Kein Abstrampeln für die Klimapolitik der Stadt Köln: Kapitänin von Stellwerk60-Team SattelFest verabschiedet sich vom Stadtradeln

Vor einer Woche hat in Köln das diesjährige Stadtradeln begonnen, eine bundesweite Großveranstaltung des Netzwerks Klimabündnis. Im Klimabündnis haben sich im Jahr 1990 zahlreiche Städte, Gemeinden und Landkreise zusammengeschlossen und sich verpflichtet, das „Weltklima zu schützen“.

Stadtradeln ist eine Mitmach-Aktion, die zum Klimaschutz beitragen soll. Die Spielregeln: Während eines Zeitraums von drei Wochen steigen Menschen vom Auto auf’s Fahrrad um und zählen per Internet die Kilometer, die sie radelnd zurücklegen. Stadtradeln ist eine pfiffige Idee, wie ich finde, aber doch nur eine symbolische Aktion. Denn was hilft es, wenn wir nach den drei Wochen (fast) alle wieder ins Auto steigen? Stadtradeln beschert uns lediglich ein gutes Gewissen – Jahr für Jahr.

Es ist eine Anmaßung zu meinen, wir Menschen, die wir die Klimakatastrophe verursacht haben, könnten das Weltklima schützen! Ich denke, es geht viel mehr darum, das Klima vor uns Menschen zu schützen. Wir müssten jetzt die Notbremse ziehen. Denn wenn „das Haus brennt“ (Greta Thunberg), kann man es nicht mehr vor dem Feuer bewahren. Da hilft nur eines: Löschen.

Nachdem der Rat der Stadt Köln im Mai Grünes Licht gegeben hat für die Bebauung des Äußeren Grüngürtels mit FC-Trainingsanlagen, habe ich das Vertrauen in die aktuelle Kommunalpolitik verloren. Schließlich hat die Stadt Köln vor einem Jahr -wie viele andere Kommunen auch- den „Klimanotstand“ ausgerufen. „Klimanotstand“ heißt: Der Schutz des Klimas hat absolute Priorität. Demnach sind alle kommunalen politischen Entscheidungen dem Klimaschutz unterzuordnen. Mit dem JA zur Bebauung verstößt die Stadt Köln gegen die Regeln, die sie selber aufgestellt hat.

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Ich liebe meine Stadt, ich fahr Rad, aber ich mach nicht mehr mit…

Im Grußwort zum Kölner Stadtradeln schreibt Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln und Schirmherrin der Aktion, beschwichtigende Sätze: „Der Umstieg vom Auto auf’s Rad ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel: bereits vor 2050 wollen wir klimaneutral sein.“ Ein frommes, zahmes, aber meines Erachtens grob fahrlässiges Versprechen mitten im Kommunal-Wahlkampf. Natürlich lassen wir Menschen uns gerne beruhigen, aber die Rettung der Welt können wir nicht auf 2050 verschieben.

Am bundesweiten Stadtradeln, das seit 2008 veranstaltet wird, nimmt die Stadt Köln seit 2016 teil. Ich habe im Jahr 2016 gemeinsam mit Nachbarin Annette Dauberschmidt das Team Stellwerk60 – SattelFest gegründet. Doch am Ende der drei Wochen war ich alleinige Teamkapitänin, denn Annettes und meine Vorstellungen gingen weit auseinander. Annette wollte ein kleines, überschaubares Team, ich ein großes.

Auf diese Weise wollte ich auf unsere Siedlung aufmerksam machen. Dass Köln mit Stellwerk 60 eine autofreie Siedlung hat, ein bau- und klimapolitisch zukunftsweisendes Projekt, ist in der Stadtspitze -während Besuchergrupen aus aller Welt anreisen, u.a. aus Japan und den USA- niemals angekommen. Vom Spiel-Ehrgeiz gepackt, schaffte ich es tatsächlich, dass wir im Jahr 2016 mit 135 Radlerinnen und Radlern das zweitgrößte Kölner Team wurden und bei der offiziellen Siegerehrung im Rathaus „auf dem Treppchen standen“.

Im Jahr 2020 ist alles anders. Auch beim Stadtradeln gibt die „Gesundheit“ die Richtung vor. So verkündet das Klimabündnis auf stadtradeln.de: „Nicht nur wir, sondern auch das Bundesgesundheitsministerium ist überzeugt, dass das Fahrrad das sinnvollste Verkehrsmittel für die verbleibenden unvermeidlichen Wege ist – sei es zum Einkaufen oder zur Arbeit….“ Der Text enthält nicht nur einen peinlichen Grammatikschnitzer, „… nicht nur wir…  ist überzeugt…“, sondern kommt furchtbar verkrampft daher.

Wenn ich Rentner Alf Kroll, der drei Mal hintereinander in der siedlungsinternen Wertung das Gelbe Trikot erkämpft hat, ohne kämpfen zu müssen, etwas von den „verbleibenden unvermeidlichen Wegen“ erzählen würde, würde Alf lachen, denn er ist ein leidenschaftlicher Radfahrer, der nicht nur das Radeln liebt, sondern auch die guten Radwege, von denen es europaweit (nicht nur) in den schönsten Landschaften immer mehr gibt und auf denen es große Freude macht zu fahren.

Das Miteinander, das das Stadtradeln eigentlich ausmacht, fällt in diesem Jahr aus. So rät das Klimabündnis „derzeit davon ab, das STADTRADELN 2020 mit gemeinsamen Radtouren, Auftaktveranstaltungen oder anderen Aktionen, bei denen viele Menschen zusammenkommen, zu flankieren.“ (stadtradeln.de) Team-interne Siegerehrungen, so legt man uns nahe, sollen auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden.

Offensichtlich sind dem Klimabündnis die selbstorganisierten, letztendlich nicht kontrolllierbaren „Aktionen“ suspekt. Auf diese Weise verödet allerdings das Stadtradeln, denn es mutiert zu einer Art Computerspiel mit Echt-Anteil: Jede(r) fährt für sich allein und trägt KIlometer ein. Wie langweilig. Da kann man, so denke ich, gleich auf dem Standfahrrad fahren. Auf diese Weise schützt man sich nicht nur vor Regen, sondern erspart sich auch die verbleibenden unvermeidlichen Wege.

Wie traurig: Es ist, als würde man einem Vor- oder Grundschulkind, das einen Schwimmkurs besuchen will, sagen: „Das geht jetzt nicht, du darfst nicht mit anderen Kindern ins Wasser, denn wir sind von Corona bedroht und müssen aufpassen. Du kannst nicht ins Schwimmbecken, denn im Wasser wimmelt es vor Viren. Aber du kannst trockenschwimmen. Du brauchst nur den schönen neuen Computer anzustellen, den wir uns extra für deinen Schulunterricht angeschafft haben. Da bietet man digitale Schwimmkurse an.“

Huch! Dass die Kinder in den letzten Monaten solche oder ähnliche Sätze tatsächlich zu hören gekriegt haben, habe ich soeben gelesen. Mittlerweile finden zwar in Deutschland wieder Schwimmkurse (im Wasser!) statt, aber Ringe und Schwimmnudeln etc. sollen die Kinder (in der Regel) von zu Hause mitbringen. Außerdem vertreten die Eltern vielerorts die Schwimmlehrer und müssen mit den Kindern ins Becken! Ist das alles noch wahr? Nebenbei gesagt: In Schweden, wo die Grundschulkinder in den letzten Monaten nicht nur uneingeschränkt die Schule, sondern auch Schwimmkurse besuchen konnten wie eh und je und dabei viel Wasser geschluckt haben, weil es nun mal dazu gehört, ist meines Wissens kein Kind besorgniserregend erkrankt. Schwimmen ist eine Kulturtechnik und (fast) so wichtig wie Lesen und Schreiben.

Zurück zum Stadtradeln: Wieder einmal ist die Corona-Politik ein Angriff auf unsere Lebensfreude. Ob am Rhein, am Ballermann oder im Karneval: Genuss macht sich gerade da verdächtig, wo man ihn sich noch leisten kann. Und weil es derzeit so gut ankommt, verkauft man uns das zurechtgestutze Radeln noch als Gesundheitsmaßnahme. Auf einen Artikel auf spiegel.de mit dem Titel „Warum Fahrradfahren gleich doppelt schützt“ weist stadtradeln.de mit folgendem Link hin: Die gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens in Zeiten von Corona

Unter dieser Formulierung verbirgt sich ein sentimentaler Romantitel, den wir alle im Ohr haben: „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Der Autor des Romans ist der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. (Ob der Roman so schwülstig ist, wie der Titel suggeriert, weiß ich nicht, denn Ich habe ihn nicht gelesen.)

Das Radfahren „in Zeiten von Corona“ –  „Die Liebe in den Zeiten der Cholera.“ Die Ähnlichkeit scheint gewollt. Ich fürchte, da war ein psychologisch geschulter textender Schlaumeier bzw. eine Schlaumeierin am Werk. Ich fremdschäme mich sehr.

So weh der Abschied tut: Da das Stadtradeln zu einer spießig-autoritären Veranstaltung mutiert ist, die indirekt auch noch für die katastrophale Klimapolitik der Stadt Köln wirbt, steige ich als Teamkapitänin aus.

 

Ergänzung 31.8.: In der Wertung von Stadtradeln Köln liegt am 10.Tag mit 136 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie 14.909 bislang geradelten Kilometern aktuell ein Team mit wohlklingendem Namen vorne, dessen pole position Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erfreuen dürfte: „Gesunde Uniklinik Köln“.

Elfchen im Achten: Wer nicht schnüffeln darf, wird…

Hunde, die ja bekanntermaßen gerne schnüffeln, fangen sich schnell Zecken ein. Bei unserem Hund Freki (10) sitzen sie mit Vorliebe im Gesicht. Manchmal, so denke ich, kann eine Maul- Nasenbedeckung gute Dienste leisten, denn…

… mit Maske wär das nicht passiert:

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Mai 2020: Die Zecke an Frekis Schnauze, die noch deutlich dicker wurde, bevor sie abfiel, sollte bis jetzt (13.8.) im Kopfbereich die einzige bleiben.

 

In den Jahren 2018 und 2019 war vor allem der Bereich rund um Frekis Augen betroffen (vgl. Blogbeiträge „Zeckenkrieg“ und „Der Zeckenindikator“).

 

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Juli 2019:

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Zecken, zupfreif. Ich habe sie damals nicht entfernt, sondern gewartet, bis sie abgefallen sind (Die „Therapie“ ist nur beim Hund zu empfehlen!). Wenn die Zecken neben dem Auge sitzen, darf man den Hunden nicht zu nahe kommen. Sie knurren, denn sie fürchten um ihr Augenlicht. Die Hunde wissen: Wenn der Mensch die Zecke herauszieht, kann es schnell zu Entzündungen kommen.

An Borreliose können auch Hunde schwer erkranken. Das passiert allerdings sehr selten, wie mir Frekis Tierärztin erzählte. Achtung: Menschen sollten sich nach Waldspaziergängen immer nach Zecken absuchen und die Tierchen, deren Stich man anders als den Stich der Wespe nicht spürt (damit man sie beim Saugen nicht stört), so schnell wie möglich entfernen…  Ich fand gerade einen Text, der plastisch erzählt, warum: „Borreliose wird nicht durch den Einstich der Mundwerkzeuge der Zecke in die Haut übertragen, vielmehr findet die Borreliose-Übertragung erst gegen Ende der Blutmahlzeit statt. Nach circa 24 Stunden steigt das Infektionsrisiko deutlich an, da nach dieser Zeit die Blutmahlzeit in der Regel abgeschlossen ist. Wenn die Zecke satt ist, würgt sie nämlich etwas Mageninhalt in die Wunde des Opfers, und mit ihm vorwiegend das Bakterium Borrelia burgdorferi.“ https://www.drseitz.de/schwerpunkte/borreliose-therapie/borreliose-infektionsweg.html

Da aufgrund des „Klimawandels“ die Winter immer wärmer und kürzer werden, werden die Zecken früher im Jahr aktiv und bleiben es länger. Dennoch wird die Gefahr überschätzt. „Das Risiko zu erkranken“, so schrieb ich vor einem Jahr an dieser Stelle, „ist gar nicht so hoch, wie man denkt. Zwar tragen (je nach Gebiet) bis zu 30 % der Zecken Borrelien in sich, aber nur 2,6 bis 5,6% der gebissenen Menschen entwickeln Antiköper dagegen. Lediglich 0,3 bis 1,4% der von einer Zecke Gebissenen erkranken tatsächlich an Borreliose (Zahlen: Robert-Koch-Institut, Stand: 14.2.2018)“ Tückisch ist die Borreliose allerdings wegen der möglichen Spätfolgen. Manche Menschen, die Antikörper entwickeln, haben zunächst keinerlei Symptome, werden aber Jahre später ernsthaft krank.

Das Thema „Zecken“ zieht immer. Gewohnt reißerisch hatte Ende Mai 2020 die Bild-Zeitung Zecken-Alarm geschlagen:

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In diesem Jahr hat die mediale Coronoia andere Katastrophen-Schlagzeilen in den Hintergrund gedrängt, wo sie dennoch gewirkt haben. Gefährlich sind Horror-Meldungen wie diese, weil sie nicht nur maßlos übertrieben sind, sondern untergründig dazu beitragen, die Corona-Panik noch weiter anzufachen. „Sie stechen so früh wie nie!“ ist übrigens Unsinn: Als die Bild-Zeitung Ende Mai drohte, waren die Zecken schon seit mindestens zehn Wochen aktiv. Hund Freki hatte bereits im März eine erste Zecke im Fell.

 

Kaum jemand, mit dem ich ins Gespräch komme, hat noch Angst vor dem Corona-Virus. Aber die meisten Menschen haben Angst, drakonische Strafen bezahlen zu müssen, den Job zu verlieren etc. Daher tragen alle die Maske, ob fertig gekauft, selber genäht, gehäkelt, gestrickt, zusammengeheftet. Wir sehen bescheuert aus und bedecken die untere Gesichtshälfte mit kleinen Stoffteilen, die vermutlich nichts weiter sind als Scherzartikel. Wir tragen uns mit unleserlichem Namen in die Listen ein, die in den Cafés ausliegen, was niemanden interessiert.

Aber wir alle sind angespannt. Gereizt sind insbesondere die völlig überforderten Menschen in „systemrelevanten“ Berufen. Im Supermarkt begegne ich täglich Verkäuferinnen und Verkäufern, die man vor Monaten noch „gefeiert“ hat. Jetzt sind sie dazu verdonnert, die Regale wieder alleine aufzufüllen, ohne die Mitarbeit der für kurze Zeit eingestellten Hilfskräfte, und von morgens bis abends eine Maske zu tragen. Die Regale sind wieder gut bestückt und die Kunden undankbar und grantig wie eh und je.

Weil ich keine Gesichtsmaske dabei hatte, wurde ich am Tag der Beerdigung des Leichnams meines Mannes früh am Morgen aus dem REWE an der Nohlstraße geworfen. Eine seltsame Erfahrung, wenn man Stammkundin ist und immerhin 61. In Ermangelung einer Maske riss ich mir eine kleine Obsttüte von der Rolle, klemmte mir den Plastiklappen hinter die Ohren, schritt in den Laden und wurde direkt zurückgepfiffen: Halt! Eine zweite maskierte Verkäuferin kam dazu: Halt! Ich ging weiter und stammelte einen Satz wie: Mein Mann wird heute beerdigt, ich muss noch ein paar Zutaten einkaufen für den Brunch. Man holte Verstärkung, diesmal einen ebenfalls älteren männlichen Kollegen mit FC Köln-Maske (Aufdruck: Zesamme stark blieve), verfolgte mich durch den Laden und schrie im Verein: Raus, raus, raus! Ich stellte ein Glas Mayonnaise aufs Kassenband. Nichts da, raus, raus, raus! Ich brach in Tränen aus. Kein Erbarmen: Raus, raus, raus!

Wenn wir eine Maske tragen müssen bzw. einen Maulkorb, spannt uns das an. Wir sind nicht nur schlecht gestimmt, sondern auch (latent) aggressiv. Kluge Hunde wissen das. Ihnen widme ich mein Elfchen des Monats.

 

 

Weise

Hunde warnen:

Wer nicht schnüffeln

Darf, wird erst richtig

Scharf

 

 

 

 

Staatlich kontrolliertes Bestatten: Eine Selbsterfahrung

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Deckblatt der Trauer-Anzeige: Sonne, Mond und Erde u.u.u… Grafik: Marleen-Christin Schwalm

Ich machte während der Beerdigung meines Mannes auf dem Kölner Melaten-Friedhof eine neue Erfahrung. Nie zuvor hatte ich das Gefühl, dass der Leichnam im Sarg nichts weiter ist als eine sterbliche Hülle und dass die Seele des geliebten Menschen woanders ist und sich hat befreien und die „sterblichen Überreste“ wie eine Schlangenhaut hat abstreifen können. Ohne diese deutliche Empfindung hätte ich die Beerdigung meines Mannes kaum ausgehalten. Der kleine Raum unter der Erde, das exakt vermessene Grab, gemietet bei der Stadt Köln gemäß Friedhofsgebührensatzung, hat nichts zu tun mit der grenzenlosen, unendlichen Anderwelt, an deren Existenz ich seit einigen Jahren glaube, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben.

Wie so vieles in diesen verdrehten Coronoia-Zeiten, wo uns die Erde als „ein umgestürzter Hafen“ (Georg Büchner, Woyzeck) erscheint, war auch die Bestattungs-Zeremonie seltsam irreal.

Mittlerweile sind Trauerfeiern in geschlossenen Räumen wieder zugelassen, aber es wird erwartet, dass die Menschen Masken tragen und Abstand halten. Soweit ich es mtbekommen habe, musste sich immerhin niemand mehr namentlich in eine Kondolenz-Liste eintragen. Die Bestuhlung in der Trauerhalle ist variabel. Aktuell ist in jeder Stuhlreihe jeder zweite Stuhl entfernt, so dass 30 statt normalerweise 60 Personen einen Sitzplatz haben. Wie wir alle wissen, ist es tröstlich, während einer Trauerfeier eng beieinander sitzen und einander spüren zu können. Mit den Lücken zwischen den Stühlen ist das unmöglich. Besonders leid tat es mir für Jürgen und Michael, die beiden Brüder meines Mannes, die in den letzten Monaten in Gedanken stets bei uns waren. Meine lieben Schwäger mussten den vorgegebenen Sicherheits-Abstand zu ihren Frauen Ingrid und Daniela einhalten.

Es waren überraschend viele Menschen gekommen, zahlreiche mussten stehen. Das war tröstlich und spiegelte in keiner Weise die Isolation wieder, in der sich mein Mann und ich in den letzten Monaten nicht nur coronabedingt befunden hatten.

Ich selber setzte mich nicht, sondern hielt die Trauer-Rede: Manfred mein Manfred. Aber  ich redete nicht nur vom Ende des Lebens, sondern auch vom Beginn. Meine Töchter Lea und Carla, die neben mir standen, lasen die zärtlichen kleinen Gedichte vor, die ihr Vater anlässlich ihrer Geburt vor 21 bzw. 24 Jahren geschrieben hatte – damals auf Wunsch meiner Mutter, die eine Geburtsanzeige verschicken und auch ein bisschen mit ihrem dichtenden Schwiegersohn angeben wollte.

Manfred und ich haben nicht gedacht, dass Manfred sterben würde, sondern gesund werden. Daher haben wir nie über eine Bestattung geredet. (Wir hatten -nebenbei gesagt- auch keine Patientenverfügung). Melaten ist gewiss in seinem Sinn, denn seine Mutter und viele seiner Vorfahren mütterlicherweits (die Springobs) sind hier bestattet. Manfred, der anders als ich gerne auf Friedhöfe ging, hat vor vielen Jahren einmal einen Essay veröffentlicht mit dem Titel „Illusionsraum Melaten“. Sein eigenes Grab jedoch liegt da, wo Melaten kein Illusionsraum ist: Direkt an der Friedhofsmauer und ganz in der Nähe der vielbefahrenen Weinsbergstraße. Man hat in der Stadt Köln zwar die freie Friedhofswahl, bekommt aber den Platz zugewiesen – In diesem Fall kein lauschiges Plätzchen.

Die Beerdigung fand erst nach drei Wochen statt. Als Manfred gestorben war, habe ich vier Stunden neben dem Leichnam gesessen und erst dann den Notarzt benachrichtigt. Nach und nach waren das Leben und die Wärme aus dem toten Körper entwichen, und der Leichnam, dem ich den Ehering vom Finger abstreifte, war nicht mehr mein geliebter Mann, mit dem ich über dreißig Jahre zusammengelebt hatte. Meine Liebe galt nicht mehr seinem Leib, sondern hatte sich mit etwas verbunden, das ich Seele nennen möchte.

In Nordrhein-Westfalen darf man, wenn ein Mensch zu Hause verstirbt, den Leichnam 36 Stunden bei sich behalten, ohne den „Abtransport“ zu veranlassen. Nach vier Stunden wollte ich diesen „Abtransport“ – unbedingt. Ich fremdelte. Da die Hausärztin in Bonn und nicht in Köln praktiziert, musste ich den Notarzt anrufen.

Maskierte Notärzte kamen, maskierte Kriminalpolizisten, unisex in Uniform, Männer und Frauen, später dann kamen zwei unmaskierte Personen von der Gerichtsmedizin, beide auffällig leger gekleidet, ein Mann und eine Frau. Man machte Fotos, inspizierte den Leichnam und befestigte Elektroden. Man teilte mir etwas mit: „Ihr Mann ist verstorben“.

Ich bin so froh, dass meine beiden Töchter an dem Tag nicht in Köln waren, sondern bei ihren Liebsten. Ich selber bin 61 Jahre alt und abgebrüht, doch meine Töchter (21 und 24) sind das noch nicht.

Da mein Mann zu Hause gestorben war, brachte man den Leichnam in die Gerichtsmedizin. In wenigen Tagen, so sagte man mir, werde man mir Bescheid geben. Man werde mich anrufen – unter meiner Festnetz-Nummer.

Jedes Mal zuckten wir (meine Töchter waren gekommen) zusammen, wenn das Telefon klingelte, aber über Kondolenzanrufe hinaus kamen nur Werbeanrufe. Ich hatte Medienbilder vor Augen, ich sah vermummte Pathologen, wie sie mit gieriger, panischer Akribie die Leichen der an Corona verstorbenen Menschen durchforsten, um weitere, vermeintlich durch das Virus verursachte Schäden zu entdecken.

Je länger wir warten mussten, desto schlimmer wurden die Bilder. Dass so viele Tage vergingen, sagte mir, dass man gründlich gearbeitet hatte – auf der Suche nach Metastasen eines Tumors, den mein Mann vermutlich nie gehabt hatte.

Erst nach fünfzehn Tagen, am 17.  Juli,  kam am Freitagmorgen der Anruf der Kriminalpolizei. Der Leichnam sei bereits am 6. Juli freigegeben gewesen, denn man habe ihn nicht sezieren müssen. Mein Mann sei eines natürlichen Todes gestorben. „Ich habe ein Schreiben der Kriminalpolizei, auf dem steht, dass ein Leichnam nur so lange aufbewahrt wird, bis er abholbereit ist“, antwortete ich. Darauf sagte der Kriminalpolizist: „Sie müssen einen Bestatter informieren, der mit uns Kontakt aufnimmt.“ Darauf sagte ich: „Soweit ich informiert bin, muss ich das nicht. Und wie soll ich den Bestatter informieren, wenn ich nicht einmal weiß, dass der Leichnam abholbereit ist?“ Dann kam eine Behauptung, die nicht der Wahrheit entspricht, was sich im Zweifelsfall nachverfolgen ließe: „Wir haben Sie angerufen.“

Dass ich von „Zweifelsfall“ schreibe, hat einen Grund. Wird ein Leichnam in die Gerichtsmedizin gebracht, müssen die Angehörigen für die Aufbewahrungskosten („Kühlung“) aufkommen. Zwei Menschen erzählten mir (unabhängig voneinander!) folgendes: Da die öffentlichen Kassen leer sind, bewahrt man die Leichname zur Zeit lange dort auf. Die Kosten sind gestaffelt: In der ersten Woche kostet die „Kühlung“ 40 Euro am Tag, in der zweiten 100 am Tag, in der dritten 200…

Die Stadt Köln hat mir noch keine Rechnung geschickt. Auch wenn man die Todesursache (vermutlich eine akute Aspirin/Ibuprofenvergiftung) nicht hat ermitteln können, war und bin ich doch überglücklich, dass man den Leichnam meines Mannes nicht seziert hat. So konnte ich seinen unversehrten Leichnam in einem Sarg bestatten lassen.

Zur Beerdigung kamen einige Menschen nicht, die ich gerne umarmt hätte, aber es waren viele da, mit denen ich niemals gerechnet hatte. Und einer kam, den ich seit langem aus der Ferne bewundere und den ich im Rahmen der Highlights der Physik 2019 in Bonn bei einem Abendessen persönlich kennengelernt habe: Der Dortmunder Physikprofessor und Wissenschaftskabarettist Metin Tolan.

Metin Tolan und Axel Carl, ebenfalls habilitierter Physiker, waren mit der Bahn angereist. Im Anschluss an die Beerdigung kamen sie noch mit in unseren Garten, wo wir Biertische aufgebaut und zu einem Brunch (bei dem sieben Flaschen Sekt geleert werden sollten) eingeladen hatten. Zum Glück war das Wetter schön, denn im Haus wäre niemals genug Platz gewesen für die vielen Gäste. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei unseren Nachbarn Sabine und Prasad bedanken, deren Garten wir mitbenutzen konnten.

Vor allem aber möchte ich mich bei den Freundinnen und Freunden von der Agentur für Wissenskommunikation IserundSchmidt bedanken, wo mein Mann Geschäftsführer war. Ich war noch so weit weg von der Welt, dass ich niemals in der Lage gewesen wäre, eine Traueranzeige zu gestalten. Genau das müssen die IserundSchmidts geahnt haben, denn sie gestalteten (unabgesprochen) eine Anzeige, die geschäftlich und privat zugleich war. Ich hatte die Anzeige erst am Tag vor der Bestattung in Händen, deshalb konnte ich sie nicht mehr verschicken, sondern nur einzelne Exemplare persönlich verteilen. Damit alle, denen ich sie gerne geschickt hätte, sie dennoch sehen können, habe ich die Anzeige abfotografiert.

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Und  noch etwas Großartiges haben die Kollegen gemacht, ohne dass es abgesprochen werden musste: Sie haben die Agentur seit Oktober 2019 am Laufen gehalten.

Mein Mann hat während dieser Zeit über die Agentur sein volles Gehalt bezogen. Er war zwar Selbstständiger, aber gesetzlich krankenversichert. Mein Mann hatte eine Zusatzversicherung für den Krankenfall. Wird der Versicherte schwer krank, zahlt die Krankenkasse nach sechs Wochen 80% des Nettogehalts, allerdings nur dann, wenn sich der oder die Kranke im Krankenhaus behandeln lässt.

Der kranke Mensch muss sich, will er weiterhin Geld bekommen, der ärztlich verordneten Therapie unterziehen, und ist die vorgeschlagene Therapie auch noch so inhuman und brutal (wie bei meinem Mann). Mein Mann hätte niemals zur Krankenkasse gehen und sagen können: Ich gehe den Weg der Selbstheilung, ich faste, ich probiere eine spezielle Diät, verzichte auf Zucker, Weißmehl und Schweinefleisch. Das alles hat mein Mann probiert, und der ursprüngliche, von außen gut tastbare Tumor hatte sich ja tatsächlich zurückgebildet. Mein Mann, so denke ich, hätte vollkommen gesund werden können, hätte er die Schmerztabletten abgesetzt. Wie gefährlich die frei verkäuflichen Schmerzmittel Aspirin und Ibuprofen bei dauerhafter Einnahme sind, habe auch ich leider zu spät begriffen.

Mein ganz besonderer Dank gilt Dr. Dr. Lutz Peschke, dem zukünftigen Geschäftsführer der Agentur IserundSchmidt.

Lieber Lutz, ich hatte so sehr gehofft, dass mein Bruder zur Beerdigung kommt und mich in den Arm nimmt. Stattdessen hast du das getan. Ich danke dir.