Rehabilitation eines Unworts

Liebes Stadtradeln-Team,
jedes Jahr wird ein Wort aus dem deutschen Sprachraum dazu auserkoren, „Unwort des Jahres“ sein. Ich ärgere mich immer, denn „da wild was velwechsert“, würde Ernst Jandl sagen.
Unwort des Jahres 2004 war „Humankapital“. Eine „hochkarätig zusammengesetzte Jury“ aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einer/m weiteren Expertin/Experten hatte es unter 1218 Wörtern ausgewählt. In der Begründung der Jury heißt es: „Der Begriff degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen.“

Leider beruht die wohlgemeinte Wahl auf einem Denkfehler. Denn es ist nicht das Wort, das die Menschen degradiert, sondern die gesellschaftliche Realität. „Humankapital“ ist kein Unwort, sondern ein guter Begriff, der uns die Wahrheit erzählt: Wir leben in einer profitorientierten Gesellschaft, die der Menschlichkeit immer weniger Raum lässt.

Ein Buch des Humoristen Eckhard Henscheid hieß „Dummdeutsch“. Allein des Titels wegen wünsche ich mir eine erweiterte Neuauflage.
War „Trittbrettfahrer“ auch einmal Unwort? Ich gucke im Internet nach. Die Medien wissen mit dem Wort nicht viel anzufangen. Der Entertainer Harald Schmidt will das Wort sogar abschaffen und witzelt 2013 in focus: „Trittbrettfahrer“ kann weg, zumal es kaum noch Trittbretter gibt.
„Trittbrettfahrer“ war nie „Unwort des Jahres“. Zu finden ist das Wort allerdings in einer  „Liste sozialer Unwörter“, die das „Armutsnetzwerk“ 2013 erstellt hat. Trittbrettfahrer, so heißt es, wird auch für Menschen benutzt, die ein schwerwiegendes Delikt wiederholen oder davon profitieren. Ich frage mich: Was kann das Wort „Trittbrettfahrer“ dafür, dass Menschen Verbrechen begehen?
Menschen, die genauer gegenlesen, konnte sich das „Armutsnetzwerk“ vermutlich nicht leisten. Im Internet heißt es: „Das Armutsnetzwerk ist eine unabhängige Organisation. Es ist bestrebt, in Kooperation mit anderen regional, bundesweit und international aktiven Initiativen und Organisationen von Menschen mit Armutserfahrungen, Obdach- und Wohnungslosen sowie sogenannten „Randgruppen“ den Kampf gegen Armut und Ausgrenzung zu verstärken. Das Armutsnetzwerk ist offen für alle.“
In Zeiten wie unserer, wo die Menschen wie von Geisterhand losgelassen als Swatchbälle durch die Welt titschen und die etablierten Parteien allmählich den Geist aufgeben, brauchen wir mehr denn je basisdemokratische Organisationen, die Sinn und Zusammenhang stiften. Und wir brauchen noch etwas: Die große solidarische Geste („Wir schaffen das“).
Die „große solidarische Geste“ kann sich allerdings nur der leisten, dem man zuhört. Den Armen hört aber kaum jemand zu, vor allem dann nicht, wenn sie noch dazu obdachlos oder wohnungslos sind. Die Liste mit 23 Wörtern ist daher nie fortgesetzt worden. Das ist schade, denn sie enthält zwei wirkliche soziale Unwörter: „Sozial Schwache“ und „Bildungsferne Schichten“.
Eine andere schöne Internetseite, „Armutszeugnisse.de“, ist 2017 „eingefroren“ worden. Das ist traurig. Unbetreute Internetseiten sind virtuelle Geisterdörfer, sie sind wie Orte, wo keiner mehr lebt. „Menschenloses Obdach“ könnte man sie nennen.
Zurück zu „Trittbrettfahrer“. Ich möchte ein Unwort rehabilitieren. Doch was sind Trittbretter eigentlich?
Zum Beispiel sind es die mit Rollen versehenen kleinen Bretter, die Eltern an den Kinderwagen hängen, damit das Geschwisterkind nicht hinterher laufen muss. Also was Schönes.
Fortan fahre ich bei „Stadtradeln“ als „Lisa Wilczok & TrittbrettfahrerInnen.“ Wir sind jetzt fünf Personen. Die vier, die mit mir fahren, sind Freunde, die jeden Tag durch die Stadt radeln, aber keinen Bock haben, ihre Kilometer einzutragen. Die Vier wissen noch nichts davon. Manchmal muss man die Menschen zu ihrem Glück zwingen. Tilla, dich habe ich auch auf dem Trittbrett.
Heute (27.) können wir noch Kilometer eintragen. Die sich angemeldet haben, aber keine Kilometer eingetragen, hol ich auch noch auf’s Brett.
Übrigens: Mit dem Einrad gefahrene Kilomter zählen dreifach.
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Herzliche Grüße und Dank an alle,
die Teamkapitänin
(Lisa)
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Was hat die, das ich nicht habe? Bärinnenkräfte. Die hier ihr Zweirad so stemmt, wie ich es mit dem Einrad kaum kann, ist eine Teilnehmerin der Critical Mass Nippes (damals, 2017).

 

Es gibt immer wieder wunderbare sprachliche Neuschöpfungen, nicht nur im Deutschen:
Parole der Critical Mass in Frankreich

Elfchen im Sechsten: Raupe Nimmerallein

 

 

Die

kleine Raupe

Nimmersatt ist nimmer

allein Soll mich das

freu’n?

 

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Nippes, Werkstattstraße: Sich abseilende Raupen der Gespinstmotte. Anders als die Raupen des Eichenprozessionsspinners stellen sie keine Gefahr für die Gesundheit des Menschen dar.

Eigentlich sind auch die Raupen des Eichenprozessionsspinners nicht angriffslustig. Wir kommen ihnen nur zu nahe. Mit dem Klimawandel haben sich die Tierchen sehr vermehrt. Sie haben -so kann man es betrachten- „Verstärkung“ geholt. Mit ihren unzähligen Brennhaaren schützen sie sich vor ihren Feinden. Und der schlimmste Feind ist nicht mehr der Kuckuck.