„O(h) mein Papa“

*30.8.1922

Meine Mutter hat immer gerne gesungen. Als der Zweite Weltkrieg begann, war sie 14 Jahre alt. Meine Mutter war zeitlebens ein heiterer Mensch, dabei hatte sie mit 17 ihren einzigen, innig geliebten großen Bruder verloren, einen Theaterschauspieler. Die nächtlichen Bombenangriffe hätte sie wohl kaum ertragen, hätte sie nicht die Möglichkeit gehabt, mutmachende Lieder zu singen.

Die kitschig-schönen deutschen Filme aus den 1950er Jahren, die den Menschen eine heile Welt vorgaukelten, wurden in den 60ern auch im Fernsehen gezeigt. Wir Kinder guckten die Filme gerne mit, aber wir fanden die damals üblichen Gesangseinlagen schrecklich, vor allem dann, wenn unsere Mutter mitsang, und das tat sie eigentlich immer. Ich weiß nicht, ob der Film „Feuerwerk“ aus dem Jahr 1954 überhaupt im Fernsehen lief oder ob wir nur die Schallplatte hatten. Aber das Lied, durch das Lilli Palmer berühmt wurde, ist mir noch heute im Ohr: „O mein Papa“. Weil meine Mutter es nachsang.

Männer lieben den Kampf Mann gegen Mann, aber kein Mann ist dazu geboren, in den Krieg zu ziehen und andere Männer zu töten, schon gar nicht, deren Frauen und Kinder. Soldat sein müssen demütigt und erniedrigt den Mann. Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8./9. Mai 1945 endete (vorläufig) die Wehrpflicht. Was für eine Befreiung! Die deutschen jungen Männer mussten nicht mehr dienen, sie wurden nicht mehr dazu verurteilt, Soldaten zu sein.

Im Jahr 1956 wurde die „allgemeine Wehrpflicht“ dann doch wieder eingeführt. Allerdings nur in der Bundesrepubik. Die „Nationale Volksarmee“ (NVA) der DDR wurde zwar bereits 1956 gegründet, aber erst nach dem Bau der Mauer und der Verhärtung der Fronten gab es in der DDR eine Wehrpficht. Bis 1961 war die NVA -es ist kaum zu glauben- eine Freiwilligenarmee.

Vielleicht hat die Freiheit nie so gut „geschmeckt“ wie nach der der Befreiung vom Nationalsozialismus. „O mein Papa“: Die Männer durften wieder spielen, große Jungs, Künstler, Akrobaten und sogar Clowns sein. Sie konnten den Frauen wieder in die Augen sehen, den Freundinnen, Kusinen, den Tanten, den Schwestern, den Töchtern – und wurden zärtlich besungen.

Dabei war Lilli Palmer keineswegs so naiv, wie es scheint. Im Gegenteil: Nach nur einer Spielzeit am Hessischen Landestheater verlor die 19jährige Jüdin im Jahr 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihre Stelle und emigrierte nach Paris. Dort musste sie, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in diversen Nachtlokalen auftreten – gemeinsam mit ihrer Schwester Irene. Zwei Jahre später spielte sie die weibliche Hauptrolle im englischen Film „Crime Unlimited“. Lilli Palmer wusste, wie gefährdet Männer sind und wie gefährlich sie sein können, aber auch, wie man sie um den Finger wickelt und zähmt. Ihr Überleben hatte sie gewiss auch ihrem schauspielerischen Talent, ihrer Jugend und ihrer betörenden Schönheit zu verdanken.

 

Engel for Future

Der tägliche Blick in die Zeitungen lässt mich meist in einem Zustand zwischen Ratlosigkeit und Verzweiflung zurück. Greta Thunberg ist da ein absoluter Lichtblick. Vor dem Hintergrund der „Fridays for Future“-Bewegung ist nämlich eine gute alte Leidenschaft wieder in den Vordergrund gerückt, die wir alle schon in der Mottenkiste der Geschichte versteckt hatten: die Hoffnung.
Über die Kraft dieses Widerstandsgefühl hat Hans Manfred Schmidt gerade den Essay „Engel for Future“ geschrieben, den er demnächst veröffentlichen wird. Ich darf hier schon mal die ersten Absätze zitieren:
„Eines Morgens, am ersten Tag nach einer Operation unter Vollnarkose, sehe ich mir Paul Klees Angelus Novus noch einmal genauer an, das Abbild dieses berühmten Engels, der mich schon so lange begleitet. Ich bin wegen einer unerklärlichen Schwellung an der rechten Halsseite operiert worden, und nun sehe ich, dass dieser asymmetrische Engel die merkwürdige Schwellung ebenso hat, und mir ist einen Moment lang ein bisschen mulmig zumute.
Dieser Engel da hat die gleiche Schwellung, die einfach nicht weggehen will und mit der ich seit einem halben Jahr zu kämpfen habe. Nur Esoteriker würden hier an schicksalhafte individuelle Koinzidenzen denken. Oder? Völlig unmöglich, der Zusammenhang meines erneuerten Interesses am Angelus Novus mit meiner Erkrankung ist rein zufällig. Völlig unerklärlich.
Da kommt mir ein Gedanke. Schnell drehe ich den Engel auf den Kopf – und plötzlich sehe ich etwas, das ich noch nie gesehen habe, obwohl ich dieses Bild seit Jahrzehnten genau zu kennen glaubte. Der berühmte Angelus Novus ist nicht aus dem Nichts entstanden, er ist überhaupt nicht neu, sondern das Produkt eines bildnerischen Recyclings, er ist aus der Übermalung eines anderen Engels entstanden.
Dreht man das Bild nämlich auf den Kopf, sieht man einen alten Engel, dem seine Flügel auf den Boden hängen. Er sieht abwesend aus, will nichts mehr wissen von der Welt; er ist matt und erschöpft.
Dieser Engel kann niemandem mehr Trost spenden. Dreht man nun das Bild wieder um, wird sichtbar, wie kraftvoll und neugeboren der kleine Angelus Novus auf uns wirkt – er kommt zwar aus finsteren Zeiten, aber er hat eine Zukunft vor sich, die etwas Neues verheißt. Er blickt in eine Ferne, in eine Zukunft vor sich, das ist sein Trost. Sein rechtes Auge ist noch im Bann, aber das linke sucht schon nach anderen Blicken. Um die Welt zu verändern, um sie völlig anders zu machen, als sie uns täglich erscheint, braucht es nur eine leichte Verschiebung der Perspektive. Das ist die Botschaft dieses
Engels…“

Nimm mich…

 

 

Ich kaufe gerne bei Netto ein. Es gibt dort eine breite Auswahl an Bio-Artikeln, die sich nicht nur Besserverdienende leisten können, vor allem Obst, Gemüse und Milchprodukte. Die Basilikum-Pflanzen, die man dort günstig bekommt, sind nicht gerade erst eingetopft, sondern haben schon Wurzeln geschlagen.

Als ich letzte Woche Richtung Netto am Nippeser S-Bahnhof ging, lag ein verlockender Duft in der Luft. Schon bevor ich die Unterführung passierte, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Und dann sah ich ihn: Einen Hühnerwagen. Anlässlich der Neueröffnung stand er vor dem Geschäft, und alle Kunden kriegten das Sonderangebot per Kassenbon ausgedruckt:  Halbe Hähnchen für 1,99€.

Was mein Wissen um den legalen Wahnsinn von Eintagsküken, Hühnerantibiotika und Kükenschreddern nie geschafft hat, das schaffte dieser Hühnerwagen: Mir ist der Appetit vergangen.

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Nimm mich…

Weil ich mehr über die Herkunft der Hühner wissen wollte, fütterte ich Google mit den zwei Wörtern „Hertel“ und „Hühner“. Das Ergebnis war erstaunlich. Es gibt zwei erfolgreiche Familienunternehmen mit Namen Hertel, Hertel-West (Hühner) und Hertel-Ost (Volksmusik). Seit der Wende wird munter kooperiert. Was die Gier auf Fleisch und Ruhm betrifft, war Deutschland nie zweigeteilt.

 

Die Broiler-Brüderschaft

Für meinen Findelbruder Ulrich Schönwälder (11.8.1944 – 12.4.2019), der nichts so sehr hasste wie Dünkel und Scheinheiligkeit.

 

Einmal im Jahr fuhr meine Mutter in die DDR. In Leipzig lebte eine liebe Jugendfreundin, die aus dem Nachbarort Gladbeck stammte, Mia. Zur Zeit der Frühjahrsmesse kam man ohne bürokratischen Aufwand an ein Visum. Meine Mutter wäre nie alleine über die Grenze gefahren. Das Auto war immer voll: Schwestern, Freundinnen, Töchter. Einige Male war auch Uli (s.o.) dabei.

In ihren akkurat sitzenden, jauchefarbigen Uniformen waren die Grenzsoldaten zum Fürchten. Jedes Jahr fing meine Mutter (Jahrgang 1925) kurz vor dem Grenzübergang Bad Hersfeld an, allseits bekannte deutsche Volkslieder zu singen: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach…“ Einmal, es mag im Jahr 1979 gewesen sein, stellte sie uns den Grenzern lächelnd vor: „Wir sind eine Gesangsgruppe aus dem Ruhrgebiet, Die Heidelerchen.“ Meine Tanten sangen leise mit, aber von den Grenzern bekam meine Mutter keine Antwort. Ich war 20, schämte mich und hatte nicht begriffen, wie klug meine Mutter war.

Ich war jung und naiv und fand die DDR eher exotisch als bedrohlich. Den Hinweis, dass wir von der Stasi abgehört werden könnten, nahm ich nicht ernst. Wir Jungen hatten vor niemandem Angst, fühlten uns groß und stark, schmuggelten Biermann-Tonkassetten über die Grenze und dachten uns nichts dabei.

Ich genoss Mias Gastfreundschaft. Ich habe selten so lecker gegessen. Einmal gab es mein Leibgericht, Sauerbraten. Gutes Fleisch konnte man nicht einfach kaufen, das musste organisiert werden, und ohne Westgeld war Filet kaum zu haben.

Ich bin ich nie dazu gekommen, einmal einen echten Broiler zu probieren, das berühmte DDR- Grillhähnchen: Fleisch für alle. Für Broiler standen die Menschen Schlange. Es waren besonders kräftige Tiere, fast so dick, wie man sich die Max- und Moritz- Hühner vorstellt. Echte Broiler, so lese ich im Internet, sind mit 1,3 bis 1,8 Kilogramm schwerer als das übliche Grillhähnchen (1,2 Kilo).

Erstaunliches bringt der deutschsprachige Wikipedia – Beitrag zu „Broiler“ zutage: In den 1950er Jahren war es offenbar einer Bremer Firma gelungen, aus mehreren alten deutschen Rassen ein besonders fleischreiches Huhn zu züchten und an eine US-amerikanische Geflügelfirma zu verkaufen. Da der Bremer Hafen während der amerikanischen Besatzung Versorgungshafen war, gab es gute Handelskontakte.

Das dicke deutsche Huhn war für die US-Amerikaner ein gefundenes Fressen. Doch hatte man hier bereits andere Methoden entwickelt, das Huhn besonders fleischreich zu machen: Durch Antibiotika. Im Jahr 1948, so schreibt Kathrin Blawat am 20.Juli in der SZ, „erkannte der US-Biologe Thomas Jukes, dass sich mit dem Antibiotikum Chlortetracyclin die Mast der Vögel beschleunigen ließ. Außerdem wurde es möglich, die Sonne durch synthetisch hergestelltes Vitamin D zu ersetzen.“ Vorbei war die Zeit der „freilaufenden Hühner.“ Dass Chlortetracyclin und synthetisches Vitamin D bei den „deutschen“ Hühnern zusätzlich zum Einsatz kamen, weiß ich nicht, aber es ist anzunehmen.

Zurück nach Europa: Nachdem Versuche der osteuropäischen Länder, ein fleischreiches Brathuhn zu züchten, gescheitert waren, beschloss der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe  Ende der 1950er Jahre, die Hühnerrasse von der US-amerikanischen Firma zu importieren. In Amerika hatte man dem Huhn, das allein darin seine Daseinsberechtigung hat, dass man es fressen wird, seinen klangvollen Namen verpasst: „Broiler“ ( engl. von to broil braten, grillen) Via Bulgarien verbreitete sich der Broiler dann im Ostblock.

Als das fleischige Huhn in den 1960er Jahren in der DDR ankam (und wie!), hielten viele „Broiler“ für ein deutsches Wort. „Broiler“ ist ein kräftiger Begriff, er reimt sich unrein auf das deutsche Wort „Keule“. „Keule“ bezeichnet zum einen den saftigen Hühnerschlegel, aber auch die Waffe, die bereits in der Steinzeit aus dem Oberschenkelknochen des mächtigen Auerochsen hergestellt wurde.

Der Broiler-Deal fällt in die Zeit des Kalten Kriegs. Die Welt wurde aufgeteilt in Ost und West. Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki begann ein neuer Krieg, der Kalte Krieg, das atomare Wettrüsten, die wechselseitige Androhung eines Atomkriegs. In Ost und West hatte die Staatsführung aus Brechts Dreigroschenoper gelernt:Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Nur weil sie endlich genug (und lecker!) zu essen hatten, haben die Menschen den atomaren Wahnsinn ertragen. Füttert sie mit Fleisch, dann halten sie still.

Für mageres, fettarmes Hühnerfleisch waren die Deutschen kurz nach dem 2. Weltkrieg noch nicht zu haben. Anders als die sportiven US-Amerikaner brauchten sie Schweinefleisch, sie wollten Haxenfett schlürfen. Im zerbombten Deutschland mussten nicht nur die Städte und das Schienen- und Straßennetz wiederaufgebaut werden. Um die Menschen mit Fleisch zu versorgen, bemühte man sich um die Wiederauffrischung des Schweinebestands. Kein anderes Nutztier „erholt“ sich so schnell wie das Schwein.

 

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Eine große Wiederaufbauleistung: In Sachsen verdreifacht sich zwischen 1945 und 1949 der Schweinebestand! Quelle: „Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft“

Die Menschen wollten nicht nur satt, sondern endlich wieder umfassend informiert, aber auch unterhalten werden: Erst kommt das Fressen, dann der Fernsehabend.  Sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik begannen 1952 mit der Ausstrahlung von Fernsehprogrammen. Sehr lesenwert: https://www1.wdr.de/archiv/rundfunkgeschichte/rundfunkgeschichte130.html

Die Nachkriegsjahre waren nicht nur düster. Die Menschen hatten zwar eine Diktatur und einen entsetzlichen Krieg erlebt, waren aber auch befreit worden. Zwar saßen viele Alt-Nazis schon bald wieder in leitenden Positionen, aber die Jungen brannten darauf, ihnen das Wohlleben nicht zu leicht zu machen.

Die Deutschen bekamen die große historische Chance, eine Demokratie zu gestalten, politisch und kulturell. Es gab noch den großen Unterschied zwischen Der Spiegel, gegründet 1947 von Rudolf Augstein, und Bild, herausgegeben seit 1952 von Axel Springer. In der jungen Demokratie waren viele Spiegel-Artikel politisch klug und voller Esprit:

Das Jahr 1964 ist ein besonderes Jahr. Sowohl in der BRD als auch in der DDR werden 1964 die meisten Kinder geboren. Auch die Wirtschaft boomt. Westdeutschland feiert das Wirtschaftwunder – und seinen „Schöpfer“ Ludwig Erhard. Von 1949 bis 1963 war Erhard Bundesminister für Wirtschaft, jetzt ist er Bundeskanzler. Erhard musste dick sein, einem dünnen, von Entbehrung gezeichneten Mann hätte man ein Wirtschaftswunder nicht abgenommen. Der muskulöse arische Idealköper, den die Nationalsozialisten propagiert hatten, war nach den Hungerjahren passé. Man sah Erhard an, dass es ihm schmeckte.

Ludwig Erhards Leibgericht war Pichelsteiner Eintopf – angeblich. Ob er nicht insgeheim doch lieber Delikatessen aß, wissen wir nicht. Offiziell war Erhard kein Gourmet. „Ludwig Erhard verschmähte Hummer und Kaviar, den Lufthansa-Chefstewardeß Christa Kathke anbot. Statt dessen wählte er Heringsfilet „Hausfrauenart“ als Vorspeise zur Brüsseler Poularde.“ Das berichtet  der Reporter Ernst Goyke 1964 in einem Spiegel-Artikel.

Ernst Goyke begleitet Ludwig Erhard auf seiner Flugreise in die Vereinigten Staaten. Hier findet die Amerika-Konferenz statt. Nur einen Tag vor dem Abflug, so Goyke, wurde im Bonner Bundestag die deutsche Parole verkündet, die sich rasch verbreitete: „Entspannung durch Wiedervereinigung“. Der Bundeskanzler, Autor des Buches „Wohlstand für alle“, isst das Menue für alle, aber fliegt Erster Klasse. Den Passagieren in der Zweiten Klasse stattet er dennoch gerne einen Besuch ab: „Als des Kanzlers Boeing 707 „Duisburg“ an der Südspitze Grönlands Kurs auf Neufundland nahm, machte Bonns Regierungschef einen Nachtischspaziergang durch den hinteren Teil der Kabine. Dort flog das Fußvolk: Sekretärinnen, Dolmetscher, Reporter und Polizisten.“

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46173843.html

Dass sich durch Erhards Besuch in den USA die Weltlage nicht entspannte und bis zur Wiedervereingung noch ein Vierteljahrhundert vergehen sollte, konnte man noch nicht wissen. Eines jedoch scheint gewiss: Auf der Amerika-Konferenz hat man Ludwig Erhard keinen Pichelsteiner Eintopf serviert. 

 

 

Stellwerk 60 – Ein Projekt mit Weitblick

Nach meinem „Elfchen im Achten“ musste ich Schelte beziehen. Warum redest du so kritisch über die Stadt Köln, wo du doch seit 42 Jahren ohne Unterbrechung gerne hier lebst?

Zu meiner damaligen Wahl sage ich heute noch einmal:  „Ja.“

Auch wenn ich manches kritisch sehe, hänge ich doch sehr an meiner Wahlheimat-Stadt. Man könnte mich nirgendwohin mehr verpflanzen. Der Mann meines Lebens ist gebürtiger Kölner, meine beiden Töchter sind hier aufgewachsen.

2007 haben wir in der Autofreien Siedlung Stellwerk 60 nichtsahnend ein Haus gekauft. Das Reihenhaus musste erst noch gebaut werden, es wurde höher, die erste Zwischendecke wurde eingezogen… Doch erst, als das Dachgeschoss fertig war, machten wir beim Blick durch das noch unverglaste Fenster eine Entdeckung. Ein Bauwerk, etwa drei Kilometer weit weg von hier, zeigte uns seine zwei Türme: Der Kölner Dom. Na ja, eher die Spitzen der Türme.

im Sommer nimmt uns ein hoher Baum mit üppigen Blättern die Sicht, aber spätestens an Weihnachten gibt der Winter den Blick wieder frei. Ohne die zwei Domspitzen, die manchmal im Nebel verschwinden, würde ich nicht wissen, wie oft es hier dunstig oder regnerisch ist. Aber eines weiß ich genau: „Mer losse d’r Dom en Kölle, denn do jehööt hä hin.“

Eine gute Kommunalpolitik gibt uns Bürgern den Raum, den wir brauchen. Nur so kommen wir uns nicht ins Gehege. Eine gute Idee:

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In den ersten zwei Ferienwochen gab es wieder „Mini-Nippes“, die beliebte Sommerferienfreizeit rund um die Olympiahalle (vgl. den Vorjahres-Beitrag hier im Blog). Damit die Kinder und Jugendlichen bequem parken konnten, hatte die Stadt Köln direkt vor dem Eingang zwei Auto-Parkplätze gesperrt, nur tagsüber natürlich. Es hat geklappt: Zwei Auto-Parkplätze gingen „verloren“, aber man hatte Platz für 24 Fahrräder und zwei Roller gewonnen… Da ohnehin viele Anwohner auf Reisen waren, gab es, soviel ich weiß, keine Beschwerden.

 

Ein Platz für Pflanzen:

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Allen Unkenrufen zum Trotz ist Köln auch eine grüne Stadt. Das Grün ist da, wir müssen es nur finden – und entsprechend pflegen. So sucht die Stadt Köln „engagierte Bürgerinnen und Bürger, die eine Patenschaft für ein Baumbeet oder eine Grünfläche in unseren Straßen, Grünanlagen oder auf Plätzen übernehmen.“ Wichtig: „Es dürfen für die Pflege des Grüns oder zur Bekämpfung von Schädlingen keine chemischen Mittel verwendet werden.“

Weitere Informationen: https://www.stadt-koeln.de/artikel/05239/index.html#

Elfchen im Achten: Jautsch

Die Stadt Köln schafft seit einiger Zeit nicht nur immer mehr Briefkästen, sondern auch öffentliche Mülleimer ab. Das trifft vor allem die Hundebesitzer hart, die ja die gefüllten „Hundekotbeutel“ nicht ewig mit sich herumtragen, sondern möglichst schnell loswerden wollen. Ich beobachtete folgendes: Als an der Ecke Sechzigstraße/Werkstattstraße der Bodenbelag des Bürgersteigs erneuert wurde, stand den Arbeiten ein Müllbehälter im Weg. Der wurde kurzerhand entfernt und nie wieder aufgestellt. Das ist kein Einzelfall. Auch andere vor allem für die Nippeser Fußgänger wichtige Abfallbehälter sind spurlos verschwunden. Zwei Beispiele: Ein Müllbehälter stand  an der Hartwichstraße kurz vor dem S-Bahnhof Nippes, direkt neben den Glascontainern, der zweite an der Kempener Straße auf Höhe der Bus-Haltestelle St. Vinzenz-Krankenhaus.

Mysteriös ist das Verschwinden nicht. Ein Mitarbeiter der AWB erklärte mir den Schwund folgendermaßen: Das Entfernen von  Mülltonnen geschehe in bester nachhaltiger Absicht. Die Stadt Köln wolle ihre Bewohner zu achtsamen, mündigen Bürgern erziehen. Stelle man weniger Mülltonnen bereit, würde auch weniger Müll produziert. Die Menschen würden vor dem Wegschmeißen noch einmal gründlich nachdenken, sie würden die Dinge besser pflegen und sorgsamer mit ihnen umgehen.

Ein Denkfehler mit Folgen: Der Wanderer, der kein Klo vorfindet, kann in seiner Not im Wald verschwinden. Doch mitten in Nippes gibt es keinen Wald. Und es ist nicht unbedingt ein Klo, das man braucht. Was soll man tun, wenn man eingekauft hat und im Rucksack platzt der Joghurtbecher auf oder der Saft läuft aus? Wer in solch einer Situation weit und breit keinen Abfalleimer findet, erklärt die (Um)Welt zur Müllkippe.

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Diese Quetschtube mit der Bezeichnung „Wahre Schätze“ hatte jemand -wütend, wie es scheint- auf den Bürgersteig geschmissen und noch mal nachgetreten. Die Tube beinhaltet weder Ketchup noch Mayonnaise, sondern eine REPARIERENDE SPÜLUNG.  Mit der Lüge, dass man Spliss reparieren kann oder dem falschen Versprechen, dass sich graue Haare wieder in braune verwandeln lassen, macht die Kosmetikindustrie schöne Geschäfte.

 

 

Jautsch

Klockslülps ulff

Weial schwulpp balumm

Blotzel seufzl loff ploff

Squiekasquiek

 

Die von mir im Elfchen benutzten Wörter stammen inklusive „Jautsch“ allesamt aus Band 3, 2005 der „Simpsons Classics“ (Superhelden im Überfluss). Meine jüngere Tochter hat jahrelang, als wir noch via Zimmerantenne die privaten Fernsehsender inklusive Pro7 empfangen konnten, „Die Simpsons“ geguckt, und sie hat Simpsons-Hefte gesammelt. Ich bewahre sie für sie auf: Wahre Schätze würde ich niemals wegschmeißen.

Im Impressum der deutschen Ausgabe wird leider kein Übersetzer genannt. Deutsch ist, wie man sieht, nicht nur eine Sprache der Dichter und Denker, sondern auch eine vortreffliche Comic-Sprache. „Jautsch“ habe nicht ich, sondern „Jautsch“ hat sich sozusagen selber geschrieben. Ich habe nur die im Heft verstreuten Wörter zum Elfchen zusammengestellt. Um die Ausdrücke dem Thema gemäß noch saftiger zu machen, habe ich ein paar Mal den Buchstaben „R“ gestrichen und ein paar Mal zusätzlich den Buchstaben „L“ eingefügt. Die schönen Wortneuschöpfungen „Jautsch“ und „Squiekasquiek“ habe ich unangetastet gelassen.