Comeback der KNÜPPELKUH – Vom Leben im „Luftabschneider“

Kum jemand hat die autoritäre Pädagogik so plastisch dargestellt und wunderbar karikiert wie der walisisch-norwegische Autor Roald Dahl. In seinem Roman „Matilda“ aus dem Jahr 1988 macht er uns bekannt mit Fräulein Agatha Knüppelkuh (im Original: Miss Agatha Trunchbull).

Als sie endlich in die Schule gehen darf, erfüllt sich für Matilda, ein äußerst intelligentes, wissbegieriges Mädchen mit „bildungsfernen“ Eltern, ein Traum. Doch die Direktorin der Schule heißt „Fräulein Knüppelkuh“. Fräulein Knüppelkuh mag keine Kinder, und ihr gefällt es gar nicht, dass Matilda so klug ist. Die Knüppelkuh ist groß und stark und war einmal Olympiateilnehmerin im Hammerwurf. Jetzt wirft sie Kinder aus dem Fenster. Einmal fasst sie ein winziges Mädchen an ihren blonden Zöpfen und schleudert es durch die Luft. Widerständige Kinder sperrt sie in den „Luftabschneider“, eine dunkle Kammer, an deren Innenwänden riesige spitze Nägel angebracht sind… Das Buch hat ein Happy End – ebenso wie die schöne Verfilmung aus dem Jahr 1996.

Schon im Jahr 1988, als „Matilda“ veröffentlicht wurde, gab es nur noch vereinzelt Knüppelkühe. Es hatte sich -gewiss auch in Engand- viel geändert, die Grundschulen und Kindergärten waren liberaler geworden, in der Regel herrschte ein freundlicher Umgangston. Auf der katholischen Grundschule, in die zwischen 2002 und 2009 unsere Töchter gingen, waren die Kinder gut aufgehoben. Die Schulleiterin war das Gegenteil einer Knüppelkuh. Elisabeth Koßmann kannte alle Schüler beim Namen, war tolerant und weltoffen und hatte auch für uns Eltern immer ein offenes Ohr.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts war das noch anders. Im Jahr 1961 kamen meine Zwilllingsschwester und ich in einen katholischen Kindergarten. Den Erziehern war damals (fast) alles erlaubt. In den Schulen gab es noch die Prügelstrafe, und erst 1972 wurde das Züchtigungsrecht der Pädagogen bundesweit abgeschafft. Während einer Schulmesse „empfing“ ich selber einmal zusammen mit der Hostie einen priesterlichen Backenstreich, weil ich mit meiner Freundin Gerhild gequasselt und (leise!) gelacht hatte.

Unsere Kindergarten-Erzieherin hieß Tante Elfriede. Fotos zeigen eine große, kräftige Frau mit dunklen, streng nach hinten gebürsteten Haaren und einem mächtigen Dutt, die mit der Filmfigur der Agatha Knüppelkuh eine frappierende Ähnlichkeit hat. Tante Elfriede war furchtbar streng. Morgens früh mussten wir Kinder erwärmte Milch trinken. In unseren Tassen bildeten sich Milchhäutchen, und auf eins, zwei, drei … mussten wir die Häutchen in den Mund stecken und runterschlucken. Obwohl ich hätte kotzen können, machte ich mit – und mag bis heute keine frische Milch trinken.

Aber das Schlimmste waren die Drohungen. Tante Elfriede drohte gerne damit, „böse Kinder“ in den dunklen Keller zu verbannen. In einem Koffer bewahrte sie diverse pädagogische Utensilien auf. Gerne zeigte sie uns eine Hülle aus Leder. Diesen „Lederdaumen“, so kündigte sie an, würden Kinder, die wiederholt am Daumen lutschten, übergestreift bekommen. Ein großes dunkles Pflaster, das sie uns manchmal vorführte, war dazu da, schwatzhaften Kindern den Mund zu verkleben. Ich beschloss zu schweigen. Als meine Mutter dreißig (!) Jahre später zufällig Tante Elfriede auf dem Wochenmarkt traf, fragte Tante Elfriede meine Mutter: „Sagen Sie, ist Elisabeth immer noch ein so stilles Kind?“

Das Gebaren der Bundespolitiker, uns Bürgerinnen und Bürgern zu unser aller Wohl das Leben zu beschneiden, ist eine autoritäre Anmaßung. „Das Virus kennt keine Feiertage“, sagte Angela Merkel vor Ostern. Als ich diesen neckischen, spießigen Satz hörte, den sie zu allen Bürgerinnen und Bürgern sagte, zu den Kindern wie zu den Erwachsenen, wusste ich: Es ist wieder soweit. Wir erleben das Comeback der Knüppelkuh, wir erfahren autoritäre Maßnahmen, die so unangemessen und so brutal sind, dass sie uns die Luft zum Atmen nehmen und die Lebenslust rauben. Das pädagogische Pflaster der Tante Elfriede ist -wenn auch als Maskenpflicht- traurige Wirklichkeit geworden.

 

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Foto und Haarschnitt: Selfie

Nachtrag: Ich wollte gestern auf den Kommentar von Puerzelchen antworten, aber wordpress hat meinen Kommentar „geschluckt“, warum auch immer, gewiss nicht „in böser Absicht“. Deshalb veröffentliche ich meine Kommentar an dieser Stelle:

„... Herzlichen Dank für den Hinweis! Dass Würzburger Ärzte zwangsverpflichtet wurden, hatte ich mitbekommen, mir aber die Tragweite nicht bewusst gemacht. (Ich habe heute viel dazu gelesen und vorhin einen Artikel „ausgegraben“, der plastisch darstellt, was passiert ist. https://www.sueddeutsche.de/bayern/coronavirus-wuerzburg-zwangsverpflichtungen-aerzte-altenheim-1.4881314 ) Was ich erschreckend finde: Diese Zwangsverpflichtung ist zur Zeit sogar legitim (zumindest in Bayern) und wurde durch den Leiter der „Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK)“, die im „Katastrophenfall“ eingerichtet wird, abgesegnet. Katastrophenschutz ist Ländersache, daher hat jedes Bundesland ein eigenes Katastrophenschutzgesetz. Das ist eigentlich nicht unvernünftig, weil ja viele Katastrophen, etwa eine Hochwasserkatastrophe, regional begrenzt sind.

Im Falle der bundesweiten Corona-Krise sehen wir, dass es riskant sein kann, dass ein einzelnes Bundesland mit dermaßen großen Kompetenzen ausgestattet ist, denn es berechtigt die Politik zu meiner Meinung nach unverantwortlichen und undemokratischen Maßnahmen. Die Ausrufung des Katastrophenfalls für Bayern durch Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am 16.3.2020 geschah, so denke ich, kopflos und übereilt. So schafft man Tatsachen mit unabsehbaren Folgen. Ganz schnell wurde mit Berufung auf § 4 KatSchutzG (Bayerisches Katastrophenschutzgesetz) aus einer Krise eine Katastrophe gemacht: „Die Katastrophenschutzbehörde stellt das Vorliegen und das Ende einer Katastrophe fest.“ Die Öffentlichkeit wurde dabei total überrumpelt.

Die Stadt Halle hat bereits zu Ostern den Katastrophenfall aufgehoben. Anstatt sich daran ein Beispiel zu nehmen, bleibt Bayern hart. Wohin auch mit dem riesigen, in aller Eile aus dem Boden gestampften Katastrophenapparat? Die „Führungsgruppe Katastrophenschutz“ braucht Katastrophen-Nachschub. Immerhin: Söder verspricht Auflockerungen zum Muttertag. „Er sagte im BR-Fernsehen, ihm sei wichtig, zum bevorstehenden Muttertag wieder Besuchs-Möglichkeiten für Mütter und Großmütter zu schaffen.“ (BR)

Selbst ist der Mensch – Alle Corona-Genesenen haben sich selber geheilt!

Im Internet lese ich folgendes:

In der Corona-Krise hat Gesundheitsminister Jens Spahn einen Dankesbrief an alle niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte im Land geschrieben. In dem Schreiben, das FOCUS Online vorliegt, würdigt der Minister den „außergewöhnlichen Einsatz“ der Mediziner – und verspricht weitere Verbesserungen.

„Bereits jetzt lässt sich feststellen, dass keine Virusinfektion in den letzten 100 Jahren ähnliche gesundheitliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen hatte“, heißt es in dem auf den Freitag datierten Schreiben. Das Gesundheitssystem erlebe eine zentrale Belastungsprobe. „Sie als niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bilden den ersten Schutzwall, den unser Gesundheitssystem im Kampf gegen das Virus aufbietet“, schreibt Spahn (CDU) weiter…“  https://www.focus.de/gesundheit/news/corona-krise-spahn-schreibt-dankesbrief-an-aerzte-sie-bilden-den-ersten-schutzwall_id_11796468.html

An diesem Beispiel wird man den Schülerinnen und Schülern der Zukunft einmal vorführen können, wie politische Propaganda funktioniert, wie Sprache benutzt wird, um ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit zu entwerfen und Menschen zu manipulieren. Das Problem ist, dass es sich bei dem Text nicht um einen historischen Brief handelt, sondern um ein öffentliches Schreiben aus unserer Gegenwart, und zwar um einen Brief des Gesundheitsministers der Bundesrepublik Deutschland.

Der DUDEN definiert Populismus als eine „von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik, die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (im Hinblick auf Wahlen) zu gewinnen“. Spahn agiert populistisch, er dramatisiert die gesellschaftliche Lage, indem er eine Katastrophe heraufbeschwört. Laut Spahn sind wir alle in größter Gefahr: Die Infektion mit Corona, so konstatiert Spahn bereits am 20. März, wird unvergleichliche gesundheitliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen haben. Dabei ist Spahn fahrlässig ungenau. Ist es überhaupt die Virusinfektion selber oder ist es nicht vielmehr der gesellschaftliche Umgang mit dem Virus, der diese Folgen hat?

Was ich vor über 40 Jahren im Deutschunterricht („Analyse politischer Reden“) gelernt habe: Typisch für die Konstruktion eines Feindbildes ist, dass das Andere, das Fremde (in diesem Fall das Virus) zum Bösen erklärt wird. Diesem Bösen stellt man ein positives Selbstbild gegenüber. Mehr noch: Wie man das Böse dämonisiert, so verklärt man das Gute, denn das Gute (in diesem Fall die Ärztinnen und Ärzte) hat die Aufgabe, das Böse zu bekämpfen und aus der Welt zu schaffen. Um ein primitives Schwarz-Weiß-Denken sprachlich zu unterfüttern und staatliche Zwangsmaßnahmen zu legitimieren, benutzt  die politische Propaganda gerne Begriffe, die aus dem Militärischen stammen: „…  Sie als niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bilden den ersten Schutzwall, den unser Gesundheitssystem im Kampf gegen das Virus aufbietet…“

Allerdings unterläuft Spahn in der Hitze des Gefechts ein sprachlicher Fauxpas. Er benutzt (vermutlich unbewusst) eine zentrale Vokabel aus der DDR-Propaganda: Schutzwall. Mit dem Begriff Antifaschistischer Schutzwall wurde der Bau der Berliner Mauer schöngeredet und die massive Freiheitsberaubung vertuscht. Von Seiten der DDR-Obrigkeit hieß es eben nicht: Wir haben die Mauer gebaut, um euch Bürger davon abzuhalten, weiterhin massenhaft nach Westdeutschland abzuwandern, sondern: Die Mauer ist zu eurer Sicherheit, wir haben sie gebaut, um euch vor dem kapitalistisch-faschistischen Westen zu schützen.

Der Umgang mit Corona ist der vorläufige Höhepunkt einer rigiden Gesundheitspolitik, die uns Bürgern Schutz und Sicherheit vorgaukelt, aber uns zunehmend entmündigt. Zugleich erleben wir den Höhepunkt der mehr als fragwürdigen Politik unseres Gesundheitsministeriums, das sich in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schon seit Jahren anschickt, Leib und Leben der Bürger immer mehr unter staatliche Kontrolle zu bekommen. „Gesundheitliche Aufklärung“ bedeutet hier: Man aufoktroyiert den Menschen -altmodisch ausgedrückt- einen gesunden Lebenswandel. Hauptangriffspunkte der Gesundheitsaufklärer sind: Rauchen, Alkoholkonsum, ungeschützter Sex, Bewegungsmangel und Übergewicht.

Der Begriff „Aufklärung“ verschleiert, was eigentlich passiert: Das Gesundheitsministerium ist nicht objektiv, sondern betreibt eine fragwürdige Eigenwerbung. Diese moderne Werbung für den rundum gesunden Menschen empfinde ich als menschenverachtend, denn sie spielt anders als die herkömmliche Produktwerbung nicht nur mit unseren Bedürfnissen, sondern rührt an unsere Ur-Ängste wie die Angst vor schweren Krankheiten und die Angst vor dem Tod. Nicht annehmbar fand und finde ich, dass im Jahr 2015 im Rahmen einer (äußerst kostspieligen) Werbeaktion für die „Organspende“ fast 70 Millionen Organspendeausweise wie „aus heiterem Himmel“ von den Krankenkassen an die Bürgerinnen und Bürger verschickt wurden. So wurde die „Spende“ von Organen augenzwinkernd herunterspielt und der fragwürdige Eingriff der Organ-Entnahme banalisiert – als wäre der Organspendeausweis so etwas wie ein Ausweis für den öffentlichen Nahverkehr.

Vo den Werbemaßnahmen profitiert nicht nur die Pharma-, sondern auch die Wellness- , die Kosmetik- , die Fitness- sowie die gesamte Lifestyle-Industrie. Schönheitschirurgen und Kieferorthopäden reiben sich die Hände.

 

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„FÜR EUCH“, Werbung für die Bild-Zeitung, Nippes, Kempener Straße. Autofahrer, die dem weißen Pfeil folgen, kommen zum Vinzenz-Hospital. Die Bild-Zeitung wirbt mit Krankenschwester Manuela, der man als Dank für ihren Auftritt einen (illegalen?) Friseur-Termin verschafft haben dürfte! Kesse Frisur… Die Litfass-Säule ist eine, die sich dreht. Auf solchen Litfass-Säulen kann man Werbetafeln so platzieren, dass sie miteinander korrespondieren. „Bewegt sich“ Schwester Manuela nach links, erscheint eine Werbetafel von DocMorris, einer Internet-Apotheke mit Sitz im niederländischen, grenznahen Heerlen, die eine  überwiegend deutsche Kundschaft bedient undzunehmend mit den Apotheken vor Ort kooperiert. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens schreitet voran: „Weg mit dem Papierkram, das E-Rezept kommt.“

 

Indem Jens Spahn die Ärztinnen und Ärzte verklärt, verschweigt er die Wahrheit. Eine Infektion mit dem Virus ist medizinisch nicht behandelbar. Spahn gaukelt uns vor, dass die Schul-Medizin die Menschen heilt, aber es gibt keinerlei Medikamente. Nur die schwer betroffenen, in aller Regel an einer Vorerkrankung leidenden Menschen müssen im Krankenhaus behandelt und unter Umständen künstlich beatmet werden. Die Ärzte  können nicht viel tun. Sie können nicht einmal Antibiotika veschreiben, was viele Ärztinnen und Ärzte viel zu gerne tun, denn es handelt sich nicht um eine bakterielle, sondern um eine Virusinfektion.

Jeder kann die Infektion selber behandeln, aber so, wie man einen grippalen Infekt behandelt, und zwar mit sogenannten „Hausmitteln“: Warm halten, nicht in den Regen gehen (hierzulande derzeit kein Problem), heiße Brühe schlürfen und -vor allem bei Fieber- viel trinken.

(15.30h: Gerade kommt Nachbarin Margarita vorbei, um sich unser Handschleifgerät auszuleihen, denn sie möchte ihren Fahrradschuppen anstreichen. Margarita ist Heilpraktikerin, sie teilt sich auf dem Gelände von Stellwerk 60 eine Praxis mit drei Hebammen, einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie einer weiteren Heilpraktikerin. Die Mundschutz-Pflicht findet sie mehr als fragwürdig. Zur Stärkung des Immunsystems und zur Virus-Abwehr empfiehlt Margarita Tee und weitere Produkte aus Pflanzenteilen der Zistrose Cistus Cretus. Ich schwinge mich gleich aufs Rad und werde im Reformhaus Dahmen fündig. Man verkauft dort Zistrosentee aus der Türkei für günstige 3,00 Euro/100g.

Eines ist gewiss: Alle von einer Corona-Erkrankung Genesenen haben sich selber geheilt!

Menschen haben ungeheuerlich große Selbstheilungskräfte. Wir können (zum Glück) kaum in uns hineingucken, aber wie Selbstheilungsprozesse verlaufen, erzählt uns unsere Haut. Jeder Mensch heilt sich da täglich, wenn auch nur von kleinen Wunden.

Dokumentation einer kleinen, alltäglichen Selbstheilung:

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Sonntag, 3.4.2020: Am Freitagabend habe ich mir beim Gemüseschnibbeln in den Daumen geschnitten. Es hat schnell aufgehört zu bluten. Ich brauchte kein Pflaster, was mich beim Kochen und beim späteren Töpfe-Spülen und gründlichen Ausreiben der Fischpfanne auch viel zu sehr gestört hätte. Jetzt, zwei Tage später, habe ich eine kleine „klaffende“ Wunde.

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23.4.:  Die Wunde ist längst zugewachsen. Ein feiner weißer Streifen erinnert noch an den Schnitt. Dort, wo sie verwundet war, ist die Haut leicht gerötet und verdickt. Etwas Erstaunliches passiert: Eine Haut-Falte, die durchtrennt war, rekonstruiert sich. Hätte ich die Selbstheilungskräfte des Axolotl, könnte ich mir den Daumen abhacken, und er wüchse wieder nach. Diese Kräfte hat kein Mensch, aber die Wiederherstellung der Hautfalte empfinde ich dennoch als Wunder.

„Gott to go“ – Wie sich die Amtskirchen immer weiter vor der Schöpfung abschotten

Vor drei Tagen, am Weißen Sonntag, fanden wieder keine öffentlichen Gottesdienste statt. Doch die Kirchenglocken erinnerten daran, dass es die Kirchen gibt. Pünktlich um 19.30 wurden sie geläutet. Nicht nur in Köln, sondern, wie ich hörte, in ganz Nordrheinwestfalen – auch in Düsseldorf.

Der Katholische Gemeindeverband Düsseldorf gehört zum Erzbistum Köln. Daher ist es der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, der den Pfarrer Frank Heidkamp (61), einen gebürtigen Düsseldorfer, am 1. September 2020 zum Stadtdechanten und Leiter der Cityseelsorge in Düsseldorf ernennen wird.

Eben jener Frank Heidkamp feierte am Ostersonntag in einem Düsseldorfer Autokino einen katholischen Ostergottesdienst. 500 mit Paaren oder Kleinfamilien gefüllte Autos parkten ordnungsgemäß im angegebenem Sicherheitsabstand. Der Eintritt war kostenlos, der Altar war auf einen Lastwagen gehoben worden, der Gottesdienst wurde trotz ungünstiger Lichtverhältnisse auf die Filmleinwand projiziert und per Autoradio übertragen. Die Autos standen wie auf dem Autodeck einer großen Fähre, doch anders als auf der Fähre mussten die Menschen nicht aussteigen für den stets drohenden Fall, dass das Schiff untergeht. Nein, die Menschen durften nicht aussteigen, nur die Fensterscheiben herunterlassen. Das Schiff ging auch nicht unter. So viele Zuhörer hatte Frank Heidkamp schon lange nicht mehr. Die Autos bedankten sich mit einem Hupkonzert und wurden bei der Ausfahrt gesegnet. „Ein schönes Beispiel für Kreativität in der Krise“, sagte irgendwer. Ich glaube, wir haben eher eine schwere Krise der Kreativität.

Aber wer hatte eigentlich die Idee dazu? Die Idee, so Heidkamp am 8.4.2020 in einem Interview mit dem Domradio, „hatte der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Thomas Geisel, der gesagt hat: Autokino, das könnte noch mal für alle Menschen etwas anderes sein in Zeiten des Coronavirus. Er ist dann auf die evangelische und die katholische Kirche zugekommen und hat gefragt: „Könntet ihr nicht auch da Gottesdienste gestalten?“…“  Aber war es tatsächlich Geisels Idee? Ich schaue im Internet nach.

Einen früh geäußerten Vorschlag, Gottesdienste im Autokino stattfinden zu lassen, finde ich auf der Internetnetseite http://www.kath.net/news/71116. Hier heißt es bereits am 26.3. : „… Wir Katholiken kennen den Begriff der „geistigen Kommunion“, vereinigen wir uns mit dem Geheimnis des Glaubens über die Anbetung – Jesus Christus hat locker die Kraft, ein paar Meter Abstand und notwendige Hygienevorschriften zu überbrücken!  „Wie neckisch“, denke ich, „das ist ja Gott to go„, und gebe „Gott to go“ bei google ein. Tatsächlich gibt es ein Buch, das so heißt. Es handelt von Autobahnkirchen. Der Autor heißt Ulli Tückmantel, hat im letzten Jahre das Buch „Rasier Dich richtig!“ herausgegeben und ist Pressesprecher der Bezirksregierung Münster. Aus der Internet-Leseprobe erfahre ich Interessantes: Autobahnkirchen sind ein deutsches Phanomen, es gibt sie tatsächlich fast ausschließlich in Deutschland. Aktuell (Stand: 2019) können wir in Deutschland 44 Autobahnkirchen besuchen, von den die meisten (19) evanglisch sind, acht katholisch und 17 in ökumenischer Trägerschaft.

Auch und gerade in der Corona-Krise zeigt sich insbesondere die evangelische Kirche fasziniert von digitalen Gottesdiensten und der To Go-Idee. Das evangelische „Sonntagsblatt“ (360° evangelisch) listet die Online-Angebote in Corona-Zeiten auf: „Alle Ideen evangelischer Kirchen in Bayern auf einen Blick.“ In dieser Liste, die laufend aktualisiert wird, findet sich unter unzähligen anderen auch das Angebot der evangelischen Kirchengemeinde Herrsching Wörthsee Seefeld, ein „Gottesdienst to Go“, den man sich als pdf-Datei herunterladen kann.

Ganz so salopp und offen säkular geht es in der katholischen Kirche nicht zu. Am Weißen Sonntag hielt Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki nicht an irgendeinem Ort, sondern im Kölner Dom das Pontifikalamt.

Bis heute, 22.4., 16h, wurde der digitale Gottesdienst 16.393 mal aufgerufen, was Woelki erfreuen dürfte. Ich bin Nummer 16.394 und gucke (im Anschluss an die Werbung für Veranstaltungen der Katholischen Kirche) eine Weile das Pontifikalamt. Ich sehe eine leidenschaftslose Retortenmesse und einen Kardinal ohne Charisma, aber im weißen Gewand. Praktisch ist es ja schon, dass ich zwischendurch die Messe anhalten kann, um mir einen Kaffee zu kochen. Der Kaffee ist echt, aber ich hätte es lieber weniger praktisch. Ich fläze mich aufs Sofa, das deutlich bequemer ist als eine Kirchenbank. Ich genieße die letzte Freiheit, dir mir bleibt: Es mir so gemütlich zu machen, wie ich es will. Ich gucke weiter, doch wenige Minuten später klicke ich Woelki weg, dem das egal ist, denn die Nummer 16.394 ist ohnehin längst verbucht. Es muss ein Hochgefühl sein, dass die Zahl der Besucher des Gottesdienstes immer noch steigt, obwohl die Messe längst schon vorbei ist.

Das alles ist so lächerlich, aber ich kann nicht lachen, denn die Lage ist ernst. Etwas hat mir gefehlt. Ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, ein Kommunionkind zu sein und endlich dazuzugehören, eine leicht säuerliche Hostie auf die Zunge gelegt zu bekommen (wie es damals noch üblich war). Lässt sich der Leib Christi digital teilen? Wohl kaum. Ich glaube, den „Entscheidern“ in der katholischen und der evangelischen Kirche sind nicht nur die Menschen abhanden kommen. Ihnen fehlt die Religiösität, die Fähigkeit zur spirituellen Hingabe, die Liebe zur Schöpfung und zu all ihren Geschöpfen.

Worte an die Schöpfung – von einem Dichter, der mit Woelki nur den Vornamen teilt:

Rainer Maria Rilke

Atmen, du unsichtbares Gedicht !
Immerfort um das eigne
Sein rein eingetauschter Weltraum. Gegengewicht,
in dem ich mich rhythmisch ereigne.

Einzige Welle, deren
allmähliches Meer ich bin ;
sparsamstes du von allen möglichen Meeren, –
Raumgewinn.

Wieviele von diesen Stellen der Räume waren schon
innen in mir. Manche Winde
sind wie mein Sohn.

Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte ?
Du, einmal glatte Rinde,
Rundung und Blatt meiner Worte.

Aus: Die Sonette an Orpheus / Zweiter Teil

 

Spiritus heißt auf lateinisch Hauch, Atem, Geist. Spiro bedeutet: Ich atme. Die Kirchen der Christen sind seit jeher Orte, die sich vor der Natur verschließen. Ich habe nie erlebt, dass ein Kirchenfenster geöffnet wurde, und ich habe auch nie erlebt, dass sich ein Singvogel in die Kirche verirrt hätte. Unvorstellbar, dass er dort gezwitschert hätte.

In seiner Predigt sagt Woelki: „Solange ich atme, hoffe ich.“ Das ist ein Satz von Cicero, der überall zitiert wird – auch im Internet. In Corona-Zeiten hätte Woelki den Satz nicht sagen dürfen. Gewiss werden einige schwer an Corona Erkrankte dadurch gerettet, dass sie künstlich beatmet werden. Aber vielleicht sind in Italien und Spanien viele schwer erkrankte Menschen gerade deshalb gestorben, weil sie (vorschnell) intubiert wurden, denn auf  ​“den Intensivstationen ist die künstliche Beatmung der Hauptrisikofaktor für Infektionen“ mit Krankenhauskeimen. https://studium.hs-ulm.de/de/Seiten/News_LED_Licht_gegen_Keime.aspx?SearchCategory=HochschulNews; 

Wie man mit dem Internet spielerisch umgehen kann und dabei wirklich auf die Menschen zugehen und sie hoffnungsvoll stimmen, demonstriert Eugen Drewermann in seiner Friedensrede zum virtuellen Ostermarsch, zu dem das Netzwerk Friedenskooperative aufgerufen hatte.

 

Lieber Herr Drewermann, was Sie nicht wissen können: Ich bin eben jene Besucherin Ihrer Lesung am 18.10.2018 in der Kölner Kirche St. Peter, an die Sie sich vielleicht noch erinnern, weil diese Besucherin ungewöhnlich hartnäckig war. Ich rede von einer Veranstaltung  der Karl-Rahner-Akademie mit dem Titel Der Mensch braucht mehr als nur Moral, die man in die Kirche verlegt hatte, weil sich so viele Besucher angemeldet hatten. Wir alle wollten Ihnen einmal wirklich (und nicht digital) begegnen. Sie jedoch wollten direkt nach der Lesung durch einen Seitenausgang verschwinden, aber ich stand da und bat Sie, mir ein Autogramm in ein Buch zu schreiben. Das Buch heißt „Von Tieren und Menschen“ und ist mir von allen Ihren Büchern das liebste. Ich wollte (und sollte) es wenige Tage später meiner Tochter zum 23. Geburtstag schenken – mit Autogramm. Sie waren so freundlich, aber wie das so ist, standen mit einem Mal viele Menschen da und baten Sie um ein Autogramm. Ich weiß, Sie haben den Zug noch bekommen.

 

 

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Foto: Hans Manfred Schmidt

Ich erlaube mir, aus dem Buch zu zitieren. An einer Stelle erzählen Sie von einem Bonobo-Affen, der sich selbst in der Gefangenschaft seinen Spieltrieb und seine Lebenslust nicht hat nehmen lassen. Ein hoffnungsvoller Text!

Es gibt das komplette Buch als PDF-Datei im Internet https://epdf.pub/von-tieren-und-menschen-moderne-fabeln.html, aber es ist natürlich viel schöner, ein wirkliches Buch, in das der Autor bei Gelegenheit sein Autogramm schreiben kann,  in den Händen zu halten:

„… Eine kleine Begebenheit, die sich vor Jahren zugetragen hatte, tauchte vor mir auf: Im Primatenhaus des Frankfurter Zoos hält man eine Gruppe von Bonobos. An dem Nachmittag, da ich es betrat, wurde gerade ihr Gehege gereinigt, ein steinernes Gefängnis, in dem ein paar an Ketten aufgehängte Reifen und etwas Heu den Tieren die Erinnerung an die uppige Pracht des tropischen Regenwaldes ersetzen sollten. Abgestuft zu dem Gitter hin erstreckte sich ein mit bläulichen Fliesen belegter Fußboden, noch feucht von dem Aufnehmer, der vor kurzem säubernd darüber hingegangen sein mußte. Es war dies der Umstand, den einer der jungen Schimpansen sich zu Nutze zu machen wußte. Er hatte entdeckt, wie schlüpfrig der Boden unter seinen Füßen war. An der einen Seite der Wand stieß er sich mit behendem Schwung ab und schlinderte auf einem Fuß zu der gegenüberliegenden Wandseite hinüber, dann wieder umgekehrt, mit sichtlicher Freude. Elegant hob das Äffchen beim Schlindern jeweils das eine Bein, um ein Jungtier, das vor ihm am Boden hockte, nicht zu gefährden; ebenso possierlich wie rücksichtsvoll glitt es an ihm vorüber. Das ganze Wesen dieses Tieres sprühte vor Glück. Äußerlich hatte man ihm alles genommen und vorenthalten. Nie in seinem Leben hatte es die Wipfel eines der Urwaldriesen seiner Heimat gesehen, niemals auch nur in einem richtigen Nest aus Lianen und Zweigen geschlafen, niemals hatte es die feuchtwarme Luft des Äquators geatmet; in seiner lebenslänglichen Haft mußte ihm alles wie fremd und wie ungeeignet erscheinen. Und doch hatte es sich seinen Spieltrieb und seine Freude bewahrt. Sein Leben lang war es gewohnt, bei allem, was es tat, von Hunderten fremder Augenpaare bestaunt und begafft zu werden; aber das schien ihm nichts auszumachen. Bei allem, was es tat, ruhte es in sich selbst. Dieses Affenkind unternahm nichts, um seinen Betrachtern zu gefallen. Es genoß ganz einfach den kurzen Augenblick seines zufälligen Glücks.

Die Treppen waren nicht geschrubbt worden, um sie zum Schlindern glitschig zu machen; in wenigen Minuten schon würden sie wieder trocken genug sein, um dem Spaß ein Ende zu setzen; doch bis dahin nutzte der junge Bonobo seine Chance. Hernach spielte er

wieder mit seinen Geschwistern und Kameraden das übliche Fangen, Hüpfen und Purzelbaumschlagen, lauter Vergnügungen, die nichts weiter kosteten als die Lust am eigenen Körper und die Phantasie gemeinsamer Unterhaltung.

Uns Menschen, so sagt man, trennten von einem Schimpansen weniger als nur zwei Prozent des genetischen Codes; so nah stünden wir einander. «Das fehlende Glied zwischen Affe und Mensch – sind wir selbst.» Diesen Satz aus den Wiener Vorlesungen von KONRAD LORENZ hat BERNHARD GRZIMEK an die Wand des Primatenhauses seines Zoologischen Gartens schreiben lassen. Gewiß, wir sind noch immer unterwegs nach uns selbst. Wie aber sollen wir jemals zu wirklichen Menschen werden, wenn wir selbst unsere Kinder dem Schönsten entfremden, was die Natur uns geschenkt hat: der Gabe, das Leben spielend zu lernen und es in Freude zu Ende zu spielen, gleichgültig, wie viel auf dem Weg man uns nimmt?…“

Öffentlich-Rechtlicher Staatsfunk

Kürzlich wartete ich bei schönstem Frühlingswetter, auf meinem Gelderländer Grachtenrad sitzend, an der Kreuzung Neusser Straße/Wilhelmstraße darauf, dass es für die Fahrzeuge und deren Führer (also auch für mich) grün werde. Diese Kreuzung ist eine verkehrspolitische Liebeserklärung an die Fußgänger, denn sie hat eine sogenannte Diagonalquerung. Kreuzungen wie diese sind gebaut worden in einem tiefen Respekt vor der Fortbewegungsweise des Homo Sapiens: Dem aufrechten Gang. Wenn die Fußgängerampel auf grün springt, müssen alle Fahrzeuge, aus welcher Richtung sie auch kommen und in welche Richtung sie auch wollen, anhalten – und alle Fußgänger dürfen die Kreuzung überqueren – geradeaus und diagonal.

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Kreuzung Neusser Straße/Wihelmstraße in Nippes, 19.4.2020. Ich bin zu Fuß unterwegs. Ein typischer, öder Corona-Sonntag. Obwohl kein Auto fährt, bleiben Hund und ich, weil die Ampel rot zeigt, stehen.

Ende des 20. Jahrhunderts: „Rush-hour in Ginza, dem modernsten Einkaufsviertel Tokyos.“ Eine Kreuzung mit Diagonalquerung.

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Vermutlich ist diese Kreuzung achtmal so groß wie die in Köln-Nippes. In der Mittel knubbelt es sich, daher sprechen die Japaner auch von „Knäuel-Kreuzung“. Dramatisch ist das nicht. Zusammenstöße gibt es kaum. Die Menschen gehen langsam und nehmen Rücksicht, sie bewegen sich nicht angespannt, obwohl Rush-hour ist, sondern anmutig.  Das Überqueren der Kreuzung kann nur gelingen, wenn die Menschen nicht einen verordneten Abstand einhalten, sondern genau den Abstand zueinander finden, der an der jeweiligen Stelle der Überquerung vonnöten ist. 1,5 vorgeschriebene Meter würden zum Verkehrs-Kollaps führen. Fotografiert hat die Kreuzung vor gut 20 Jahren, also noch im Vor-Smartphone-Zeitalter, Eberhard Grames, ein Fotograf, der die Begabung hat, nicht nur abzubilden, sondern Momente einer Mannigfaltigkeit, die sich unter der Oberfläche verbirgt, einzufangen. Dieses Bild ist ganz wunderbar geglückt. Je näher wir es angucken, desto mehr Geschichten erzählt es uns. Es rückt die Menschen in den Mittelpunkt, deren Gesichter unverhüllt sind. Heutzutage wäre ein solches Foto verboten, denn der Fotograf verstöße hundertmal und mehr gegen das „Recht am eigenen Bild“. „Gem. § 22 Satz 1 KunstUrhG dürfen Abbildungen einer (erkennbaren) Person grundsätzlich nur dann verbreitet oder zur Schau gestellt werden, wenn deren Einwilligung vorliegt.“ dejure.org   Das hat gute Seiten, denn es schützt vor Willkür, aber er hat auch zur Folge, dass die Menschen auf den Fotos gesichtslos sind, dass es kaum noch Bilder gibt, die vom Leben erzählen. Der Fotograf ist gezwungen, auf (Sicherheits-) Abstand zu gehen. Kein Foto, das später von der Kreuzung in Ginza gemacht wurde und das ich im Internet finde, kommt auch nur annähernd an das von Eberhard Grames heran. Das Foto ist abgedruckt in: Japan, Peter Göbel und Norbert Hormuth (Text), Eberhard Grames (Fotos), München 1998. Um sich das Bild (und andere) genau angucken zu können, braucht man das großformatige Buch. Es  ist längst vergriffen, aber mit etwas Glück bekommt man es gut erhalten antiquarisch.

 

Ich musste mich gedulden, denn die Ampelphase dauert relativ lang. Das ist heikel, denn der Radweg ist nur ein schmaler Streifen am Rand der Fahrbahn. Als ehemalige Mitradlerin und Mitorganisatorin der Critical Mass Nippes weiß ich, welche Aggressivität in den Blechkisten lauert. Autofahrer werden nervös, wenn sie warten müssen. Sie drehen durch, wenn die Fußgänger „Vorfahrt“ haben, gerade die langsam gehenden Menschen machen die Autofahrer kirre, ältere Menschen, Menschen mit Gehwagen, mit Kinderwagen, mit Einkaufstaschen.

Als die Ampel für die Fahrzeuge auf grün sprang, trat direkt neben mir ein Autofahrer wie entfesselt aufs Gaspedal. Die Kiste jaulte laut auf, ein schmuckes, schwarz glänzendes Cabrio zeigte sein fragwürdiges Auto-Kennzeichen: K – Co…. C und O sind der erste und der letzte Buchstabe von Cabrio, aber CO ist auch die erste Silbe von… Corona gibt brutalen Männern Aufwind, und das ist gefährlich.

In meinem Umfeld gibt es keine brutalen Männer, aber viele nachdenkliche, sensible Menschen, die sehr verunsichert sind. Zwei unserer Verwandten, mit denen wir Ostern zusammen gefeiert hätten, sind in den letzten Wochen psychisch schwer erkrankt und mussten in psychiatrische Behandlung (die durch Corona-Angst bedingten Erkrankungen sind als solche ärztlich dokumentiert!). Sie hatten Angstzustände und Panikattacken mit schwerer Atemnot, aber auch unkontrollierbare Aggressionen. Beide hatten furchtbare Angst, selber schwer erkrankt zu sein. Der jüngere Mensch ist ein warmherziger Mann von 22 Jahren, dem das Virus eigentlich nicht viel anhaben kann.

Beide hatten sehr viel ferngesehen. Wir machen den Fehler zu meinen, man könne vom öffentlich-rechtlichen, bürgerfinanzierten Fernsehen auch in der Krise eine bürgernahe, unabhängige Berichterstattung erwarten. Aber genau das ist ein Irrtum. Zur Zeit gibt sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen affirmativ und regierungskonform. Und man verhält sich so, wie man es den privaten Sendern immer unterstellt hat: Sensationslüstern und reißerisch. Um Sachlichkeit vorzugaukeln, werden zwar Sendungen für Kinder produziert, deren Ton gemäßigter ist, aber das ist fadenscheinig. https://www.zdf.de/nachrichten/digitales/kinder-fragen-corona-erklaeren-100.html Denn wir alle – auch die Kinder- bekommen permanent Bilder zu sehen, und zwar öffentlich-rechtlich, vor denen die Kinder sowie sensible und gefährdete Menschen unbedingt geschützt werden müssten, Horrorbilder wie aus Gruselfilmen, vermummte Gestalten, Särge, kalte Krankenhausflure, Beatmungsgeräte. Das ist nicht nur maßlos übertrieben und aufgeheizt, sondern äußerst fahrlässig. Und – um einen Ausdruck aus dem Ersten Weltkrieg zu benutzen-  es wirkt so zermürbend und zerstörerisch wie ein nie endendes Trommelfeuer.

In seinem Gastartikel „Angst frisst Demokratie“ in der Wochenzeitung Die Zeit schreibt der Journalist Jakob Augstein:  „Alle Mechanismen der modernen Medienhysterie werden hier wirksam! Und anstatt zu mäßigen, wirken Politik und Medien noch als Brandbeschleuniger.“

 

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Ich kenne niemanden, der nicht zumindest leichte psychosomatische Beschwerden hat. Viele Menschen haben wieder mit dem Rauchen angefangen. Ich trinke zu viel Rotwein und komme mit dem abendlichen Viertel nicht mehr hin. Dabei macht mich der Wein nicht heiter, sondern nur müde…  Ich fahre nicht gerne Tandem. Wenn man vorne fährt, hat man jemanden im Nacken. Hinten sitzend kann ich weder lenken noch bremsen. Ich muss darauf vertrauen, dass Vordermann oder Vorderfrau vernünftig fährt und rechtzeitig bremst. In der Demokratie muss es Volksvertreter geben. Aber ich muss mich auch darauf verlassen können, dass diese Volksvertreter sich vernünftig verhalten. Ich habe kein Vertrauen mehr in die Politik unserer Bundesregierung. Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, Herr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, es reicht!

 

…. Das Tandem ist eines von dreien (das schönste). Es gehört zum „Fuhrpark“ des Vereins Nachbarn 60 und kann von allen Vereinsmitgliedern kostenlos ausgeliehen werden. (info@nachbarn60.de)

Abwarten und Eis essen

Die autofreie Siedlung Stellwerk 60 ist dicht bebaut. Unser Reihenhaus ist zwar 13,5 Meter lang, aber nicht einmal fünf Meter breit. Da passt der etwas biedere Ausdruck „Scheibenvilla“. Wir Nachbarn hängen uns ziemlich eng auf der Pelle, was Vor-, aber auch Nachteile hat. Zum Glück wohnen wir am (südlichen) Siedlungsrand und gucken  aus der Siedlung hinaus auf das alte Gemäuer der Olympiahalle.

Hier am Rand hören wir nicht nur die Siedlungsgeräusche. Vorgestern saß ich im Corona-Modus (ein wenig niedergeschlagen) am Esstisch und bekam mit einem Mal Lust auf Vanilleeis. Eine hübsche Melodie hatte sich in mein Ohr geschlichen: Der Eismann ist da! Tatsächlich parkte direkt am Eingang der Siedlung ein Eiswagen, der von der Schäl Sick (also der rechten, „anderen“ Rheinseite) ins westliche Nippes gekommen war. Ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt.

In den 1960er Jahren, als die Straßen noch nicht so dicht und so lärmend befahren waren, machten sich fahrende Händler durch Melodien erkennbar. Im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin, war es üblich, dass der Klüngelskerl die Flöte blasend (wahrscheinlich kamen die Flötentöne vom Band) durch die Straßen fuhr, um Schrott einzusammeln. Auch der Milchbauer hatte seine Erkennungsmelodie. Er verkaufte Eier und Milchprodukte, darunter einen flockigen Joghurt in der Halbliter-Glasflasche. Auf dem Boden der Flasche war ein fruchtiges Erdbeerpüree, das man untermischen konnte – oder auch nicht. Hauptsache, man selber konnte und bekam nicht die cremig gerührte Fertig-Mixtur. Lecker!

 

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Eisverkäufer Guiseppe Erba war direkt einverstanden, dass ich seinen Wagen fotografierte. Was für ein Blau! Azzurro…. https://www.youtube.com/watch?v=ckWLcTrKzaw Die Verquickung des englischen Wortes „good“ mit dem kölschen „jut“ zum Wort „Joot“ – dass finde ich gut. Was zu Zeiten von Corona leider nicht fehlen darf, ist die obligatorische Bitte um Wahrung des Sicherheitsabstands (auf dem grünen Blatt, das am Hörnchenspender klebt). Das Eiscafé La Piazza ist in Köln-Neubrück, die Straße heißt Weismantelweg. Weismantel schreibt sich mit einfachem S, hat also nichts zu tun mit der Berufsbekleidung der Ärzte. Benannt ist der Weismantelweg nach Leo Weismantel (1888-1964), einem Reformpädagogen und Schriftsteller, der 1919 den Patmos-Verlag gründete und dort noch im selben Jahr „Die roten Bücher der Dichterabende“ veröffentlichte. Eine gute Adresse.

 

In Italien wird das Eis nicht in Bällchen- bzw. Kugelform verkauft. Doch in Deutschland, wo es in den 1950er und 1960er Jahren noch Milchbars gab, die ein bisschen steif waren, kamen gerade die Bällchen gut an.

Wenn Italiener wie Guiseppe Erba Eis verkaufen, verkaufen sie nicht nur Eis, sondern spielen immer auch Eisverkäufer. Und das oft brilliant. Dass man mit Eiskugeln sogar jonglieren kann, zeigt uns Guiseppe Erba auf seiner Facebook-Seite:

https://de-de.facebook.com/154388158037611/videos/vb.154388158037611/175200622623031/?type=2&theater

„Am 20. Dezember 1955“, so lese ich auf wikipedia, „unterzeichnete die Bundesrepublik Deutschland das erste Anwerbeabkommen für Gastarbeiter aus Italien.“ Der Wiederaufbau benötigte genau die Arbeitskräfte, ohne die es das deutsche Wirtschaftwunder nie gegeben hätte. Aber es gab noch ein ganz anderes Wunder. Was die Deutschen aus eigener Kraft nie geschafft hätten, das schafften die Italiener: Sie revolutionierten die deutsche Küche. Doch zunächst übersetzte man Spaghetti Bolognese hierzulande mit Lange Nudeln mit Krümelsoße. Es sollte noch viele Jahre dauern, bis die Deutschen begriffen, dass man Spaghetti, will man sie weich kochen, nicht durchbrechen muss.

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Warum sind Eislöffel flach? Ich denke, sie sind Schneeschieber im Kleinformat. Mit dem einen Löffel habe ich schon als Kind Eis gegessen. Den anderen, der wirklich wie ein Schneeschieber in Kleinformat aussieht, hab ich letztes Jahr bei NETTO gekauft.  Die Eier werden wir bis Sonntag gegessen haben… Dann, am Weißen Sonntag, endet für die Katholiken die Osterzeit. Die Katholische Kirche verkündet: 2020 fällt der Weiße Sonntag aus – und mit dem Weißen Sonntag viele Erstkommunion-Feiern – und damit natürlich die vielen privaten, lange geplanten großen Familienfeste. Wahrscheinlich haben viele katholische Priester jetzt gemischte Gefühle. Gerade die Kommunionsfeiern erinnern sie Jahr für Jahr schmerzhaft daran, dass sie selber keine Familie gründen dürfen. Der Zölibat ist herzlos und muss endlich abgeschafft werden! (kursiv: aufgrund des Kommentars von deingruenerdaumen geänderte Passage)

 

 

 

Der Nächste, bitte!

Die Beklommmenheit in der Arztpraxis: Angstvoll, wie in einer Art abgefederter Schockstarre in einem Wartezimmer sitzen und auf etwas warten, das man eigentlich nicht haben will, in der stillen Hoffnung, dass der Zahnarzt, kurz bevor man aufgerufen wird, zusammenbricht, wissend, dass der vereiterte Backenzahn dann erst recht keine Ruhe gibt – dieses Unbehagen, das wir alle kennen, konnte niemand so gut beschreiben wie der Österreicher Ernst Jandl.

 

Ernst Jandl:

fünfter sein

tür auf
einer raus
einer rein

vierter sein

tür auf
einer raus
einer rein

dritter sein

tür auf
einer raus
einer rein

zweiter sein

tür auf
einer raus
einer rein

nächster sein

tür auf
einer raus
selber rein

tagherrdoktor

 

 

Derzeit wird uns zugemutet, tagtäglich, wenn wir Einkaufen gehen, 1 bis 2 Meter Abstand haltend in Warteschlangen zu stehen. Eine fiese Beklommenheit macht sich breit. Wir reden kaum miteinander, sondern schweigen und atmen Desinfektionsmittel ein. Die Welt wird zum Wartezimmer. In der Kölner Bäckerei Merzenich, wo morgens immer viel los ist, sagten die Verkäuferinnen bis vor kurzem: „Wer ist jetzt dran?“ Heute wird man aufgerufen mit: „Der nächste bitte.“

Aushang am DM in Köln-Nippes, Neusser Straße:

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Das brachte mich auf die Idee, einen kleines, von Ernst Jandl inspiriertes Gedicht zu schreiben: 

 

irgendwann dran

wann dran?
3 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
2 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
1 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
1 Kunde raus, du rein
fein

Fake News: Erzbischof Kardinal Woelki wäscht am Gründonnerstag Kölner Katholiken die Füße

 

Gründonnerstag 2020

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Jahr 2019 in Nordrhein-Westfalen sprunghaft gestiegen. Insgesamt traten, so lese ich im Internet, 120.188 Menschen aus der Kirche aus. Es dürfte sich vor allem um Katholiken handeln, denn die meisten Christen in NRW sind Katholiken, und während noch in den 1990er Jahren deutlich mehr evangelische Christen aus der Kirche austraten, sind es heutzutage vermehrt Katholiken, die der Kirche deutschlandweit den Rücken zuwenden.

In der Katholischen Kirche wundert man sich darüber, wo doch die Katholische Kirche derzeit kaum Negativ-Schlagzeilen macht. Seit dem Skandal um Tebartz van Elst sind einige Jahre vergangen. Vgl.: https://stellwerk60.com/2017/05/01/lange-nichts-gehoert-von/ Auch der noch größere Skandal, der sexuelle Missbrauch in der Katholischen Kirche, ist in den Medien kaum noch Thema. Nur keine schlafenden Hunde wecken, denken sich die Verantwortlichen in der Katholischen Kirche. Man schiebt den Skandal auf die lange Kirchenbank und versucht, ihn bürokratisch zu meistern. Hier in Köln hat man einen Betroffenen-Beirat eingerichtet, und für die Mitarbeiter der Kirche bietet man entsprechende Schulungen an.

Die Katholische Kirche wächst und wächst und wächst – allerdings nur materiell. Das Erzbistum Köln ist eine der reichsten Diözesen Deutschlands. Die Kirchensteuern sind hoch, und trotz der Kirchenaustritte wächst das Vermögen. Doch der Kirche gehen die Menschen abhanden. Wenn zur Zeit Predigten vor leeren Bänken stattfinden (die dann per TV übertragen werden), ist das nicht wirklich neu, denn die Messen werden vielerorts schon seit Jahren kaum noch besucht. Das gilt übrigens nicht für die katholische, sondern auch für die evangelische Kirche. https://www.evangelisch.de/inhalte/131523/08-02-2016/pfarrer-steht-am-sonntagmorgen-vor-leeren-baenken

Weil viele Menschen, die nicht mehr zur Kirche gehen, irgendwann ganz austreten, setzt die Katholische Kirche vermehrt auf Werbung. Denn die Kirchensteuern sind nach wie vor ihre Haupteinnahmequelle. Der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki lässt keine Gelegenheit aus, Werbung für die Katholische Kirche zu machen, so sprang er höchst medienwirksam im Rahmen des traditionellen Treffens im Erzbischöflichen Haus für den an Grippe erkrankten Kölner Karnevalsprinzen Christian II. ein. Aber Woelki sprang nicht nur ein, sondern munter, wenn auch ein bisschen ungelenk mit, so beim Seniorenkarneval der Gemeinde St. Josef in Braunsfeld:  https://www.domradio.de/video/kardinal-woelki-als-prinz

Woelki ist ein eitler Mann, eine Mischung aus Hochwürden und Harry Potter. Mit seinen immer noch vollen, scheitelbaren Haaren gibt er eine gute Figur ab. Hübsch ist, wie die feinen Pony-Haare unter der Mitra hervorlugen. Wenn man sich vor die Kamera stellt, anstatt mit den Menschen zu reden, garantiert das nicht nur Virenfreiheit, sondern einen komfortablen Sicherheitsabstand.

Ich befürchte, Woelki hat die Bodenhaftung vollkommen verloren. In einem öffentlichen Brief an die „Schwestern und Brüder“ vom 19. März sagt er: „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun haben wir uns nach sehr ernsthaften Diskussionen dazu entschlossen, die körperlichen Versammlungen von Christen auszusetzen.“

Wie kann man allen Ernstes, wenn man die Gottesdienste meint, von „körperlichen Versammlungen von Christen“ reden? Es gibt abgehobene Menschen, die können nicht mit anderen zusammen in einem Raum sein. Sie können es nicht ertragen, mit Fremden die Atemluft zu teilen. Vor allem dann nicht, wenn diese Menschen zu den Schichten gehören, die man heute mit einem sozialen Unwort als „bildungsfern“ bezeichnet. (vgl. „Liste der sozialen Unwörter“ http://www.armutsnetzwerk.de/netzwerk-2014/start/presse/339-liste-der-sozialen-unwoerter.

In der Messe, in die ich als Kind ging, spielte Klassenzugehörigkeit keine Rolle. Woelki ist auf eine Weise dünkelhaft, die ich als unchristlich empfinde. „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun…“ Woelkis Worte sind ein arroganter Schlag in den Nacken der Christen, die während des Zweiten Weltkriegs bis zuletzt darum gekämpft haben, in die Kirche gehen zu können und die Gottesdienste besuchen zu dürfen, darunter meine katholischen Großväter, der Bergmann Karl Wilczok und der Lateinlehrer Josef Verron. Diese Menschen haben selbst dann noch den Weg in die Kirche gefunden, als die Glocken schwiegen, weil sie längst abgerissen waren, da man ihr Material für die Herstellung weiterer Waffen brauchte. https://www.katholisch.de/artikel/18653-kirchenglocken-fuer-hitler Vor diesem Hintergrund ist die Geste der Katholischen und der Evangelischen Kirche, bis Gründonnerstag jeden Abend um 19.30h die gut gewarteten Kirchenglocken zu läuten, nicht nur nostalgisch-sentimental, sondern infam.

Dabei hätte die Katholische Kirche gerade jetzt die große Chance gehabt, neue Mitglieder zu gewinnen. Man hätte auf den Friedensgruß verzichten, aber die Messen stattfinden lassen können  – mit einem gewissen Sicherheits-Abstand. Man hätte nicht unbedingt Füße waschen müssen, aber über die schöne Geste der Fußwaschung miteinander reden können. Nähe suchen. Aber dann hätte man ja Kontakt zu den Menschen aufnehmen müssen. Nicht virtuell, sondern real. Unter den Talaren… Ja, Kardinal Woelki kommt allmählich ins Schwitzen. Bald wird er ein heikles Schriftstück vorlegen müssen: Den verschobenen Bericht zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln. Man bittet die Menschen, noch etwas Geduld zu haben. Wenn es zur Zeit keine Kirchenaustritte gibt, liegt es allein daran, dass die Ämter geschlossen sind. (Erhellendes zu Woelkis Werdegang und zur Doppelmoral der Katholischen Kirche fand ich in einem Artikel von Peter Hertel: http://www.imprimatur-trier.de/2011/imp110714.html )

Gestern Mittag ging ich auf der Neusser Straße einkaufen. Zu meiner Freude ist das Marhaba, ein orientalisches Imbissrestaurant, wieder geöffnet. Mit einem Shawarma-Sandwich in der rechten Hand, die Hundeleine in der linken, suche ich mir einen Sitzplatz. Mir steht der Sinn nach Biergarten. Meine Hände sind noch klebrig vom Desinfektionsmittel, das man mir bei Alnatura in die offenen Hände gesprüht hat, nirgendwo kann ich mir die Hände waschen, aber das ist mir egal. Ich hab Hunger. Und bin so erleichtert, dass das Marhaba nicht dichtgemacht hat.

Doch alle Bänke sind besetzt, vor meinem Lieblings-Café Eichhörnchchen stehen Tische, aber keine Stühle. Gegenüber vom Eichhörnchen entdecke ich in einem Gärtchen einen Sitzplatz, Treppenstufen, die zu einem kleinen Haus hoch führen. Hier ist jetzt keiner, die Rollläden sind heruntergelassen.

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Ein schattiges kleines, ein bisschen verwahrlostes Gärtchen mit schief gewachsener Magnolie. Hier draußen am Fuße der Kirche hat mehr als zwanzig Jahre lang Konstantin von Eckardt gelebt, der „Maler von Nippes“. Nachdem er in seiner kleinen Blockhütte tot aufgefunden worden war, hatte man das Gelände geräumt. Wenig später begannen umfassende Renovierungsarbeiten. Das Dach und der Turm der Kirche St. Marien wurden saniert.  Das Außengelände ist immer noch Baustelle – bis auf das kleine Gärtchen. Zur Zeit könnte man hier Tische und Stühle aufstellen – mit Abstand natürlich.

Gerade als ich mich setzen will, kommt eine Frau angeradelt. Sie steigt ab, stellt sich als Mitarbeiterin der Kirche vor – und bleibt auf Abstand.

„Was wollen Sie hier?“ fragt die Frau. „Mich kurz auf die Treppenstufen setzen“, antworte ich. „Aber ich will nicht, dass Ihr Hund sich hier entleert“, sagte die Frau. „Das ist ein Grundstück der Kirche.“ Ich schlucke: „Aber alle Bänke an der Neusser Straße sind besetzt. Ich räume auch alles weg. Ich habe sogar AWB-Hundekottüten dabei. Die städtischen Beutelspender sind endlich wieder befüllt, nachdem die Stadt Köln das Befüllen über mehrere Wochen versäumt hat.“ Die Frau verschränkt die Arme und schüttelt den Kopf.

„Schade“, sage ich nach einer Weile. „Aber Sie kennen doch bestimmt den Kardinal Woelki.“ Ich ernte einen argwöhnischen Blick, aber rede weiter: „Am letzten Sonntag, da ist mir was aufgefallen. Die Kirchenglocken läuteten so schön und klar wie lange nicht mehr, gewiss war die restaurierte Glocke von St.Marien dabei. Das ist die Kirche, in deren kühlendem Schatten wir jetzt gerade stehen, aber das wissen Sie ja besser als ich. Zuletzt habe ich die Glocken so klar gehört, als ich ein Kommunionkind war. Da habe ich mich richtig eingeladen gefühlt, wie von Gott gerufen. War das schön! Als erwachsener Mensch glaube ich immer noch daran, dass es etwas gibt, das größer ist als wir, aber mit dem Menschenverstand nicht zu fassen. Dieses Göttliche findet man überall, aber gewiss nicht in der verknöcherten, autoritär strukturierten Katholischen Kirche. Und warum lässt die Kirche die Glocken erklingen? Die Kirchenglocken setzen die Menschen doch in die frohe Erwartung, mit anderen Menschen zusammen die Heilige Messe feiern zu können. Ich denke, diejenigen, die noch in die Kirche gehen, sind ältere Menschen, vornehmlich alte Frauen. Die hören die einladenden Glocken, aber man lässt sie nicht am Gottesdienst teilnehmen. Sagen Sie, glaubt Erzbischof Kardinal Woelki an Gott?“

„Woher soll isch dat denn wissen?“, fragt mich die Frau.

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St. Marien in Nippes ist derzeit geschlossen. Man restauriert die Orgel, so lese ich. Dass die Arbeiten ausgerechnet in der Karwoche durchgeführt werden, befremdet mich sehr. Auch draußen vor der Kirchentür wird eifrig in die Zukunft der Katholischen Kirche investiert. So etwa beim Bau des neuen Parrheims Haus der Kirche (rechts im Bild). Nicht nur rundum St. Marien in Nippes, sondern insbesondere in der Kölner Innenstadt sind zahlreiche Immobilien im Besitz der Erzdiözese Köln. Aus dem Jahr 2015, aber nach wie vor aktuell:  https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kirche-erzbistum-koeln-legt-vermoegen-offen-a-1018989.html

Elfchen im Vierten: Staatlich gesteuertes Beileid

 

Wir alle kennen den Satz, der manchmal auf Traueranzeigen steht: „Von Beileidsbezeugungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen.“ Es ist eine Bitte um Diskretion, ein ausdrücklicher Wunsch der Angehörigen – um in Stille Abschied nehmen zu können.  Zur Zeit bestimmt der Staat, wie bestattet wird: Mit „Sicherheits“-Abstand. Was da angeblich zu unser aller Wohl und Sicherheit passiert, entpuppt sich als herzlos und inhuman: Trauergäste haben sich da, wo sie überhaupt noch zugelassen sind, namentlich in Kondolenzlisten einzutragen, Trauerfeiern in geschlossenen Räumen sind verboten, und der Leichenschmaus fällt, da alle Cafés, Kneipen und Restaurants geschlossen sind, ohnehin aus.

 

Von

Beileidsbekundungen am

Grab bitten wir

Abstand zu nehmen! Die

Friedhofsverwaltung

 

Aber es ist nicht nur so, dass die trauernden Menschen gegängelt und kontrolliert werden. Das Grausamste ist, dass Verstorbene, die mit dem Corona-Virus infiziert waren, dämonisiert werden. „Vermerkt ein Arzt auf dem Totenschein, dass ein Verstorbener mit dem Coronavirus infiziert war, sind zusätzliche Maßnahmen notwendig: Der Tote muss in eine spezielle Schutzhülle gepackt oder in mit Desinfektionsmitteln getränkte Tücher gewickelt in den Sarg gelegt werden. Corona-Tote bekommen zudem einen Mundschutz, der ebenfalls mit den Mitteln getränkt wurde.“ https://www.spiegel.de/politik/ausland/bestatter-in-der-corona-krise-gefaehrliche-leichen-a-ea171053-ae9a-48cd-8735-f0da47174eda

Doch was sagt das Robert-Koch-Institut? Geht von den an Covid-19 verstorbenen Menschen überhaupt eine tödliche Gefahr aus?

Das RKI schreibt: „Es existieren keine belastbaren Daten zur Kontagiösität von COVID-19 Verstorbenen. Aus diesem Grund muss bei einer COVID-19 Todesursache der Verstorbene als kontagiös angesehen werden. https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Verstorbene.html

Übersetzt heißt das: Niemand weiß, ob die an Covid-19 Verstorbenen überhaupt lebendige Menschen anstecken können. Daher wird davon ausgegangen, dass es so ist. Eine seltsame Logik. Dass die Infektionswege bei Corona denen der Grippe-Infektion gleichen, ist immerhin aufgefallen. So folgert das RKI: „Der allgemeine Umgang mit COVID-19-Verstorbenen entspricht daher dem Umgang mit an Influenza Verstorbenen…. Grundsätzlich müssen beim Umgang mit COVID-19 Verstorbenen die Maßnahmen der Basishygiene eingehalten werden.“

Soweit das Robert-Koch-Institut. Die Information stammt vom 24.3.2020 und ist offensichtlich immer noch gültig. Zumindest habe ich keine Aktualisierungen gefunden. Was dort zu lesen ist, ist eigentlich beruhigend. Selbst während der Grippewelle 2017/18 mit 25.000 Grippetoten musste kein Friedhof geschlossen werden. Aber, wie es scheint, sollen wir uns nicht beruhigen. Im Gegenteil: Wir sollen uns beunruhigen, wir sollen durchknallen. Wir kriegen Nachrichten an den Latz geknallt, die kaum noch informieren, sondern verängstigen, verunsichern und verstören. Nachrichten, die mit unseren Ur-Ängsten spielen und die (in diesem Fall beruhigende) Wahrheit verschweigen: Fake news.  https://www.n-tv.de/mediathek/videos/panorama/Virus-Opfer-bleiben-auch-nach-dem-Tod-ansteckend-article21693509.html am …

Beim Frühjahrsputz habe ich im Keller eine Kunststoff-Maske gefunden, die den Masken der Commedia dell’Arte nachempfunden ist. Sie spielt an auf die Berufskleidung der Pestärzte.  „Im 17. Jahrhundert trugen Ärzte in Italien und Frankreich erstmals eine spezielle Schutzkleidung mit einer grotesk anmutenden „Pestarztmaske”, die sie beim Krankenbesuch vor der Ansteckung schützen sollte.“ (Aus einem schönen Artikel von Prof. Dr. Marion Ruisinger: http://www.dmm-ingolstadt.de/aktuell/objektgeschichten/pestarztmaske.html )

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Penetrant im wahrsten Sinne des Wortes: Derzeit steckt der Staat seine immer länger werdende Nase in alle Angelegenheiten seiner Bürger.

 

Staatlich kontrolliertes Sterben

Ein  Mensch, den ich zur Zeit sehr vermisse, weil man mit ihm so gut lachen konnte, ist mein Schwager Ernst, der Mann meiner Schwester Dorothee. Ernst ist im Mai letzten Jahres im Alter von knapp 73 Jahren an den Folgen einer unheilbaren, angeborenen Krankheit gestorben.

Kurz zuvor war Ernst als „austherapiert“ aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er hätte sich einer Herz-OP unterziehen sollen, war aber schon zu geschwächt. Ernst und Dorothee haben sich dann ein Hospiz angeguckt. Es gab einen Besichtigungstermin mit  „Vorstellungsgespräch“.

„Wie stellen Sie sich Ihren Aufenthalt vor?“, wurde Ernst gefragt. Ernst, der so schwach war, dass er kaum noch sprechen konnte, hatte seinen Galgenhumor behalten und sagte: „Es wäre schön, wenn Sie mich ein bisschen aufpäppeln könnten.“

„Dann sind Sie bei uns nicht richtig“, kam die Antwort. „Hier wird gestorben.“

Meine Schwester hat daraufhin das wohl einzig Richtige gemacht. Sie ist mit Ernst zusammen nach Hause gefahren und hat sich um ein Pflegebett gekümmert, das auch sofort gebracht wurde. Das Bett wurde vor das Terrassenfenster gestellt, so dass Ernst nach draußen in den Garten des Hauses gucken konnte, das schon sein Elternhaus war. Die beiden Kinder bekamen Sonderurlaub, die Schwester reiste aus Kalifornien an…

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Vor dem Hospiz St.Marien in Nippes. Für Besuche gibt es derzeit strenge Auflagen. Pro Tag und pro Gast darf nur ein Besucher kommen. Dass ein Mensch „im Kreise seiner Familie“ stirbt, ist hier zur Zeit streng untersagt. Vom kleinen Violinen-Duett war  ich unangenehm berührt. Dass sterbende Menschen, die sich nach ihren Liebsten sehnen, mit Geigenmusik  abgespeist werden, finde ich brutal.

 

Überall frisches Obst und Gemüse – das gibt es laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nicht im Ernst-, sondern nur im Normalfall!

Viele sind verwundert, dass das, was wir erleben, eine Katastrophe sein soll. Wie kann denn, wo wir doch eine Seuche erleben, weiterhin frisches Obst und Gemüse unverpackt verkauft werden? Warum wird der Sperrmüll, der sich zur Zeit überall vor den Häusern ansammelt, nicht vor Ort verbrannt, und warum tragen die Müllmänner keine Schutzkleidung?

Die Antwort: Weil wir eine zwar ziemlich ansteckende, aber eher ungefährliche Krankheit erleben. Corona ist nicht die Pest. Die Symptome, die Corona verursacht, sind die uns allen bekannten Grippesymptome. Wie die staatlichen Maßnahmen im tatsächlichen Katastrophenfall aussähen, wissen wir nicht, das ist geheim.

Nicht geheim, sondern öffentlich sind andere Informationen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe beschreibt in KatastrophenAlarm – Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen den Normalfall. Der Text klingt wie eine Gebrauchsanleitung für „Krisenmanager“. Die hier beschriebene Grundversorgung ist genau die, die von der Bundesregierung zur Zeit gewährleistet wird.

„… Im Normalfall gibt es alle wichtigen Verbrauchsgüter im Geschäft um die Ecke. Frische Ware ist in der Regel immer da. Auch Medikamente sind in der Apotheke verfügbar oder schnell besorgbar. Trinkwasser kommt selbstverständlich aus dem Wasserhahn, so wie Strom aus der Steckdose. Aber das kann durch Katastrophen beeinträchtigt werden oder ausfallen….“ 
Kommt mir irgendwie bekannt vor…
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Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Hand zur andern… (Deutsches Kinderlied)  Die Corona-Empfehlung an die Kunden, nur noch per Karte zu bezahlen, wurde nach wenigen Tagen aufgehoben.