+++Eilmeldung: Steinmeiers Fuchs (der aus dem Schlosspark von Bellevue) hat endlich einen Namen!+++

Vor genau einer Woche überraschte uns eine DPA-Eilmeldung: „Laschet in Briefwahl als CDU-Vorsitzender bestätigt“.
„Nach seiner Wahl bei einem Online-Parteitag am vergangenen Samstag“, so hieß es in der Eilmeldung, die auf eine Bekanntgebung der CDU reagierte, „bestätigten ihn die Delegierten auch in der anschließenden Briefwahl.“

Es ist erstaunlich, wie wichtig derzeit Nachrichten genommen werden, die aus Richtung CDU kommen. Ein Wahlsieg der CDU bei der diesjährigen Bundestagswahl am 26. September, so wird uns in den Medien suggeriert, ist sicher, die Frage ist eigentlich nur noch: Welcher Kandidat der CDU tritt Angela Merkels Nachfolge an?

Die Nachricht, dass der Fuchs von Bellevue jetzt endlich einen Namen hat (und dadurch fast zum Haustier wird), wird uns als Randnotiz verkauft. Weil ich es besser weiß und weiß, wie staatstragend gerade die kleinen Nachrichten jenseits der Weltpolitik sind, mache ich aus der Randnotiz eine Eilmeldung: +++Steinmeiers Fuchs (der aus dem Schlosspark von Bellevue) hat endlich einen Namen!+++

Denn Politik findet vornehmlich auf den Panorama-Seiten statt. Unsere Herzen müssen erreicht und erobert werden, um die Corona-Maßnahmen inklusive Impfung überhaupt durchdrücken zu können. Die Sympathieträger für diese autoritäre, populistische Politik heißen nicht Laschet, Merkel, Spahn, sondern Heidi, George, Archie – und Theo. So heißt nämlich unser aller Bundesfuchs.

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Es ist schade, dass „Theo“ nicht gefüttert wird, zeigt doch sein „Überfall“ aufs Bellevue-Vogelhäuschen, dass er Körner mag. Wenn man ihnen Körner-Futter anbietet, lassen sich selbst klassische Fleischfresser unter den Wildtieren davon überzeugen, dass auch die vegetarische Mahlzeit gut schmecken und satt machen kann… Eigentlich war die Vogeltränke für die Singvögel gedacht. Aber auch die Taube hat ihren Spaß. Manchmal pickt sie den kleineren Vögeln die Körner weg. Aber das tut sie (anders als so mancher Mensch) nicht, weil sie den anderen was wegnehmen will, sondern weil sie Hunger hat. Ich warte, bis die Taube weggeflogen ist, und streue neues Futter aus. So dass am Ende alles was abkriegen, auch die Mäuse, die keinen Grund mehr haben, ins Haus zu kommen.

Elfchen im Ersten: „Wir geben euch Staatssicherheit“ (Ein Gedicht von Angela Merkel, das sie mir vortrug, als ich von ihr träumte)

*27. Januar 1756, Wolfgang Amadeus Mozart

We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep. (William Shakespeare: The Tempest ( Der Sturm), 4. Akt, 1. Szene, Prospero)

Wir sind so wirklich wie die Träume wirklich sind, und unser kleines Leben ist gebettet in den Großen Schlaf. (LiWi, 2021)

***

Vor ein paar Tagen träumte ich in einer sternenklaren Nacht von Angela Merkel. Ich wollte nie von ihr träumen, aber dann war sie da: „Hallihallo!“ …

… Es ist Nacht, ich sitze auf dem Sofa. Plötzlich höre ich eine seltsam heitere Stimme, Kichern, Glucksen. Die Stimme kommt aus dem Fernseher, den wir uns zur Fußball-WM 2006 gekauft haben. Das Gerät ist ziemlich kaputt und geht nur noch an, wenn man draufhaut. Der Ton funktioniert nur manchmal.

Aber jetzt funktioniert der Ton so gut wie damals im Jahr 2006. Die Stimme, die erklingt, kenne ich. Es ist eine mädchenhafte Stimme. Unverwechselbar: Es ist die berühmteste weibliche Stimme der Bundesrepublik Deutschland: „Hallöchen. Seid ihr alle da? Priwétik!“

Ja!“, rufe ich. „Wie toll! Der Fernseher tut es ja noch, und ich dachte schon, ich müsste mir nach fast 15 Jahren einen neuen kaufen. Und dabei sind schon Spülmaschine und Drucker kaputt. Und das im Lockdown. Ich muss für jede Kopie in die Post, weil der Copy-Shop coronabedingt dicht ist. 39 Cent das Stück und eine Scheiß-Qualität. Wenn jetzt der Fernseher wieder funktioniert, wenn noch das Bild kommt, bin ich happy.“

Tatsächlich belebt sich der Bildschirm: Angela Merkel erscheint. Ich hätte zwar gerne gewusst, welche Nachtwäsche Angela Merkel trägt, Nachthemd oder Schlafanzug, aber zu meiner Erleichterung trägt Angela Merkel auch mitten in der Nacht bildschirmgerecht eine dieser Designer-Jacken, die nicht so aussehen als ob, diesmal in blau. Doch etwas irritiert mich: Angela Merkel, die immer eine waschbare EU-Werbe-Stoffmaske getragen hatte und zuletzt demonstrativ FFP2 trug, ist maskenlos erschienen.

„Frau Merkel, Sie kommen mir so nackt vor. Warum haben Sie keine Maske an? Weil das alles nur ein Traum ist?“

Ich hab keine Maske an, damit ich Sie besser anstecken kann“, sagt Angela Merkel und kichert: „Trara, trara, Weg mit AHA! Zurück zum Gesichts-FKK! Aber Spaß beiseite. OHNE ist das neue MIT, mit Lippenstift. Na, steht er mir?“ Angela Merkel will die Lippen spitzen, muss aber niesen: „Entschuldigung. Der Jens, der hatte übrigens auch einen Schnupfen, nur einen Schnupfen. Und auch sein Lebensgefährte hatte, wenn der Daniel überhaupt welche hatte, nur leichte Symptome.“

Frau Merkel, das weiß ich doch“, sage ich. „Aber ich mag den Promi-Klatsch nicht hören. Mir ist schon klar, dass der Jens Spahn nur einen kleinen grippalen Infekt hatte. Ich weiß auch, dass Sie wissen, dass das Virus nicht so gefährlich ist, wie Sie uns vormachen. Aber wenn Sie erlauben, mache ich jetzt den Fernseher aus, ja? Ihr Politiker sucht ja neuerdings die Bürgernähe, aber ich will nicht, dass Sie zu mir ins Wohnzimmer kommen, denn ich möchte jetzt ein bisschen alleine sein.“

Das heißt nicht ‚Politiker'“, korrigiert mich Frau Merkel. „Das heißt ‚Politikerinnen‘ und ‚Politiker‘. Und es heißt auch nicht ‚Bürger‘, sondern ‚Bürgerinnen und Bürger‘. Außerdem komme ich nicht zu Ihnen ins Wohnzimmer, sondern bleibe ganz brav hier im Fernsehgerät. Prost!“ Angela Merkel nippt an einem winzigen Glas Weißwein, das sie mit einem Mal in der Hand hat.

„Auf Wiedersehen, Frau Merkel!“

„Ich bleibe“, sagt Angela Merkel. „Sie können mich nicht ausschalten, denn Sie müssen ja wissen, was die aktuellen Maßnahmen sind. Sie sind dazu aufgerufen, sich informieren zu lassen. Die Solidargemeinschaft kann von Ihnen verlangen, dass Sie Nachrichten empfangen, um zu erfahren, welche neuen Verhaltensregeln es gibt, die zu befolgen Sie verpflichtet sind, damit sie sich und die Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht in Gefahr bringen. Wir erleben eine Pandemie. Die Corona-Pandemie. Wir erleben eine Jahrhundert-Katastrophe. Wissen Sie das denn nicht?“

„Ich bevorzuge das Internet.“

„Aber das Internet ist unseriös. Nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk schützt die Bürgerinnen und Bürger. Die Rundfunkgebühren sind keine Zwangszahlung, sondern eine Schutzgebühr, die sie zahlen, damit Sie sicher sein können, keine ungeprüften Nachrichten zu empfangen. Nur so sind können Sie sichergehen, Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger und sich selber nicht zu gefährden. Gucken Sie wirklich nicht fern? Fernsehen ist doch die schönste Entspannung. Sie werden doch nicht so dumm sein, €17.50 im Monat zu bezahlen und nicht einmal den ‚Tatort‘ zu gucken.“

„Fernsehen ist nicht entspannend“, sage ich leise. „Und der ‚Tatort‘ ist mir zu brutal geworden. Außerdem tut es mein Fernseher nicht mehr richtig.“

„Der ‚Tatort‘ ist nur ein Fernsehspiel“, sagt Angela Merkel. „Außerdem haben wir, um die Kinder zu schützen, die ja mit vor dem Fernseher sitzen, die Sexszenen reduziert.“

„Frau Merkel, ich denke nicht an die Sexszenen. Die finde ich tatsächlich fürchterlich. Aber wenn wir Fernsehzuschauer….“

„Stop!“, unterbricht mich Angela Merkel, hebt den Zeigefinger, schaut sich selber auf die Fingerspitze und kichert: „Hallo, kleiner Genderfinger.“ Jetzt guckt sie mich an und zwinkert mit dem Auge: „Es heißt, wie mir mein kleiner Genderfinger gerade gesagt hat, ‚Fernsehzuschauerinnen‘ und ‚Fernsehzuschauer.'“

„Gut, ich korrigiere mich“, sage ich. „Also, wenn wir Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer den im Fernsehen Agierenden dabei zugucken, wie sie vor der Kamera und vor unser aller Augen Sex haben, fremdschämen wir uns. Überhaupt wollen wir ja den Menschen auch im realen Leben nicht dabei zugucken. Und wir wollen nicht, dass man uns zuguckt. Das wollen Sie doch auch nicht, Sie und Sauer. Aber wenn ich mich auch noch so sehr fremdschäme, bin ich trotzdem immer ein bisschen neidisch. Auf die Leichen in der Gerichtsmedizin, die jetzt in allen Krimiserien vorkommen und für hohe Einschaltquoten sorgen, bin ich nicht neidisch.“

„Sie nehmen das zu ernst“, kichert Angela Merkel. „Der Münsteraner Tatort ist doch so lustig.“

„Das ist überhaupt nicht lustig“, sage ich. „Wir sollen abgestumpft werden, gleichgültig werden gegenüber der Leichenschau und gleichgültig gegenüber den Toten. Die Familie sitzt vor dem Fernseher und guckt zu, wie der Pathologe das Messer ansetzt.“

„Schätzchen, wo leben wir.“ Angela Merkel lächelt. „Außerdem mag ich den Professor Börne.“ Sie summt, sie pfeift… Ich erkenne nicht Gutes ahnend die Melodie von „In der Weihnachtsbäckerei“, und jetzt singt Angela Merkel auch noch: „Wenn ich eine Leiche wäre und Professor Börne käme, wär ich gleich in ihn….“ Klatscht zweimal in die Hände: „Verknallt.“

Ich bin mit einem Mal, obwohl ich nur träume und im Traum weiß, dass ich nur träume, vollkommen ernüchtert. Ich weiß, dass Angela Merkel solche gestörten Phantasien nicht hat. Und doch spüre ich, dass ich ihre kalte Politik nicht mehr ertragen kann. Ich sehne mich nach Bundeskanzler Willi Brandt, und ich weiß, dass diese Bundeskanzlerin niemals etwas tun würde, das der großen, spontanen, solidarischen Geste, Willi Brandts Kniefall in Warschau vor fünfzig Jahren, auch nur entfernt ähnlich wäre. Ich halte diese Frau für leidenschaftslos, und meine Hoffnung, dass sie sich irgendwann einmal für die in meinen Augen gnadenlose Corona-Politik entschuldigen wird, insbesondere bei den alten Menschen und bei den Kindern, schwindet.

Dann sage ich etwas, das mich selber verwundert: „Hatten Sie jemals eine außerkörperliche Erfahrung, Frau Merkel? Nein? Stellen Sie sich bitte vor, der Leichnam in der Gerichtsmedizin wäre Ihrer: Die Seele hat den Körper verlassen und nimmt von außen wahr, wie die Überlebenden sich über den toten Körper beugen, der von der Seele verlassen daliegt und sich nicht mehr zur Wehr setzen kann. Wenn ein Obduktionssaal Schauplatz einer Szene im ‚Tatort‘ ist, ist das meines Erachtens die Störung der Totenruhe im Namen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“

„Sie sind ja nur neidisch“, sagt Angela Merkel und trinkt noch ein winziges Schlückchen. „Außerdem ist das, was Sie sagen, juristisch irrelevant, denn es handelt sich nicht um eine Störung der Totenruhe, weil ja die Leichen nur gespielt sind. Man tut nur so, als ob da einer tot wäre.“ Jetzt lächelt Angela Merkel: „Ich weiß jetzt, warum Sie etwas gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben. Ich habe gerade per App erfahren, dass Ihre jüngere Tochter von Juli bis November keine Rundfunkgebühren gezahlt hat. Ich gehe nicht, ich bleibe so lange, bis Ihre Tochter per SMS, Mail oder Telefonanruf ihre Bereitschaft erklärt hat, bis einschließlich November ihre Schulden zu bezahlen.“

„Aber, aber…“, stammele ich. „Meine Tochter verbringt zur Zeit ein Erasmus-Jahr in England. Sie lebt in einer studentischen Wohngemeinschaft. In der Miete, die sie für ihr Zimmer dort zahlt, ist ein Beitrag zum Beitrag ihres Haushalts für die British Broadcasting Corporation (BBC) enthalten. Außerdem ist sie in meinem Haushalt gemeldet, und für diesen Haushalt bezahle ich Rundfunkgebühren. Da muss sie das nicht auch noch.“

„Aber das muss sie belegen“, sagt Angela Merkel. „Weinen Sie etwa? Aber Schätzchen, das wollte ich nicht.“

Ich schlucke. „Sie konnte sich erst Mitte September bei mir anmelden, weil wegen Corona kein Termin im Bürgeramt frei war. Offiziell war sie noch in Heidelberg gemeldet, wo sie stellvertretend für ihre Studenten-Wohnheim-WG die Rundfunkgebühren bezahlt hat, die dann untereinander aufgeteilt wurden. Sie wollte sich noch im August bei mir anmelden, um am 27. September an den Kölner Kommunalwahlen teilnehmen zu können, weil man ja, um wählen zu können, seit mehr als zwei Wochen angemeldet sein muss. Da wird selbst bei Menschen, die fast immer in der Stadt gelebt haben, keine Ausnahme gemacht. Dann war Anfang September ein einziger Termin im Köln-Kalker Bürgeramt frei, der ihr auch angeboten wurde, aber an dem Tag konnte sie nicht. Wählen konnte sie übrigens auch nicht. Und jetzt will die GEZ…“

„Stop!“ Angela Merkel hebt den Genderfinger. „Die GEZ gibt es nicht mehr, wir reden von einer öffentlich-rechtlichen, nicht rechtsfähigen Gemeinschaftseinrichtung namens ‚ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice‘.“

„Frau Merkel, ich kann nicht mehr.“

„Sie können schon noch. Außerdem schlafen Sie doch.“

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Die GEZ (die ich bewusst so noch nenne) hat Zugriff auf alle unsere Meldedaten, in meinen Augen ein Skandal : „Die Einwohner­melde­ämter über­mitteln Melde­daten an den Beitrags­service, wenn sich bei voll­jährigen Ein­wohnern Daten geändert haben. Anders als bei der anlass­bezogenen Melde­daten­über­mittlung werden beim bundes­weiten Melde­daten­abgleich die Daten sämt­licher voll­jährigen, in Deutsch­land gemeldeten Personen über­mittelt, um deren Beitrags­pflicht zu klären.“ (www.rundfunkbeitrag.de) Man kann das auch positiv betrachten: In vielen Fällen („Verifizierung“ des Wohnorts) würde ein kurzer Anruf beim Einwohnermeldeamt genügen, um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen. Meine Tochter z.B. müsste nicht mehr krampfhaft belegen, dass sie bei mir gemeldet ist. Kleiner Tip: Der Beitragsservice ist auch per Mail zu erreichen, aber nicht unter der Schein-Adresse info@, sondern unter datenschutz@beitragsservice.de. Meine nebenstehende Mail wurde tatsächlich (freundlich) bearbeitet, aber meine „Belege“ wurden nicht akzeptiert. „Schuld“ an dem Schlamassel haben aber nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behörde, die ja auch nur ihren Job tun. Das Problem ist eine neue gesetzliche Grundlage von 2013.  Ein typisch deutsches, aus mindestens fünf einzelnen Wörtern zusammengesetztes Wortungetüm mit 29 Buchstaben bezeichnet die neue gesetzliche Grundlage- und ist bezeichnend für die Sache: Der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag.

„Es ist so“, sage ich. „Meine Tochter hat Mitte September völlig überraschend einen Termin für die Anmeldung im Bürgeramt Köln-Nippes gekriegt. Nachdem sie angemeldet war, hat sie die Anmeldebestätigung weggeworfen, weil sie froh war, endlich angemeldet zu sein, und weil sie dachte, dass es reicht, den Ausweis vorzulegen, der ja belegt, dass sie gemeldet ist.“

„Aber auf dem Ausweis fehlt das Anmelde-Datum“, sagt Angela Merkel. „Ätschi bätschi.Sie reibt mit dem Genderfinger der rechten Hand über den Zeigefinger der linken. „Aber lassen Sie nicht den Kopf hängen, das lässt sich bestimmt klären.“

„Ich weiß nicht, warum der Beitragsservice sich nicht direkt beim Bürgeramt erkundigt, seit wann meine Tochter gemeldet ist. Stattdessen soll sich meine Tochter im Bürgeramt eine neue Meldebescheinigung abholen, die wieder 9 Euro kostet, aber die haben da nur einen Termin in sechs Wochen frei. Aber da meine Tochter ja in England weilt, kann sie die Meldebescheinigung nicht persönlich abholen. Sie kann mich beauftragen, doch um die Bescheinigung abholen zu können, brauche ich eine Vollmacht von meiner Tochter, die meine Tochter aber nicht ausstellen kann, weil sie in England ist. Und dass der Postweg noch weniger sicher ist als vor Corona, das wissen Sie. Ich habe ein Päckchen nach England und ein Päckchen in die Niederlande geschickt, aber die sind nie angekommen.“

„Aber Sie haben doch sicher noch die Belege?“

„Wozu? Ich dachte, dass alle Päckchen, die man mit DHL schickt, ankommen.“

„Tun sie aber nicht“, sagt Angela Merkel. „So ist das bei einer Pandemie. Da können die Bürgerinnen und Bürger nicht erwarten, dass alle Sendungen befördert werden. Man sollte sich alles belegen lassen. Sie haben ein Recht auf einen Beleg, auch und vor allem an der Supermarkt-Kasse. Aber es gibt ja noch den Brief. Und Briefe kommen trotz der Jahrhundertkatastrophe noch an.“ Sie verschränkt die Arme: „Warum lassen sie Ihre Tochter im Stich? Bezahlen Sie doch einfach das Geld und ersparen Sie dem Mädchen den Kummer.“

„Meine Tochter hat keinen Kummer. Die ist nur sauer und genervt. Sie versteht die Welt nicht mehr bzw. immer besser.“

„Werden Sie nicht noch frech“, sagt Angela Merkel. „Ich sag Ihnen was. Sie sind dermaßen egoistisch.“

„Bitte, Frau Merkel gehen Sie. Ich stelle jetzt meinen Rechner an, da kann ich selber entscheiden, was ich mir anhöre und was nicht.“

„Damit tun Sie sich keinen Gefallen. Im Fall einer Atomkatastrophe werden Sie so nicht in der Lage sein, sich rechtzeitig zu informieren. Was die Impfung angeht, sind Sie sehr bald an der Reihe, aber im Falle eines Atomunfalls werden Sie, das kann ich Ihnen versprechen, gewiss nicht zu den ersten gehören, die wir evakuieren.“

Ich will den Fernseher ausschalten, aber es geht nicht, nichts geht, der Fernseher lässt sich nicht ausschalten, alle Knöpfe und Tasten sind spurlos verschwunden, ich suche nach einem Schalter, aber es gibt keinen. Auch das Kabel fehlt. Und die Antenne.

„Lassen Sie das, ich bin kitzelig“, kichert Angela Merkel, fängt dann aber an zu jammern, hält sich die Ohren zu und ruft: „Jens, kommst du mal?“

„Schon gut“, sage ich und setze mich wieder aufs Sofa. „Ich gehe auch gleich in ein anderes Zimmer.“ Ich versuche, mich aufzurichten, aber ich falle direkt aufs Sofa zurück.

„Der Jens kommt schon nicht“, sagt Angela Merkel. „Es wäre zwar schön, wenn der Jens dir mal etwas erklären würde, aber der interessiert sich leider nicht für dich.“ Kichert: „Aber ich bräuchte mal ein weibliches Ohr. Wir müssen ja nicht politisieren. Hol dir doch auch ein Gläschen Wein. Kennst du das Lied?“ Singt: “ ‚Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt die kleine Wanze…‘ Das haben wir damals, als die Mauer gebaut wurde, gerne gesungen. Aber es war ja nicht nicht nur eine Wanze, sondern da waren viele, viele Wanzen. Es wurden ja überall Wanzen installiert, Überwachungsgeräte, auch in Privaträumen. Furchtbar. Die Idee mit dem Schutzwall war aber nicht nur schlecht. Es ist nämlich richtig und wichtig, dass der Staat die Bürgerinnen und Bürger schützt. Denn selber können sie das nicht.“

„Schon gut, Frau Merkel“, sagte ich. „Aber können wir nicht bitte weiter „Sie“ zueinander sagen?“

Angela Merkel seufzt. „Warum können mich die Leute nicht einfach in Ruhe lassen? Was haben sie sich aufgeregt über meine Jahresendfigur, die ich an Neujahr hatte. Findest du mich auch zu dick? Angeblich waren Fettflecken auf meiner goldenen Jacke. Ich hab noch nie so viel Gans gegessen. Es gab ja dieses Überangebot an Gänsen, weil die Leute die bestellten Gänse nicht abholen wollten wegen der Corona-Pandemie. Die kamen alle in Verdacht, in größerer Runde zu feiern. Aber an einer Gans ist doch gar nicht viel dran. Hast du meine Ansprache gesehen?“

„Nein.“

Angela Merkel gähnt: „Aber das war nur der Schattenwurf, da sollte sich jeder mal genau das Video ansehen. Hassbriefe habe ich gekriegt. Zum Beispiel: ‚Ein Abiturdurchschnitt von 1,0 an der Erweiterten Oberschule schützt offenbar nicht davor, 45 Jahre später Fettflecken auf der Jacke zu haben.‘ Ist das nicht widerlich? Mein Abitur liegt doch über 47 Jahre zurück. Wenn man ’45 Jahre‘ sagt, sieht das so aus, als wäre ich zwei Mal sitzen geblieben.“

„Das sind blöde Briefe“, bemerke ich. „Aber doch keine Hassbriefe.“

„Sie sind vielleicht nicht so sensibel wie ich“, sagt Angela Merkel. „Und manche Personen haben uns schon vor Weihnachten eine autoritäre Struwwelpeter-Pädagogik vorgeworfen. Wir hätten die Kinder gezwungen, Masken zu tragen und Abstand zu halten nach dem Motto: ‚Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind.‘ Die Menschen sind so undankbar geworden.

Und dann haben sie uns und der WHO die Weihnachtsgeschichte kaputt gemacht. Die war so schön wie ein Märchen. Da hat der Weihnachtsmann den Kindern erzählt, dass er gegen Corona immun ist und trotz der Maßnahmen kommen kann und Geschenke bringt. Soll ich dir den Link verraten? https://www.mdr.de/brisant/weihnachtsmann-immun-corona-100.html Es kann aber sein, dass die Seite nicht mehr verfügbar ist. Weihnachten ist ja vorbei. Aber ich kann dir sagen, dass der Weihnachtsmann uns versichert hat, dass er die Geschenke nur bis zur Bordsteinkante bringt, um den Sicherheitsabstand zu wahren. Ist das nicht süß?“

„Aber das ist doch bekloppt“, sage ich.“Wenn der Weihnachtsmann immun ist, kann er doch auch ins Haus kommen.“

„Aber der Weihnachtsmann soll ein Vorbild sein. Man hat uns und der WHO vorgeworfen, dass wir Gute Laune machen und den Konsum ankurbeln wollen. Das sind Verschwörungstheorien. Die Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker haben uns auch vorgeworfen, dass wir uns in ihre Angelegenheiten einmischen. Da gab es tatsächlich Eltern, die dieses Weihnachten ausnahmsweise ganz schlicht feiern wollten, ganz ohne Geschenke. Ich finde das nicht schön gegenüber den Kindern.“

„Denn jetzt wollten natürlich alle Kinder Geschenke vom MDR-Weihnachtsmann“, sage ich.

„Das ist nicht der MDR-Weihnachtsmann“, sagt Angela Merkel und gluckst. „Der Weihnachtsmann kommt von weit weit her, aus dem Hohen Norden.“

„Meine Töchter sind erwachsen und haben nur wenige Geschenke gekriegt“, sage ich. „Beide dasselbe schöne Buch: ‚Menschwerdung eines Affen‘.“

„Wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt die Affen auch noch“, kichert Angela Merkel und fängt wieder an zu singen: “ ‚Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt die kleine Wanze…‘ Ich weiß nicht, was die Leute haben. Vor Überwachungsanlagen müssen doch nur diejenigen Angst haben, die was zu verbergen haben. Ich habe nichts zu verbergen, ich bin transparent. Von mir ist alles bekannt: Alle meine Zensuren, die genauen Geburtsdaten der Mitglieder meiner Familie. Jeder darf wissen, wann mein Vater geboren ist, meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester. Die waren übrigens alle einverstanden. Die Bürgerinnen und Bürger erfahren sogar, wo der Joachim und ich unser Ferienhaus haben. Ich würde niemals falsche Angaben machen.“

Angela Merkel räkelt sich. Ich habe übrigens auch mal ein Elfchen geschrieben. Es spielt in der DDR und heißt: ‚Wir geben euch Staatssicherheit‘. Also…. Die Einleitung geht so: Wir sollten nicht nur die Menschen durchimpfen, den Hirntoten Organe entnehmen und weiter verpflanzen, sondern…“

Angela Merkel räuspert sich:

„… Die

Mauer mitsamt

Allen Wanzen in

Alle Mitbürgerinnen und Mitbürger

Einpflanzen…“

„Schön, nicht wahr?“, kichert Angela Merkel und klatscht in die Hände. „Und ich habe damals schon die digitale Erneuerung vorhergesehen mit all ihren Möglichkeiten, unser Leben noch sicherer zu machen. Ich bin nämlich…“ Sie zwinkert mit dem Auge. „Ich bin eine kleine Wahrsagerin.“ Neben Angela Merkel erscheint eine zweite Figur. „Da bist du ja endlich, Jens.“

In diesem Moment wurde ich wach…

Die Hundertjährige, die in einem Bottroper Senioren-Heim lebt, wo auch sehr alte Menschen nur leicht an Corona erkranken – Herzliche Glückwünsche zum 100. Geburtstag, liebe Tante Luise!

Meine Tante Luise wohnt seit 15 Monaten im Bottroper Seniorenheim St. Hedwig, einem Haus der Caritas. Luise ist mittlerweile bettlägerig. Dass sie sich trotzdem wohl fühlt und die Lebenslust nicht verloren hat, hat vor allem einen Grund: Das leckere Essen. Das Essen, das ihr ans Bett gebracht wird, schmeckt Luise ausgesprochen gut, denn es kommt nicht von auswärts, sondern wird in der Küche von St. Hedwig frisch zubereitet. Luise sieht fast nichts mehr, hat aber noch Appetit und einen guten Geschmackssinn.

Das rigorose Corona-Besuchsverbot hat ihr nicht viel anhaben können. Luise wohnt in einem Doppelzimmer, so dass sie immer Gesellschaft hat. Es könnte auch anders sein, aber die Zimmernachbarin und Luise verstehen sich prächtig. Luise lebt nach mehreren leichten Schlaganfällen nicht mehr nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit. In Kontaktverbots-Zeiten ist das gut, denn in ihrer Phantasie empfängt Luise, die lockdown-bedingt zur Zeit keinen Besuch haben darf, tagtäglich Besucher. Alle Verwandten kommen sie besuchen, die Lebenden wie die Verstorbenen. Man unternimmt Spaziergänge, die Sonne scheint, niemand trägt einen Mundschutz, was Luise auch als respektlos empfinden würde. Die Stimmung ist großartig.

Aber das größte Glück ist für Luise, dass sie eine 21einhalb Jahre jüngere Halbschwester hat, die sich viel um sie kümmert, auch um Praktisches wie die Auflösung des Hausstands etc. Diese kluge und aufmerksame Halbschwester, deren Namen ich nicht nennen darf, hat anstelle von Luise eine Unterschrift abgegeben: Ein JA zur Corona-Impfung am morgigen Samstag. Sie hat mich vorhin am Telefon davon überzeugt, dass es richtig ist, dass Luise morgen, wenn das mobile Impfteam ins Altenheim St. Hedwig kommt, gegen Corona geimpft wird. Abgesehen davon, dass es eine gewissen Gruppenzwang gibt, wäre Luise nämlich bestimmt auch für die Impfung. Sie hat sich seit zwanzig Jahren regelmäßig gegen Grippe und einmal auch gegen die Pneumokokken impfen lassen. Das, so erklärte mir meine „Halbtante“, hat ihr ein Gefühl der Sicherheit gegeben. Nennenswerte Nebenwirkungen hatte Luise nie.

Für Luise ist es wahrscheinlich wirklich gut, aber ich persönlich finde es seltsam, wenn 100jährige geimpft werden, nur weil sie zur Corona-„Risikogruppe“ gehören. Auch ich gehöre mit 62 allmählich zu immer mehr „Risikogruppen“, was das „Einfangen“ schwerer Krankheiten (und das Sterben) angeht.

Ich muss mir sagen, dass es nicht so schlimm ist, wenn die Impfung Luises Erbgut beeinträchtigt, und ich muss mir sagen, dass sie wohl kaum in Gefahr ist, in fünf oder zehn Jahren an Narkolepsie zu erkranken. Luise ist als Impfling in guter Gesellschaft mit der Queen, mit Didi Hallervorden, mit Papst Benedikt, Netanjahu und Carl Gustav. Sie gehört zu einer Gruppe, deren Mitglieder mit neuem Wir-Gefühl sagen: Schaut her, wir sind geimpft. Aber Luise, die nicht eitel ist, kennt dieses Schaut her nicht. Sie hat auch keinerlei Ehrgeiz, sich vorbildlich zu verhalten. Und da sie zwar 100 Jahre alt, aber nicht die Queen ist, erwartet es auch keiner von ihr.

Seit vorgestern, als ich meine „Halbtante“ schon einmal anrief, weiß ich noch etwas : Auch alte Menschen erkranken, wenn die (Pflege) -Bedingungen gut sind (und das gilt für St. Hedwig in Bottrop) in den meisten Fällen nur leicht an Corona. Oft haben auch sehr alte Menschen keine Symptome. Sie leiden auch nicht unbedingt unter Atemproblemen, was ich erstaunlich finde, wo sich doch alte Menschen schnell eine Lungenentzündung „holen“. Der erste Corona-„Ausbruch“ in St. Hedwig im November 2020 war schnell unter Kontrolle. https://www.caritas-bottrop.de/aktuelles/presseberichte/presse/corona-infektionen-in-st.-hedwig-8295831a-b360-4f0b-b1ea-efca073c1122 Vermutlich ist St. Hedwig -auch wenn es in den Medien anders dargestellt wird- nicht die Ausnahme.

Vielleicht trotzen die Bewohnerinnen (die meisten sind Frauen) von St. Hedwig auch deshalb Corona, weil sich die Bottroper Luft deutlich verbessert hat. (Vgl. hierzu meinen Blog-Beitrag vom 2.September 2016: https://stellwerk60.com/2016/09/02/das-land-wo-sich-kohlentrassen-in-radwege-verwandeln-offene-mail-an-die-waz-oberhausen/ ) Noch in meiner Kindheit in den 1960er Jahren war der Schnee -vor allem in Zechennähe- nach kurzer Zeit schwarz. Heutzutage bleibt der Schnee weiß, nur bleibt leider der Schnee aus. Auch am 15. Januar, wo es ihn zur Freude meiner Tante Luise auch im Ruhrgebiet eigentlich immer gab.

Mit Stolz und Freude gebe ich an dieser Stelle den 100. Geburtstag meiner Tante Luise bekannt.
Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag. Verlier den Hunger nicht, liebe Luise. Glückauf!

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Mein Vater im Alter von 16 Jahren. Optisch könnte er ein Zwillingsbruder meiner Zwillingsschwester (mit 16) sein, die mir wiederum überhaupt nicht ähnlich sieht. Mein Vater war ein kluger, sanftmütiger Mann. Er sollte Karriere machen, aber kein Karrierist sein. Heutzutage kann man keine politische Karriere mehr machen, ohne Karrierist/in zu sein. In den Machtpositionen fehlt es an starken, sanftmütigen Männern. Und es fehlt uns an Politikerinnen und Politikern, die statt der Ellbogen den Verstand gebrauchen.

Meine Tante Luise hat 25 Jahre bei Karstadt in Bottrop als Kassiererin gearbeitet. Vermutlich hat die Kasse immer gestimmt. Anders als ihr Bruder Ernst hatte Luise keine kaufmännische Ausbildung. Das Foto zeigt ihren Bruder/meinen Vater als Bottroper Handelsschüler. Er ist Messdiener und Mitglied einer katholischen Messdiener-Gruppe. Dass er handwerklich unbegabt ist, schützt ihn davor, Bergmann zu werden. Wir schreiben das Jahr 1938. Die Essener Friedrich Krupp AG schaut sich in den Handelsschulen der Nachbarstädte nach begabten Nachwuchskräften um. Mein Vater, gerade 16 Jahre alt und seit dem 13. Dezember 1933 Halbwaise, bekommt das verführerische Angebot, bei Krupp eine Ausbildung zum Industriekaufmann zu machen.

Mein Großvater Karl Wilczok ist alarmiert. Dass der Rüstungskonzern ein neues Verwaltungsgebäude baut und auch den kaufmännischen Bereich aufrüstet, lässt ihn aufhorchen. Es dürfte ihm auch nicht entgangen sein, dass Adolf Hitler und Benito Mussolini im Vorjahr in der Nachbarstadt Essen waren, um der „Waffenschmiede des Deutschen Reiches“ einen Besuch abzustatten. Am 27. September 1937 haben Hitler und Mussolini gemeinsam das Werksgelände besichtigt und sich von Juniorchef Alfried Krupp von Bohlen und Habach unter anderem die Panzerwerkstätten zeigen lassen.

Mein Großvater tut das Beste, was ein Vater für seinen Sohn tun kann. Er bewahrt ihn vor einer beruflichen Entscheidung, die mein Vater später bitter bereut hätte. Stellvertretend für seinen gerade einmal 16jährigen Sohn sagt mein Großvater Karl, Bergmann, Katholik und entschiedener Nazi-Gegner, klar und deutlich NEIN.

Ein Unterschied ums Ganze ODER Der schwedische Corona-Wunderweg: Tack ska du ha, Sverige!

Schon zu Beginn der Corona-Krise im Frühjahr 2020 hatte die parlamentarische Monarchie Schweden einen Sonderweg eingeschlagen. Bis heute ist man in Schweden diesem Weg treu geblieben. Man macht nicht Panik, schürt nicht die Angst vor dem Virus, sondern behält -soweit möglich- die Ruhe. Die schwedische Staatsführung unterschätzt das Virus nicht, aber hält sich mit Verordnungen und Restriktionen zurück, stattdessen vertraut sie auf die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger. Auch jetzt, zu Beginn des Jahres 2021, wird trotz steigender Infektionszahlen -wie übrigens auch in Japan- kein Lockdown verhängt.

Im Zentrum steht das Wohlergehen des Kindes. Kinder sind noch zu klein, um lebenswichtige Entscheidungen treffen zu können, aber sie müssen darauf vertrauen können, dass die Erwachsenen sich vernünftig verhalten. Der Kern des schwedischen Sonderwegs, der sich immer mehr als „Wunderweg“ herausstellt, ist das Offenhalten der Kindergärten und Grundschulen. (Anders als die deutsche Grundschule ist die schwedische eine Gesamtschule und geht bis Klasse neun. In Schweden kommen also auch 15jährige Jugendliche nach wie vor in den Genuss eines weitgehend normalen Schulalltags. Vgl. meinen Blog-Beitrag vom 25. März 2020, den dringenden Appell an die deutsche Bundesregierung: „Seid so besonnen wie die Schweden und öffnet die Kindertagesstätten und Grundschulen!“)

Auch in Schweden geht es um Eindämmung der Infektionszahlen, aber man vertraut auf die Eigenverantwortung der Menschen. Das Eindringen des Staates in die Privatsphäre der Menschen, das hierzulande unerträgliche Ausmaße angenommen hat, hält sich in Schweden in Grenzen. Dass die Schweden einen Versuch wagen, der sich aus Respekt und Vertrauen speist anstatt aus Misstrauen, will man hierzulande kaum wahrhaben. Denn der schwedische Sonderweg, der einen Lockdown nach wie vor ausschließt, ist nicht nur ein bisschen, sondern grundsätzlich anders.

Dennoch versuchte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn auf der sozialen Plattform „Jodel“ Ende Oktober die Unterschiede zu verwischen. Er behauptete folgendes: „Wir in Deutschland sind ja eher den schwedischen als den spanischen Weg gegangen.“ Ja, anders als in Spanien gab es in Deutschland keine vom Militär überwachten Ausgangssperren. Doch anders als die Schweden waren (und werden) wir Deutsche -unter Androhung von zum Teil drakonischen Geldstrafen- an fast allen öffentlichen Orten überwacht.

Natürlich würden die Schweden nicht weiterhin so besonnen bleiben können, würden nicht zahlreiche Studien belegen, dass es richtig ist, Schulen und Kindertagesstätten offen zu halten. Aktuell gibt eine Datenanalyse, deren Kernaussagen ich hier zitiere, weil sie so wichtig sind:

„… Kurzfassung 04.01.2021

Am 23. Dezember 2020 hat die Europäische Gesundheitsbehörde (ECDC) in Stockholm eine aktuelle und umfassende Datenanalyse der Rolle von Schulen und Kitas in der COVID-19-Pandemie veröffentlicht (European Centre for Disease Prevention and Control. COVID-19 in children and the role of school settings in transmission – first update. Stockholm; 2020).

Fünf Kernbotschaften resultieren aus diesem Report.

  1. Kinder erkranken selbst nur sehr selten schwer an COVID-19.
  2. Kinder jeden Alters sind grundsätzlich empfänglich für SARS-CoV-2 und können das Virus übertragen. Jüngere Kinder scheinen weniger anfällig für Infektionen zu sein; wenn sie infiziert sind, führt dies seltener zu einer Weitergabe der Infektion.
  3. Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen nehmen am Infektionsgeschehen teil, sind aber nach aktuellem Wissensstand (und Einschätzung von CDC und ECDC) selbst kein Treiber der Pandemie.
  4. Für Kinder sind Schulen und KiTas systemrelevant, denn sie treffen im Kern ihre sozialen und intellektuellen Grundbedürfnisse und bestimmen ihre Entwicklung; Schulen und KiTas spielen eine wesentliche Rolle bei der Aufdeckung medizinischer oder sozialer Probleme wie Vernachlässigung. Insofern bedürfen jedwede Einschränkungen, die Kindern fremdnützig auferlegt werden, einer wissenschaftlich konkret belegbaren Rechtfertigung.
  5. Schulschließungen können nur das letzte Mittel sein. Eine Reihe konkret benennbarer Interventionen sind verfügbar, die davor ergriffen und konsequent umgesetzt werden können, z.B. Etablierung von AHA+L RegelnMasken etc. in den Schulen und auf den Schulwegen, strukturiertes Ausbruchsmanagement, Etablierung hygienebeauftragter Lehrer etc. (s.u.).

Aufgegriffen werden die Gedanken auch in Deutschland. „Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) empfehlen den politischen Entscheidungsträgern mit Nachdruck, die Kernbot­schaften der ECDC als Richtschnur des Handelns auch in Deutschland heranzuziehen.

Prof. Dr. Johannes Hübner, Mikrobiologe und Kinderarzt, Vertreter der DGPI und der DGKH, sagte in einem Interview auf spiegel-online : „Die Eindämmung des Infektionsgeschehens ist sicher im Moment unsere wichtigste Aufgabe. Meiner Meinung nach steht das aber nicht in einem direkten Zusammenhang mit den Schulen. So gab es in Deutschland ganz klar keine Zunahme der Infektionen nach dem Ende der Sommer- und Herbstferien. Untersuchungen in Schulen haben herausgefunden, dass Infektionen dort selten und Übertragungen innerhalb der Schule die Ausnahme sind. Kinder und Schulen sind keine Treiber der Pandemie.“

Meldungen wie diese sind in ihren Grundaussagen übrigens nicht neu. Studien, die belegen, dass das Virus für Kinder kaum gefährlich ist, hat es schon Anfang 2020 gegeben. Ich habe damals in meinem Blog-Beitrag „Manchmal könnte ich Corona küssen“ auf einen erhellenden Artikel hingewiesen: https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-kinder-infizieren-sich-offenbar-genauso-haeufig-werden-aber-nicht-krank-a-72e2a605-5865-4d23-81b1-c1c4f453d659

Leider ist auch die aktuelle Meldung schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden, denn sie hinterfragt den knallharten politischen Kurs der Bundesregierung. Die Feststellung, dass die Schließung der Schulen eine Maßnahme ist, die eigentlich das letzte Mittel sein sollte, stellt die gesamte bisherige Corona-Schulpolitik in Frage. Doch unsere Politiker, allen voran der hyperaktive Markus Söder, sind zu einer Selbstkritik, die jetzt dringend nötig wäre, offenbar nicht mehr in der Lage.

Heribert Prantl, Journalist und Jurist, Autor des Buchs „Kindheit. Erste Heimat“, stellte schon am 15. März 2020 in der Süddeutschen Zeitung die Frage: „Wann wird aus der Demokratie eine Virolokratie?“ In seiner SZ-Kolumne vom 6.9.2020 deutet er an, was die Corona-Maßnahmen für die Seelen-Welt der Kinder bedeuten:

„… Heimat. Die Kindheit ist der Ort, der ganz vielen einfällt, wenn sie gefragt werden, was für sie Heimat ist. Kindheit ist erste Heimat. Die Fragen, die ich mir und die ich Ihnen stelle, lauten: Was richtet Corona in der Kindheit der Kinder an und damit in ihrem späteren Leben? Was bedeutet die Distanz zu Menschen, Tieren und Dingen, die ihnen das Virus auferlegt, für ihre Beheimatung in der Welt?“

Ich finde die Sätze ganz wunderbar, obwohl ich denke, dass es nicht das Virus ist, dass den Kindern die Distanz auferlegt, sondern eine fragwürdige Corona-Politik. Zum Vergleich: Auch in Schweden sorgt das Corona-Virus für hohe Infektionszahlen, aber die schwedische Politik auferlegt den Kindern keine auch nur annähernd so große Distanz zu Menschen, Tieren und Dingen. Meines Erachtens verhält sich die bundesdeutsche Politik nicht mehr demokratisch. Sich das einzugestehen, tut weh. Wie wir alle (fast alle) hänge ich an der Demokratie.

Heribert Prantls Begriff Heimat möchte ich ergänzen durch das Wort Urvertrauen. Urvertrauen lernt das Kind im Umgang mit den Eltern, insbesondere der Mutter, in deren Leib das Kind heranwächst, die es zur Welt bringt und stillt. Urvertrauen kann verkümmern, wenn es sich nicht erneuert, wenn das Leben nicht an diese frühen Momente anknüpft. Menschen werden sich nur dort aufgehoben und beheimatet fühlen, wo der Umgang miteinander sie an die „erste Heimat“ erinnert. Das gilt insbesondere auch für den wichtigsten öffentlichen Raum der Kinder: Die Schule. Hier, wo man sich nicht einmal mehr die Hand geben darf, wird angesichts der Maßnahmen Ur-Vertrauen zerstört. Das gegenseitige Berührungsverbot für Kinder, die sich anders als Erwachsene „normalerweise“ ja ständig berühren, die ja noch balgen wollen, streicheln, sich an den Händen halten, schubsen, aneinander reiben, macht die Schule, wo all das aktuell verboten ist, immer mehr zu einem Ort, wo die Kinder sich nicht mehr heimisch fühlen, zu einem unheimlichen Ort.

Dass Schweden sich im Gegensatz zu allen anderen europäischen Ländern weiterhin besonnen zeigt, obwohl man sich dadurch (kulturell) isoliert, gibt mir Hoffnung und Kraft in einer Zeit, in der viele Menschen angesichts der Zwangsmaßnahmen bereits jetzt resignieren.

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Seitdem ich diese Mund- Nasenbedeckung trage, habe ich in U-Bahn und Einkaufsläden kein Unbehagen mehr. Die Aufkleber passen mit einer Größe von 7×10 cm genau auf eine handelsübliche Einwegmaske. Man kann sie im Internet bestellen, meine sind von „Flaggenfritze“ (5 Stück kosten 3.95€, der Versand noch einmal 3.90€.)  Da es den Versand nicht teurer macht, bestellt man am besten eine große Schwedenflagge in Top-Qualität (90x150cm, 9,95€) gleich mit. Übrigens: Auf FFP2-Masken, die in dieser Woche in Bayern Pflicht werden, passen die Aufkleber nicht.