vulgäre Geste, aber auch ein Handzeichen mit diversen Bedeutungen, beispielsweise in der Metal– und Rock-Szene.https://de.wikipedia.org/wiki/Mano_cornuta

Eine kräftige dritte Frau (oder ist es die ins Bild montierte zweite?) sehen wir nur von hinten. Sie trägt eine vierfarbige wattierte Jacke, die aussehen soll wie frisch aus dem Altkleidersack, eine kurze schwarze Fußballhose und rot-weiße Stutzen. Sie hat die Hose heruntergezogen und streckt uns den kräftigen, nackten Hintern entgegen, ohne Tattoo, „glatt wie ein Kinderpopo“ – außer der zarten Andeutung eines Tanga-Bikinistreifens. Alles soll unecht wirken, denn es ist eh nur ein Spiel.

Anders als Wein löscht Bier den Durst. Biertrinken ist nicht elitär, auch das gefällt mir. Biertrinken gehört zu den billigsten Wegen, besoffen zu werden. Und anders als beim Kauf von Wodka wird man nicht schief angeguckt, wenn man Bierflaschen aufs Kassenband legt. Die ASTRA-Werbeplakate jedoch sind nicht lebensnah, sondern vulgär. Die billige Kopie des Kiezes ist abgeschmackt, auch wenn sie intelligent gemacht ist und ironisch daherkommt. Dass ASTRA Hauptsponsor des Zweitliga-Vereins FC Sankt Pauli ist, hält mich dennoch nicht davon ab, weiterhin mit dem Verein zu sympathisieren.

Mithilfe betont rotziger Werbeplakate („Astra. Was dagegen?“) konnte ASTRA die Biere verteuern und den Umsatz merklich steigern. Dabei bedient man dümmste Klischees und verarscht im wahrsten Sinne des Wortes das Milieu, bei dem man sich anzubiedern versucht.

Zurück nach Köln-Nippes: Das Plakat zum „Väterinnentag“ blieb wochenlang hängen. Ich ärgerte mich über die Stadt Köln, der es offensichtlich vollkommen egal war, dass es schräg gegenüber vom Hospiz hing, und zwar in Blickrichtung. Als das 1999 gegründete Hospiz im Jahr 2018 den Neubau an der Simon-Meister-Straße bezog, hätte man meines Erachtens die Plakatwand entfernen müssen.

Ich fand das Plakat nur noch widerlich, wollte weggucken und guckte doch jedes Mal, wenn ich vorbeikam, hin. Als man das Plakat nach Christi Himmelfahrt noch nicht ausgetauscht hatte, geschah etwas Seltsames. Mein Blick blieb am Wort „Väterinnentag“ hängen. Mit einemmal schob sich das Wort auseinander: Drei Buchstaben setzten sich in den Zwischenraum: ERR. So wurde ein anderes Wort sichtbar, ein Wort hinter dem Wort: VERRÄTERINNENTAG.

Ich befürchte, da hat sich jemand (bzw. ein Team) einen perfiden Spaß erlaubt.

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Vor 57 Jahren habe ich nach der sogenannten „Ganzwortmethode“ Lesen gelernt. Wir Kinder entzifferten nicht, sondern prägten uns ganze Wörter ein, die wir dann als Bilder in unseren Köpfen „abspeicherten“. Das Auge spielt bei der Methode eine große Rolle.                                         Seit ich weitsichtig bin, habe ich eine Leseschwäche. Wenn ich beim Einkaufen die Lesebrille nicht dabei habe, muss ich die Zutatenlisten Buchstabe für Buchstabe entziffern, die Haltbarkeitsdaten Zahl für Zahl. Die Bilder werden unscharf, und die Wörter springen nicht mehr direkt ins Auge. Daher gucke ich sehr genau hin. Es klingt paradox, aber die versteckten Buchstaben ERR hätte ich, ohne weitsichtig zu sein, nicht entdeckt. Je unschärfer ich sehe, desto klarer entziffere ich.

Dieses ASTRA-Werbeplakat ist eine Verhöhnung der Frau. Zwischen den Zeilen transportiert es eine schadenfrohe Botschaft: Ihr kopiert die Männer und macht euch lächerlich. Ihr seid verirrt, ihr verratet euer eigenes Geschlecht, aber bemerkt es nicht einmal.

Das englische Verb „to err“ heißt zu deutsch „sich irren“, „fehlgehen“, aber auch „sündigen“. Auf dem Computer-Bildschirm wird die Buchstabenfolge „err“ eingeblendet (manchmal auch das Comic-Wort „ups“), wenn eine Seite nicht (mehr) aufrufbar ist. Das Internet ist wie ein Irrgarten angelegt. Sind wir im Netz „unterwegs“, geraten wir schnell auf den Holzweg. Die virtuellen Irrwege sind unheimlich: Hier geht es nicht mehr weiter, du hast dich vertippt, du hast dich im Internet verirrt, du hast den Pin verlegt, du hast dich im Netz verfangen, du bist verwirrt.

Aber was bedeutet „Väterinnen“? Der Begriff ist seit seit etwa zehn Jahren im Umlauf. Benutzt wird er für und von Menschen, die Kinder gebären, sich aber „als Mann definieren“. Doch nach wie vor können nur Menschen, die biologisch Frauen sind, Kinder zur Welt bringen.

Denn die Natur setzt klare Grenzen. Ein als Mann geborener Mensch, der sich Silikon-Brüste einpflanzen lässt, wird dennoch kein Kind stillen können. Und ein als Frau geborener Mensch, der sich „als Mann definiert“ und juristisch als Mann anerkannt ist, kann kein Kind zeugen. Die Einnahme von männlichen Hormonen lässt Barthaare sprießen, aber keine Hoden wachsen. Gerade angesichts der „Geschlechtsumwandlung“ zeigen sich die grotesken Auswüchse sowohl der plastischen Chirurgie als auch der hormonellen Manipulation.

Bis zu einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichtes im Jahr 2011 mussten sich Transmänner sterilisieren lassen, um offiziell als männlich anerkannt werden zu können. Heutzutage kann in Deutschland niemand mehr die Transmänner zu einer inhumanen medizinischen Verstümmelung zwingen. Da ist gut so, aber…

Problematisch ist es, wenn ein Transmann die Hormonbehandlung unterbricht und ein Kind zur Welt bringt, sich aber nicht als „Mutter“, sondern als „Vater“ bezeichnet, „Väterin“ wird. In dem Moment, wo „er“ ein Kind austrägt und gebiert, verkörpert „er“ mit Leib und Seele das Geschlecht, von dem er meinte, sich verabschieden zu können. Und gebärend ist „er“, selbst wenn „er“ sich die Brüste hat entfernen lassen, so klar wie nie diejenige, die „er“ nicht sein wollte und will: Eine Frau.

Zu verantworten hat das „Väterinnen“- Plakat die Hamburger Werbeagentur Philipp & Keuntje (PUK). Hier arbeiten kluge, psychologisch geschulte Spezialkräfte. Auf ausgesprochen intelligente Weise verkauft PUK Menschen für blöd. Noch dazu nach den Spielregeln der Doppelmoral: Wie es PUK gefällt, gibt man sich mal sauber, mal vulgär. So setzt ausgerechnet die Agentur, die uns mit ihren ASTRA-Plakaten penetrant auf die Pelle rückt, an anderer Stelle sittenstreng auf Distanz und Hygiene. PUK hat für die Initiative „Deutschland gegen Corona“ Ideen entwickelt und dazu beigetragen, den Menschen die Abstands-Regeln einzubläuen.

Und wie ich soeben realisieren musste, hat die Agentur PUK, zu deren größten Kunden die DAK-Gesundheit gehört, auch das respektlose Plakat „Geht Omas drücken“ aus dem Jahr 2019 zu verantworten. Vgl. https://stellwerk60.com/2020/01/07/geht-omas-drucken/.

Abschließend zitiere ich mich selber: „In Deutschland gibt es mittlerweile das Schulfach „Glück“ – auch auf Anregung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ich finde, es müsste ein anderes Schulfach geben: NEIN. Wie lerne ich, angesichts des Zwangs zu Frohsinn, Gesundheit und Glück nicht immer freundlich zu lächeln, sondern in der Lage zu sein, NEIN zu sagen.“ https://stellwerk60.com/2020/05/11/katholisch-oeffentliche-buecherei-on-leine/

Ergänzend möchte ich sagen, dass es neben „Nein“ noch ein anderes neues Schulfach geben müsste: „Mündigkeit“: Woran erkenne ich Propaganda und Manipulation – und wie kann ich mich davor schützen?

Menschen verkümmern immer mehr zu Augentieren. Im Straßenverkehr müssen wir auch als Fußgänger permanent die Augen aufhalten. Daher sind wir für die Plakatwerbung am Straßenrand empfänglich, die mit ausgeklügelten, emotional aufgeladenen Bildern um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Ich bin noch einmal zu der Stelle gegangen, wo vor drei Jahren das ASTRA– Werbeplakat hing. Das männliche Model in knallrot, das auf dem aktuellen Plakat (FLYERALARM) posiert, muss bei den Foto-Aufnahmen genau in die Linse geguckt haben. Das hat den simplen optischen Effekt, dass wir uns, egal wo wir stehen, von ihm angeguckt fühlen. In diesem Fall auch aufgespießt, denn der Mann zeigt mit dem Finger auf uns.


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