„Ist schon seltsam, aber irgendwann habe ich gelernt, die Zwangsmaßnahmen zu lieben…“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. „Tach auch“, sach ich.

Die Frau Keuner steht mit einem Mal neben mir an der Gesichtsmasken-Wühltheke auf dem Nippeser Wochenmarkt. Ich bin da gelandet, weil ich wie so oft meinen Mund-Nasen-Schutz zu Hause vergessen hab. Der Verkäufer hat mir eine hellblau-weiße Einweg-Maske geschenkt, damit ich mir in Ruhe eine wiederverwendbare aussuchen kann.

Die Frau Keuner hat ihren Gehwagen zwischen uns gestellt. „Damit du mir nicht zu nahe kommst. Ich hatte beim Wühlen schon öfter mal einen verseuchten Ellbogen in der Fresse, da brauch ich deinen nicht auch noch. Du willst dir also eine neue Stoff-Maske kaufen, weil du mit der Slipeinlage im Gesicht nicht rumlaufen willst. Was guckst du so, die Wegwerf-Masken sehen doch wirklich so aus, findest du nicht? Ich hab meine Maske übrigens auch nicht mit, aber ich hab mir auf die Schnelle ein Einwegteil von der Straße gefischt. Da hat jemand eine Großpackung ausgekippt. Wie neu, das geht, regnet ja nicht.“

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Nippes, Thüringer Straße, Ende November 2020. Mittlerweile findet man weniger Zigarettenschachteln und Kippen auf der Straße als weggeworfene Einwegmasken. Hier sind Einwegmasken direkt auf oder neben dem Gulli-Deckel gelandet. Ab damit in die Kanalisation. Höchst riskant, denn längst trägt der Masken-Müll zur Verdreckung der Strände und Meere bei.

„Wir haben uns an die Maske gewöhnt“, sagt die Frau Keuner. „Ist ja mittlerweile ganz normal. Was hab ich am Anfang geschrien. Und jetzt? Wenn man mir ohne überzeugenden Grund einen Arm amputieren würde, würde ich auch schreien, aber nach einer Weile würde ich nur noch leise wimmern. Keiner würde es hören. Und irgendwann würde ich mich dafür bedanken, dass man mir den anderen Arm drangelassen hat. So fühlt sich in Corona-Zeiten Glück an.“ Die Frau Keuner wirft mir eine bunte, keimfrei verpackte Maske rüber. „Ich würde die da nehmen, du stehst doch auf Paisley, oder? Eines kann ich dir versichern, ich…“

Die Frau Keuner gähnt und redet dann weiter: „Ich sage nie mehr, wie entwürdigend die Maske ist, ich sage nie mehr, dass der Maskenzwang uns demütigt, ich sage nie mehr, dass ich mit dem Stück Stoff ein „Jawoll, zu Befehl, Herr Spahn!“ im Gesicht trage, auch wenn es so ist. Nie mehr sage ich, dass es brutal ist, sechsjährige, vor Energie und Lebenslust sprühende Kinder zu nötigen, ihre Wünsche zu drosseln und eine Maske zu tragen, obwohl das Virus ihnen nicht viel anhaben kann. Ich sage nie mehr, dass die Zwangsmaßnahmen eine Attacke sind auf die Lebensfreude, die Hoffnung, die Liebe. Denn ich…“ Die Frau Keuner schluckt. „Ich muss dir was sagen, ich…“ Sie holt ein Tüchlein aus der Jackentasche, nimmt die Gesichtsmaske ab und schneuzt sich die Nase.

„Frau Keuner“, frage ich leise. „Was ist denn? Sie sind doch nicht krank?“

Die Frau Keuner guckt mich lächelnd an: „Ist schon seltsam, aber irgendwann habe ich gelernt, die Zwangsmaßnahmen zu lieben…“

„Nein!!! Das ist doch nicht Ihr Ernst?!“

„Wie laut man doch trotz Maske immer noch schreien kann“, sagt die Frau Keuner, lacht und zeigt auf eine Pyramide aus Schachteln mit Einwegmasken. „Rosa! Dat war sowat von überfällig. Immer und überall gab es ja nur hellblaue. Rosa, is dat nich süß? Rooosa. Ich hab der Angela Merkel 20 Stück zugeschickt, aber die sind wohl nie in Berlin angekommen. Vielleicht trägt die Merkel die rosa Masken privat, aber im Fernsehen sehe ich die immer nur mit dieser Werbemaske für die EU. Deutschland hat ja zur Zeit den EU-Ratsvorsitz inne und die Macht, deutsche Interessen durchzudrücken. Kennst du das deutsche Motto?“

„Nein“, sage ich leise. „Frau Keuner, können Sie bitte etwas langsamer reden.“

„Tut mir leid“, sagt die Frau Keuner, „aber ich hab wohl deine Auffassungsgabe überschätzt. Also… Das Motto für den deutschen Ratsvorsitz lautet: Gemeinsam. Europa wieder stark machen. Wieso wieder? Hömma, Europa wieder stark machen heißt übersetzt: Make Europe great again. Diese Abschreiber haben ausgerechnet den Trump beklaut! Die Werbetexter haben den Trump ja damals dermaßen beneidet für die verbale Kraftmeierei: Make America great again.

Europa wieder stark machen. Dabei sind sie gerade im Begriff, Europa genau da zu schwächen, wo Europa stark war: Die offenen Grenzen, der internationale Bildungsaustausch. Die Erasmusstudenten haben zwar noch ihr Stipendium, aber die sitzen die Zeit vor dem Rechner ab. Um Geld zu bekommen, müssen sie vor Ort sein, aber wozu? Fast alle Seminare sind online. Da ist nicht mehr viel mit Austausch. Apropos absitzen: Auf der Maske von der Merkel ist das EU-Logo mit der Möbius-Schleife. Eine Möbius-Schleife ist eine ohne Anfang und ohne Ende, und ohne Anfang und ohne Ende ist die Möbiusschleife eine Endlosschleife, eine Warteschleife, und in so was sitzen wir alle drin.“ Die Frau Keuner löst die Bremse des Gehwagens. „Ich muss mich bewegen. Kommste mit? Im Reformhaus gibt es jetzt wieder dieses leckere frische Sauerkraut. Wär das nicht auch was für dich?“

„Heute nicht“, sage ich. Ich kaufe die Paisley-Maske, klemme mir die Schlaufen hinter die Ohren und ziehe das Teil über die Nase, weil gerade eben zwei Männer vom Ordnungsamt über den Markt patrouillieren. Ich begleite die Frau Keuner ein Stück. Langsam gehen wir die Viersener Straße Richtung Neusser. „Die Männer von der Straßenreinigung tun ihr Bestes“, sagt die Frau Keuner. „Die gehen ständig mit ihren Zangen durch die Straßen und picken Masken auf, aber das reicht nicht.“ Die Keuner zieht Plastikhandschuhe über. Ab und an bleibt sie stehen, bückt sich ächzend, pickt eine weggeschmissene Maske vom Bürgersteig und tut sie seufzend in eine kleine Plastiktüte.

Als wir an der Neusser Straße ankommen, drückt mir die Frau Keuner die Tüte in die Hand: „Für deinen Restmüll. Bei euch ist doch neuerdings mehr Platz in der Tonne. Lass dich angucken. Wusste gar nicht, dass du Röcke trägst. Hing dein Röckchen nicht letzte Woche noch bei Humana?“ Die Keuner grinst und summt eine Melodie, die mir bekannt vorkommt. Nicht singen, denke ich, bitte nicht, aber schon ist es passiert: „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘ …“

„Pst“, mache ich. Die Frau Keuner hört auf zu singen und mustert mich: „Jetzt bist du über sechzig, deine Beine sind nicht mehr so schön wie früher, aber mit einer blickdichten Strumpfhose lassen sich die Besenreiser kaschieren. Ich sage dir was, du kannst Second-Hand-Klamotten anziehen, und es kommt immer noch elegant rüber, aber die Angela Merkel…“

„Was ist mit der?“

„Na ja, die Angela Merkel kauft Designer-Kleidung, aber die Designer-Kleidung sieht an der Merkel aus wie von der Stange oder aus dem Neckermann-Katalog der 60er Jahre. Das liegt nicht nur an der Figur, sondern auch daran, dass die Angela Merkel in der DDR aufgewachsen ist. Und in der DDR gingen die Kataloge von Quelle und Neckermann rum. Bestellen konnten die Ostdeutschen nicht, aber die Männer verguckten sich in die angebotenen Sportgewehre und die Frauen in die Klamotten. Bastelanleitungen für die Gewehre gab es nicht, aber Schnittmuster für die Kleider. Die wurden dann nachgenäht. Kaufen konnte man sie nicht, die wurden zwar vor allem in der DDR produziert, aber gegen Devisen an den Westen verkloppt. Doch Neckermann bleibt im Kopp, auch und gerade bei der Angela Merkel.“

Die Keuner macht endlich wieder eine Redepause, aber nur deshalb, weil sie eine Maske aufpicken muss. Ich halte das Tütchen auf.

„Aber diese kragenlosen Jacketts“, fängt die Keuner wieder an zu reden. „Die Blazer, die überm Hintern spannen, das geht eigentlich nicht. Die Corona-Zeit ist doch eigentlich eine Zeit ohne die Festessen, wo sich die Politiker auf unsere Kosten dick und doof fressen. Ich weiß nicht, warum die Merkel nicht dünner wird. Irgendwas stimmt da nicht. Vielleicht findet hinter den Kulissen das große Fressen immer noch statt. Stop, Maske!“

Die Keuner bückt sich, ist aber schnell wieder oben. „Weißt du, woran die Jacken von der Merkel mich erinnern? An ein chinesisches Einheits-Kleidungsstück, das in den 70er Jahren, als made in China noch nicht billig klang, in links-alternativen Kreisen angesagt war. Weißt du, was ich meine? Stichwort Unisex. Wir sind von Duisburg nach Düsseldorf gefahren, weil es da in der Altstadt einen Laden gab, wo die Jacken zu kaufen waren.“

„Meinen Sie die Maojacke?“, frage ich vorsichtig. Die Keuner grinst und nickt: „Die Merkel trägt Mao.“

„Ich muss jetzt“, sage ich. „Mir raucht der Kopf.“

„Zu viel Input, wa?“, sagt die Frau Keuner und lacht. „Dann trennen wir uns jetzt. Aber ich hab was mit dir vor, denn ich wollte immer schon mal mit dir… Wusstest du schon, dass wir… Dass wir beide für morgen nachmittag 16 h verabredet sind?“

Ich schlucke: „Was haben Sie mit mir vor?“

„Corona-Sause im REWE“, sagt die Frau Keuner.

P1000709Diese Masken, darunter eine Kindermaske, habe ich auf der Straße gefunden, einige aus Pfützen gefischt. Es sind Handarbeiten. Ich habe sie bei 60° Grad gewaschen, also nicht einmal so heiß, wie es zur Abtötung von Viren empfohlen wird. Dennoch leiert schon bei 60° die Gummi-Litze aus, was zur Folge hat, dass die Maske von der Nase rutscht. Wäre das Virus wirklich so gefährlich, wie uns weisgemacht wir, wäre die (offizielle!) Empfehlung solcher Stoffläppchen grob fahrlässig.

Elfchen im Elften zum Karnevals- und Alkohol(ver)kaufsverbot: Auch ohne Bier und Wein…

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, kam an einem Rosenmontag ein Fotograf der WAZ in unseren Kindergarten, um Fotos vom Kinderkarneval zu machen. Damals, vor mehr als fünfzig Jahren, war das kein Problem, denn die Fotografen wurden noch nicht kollektiv der Pädophilie verdächtigt, nur weil sie Kindergesichter fotografierten. Wir Kinder waren stolz und aufgeregt. Am nächsten Tag erschien dann in der Bottroper Lokalausgabe der WAZ ein Artikel. Da neben anderen Kindern auch meine Schwester und ich auf dem Foto waren, hatte meine Mutter den Artikel für uns aufgehoben. Er hatte eine neckisch-biederwitzige Schlagzeile, die aus 9 Wörtern bestand. (Um ein Elfchen daraus zu machen, habe ich 2 Wörter hinzugefügt.)

„Auch

Ohne Bier

Und Wein können

Wir fröhlich sein“ – Auch

Daheim!

Über die Biederkeit der Schlagzeile haben wir später noch viel gelacht (Und ich, eine passionierte Rotweintrinkerin, habe den Artikel bis heute aufbewahrt). Die Spießer, das waren die anderen, die uns nichts anhaben konnten.

Bis vor kurzem dachte ich, der piefige deutsche Humor sei ausgestorben. Doch „werch ein illtum“ (Ernst Jandl). In diesen traurigen Coronoia-Zeiten ist der Kleinbürger wieder da, feiert der latent aggressive deutsche Biederwitz fröhliche Urständ. Wer des Spießers Sprache fließend beherrscht, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Das Virus kennt keine Feiertage“. Wäre ich ein Alien, könnte ich aus sicherer Entfernung über Frau Merkel lachen. Aber ich lebe auf der Erde, wo sich die Lage immer mehr zuspitzt. Der autoritäre Biederwitz spiegelt die Mentalität der meiner Meinung nach vollkommen unangemessenen bundesdeutschen Corona-Politik, die tatsächlich (und das zeigt der rigide Umgang mit Andersdenkenden) keinerlei Spaß kennt.

Zurück zum Karneval: Nun wissen wir alle, dass Kinder (zum Glück) keinen Alkohol mögen. Sie müssen auch nichts trinken, um einander näher zu kommen. Kinder sind Kindern nicht fremd. Sie gehen aufeinander zu und haben in aller Regel weder Angst noch Hemmungen. Bei uns Erwachsenen ist das anders. Wir sind schon oft enttäuscht worden, wenn wir Nähe gesucht haben. Daher sind wir nicht mehr unbefangen.

Der Genuss von Drogen kann uns unbefangener machen. Allerdings sind gerade die halluzinogenen Drogen, etwa auch Cannabis, nur schwer kontrollierbar. Kiffen kann schnell dazu führen, dass uns ist, als säßen wir in der Achterbahn oder auf der Fähre von Dover nach Calais bei Windstärke 10. Der Verzehr von Space-Cakes kann aber auch eine ausgesprochen angenehme Wirkung haben. Unter günstigen Umständen ist Cannabis ein wunderbares Aphrodisiakum, denn manchmal wirkt es wie ein Bad in einer Art Jungbrunnen. Daher kann ich gerade vernünftigen älteren Menschen, die sich seit vielen Jahren gut kennen, gerne haben und einander vertrauen, eine Reise nach Alkmaar inklusive Einkehr im Coffeeshop nur wärmstens empfehlen, auch Joachim Sauer und Angela. Tatsächlich kommen wir auf diese Weise an verborgene Gefühle heran: „Ich möchte noch mal 20 sein und so verliebt wie damals….“

Alkohol kann solche Wunder nicht bewirken, ist aber viel besser kontrollierbar. In Maßen genossen fördert der Alkohol das friedliche und freundliche Miteinander. Ohne Sektempfang ist eine Hochzeitsfeier kaum denkbar. Im Karneval ist der Alkohol unerlässlich – trotz aller Schattenseiten (Kotzepfützen, Glasscherben, „Schnapsleichen“).

Mit dem Verbot der öffentlichen Feste zum Karnevalsanfang war zu rechnen, denn es ist Teil der allgemein bekannten Corona-Zwangsmaßnahmen, doch das absolute Alkohol(ver)kaufsverbot am 11.11. habe ich persönlich nur deshalb verkraftet, weil ich anders als des Rotkäppchens Großmutter über das alltägliche Viertel hinaus eh immer genug Wein vorrätig habe.

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„Alkoholverkaufsverbot“ am 11.11.. Die deutsche Sprache, insbesondere die Amtssprache, hat die Neigung, aufgeblasene Wort-Ungetüme zu kreieren, Begriffe, die sich aus einzelnen Wörter zusammen setzen und unter Umständen endlos in die Länge wachsen. Hier sind es die drei Wörter „Alkohol“, „Verkauf“ und „Verbot“. Der Siebensilber „Alkoholverkaufsverbot“ hat mit 21 Buchstaben nur eine Stelle weniger als das Zahlenungetüm IBAN. Beim Eintragen einer IBAN in einen Überweisungsträger ist nicht möglich, was hier gemacht wurde: Da das XL-Wort „Alkoholverkaufsverbot“ nicht auf die Tafel passte, wurde der Buchstabe „f“ weggelassen.

Im Verkaufsraum von Alnatura sagte mir ein freundlicher Mitarbeiter, dass das Fotografieren der Regale zwar nicht grundsätzlich verboten sei, dass er mich aber trotzdem bitten würde, es sein zu lassen. Ich versicherte ihm, dass ich nicht vom konkurrierenden (Wein)- Fach sei, gelobte Besserung und steckte den Fotoapparat zurück in die Tasche.

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Bescheuert: Gelbschwarze Absperrbänder spiegelten den Ernst der Lage.

In einem der berühmtesten und berührendsten Kölner Karnevalslieder spielt der Alkohol eine zentrale Rolle. Das Lied der Bläck Fööss erzählt vom alten Mann, der vor der Wirtschaftstür steht, kein Geld hat, aber so gerne dabei wäre. Doch dann kommt jemand aus der Kneipe heraus, geht auf den alten Mann zu und lädt ihn ein: „Drink doch eine met.“

Natürlich ist dieses Lied, das in einer Kneipe spielt, die wie jede Kölner Kneipe an Karneval proppenvoll ist, in Zeiten eines „Lockdown Light“ politisch nicht korrekt. Was tun? Die Antwort der Stadt Köln ist nachzulesen im aktuellen Newspaper der Stadt Köln. Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, ein Impfstoff, wirksame Medikamente – auf diese Zeiten können wir uns jetzt schon freuen. Aber bis dahin bitte ich Sie, bitte ich Euch alle – und Ja, ich erwarte es auch –, in Abwandlung eines der schönsten kölschen Lieder zu sagen: ‚Drink doch KEINE met‘…!“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Liebe Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker,

ich weiß, dass Sie mit einem Karnevals- und Alkoholverkaufsverbot uns Bürgerinnen und Bürger vor einer Ansteckung mit Corona schützen wollen. Doch die Verbote gehen zu weit. Das Alkoholkaufsverbot ist entmündigend und respektlos gegenüber all den Bürgerinnen und Bürgern, die sich seit dem Frühjahr an die Vorgaben gehalten haben. Es stellt uns unter einen Generalverdacht: Wir alle könnten mit Hilfe von Alkohol auch außerhalb eines der derzeit geschlossenen Superspreader-Orte (Kneipen und Restaurants) ein Superspreading-Event anzetteln, z.B. eine Karnevalsfeier.

Dem Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln ist bei der Werbekampagne für die Aktion „diesmalnicht“ ein schwerer Schnitzer passiert. Das Motto „Drink doch KEINE met“ ist nicht nur anbiedernd. Mit der Änderung des einen Worts wird ein Lied verhunzt und veralbert, das längst zum Kölner kulturellen Erbe gehört. Wir Kölnerinnen und Kölner lieben das Lied, auch ich als Wahl-Kölnerin. Nicht einmal der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, der zwei Menschen das Leben gekostet hat und durch einen schweren Fehler im Rahmen des Ausbaus der U-Bahn verursacht wurde, hat „Drink doch Eine met“ etwas anhaben können, denn das Lied ist uns allen im Ohr – und wir tragen es in unserem Herzen…

Mit der Aufforderung „Drink doch KEINE met“ ändert sich das Lied von Grund auf. Ich erlaube mir, die Geschichte neu zu erzählen: Ein alter Mann steht vor der Wirtschaftstür…

„Hallo, Sie da“, sagt der Mann vom Ordnungsamt, der auf seinem Kontrollgang an der Kneipe vorbei kommt. „Ziehen Sie mal die Maske hoch, auf der Neusser Straße ist Maskenpflicht, gehen Sie besser nach Hause. Und ziehen Sie endlich die Maske hoch… Immer noch nicht begriffen, dass die Kneipe zu ist und es keinen Alkohol gibt? Drink doch KEINE met, verstanden? Klare Ansage von der Frau Reker. Kein Wenn und Aber. Was sagst du da, die Frau Oberbürgermeisterin will sich bei den Kölnern beliebt machen? Nur weil sie sagt, dass sie eine Jeckin ist und selber gerne feiern würde, aber uns zuliebe auch gerne ein Opfer bringt? Schwerhörig? Drink doch KEINE met! Was sagst du da, du willst gar nicht in die Kneipe, aber du kannst auch keinen Alkohol kaufen, und das, wo die Läden doch jetzt so lange auf sind? Hättest du doch gestern kaufen können. Hingen doch überall Informationen. Beim Aldi zum Beispiel, da bist du doch bestimmt Kunde. Was sagst du da? Im Frühjahr waren die Weinregale noch brechend voll, als längst kein Klopapier mehr da war? Das findest du einen Widerspruch? Außerdem…“ Der Ordnungsamtsmann rückt seine Maske zurecht und redet dann weiter: „Außerdem schwächt Alkohol dein Immunsystem und macht dich anfällig für Corona. Da kannst du der Frau Reker wirklich dankbar sein, denn ein Alkoholverkaufsverbot schützt dich. Aber die Stadt Köln hat eine frohe Botschaft für dich. Du bist über 60 und wirst als erster geimpft.“ Der Mann grinst und singt: „Und häste och kei Jeld, dat es janz ejal. Ahler Mann, die Impfung kostet nichts!

Auf der Neusser Straße in Nippes war es gestern nachmittag, obwohl die Geschäfte geöffnet waren, seltsam still. Die wenigen Autos fuhren auffällig langsam. Es dämmerte, ich kam aus Richtung Agnesviertel und war ein bisschen melancholisch gestimmt. Doch auf der Höhe von Tchibo hörte ich mit einem Mal Musik, zunächst einzelne Klänge, die sich, als ich weiter ging, zu Liedern zusammensetzten. Vor dem Kaufhof stand ein Leierkastenmann. Der Mann hatte einen Hut voller Süßigkeiten neben den Leierkasten auf den Boden gestellt. Da er die Kurbel weiter drehte, musste ich dem maskierten Mann verboten nahe kommen, um zu verstehen, was er mir sagte: Greifen Sie zu, die Süßigkeiten sind noch von Halloween, ich hatte sie für die Kinder gekauft, aber die durften ja wegen Corona nicht klingeln, und es sind auch keine gekommen… Ich blieb eine Weile dort stehen – und habe selten erlebt, wie beglückend und berauschend Musik ist.

Kamala Harris for Vice-President!

Die WDR-Talksendung „Hart aber fair“, die gestern abend um 21.30h im „Ersten“ ausgestrahlt wurde, warb mit einem reißerischen Titel: „Trump oder Biden – die freie Welt vor einer Jahrhundertwahl! Die letzten Stunden vor einer Wahl, die für die USA und die Welt historisch ist.“ Dass es sich bei dieser Wahl um eine Jahrhundertwahl handelt, halte ich für eine maßlose Übertreibung. Hierzulande (in den USA dürfte es anders sein) zittert keiner mehr vor Donald Trump.

2016 war das anders. Die letzte Wahl war tatsächlich eine Jahrhundertwahl, denn ihr Ausgang, die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Atom-Macht USA, hat gezeigt, wie fragil unsere Demokratie ist. Vor allem hat die Wahl im Jahr 2016 an unsere existentiellen Ängste gerührt, die wir permanent verdrängen müssen, um überhaupt leben zu können, insbesondere die Angst vor einem Atomkrieg. Wer sich erinnern will, wie sich kluge, phantasiebegabte Menschen nach der Wahl gefühlt haben, nämlich „schockstarr“, möge sich folgendes Video angucken, in dem der großartige deutsch-österreichische Schauspieler Christoph Waltz zu Wort kommt, der fordert, dass wir Trump endlich ernst nehmen sollen: https://www.youtube.com/watch?v=wAkRMAd4uuw

In seiner Wahrhaftigkeit hat mich das Video damals sehr getröstet, denn Christoph Waltz gehört zu den Menschen, die sich nicht betrügen. In den deutschsprachigen Medien hingegen spielte man die Gefahr herunter, und man hörte beschwichtigende Sätze wie: „Vielleicht ist er gar nicht so gefährlich, wie er tut“, oder: „Man muss Trump eine Chance geben.“ Politisch sind solche „Unschuldsvermutungen“ nicht nur dumm, sondern auch fahrlässig: „Man wird erst wissen, dass er vorhatte, Atombomben auszuprobieren, wenn er es wirklich tut.“

Ich denke an das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Es erzählt davon, dass wir lernen müssen, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Übertragen auf die Unschuldsvermutung gegenüber Trump ist es so, als würde die Ziegen-Mutter zu ihren Kindern sagen: „Lasst den Bösen Wolf ruhig ins Haus, er gilt zwar als böse, aber das sind nur Vorurteile, denn ob er vorhat euch zu fressen, können wir erst im Nachhinein wissen. Der Bursche wird sich schon benehmen.“

Donald Trump hat -salopp gesagt- ein ausgesprochen schlechtes Benehmen. Er verhält sich, als seien die USA sein privates Unternehmen, als gehörten die USA ihm, als seien die Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten seine Angestelllten, die er heuern und feuern kann, wie er nur will. Trump verhält sich so wie ein cholerischer, unreifer Knabe, der die Sau rauslässt. Aber Trump ist kein Knabe, sondern ein erwachsener Mann, ein Brandstifter, der über Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger entscheiden kann. Was entsetzlich und hierzulande kaum bekannt ist: Donald Trump hat die Todesstrafe ausgeweitet. Seit dem vergangenen Jahr lässt er nach einer Unterbrechung von 16 Jahren wieder Hinrichtungen auf Bundesebene vollstrecken.

Wir müssen hoffen, dass Trump die Wahl, die gerade eben stattfindet, verliert. Es gibt da eine Politikerin, die ist anders als Trump eine entschiedene Gegnerin der Todesstrafe, anders als Trump leugnet sie den Klimawandel nicht, und anders als Trump ist sie gegen die freie Verfügbarkeit von Schusswaffen. Ich rede von Kamala Harris, und die gibt -im wahrsten Sinne des Wortes- eine richtig gute Figur ab. Es möge gesagt werden dürfen: Kamala Harris ist auch was fürs Auge.

In der Selbstpräsentation sind die US-Amerikaner uns Deutschen meilenweit voraus. Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker sind immer auch Medienfiguren, die sich freiwillig oder unfreiwillig exhibitionieren, doch das scheinen die Deutschen immer noch nicht begriffen zu haben, insbesondere… Frau Merkel müsste dringend an ihrem Outfit feilen.

Worin die Chance liegt: Der Demokrat Joe Biden hat Kamala Harris zu „seiner“ Vize-Präsidentin bestimmt. Das ist ein Amt, das es hierzulande nicht gibt. Der Vice-President hat eine große Bedeutung. Im Falles des Todes, des Rücktritts oder der Amtsenthebung des Präsidenten ist der Vizepräsident bzw. die Vizepräsidentin die erste Person, die das Amt des Präsidenten übernimmt. Zugleich wäre Kamala Harris, sollte Biden die Wahl gewinnen, seine wichtigste Beraterin.

Demokratien brauchen Volksvertreter, wir brauchen Menschen, denen wir vertrauen können. Zur Wiederbelebung der Demokratie braucht es weibliche Energie! Kamala Harris for Vice-President!

In der öden gestrigen „Hart aber fair“- Sendung wurde Joe Biden zum Vorwurf gemacht, dass er im Wahlkampf nicht aggressiv genug aufgetreten sei. Diesen Vorwurf halte ich für gefährlich, denn dahinter steht die Forderung nach dem harten Mann, der autoritär durchgreift. Überhaupt ist der politische Umgangston „seit Trump“ rauer geworden. Angela Merkel und ihre politischen Verbündeten verhalten sich mittlerweile ähnlich respektlos wie Trump, so, als seien wir Bürgerinnen und Bürger bloße Befehlsempfänger.

Auch in Deutschland verschwimmen die Grenzen zwischen „öffentlich“ und „privat“. Wir erleben eine eigentlich nicht zumutbare Einmischung in unser Privatleben. Gestern, am ersten Tag des „Lockdown light“, verkündete Angela Merkel eine Weihnachtsbotschaft. Spiegel-online: „Zum Start des Corona-Shutdowns geht die Kanzlerin noch einmal in die Offensive. Ihre Botschaft: „Nur wenn jetzt alle mitziehen, wird es kein einsames Weihnachten.““ Das ist so anmaßend!

Gegen das, was tatsächlich unser aller Leib und Leben bedroht, insbesondere die Klimakatastrophe, wird nichts gemacht. Deutschland drückt weiterhin auf die Tube. Dass, während die Wälder in den USA brennen, der Liter Diesel in Deutschlandmit 99 Cent weniger als einen Euro kostet, finde ich grob fahrlässig. Demgegenüber steht ein meiner Meinung nach blinder Aktionismus, was den Kampf gegen das Virus betrifft. Gegen die „Naturkatastrophe Corona“ (Angela Merkel) fährt man gigantische Geschütze auf. Zwangsmaßnahmen werden verhängt, die verharmlosend „Lockdown light“ genannt werden.

Mit dem „Kampf gegen Corona“ wird demonstriert, dass man die Gefahren unter Kontrolle bekommt. Ja, das Virus bekommt man unter Kontrolle, aber nur deshalb, weil es so gefährlich nicht ist. Das ist so lächerlich, aber ich kann nicht lachen, weil der Schaden bereits immens ist. Dabei sind wir Menschen gegenüber den tatsächlichen Bedrohungen vollkommen ungeschützt. Angela Merkels Wohnung brennt lichterloh, aber sie geht ins Bad und passt auf, dass die Badewanne nicht überläuft.

Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine Todesstrafe mehr, und man kann Schusswaffen nicht im Supermarkt kaufen. Zum Glück, denn hierzulande liegt eine furchtbare Anspannung in der Luft. Die Menschen sind erschöpft und tieftraurig.

Um nicht zu vereinsamen, haben wir gelernt, unsere Kritik an den Zwangsmaßnahmen zu bremsen und zu verdrängen- und spüren kaum noch, wie wütend wir sind. Da wir uns zwingen zu glauben, dass die Politiker nur unser Bestes wollen, richten wir die Aggressionen gegen uns selber – und werden depressiv.

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Privater Waffenbesitz in Deutschland: Dass wir keine Waffen im Haus haben, stimmt nicht so ganz. Beim Entrümpeln finde ich im Keller eine Wasserbomben-Schleuder. Hiermit und auch mit Wasserpistolen hatten meine Töchter (und wir Eltern, vor allem ich, der Plastikmüll hielt sich im Rahmen und sei uns verziehen) großen Spaß. Und dennoch ist auch diese Schleuder ein „Nachfolgerin“ einer der frühesten Waffen der Menschheit, der Steinschleuder.  Um zu überleben, mussten die Neandertaler jagen,  aber sie hatten vor den Tieren (und der Schöpfung) Respekt. Vermutlich töteten sie „maßvoll“, denn sie erjagden niemals mehr Tiere, als sie zum Überleben brauchten Die Neandertaler waren weitaus zivilisierter als wir,  denn sie hatten zwar Waffen, haben es aber in den über 200.000 (!) bezeugten Jahren nicht „geschafft“, die menschliche Spezies auszurotten…. Die Schusswaffen, die in den USA verkauft werden, sind weder notwendiges Übel noch Spielzeug, sondern dazu da, auf Mitmenschen grichtet zu werden. 

Vor gut vier Jahren habe ich einmal eine Mail (am 22.Juni 2016, „Trump“ lag schon in der Luft) in eine Gruppe von Weintrinkerinnen aus dem Umfeld des legendären Nippeser „Weinhaus(es) im Viertel“ (das es leider schon länger nicht mehr gibt) geschickt. Aus aktuellem Anlass sei die Mail hier noch einmal abgedruckt (und die Weinkennerinnen mögen mir die „Zweitverwertung“ verzeihen):

„Liebe Wein-Kennerinnen,  

in den USA darf man erst mit 21 Jahren Alkohol trinken. Ganz anders sieht es mit dem Besitz und Gebrauch von Schusswaffen (die oft aus Deutschland kommen) aus. Mit tödlichen Waffen schießen dürfen schon die ganz Kleinen. Da gibt es etwa die spezielle, voll funktionstüchtige Kinder-Knarre „My First Rifle“.  

Hier das Quiz zum Thema:  Warum ist an manchen US-Schulen das Lesen von „Rotkäppchen“ verboten?  

a: Weil Rotkäppchen auf den Beifahrersitz eines College-Boys gehört und nicht in den Wald. … b: Weil Rotkäppchen ihrer Großmutter eine Flasche Wein mitbringt. … c: Weil der Böse Wolf ein Terrorist sein könnte.  

Alles stimmt, aber die richtige Antwort lautet:

https://www.spiegel.de/fotostrecke/kampagne-choose-one-fotostrecke-95902.html …“