Elfchen im Fünften: Viele viele smarte Panzer

Vor sechs Jahren, am 27. Mai 2016, hat Barack Obama im Rahmen einer Asien-Reise als erster amtierender US-Präsident die japanische Stadt Hiroshima besucht. Knapp 71 Jahre zuvor waren die Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. bzw. 9. August 1945 von jeweils einer US-amerikanischen Atombombe völlig zerstört worden, von jener unheimlichen, Unheil bringenden Bombe, die damals gerade erst entwickelt worden war und die es nie hätte geben dürfen.

Während man der Testbombe, die als erste Atombombe überhaupt wenige Woche zuvor in der Wüste von Nevada gezündet wurde, den lässig-lakonischen Code-Namen Gadget (zu deutsch: fragwürdiges, wenig taugliches Gerät, Dingsbums) gegeben hatte, trugen die beiden mörderischen Bomben, die man über Hiroshima und Nagasaki abwarf, spaßig-höhnische Deck-Namen: Little Boy und Fat Man.

Doch die irrwitzig-verdrucksten „Kosenamen“ waren nicht nur- wovon ich bis vor kurzem ausgegangen war- Tarn-Bezeichnungen für zwei einzelne Bomben, sondern politisch-wissenschaftliches Programm. „Fat Man (englisch für Dicker Mann) war der Deckname des Mark-3-Kernwaffen-Designs, das im Rahmen des Manhattan-Projektes von US-amerikanischen, britischen und kanadischen Wissenschaftlern entwickelt wurde.“  https://de.wikipedia.org/wiki/Fat_Man

Obwohl seine Amtszeit bereits dem Ende zuging, hat Barack Obama den Besuch in Hiroshima im Frühjahr 2016 nicht zum Anlass genommen, sich im Namen der US-amerikanischen Politik für den Abwurf der Bomben zu entschuldigen. Stattdessen tat Obama lediglich seine Pflicht und legte am Denkmal für die Opfer der Atombombe im Friedenspark von Hiroshima einen Blumenkranz nieder.

Nach seiner Rede umarmte der US-Präsident vor den Augen der Weltöffentlichkeit den damals 79ährigen Mori Shigeaki, einen Überlebenden der Atom-Bombe von Hiroshima. Mori Shigeaki war bewusst ausgewählt worden. Shigeaki, selber Opfer, hat sich jahrzehntelang mit dem Schicksal von US-Militärpiloten beschäftigt, die als Kriegsgefangene beim Abwurf der Bombe auf Hiroshima getötet wurden, und dazu auch ein Buch verfasst. Die Militärpiloten waren im Chugoku-Hauptquartier der Militärpolizei festgehalten worden, das nur 400 m vom Hypozentrum der Explosion entfernt war.

Mori Shigeakis Lebensgeschichte ist wie für Hollywood erfunden und ganz nach dem Geschmack patriotischer US-Amerikaner. Tatsächlich jedoch steht der tragische Tod der wenigen US-amerikanischen Soldaten in keinem Verhältnis zum katastrophalen Ausmaß der atomaren Vernichtung. In Hiroshima und Nagasaki sind auf der Stelle über hunderttausend Menschen getötet worden. Zwar wurden, da sich das Hauptquartier der Zweiten Japanischen Hauptarmee in Hiroshima befand, auch tausende japanische Soldaten getötet, doch in überwiegender Mehrzahl waren die Opfer japanische Zivilisten: Unschuldige Frauen, Männer und Kinder. Dass Obama vor den Augen der Weltöffentlichkeit Herrn Shigeaki versöhnlich lächelnd in den Arm nimmt, empfinde ich als sentimentale, gönnerhaft-arrogante Geste: Hollywood welcomes Hiroshima.

Die Atombomben, die Hiroshima und Nagasaki zerstörten, haben den japanischen Kaiser Hirohito zur Kapitulation gezwungen, was das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete. Der Abwurf der Bomben stiftete aber keinen Frieden, sondern sicherte lediglich einen fragilen Waffenstillstand. Ein Frieden, der sich der Drohung mit der atomaren Vernichtung und einem „Gleichgewicht des Schreckens“ verdankt, ist keiner.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann ein neuer, ein kalter Weltkrieg, der bis heute andauert. Atombomben sind entsetzlich und stehen für eine auf die Spitze getriebene männliche Hybris, die seit der hinterhältigen Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki unsere Angst vor dem Weltuntergang schürt und permanent mit ihr spielt. Fat Man und Little Boy waren und sind eine Kriegserklärung an das Leben.

Nach wie vor rechtfertigt die US-amerikanische Politik die Bombenabwürfe. Eine Entschuldigung wäre ein Schuldeingeständnis, das sich nicht nur auf Hiroshima und Nagasaki bezöge, sondern die gesamte Atompolitik der USA in Frage stellen würde. Denn 77 Jahre nach Kriegsende setzt nicht nur Russland, sondern auch die „Siegermacht“ USA weiterhin auf die atomare Drohgebärde. Und obwohl im Jahr 2021 das Atomwaffenverbot der Vereinten Nationen in Kraft trat, haben die NATO-Staaten den Vertrag bislang nicht ratifiziert. https://www.deutschlandfunk.de/atomwaffenverbot-tritt-in-kraft-ungleichgewicht-des-100.html

Vermutlich ist Deutschland im Jahr 1945 deshalb von der US-Atombombe verschont geblieben, weil die deutschen Großstädte ohnehin fast völlig zerbombt waren. In einem Video auf Terra X (ZDF) vom 2.8.2020 heißt es, dass man Hiroshima vor dem 6.8.1945 vermutlich bewusst nicht bombardiert hatte: „Wahrscheinlich wollten die Amerikaner die Wirkung ihrer neuen Waffe an einer intakten Stadt testen“. https://www.youtube.com/watch?v=hlAUaEP9Vgs Der Angriff auf die relativ intakte Stadt Hiroshima, deren Bewohner bis dahin vergleichbar wenig durch den Krieg traumatisiert waren, hatte tatsächlich einen „wissenschaftlichen Mehrwert“, denn er sicherte „Material“ für physikalische, biologische und medizinische Langzeitstudien. Infam!

Kellerfund: Der Papierschnipsel ist ein Überbleibsel aus dem Brettspiel „Risiko“, einem Strategiespiel-Klassiker, erfunden im Jahr 1957. Am Wohnzimmertisch sitzen und Länder erobern („befreien!“) macht (vor allem) Männern Spaß. Frei nach dem Motto: „Am Feierabend dann kann jeder Mann ein kleiner Imperator sein. Jawoll!“

Angesichts der weltweiten Drohung mit atomarer Vernichtung ist der Krieg in der Ukraine ein ungleichzeitiger Krieg. Während im Hintergrund ausgeklügelte, hochmoderne Waffensysteme bereit stehen, die jederzeit zum Einsatz kommen könnten, wird ein konventioneller Bodenkrieg geführt, der, so grausam er ist, seltsam „altmodisch“ anmutet.

Technik fasziniert mich da, wo sie uns den Alltag erleichtert: Spülmaschine, Waschmaschine, Zentralheizung, Computer. Kriegs- und Waffentechnik jedoch lassen mich nicht nur kalt, sondern widern mich an. Doch (erschreckend!) viele Männer kommen beim Reden über Waffen und Kriegstaktiken ins Schwärmen. Und sie nennen die Kriegsfahrzeuge neckisch-liebevoll beim Namen, der im Falle von Panzern oft der eines Tieres ist. https://web.de/magazine/panorama/leopard-wiesel-gepard-bundeswehrfahrzeuge-tieren-benannt-36842570

Angesichts von soviel Männerphantasie kommt mir ein Elfchen in den Sinn:

Dachs

und Wiesel,

Fuchs und Gepard

Viele viele smarte Panzer…

Waffen-Artenvielfalt

Auch der von der Bundeswehr längst ausgemusterte, nicht mehr zeitgemäße, aber immer noch wackere Panzer, der vom Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) überholt und in einer Stückzahl von 50 an die Ukraine geliefert werden soll, trägt den Namen eines wilden Tieres: Gepard.

Anders als die Benennung der Atombomben ist die Namensgebung in diesem Fall nicht zynisch, sondern infantil. Wenn kleine Jungs ihrem Spiel-Panzer einen Kose-Namen geben, ist das zwar bescheuert, aber immer noch lustig. Doch wenn ein todbringendes Gefährt von erwachsenen Männern anerkennend und zärtlich Gepard genannt wird, ist das nicht mehr lustig.

Wenn die Bundeswehr demnächst modernisiert wird, muss Platz geschaffen werden. Wohin mit dem in die Jahre gekommenen Kriegsfahrzeuge-Bestand? Panzer aus dem Hause Krauss-Maffei Wegmann (KMW) sind auch nach vielen Jahren viel zu schade zum Einstampfen. Ein kurzer Blick ins Internet erzählt mir, dass der Verkauf gebrauchter Panzer aus dem Bestand der Bundeswehr seit Jahrzehnten schon durchaus üblich ist, auch an Länder außerhalb der NATO. Der Name des Top-Verkaufsschlagers ist wieder der eines wilden Tieres: Leopard.

Was ich in einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung lese, wusste ich so noch nicht. Deshalb zitiere ich an dieser Stelle Auszüge aus dem erhellenden Text: „Darüber hinaus hat die Bundesregierung gebrauchte Leopard 2 Panzer in zwei Staaten verkauft, die keine NATO-Mitglieder bzw. NATO-Mitgliedern gleichgestellte Staaten sind. Dies ist einerseits Chile, welches zwischen 2007 und 2009 insgesamt 172 dieser Kampfpanzer erhielt (zusammen mit 266 Schützenpanzern Marder, die zwischen 2009 und 2011 geliefert wurden). 95 weitere Leopard 2 Panzer der Bundeswehr wurden 2007 an Singapur verkauft.“ Der ganze Artikel: https://sicherheitspolitik.bpb.de/de/m5/articles/german-tank-exports

Im Internet fand ich eine äußerst fragwürdige, begeisterte Liebeserklärung an den Gepard vom 10.5.2022. Der Einsatz des bewährten Panzers soll nicht nur uns, sondern auch den Menschen in der Ukraine schmackhaft gemacht werden.

Sonntag, 27.3.2022: Nachbarn haben auf der Wiese zwischen Kita Lummerland und Siedlungsladen ein paar Stände aufgebaut. Ein Stand wird von zwei kleinen Jungen „betreut“: Hier kann man für die Menschen in der Ukraine Geld spenden und Blechdosen umwerfen.

Die Kinder halten der Weltpolitik den Spiegel vor: Putin droht mit Atombomben, die Kinder verteilen Filzbälle. Einer der Jungen drückt mir einen Tennisball in die Hand und sagt etwas Kluges: „Der Putin sollte lieber auf Dosen schießen.“

Ich komme mit seinem Vater ins Gespräch. „Putin ist nicht der einzige Aggressor“, sage ich. „Das zu sagen, ist politisch nicht korrekt“, entgegnet der Vater und lacht. Ich spende und werfe. Dann unterhalten wir uns über eines meiner Lieblingsthemen: Zwillinge.

Der Mann erzählt mir, dass er sehr froh war, als sich die ungeborenen Zwillinge als Jungen entpuppten. Und dann sagt er wörtlich: „Söhne bleiben, aber ein Vater verliert seine Töchter, sobald die Haifische kommen.“ Ich finde das erstaunlich ehrlich und frage, wie er es meine. Darauf lacht er und sagt: „Ich war doch selber ein Haifisch.“

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Ich frage die Eltern des Jungen, ob ich ein Foto machen darf. „Gerne“, ist die Antwort, „solange es nicht im EXPRESS abgedruckt wird.“ Erst als ich das Bild vergrößere, schaue ich mir das Design von Hose und Jacke des Jungen genauer an: Die abgebildeten sind keine kleinen Fische.

ICH, ICH, ICH: Macht macht müde Männer munter

Die aktuelle Bundes-Politik, die Sicherheit verspricht, stellt ein großes Sicherheitsrisiko dar und gefährdet uns alle. Jetzt, wo endlich die Notbremse gezogen und weltweit abgerüstet werden müsste, wird vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine weiter aufgeheizt. Das Vorhaben, die Bundeswehr mit 100 Milliarden aufzurüsten, kann ich nur wahnwitzig nennen. Angst und Bang wird mir bei der Vorstellung, dass für ganz Deutschland ein „Raketenschutzschild“ nach israelischem Vorbild errichtet werden soll. Als könnten Raketen je schützen! Das Gegenteil ist der Fall. Deutschland würde eine schöne Zielscheibe abgeben.

Auch wirtschaftlich ist das Projekt erschreckend unvernünftig, denn das „Sondervermögen“ ist kein „Vermögen“, sondern wird aus neuen Schulden bestehen. Damit der Bund sich überhaupt weiter verschulden kann, muss das Grundgesetz geändert werden. Schon um der Inflation entgegenzuwirken, dürfte sich der Staat nicht noch weiter verschulden, doch unabhängig von den 100 Milliarden für die Bundeswehr sind weitere horrende Kriegs-Kosten längst eingeplant. https://web.de/magazine/wirtschaft/ukraine-krieg-40-milliarden-zusaetzliche-schulden-geplant-36809360

Dass man uns Bürgerinnen und Bürger längst nicht mehr ernst nimmt, bekommen derzeit auch prominente Künstler und Intellektuelle (darunter Martin Walser, Svenja Flaßpöhler, Harald Welzer, Alexander Kluge und Ranga Yogeshwar) als Erstunterzeichner eines offenen Briefs an Bundeskanzler Olaf Scholz zu spüren. Dieser Brief, den die Redaktion der EMMA initiiert und am Freitag veröffentlicht hat, kritisiert klar und deutlich die Kriegspolitik des Bundestags, der am Donnerstag mit großer Mehrheit die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gebilligt hat. Durch dieses Schreiben wurde vielen Menschen in Deutschland die Tragweite der Bundestags-Entscheidung überhaupt erst bewusst. Auch ich, die ich versucht hatte, den Irrwitz zu verdrängen, wurde noch einmal wachgerüttelt.

Die einzige positive Politiker-Reaktion, die ich auf die Schnelle gefunden habe, ist ein Twitter-Beitrag von Sahra Wagenknecht, die selber schon Tage zuvor (ganz im Sinne der LINKEN-Fraktion) ähnlich argumentiert hatte. Die Pressestimmen sind überwiegend aggressiv, was mich nicht überrascht. Ekelhaft und unter der Gürtellinie ist ein Twitter-Account von ZDF-Entertainer Jan Böhmermannn.

Freitag, 29.4.2022: „Der Offene Brief an Olaf Scholz sendet das beruhigende Signal: wenn Putin Deutschland mit Atomraketen angreift, wird sich der intellektuelle Schaden jedenfalls in Grenzen halten.“

So widerlich diese Zeilen sind – kein Gericht wird sie ihm verbieten. Man kann die zynische Nummer als Satire auslegen. Böhmermann, der vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach wie vor hofiert wird, weil seine Auftritte hohe Einschaltquoten garantieren, ist mittlerweile schlau genug, seine Aggressivität so weit zu kontrollieren, dass er keine „Reizbegriffe“ mehr benutzt. Das war einmal anders. Wir erinnern uns an sein widerliches, schamloses Erdogan-Schmähgedicht. https://www.blog-der-republik.de/boehmermanns-zeilen-weder-komisch-noch-aufklaerend-2/

Ich bin dankbar für die großartige Aktion der EMMA und bitte an dieser Stelle meine Leserinnen und Leser, den Brief zu unterschreiben, der am Freitagnachmittag als Petition bei change.org gestartet wurde. Trotz der öffentlichen Anfeindungen geht es mit den Unterschriften (aktuell, 2.5.2022, 9h57: 146.203) zügig voran. https://www.change.org/p/offener-brief-an-bundeskanzler-scholz 

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Köln-Nippes, Neusser Straße, 31.3.2022. Auch wenn Vladimir Putin den brutalen russischen Überfall auf die Ukraine zu verantworten hat, kann er dennoch nichts dafür, dass zehn Bio-Eier bei ALDI nicht mehr 2,99€, sondern 3,29€ kosten (Stand: April 2022) Dass der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, der längst sein Scherflein ins Trockene gebracht hat, im Bericht aus Berlin am 10.4.2022 folgende Sätze sagen durfte, finde ich absolut schamlos: „Wir haben wahrscheinlich, zumindest für eine gewisse Zeit, den Höhepunkt unseres Wohlstandes hinter uns.“ https://www.tagesschau.de/inland/merz-bab-inflation-101.html

Doch was beflügelt eigentlich Olaf Scholz, warum ist er Kanzler geworden?

Im Essener Klartext-Verlag veröffentlichte man Ende 2021 -kurz nach der Kanzler-Wahl- eine Scholz-Biografie mit dem Titel „DER WEG ZUR MACHT – Das Porträt“. Autor: Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts. Im selben Verlag war (vgl. https://stellwerk60.com/2021/06/22/groko-stoppen-teil-1-karo-luschet/ ) im Jahr 2020 schon die Laschet-Biografie „DER MACHTMENSCHLICHE: Armin Laschet. Die Biografie“ erschienen. Autoren: Die Journalisten Moritz Küpper (DEUTSCHLANDFUNK u.a.) und Tobias Blasius, NRW-Landeskorrespondent der FUNKE- Mediengruppe und langjähriger Vorsitzender der Landespressekonferenz Nordrhein-Westfalen.

„Der Weg zur Macht“: Da ist einer Bundeskanzler geworden, weil er Macht haben wollte. Wie undemokratisch und noch dazu primitiv männlich der Titel ist -eine Biografie im Falle einer Kanzlerschaft von Frau Baerbock hätte wohl kaum Der Weg zur Macht geheißen-, scheint im Klartext-Verlag niemandem aufgefallen zu sein. Und warum veröffentlicht man kurz nach der Wahl (pünktlich zum Weihnachts-Geschäft) eine Kanzler-Biografie, obwohl der Mann in seinem Amt als Kanzler Berufsanfänger ist? Und noch etwas scheint niemandem aufgefallen zu sein. Gab es den Titel nicht genau so schon einmal? Warum dachte ich direkt an Hitlers Machtergreifung, als ich ihn hörte? Ich schaue ins Internet und werde schnell fündig.

Das Dokumentarspiel „Der Weg zur Macht“ war im Jahr 2016 Teil einer Dokumentarspiel-Reihe auf dem ARD-Bildungskanal ALPHA. Hier lief es als Wiederholung, denn unter dem selben Titel wurde der Beitrag bereits 2012 auf BR-ALPHA ausgestrahlt. „Der Weg zur Macht“, so lese ich im Begleittext des BR, „rekonstruiert die Zeit in Deutschland von Mai 1929 bis Mai 1932 und damit den beginnenden Aufstieg der NSDAP von einer Klientel- zur Massenpartei.“ An anderer Stelle heißt es: „Den direkten inhaltlichen Anschluss an „Der Weg zur Macht“ bildet der Film „Die Machtergreifung““. https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/ausstrahlung-575336.html Dass die Kanzler-Biografie einen Titel trägt, bei dem jeder auch nur halbwegs Gebildete Hitlers Machtergreifung assoziiert, hätte nicht passieren dürfen!

Mir ist unbegreiflich, warum weder die Verantwortlichen im Klartext-Verlag -der als kritischer Verlag der Gegenöffentlichkeit gegründet wurde, aber mittlerweile zur FUNKE-Mediengruppe gehört- noch Autor Lars Haider noch die engsten Verbündeten des Bundeskanzlers oder Scholz selber den (gelinde gesagt) Fauxpas bemerkt haben. Die Herren dürften doch wohl alle die Internet-Suchmaschinen bedienen können!

Die engsten Verbündeten des Kanzlers sind nach Aussage von Autor Lars Haider Regierungssprecher Steffen Hebestreit und ein Mann namens Wolfgang Schmidt. Haider beschreibt Schmidt in einer vorweihnachtlichen Vorstellung seines Buchs („ein schönes Weihnachtsgeschenk, wie ich finde“, so Haider) auf Abendblatt-TV folgendermaßen: Wolfgang Schmidt sei „… die Mensch gewordene Werbetrommel für Olaf Scholz, ein fröhlicher, rhetorisch hochbegabter Menschenfänger, ein Netzwerker vor dem Herrn…“ https://www.youtube.com/watch?v=ZdhvO93Z44Y

Haider verliert kein Wort darüber, welche Position „Menschenfänger“ Wolfgang Schmidt innehat. Tatsächlich ist Schmidt (SPD) weder Pressesprecher noch Bundestagsabgeordneter, sondern „Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes im Kabinett Scholz“. Dass eine dieser besonderen Aufgaben offenbar darin liegt, die Werbetrommel für Scholz zu rühren und Menschen zu fangen, noch dazu als „fröhlicher“ Spaßvogel, ist mehr als bedenklich.

Im Internet finde ich eine Leseprobe der Biografie. Ich erwarte kantige, zitierbare Sprüche, finde aber nicht einmal die. Der markige Titel -so missglückt er auch ist- verpufft. Man bekommt den Eindruck, Olaf Scholz sei nicht Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, sondern Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Die Leseprobe erstickt mein Interesse an einem Buch, das nichts weiter zu sein scheint als eine langweilige, zum Buch aufgeplusterte Werbebroschüre. Wer (wie ich) neugierig auf das Kind Olaf Scholz ist, findet in der Leseprobe lediglich die Information, dass Scholz neben Blockflöte Oboe gelernt hat. Dieser Fähigkeit jedoch misst Biograf Haider große Bedeutung bei: „Das passt an den Beginn eines Kapitels, in dem es um Scholz’ Führungsstil gehen soll. Denn die Oboe gibt, wenn ich meinem Kollegen und allseits geschätzten Konzertkritiker Joachim Mischke glauben darf, dem Orchester das „A“ vor „und damit die Stimmung“… Dass Olaf Scholz gern den Ton angibt, ist keine neue Erkenntnis…“

Andere Politiker exhibitionieren sich wesentlich unterhaltsamer. Ich denke da an Vladimir Putin, der sich auf seinen Abenteuer-Reisen immer gerne in betont männlichen Posen zur Schau stellt. Fotos, die im Jahr 2011 auch in Deutschland veröffentlicht wurden, zeigen ihn mit nacktem Oberkörper und sexy sitzenden Hosen im Military-Look, reitend, angelnd. Am Abend dann sitzt Vladimir warm gekleidet volksnah am Feuer, mit Pferdekopf-Geige in der Hand. Und wir ahnen: Da träumt einer vom großen männlichen Abenteuer, vom Krieg. Wie gefährlich der Mann ist, erleben wir gerade. https://www.welt.de/politik/gallery1104085/Putin-und-die-nackten-Tatsachen.html

Ich muss zugeben, dass ich mir diese Bilder gerne anschaue, so lächerlich sie sind, denn Putin konnte (kann?) sich sehen lassen. Mittlerweile sind die Bilder seltener geworden. Auf Fotos von 2017 wirkt der Vitalitätskult angestrengt. Putin ist deutlich älter geworden. Angeblich lässt er auf seinen Reisen stets von einem Ärzteteam begleiten, was zu wilden Spekulationen über seinen Gesundheitszustand führt. https://www.stern.de/politik/ausland/wladimir-putin–neuer-bericht-schuert-zweifel-an-gesundheit-31755708.html

Einen Arzt als Leibwächter einer anderen Art hatte auch ein anderer mächtiger Mann, der permanent seine Männlichkeit öffentlich zur Schau stellen musste: Der Unternehmer, Milliardär und langjährige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Der damals 74jährige Berlusconi, angeblich ein enger Freund von Vladimir Putin, ließ sich im Jahr 2011 von seinem Leibarzt in aller Öffentlichkeit bescheinigen, dass er nach wie vor sexuell aktiv ist. https://www.welt.de/politik/ausland/article13472600/Berlusconi-kann-sechs-Tage-pro-Woche-Sex-haben.html Vermutlich kam die Meldung im katholischen Italien gut an. Berlusconis Rhythmus -sechs Tage Aktivität und ein Ruhetag- deutet darauf hin, dass der Mann bibelfest ist. Schließlich heißt es schon im BUCH MOSE: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.“

Männer erleben keine Wechseljahre, und das macht sie (unter Umständen) gefährlich. Anders als wir Frauen sind die Männer dazu verdammt, bis an ihr Lebensende fruchtbar zu sein. Männer, die nicht einmal mehr einen Kinderwagen schieben können, sind immer noch in in der Lage, Väter zu werden. Dieses biologische Dilemma verzerrt die männliche Selbstwahrnehmung und fördert den Selbstbetrug. Berlusconi (85), Scholz (63) und Putin (69) sind Männer jenseits der fehlenden Wechseljahre. Markus Söder (55) steckt mitten drin. Er hadert mit dem Älterwerden. Anders kann ich mir seine aktuelle sprachliche Entgleisung gegenüber Altkanzler Schröder nicht erklären. „Schröder sei »ein sturer, alter, skurriler Mann«, dem das eigene Konto wichtiger sei als das Ansehen Deutschlands in der Welt, sagte Söder am Samstag auf einem kleinen CSU-Parteitag in Würzburg.“ https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kritik-an-gerhard-schroeder-markus-soeder-nennt-den-altkanzler-einen-sturen-alten-skurrilen-mann-a-85dce408-0e19-4e58-9b56-eef03499b728

Putin hat im Jahr 2011 seine Körper-Posen geschickt verteidigt. „Wladimir Putin steht zu den Fotos, die ihn mit nacktem Oberkörper beim Angeln oder auf einem Pferd zeigen. Die Bilder seien nicht obszön oder politisch unkorrekt, sagte der russische Regierungschef in einem Interview des US-Magazins „Outdoor Life“. „Es gibt auch Bilder von US-Präsident Theodore Roosevelt mit einem eigenhändig getöteten Löwen oder von Barack Obama in Badehose im Golf von Mexiko. Ich sehe darin nichts Anstößiges.“https://www.n-tv.de/panorama/Putin-verteidigt-Fotos-article3362496.html

Niemals würde sich ein deutscher Kanzler oder Präsident in eindeutig männlicher Pose ablichten lassen. In der Prüderle-Republik Deutschland (PRD) gibt man sich gerne bedeckt. Eitelkeit gilt als suspekt. Dabei gehört sie zum politischen Geschäft. Doch wenn sie zu ihrer Eitelkeit stehen, sind deutsche Politiker oft ungelenk in der Selbstdarstellung. Wir erinnern uns an den kindisch-peinlichen Auftritt des damaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping im Jahr 2001: „Die bunten Bilder gelten als Paradebeispiel für misslungene PR. Eigentlich sollten die Fotos und die Homestory helfen, Scharpings Image aufzupolieren, denn der gebürtige Westerwälder galt als spröde und hölzern. Statt Imagepolitur brach eine Welle der Empörung über Scharping ein... Deutsche Soldaten standen kurz vor einem gefährlichen Balkan-Einsatz in Mazedonien und hatten eine Urlaubssperre verordnet bekommen. Ihr Verteidigungsminister dagegen planschte im Pool.“ https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/2382001-rudolf-scharping-amuesiert-sich-im-swimmingpool-100.html

Das haben die US-amerikanischen Politiker den deutschen voraus: Sie sind gute Selbstdarsteller. Zur medialen Selbst-Performance gehören ein gepflegtes Aussehen ebenso wie Stimmtraining und Schauspielunterricht. Amerikanische Politiker laufen nicht vor den Paparazzi weg, sondern haben den Umgang mit ihnen gelernt. Und sie müssen haben, was Olaf Scholz nicht mehr hat, aber Joe Biden -wenn auch bescheiden- immer noch: Volle Haare. Denn die suggerieren Vitalität.

Ich persönlich sympathisiere mit Haupthaar-armen Männern (Und wie vital die kahlen Männer sind, wissen die Frauen und Männer der Kahlen.) Aber niemals, wirklich niemals sollte sich ein kahlköpfiger Politiker mit geblähten Nüstern und zusammengepressten Lippen auf einem Goldbarren abbilden lassen, wenn sich die Prägeart „polierte Platte“ nennt. Doch genau das ist Olaf Scholz passiert.

Unten abgebildeten Goldbarren verkauft u.a. das Münzhandelshaus MDM unter https://r.mdm.de/goldbarren-fuer-den-neuen-kanzler-start-in-kanzler-und-praesidenten. Doch Vorsicht: Wer bereit ist, für einen Lacheffekt am Muttertag 49,95 Euro oder auch mehr auf den Tisch zu legen, sei gewarnt und sollte die Maße beachten. Der sogenannte „Barren“ ist ein winziges Plättchen, gerade mal so groß wie ein Fingernagel.

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Wenn es das nächste Mal passiert, dass meine Schwester 70 wird, bin ich selber dran. Liebe große Schwester, herzliche Glückwünsche zum Geburtstag!