Elfchen im Zwölften: Der Weihnachtsmann der DEUTSCHEN BAHN beschenkt Nippeser Pänz!

Im September hatte ich über das Bau-Vorhaben der Deutschen Bahn in Köln-Nippes berichtet. Die Pläne der BAHN sind so brutal und lebensfeindlich, dass sie uns irreal erscheinen. Wir Menschen, die in der Nähe der Nippeser S-Bahn leben, können und wollen nicht glauben, dass die Vertreter der BAHN es nicht gut mit uns meinen. Von einem Privatunternehmen erwartet man profitorientiertes Kalkül, aber die Deutsche Bahn ist kein Privatunternehmen, sondern ein bundeseigener „Mobilitäts- und Transportkonzern“, der der Bundesrepublik Deutschland gehört, also sozusagen uns allen.

Die Bahn weckt nostalgische Gefühle in uns, denn sie ist Teil unserer Kindheit: „Zuch zuch zuch zuch Eisenbahn, wer will mit nach Kölle fahr’n? Kölle ist geschlossen, Schlüssel ist gebrochen…“ Dieses kleine Lied habe ich Anfang der 1960er Jahre im Kindergarten gesungen. Es weckte meine Neugier auf Kölle und ist -so bekloppt sich das anhört- nicht ganz unschuldig daran, dass ich seit 1977 hier lebe. Das Lied gibt es noch heute, allerdings in freundlicheren Versionen ohne gebrochenen Schlüssel. Meine Kinder haben es vor zwanzig Jahren so gesungen: „Tuff tuff tuff tuff Eisenbahn, wer will mit in‘ Urlaub fahr’n? Alleine reisen mag ich nicht, da nehm‘ ich mir die Oma mit…

Nebenbei gesagt: Kindische Männer singen das Liedchen auch noch, wenn sie erwachsen sind, dann aber eher in der albernen Blödelversion von Wigald Boning und Olli Dittrich („Die Doofen“): „Tuff, Tuff, Tuff ( Wir fahren in den Puff )“ https://www.youtube.com/watch?v=ctmlV2ZzelQ, einer Art Vorläufer-Liedchen des diesjährigen Ballermann-Tophits Layla.

Doch der aktuelle Plan der Deutschen Bahn ist, was Köln-Nippes angeht, nicht einmal mehr schön blöd, sondern gar nicht mehr schön, denn was man uns androht, ist der „Bau eines Zuführungsgleises und damit einhergehend die Zerstörung großer Teile des letzten Grüns diesseits der S-Bahn-Linie, eine jahrelange Großbaustelle in unmittelbarer Siedlungsnähe und -nach Beendigung der Bauarbeiten- ein stetiger nächtlicher S-Bahn-Verkehr („Geisterzüge“).https://stellwerk60.com/2022/09/27/elfchen-im-neunten-liebe-laermschutzriegel-bewohnende/

Mitglieder des Vereins Nachbarn 60 der autofreien Siedlung hatten -wie berichtet- Ende Juli eine Arbeitsgruppe gebildet, um eine gemeinsame Einwendung zu formulieren und Unterschriften gegen den Ausbau zu sammeln. Wir -ich war mit dabei- standen nicht nur unter leichtem Schock, sondern unter ziemlichem Zeitdruck, denn der Abgabetermin bei der Bezirksregierung war der 15.8.2022. Wir hatten erst spät realisiert, dass ein erneutes Planfeststellungsverfahren läuft, denn erst durch Mails und Aushänge der Anwohnergemeinschaft Nippes (AWG) waren wir (mitten in den NRW-Sommerferien, aber gerade noch rechtzeitig!) wachgerüttelt worden. https://www.awg-nippes.de/grossbaustelle-bahn-in-koeln-nippes-verfahren-geht-wieder-los-einwendungen-bis-15-08-2022-moeglich/

Wir machten die Erfahrung, dass es sehr schwer es ist, eine Nachricht innerhalb der ganzen Siedlung zu verbreiten, noch dazu eine höchst unangenehme. Die Mitglieder des Vereins Nachbarn60 sind zwar über einen Mail-Verteiler miteinander verbunden, aber nicht alle Bewohner sind im Nachbarschaftsverein. Viele Nachbarn konnten und wollten die Sache nicht ernst nehmen. Auch ich hätte mich gerne doof gestellt, was mir aber mit zunehmendem Alter kaum noch gelingt. Dennoch schafften wir es, unsere gemeinsame Einwendung noch rechtzeitig abzugeben und allein in der autofreien Siedlung 280 Unterschriften zu sammeln, was etwa 20% aller Bewohnerinnen und Bewohner entspricht.

Weder die Stadt Köln noch Die Bahn ist einer Informations- oder Aufklärungspflicht nachgekommen- weil es so etwas nicht gibt. Wir waren ahnungslos und sollten es bleiben. Aus „gutem“ Grund sind Stadt und Bahn offenbar nicht daran interessiert, die Menschen aufzuklären, zu informieren und in die Planungen mit einzubeziehen. Obwohl (oder weil?) der Bau des Zuführungsgleises ein massiver Einschnitt wäre und obwohl (oder weil?) es menschenfreundlichere, wenn auch teurere Alternativen gibt, will man keine Einwände hören, vor allem kein klares NEIN. Man tut so, als würde uns unmittelbar Betroffene die Angelegenheit nichts angehen. Mit dem vielbeschworenen demokratischen Dialog hat das nichts mehr zu tun.

Darüberhinaus unterliegen mögliche Einwände einer bürokratisch verklausulierten Widerspruchs-Logik, die eigentlich unlogisch ist: Wer sich nicht bis zum 15.8.2022 formal korrekt ausdrücklich gegen das Zuführungsgleis ausgesprochen hat, ist rein rechtlich dafür. Mit anderen Worten: Später kann man zwar sagen, man sei gegen den Gleisbau gewesen, aber juristisch ist das belanglos. Zum Beispiel können Haus- und Wohnungsbesitzer, die sich nicht bis zum 15.8.2022 formal korrekt ausdrücklich gegen das Zuführungsgleis ausgesprochen haben, später nicht mehr die zu erwartende Wertminderung ihrer Immobilie einklagen. Doch wie soll man Widerspruch einlegen gegen ein Vorhaben, über das man nicht einmal informiert wurde? Das ist grotesk und zutiefst undemokratisch.

Nun ist das aktuelle Nippeser Planfeststellungsverfahren (in dessen Rahmen man derzeit die Einwände prüft) nicht das erste. Die Deutsche Bahn musste seit 2007 bereits mehrmals „nachbessern“, vor allem, was die Höhe der geplanten Lärmschutzwände angeht, denn der zu erwartende Bahnlärm wäre enorm. Ich habe noch einmal woanders hingeguckt, nicht auf die Höhe, sondern auf die Länge der zu erwartenden Lärmschutzwände.

Hier offenbart sich die tragikomische Seite sogenannter „Lärmschutz-Maßnahmen“. Was uns nämlich zusätzlich zum Zuführungsgleis droht, ist ein völlig unzureichendes und noch dazu potthässliches Lärmschutz-Ungetüm, eine „Neu-Nippeser Mauer“ mit einer Höhe von zwei bis vier bzw. sechs Metern. Unter dem Vorwand, uns schützen zu wollen, sollen die „Lärmschutzwände“ lang ausfallen, sehr lang, sehr sehr lang. Was die Länge betrifft, muss die Bahn nicht einmal mehr nachbessern. Westlich der Gleisanlagen (dem Stadtteil Bilderstöckchen zugewandt) wäre, so hat man errechnet, eine Lärmschutzwand mit rund 430 m Länge erforderlich. Östlich der Gleisanlagen (Nippes und den Eisenbahner-Siedlungen zugewandt) plant man im Bereich des Zuführungsgleises drei Lärmschutzwände. Die eine hat eine Länge von knapp 290 m, eine zweite soll 640 Meter lang sein und eine weitere rund 425 m. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, sind das insgesamt 1355 Lärmschutzmeter. Will man Lärmschutz-Rekorde brechen?

Abgesehen davon, dass die Bewohner oberer Stockwerke (insbesondere der Mehrfamilienhäuser „Am Ausbesserungswerk“) den Bahnlärm nach Fertigstellung der Gleisanlage auch bei einer Höhe von sechs Metern mit voller Wucht abkriegen würden, bedeutet eine 1355 Meter lange Lärmschutzwand einen erheblichen Eingriff in die Integrität des ohnehin schon schwer in Mitleidenschaft gezogenen Lebensraums aller hier beheimateter Lebewesen.

Um zu verdeutlichen, wie monströs die „Neu-Nippeser Mauer“ wäre, veröffentliche ich hier noch einmal die Gegenüberstellung zweier Fotos aus meinem oben erwähnten Blog-Beitrag vom 27.9.2022. Wer in die Fotomontage der AWG (rechtes Bild) noch zusätzlich zur Bahn eine Lärmschutzwand hineindenkt, kann sich vielleicht vorstellen, wie irrwitzig die Pläne der Deutschen Bahn sind: Noch vor dem Zuführungsgleis soll in einer Länge von 425 Metern eine in diesem Bereich sechs Meter hohe „Lärmschutzwand“ errichtet werden.

Ich habe den Bereich „Am Ausbesserungswerk“ noch einmal von der anderen, der Südseite aus fotografiert. In den schmalen Streifen zwischen bestehender Bahntrasse und Fußweg sollen zwei Gleise (denn hier ist das Zuführungsgleis zum Zwecke quetschender nächtlicher Wendemanöver zweigleisig geplant!) und die Lärmschutzwand nebeneinander hineingebaut werden.

Sooo deutsch ist eine bestehende Schilder-Allee: Aktuell weisen, ordentlich aufgereiht, insgesamt 15 rot umrahmte Schilder darauf hin, dass man für die Feuerwehr Platz lassen soll. Für die gäbe es allerdings -so hat man errechnet-, würde das Zuführungs-Gleis gebaut, kein ordnungsgemäßes Durchkommen mehr.

Male ich mir all das aus, fühle ich mich in keiner Weise geschützt, sondern der Willkür der Deutschen Bahn schutzlos ausgeliefert. Es ist, als seien wir Menschen kleine Spielfigürchen, vergleichbar mit denen, die jedermann beim Modellbau-Anbieter Faller bestellen kann.

Apropos Faller: Der Weihnachtsmann der Deutschen Bahn hat -so wurde mir erzählt- auch in diesem Jahr in ganz Köln Geschenke verteilt. Aber die wirklich hochwertigen Geschenke, so soll der Weihnachtsmann der Deutschen Bahn augenzwinkernd betont haben, die gab es exklusiv für die Pänz aus Köln-Nippes.

Der

Weihnachtsmann der

BAHN kam nicht

mit leeren Händen, sondern…

Faller-Lämschutzwänden!

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Eine Lärmschutzwand im Mini-Format. Bestimmte Produkte sind laut Faller für Kinder unter drei Jahren wegen verschluckbarer Kleinteile nicht geeignet. Diese Faller-Lärmschutzwand ist ungefährlich für Kinder unter drei, könnte aber Kindern über drei Jahren Lust machen auf reale Kletterpartien. Meines Wissens fehlt bei dem Produkt der Zusatz „nicht geeignet unter 14 Jahren“. Wo er nicht fehlt, das sind die Faller-Strommasten, die man ebenfalls bestellen kann und die sich wunderbar mit der Lärmschutzwand kombinieren lassen. Abenteuerlustige Kinder bekommen sehr schnell heraus, dass sich Faller-Lärmschutzwände mit Faller-Figürchen beklettern lassen. Was die echten Lärmschutzwände betrifft: Da wird weiterhin „nachgebessert“, was die Höhe betrifft. Das freut die waghalsigen Kinder, denn Lärmschutzwände probiert aus, wem es im Frechener Chimpanzodrome zu langweilig ist.

13.12.2022: Dritter digitaler Stolperstein zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi

In den Städten sind sie überall zu finden, doch wir bemerken sie kaum. Wir laufen tagtäglich über sie hinweg, an ihnen vorbei. Doch manchmal „stolpern“ wir über sie, bringen sie uns dazu, stehenzubleiben und innezuhalten: Stolpersteine.

Stolpersteine sind kleine Gedenksteine, die man vor bestimmten Häusern in den Straßenboden eingelassen hat. Die Steine erinnern an bestimmte Menschen, die in diesen Häusern gelebt haben und ihr Schicksal mit all denen teilen, die in der NS-Zeit verfolgt, verhaftet, deportiert und ermordet wurden. Die Oberfläche jedes dieser Steine besteht aus einer Messingplakette, in die der Name des jeweiligen Opfers, sein/ihr Geburtsdatum und ein Hinweis auf sein/ihr Schicksal eingraviert sind.

Stolpersteine sind ein vor gut dreißig Jahren begonnenes Projekt des Künstlers Gunter Demnig. „Demnigs Intention ist unter anderem, den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, soll eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine

Es spricht für die Größe des Projekts, dass Stolpersteine als Teil unserer alltäglichen Lebenswelt die Erinnerung stets lebendig halten. Wir bücken uns nicht nur, wenn wir die in die Messingplatte eingravierten „Informationen“ entziffern. Die symbolische Verbeugung vor den Opfern wird noch auf andere Weise fortgeführt und vertieft. Dann nämlich, wenn wir Nachgeborene die Steine pflegen und sie wieder schön machen, wenn wir die Messingplaketten vom alltäglichen Straßenschmutz (Staub, Vogelkot, Erde, festgetretene Kaugummis etc.) reinigen und auf diese Weise den Namen und die Lebensdaten des einzelnen, des einzigartigen Menschen wieder freilegen. Hierzu müssen wir uns nicht nur bücken, sondern auch hinhocken oder hinknien. Vor allem aber müssen wir die Steine berühren.

Über das bloße „Putzen“ hinaus wird die Reinigung zur Zeremonie. Stolpersteine, die als das größte dezentrale Mahnmal der Welt gelten, sind so auch Ort ungezählter, überall und zu jeder Zeit stattfindender dezentraler Erinnerungsfeiern.

Im Jahr 2021 fiel der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, an dem auch die Bundesregierung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 erinnert, mitten in den bundesweiten Lockdown. Daher fanden die alljährlichen großen Gedenkfeiern gemäß Infektionsschutzgesetz streng kontrolliert in hermetisch geschlossener Gesellschaft statt.

Das offizielle Trauern wurde noch im Jahr 2022 bürokratisch reglementiert und in Maßnahmen-gemäße Bahnen gelenkt, wie etwa im Alten Rathaus in Berlin-Reinickendorf:

Kafkaesk: „Um Menschenansammlungen zu vermeiden“, wurde der Kranz im Treppenhaus niedergelegt.

Die Reinigung von Stolpersteinen war -im kleinen, intimen Rahmen- übrigens lockdown-konform. Und wir können davon ausgehen, dass die symbolische Verbeugung vor den Opfern auch am 27.1.2021 „in Stille“ überall stattgefunden hat.

Stolpersteine erinnern uns an die Deportation und Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und politisch Andersdenkenden. Weniger bekannt ist, dass es auch Stolpersteine gibt, die an die Opfer der NS-Euthanasie erinnern. Was aber ist mit den Menschen, die nicht erst nach 1939 in den sogenannten „Tötungsanstalten“, sondern bereits kurz nach Hitlers „Machtergreifung“ im Jahr 1933 in den gewöhnlichen Kliniken ums Leben kamen, für deren Schicksal es aber keine offiziellen „Belege“ gibt, zum Beispiel Krankenakten?

Dass die Akten „nicht mehr auffindbar“ sind, gilt vermutlich für alle Opfer der Euthanasie, die noch vor Inkrafttreten des „Gesetz(es) zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ am 1. Januar 1934 groteskerweise „illegal“ ermordet wurden.

Zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi veröffentliche ich ein drittes Mal einen digitalen Stolperstein.

Digitaler Stolperstein: Voller Entsetzen über die Brutalität politisch legitimierter medizinischer „Maßnahmen“ erinnere ich mich in tiefer Trauer an meine nie gekannte liebe Großmutter Stephania („Steffi“), geboren am 19.3.1898 in Ludgierzowitz/Hultschin, tschechisch Ludgerovice, polnisch Ludgierzowice, aufgewachsen in Bottrop/Ruhrgebiet. Katholikin, Mutter von fünf Kindern. Diagnose: „manisch-depressiv“. „Verstorben“ am 13. Dezember 1933 auf der psychiatrischen Station eines Essener Krankenhauses, elf Tage vor dem christlichen Familienfest Weihnachten. Offizielle Todesursache: „Kopfgrippe“

Die genaueren Hintergründe habe ich vor einem Jahr beschrieben. https://stellwerk60.com/2021/12/13/13-12-2021-digitaler-stolperstein-zur-erinnerung-an-meine-grossmutter-steffi/.

Ich habe erst im Sommer 2019 erfahren, auf welche Weise meine Großmutter ums Leben gekommen ist. Einer der beiden Menschen, die es mir -unabhängig voneinander- erzählt haben, war meine Tante Luise, Steffis ältestes Kind. Als sie Luise am 15. Januar 2021 zur Welt brachte, war Steffi knapp 23 Jahre alt. Gut anderthalb Jahre später kam mein Vater zur Welt, den Luise um 33 Jahre überleben sollte. Die Stadt Bottrop wollte Luise, als sie 100 Jahre alt wurde, wie allen Bürgerinnen und Bürgern zum Geburtstag gratulieren, aber Luise war eigensinnig. Schon als sie 90 und dann 95 wurde, hatte sie alle Anträge abgelehnt. Dass ihr Name in der Zeitung stehen würde, war ihr unangenehm. Luise starb in der Karwoche 2022 im Alter von 101 Jahren.

Ich hatte Luise im August 2019 angerufen, um mich bei ihr für ein Geschenk zu bedanken. Es war nach all den Jahren das erste Mal, dass ich mich alleine mir ihr unterhalten habe, denn wir hatten uns immer nur auf Familienfesten gesehen. Sie hatte, so kam es mir vor, das unbedingte Bedürfnis, mir zu erzählen, wir ihre Mutter gestorben ist. Es klang wie ein Vermächtnis. „Du weißt ja, was mit unserer Mutter passiert ist“, sagte Luise. „Ich weiß“, sagte ich nur. Es war die letzte Gelegenheit, es mir zu erzählen, denn nur einen Monat später erlitt Luise einen Schlaganfall, was auch das eigenständige Telefonieren unmöglich machte.

Wir redeten über dies und das, vor allem aber über Möbel. Luise wollte wissen, welche alten Möbel -„nur die aus Vollholz“- ich aus meinem Bottroper Elternhaus mit nach Köln genommen habe. Ich fühlte mich ein bisschen wie in einer Prüfung. Luise kannte nicht nur alle Möbel, die ich aufzählte, sondern konnte mir einiges über die Herkunft erzählen. Dann sagte sie: „Was unserer Mutter zugestoßen ist, ist so schrecklich, aber es kann eigentlich nicht passiert sein. So böse sind die Menschen doch nicht.“

Als Luise kurze Zeit später pflegebedürftig wurde und ins Altenheim kam, war nur noch ein Doppelzimmer frei, aber sie war froh, nicht alleine zu sein. Mit ihrer Zimmernachbarin verstand sie sich gut. Den Beginn des Krieges in der Ukraine hat Luise noch miterlebt. Luise konnte kaum noch etwas sehen, aber sie hörte noch gut. Da ihre Zimmernachbarin jeden Abend den Fernseher laufen ließ, war Luise gezwungen zuzuhören. Mit der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung und der medialen Dauer-Beschallung mit Kriegslärm kamen bei Luise wie bei vielen alten Menschen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hoch.

In ihren letzten Wochen rief Luise immer wieder einen Namen: Franz. Mit ihrem Vetter Franz, der Konditor war, wollte Luise nach dem Krieg ein Café eröffnen, doch Franz hat den Krieg nicht überlebt.

Im Andenken an Luise und an alle anderen unschuldigen, seelisch schwer verletzten Menschen ihrer Generation, Frauen und Männer, in Erinnerung an die, denen man ihre Jugend, ihre Träume und oft auch ihre Große Liebe genommen hat, wünsche ich mir im Anschluss an die „Tagesschau“ eine tägliche mediale Schweigeminute.

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