Elfchen im Dritten: Olaf muss niesen

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an einen TV-Werbespot, mit dem vor etwa fünfzig Jahren für WICK Formel 44 -Hustensirup geworben wurde: Olaf ist Zirkusakrobat. Husten kann er sich nicht leisten, denn er muss während der Aufführung über ein Drahtseil balancieren. Dabei steht ihm ein zweiter Akrobat auf den Schultern, der wiederum eine Akrobatin geschultert hat.

Jetzt gibt es einen Notfall: Olaf sitzt kurz vor der Vorstellung hustend in der Kabine. Zum Glück hat sein männlicher Mitarbeiter WICK Formel 44 besorgt. Eine Mitarbeiterin flößt Olaf den Husten-Sirup ein, eine andere tätschelt dem starken Mann beruhigend die Glatze: „Wirst sehen Olaf, das wirkt schnell.“ Im September 2020 hat „Ein Kanal“ den Spot dankenswerterweise auf YouTube ins Netz gestellt.

Der gut gemachte kleine Film, der einer gewissen Selbstironie nicht entbehrt, ist in puncto Wissenschaftlichkeit bzw. Pseudowissenschaftlichkeit ein Vorläufer bzw. Vorreiter heutiger Pharma-Werbung, denn die medizinischen Experten werden nachgeplappert. „Geht bis tief in die Bronchien…“, weiß Olafs Kollege, während die offenbar neurowissenschaftlich geschulte Kollegin die Ergänzung parat hat: „… Und beruhigt die Hustenzentrale im Gehirn.“

Die Werbung machte WICK bekannt, hatte aber noch eine andere Wirkung. Wir Kinder hatten, wenn wir irgendwo den Namen „Olaf“ hörten, direkt den Spot vor Augen. Für die Olafs unter unseren Mitschülern war das doof, sie wurden ausgelacht, nur weil sie „Olaf“ hießen. Noch heute muss ich bei „Olaf“ immer an „Olaf hat Husten“ denken. Dass der schöne Zirkusakrobat eine entfernte Ähnlichkeit mit Bundeskanzler Olaf Scholz hat, ist reiner Zufall.

Das politische Drama, das wir derzeit erdulden müssen, ähnelt einem Drahtseilakt. Nur findet der Tanz über dem Abgrund nicht im Zirkuszelt statt. Und wenn unser aller Bundes-Olaf auch nicht hustet, heißt das noch lange nicht, dass er nicht niesen muss.

Mein Elfchen des Monats März ist einem Menschen-Floh gewidmet, dem es gelungen ist, aus dem Flohzirkus (einer brutalen und dazu noch ulkig-unterhaltsamen Tiervorführung, die es immer noch gibt!) auszubrechen.

Olaf muss niesen…

Denn

flohgemut kroch

der entflohene Zirkusfloh

ins Nasenloch und lachte

noch

„HAIG, REAGAN, SCHMIDT – BEKRIEGT EUCH DOCH ZU DRITT“ (Friedensdemo Bonn, 1981) – Die Gleichberechtigung wird durch eine Wehrpflicht für Frauen ad absurdum geführt

Was viele nicht wissen: So etwas wie das „Turbo-Abi“ hat es in Westdeutschland vor über vierzig Jahren schon einmal gegeben, Stichwort: „Kurzschuljahre“. Konkret sah das so aus: Meine Zwillingsschwester und ich sind Ostern 1965 eingeschult worden. Als wir im Sommer 1968 nach drei Jahren und vier Monaten aufs Gymnasium kamen, hatten wir zwei volle Schuljahre (1. und 4. Klasse) und zwei Kurzschuljahre (2. und 3. Klasse) hinter uns. Die Verkürzung unserer Grundschul- (damals Volksschul-) Zeit hing damit zusammen, dass der Schuljahres-Beginn in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern vom Frühjahr auf den Sommer verlegt worden war.

Bis ich vor ein paar Tagen auf spiegel.de einen in bester alter Spiegel-Manier geschriebenen Artikel vom 16.1.1966 entdeckte, hatte ich keine Ahnung davon, wie chaotisch die bildungspolitische „Entscheidungsfindung“ damals verlief – unter Ausschluss der betroffenen Lehrer, Eltern und Schüler, die nur wenige Monate vor dem Beginn des Schuljahrs 1966/67 kurzfristig informiert und undemokratisch überrumpelt wurden. Das Sagen hatten -ebenso wie heute- sogenannte „Experten“. https://www.spiegel.de/politik/grenze-des-ertraeglichen-a-b9e98a3d-0002-0001-0000-000046265355

Der Artikel liest sich wie eine Tragikomödie. Laut lachen musste ich, als ich las, was den Abiturienten drohte, die -um das Zeugnis der Reife zu erhalten- trotz der Kurzschuljahre 13 komplette Jahre „abzusitzen“ hatten. Da zwei ihrer 13 Schuljahre um jeweils vier Monate verkürzt werden sollten, stand an, die Oberprima (Klasse 13) um insgesamt acht Monate zu verlängern. Ob es wirklich dazu kam, ist mir nicht bekannt: „Und überall in der Bundesrepublik wird ausgerechnet die Oberprima, die zahlreiche Experten für überflüssig halten, zur wichtigsten Klasse des Gymnasiums: mit 20monatiger Dauer… Angesichts dieser Perspektiven lobte Kultusminister Orth die Presse: »Die habbe geschribbe, daß mer verrückt sin.«“ (spiegel.de, s.o.)

Ende der 1960er Jahre gab es aber auch viele vernünftige Reformen: Die Volksschul-Zeit wurde auf neun Jahre verlängert, Grund- und Hauptschule lösten die Volksschule ab, die erste Gesamtschule wurde eröffnet, und endlich wurde Englisch an allen weiterführenden Schulen Unterrichtsfach. Aber das Kernstück der Schulreformen war die Koedukation.

Während meine Zwillingsschwester zusammen mit zwei Freunden auf das erst 1967 gegründete Bottroper Vestische Gymnasium kam, beschlossen meine beste Freundin und ich, auf das Städtische Jungengymnasium zu wechseln, dessen Sexta ein Jahr zuvor für Mädchen geöffnet worden war. Unsere Eltern hatten nichts dagegen. Unsere beiden Brüder gingen schon auf die Schule, kamen in die Obertertia und waren positiv aufgefallen, was natürlich von Vorteil war.

Vermutlich waren unsere Brüder, die gedacht hatten, uns zumindest in der Schule los zu sein, ziemlich bedient. Schwer bedient war der Freund meiner älteren Schwester, ein attraktiver, aber leicht blasierter Oberprimaner, der später einmal Schönheitschirurg werden sollte. Es fühlte sich (und kam) gut an, einen Bekannten und noch dazu eine Art Schwager in der Oberprima zu haben. So suchte ich den Schulhof nach ihm ab und ließ ihn in keiner Pause in Ruhe: „Huhu, Hans-Leo, hier bin ich!“

Dass den Mädchen der Zugang zur „höheren Bildung“ nicht weiter verschlossen blieb, hatte vor allem ökonomische Gründe. Durch die Koedukation sollte nicht nur die Chancengleichheit hergestellt, sondern die „Ausschöpfung gesellschaftlicher Begabungsreserven“ sicher gestellt werden.

Zum Glück waren unsere Lehrer nicht ökonomisch gestimmt. Am Tag unserer Einschulung in die Sexta wandte sich Klaus Kayser, Lehrer für Religion und Geschichte und späterer Leiter des Gymnasiums Laurentianum in Arnsberg, in einer Ansprache an die angehenden Sextaner und insbesondere an uns Sextanerinnen. Endlich seid ihr Mädchen da, so etwa sagte es Herr Kayser, ihr selber werdet durch den gemeinsamen Unterricht mit den Jungen ein bisschen frecher, was gut ist. Aber noch viel wichtiger ist etwas anderes, denn ihr Mädchen habt eine Aufgabe. Die Jungen sind viel zu wild. Ihr werdet sie erziehen und dazu bringen, dass sie sich in Zukunft vernünftig verhalten.

Nachdem ich das gehört hatte, fand ich es noch aufregender, als Mädchen auf ein Jungengymnasium zu gehen, auch wenn die Bezeichnung nicht mehr ganz stimmte. An die genauen Zahlen kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber im Schuljahr 1968/69 dürften neben 140 Jungen 15 Mädchen die Sexta besucht haben. Doch erst im Jahr 1971 wurde der Name der Schule korrigiert, die übergangsweise „Städtisches Gymnasium für Jungen und Mädchen“ hieß.

Mein Abitur-Jahrgang 1977 war dann der erste am Bottroper „Heinrich-Heine-Gymnasium“. Dass die Schule schließlich so hieß, verdankte sich einer Kooperation von Lehrern und Schülern. Die Schulpflegschaft (Elternvertretung) hatte den Vorschlag der Lehrer, die Schule „Heinrich-Heine-Gymnasium“ zu nennen, abgelehnt und dem Rat der Stadt Bottrop den öden, nichtssagenden Namen „Stadtgymnasium“ vorgeschlagen. Die beiden Schülervertreter hatten zwar für „Heinrich-Heine“ gestimmt, waren aber in der Versammlung der Schulpflegschaft klar in der Unterzahl. Niemand hatte die anderen Schülerinnen und Schüler gefragt! Das holten wir nach. Unsere Schülerzeitung „Holzwurm“ rief eine Sondersitzung ein. In einer Blitzaktion sammelten wir am nächsten Tag 1250 Unterschriften pro „Heinrich-Heine“, die wir ins Rathaus brachten. Wir hatten Erfolg und machten eine wichtige Erfahrung: Gemeinsam sind wir stark!

Ich hatte eine angenehme und freie Schulzeit zwischen Penne und PISA. An meiner Schule gehörte ich zum ersten Jahrgang, der in den Genuss (!) der Oberstufenreform kam. Ich konnte Chemie und Physik abwählen und mich meinen Lieblingsfächern Deutsch, Geschichte, Philosophie und Biologie (Evolution!) widmen. Einige unserer Deutsch- und Geschichtslehrer waren von den gesellschaftskritischen Schriften aus dem Umkreis der Studentenbewegung inspiriert. So lernten wir zu hinterfragen, analysierten Werbetexte und politische Reden, und einige von uns wurden leidenschaftlich querdenkende Demokraten.

Lehrer und Schüler respektierten sich gegenseitig. Unsere Lehrerinnen und Lehrer hätten sich dagegen gesträubt, geschlechtsneutral als „Lehrkräfte“ bezeichnet zu werden, wie es heutzutage gender-korrekt vielerorts üblich ist. Und sie hätten es unannehmbar gefunden, mithilfe von Werbe-Bildern, die an Zahnpasta-Reklame erinnern (lauter lächelnde Lehrkräfte!), auf eine locker-flockige und respektlose Weise für den Lehrer- Beruf gewonnen zu werden. So zumindest versucht es seit ein paar Jahren das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Per Du macht man da den Lehrer zum Deppen. O-Ton Das Bildungsportal:

„Interessierst du dich für das Grundschullehramt oder das Lehramt an Berufskollegs? Du möchtest Lehrerin oder Lehrer für sonderpädagogische Förderung werden? Oder möchtest du an weiterführenden Schulen unterrichten? Auf diesen Seiten findest du alle Informationen zu den verschiedenen Lehrämtern und über den Lehrerberuf allgemein: Voraussetzungen, Jobaussichten und den Ablauf der Ausbildung.“ https://www.lehrer-werden.nrw/

Heute schmücken sich die Gymnasien mit den wohlklingenden Namen großer Geister, doch erleben wir seit Jahrzehnten eine zunehmende Austreibung des Geistes aus den Schulen und eine Entmündigung von Lehrern und Schülern. Egalisierende internationale Vergleichstests wie PISA, der zunehmende Leistungsdruck, das Hochschrauben des Numerus Clausus, das Zentralabitur und das völlig undurchdacht eingeführte und wieder abgeschaffte „Turboabi“ (G8) haben zu Verödung und Verarmung geführt.

Mit den Corona-Maßnahmen wurde und wird die Schule endgültig zum Spielball einer lebensfernen, ökonomisch orientierten Bildungspolitik. Mit dem Online-Lernen auf Sicherheits-Abstand wurde der autoritäre Frontalunterricht wieder eingeführt. Corona-Tests, Maskenpflicht und die Andienung der Impfung sind grenzüberschreitend. Tiefgreifender als die in meiner Schulzeit noch üblichen schallenden Ohrfeigen verletzen die Maßnahmen die körperlich-seelische Autonomie der heranwachsenden jungen Menschen, denen Corona in aller Regel nicht viel anhaben kann. Mehr als funktionieren sollen Schüler und Schule nicht. Unsere Kinder haben keine andere Chance, als zu gehorchen.

Ein altes deutsches erzieherisches Sprichwort droht(e) „ungehorsamen“ Kindern mit körperlichen Züchtigungen: „Wer nicht hören will, muss fühlen!“ An die brutale Struwwelpeter-Pädagogik knüpfen die Corona-Maßnahmen an, was sich in einer EXPRESS-Schlagzeile vom 15.4.2021 spiegelt: „Wer sich nicht testen lässt, muss nach Hause“.

Mittlerweile ist die Koedukation selbstverständlich. Doch noch zu meiner frühen Schulzeit wurden Jungen und Mädchen nur in der Volksschule gemeinsam unterrichtet. Die Schulen, an denen man höhere Bildungsabschlüsse erwarb, waren in der Regel streng nach Geschlechtern getrennt. Das sollte lange Zeit vor allem den Männern zugute kommen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts -und nachdem Frauen jahrzehntelang dafür gekämpft hatten- konnten die ersten Mädchen auf einem eigens eingerichteten Mädchengymnasium Abitur machen und anschließend studieren.

Ich stelle mir vor, Mädchen und Jungen würden immer noch getrennt unterrichtet, aber der Ruf nach Koedukation würde lauter. Irgendwer würde fragen: Warum sollen wir die Koedukation einführen? Eine vorstellbare Antwort: „Ich glaube, das wird zu einer besseren Stimmung und mehr Effektivität führen.“

Diese hübsch klingende Antwort wurde im Jahr 2017 wirklich gegeben. Sie stammt allerdings nicht von einem Bildungspolitiker, sondern von einem immer noch amtierenden Verteidigungsminister, und das Thema ist nicht die Koedukation, sondern die Wehrpflicht für Frauen, die in Schweden im Jahr 2017 zeitgleich mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht neu eingeführt wurde. „… Nun will Schweden wieder auf eine umfassende Landesverteidigung setzten. Dazu braucht es die allgemeine Wehrpflicht als Grundbaustein. Die sich gern als feministisch bezeichnende rot-grüne Regierung erhofft sich durch die Wehrpflicht für Frauen auch eine ausgewogenere Armee. Auch sei ein gemischter Arbeitsplatz attraktiver. „Ich glaube, das wird zu einer besseren Stimmung und mehr Effektivität führen“, sagte Verteidigungsminister Hultqvist dem Radio Schweden.https://www.morgenpost.de/politik/article209807259/Schweden-fuehrt-Wehrpflicht-wieder-ein-auch-fuer-Frauen.html

Dass in Schweden die Wehrpflicht für Frauen eingeführt wurde, wusste ich nicht. Ich muss gestehen, dass es mich enttäuscht und erschreckt, denn ich sympathisiere mit dem Land, wo man es geschafft hat, die Kinder vor den völlig überzogenen, allerorts üblichen Corona-Maßnahmen zu schützen. Die große schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren wäre -da bin ich mir sicher- gegen eine Wehrpflicht für Frauen gewesen.

Eine ausgewogenere Armee, … ein gemischter Arbeitsplatz, … eine bessere Stimmung, … mehr Effektivität… Laut Peter Hultqvist, der auch unter Schwedens neuer Ministerpräsidentin Magdalena Andersson Verteidigungsminister ist, sind Frauen offenbar dazu da, den Männern den Krieg zu versüßen. Doch die Armee ist eben kein „Arbeitsplatz“ wie jeder andere. Der vermeintliche Frieden schlägt -wie wir gerade erleben- schnell in sein Gegenteil um. Erschreckend ist, dass diese Haltung sich auch noch „feministisch“ nennt. Mit einer Wehrpflicht für Frauen wird die „Gleichberechtigung“ ad absurdum geführt, denn im Falle eines Krieges hätten die Frauen nicht nur die gleichen „Rechte“, sondern auch die gleichen grausamen Pflichten wie die Männer: Sie wären dazu verpflichtet zu töten.

Noch wird diese entsetzliche Vorstellung auch in Deutschland, wo es Berufssoldatinnen gibt, verdrängt. Vielen Menschen fehlt die Phantasie, sich den Krieg vorzustellen, doch aktuell ist er näher gerückt. Aber wie würde die Öffentlichkeit reagieren, wenn Soldatinnen der Bundeswehr bei militärischen Einsätzen ums Leben kämen? Bis jetzt sind die Todesopfer fast ausschließlich Männer, wie ich auf Wikipedia lese: „Seit 1992 kamen bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr 115 Bundeswehrangehörige (Soldaten) nach Angaben der Bundeswehr (Stand Februar 2022) ums Leben. Davon fielen 37 durch Fremdeinwirkung und 22 starben durch Suizid.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Todesf%C3%A4lle_der_Bundeswehr_bei_Auslandseins%C3%A4tzen

Der Wikipedia-Beitrag enthält eine Liste: „Todesfälle der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen durch Unfälle, natürliche Ursachen, Suizidhöhere Gewalt oder Feindeinwirkung.“ In dieser Liste wird nur eine einzige verstorbene Frau erwähnt, und diese Frau ist nicht bei einem Unfall oder durch „Fremdeinwirkung“, sondern durch Suizid ums Leben gekommen. Auffällig und erschreckend ist, wie viele Soldaten sich das Leben nehmen. Würde man die Namen der Soldatinnen und Soldaten erwähnen, die die „Auslandseinsätze“ zwar überlebt haben, aber traumatisiert sind, entstünde eine endlos lange Liste.

Außenministerin Annalena Baerbock dürfte sich ihr Amt ganz anders vorgestellt haben. Vermutlich hat sie von Dienstreisen geträumt, von Fotoshootings, Festessen und anderen Anlässen, sich in chicen Klamotten zu zeigen. Durch den Krieg in der Ukraine wurde sie jedoch schnell vom Laufsteg herunter auf den Boden geholt. Ernst genommen wird sie nicht wirklich. Vom meines Erachtens irrwitzigen Vorhaben des Bundeskanzlers, die Bundeswehr mit 100 Milliarden Euro aufzurüsten, wurde Baerbock angeblich überrascht, vor allem wusste die Außenministerin wohl nichts von der horrenden, in keiner Weise zu rechtfertigenden Höhe der Summe. https://web.de/magazine/politik/russland-krieg-ukraine/habeck-baerbock-scholz-100-milliarden-plan-ueberrascht-36650002 Dieser Alleingang unseres Bundeskanzlers erinnert mich an einen der Vorgängerregierung, nämlich daran, „dass die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem damaligen Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) kurz vor der Amtsübergabe am 8. Dezember den Verkauf von drei Kriegsschiffen und 16 Luftabwehrsystemen genehmigt hatte. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) unterrichtete den Bundestag erst einen Tag vor der Wahl von Olaf Scholz zum Kanzler darüber – aber ohne den Wert der Ausfuhren zu nennen.“ https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-12/ruestungsausfuhren-waffenexporte-merkel-scholz?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

Unter dem Deckmantel „Sicherheit“ wird weiter aufgerüstet und Angst geschürt, dabei müsste weltweit konsequent abgerüstet werden. Warum nicht Frieden wagen- gerade angesichts des Kriegs in der Ukraine? Sehr lesenswerter Artikel des Ökonomen Tilman Brück, ehemaliger Leiter des Friedensforschungsinstituts SIPRI: https://www.deutschlandfunkkultur.de/krieg-ukraine-pazifismus-noch-zeitgemaess-100.html

Beim Aufräumen ist mir kürzlich ein 40 Jahre altes Foto in die Hände gefallen: „HAIG, REAGAN, SCHMIDT – BEKRIEGT EUCH DOCH ZU DRITT“ – Diesen Spruch hatten wir am Vorabend der großen Friedensdemonstration am 10.10.1981 im Bonner Hofgarten in unserer WG-Wohnküche kreiert. 250.000 Menschen demonstrierten damals für Abrüstung, ein atomwaffenfreies Europa und insbesondere gegen den NATO-Doppelbeschluss, die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Europa.

Für uns war das Lachen über den Aufrüstungs-Wahnsinn ein Mittel, uns nicht ohnmächtig zu fühlen.

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Am Rande der Bonner Friedensdemo. Der blondgelockte dreijährige Junge, dem ich gerade aus der Regenjacke helfe, ist mein späterer Stiefsohn Andreas, der mit seinem Vater zusammen in unserer Wohngemeinschaft lebte. In der WG war Andreas gut aufgehoben. Ich fand es chic, einen Freund zu haben, der alleinerziehender Vater war. Noch chicer fand es meine Mutter, die sich wünschte, dass dieser verantwortungsvolle junge Mann einmal ihr Schwiegersohn werden möge. Nach einigen Umwegen sollte es knapp 18 Jahre später dazu kommen. Alleinerziehende Väter bekommen -so habe ich es erfahren- viel mehr Unterstützung als alleinerziehende Mütter. In unserer WG fühlten sich alle für Andreas verantwortlich. Mit kleinen Kindern zusammen haben auch ernste Erwachsene wieder den Mut zu spielen- so wie hier. Ohne Andreas hätte ich mich wohl kaum getraut, Kriegsbemalung zu „tragen“. Foto: Hans Manfred Schmidt

MEIN ENGEL – Das Wunderkind Wiktoria

An ganz alltäglichen Orten begegne ich in den letzten Jahren Menschen, die real sind („aus Fleisch und Blut“) und die doch aus einer Anderwelt zu stammen scheinen. Einer dieser Menschen, die mich an Märchenfiguren erinnern, ist das Mädchen Wiktoria.

Begegnet bin ich ihr im Frühherbst 2019 im Kölner Handwerkerinnenhaus -am Tag der Offenen Tür. Zur Erinnerung: In den Zeiten vor Corona öffneten an bestimmten Tagen Ateliers und Werkstätten ihre Türen auch für Besucher, die dort normalerweise keinen Zutritt haben. Jeder war willkommen, es gab weder Test- noch Impfausweis- noch irgendwelche Einlasskontrollen. Die offene Tür war ein über die Stadt oder das Land verstreutes kulturelles Ereignis abseits der Groß-Events. Wie großartig, gastfreundlich und großzügig das war, weiß ich erst heute. Denn auch wenn die Veranstaltungen nach wie vor so heißen und der Eintritt nichts kostet: Den „Tag der offenen Tür“ gibt es nicht mehr.

Im Handwerkerinnenhaus hatte man an dem Tag einen kleinen Basar aufgebaut. An einer Handvoll Ständen wurden Töpfer-Arbeiten verkauft und andere schöne, originelle, von Hand gefertigte Dinge, die man „Kunsthandwerk“ nennt.

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Die Grenzen zwischen Kunsthandwerk und Kunst sind fließend. Im nordholländischen Dorf Groet vermietet die Familie Bakker ein Ferienhaus. Dieses Haus ist ein inspirierender, eigensinnig ausgestatteter Ort. „Hausherr“ Jaap Bakker gehört zu den bildenden Künstlern, die sich ihre Kinderphantasie bewahrt haben.  Welches Kind träumt nicht davon, einmal einen Schatz zu finden? Doch das ist gar nicht so einfach. So beträgt etwa die Wahrscheinlichkeit, in einer Auster eine Perle zu finden, 1:35.000. https://www.fewo-in-holland.de/blog/austernperle-finden Der Mangel an Perlen in Nordsee-Austern brachte Jaap Bakker auf die tierfreundliche Idee, Austernschalen zu einer Nordseerose zusammenzufügen, sie miteinander zu verleimen und zu guter Letzt drei Perlen in die Mitte der Blüte zu setzen. Da Jaap Bakker die Blume in kleiner Stückzahl gefertigt und für ein paar Euro an seine Feriengäste verkauft hat, bin ich stolze Besitzerin einer echten Groeter Nordseerose.


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„Höhlenkunst“

Am Tag der offenen Tür 2019 präsentierte das Handwerkerinnenhaus auch Arbeiten, die Schülerinnen und Schüler einer Förderschule in Jülich hergestellt hatten. Das hing mit dem Hauptanliegen des Hauses zusammen, der Förderung junger Mädchen. Das Kölner Handwerkerinnenhaus hat eine eigene Werkstatt und „ist ein Lern- und Bildungsort, an dem Mädchen und Frauen neue Fähigkeiten und Stärken an sich entdecken und ihre Berufschancen und -perspektiven erweitern.“ https://www.handwerkerinnenhaus.org/

Im Kunstunterricht hatten die Jülicher Jugendlichen kleine, zerbrechliche Drahtgebilde gebastelt und in Einmachgläser gesteckt. Die Einmachgläser wurden dann bei hoher Temperatur eingeschmolzen und die Drahtgebilde auf diese Weise „eingerahmt“ und „haltbar“ gemacht. Wiktoria, die die Jülicher Schule besucht, war mit ihrer Lehrerin da. Die Lehrerin bemerkte mein Interesse und erzählte mir, wie Wiktoria arbeitet.

Wiktoria nimmt ein Stück Draht in die Hand. Sie hat keinen Plan und überlegt nicht lange, sondern fängt an. Der Draht hat Anfang und Ende. Zwischen ihren Fingern kommt er in Bewegung, entsteht eine Figur. Manchmal ist es eine Tierfigur, aber am liebsten formt Wiktoria Engel, mal heitere, mal nachdenkliche Engel. Das Stück Draht ist nie zu kurz und nie zu lang, es reicht immer genau aus. Wenn der Draht aufgebraucht ist, ist die Figur fertig. Irgendwann fing Wiktoria an, Engel zu formen, sie tut es einfach, denn sie kann nicht anders.

Mich erinnern ihre Engel an die von Paul Klee. Der Maler Paul Klee (1879-1940) hat sein Leben lang Engel gezeichnet, die meisten davon im Jahr 1939. Im Jahr, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, begann Klees letztes Lebensjahr. Indem er die Zwischenwesen zeichnend sichtbar machte, konnte Paul Klee der Hölle für Momente entrinnen. „Seine Engel hat er in der Zwischenwelt ‚geschaut‘, sagt Paul Klee. Für ihn liegt zwischen irdischer Welt und höchsten geistigen Welten eine Zwischenwelt. Und Klee ist überzeugt, da Einblick zu haben.“ https://rundfunk.evangelisch.de/kirche-im-radio/morgenandacht/paul-klee-und-seine-engel-10795

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Für acht Euro kaufe ich ein „Mängelexemplar“. Der Aufhänger ist abgerissen, aber MEIN ENGEL ist luftig und heiter. Die Flügel sind ausgebreitet wie Arme: Lass dich umarmen. MEIN ENGEL ist weiblich, ein Mädchen. MEIN ENGEL hält den Kopf gerade, so dass der Heiligenschein nicht herunterfallen kann. MEIN ENGEL streut rostige Brösel. Die sind nicht hübsch, aber auch für was da: Wer genau hinschaut, entdeckt ein flauschiges Küken.

Auch Wiktorias Engel scheinen aus einer Zwischenwelt zu stammen. Die Lehrerin, die sehr aufgeregt ist, zeigt mir einen Ordner mit Fotos der Arbeiten Wiktorias. Ihre Engel sind ausdrucksstark und berührend. Wenn ich sage, dass ich „erschüttert“ war, ist das nicht übertrieben. „Ich wage es kaum zu sagen“, sage ich zur Lehrerin. „Aber es ist so, als hätte Wiktoria eine göttliche Eingebung.“ Die Antwort: Ein Nicken.

In diesen traurigen Zeiten ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen -vor allem Frauen- Schutzengel ins Fenster stellen. Es gibt getöpferte, genähte, gemalte, es gibt geschmackvolle, austauschbare, kitschige, es gibt pausbäckige und magere Engel. Sie alle stehen für die Hoffnung und für die Sehnsucht nach einer friedlichen, besseren Welt.

In ihren Sternstunden vermag die Dichtkunst, Engelsenergien spürbar zu machen. So verleiht der Lyriker Joseph von Eichendorff (1788-1857) im Gedicht „Mondnacht“ seiner Seele (Engels)-Flügel:

„… Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
..“ (Dritte Strophe)

Wiktorias Lehrerin zeigt mir das Foto eines Engels, der den Kopf gesenkt hält. Sie bittet Wiktoria, mir zu erklären, warum der Engel traurig ist. Wiktoria redet leise. „Der Engel klagt Gott an“, sagt sie. „Es ist so viel Unrecht in der Welt. Warum guckt Gott zu, warum lässt er den Krieg geschehen, warum greift Gott nicht ein, wenn Menschen gemobbt werden?“

Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, Gott* greift schon ein, aber anders, als wir denken, selten im „Direktgang“. So stattet Gott Menschen mit der Gabe aus, Menschen den Spiegel vorzuhalten. Menschen mit dieser Begabung werden oft ausgegrenzt. Vermutlich wird auch Wiktoria ausgegrenzt und gemobbt, denn sie hat eine „Lese- und Rechtschreibschwäche“ und geht (oder ging) auf eine Förderschule.

Woran erkennt man einen Engel? Das Merkmal der Engel, das sind die Flügel. Doch wer nur auf die Flügel achtet, wird den Engel übersehen. Meine Begegnung mit Wiktoria hat meinen Glauben an die kosmischen Engelsenergien genährt – und meine Hoffnung auf eine bessere, friedliche Welt.

*Wie schon einmal geschrieben, meine ich mit „Gott“ nicht den monotheistischen Vatergott. Diesen begreife ich zwar nicht als „falsch“ oder erfunden, aber als Einengung und Vereinseitigung eines weitaus umfassenderen Göttlichen.