Après-Rad: Der aktuelle Kultur-Tip für die Mußestunden nach dem Stadtradeln

Die schönste Kunst findet man seltener in den großen Galerien als in den Hinterhöfen. Ein Hinweis der Nippeser Weinhändlerin Dagmar Johanna Matthias führte mich ins Atelier von Una Sörgel. Una Sörgel, Malerin und Bühnenbildnerin mit bewegter Geschichte, malt mit Wein. Ein kleine Ungeschicklichkeit bei einer abendlichen Mahlzeit hat Una Sörgel auf die Idee gebracht. Da ein Rotweinfleck auf weißem Unterleg-Papier sich nicht ausreiben ließ, hat sie einfach ein paar Tropfen hinzugegeben und das Malheur zur Methode gemacht: „Alles fließt“. Aus dem Fleck heraus entwickeln sich verschlungene Linien, sinnliche Figuren, eigenwillige Malereien mit feinen, fließenden Oberflächenstrukturen, Tentakel, die unter das Bild greifen wollen, was sag ich: Hingehen und anschauen!

Der Wein ist dabei mehr als nur Material. Tatsächlich fließt die Eigenart des Weins in diese Kunst ein: Die Traube, die Süße, die Frucht, die südliche Sonne, der Gesang der Zikaden, Geselligkeiten.

„Zeichnungen in Vinumtechnik“ heute (11.9.) noch im Rahmen der „Offenen Ateliers“ von 17.00 bis 21.00 Uhr Hogenbergstraße 1 im Hof, Köln-Nippes

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Wer will mit durch Kölle fahren?

Stellwerk 60 wurde gebaut auf dem Gelände eines alten Eisenbahn-Ausbesserungswerks. Wo Züge gewartet wurden, waren (und sind!) die Schienen nicht weit. Die S-Bahn fährt vorbei und sammelt am nahen Nippeser S-Bahnhof die Fahrgäste ein. Hinter den S-Bahn-Gleisen gibt es allerdings noch weitere Gleise, auch für den Güter-Verkehr. Ich wohne in Bahn-Nähe, habe mich aber längst an den dröhnenden Lärm der Güterzüge, die ab und an vorbeidonnern, gewöhnt. Doch wenn ich ihn auch kaum noch höre: der Sound der Schiene wird mir für immer im Ohr sein.
Am Sonntag, 11.9., gibt es die Gelegenheit zu einer Bahn-Reise in die Vergangenheit. Anlässlich des Tages des offenen Denkmals lädt das nur selten geöffnete Rheinische Industriebahn-Museum auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerkes Nippes im Stadtteil Köln-Longerich zu einem Besuch ein.  Man kann dort das Museum (Eintritt frei!) besichtigen, das unter anderem uralte Eisenbahnen beherbergt. Weitere Informationen gibt es auf der Web-Site www.rimkoeln.de, auch folgende schöne:

Ein besonderer Höhepunkt sind Rundfahrten mit historischen Eisenbahnfahrzeugen über die Strecke der denkmalgeschützten Köln-Frechen-Benzelrather Eisenbahn durch den Kölner Stadtwald nach Frechen. Besser bekannt auch als die Klüttenbahn.

Die Ticketpreise je Rundfahrten belaufen sich pro Person (ab 14 Jahre): In der 2 Klasse auf 12 Euro bzw. in der 1. Klasse auf 16 Euro. Kinder bis 14 Jahren fahren kostenfrei mit.

 

Team „Stellwerk 60 – SattelFest“ ist am Sonntag dabei. Treffpunkt: 13h an der Mobilitätsstation.

Bis nach Longerich dürften wir mit dem Rad etwa 20 Minuten brauchen. Dort haben wir genügend Zeit das Museum zu besichtigen, denn um 15 heißt es:

Wer will mit durch Kölle fahren?  Rückankunft gegen 16.30.
Anmelden kann man sich nicht, aber Marcel Kleppe, 1.Vorsitzender des RIM, versprach mir am Telefon, dass jeder einen Platz finden werde.
Kapitänin Annette wird voraussichtlich leider nicht mit dabei sein.
Herzliche Grüße und Ahoi, Teamkapitänin Lisa

Breite Unterstützung für das Projekt „Stadtkulturerbe Köln“

Am 23. Juni schrieb ich eine offene E-Mail an die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, in der ich die Erhaltung der historischen Grünanlagen einklagte und ihr vorschlug, analog zum Weltkulturerbe für Köln eine offizielle Initiative zum „Stadtkulturerbe“ einzurichten (hier im Blog zu lesen unter „Stadtschreiberin“). Diese Mail ging nachrichtlich auch an die Fraktionen, andere Politiker und die Presse. Nun hat ein großer Kreis Kölner und überregionaler Grün-Inititiativen und freundlicherweise diese Forderung aufgegriffen. Der offene Brief ist hier zu lesen: http://www.gruene-lunge-koeln.de/fakten/ver%C3%B6ffentlichungen/

Hinzufügung 28.9.2016 : Ich bin als Mitglied der BI „Grüne Lunge Köln“ Mitunterzeichnerin des oben genannten offenen Briefs. Nach einer Vortrags-Veranstaltung am 27.9.2016 im „Haus der Architektur“ möchte ich mich jedoch ausdrücklich von diesem Brief distanzieren. Folgende meines Erachtens undurchdachte und alberne Behauptung der drei Initiatorinnen stand an dem Abend unwidersprochen im Raum: „Das Kölner Grünsystem erfüllt alle Kriterien, um Weltkulturerbe zu werden.“ So schön es wäre, wenn Innerer und Äußerer Grüngürtel an oberster Stelle einer noch einzurichtenden Liste „Stadtkulturerbe Köln“ stünden – „Weltkulturerbe“ ist definitiv zu hoch gegriffen.

 

Das Land, wo sich Kohlentrassen in Radwege verwandeln – offene Mail an die WAZ Oberhausen

Als Abonnentin der „Süddeutschen Zeitung“ habe ich am 20. August das Oberhausen-Porträt „Wat willste?“gelesen. Dieser Text bedient leider alle Vorurteile und ist zudem gespickt mit den bunten Bildern einer austauschbaren, abgedroschenen Reise-in-die-Provinz-Fotografie.
Per Internet hab ich die muntere Leser-Diskussion verfolgt. Lachen musste ich über folgende Sätze im Facebook-Eintrag von Ferdinand Tegeler: „Der Autor lebt derzeit in Köln. Das erklärt vielleicht diese geistige Entgleisung.“ Da is wat dran. Es gibt tatsächlich ein Intelligenzgefälle. Menschen aus dem Ruhrgebiet sind allerdings nicht einfach nur klüger, sondern vor allem gewitzter: Den ruhrgebietseigenen Mutterwitz, gewürzt mit einer kleinen, aber feinen Prise Galgenhumor, findet man in Oberhausen, nicht aber in Köln vor.
Ich selber lebe seit 39 Jahren in Köln, ohne verblödet zu sein. Aber anders als SZ-Autor Bernd Dörries stamme ich eben nicht aus Stuttgart, sondern aus Bottrop. „Bottrop“ als Inbegriff von „Kohlenpott“ ist allerdings für den dünkelhaften Kölner noch eine Art Steigerungsform von „Oberhausen“. Das „cz“ in meinem Namen weist zudem auf schlesische Vorfahren hin, die Bergleute waren – keine Eintrittskarte in die Räume der Hochkultur. Wenn man etwa Theaterwissenschaften oder Kunstgeschichte studiert, ist ein polnischer Name -nebst Spuren von Bottropisch im mündlichen Ausdruck- noch immer ein Handicap. Aber ich hänge an meinem Namen -wie auch am Ruhrgebiet- und habe ihn auch nach der Heirat mit einem eschten kölschen Jung mit deutschem Namen nicht abgelegt und an meine beiden Töchter weitergegeben.
Doch eines muss -wenn auch verspätet- gesagt sein. Anders als in der WAZ behauptet ist es kein „Münchener Großstadtblick“, den Bernd Dörries auf Oberhausen wirft. Auch wenn er für die SZ schreibt, ist das Gesichtsfeld des „NRW-Korrespondenten“ beschränkt. Unter dem Beifall seiner Follower twittert Bernd Dörries am 23. August : „Ich bin heute der Aufmacher in der WAZ Oberhausen…“  Ich, Ich, Ich..
Aus eingeengter Ich-Perspektive sieht er nur das, was er sehen will. Es mangelt ihm an Phantasie und am offenen Ohr. Einem neugierigen, wachen Besucher erzählt das Ruhrgebiet seine oft wundersamen Geschichten, vielleicht auch die:
…Die Entdecker unter unseren Vorvätern und Vätern sind nicht über die Weltmeere gefahren, sondern haben Zeugnisse ferner Welten unter der Erde gefunden: Abdrücke, fossile, vorzeitliche Spuren. Manch ein Bergmann hätte die knochenharte, schweißtreibende Arbeit ohne die Hoffnung auf die Entdeckung von etwas Schönem kaum ausgehalten. Für dieses Finden und Entdecken steht im Ruhrgebiet vor allem sein Name: Arno Heinrich.
Arno Heinrich, Bergmann, archäologischer Autodidakt, Initiator und Leiter des 1961 gegründeten Bottroper Heimatmuseums (heute als „Museum für Ur- und Ortsgeschichte“ Teil des Museumszentrums „Quadrat“), hatte ein einzigartiges Gespür für verborgene Boden-Schätze verschiedener Epochen und war ein Meister darin, Fundstücke zu bergen, Verstreutes zusammen zu tragen und aufzubewahren. Bei Bau-Grabearbeiten im alten Emschertal fand er Tausende von eiszeitlichen Tierknochen. In Bottrop-Ebel, einem an Essen grenzenden Ortsteil, dessen Name an die Fruchtbarkeit der Emscherebene erinnert (Ebel= fruchtbares Wäldchen), entdeckte Arno Heinrich 1963 einen der größten Neanderthaler-Rasthöfe….
Zurück in die Gegenwart und zurück zu Bernd Dörries, der sich bei seinen Lesern anbiedert und in deren Köpfen falsche Bilder erzeugt. So kriegt man allerdings bayrische Schenkelklopfer auf seine Seite: „Was wohl in Hamburg oder München los wäre, wenn eine offene Kloake durch die Stadt fließen würde?“
Wem zur Renaturierung der Flüsse und Bäche nichts weiter einfällt als „das am besten laufende Kooperationsmodell des Ruhrgebiets“, der ist nie wirklich hier gewesen. Als ich letzte Woche an einem Bottroper Bächlein entlang lief, einem Nebenbach der Boye, die wiederum in die Emscher mündet, war ich für Momente fassungslos vor Freude. Die namenlose „Köttelbecke“ darf jetzt nicht nur endlich wieder Bach sein, sondern trägt auch wieder ihren alten Namen: „Vorthbach“. Wer kannte den schon?
Auch wenn das Projekt nie zu Ende sein wird, weil die Bodenabsenkungen ein ewiges Abpumpen notwendig machen, auch wenn die Umgestaltung Unsummen verschluckt: Die Renaturierung der Emscher und ihrer Nebenflüsse wird von unseren Nachkommen als eines der größten Wiedergutmachungsvorhaben bezeichnet werden, als ein historischer Versöhnungsversuch, denn hier gibt man nicht nur den Menschen den Fluss zurück, sondern der Natur ihren Raum.
Ich empfinde das Ruhrgebiet als Region mit einem Gestaltungsspielraum, den es in andernorts schon lange nicht mehr gibt. Ein „erschöpfter (und zugleich nervöser) Ort“ ist leider Köln. Wir erleben derzeit, dass diese Stadt gnadenlos zugebaut wird: Geld, Geld, Geld… Das Grün wird immer knapper. Selbst die denkmalgeschützten (und schlecht gepflegten) Grünanlagen des Inneren und Äußeren Grüngürtels sind von Bebauung bedroht.
Zurück ins Ruhrgebiet: Zwischen Oberhausen und Gladbeck erfüllt sich vielleicht demnächst (m)ein Kinder-Traum. Wir sind als Jugendliche gerne über die stillgelegte Flachglas-Trasse von Bottrop nach Oberhausen gelaufen, auch um das Geld für den Bus zu sparen. Es mögen 8 oder 10 Kilometer sein, das Steigen von Schwelle zu Schwelle war mühsam. Oft war es heiß und wir hatten kein Wasser dabei. Wenn du jetzt drei Wünsche frei hättest, hat mich meine Freundin damals gefragt, was würdest du dir wünschen?
Die Antwort war pragmatisch – wie im Märchen: Was zu trinken, einen schönen Radweg und ein Fahrrad.
Alaaf und Glückauf,
Lisa Wilczok
Mitglied der Bürgerinitiative „Grüne Lunge Köln“
Stadtschreiberin der Autofreien Siedlung Stellwerk 60 in Köln-Nippes