Ich musste 61 Jahre alt werden, um zu erleben, wie sich Stubenarrest anfühlt

Ich hatte als Kind nie Stubenarrest. Meine Eltern hätten sich vor uns Kindern geschämt, wenn sie uns Stubenarrest erteilt hätten. Sie waren überhaupt nicht autoritär.

Andere Eltern waren autoritär. Ihre Kinder bekamen Stubenarrest, obwohl es keinen Grund gab. Der Stubenarrest war eine reine Machtdemonstration. Einmal habe ich einen Stubenarrest miterlebt. Wir waren eine Handvoll Kinder, sechs oder sieben Jahre alt, und wollten ein Mädchen zum Spielen abholen. Babette, so hieß das Mädchen, durfte nicht nach draußen. Wir waren „kein guter Umgang“. Die Wohnung lag im Erdgeschoss. Immerhin durfte Babette das Fenster öffnen und mit uns reden, aber sie hätte sich niemals getraut, aus dem Fenster zu klettern. Peter, der selber eine strenge Mutter hatte, hatte die rettende Idee: Wenn Babette schon nicht nach draußen durfte, brachten wir das Draußen zu ihr.

Der Weg, der zum Garten führte, war mit roten Kieselsteinen bestreut. Wir gaben den Steinchen eine neue Funktion, sammelten sie ein und warfen sie durchs Fenster. Immer mehr… In meiner Erinnnerung ist das Zimmer mit Steinchen überschwemmt. Babette jubelt, sie watet singend durchs Steinchenmeer…

Irgendwann kam die Mutter ins Zimmer und knallte das Fenster zu. Doch dadurch hatte sie sich selber eingesperrt, stand sprachlos hinter der Scheibe und verstand die Welt nicht mehr.

Ich hoffe, es wird dem Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, CSU, einmal ähnlich ergehen. Entsetzt war ich, diese Drohung zu lesen: „Wenn sich viele Menschen nicht freiwillig beschränken, dann bleibt am Ende nur die bayernweite Ausgangssperre als einziges Instrumentarium, um darauf zu reagieren. Das muss jedem klar sein.“ Markus Söder kostet seine neue Macht aus, setzt die Bürger ins Unrecht und sich selber ins Recht. Das ist anmaßend und autoritär. Bayern hat am 20.3.2020 als erstes Bundesland „Ausgangsbeschränkungen“ verhängt, und alle anderen Länder sind Bayern gefolgt. Es ist zum Weinen und zum Lachen: Mit 61 Jahren habe ich zum ersten Mal im Leben Stubenarrest.

Heribert Prantl, Jurist, Journalist und Autor, langjähriger Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, nennt in einer Video- Kolumne die Ausgangsbeschränkungen „den größen Grundrechtseingriff, der den Bürgerinnen und Bürgern in Bayern seit dem Zweiten Weltkrieg widerfahren ist.“ https://www.sueddeutsche.de/politik/soeder-bayern-ausgangsbeschraenkung-1.4853207

Im Jahr 1949, als das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erlassen wurde, wurde mein Vater Ernst Wilczok, SPD, im Alter von 27 Jahren (ehrenamtlicher) Oberbürgermeister der Ruhrgebiets-Stadt Bottrop. Er blieb es (ehrenamtlich) 34 Jahre lang -mit zwei Unterbrechungen- bis zu seinem Tod im Jahr 1988. Niemals hätte er sich angemaßt, sich in das Leben der Bürgerinnen und Bürger einzumischen oder sie zu erziehen.

Herr Markus Söder, Sie verstoßen gegen Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Herr Söder, ich schäme mich für Sie – vor meinem vor 32 Jahren verstorbenen Vater.

 

IMG_2125

In ihrem Newsletter demonstriert die Stadt Köln, wie gut sie eine Katastrophe (die in diesem Fall keine ist) verwalten kann. Die Coronoia unserer Politik zerstört die Betriebe, die eine Stadt erst lebendig machen, wie etwa Kneipen, Cafés und Buchläden, führt aber nicht zur dringend notwendigen Entschlackung der Bürokratie.

Zweites Corona-Elfchen: Coronoia… War es nicht fahrlässig von Angela Merkel, sich in Erwartung des Höhepunkts der Krise noch gegen Pneumokokken impfen zu lassen?

Angela Merkel ist nicht corona-positiv. Das hat ein Test ergeben. Den Test hat Frau Merkel gemacht, als sie hörte, dass ihr Hausarzt mit dem Virus infiziert sei. Bei eben jenem Arzt hatte sie sich kürzlich gegen Pneumokokken impfen lassen. Pneumokokken sind Bakterien, die schwere Krankheiten wie etwa eine Lungenentzündung hervorrufen können. Die Pneumokokkenimpfung wird zur Zeit insbesondere älteren Menschen empfohlen, um sie gegen die „gefürchtete“ Doppelinfektion Corona/Pneumokokken zu schützen. Mit 65 Jahren gehört Angela Merkel zu diesen Personen.

Ich persönlich halte die Empfehlung für fahrlässig, denn die Impfung hat schwere Nebenwirkungen. Im Internet lese ich, dass „in den ersten drei Tagen nach der Impfung Allgemeinsymptome wie beispielsweise Fieber, Schläfrigkeit, unruhiger Schlaf oder Magen-Darm-Beschwerden (z. B. weniger Hunger oder Durchfall) auftreten“. Ich selber habe auch ohne Pneumokokken-Impfung weniger Hunger, habe Durchfall und schlafe unruhig. Ich weiß, es geht vielen Menschen ganz ähnlich.

Gerade jetzt, wo man den Höhepunkt der Krise noch erwartet, dürften sich die Menschen nicht mehr impfen lassen, denn die ernstzunehmenden Nebenwirkungen der Impfung machen die Menschen möglicherweise besonders anfällig für eine Infektion mit dem Corona-Virus. Eine Impfung gegen Pneumokokken, so sagt mir der gesunde, ungeimpfte Menschenverstand, wäre allenfalls dann sinnvoll, wenn sie mehrere Wochen vor dem Höhepunkt der Grippesaison verabreicht würde.

Angela Merkel ist in der DDR aufgewachsen und mit staatlichen Zwangsmaßnahmen vertraut. In der DDR wurden die Menschen zwangsgeimpft, auch die Erwachsenen. Sie mussten gute Gründe finden, um „nein“ zu sagen. Die Menschen, die in der Bundesrepublik Deutschland leben, sind gegen den staatlichen Zugriff auf Leib und Leben geschützt. Hier gilt eine Impfung als Körperverletzung. Wir können selber darüber entscheiden, ob wir uns oder unsere Kinder impfen lassen. Und das ist gut so.

„Schutzimpfungen sind in Deutschland grundsätzlich freiwillig. Impfungen stellen einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit im Sinne des Artikels 2 Grundgesetz dar, zu dem der Geimpfte bzw. seine Erziehungs- oder Sorgeberechtigten vorher die Zustimmung erteilen müssen.

Quelle: Schreiben des Bundesfamilienministeriums vom 18. März 2005 an EFI-Dresden  (https://www.impfkritik.de/koerperverletzung/)

Ende letzten Jahres schrieb ich an dieser Stelle: „Richtig dramatisch wird es, wenn eine „neue“ Krankheit auftaucht. Während der Schweinegrippen-Krise 2009 sind die Gesundheitsorganisationen weltweit in Panik geraten. Auch die deutsche Gesundheitspolitik hat damals die Besinnung verloren. Trotz vielfacher Warnungen wurden gigantische Mengen des ungeprüften Impfstoffes Pandemrix geordert. Die Impfung wurde bundesweit empfohlen, aber von den Bürgern kaum angenommen. Gott sei Dank, denn die Impfung hatte und hat erhebliche Nebenwirkungen. Bis heute sind alleine in Deutschland mehr als hundert meist junge Menschen an Narkolepsie erkrankt (viele von ihnen erst nach Jahren!). Die Pandemie ist jedoch ausgeblieben, Pandemrix-Dosen im Wert von 20 Millionen Euro mussten vernichtet werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben damals eine unrühmliche Rolle gespielt, indem sie in Sondersendungen für die Impfung geworben haben. Was, muss man sich fragen, wird bei einer „echten“ Pandemie passieren?“https://stellwerk60.com/2019/10/19/der-ideale-patient-pladoyer-fur-die-abschaffung-des-prapkurses/

Eine Epidemie aufgrund eines unerforschten Erregers ist oft schon vorbei, bevor ein verlässlicher Impstoff entwickelt ist. Den sogenannten Experten, die das Gegenteil behaupten, können und dürfen wir nicht vertrauen. Vor allem alte Menschen sind der ärztlichen Willkür schutzlos ausgeliefert. So hörte ich gestern von einer Zwangsmaßnahme in einem Seniorenheim. Mit dem schlichten Satz „Wir tun euch was Gutes“ kamen Mitarbeiter einer Gesundheitsbehörde zu den alten Menschen, um sie gegen Pneumokokken zu impfen. Niemand hat sich dagegen gewehrt. Die alten Menschen waren froh, überhaupt Zuwendung zu erfahren. Ich musste an das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ denken: „… So klopfte jemand an die Hausthür und rief: Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von Euch etwas mitgebracht…“

 

In

Traurigen Zeiten

Trägt der Böse

Wolf einen weißen Kittel

Coronoia*

 

Die treffende Wort-Neuschöpfung  „Coronia“ fand ich heute Nacht auf der klugen Internetseite des Münchener Kinderarztes Dr. Steffen Rabe: https://www.impf-info.de/82-coronoia/314-coronoia.html

P1040614

Plakataktion zur Weihnachtszeit.: Wir werden auch immer schön in Funkkontakt bleiben. „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt? Wer hat so viel Pinke-pinke,wer hat so viel Geld? “  (Kölnisches Karnvalslied, Jupp Schmitz 1949)

 

In der Grippesaison 2017/18 hat es alleine in Deutschland 25.000 Todesopfer gegeben – und es hat niemanden interessiert

Ein Gastbeitrag von Hans Manfred Schmidt

 

26. März 2020. Wir sitzen am Küchentisch und unterhalten uns über diese eigentümliche Stimmung der Corona-Depression, die uns alle erfasst hat. Wie seit Tagen ist der Himmel blau, kein Wölkchen ist zu sehen und der Frühling lädt uns zu Spaziergängen ein. Doch niemandem ist danach. Wie eine klebrige Trauer liegt die am Sonntag bundesweit verordnete Kontaktsperre und eine verhuschte Stille über allem.

Spielplätze sind dichtgemacht wie seinerzeit – die Älteren erinnern sich – im April 1986 nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl. Eine absurde Spirale der Self-fulfilling-prophecy sperrt uns alle ein. Alle dürfen nur noch einkaufen oder arbeiten gehen. Totale Kontaktsperre. Wenn zwei sich treffen, dürfen sie keinen Dritten in ihre Nähe lassen. Die verantwortlichen Politiker gefallen sich in der Pose, endlich von Staats wegen das Volk an der kurzen Leine zu führen. Es ist erschreckend, wie schnell und bereitwillig plötzlich alle zu Unteroffizieren werden. Endlich können wir auch so etwas wie einen Krieg miterleben. Lange erstrittene demokratische Grundrechte werden kurzerhand außer Kraft gesetzt. Für wie lange – das ist die Frage? Wir alle sind aufgewühlt und hilflos – was sollen wir tun? Ist Panik angebracht?

Schauen wir uns die Zahlen an: Die Ausbreitung des Virus scheint sich hierzulande leicht zu verlangsamen. Insgesamt sind in Deutschland noch immer weniger als 200 Menschen (Stand: 26.3.) an der durch das Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 gestorben. Durchschnittsalter: 82 Jahre. Das alles spricht eher für eine relativ harmlose Spielart des Virus. Alle haben sich an die jährlichen Grippewellen gewöhnt, bei denen wir hierzulande mit Jahr für Jahr Tausenden Influenza-Toten, ohne dass das jemanden groß aufregt.

Nichts deutet bislang darauf hin, dass die Lage nun gefährlicher ist als in den Jahren zuvor. Und doch hat sich eine gefährliche Eigendynamik der Maßnahmen entwickelt, die nun nicht mehr überdacht wird. Kritiker wie der Lungenfacharzt Wolfgang Wodarg (https://www.wodarg.com/vorträge/ werden schnell mundtot gemacht. Besonders die Wissenschaftsjournalisten der mutmaßlich seriösen und öffentlich-rechtlichen Medien, betätigen sich übereifrig als regierungsamtliche Faktenchecker: https://www.swr.de/wissen/dr-wodarg-versucht-corona-zu-verharmlosen-100.html                                           Auch andere Experten kritisieren die staatlichen Maßnahmen als übertrieben und als unüberlegt, wie der Harvard-Statistikprofessor John Ioannidis: A fiasco in the making?As the coronavirus pandemic takes hold, we are making decisions without reliable data https://www.statnews.com/2020/03/17/a-fiasco-in-the-making-as-the-coronavirus-pandemic-takes-hold-we-are-making-decisions-without-reliable-data/

Die Lage ist also tatsächlich sehr unklar und die Entscheidungen der Politik sind alles andere als evidenzbasiert. Der anerkannte Mikrobiologe und Emeritus der Uni Mainz Sucharit Bhakdi hält eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Maßnahmenkataloge der Politiker deshalb für unausweichlich: https://www.youtube.com/watch?v=ATPOxgutmgI

Tatsächlich reagiert unsere Öffentlichkeit sehr chinesisch. In China selbst entspannt sich die Lage. Die meisten derin China bestätigten 67.800 Erkrankungs-Fälle gab es in Wuhan. Hier wurden die ersten Infektionen registriert, es war die erste Stadt, die abgeriegelt wurde. Die Ausgangssperre im einstigen Corona-Epizentrum Wuhan wird nun Schritt für Schritt gelockert.Was die Zahlen angeht, wäre das alles also überhaupt kein Grund, in Panik zu verfallen; gefährlich scheint die Lage jedoch In Spanien und vor allem weiterhin in Italien zu sein. Warum ist das so? In Italien ist die Zahl der Toten und Infizierten erneut deutlich angestiegen. Innerhalb von 24 Stunden seien 662 Menschen an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben, teilten die Behörden mit. Die Gesamtzahl sei damit auf 8.165 gestiegen. Zudem sei bei inzwischen 80.539 Menschen das Coronavirus nachgewiesen worden (Zahlen vom 26.3.)Wie ist es zu erklären, dass ein Virus, das überall auf der Welt etwa so gefährlich ist wie die jährlichen Influenza-Viren in Italien zu so vielen Todesfällen führt?

Es wurden in den letzten Tagen bereits verschiedene Begründungen für die unerklärlich hohe Sterberate genannt: die hohe Luftverschmutzung in der Lombardei, die radikalen Kürzungen im Gesundheitswesen, die ungünstige Altersstruktur der Bevölkerung – aber keiner dieser Aspekte kann die eklatante Sterberate tatsächlich erklären. Nach den Zahlen von vor ein paar Tagen lag in Italien das Durchschnittsalter der an den Folgen einer Coronavirus-Infektion Verstorbenen bei 79,5 Jahren, teilte das italienische Institut für Gesundheit (ISS) am Mittwoch in Rom mit. 707 der in Italien an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorbenen Menschen waren laut der ISS-Statistik zwischen 70 und 79 Jahre alt, 852 zwischen 80 und 89 Jahre. 198 waren älter als 90. Nur 17 an der durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 Verstorbenen seien jünger als 50 gewesen, teilte das ISS mit.

Die Wissenschaftler machten rund ein Dutzend Vorerkrankungen aus, an denen die meisten der gestorbenen Covid-19-Patienten gelitten hatten. Etwa die Hälfte der Patienten hatten laut ISS mindestens drei Vorerkrankungen. Ein Viertel litt an zwei chronischen Krankheiten.Nur bei drei der Verstorbenen war keine Vorerkrankung bekannt. Lauert die tödliche Gefahr in italienischen Krankenhäusern?

Die exorbitant hohen Sterberaten in Italien lassen allerdings darauf schließen, dass der wahre Grund im System selber liegt, nämlich im völlig überlasteten und unterfinanzierten öffentlichen Gesundheitssystem des Landes. Niemand kann heute eine genaue Analyse der Situation vorlegen; im Moment kann man nur spekulieren. Und bei aller Vorsicht liegt eines doch auf der Hand. Die wahrscheinlichste Vermutung ist die, dass es eben die italienischen Krankenhäuser selbst sind, die diese tödliche Wirkung entfalten. Wie das?

In vielen deutschen Krankenhäusern galt man jedenfalls im Jahr 2015 schon als Hochrisikopatient, wenn man kurz zuvor in einem italienischen Krankenhaus behandelt worden war. So wurde man in einigen deutschen Krankenhäusern wie etwa der Uniklinik Kiel vorsorglich als Patient in Quarantäne gesteckt, wenn man irgendwann in den letzten Monaten in einem italienischen Krankenhausbehandelt worden war (s. den Beitrag der NDR-Journalistin Antje Büll: https://www.youtube.com/watch?v=aYG0pI-3Kzg). Denn die italienischen Krankenhäuser sind mit hochresistenten Krankenhauskeimen besiedelt, die – unter Fachleuten war das längst bekannt – den Aufenthalt in diesen Anstalten seit Jahren zu einer hochgefährlichen Sache machen. Warum ist das so?

Dahinter steht unser weltweit sorgloser und unverantwortlicher Umgang mit Antibiotika in der Tierzucht und in der Humanmedizin. Die WHO und diverse medizinische Experten warnen seit Jahren, aber niemand traut sich an die Lobbygruppen heran. Aufgrund unseres unverantwortlichen Umgangs mit Antibiotika werden Bakterien zunehmend antibiotikaresistent. Fast 700.000 Menschen in Europa infizierten sich im Jahre 2015 mit resistenten Keimen, zwei Drittel davon in Krankenhäusern. Mehr als 33.000 starben an den Folgen einer solchen Infektion. Das zumindest hat ein Team der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC geschätzt. Die Studie ist im FachblattLanceterschienen (Cassini et al., 2018).Die ECDC-Studie kam zu dem folgenden Ergebnis: Die europäischen Staaten sind unterschiedlich stark betroffen. In Italien sah es besonders schlecht aus. Das Recherchenetzwerk CORRECTIV hat zur internationalen Belastung mit Krankenhauskeimen ein umfangreiches und ausgesprochen informativesDossier zusammengestellt: https://correctiv.org/recherchen/keime/hintergrund/krankenhauskeime/

Ob die überraschend hohe Sterberate der Corona-Infizierten nun ursächlich mit der beschriebenen Verseuchung der italienischen Krankenhäuser mit multiresistenten Keimen tatsächlich zusammenhängt, das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht belegen; aber über einen möglichen Zusammenhang sollte man doch nachdenken.

 

Zurück am Küchentisch. Wir machen, was alle machen: Wir vergleichen die Zahlen der Infizierten und Toten in den einzelnen Ländern. Live-Ticker liefern Tote im Akkord. Wir finden das Gebaren der Medien furchtbar und zählen selber. Per Laptop, per Smartphone. Plötzlich entdeckt unsere jüngere Tochter eine ganz andere Zahl:  In der Grippesaison 2017/18 hat es alleine in Deutschland 25.000 Todesopfer gegeben. „Wie schrecklich“, sagt unsere Tochter und wird richtig böse. „Warum hat sich darüber niemand aufgeregt? Da hätte man doch viel eher die Schulen schließen müssen!“

Ich überlege kurz und antworte dann: „Die Grippe kennt man, sie ist identifizierbar. Corona kennt noch keiner. Was sie nicht kennen, macht den Menschen Angst. In ein paar Monaten werden wir Corona kennengelernt haben und hoffentlich begreifen, dass die Maßnahmen vollkommen überzogen waren.“

 

 

 

 

Dringender Appell an die Bundesregierung: Seid so besonnen wie die Schweden und öffnet die Kindertagesstätten und Grundschulen!

Was macht eigentlich Greta Thunberg in den Zeiten von Corona? Gestern habe ich gelesen, dass sie vor zehn Tagen von einer Reise nach Mitteleuropa zurückgekehrt war, Symptome hatte und direkt in die private Quarantäne gegangen ist. Sehr wahrscheinlich hat sich Greta Thunberg mit Corona infiziert, ebenso wie ihr Vater. Beide haben sich nicht testen lassen. Das ist vernünftig. Bei einem so hochansteckenden Virus ist es wahrscheinlich, dass sie sich infiziert hat, so wie sich wahrscheinlich Millionen junger Menschen, die ja gerne feiern und verreisen, infiziert haben. Da Greta ein Vorbild ist, hätte sie viele junge Leute animiert, sich ebenfalls testen zu lassen. Das hätte das Gesundheitssystem noch mehr belastet. Sei umarmt, Greta!

In die Schule geht Greta zur Zeit nicht. Nach dem Abschluss der neunten Klasse  im Jahr 2019 macht sie ein Jahr Pause, um anschließend aufs Gymnasium zu gehen. Schweden hat ein Schulsystem, wie ich es mir wünsche: Die Schüler gehen neun Jahre lang auf eine Gesamtschule, die anders als in Deutschland keine Angebotsschule ist, sondern eine Pflichtschule für alle. Neun Jahre lang dauert auch die Schulpflicht.

Schulen sind wichtig. Wir brauchen sie als Schutzräume, wo die Kinder und Jugendlichen zusammen kommen und gemeinsam miteinander und voneinander lernen. In Schweden bleiben trotz Corona alle Gesamtschulen geöffnet. Und das ist gut so, denn nur dann, wenn die Kinder zur Schule gehen können, können sie ihr Recht auf Bildung einlösen.

Erlebten wir eine Seuche, wäre es richtig, die Schulen zu schließen, aber Corona ist keine Seuche. In Deutschland, so fürchte ich, werden die Kinder nicht ernst genommen. Die Zwangsmaßnahmen unser Regierung, vor allem die Schließung der Kindergärten und Schulen, treffen die, denen das Virus nichts anhaben kann: Die Kinder. Kinder brauchen Grenzen, wird immer gesagt. Ja, aber vor allem brauchen sie Räume, wo sie sich frei entfalten können. Aber vor allem brauchen Kinder Kinder. Zur Zeit dürfen in vielen Ländern die Kinder nicht zu den Kindern. Neuerdings schaut man mit Misstrauen auf jedes Kind: Auch du könntest ein Überträger sein.

 

IMG_2062

Der größte Spielplatz innerhalb der autofreien Siedlung. Bei schönem Wetter ist hier der Bär los. Das Spielzeug liegt rum, es gehört allen, hier nimmt keiner was weg. In Corona-Zeiten ist alles anders. Als handele es sich bei der Sandfläche um ein Minenfeld.

 

P1050152

Spielplatz in Westberlin nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26.4.1986 © imago Foto: Jürgen Ritter. Offenbar war die Politik auch damals total überfordert. Was sich hier als Schutzmaßnahme ausgibt, sieht nicht nur ähnlich aus, sondern war ähnlich hilflos. Der Unterschied: Damals war wirklich eine (von Menschen verursachte) Katastrophe passiert. Uns Westdeutsche ereichte nur eine Wolke. Entsetzliche Folgen hatte das Unglück insbesondere für die Menschen in der Ukraine, die damals Kinder waren. Wir horchen auf, wenn wir hören, wie viele Kinder an Schilddrüsenkrebs oder Leukämie erkrankt sind. Was uns kaum aufhorchen lässt, ist die extrem hohe Zahl verschiedener psychischer und somatischer Erkrankungen. Das Unglück und das Verschweigen waren Angriffe auf das Leben und auf die Lebensfreude: „Nach dem Unfall im Kraftwerk Tschernobyl haben die Medien in der Sowjetunion zuerst geschwiegen. Obwohl sich das Ausmaß der Tragödie bereits am 27. April deutlich abzeichnete und die 50.000-Einwohner-Stadt Prypjat nahe dem Kraftwerk evakuiert wurde, rief die sowjetische Führung die Menschen trotzdem zur Teilnahme an den 1.-Mai-Feierlichkeiten auf.“ Abgestempelt und vergessen: https://www.welt.de/politik/ausland/article154734463/Ich-das-Tschernobyl-Kind.html

Am Sonntag war die Schlange vor der Nippeser Bäckerei Güsgen noch länger als sonst,  wegen des Sicherheitsabstands, den wir Kunden einhalten sollten. Wie immer waren viele Kinder dabei. Das hat einen Grund, denn Frau Güsgen mag die Kinder sehr. Jedes Kind, das in die Bäckerei kommt, kriegt ein kleines Schoko-Weckchen geschenkt. Frau Güsgen ist neugierig und fragt jedes Kind: „Habt ihr noch mehr Kinder zu Hause?“ Und manchmal hört man Antworten wie: „Ja, meine Schwester. Aber heute übernachten noch vier bei uns.“ Dann freut sich Frau Güsgen und packt 6 Weckchen in die Tüte. Hier in der autofreien Siedlung haben die Kinder oft Übernachtungsgäste. In Friedenszeiten sieht man am Wochenende oder in den Ferien jeden Abend Kinder mit Bettdecken unterm Arm von Haus zu Haus laufen. Sie wohnen nah beieinander. Ein bisschen ist es hier wie in Bullerbü.

Vor der Bäckerei stand ein Kind. Es war ein bisschen gelangweilt und bohrte in der Nase. „Nicht in den Mund stecken!“, schrie der Vater. Traurig: In den Zeiten von Corona ist den Kindern nicht einmal das Popeln erlaubt.

P1040332

Im Ruhrgebiet, wo ich herstamme, heißen sie Stutenkerl in Köln Weckmann. Sie sind das klassische Sankt Martins-Gebäck. Im letzten Jahr hatte Bäcker Güsgen einen Riesen-Weckmann gebacken. Jedes Kind, das in die Bäckerei kam, kriegte an diesem Tage ausnahmsweise kein Schokoweckchen, sondern ein Stück Weckmann.

 

Am 6.4. würden in NRW die Osterferien beginnen. Doch in diesem Jahr fallen in ganz Deutschland die Osterferien aus. Denn wenn immer schulfrei ist, gibt es auch keine Ferien. Und wenn es keine Osterferien gibt, fällt auch die Vorfreude auf Ostern aus. Wie doof es sich anfühlt, immer Ferien zu haben, weiß Pippi Langstrumpf.

„Da lobe ich mir die Schulen in Argentinien“, sagte Pippi und sah auf die Kinder herunter. „Da solltet ihr hingehen. Da fangen die Osterferien drei Tage nach Schluß der
Weihnachtsferien an, und wenn die Osterferien zu Ende sind, dauert es drei Tage, und da fangen die Sommerferien an. Die Sommerferien hören am 1. November auf, und dann hat man natürlich eine ordentliche Last, bis am 11. November die Weihnachtsferien anfangen. Aber das muß man aushalten. Jedenfalls hat man keine Schularbeiten. Es ist in Argentinien streng verboten, Schularbeiten zu machen. Manchmal kommt es vor, daß ein oder das andere argentinische Kind sich in einen Schrank schleicht und Schularbeiten macht. Aber wehe, wenn seine Mutter das sieht….“

Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf/Pippi in der Villa Kunterbunt (als pdf im Internet)

 

 

 

Corona-Elfchen: Klammheimliche Freude eines Halsbandsittichs

Wir

Haben uns

Aus dem Käfig

Befreit. Ihr seid bereitwillig

Käfigbereit

 

IMG_2058

Keine Kondensstreifen am tiefblauen Corona-Himmel. In der Birke sitzt aufrecht ein Nachfahre der unten porträtierten, freiheitsliebenden Halsbandsittichin.

Die Halsbandsittiche, die in Europa als Wildvögel leben, sind sogenannte „Gefangenschaftsflüchtlinge“. Sie stammen aus Asien oder Afrika, sind dort von Menschen eingefangen und nach Europa verschleppt worden. Ihrer Schönheit wegen brachte sie Alexander der Große vor 2300 Jahren aus Asien nach Griechenland. Das Wort „Halsbandsittich“ täuscht, denn es klingt so, als könne man den Vogel an die Leine legen. Doch Papageienvögel sind freiheitsliebend. Auch den Vorfahren der rheinischen Halsbandsittiche ist es irgendwann gelungen, sich aus den Käfigen und Volieren zu befreien. Der Ausbruch der Kölner Papageienvögel könnte sich folgendermaßen zugetragen haben:

 

Ein Kölner Papageienzüchter besaß ein Halsbandsittichpaar. Doch nach ein paar Jahren legte das Weibchen immer weniger Eier. „Die schöne Dame ist zu faul zum Brüten“, dachte der Züchter und kaufte einen Brutofen. Aber jetzt paarten sich die Sittiche gar nicht mehr. Also wollte der Züchter die Vögel töten und ausstopfen. Aussetzen wollte er sie nicht, denn dann würden die Leute sich an der Schönheit der Vögel ergötzen, ohne auch nur eine Mark bezahlt zu haben.

„Du bist eine einzige Enttäuschung“, sagte der Züchter zum Weibchen. „Dabei fand ich dich mal schön. Aber du kannst nicht einmal singen.“ Die Sittichin erschrak, denn sie ahnte nichts Gutes. „Das tut mir leid“, sagte sie. „Aber ich würde mich freuen, dir ausgestopft in voller Schönheit zur Verfügung zu stehen. Darf ich dir fliegend meine Federn zeigen? Ich flieg auch gerne alleine.“ Der Züchter rümpfte die Nase: „Dann scheißt du mir das Haus ein, und ich hab kein Klopapier mehr.“ Die Sittichin hatte eine Idee: „Trag den Käfig nach draußen.“ Der Züchter hob den schweren Käfig auf eine Schubkarre. Draußen öffnete er die Käfigtür. Die Sittichin flog aus, und obwohl die Versuchung groß war, kam sie zurück, denn sie wollte das Männchen nicht alleine lassen. Außerdem war sie ihm nicht nur treu, weil kein anderes da war.

„Ich hab schon Schöneres gesehen“,  sagte der Züchter. „Das lässt sich ändern“, entgegnete das Halsbandsittichweibchen. „Wie du weißt, paaren sich mein Männchen und ich schon lange nicht mehr. Aber am Schönsten fliege ich immer noch dann, wenn ich mein Männchen dabei haben kann.“ Der Züchter öffnete die Käfigtür…

 

 

 

 

Manchmal könnte ich Corona küssen

Natürlich dürfen wir Corona nicht unterschätzen. Für ältere Menschen mit schweren  Vorerkrankungen ist die Krankheit lebensbedrohlich. Ich denke an meinen Bruder, der vor über 20 Jahren die Legionärskrankheit hatte, die von einer schweren Lungenentzündung begleitet war. Um seine Erstickungs-Angst zu beschreiben, sagte er später: In meinen Lungen war gerade mal für so viel Luft Platz, wie sie in einen Fingerhut passt. Das stelle ich mir schrecklich vor. Wenn ich als gesunder Mensch tief Luft hole, fühlt es sich ja so an, als füllten sich nicht nur meine Lungen, sondern auch Bauch, Kopf und Gliedmaßen mit Atem.

Anders als etwa Corona wird die Legionärskrankheit durch eine bakterielle Infektion (mit Legionellen) hervorgerufen, die mit Antibiotika behandelt werden kann. Dank gezielt eingesetzter Antibiotika wurde mein Bruder wieder gesund. Wenn Sie älter wären, hätten Sie das nicht überlebt, hat man damals zu ihm gesagt. Jetzt ist er älter. Von der Legionärskrankheit hat er eine chronische Bronchitis davongetragen und eine panische Angst vor Infektionskrankheiten. Ich hab Angst um meinen Bruder, auch und gerade, weil er Angst hat.

Angst, so sagt man, blockiert die Immunabwehr. Und Angst blockiert die Selbstheilungskräfte. Aus Angst rufen viele Menschen auch dann nach Hilfe, wenn sie sich eigentlich selber helfen könnten. Wenn sie erkranken, erwarten sie die Heilung durch eine Medizin, die oft nicht heilen kann, sondern nur helfen, die Symptome zu lindern. So im Fall Corona.

Was Corona angeht, war ich eine Weile ziemlich niedergeschlagen, weil die Krankheit hoch ansteckend ist. Mit Hygienemaßnahmen kann man gegen Corona nicht viel machen, denn die Krankheit überträgt sich im alltäglichen menschlichen Mit- und Beieinander. Doch vor etwa zehn Tagen las ich dann einen Beitrag, der mich optimistisch stimmte: https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-kinder-infizieren-sich-offenbar-genauso-haeufig-werden-aber-nicht-krank-a-72e2a605-5865-4d23-81b1-c1c4f453d659 Ganz anders als etwa die Pest (die es immer noch gibt) ist Corona zwar nicht behandelbar, kann aber Kindern nicht viel anhaben… Manchmal könnte ich Corona küssen – und lasse es lieber.

Warum nur hat Angela Merkel aufgrund dieser guten Nachricht keine Luftsprünge gemacht, warum nur hat die kleine „Frohe Botschaft“ sie nicht ein bisschen entspannt? Ich fürchte, dass sich Angela Merkel längst abgefunden hat mit der katastrophalen Situation, in der sich die Menschheit nicht erst seit Corona befindet. Selbst in der Katastrophe kann man es sich noch eine Weile wunderbar bequem machen. Gegenüber Greta Thunberg und den weltweit streikenden und demonstrierenden, um ihre Zukunft kämpfenden jungen Menschen hat sich unsere Politik verantwortungslos und „erbärmlich“ verhalten: Ignorant, gönnerhaft und autoritär. Es scheint, als würde man den Jungen ihre lebensbejahende Haltung und ihre physische und psychische Stärke missgönnen.

Erkranken jüngere Kinder nur schwach, weil sie in der Regel noch voller Lebenslust sind und keine Todesangst haben? Ich frage unsere sozial und politisch engagierten Töchter (24 und 20), die beide (im Master bzw. Bachelor) Psychologie studieren und zur Zeit coronabedingt in Köln sind: Was glaubt ihr, warum kann Corona Kindern nicht viel anhaben?

Kinder sind noch näher an der Natur, sagte die Ältere, die Kleinen sind spielerisch und unbefangen. Ich sage: Oft empfinden ältere Menschen eine Erkrankung als Angriff von außen und sich selber als Opfer, das tun Kinder nicht. Wir spekulieren weiter. Irgendwann sagt die Jüngere einen Satz, der mir Gänsehaut macht: Corona ist wie von einer menschenliebenden Gottheit geschickt, die es gut meint mit der Umwelt und mit den Kindern.

Jetzt sind wir dran, sagen die Jungen. Zettel wie dieser hingen am Wochenende überall in unserer Siedlung aus.

P1050019

„… Da wir ausnahmsweise aufgrund unseres Immunsystems den stärkeren Teil der Bevölkerung ausmachen… “ Ich finde, die jungen Leute machen schon seit Jahren aufgrund ihrer Unbeirrbarkeit in Fragen der Klimapolitik den stärkeren Teil der Bevölkerung aus! Mittlerweile hat der Verein Nachbarn60 die Idee aufgegriffen und ebenfalls Nachbarschaftshilfe angeboten. Aus der aktuellen Mail an alle Bewohnerinnen und Bewohner der autofreien Siedlung: Personen und Familien, die Unterstützung benötigen, schicken eine Anfrage (mit Zeitpunkt, Kurzbeschreibung der Tätigkeit, Einschätzung der Dauer) an helferpool@nachbarn60.de

 

17. März: Die erste Pusteblume

P1050043

Lieber Eberhard, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Scheinheilig Geist im Kölner Norden

Werner Bartens, Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, Menschenfreund und Mediziner, ein Journalist mit Freude an der Wahrheitsfindung, hat im Herbst letzten Jahres über einen Apothekenskandal recherchiert und dabei einen Krankenkassenskandal aufgedeckt: Weil sie anlässlich der Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes die krankenkassenfinanzierte Billigvariante einer Zuckerlösung zu sich nahmen, die in der Apotheke zubereitet worden war, starben in Köln zwei schwangere Frauen. https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/apotheken-koeln-glucose-loesung-schwangerschaftsdiabetes-1.4623731

Bartens nennt auf den Cent genau die beschämend geringen, entlarvenden Beträge: Die Kosten für die Fertiglösung, die für die Frauen viel sicherer ist, betragen zwischen 4,59€ und 5,53€, sind also ohnehin schon billig. Dennoch werden die Kosten seit 2016 mehr erstattet. Damals haben die Krankenkassen, so Bartens, mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vereinbart, dass künftig nur noch die selbst angerührte Zuckerlösung bezahlt wird, für die die Apotheker gerade mal 1,21 Euro bekommen. Gerade in der Schwangerenbetreuung offenbart sich die Doppelmoral unseres Gesundheitssystems. Während etwa der sogenannte „Wunschkaiserschnitt“ generös finanziert wird, knausern die Kassen ausgerechnet da, wo eine sorgsame Schwangerenvorsorge wichtig und sinnvoll ist. Dass hier pro schwangerer Frau rund vier Euro eingespart werden, ist verantwortungslos und grob fahrlässig.

Dass der „Tatort“ nicht irgendeine Kölner Apotheke war, sondern die Heilig Geist-Apotheke in Longerich, ließ mich aufhorchen. Die Apotheke liegt auf dem Gelände des Heilig Geist-Krankenhauses. Zum Nippeser St. Vinzenz-Hospital, nur einen kurzen Fußweg weit weg von der autofreien Siedlung Stellwerk 60, hat das Heilig-Geist eine eher unheilige Beziehung.

An eben jenes Heilig Geist-Krankenhaus ist nämlich vor zwei Jahren der erst 2013 eröffnete Nippeser Hebammenkreißsaal „umgezogen“ – und die gesamte Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. Der einzige Hebammenkreißsaal in ganz Köln war gut ausgelastet. Der Grund für die Schließung der Abteilung war kalte Ökonomie: Der Rückgang der gynäkologischen Operationen. Die Abteilung hat sich nicht mehr rentiert. Die Zahl der (früher einmal viel zu oft ausgeführten) Gebärmutterentfernungen ging auch in Nippes deutlich zurück. Einem profitorientierten Gesundheitsmanagement ist die schöne Nachricht ein Dorn im Auge. Nicht stattfindende Operationen rechnen sich nicht. https://www.hebammen-nrw.de/cms/aktuelles/meldungen/einzelansicht/datum/2017/04/06/st-vinzenz-klinik-in-koeln-schliessung-im-rundumschlag/

Da auch das Kölner Geburtshaus seit 2004 nicht mehr in Nippes ansässig ist, ziert der stolze Aufdruck „Born in Nippes“, ob in rosa oder bleu, kaum noch einen Baby-Strampler, auch wenn die Hausgeburtszahlen wieder steigen. Das liegt daran, dass der GKV,  der bundesweite Verband der Krankenkassen in Deutschland,  mittlerweile dazu verpflichtet ist, den Hebammen Sicherstellungszuschläge zu zahlen, die die Kosten der hohen Haftpflichtversicherungs-Beiträge (ab dem 1.7.2020 9.098 Euro jährlich!) weitgehend auffangen. (Zur Erinnerung: Viele Hebammen, die Hausgeburten betreut hatten, mussten aussteigen, als die Beitragssätze für die Haftpflichtversicherung  im Jahr 2014 horrend anstiegen.) Der bleibende Schaden: Die hohen und ständig steigenden Versicherungsbeiträge suggerieren, dass während der Hausgeburten immer mehr Katastrophen passieren, was in keiner Weise den Tatsachen entspricht.

Der Hebammenkreißsaal im Veedel Nippes ist passé. Am wirtschaftlich arbeitenden Heilig Geist-Krankenhaus interessiert das nicht. Man arbeitet gemäß den Richtlinien eines „prozessorientierten Qualitätsmanagementsystems.“ „Qualität“ ist im Zusammenhang mit Geburten ohnehin ein fragwürdiger Begriff, aber am Heilig-Geist ist eben diese Qualitätssicherung das Aushängeschild. „Die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe ist DIN EN ISO 9001:2008 zertifiziert“, heißt es rot und fett gedruckt im Internet.

Das Heilig-Geist ist „erfolgreich“, denn die Abteilung boomt. Doch dass man den Zuwachs an Geburten im Jahr 2018 um rund 21% insbesondere dem Dichtmachen der Abteilung in Nippes zu verdanken hat, wird in der offiziellen Presseinformation vom 18.Januar 2019 verschwiegen. Scheinheilig Geist im Kölner Norden. http://www.hgk-koeln.de/fileadmin/user_upload/Krankenhaeuser/Heilig_Geist/Presse/Presseinformation_Frauenklinik_Geburtshilfe_2019_final.pdf

Heutzutage kann es sich auch ein Geburtshaus nicht mehr leisten, die Kriterien des  „Qualitätsmanagements“ zu ignorieren. Das Kölner Geburtshaus ist laut Internetseite  DIN ISO 9001:2015 zertifiziert. Doch gerade Frauen, die sich für eine Entbindung im Geburtshaus entscheiden, gucken auf andere Zahlen, und die sind beeindruckend:

Etwa ein Viertel aller Frauen, deren Geburt im Geburtshaus beginnt, entbinden nicht dort. Oft müssen die Frauen doch noch ins Krankenhaus gebracht werden, weil Komplikationen auftreten. Wann es brenzlig wird oder werden könnte, haben die erfahrenen Hebammen genau im Blick. Wenn die Frauen dann doch im Krankenhaus „landen“, ist das noch lange nicht gleichbedeutend mit einem Kaiserschnitt. Von allen Geburten, die von Hebammen des Geburtshauses Köln betreut wurden (zu Hause oder im Geburtshaus), endeten im Jahr 2016 nur 6,2% mit einem Kaiserschnitt (deutschlandweit 31,1%!)

Übrigens: Das 5000. Kind, das im Kölner (ursprünglich Nippeser, mittlerweile Ehrenfelder) Geburtshaus zur Welt kam, wurde im November 2019 geboren, heißt Karl und ist ein…..

NIPPESER Jung!

 

Clownin Carla, born in Bensberg 1999

P1050033

Ferien auf Spiekeroog 2001: Das Leben ist lecker!

 

 

 

Herz am Bluten: Plädoyer für eine kleine, aber entscheidende Korrektur im Organspendeausweis

Die moderne Medizin versucht, nicht nur das Gebären, sondern auch das Sterben immer mehr unter ihre Kontrolle bringen. Das ist ein müßiges Unterfangen, denn die Natur ist unkontrollierbar. Dabei werden Grenzen überschritten, die man niemals hätte überschreiten dürfen. Doch gerade da, wo die Medizin Tabus verletzt, wird sie sentimental verklärt. Sie braucht ihre Geschichten – und ihre Helden. Zur vielleicht größten Heldengeschichte der Medizin wurde die erste Herztransplantation.

Anlässlich des 50. Jahrestages wies Werner Bartens Ende 2017 darauf hin, dass die erste Herz-Transplantation nur zur Heldengeschichte werden konnte, weil es nicht um irgendein, sondern um ein besonderes Organ ging: „Trotz Kardiologie und Herzchirurgie mit Transplantation, Bypass und Stents hängen wir noch immer am alten Bild vom Herzen, seiner Form und Bedeutung für die menschliche Identität. Ohne diese extreme Idealisierung wäre die Geschichte der Herztransplantation weitaus weniger glamourös verlaufen.“ https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizingeschichte-der-pionier-der-herzchirurgie-erste-transplantation-vor-50-jahren-1.377387

Offenkundig ist das Herz der Sitz der innigsten Gefühle. Was jeder kennt: Uns klopft das Herz, wir spüren einen Stich im Herzen, das Herz fällt in die Hose, wir haben etwas auf dem Herzen, wir sind ein Herz und eine Seele. „Unser Hätz schlät för dä FC Kölle“, singen die Kölner. Und obwohl die FC-Führungsetage derzeit Ungutes plant (die Bebauung der „Gleueler Wiese“ mit Trainingsanlagen), singe ich mit.

P1050014

Sogenanntes „Wurfmaterial“ im Kölner Karneval bzw. „Kamelle“… Den Ausdruck HERZ AM BLUTEN hörte ich zum ersten Mal, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Es muss um 1965 gewesen sein. Ich sehe mich in einer größeren Kindergruppe auf einem Kindergeburtstag. Es gab Süßigkeiten, aber auch Erdnussflips, die man seit Anfang der 1960er Jahre, wie ich bei wikipedia lese, in West-Deutschland kaufen konnte. Als die Tüte dreiviertel leer war, habe ich sie mir unter den Nagel gerissen, um sie mit nach Hause zu nehmen. Das ging natürlich nicht. Die anderen Kinder wurden böse und meckerten, bis der Vater des Geburtstagskindes zu mir kam und sagte: „Du machst den Kindern Herz am Bluten.“ Ich war damals tief schockiert, denn ich hatte gleich ein Bild vor Augen: Blutende Herzen. Ich gab die Ernussflips wieder ab und spürte: Teilen tut gut. (Etwas in mir dachte ganz anders: Meim nächsten Mal musst du dich schlauer anstellen) Zum Schokoladentäfelschen: „Et Hätz schleiht em Veedel“ war das Motto des diesjährigen Kölner Rosenmontagszugs. Übersetzt heißt das: „Das Herz schlägt im Viertel.“ Ming Hätz schleiht allerdings nit em Veedel, denn es gibt für mich nur ein Viertel: Ming Hätz schlät för Nippes!

In seinem Märchen „Die Schneekönigin“ entwirft der dänische Dichter Hans Christian Andersen das Bild einer verkehrten Welt, die der heutigen erstaunlich ähnelt. Ich zitiere, weil ich es kaum so gut auf den Punkt bringen könnte, die Zusammenfassung aus dem wikipedia-Beitrag:  „Vor langer, langer Zeit erschuf ein Teufel einen Spiegel, der alles Schöne und Gute verzerrt und hässlich aussehen ließ. „Die schönste Landschaft sah wie gekochter Spinat aus.“ Das Böse trat darin gut hervor. Eines Tages jedoch fiel der Spiegel dem Teufel aus den Händen und zersprang in viele tausend Stücke, große und kleine, die, je nach Verwendung durch die Menschen, viel Ärger und Verwirrung stifteten. Trafen sie einen im Herzen, so wurde es so kalt wie Eis, und trafen sie einen in die Augen, so sah er alles um sich herum nur noch hässlich und böse. So verteilten sich die Splitter des Zauberspiegels über die ganze Welt.“

Einer dieser Splitter muss Christiaan Barnard, den Mann, der als erster ein menschliches Herz „verpflanzt“ hat, mitten ins Herz getroffen haben. Durch gezielte Fragen entlockt der Journalist Ulli Kulke in einem Welt-Interview vom 4. Juli 2001 Barnard kurz vor dessen Tod am 2. September 2001 erschreckend offene Antworten. Hier entpuppt sich der Held und Saubermann als der, der er wohl eigentlich war: Ein Mann, der nicht lieben kann.

„… Barnard: Als es in Südafrika noch die Todesstrafe gab, sprach ich mal mit dem damaligen südafrikanischen Premierminister John Vorster. Fast jede Woche gibt es eine Exekution, sagte ich ihm, können wir da nicht die Organe von den Hingerichteten bekommen? Wir diskutierten lange darüber, ich hatte großen Bedarf an Organen. Doch schließlich stimmten wir beide darin überein, dass wir die Finger davon lassen sollten…“

https://www.welt.de/print-welt/article461044/Design-Kind-Warum-nicht.html

Als im Jahr 1967 das erste Herz „verpflanzt“ wurde, „glaubte“ man noch an den Herztod: Der Mensch ist erst dann tot, wenn sein Herz aufhört zu schlagen. Als der 25jährigen, hirntoten Denise Darvall das Herz entnommen wurde, um es in die Brust des 54jährigen Louis Washkansky einzusetzen, schlug es noch. War die Entnahme des Herzens dann nicht eine Tötung? Hatte man Denise Darvall nicht bei lebendigem Leib das Herz entrissen? Und ist es nicht obszön, ein weibliches Herz in einen männlichen Körper zu verpflanzen?

Um die erste Herztransplantation im Nachhinein legitimieren zu können, musste der Tod schnell neu definiert werden.  „Im April 1968 stellte die Kommission der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie das Ergebnis ihrer Arbeit unter dem Titel „Todeszeichen und Todeszeitbestimmung“ vor. Nach der französischen medizinischen Akademie bejaht auch die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie das Hirntodkonzept. Menschen mit irreversiblem Funktionsverlust des Gehirns werden als Tote angesehen.“ (wikipedia) eine vertuschung

In Deutschland, so lese ich, haben über 80% der Medizinstudentinnen und Medizinstudenten einen Organspendeausweis. Die jungen Menschen kennen es nicht anders. Die Zeiten, in denen die Gleichsetzung Hirntod=Tod eingeführt wurde, haben nicht einmal die eigenen Eltern bewusst miterlebt. Dass Herzen verpflanzt werden, erscheint ihnen so selbstverständlich wie das Eingipsen eines gebrochenen Beins.

P1050011

Deutscher Organspendeausweis: Es ist ein bisschen so, als würde man einen Bestellzettel ausfüllen. Nur ist es so, dass ich nicht anderswo bestelle, sondern sage, welche meiner Organe sin Zukunft bei mir zu bekommen sind.

Ich plädiere an dieser Stelle für eine kleine, aber entscheidende Korrektur im Organspendeausweis. Fortan möge es der Genaugkeit halber nach dem ersten anzukreuzenden Kreis folgenden Wortlaut geben:

„Ja, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Festellung meines Hirntodes, doch während mein Herz noch schlägt, meinem Körper Organe und Gewebe entnommen werden, unter Umständen auch das Herz selber.“

Wenn wir unsere Organe „spenden“, stimmen wir einer Definition zu, nach der das Herz nicht mehr ist als eine lebensnotwendige Pumpe. Doch diese Annahme legitimiert eine Tabuverletzung, die so tief ist, dass wir sie nicht wirklich fassen können. Herzchirurgen leisten an anderer Stelle große Dienste, aber sie hätten, so denke ich, niemals menschliche Herzen verpflanzen dürfen.

Das Herz ist mehr als eine mechanische Pumpe. Schauen wir auf die Embryonalentwicklung. Anders als bei den Säugetieren entwickelt sich das Herz des menschlichen Embryos vor allen anderen Organen, es bildet sich in der vierten Schwangerschaftswoche. Noch hat das Herz keine Funktion, es schlägt nur und wird zeitlebens nicht aufhören damit, in einem naturgegebenen Rhythmus. Auch wenn ein Mensch hirntot ist, schlägt sein Herz immer noch.

Jetzt sind es ausgerechnet die Mediziner selber, deren Beobachtungen die Gleichsetzung Hirntod=Tod infrage stellen.  „So fanden Kardiologen kürzlich heraus, dass das Herz als Reaktion auf Berührungen das Kuschelhormon Oxytocin ausschüttet“, heißt es auf Scinexx. https://www.scinexx.de/dossierartikel/mehr-als-nur-mechanische-pumpe/ Wie kommen die Wissenschaftler darauf?

Ich denke an den wohl entsetzlichsten Menschenversuch, der von der Schulmedizin in unserer Gegenwart legal (!) durchführt wird, die Organismusspende. „Im Jahr 2008 gelang es Erlanger Medizinern, die Schwangerschaft einer nach einem Herzinfarkt ins Koma gefallenen 40-Jährigen fortzusetzen.[8] Nach 22 Wochen, in der 35. Schwangerschaftswoche, wurde ein gesunder Junge durch einen Kaiserschnitt entbunden.“wikipedia  

An die Hochleistungsmedizin stellen sich verschiedene Herausforderungen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, einen Organismus nach dem Hirntod so lange am Leben zu halten. Und es gar nicht so einfach, den weiblichen Organismus dazu zu überreden, das Kind nicht abzustoßen. Außerdem dürfte man im Vorfeld wohl vorher mehrfach abgecheckt haben, dass der Junge gesund ist, sonst hätte man ihn auch nicht auf die Welt geholt, denn man braucht man einen „gesunden Jungen“, um die Aktion legitimieren zu können. Und bevor man den Jungen per Kaiserschnitt auf die Welt geholt hat, haben die Ärzte noch einmal -diesmal zärtlich- ihr beschädigtes Herz berührt, denn  das Hormon Oxytocin ist mitverantwortlich für die Auslösung der Geburtswehen.

Verräterisch und unerträglich ist, was Prof. Dr. Matthias Beckmann damals sagte, Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen: „Die weltweit rund 25 Fälle von Schwangeren im Wachkoma oder mit Hirntod hätten oftmals mit ernsten Schädigungen des Kindes geendet, sagte Beckmann. Einfach sei auch die Betreuung der 41-Jährigen nicht gewesen: Die übergewichtige Frau sei starke Raucherin gewesen.“ https://www.welt.de/welt_print/vermischtes/article4853314/Das-Erlanger-Wachkoma-Baby-ist-wohlauf.html

Ich persönlich könnte mir vorstellen, hirn- und herzlebendig einem geliebten Menschen eine Niere zu spenden. Aber niemals würde ich den kalten, anonymen Akt zulassen, der sich euphemistisch „Organspende“ nennt. 2016 schrieb Laura Díaz auf Zeit.de: „Es gibt Menschen auf der Welt, denen würde ich nicht einmal in der Kneipe ein Bier ausgeben wollen, geschweige denn ihnen also eine Niere schenken.“ Ich schließe mich ihr an.   https://www.zeit.de/2016/33/organspende-deutschland-pro-contra/seite-2

 

 

 

Würde man Tabak als Feinkost verkaufen, würden die Leute weniger rauchen

„Tach“, sagt meine Nachbarin, die Frau Keuner.

Diesmal strahlt sie über beide Backen, als wir uns mitten in der Siedlung über den Weg laufen: „Hömma, du hast mir ja paar schöne Fotos von deiner Belgien-Reise geschickt. Technisch allerdings bissken dürftig. Hast du etwa immer noch deine billige Kleinbildkamera? Sach mal, willst du dir nicht endlich mal ein anständiges Smartphone anschaffen? Is ja schön, dass du die Gummistiefel deiner Töchter aufträgst, weil die mit 11 schon deine Schuhgröße hatten, aber ein Nokia-Handy von 2005 weiter benutzen? Muss dat sein?“ „Is eben so“, sach ich nur. „Reicht mir.“

Die Keuner grinst: „Und in wat für Gegenden läufst du rum, wenn du im Urlaub bist. Ich war selber mal in Belgien. Und ich sach dir, da gibt es richtig schöne Strandschuppen. Das De Kwinte in Westende ist zum Abhängen noch besser als das Spiekerooger Laramie, im De Kwinte kann man sich in ein altes Sofa knallen und mit ner Pulle Bier in der Hand an einer der letzten belgischen Dünen vorbei aufs Meer gucken. Mitten im Winter ist das Westmalle gut gekühlt, aber der Schuppen pottwarm. Warst du da nich?“ „Doch, aber….“ „Wahrscheinlich wolltest du nicht mit anderen Leuten zusammen an einem Tisch sitzen. Hömma, das ist da üblich. Niedrige Tische, große Sofas. Sich dazu setzen, miteinander quatschen und Spaß haben… Dazu müsste man…“ Die Keuner grinst noch breiter: „Dazu müsste man natürlich die Landessprachen sprechen können. Die meisten Belgier sind zweisprachig, was man von dir ja kaum sagen kann. Aber sach mal, sehen die Einkaufsläden in Belgien mittlerweile alle so aus wie auf dem Foto, das du mir geschickt hast?“

„Ach wat“, sach ich nur.

P1040725

Shell-Tankstellen-Shop nahe der Küstentram-Haltestelle Moeder Lambic in De Panne. Hier wird der Tabak in Kunststoff-Eimern verkauft. Entsprechend großflächig ist die Kunststoff-Fläche, die die EU-Kommission für ihre Schockwerbung nutzt. Man kann es kaum glauben, aber eben jene EU-Kommission hat 2018 Maßnahmen zur Reduktion von Kunstoffmüll eingeleitet: https://ec.europa.eu/germany/news/20180116-plastikstrategie_de Vielleicht steckt wirklich eine gute Absicht dahinter. Aber aller Elan verpufft in den Katakomben des virtuellen Aktenschranks der EU-Bürokratie. Leider hat die Digitalisierung die Bürokratie noch weiter aufgebläht. Bei der EU-Kommission arbeiten 32.000 Mtarbeiter. Sie bestücken, füttern und kontrollieren unzählige virtuelle Schubladen, Ordner, Unterordner, Anhänge, Ablagen, Exel-Tabellen, Statistiken, Pdf-Dateien usw.. Praktisch am Digitalen ist, dass unliebsame Dokumente nicht einmal geschreddert werden müssen. Umgekehrt ist das, was wichtig wäre, nicht mehr aufzufinden. Gute Absichten werden abgelegt – irgendwo. Die Bürokratie nährt eine gefährliche Illusion: Dass man Notfallmaßnahmen (und die bräuchten wir dringend in der Klimapolitik!) um Jahrzehnte verschieben kann. Letzte Woche hat die EU-Kommission, vertreten von Kommissionschefin Ursula von der Leyen und EU-Klimakommissar Frans Timmermans, das erste gemeinsame Klimagesetz der Union vorgelegt: Die EU muss ab 2050 (also erst in 30 Jahren) klimaneutral sein. In Brüssel geht alles seinen bürokratischen Gang. Das ist gefährlich, denn das Klima verhält sich unbürokratisch – und schon gar nicht neutral.

Auch und gerade mit dem großformatigen Anti-Raucher-Aufdruck schrecken die Eimer nicht ab, sondern sind eine Verführung zum Noch-mehr-Rauchen. Die Botschaft auf dem Eimer im Vordergrund (s. Foto, 64,90€) ist widersinnig: Rauchen ist tödlich – hören Sie jetzt auf  Wie soll man sofort mit dem Rauchen aufhören, wenn man gerade einen Eimer mit so viel Tabak gekauft hat, dass man  damit 975 Zigaretten drehen könnte? Das ist, als wenn man einem Kind ein 700 g – Eimerchen Haribo-Zoo in die Hand drückt und sagt: Süßigkeiten fressen macht deine Zähne kaputt  – hör jetzt auf damit.

Eine wilde Müllkippe in Westende:

P1040710

Tabak-Behälter in dieser Größe habe ich in Deutschland noch nicht gesehen. Doch per Internet kann jeder einen Eimer bestellen, zum Beispiel den BURTON Volumen Full Red XXXL.
Zum Vergleich: Die Nippeser Shell-Tankstelle Neusser Straße/Nähe Innere Kanalstraße verkauft halb so große Behälter. Sie sind dort mit dem Deckel nach vorne so im Regal platziert, dass der Blick nicht auf den Ekel-Aufdruck fällt. Der Kunststoff der Boxen -ob XL oder XXXL- ist ausgesprochen robust. Eigentlich wären sie ideal fürs Kinderzimmer, denn man kann Klötzchen, Lego-Steine und andere Kleinteile darin aufbewahren – wenn da nur nicht der fiese Aufdruck wäre. So haben die Leute nur den einen Impuls: Weg damit auf den Müll! Eine extreme Rohstoffverschwendung. Mein Vorschlag an die EU-Kommission: Erhebt europaweit 5 Euro Pfand auf alle Tabak-Großbehälter, denn die XXXL-Boxen verrotten nur langsam, sind aber ideal fürs Mehrwegsystem.

 

Die Frau Keuner wird jetzt sehr ernst. „Weißt du, was ich denke?“, sagt sie. „Ich meine, dass man Tabak nicht in Großbehältern verkaufen sollte, sondern in kleinen Mengen. In schönen, kleinen Holzkistchen mit Pfand. Oder die Leute bringen ihr Schächtelchen mit. Dann wissen sie die einzelne Zigarette oder die kleine Menge Tabak zu schätzen. Man sollte die Genuss-Raucher, die wenig rauchen, darin unterstützen, auch finanziell. Kleinmengen sollten billiger werden. Die Verpackungen sollten so schön gestaltet sein, dass sie auch als Geschenk taugen. Wenn nämlich die Leute eine Packung mit Ekelaufkleber kaufen, dann rauchen sie die umso schneller weg, weil sie die fiese Verpackung loswerden wollen, das ist ein Akt der Verzweiflung. Wir dürfen den Tabak nicht verteufeln. Dem Suchtrauchen ist nur durch eine Wertschätzung des Genussrauchens beizukommen.“ Jetzt lacht die Frau Keuner: „Das andere Foto, das du mir geschickt hat, gefällt mir. Ich hab gegoogelt, Modest ist ja ein Unverpackt-Laden. Wahrscheinlich muss man die Kunden ans Händewaschen erinnern, denn Menschen, die auf Tüten verzichten, neigen auch dazu, Wasser zu sparen. Eigentlich schlau. Aber sach mal, könnte man in den Unverpackt-Läden nicht losen Tabak verkaufen?“

P1040718

Gesehen in Ostende. Beim Stadt-Spaziergang sind wir zufällig auf den ersten Ostender, 2019 eröffneten Unverpackt-Laden Modest gestoßen. Anders als beim Kölner Unverpackt-Laden Tante Olga gibt es dort Obst und Gemüse, und man kann nicht nur Kaffee trinken, sondern auch gemütlich sitzen und leckere kleine Snacks essen, Quiche oder Gemüsekuchen  – oder aufs Klo gehen, was ich auch tat. Die Pflicht, sich die Hände zu waschen, irritiert, aber wahrscheinlich gibt es (nicht nur, aber gerade für die Toiletten) in Unverpacktläden besonders strenge Hygieneauflagen.

 

Zwar ist die Belgische Küste so zugebaut, dass das Meer gebändigt zu sein scheint, aber anders als fast überall in Deutschland sind die Nordsee-Strände frei (und kostenlos!) zugänglich. Mancherorts ist die belgische Küste so schön wie die deutsche kaum irgendwo. Wer mit der Linie 0 fährt, der Kusttram, sollte unbedingt in De Haan (Haltestelle Aan Zee) aussteigen, nicht nur, weil man dort (z.B. im schön gelegenen La Potinière) besonders leckeren, Crêpe-inspirierten Pannekoeken essen kann.

P1040736

Die viel zu kurze, aber feine Dünen-Promenade bei De Haan: Liebesschlösser am Stacheldrahtzaun

Wer sich ein Bild von De Haan machen möchte, dem sei ein auch nach 30 Jahren noch aktueller Artikel von Elsemarie Maletzke dringend empfohlen:

https://www.zeit.de/1989/31/rosa-torten-fuer-hausgaeste/komplettansicht