Wat is dat denn?

Supermarkt-Platzhirsch REWE ist allein am Nippeser Teilstück der Neusser Straße gleich dreimal vertreten. Hier tragen Lebensmittel der Eigenmarke „Feine Welt“gerne exotisch klingende Namen: Ein Schoko-Brotaufstrich heißt bei REWE nicht einfach „Nutella“, sondern „Dunkles Geheimnis“, und ein schlichtes (leckeres!) Speiseeis „Sanfte Verführung“. Aber nicht nur sprachlich steht REWE für ein Zuviel, sondern auch beim Beitrag zu unser aller Verpackungsmüll.

Was also bedeutet die Aktion „REWE schafft die Plastiktüten ab“? Wird bei REWE jetzt an Verpackung gespart? Mit Frischhalte-Dosen ausgerüstet betrete ich die Filiale. Doch im Verkaufsraum ist alles wie immer. In der Gemüseabteilung gibt’s abreißbare Plastiktüten für Obst und Gemüse. Das Wochen-Angebot lockt mit Rinderrouladen, keimfrei auf Saugeinlagen gebettet und lebensmittelecht schaumstoffverpackt.

Erst an der Kasse bemerke ich eine Veränderung. Statt Plastiktragetaschen gibt es nur noch Papiertüten und Pappkartons. Offenbar ist „REWE schafft die Plastiktüten ab“ Augenwischerei. Korrekt müsste die Aktion heißen: „REWE schafft die Plastik-Tragetaschen ab“ oder „REWE macht die Kassen plastiktaschenfrei“ . Diese schlichte Wahrheit lässt sich allerdings nicht gut verkaufen.

Im dunklen Abseits des Ladenlokals mache ich eine Entdeckung. Neben dem Feuerlöscher sind zweiteilige Papp-Behälter mit rotem REWE-Aufdruck zu einem Turm aufgebaut.

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„Spaghetti-Kürbis, 1.99€“

Ich sehe weder Produktbezeichnung noch Preis, nehme einen Doppel-Karton, gehe zurück zur Kasse und frage, was das darstellen soll.

„Wat is dat denn?!“ Die Kassiererin ist gerade aus dem Urlaub zurück und weiß nicht Bescheid. Auf meine Bemerkung „Könnten Fahrrad-Satteltaschen sein“ und den Hinweis, dass es in der Nähe eine autofreie Siedlung mit entsprechender Kundschaft gibt, zuckt sie die Schultern und schüttelt den Kopf: „Es regnet so viel, da geht das doch direkt kaputt.“ Auch die Kollegin kann nicht weiter helfen, weiß aber, dass die Kartons erst wenige Wochen zuvor kommentarlos geliefert wurden. Auf meine Frage nach dem Preis zieht sie den Scanner über den Strichcode und lacht: „Spaghetti-Kürbis, 1.99€“.

 

 

Der Film ist da: Stellwerk 60 im koreanischen TV

Nach dem Besuch der koreanischen Korrespondentin Chi-Suk Kim im Mai ist jetzt ihr Beitrag im koreanischen Fernsehen gelaufen. Der Sender KBS 1TV ist die älteste öffentlich-rechtliche und größte Rundfunkanstalt in Südkorea. Im Magazin „creative“ wird die autofreie Siedlung Stellwerk 60 als Vorzeigeprojekt einer ökologischen und bürgernahen Stadtplanung vorgestellt. Der Bericht konfrontiert das koreanische Publikum mit dem für das traditionelle Deutschlandbild der Koreaner überraschenden Umstand, dass im Autoland Deutschland auch ein autofreies Leben mitten in der Stadt möglich und offensichtlich politisch erwünscht ist.

Der Zuschauer erfährt, dass das Projekt als preiswürdiger Ort im „Land der Ideen“ ausgezeichnet worden ist; Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Köhler sind als staatliche Repräsentanten zu sehen. Der gut 5-minütige Beitrag ist koreanisch, aber die deutschen Wortbeiträge sind nicht synchronisiert, sondern untertitelt. Daher kann man das meiste auch ohne koreanische Sprachkenntnisse verstehen.

Stellwerk60autofrei proudly presents: https://www.youtube.com/watch?v=SILKkC1nhhI

 

Nachbarinnen: Felsenbirne und Walderdbeere

Es gehört zu den schönsten Eigenarten der deutschen Sprache, dass es Wörter gibt, die aus zwei verschiedenen Substantiven zusammengesetzt sind. Diese Wortneuschöpfungen entwickeln nicht selten eine große sinnliche Bildkraft.

Was hat der „Felsen“ mit der „Birne“ zu tun? Eigentlich wenig, aber in der „Felsenbirne“ finden beide zusammen. Auf dem Stellwerk 60- Gelände gibt es zahlreiche Felsenbirnen-Sträucher, die in der Bauphase gepflanzt wurden. Man hat sich für sie entschieden, weil die Felsenbirne anspruchslos ist und kaum gepflegt werden muss. Sie trotzt Starkregen, Sturm, dem Beschuss mit Fußbällen und den Säureattacken beinhebender Hunde. Die Felsenbirne ist so robust, dass sie sogar in einer Felsenritze Nahrung und Halt finden könnte. Bei aller Bescheidenheit ist der Strauch schön. Im Frühjahr trägt er feine, weiße Blüten und im Juni dunkelblaue, wohlschmeckende Früchte, die der Blaubeere ähneln. Wer wissen will, wie Felsenbirnenbeeren schmecken, muss sich beeilen.

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Die Felsenbirne (rechts im Bild) war für diese achtjährigen Mädchen lange nicht so interessant wie unser Hund Freki, ein sanfter, braunäugiger Australian Sheperd.

Mitten in der Siedlung wachsen derzeit auch Walderdbeeren, etwa am Rand der „Magistrale“. In der Regel sind ihre Früchte aromatisch und klein. Die Regenfälle im Juni haben jedoch zu monströsen Auswüchsen geführt. Diese Walderdbeere (Durchmesser: 3cm, Fundort: Gärtchen Am Alten Stellwerk) war rundum genoppt, sah aus wie ein kleiner Kunststoff-Massageball und schmeckte nach nichts.

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Nicht nur Hagelkörner sind neuerdings so groß wie Tischtennis-Bälle.

Leider ist das Deutsche nicht gegen die Vereinnahmung durch Technokraten und Bürokraten immun. Ein herber Angriff auf die schöne deutsche Sprache ist das Wort „Gemeinnützungkeitsentbürokratisierungsgesetz“. Der autofreien Siedlung bescheinigen einige ihrer Bewohner eine „zufriedenstellende Aufenthaltsqualität“. Ich würde den Begriff „Aufenthaltsqualität“ allenfalls für eine Autobahnraststätte verwenden. Zu Stellwerk 60 passt er ganz einfach nicht. Ich bin hier gerne „auf der Straße“, denn es gibt immer was zu entdecken. Nur von einer Aufenthaltsqualität hab ich bislang wenig verspürt- Felsenbirne und Walderdbeere wohl auch nicht.