Elfchen im Neunten: Pufffff…

Nachdem das „Pascha“, eines der größten Bordelle Europas, coronabedingt fünf Monate lang geschlossen war, meldeten die Betreiber Anfang September Insolvenz an. Das zehn(!)geschossige „Laufhaus“ (es nennt sich so, weil die Freier zwecks Auswahl der „Dame“ durch die Gänge des Gebäudes laufen) ist keine 15 Geh-Minuten von der autofreien Siedlung Stellwerk 60 entfernt.

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29.7.2020: Noch ist das „Pascha“ nur vorübergehend geschlossen. Fünf Wochen später ist klar, dass niemand mehr das goldglänzende Rollgitter hochzieht .

All

You can

Eat… Ufffff… Yes!

All you can f…

Pufffff…

Die Coronoia-Politik mit ihren rigorosen Zwangsmaßnahmen hat das Elend der Prostitution deutlich zutage gebracht. Viele Prostituierte, die ihren traurigen Job in den seltensten Fällen freiwillig machen und in der Regel ohnehin am Rand des Existenzminimums leben, wurden durch die Schließung der Puffs in die Illegalität getrieben. https://www.express.de/koeln/zufaellig-entdeckt-corona-verstoss–koelner-polizei-hebt-illegalen-puff-aus-36607810

Seit Wochen hatten Prostituierte (überwiegend Frauen) für die Wiedereröffnung der Puffs demonstriert, auch vor dem Kölner Dom. https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/koeln-corona-sexarbeiter-demonstration-100.html Die mitverantwortlichen Kölner Kommunalpolitiker interessierte das, wie mir schien, kaum.

Prostitution ist ein Wirtschaftsfaktor. Die Bundesrepublik Deutschland gilt als „Bordell Europas“. Die liberalen deutschen Prostitutionsgesetze und günstige Preise locken Sextouristen aus aller Welt auch nach Köln.

Das Gebiet rundum die Hornstraße, an der das „Pascha“ liegt, ist trostlos und heruntergekommen. Gegenüber vom „Pascha“ hat ein Eros Center die Krise überstanden. „Das Bordell“ ist mittlerweile wieder in Betrieb.

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Aushang, fotografiert am 29.7.2020: „Das Bordell… Paket Lieferung… Bitte 20 m links in Eifachrt faheen … Vielen Danke…“

Henriette Reker, die am vergangenen Sonntag in der Stichwahl zur Oberbürgermeisterin wiedergewählt wurde, kennt das „Pascha“ wohl nur vom Hörensagen. Ich würde Frau Reker gerne einen Wandertag quer durch Köln empfehlen. Sie möge aus Neuehrenfeld kommend die Liebigstraße entlang gehen und hinter dem Gelände der „Fleischversorgung Köln“ in die Hornstraße einbiegen.

Den muffig-ätzenden Gestank, der hundert Jahre lang aus Richtung „Fleischversorgung“ kam und vom Schlachten erzählte, haben die Anwohner nicht mehr in der Nase. Der Schlachthof hat vor einigen Jahren den Betrieb eingestellt. Doch der fies beschmierte Geldautomat, der neben dem „Pascha“ an einer Hauswand hängt, tut es wohl immer noch.

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Die Warnung auf dem Bildschirm, dass die Geldscheine eingefärbt sind, gilt nur für den Fall, dass man auf die Idee kommt, den Automaten in die Luft zu sprengen.

Seit Mitte September sind auch in Nordrheinwestfalen die Bordelle unter strengen Hygiene-Auflagen wieder geöffnet. Die tragikomische Verkrampftheit der Sicherheitsmaßnahmen zeigt allerdings, wie gestört und verkrampft Prostitution ohnehin ist. Weil die Maßnahmen wirklich grotesk sind, seien sie hier zitiert: „…

+++ Corona-Regeln für Prostitution

Seit Mittwoch (16.09.2020) gelten in NRW neue, strenge Corona-Regeln für Bordelle und Prostituierte, nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster zuletzt das Prostitutionsverbot gekippt hatte.

Kontaktdaten angeben: Wer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen will, muss persönliche Daten hinterlassen: Zeitpunkt des Kontaktes, Name, Adresse und Telefonnummer. Diese müssen von den Prostituierten oder Bordellbetreibern vier Wochen lang aufgehoben werden.

Mindestabstand einhalten: Außer „während der Erbringung der sexuellen Dienstleistung“ müssen Kunden, Prostituierte und andere Bordellzugehörige den Mindestabstand von eineinhalb Metern einhalten.

Nur Einzelkontakt: Kunden dürfen nur alleine Sex mit Prostituierten haben. Mehr als diese zwei Personen dürfen sich derweil nicht im Raum befinden.

Hände waschen: Kunden und Prostituierte müssen sich vor und nach der sexuellen Dienstleistung die Hände waschen beziehungsweise desinfizieren. Die Bordelle und Prostituierten müssen für entsprechende Möglichkeiten sorgen.

Sex nur mit Maske: Das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen im Kontakt zwischen Kunden und Prostituierten ist „ab der Kontaktaufnahme zwingend und konsequent geboten“. …“ https://www1.wdr.de/nachrichten/corona-bordelle-prostituierte-100.html

Eine Empfehlung: Die Fotografin Bettina Flitner, Ehefrau von Alice Schwarzer, ist vor ein paar Jahren in das Stuttgarter Groß-Bordell „Paradise“ gegangen, hat Freier zwischen 23 und 73 Jahren fotografiert und den ganz normalen Männern eine ganz normale Frage gestellt: „Warum sind Sie hier?“ Der Artikel ist großartig: http://www.bettinaflitner.de/fileadmin/img/Press_Artikel/Freier_STERN.pdf

Eine der großen Lügen unserer Zivilisation behauptet, die Prostitution sei so alt wie die Menschheit. Korrekt sollte es heißen: Die Prostitution ist so alt wie das Patriarchat. In den frühesten Kulturen, den menschlichen Gesellschaften noch vor den Matriarchaten, war das weibliche das starke Geschlecht. Frauen hatten, so müssen wir annehmen, eine Macht, die keine angemaßte war, sondern eine naturgegebene (dazu später einmal mehr).

Frauen haben weniger Muckis als Männer, aber sie haben etwas, das Männern fehlt: die Gebärfähigkeit.

Bei Ausgrabungen unter der Leitung des US-Archäologen und Tübinger Professors Nicholas Conard wurde im Jahr 2008 in der Höhle „Hohle Fels“ in der Schwäbischen Alb nicht nur eine Flöte gefunden, die aus einem hohlen Gänsegeierknochen geformt ist, sondern man fand auch die Teile einer kleinen, aus Mammutzahn-Elfenbein geformten Frauenfigur mit ausgeprägten geschlechtlichen Merkmalen, der sogenannten „Venus vom Hohle Fels“. Figurine und Flöte sind beide etwa 40.000 Jahre alt und gelten als die älteste bekannte plastische Menschendarstellung und das älteste je gefundene Musikinstrument.

Nicholas Conard weist darauf hin, dass es für die Eiszeitmenschen, die noch Jäger und Sammler waren, katastrophal war, wenn junge, fruchtbare Frauen starben. Der Tod einer einzelnen gebärfähigen Frau konnte die Existenz der gesamten eiszeitlichen Gruppe gefährden. Der Tod einzelner Männer hingegen war verschmerzbar. Denn, so Conard mit feinem Humor: „Wenn ein paar Männer verschwinden, ist es nicht schlimm.“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/vor-zehn-jahren-erstmals-praesentiert-die-venus-vom-hohle.932.de.html?dram:article_id=448559

Kannten die Eiszeitgemeinschaften Bordellle? Wohl kaum.

Veedel for future: Bei der Wahl des Stadtrates erreichen DIE GRÜNEN in Nippes 38,87%!

Wir alle kennen es: Die stille Genugtuung, wenn wir mit 120 Stundenkilometern über die Autobahn rollen – und auf der Gegenfahrbahn bewegt sich nichts mehr. Die kleine Schadenfreude sei jedem erlaubt. Nicht erlaubt sein dürfte, dass Menschen durch Katastrophengebiete reisen und ihren Spaß haben, während andere Menschen ganz in der Nähe erleben müssen, wie ihre Welt untergeht.

Als ich Näheres erfahren wollte über die verheerenden Waldbrände, die derzeit in Kalifornien wüten, bin ich auf die Internet-Seite eines deutschen Reise-Anbieters gestoßen: „Leider sind durch die Waldbrände auch immer wieder wichtige Sehenswürdigkeiten, Attraktionen und Straßen betroffen. Daher ist es wichtig, sich vor einer Kalifornien-Rundreise ausführlich über bestehende Waldbrände und auch Straßensperrungen zu informieren.“ https://www.kalifornien-tour.de/kalifornien-waldbraende.htm

Man hält sich, so wird suggeriert, die Katastrophe vom Leib, wenn man nur den entsprechenden Abstand einhält. In sicherer Entfernung geben die Brände eine schöne Kulisse ab für Selfies und Urlaubs-Filmchen. Natürlich sind nicht alle Touristen, die zur Zeit durch Kalifornien reisen, sensationslüstern. Der Klimakatastrophen-Tourismus jedoch ist nicht nur respektlos den betroffenen Menschen gegenüber, sondern nährt die Illusion, dass wir hier in Deutschland nicht Betroffene sind, sondern nur Zuschauer. Doch auch wir sind betroffen, wenn auch bei weitem (noch) nicht in diesem Ausmaß.

Heute, am 15. September, ist es in Köln-Nippes 34 Grad heiß. Die Hitze passt nicht zum Frühherbst-Licht. Die Sonne brennt, aber sie sie steht nicht mehr hoch am Himmel und wirft bereits lange Schatten. Die Böden sind seit Monaten so trocken, dass die Amseln keine Regenwürmer aus der Erde picken können. Zum Glück kühlt es sich mittlerweile nachts ab. Obwohl wir in Deutschland in diesem Sommer eine nie gekannte Dürre erlebt haben und immer noch erleben, glaubt man hierzulande, man könne die dringend notwendigen Klimaschutz-Maßnahmen auf später verschieben. Die Politik macht uns vor, die Klimakatastrophe ließe sich Zeit und man hätte alles im Griff. Hauptsache, die Sirenen sind gewartet und die Warn-Apps tun ihren Dienst.

Doch genau das tun sie nicht. Unter dem seltsam drohenden Veranstaltungs-Titel „Wir warnen Deutschland“ (kein Witz!) wurde am 10. September der erste bundesweite Katastrophen-Warntag durchgeführt, der demnächst regelmäßig einmal im Jahr stattfinden soll. Pünktlich um 11:00 Uhr ertönten bundesweit die Sirenen. Zeitgleich wurde erstmals flächendeckend neben anderen Apps die Warn-App NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes) ausprobiert. Doch ausgerechnet NINA versagte. „Während in einigen Städten die Sirenen heulten, das Radio und das Fernsehen warnten, blieben die Warn-Apps still – und verschickten ihre Warnungen teils über eine halbe Stunde zu spät.“ https://www.hna.de/welt/warntag-2020-deutschland-panne-bayern-katwarn-nina-probealarm-warnung-twitter-katastrophe-zr-90040078.html?cmp=defrss

Doch all die hilflosen Kontrollmaßnahmen und Sicherheitsversprechen kommen bei den Menschen offenbar nicht mehr an. Bei den NRW-Kommunalwahlen am vergangen Sonntag mussten die etablierten Parteien mit ihrer nicht nur unglaubwürdigen, sondern meines Erachtens fahrlässigen „Wir haben alles im Griff“ – Politik eine schwere Niederlage einstecken. Zwar bleibt die CDU mit 34,3% vor der SPD (24,3%) landesweit stärkste Kraft, doch Wahlsiegerin, was den Zuwachs angeht, ist mit satten 8,3 Prozent plus die Partei DIE GRÜNEN, die damit auf 20 % kommt.

In den Großstädten gewannen DIE GRÜNEN besonders deutlich. In der Stadt Aachen (wo man unlängst -leider erfolglos- gegen den Weiterbetrieb des maroden grenznahen belgischen Atommeilers Tihange geklagt hatte) hat die grüne Kandidatin Sibylle Keupen große Chancen, in der Stichwahl Oberbürgermeisterin zu werden.

Im Rat der Millionenstadt Köln werden DIE GRÜNEN die größte Fraktion stellen, sie gewannen die Wahl mit 28% deutlich vor SPD (21,58%) und CDU (21,49%). Im Stadtbezirk Nippes wählten 38,87% der Bürger und Bürgerinnen bei der Wahl des Stadtrates GRÜN. Und was macht die „parteilose“ Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die von den GRÜNEN und leider auch der CDU unterstützt wird? Frau Reker erreichte anders als bei ihrem Debut im Jahr 2015 nicht die absolute Mehrheit, sondern muss (verdient, wie ich finde) am 27.9. in die Stichwahl.

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Vor dem Wahllokal (hier „Wahlraum“ genannt) 50106 in der Gemeinschaftsgrundschule Steinbergerstraße stand ich 40 Minuten in der Warteschlange. Nach einer halben Stunde ereichte ich den Eingang zum Schulgebäude und guckte einem verstörten Coronoia-Comic-Kind in die farblosen Knopfaugen, einem lieblos gezeichneten Schulmädchen mit blonden Zöpfchen, die vom Kopf abstehen wie zusammengedrehtes Bonbonpapier. Das Masken-Muss für Grundschulkinder ist eine der traurigsten deutschen Corona-Maßnahmen. Nicht einmal in Frankreich, wo die Maßnahmen sehr rigide sind,  müssen sechsjährige Schulkinder Masken tragen, denn dort gilt die Maskenpflicht erst ab elf…..  Auch so entsteht ein Stau: Nicht richtig atmen, nicht richtig riechen, schon gar nicht schmecken: Die Gesichtsmaske behinderte mich auch hier. Ich hatte beim „Wahlgang“ nicht mehr alle Sinne beisammen und brauchte viel länger, als ich normalerweise gebraucht hätte, um die drei Wahlzettel (für Rat, Bezirksvertretung und OB) auszufüllen.

Vor allem die ganz jungen 16 bis 24jährigen Wählerinnen und Wähler haben DIE GRÜNEN gewählt. Viele von ihnen haben regelmäßig die Schule geschwänzt und dabei, wie wir sehen, „für das Leben“ gelernt. Es lebe Fridays for future!

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Für DIE GRÜNEN bleibt viel zu tun. Man wird offen und respektvoll auf die Jungen zugehen müssen. Schließlich hat man ihnen den Wahlerfolg zu verdanken. Die Wahlplakate der GRÜNEN waren krampfhaft lustig (s.oben) und leider auch nicht pfiffiger als die der anderen Parteien. Die Anspielung auf den desolaten Zustand der Schultoiletten habe ich wohl verstanden, aber… Die Werbetexter unterliegen auch bei der Wahlwerbung, wir wir sehen, einem tragikomischen Kreativitätszwang. Wie dem auch sei: Ich freue mich über den Wahlerfolg der GRÜNEN!