Elfchen im Sechsten: Frauen foulen fair

Offenbar stellen extrem hohe Berge für viele Männer eine Provokation dar. Der Berg bleibt an seinem Platz, er rückt nicht zur Seite, wenn der Mann kommt. Mit „der Mann“ meine ich Männer wie den Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner, der es zwischen 1970 und 1986 als Erster bis auf die Gipfel aller vierzehn Achttausender geschafft hat, und zwar alle vierzehn Male ohne Flaschensauerstoff.

Während es in den Jahrzehnten danach immer mehr Extrem-Sportler, aber auch Sportlerinnen auf die 8000er drängte, hat sich Messner rechtzeitig abgeseilt und seine Rekordleistung äußerst geschickt vermarktet. Er war nicht nur Trainer bei Manager-Seminaren, sondern hat im Jahr 1992 gemeinsam mit Herbert Henzler, dem früheren Deutschland-Chef der weltweit agierenden Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey, eine Vereinigung für deutsche Spitzenmanager gegründet, den Elite-Club der „Similauner“. Diese „Similauner“ sind „Der letzte Männerbund“, wie im Jahr 2012 der Titel eines Artikels im Manager-Magazin lautete. Mit leisem Spott resümierte Autorin Gisela Maria Freisinger: „Unnötig zu erwähnen, dass in dieser Gipfelwelt Frauen nichts zu suchen haben.“ https://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/a-849392.html

Doch warum müssen es Männer wie Messner mit den höchsten Bergen aufnehmen, warum müssen sie den Berg noch um die eigene Körperlänge überragen, was ist so faszinierend daran, an diesen unwirtlichen, nicht einladenden Orten einen heroischen Überlebens-Kampf zu inszenieren? Zum Corona-Virus äußerte sich Reinhold Messner bereits im Mai 2020 im ARTE-Magazin: „Für mich ist das Virus – obwohl winzig klein – wieder ein Zeichen, dass wir der Natur unterlegen sind.“

„Diese Erkenntnis ist ein Denkfehler“, kommentierte ich damals. „Sie zementiert die Trennung zwischen Mensch und Natur. Dabei sind wir der Natur weder unter- noch überlegen. Wir sind ein Teil der Natur. Nur wenn wir das begreifen, ist Corona, ein Virus, das es gut meint mit den Kindern, kein Dämon mehr.“ https://stellwerk60.com/2020/05/26/eine-begegnung-mit-der-frau-keuner-die-politik-finanziert-werbepsychologen-um-uns-buerger-bei-laune-zu-halten/

In einer Höhe von 8000 Metern kann -ohne technische Hilfe, jahrelanges Training, allmähliches Annähern- eigentlich kein Mensch überleben. Vermutlich würde kein Mann diese lebensbedrohlichen Touren mit all ihren Torturen auf sich nehmen, wenn die erfolgreiche Besteigung eines 8000 Meter hohen Berges nicht nach wie vor mit Ruhm und Ehre verbunden wäre. Doch was macht Männer süchtig nach Superlativen, was stachelt sie an, warum sind sie getrieben, ist männlicher Größenwahn angeboren?

Eine pfiffige Antwort gibt der Hirnforscher Gerald Hüther in einem unterhaltsamen und vor allem humorvollen Vortrag, den er im Rahmen einer Veranstaltung zum Girls‘ Day in Linz gehalten hat. Aufgezeichnet wurde der Beitrag am 15. März 2016.

Gerald Hüther: Jungen und Mädchen sollen die gleichen Chancen haben – aber sie sind nicht gleich

Ohne es ausdrücklich zu sagen, ist für Gerald Hüther das männliche das schwache, das gefährdete Geschlecht. Belege für seine These findet Hüther in der vorgeburtlichen Entwicklung. Normalerweise, so Hüther, ist jedes Chromosom doppelt vorhanden, um für Notfälle gerüstet zu sein. Anders als die Frauen, die über zwei x-Chromosomen verfügen, haben Männer nur ein einzelnes x-Chromosom – sowie ein y-Chromosom, das aber lediglich die Testosteron-Produktion programmiert. Daher hat das männliche Geschlecht bereits vorgeburtlich eine schwächere Konstitution. Die meisten Fehlgeburten betreffen männliche Föten. Außerdem sind Jungs „antriebsstärker“ (getriebener?) als Mädchen. Jungs fühlen sich von Natur aus weniger sicher als Mädchen. Sie suchen Halt und Rückhalt im Raum und versuchen, sich im Außen zu orientieren. Für Mädchen (die sich in sich selber aufgehoben fühlen) ist die Außen-Orientierung weniger entscheidend.

Auch nach der Geburt streben Jungen mehr nach „Macht“, „Stärke“ und „Größe“. Sie interessieren sich für Panzer, Feuerwehrautos oder Bagger und orientieren sich an Allem, was Power hat und etwas in Bewegung bringen kann. Jungen suchen nach Halt und Bedeutung innerhalb ihrer Gemeinschaft, in ihrer Peer-Group, ihrer Mannschaft – und später dann in Vereinen, Seilschaften, Männerbünden.

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abGESTREIFTE Fußballstutzen…

Als die Mädchen anfingen, den Fußball zu entdecken und Liga-Spiele zu bestreiten, brach für viele Jungs eine Welt zusammen.

Im Jahr 2007 wurde an der Katholischen Grundschule Overbeckstraße in Neu-Ehrenfeld eine neue Fußballmannschaft gegründet. Meine Tochter Carla ging damals in die dritte Klasse. Eine Zeitlang war sie das einzige Mädchen in der Mannschaft, die einmal in der Woche in der alten Schul-Sporthalle mit dem knarzenden Holzboden trainierte. Weil die Schule in unserem Häuserblock lag, guckte ich manchmal zu.

Carla konnte schon als knapp Achtjährige nicht nur präzise und beherzt schießen, sondern den Gegenspieler sauber vom Ball trennen. Ich erinnere mich, wie sie irgendwann einmal nicht nur auf das Tor der gegnerischen Mannschaft zulief, sondern auf einen hübschen Jungen namens Bünyamin, der eine Klasse unter ihr und in Ballbesitz war. Als Carla bei ihm ankam, schrie Bünyamin: Die foult! Ohne dass sie ihn oder den Ball berührte hätte, kippte er um. Carla schoß das Tor. Dass sie irgendwann einmal Psychologie studieren sollte, war kein Zufall.

Noch heute gucke ich gerne zu, wenn Mädchen oder Frauen Fußball spielen. Gefoult wird nicht, um die Gegnerin zur Strecke, sondern um den Ball in Gewahrsam zu bringen. Frauen foulen fair.

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*20.6.1999: Juchhu!!!