Elfchen im Ersten: Winterweise

 

Schwatter

Kütt in

De Bütt, bleeeevt!

Alaaf, is dat schön!

… Winterweise

Durch die schlecht geputzte, Hundeschnüss-verschmierte Terrassentürscheibe hindurch fotografiert. Ich hatte im trockenen Frühsommer eine Tonschale mit Wasser hingestellt und nicht geahnt, wie „dankbar“ Vögel, Mäuse und Insekten das Wasser annehmen würden. Auch im feuchten Winter und an regnerischen Tagen kommen die hiergebliebenen Vögel zum Trinken und Baden.
Die Amsel blieb übrigens fast zehn Minuten in der Bütt.

Fernab vom sommerlichen Fortpflanzungs- und Überlebenskampf des Balzens, Eierlegens, Brütens und Hütens führen die Singvögel im Winter ein beschauliches Leben. Auch ihr Gesang klingt anders: Andante. Sie unterhalten sich zwitschernd von Art zu Art und „entdecken die Langsamkeit“.

Darf man den einen Vogel lieber haben als alle anderen? Ich kann nicht anders. Das Rotkehlchen kommt in der Abenddämmerung. Es will frisches Wasser haben, sonst badet es nicht. Wenn ich das Wasser ausgewechselt habe, dauert es meistens nicht lange, bis es kommt, nippt und sich ins Wasser begibt. Mir geht dann das Herz auf.

Bütten-Duett:

Ich bin keine Vogel-Expertin, aber es scheint, als würden Kohlmeise (rechts) und Blaumeise (links, ist es eine?) das gemeinsame Bad sehr erfrischend finden.

Elfchen im Zwölften: Ars wüssten wil nicht

Für den lechts-rinks-Jongleur Ernst Jandl, den ich hier noch einmal verehrend zitiere:

Lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!

vgl. auch: https://stellwerk60.com/2018/05/21/geistelfahlel/

Hier mein von Ernst Jandl inspiriertes Elfchen im Zwölften:

 

Ars wüssten wil nicht….

 

Dass

Man mit

Dem Röfferstier ein

Suppengelicht schrecht geröffert kliegt

Vorksvelbrödung

 

Blei- bzw. Zinngießen gehört für mich zu Silvester. Schon Mitte November konnte man das entsprechende Zubehör kaufen.
Doch sind wir schon so blöd? Hier sagt man uns, wo wir den Löffel anfassen sollen, wollen wir uns nicht die Pfoten verbrennen.

Kurtulvelfarr: Was lassen wir uns noch alles aufs Butterbrot schmieren?

Ich hatte in meiner Schulzeit ein halbes Jahr Russisch-Unterricht. Leider konnte ich mir die Vokabeln schlecht merken. In Erinnerung sind mir nur einige Wörter, die eigentlich aus dem Deutschen stammen, z.B. Landschaft = ландшафт – und natürlich Butterbrot = бутерброды (buterbrody). Das russische buterbrody meint aber kein Brot mit Butter, sondern ein belegtes Brot, eine Art Sandwich.
Das klassische Butterbrot ist sooo deutsch. Nicht zufällig nennen wir Deutsche unsere (traditionell kkkk-kalte) Abendmahlzeit Abendbrot.
Die Kalte Küche kann lecker sein. Zur klassischen Kalten Küche meiner Kindheit gehörten Russisch Ei, Kartoffelsalat und Sülze. Im Thermomix-Zeitalter gibt es statt Kräuterstippe Avokado-Dip. Alle wollen Brei.
Der Hype um die vegane Ernährung hat das Butterbrot wieder neu ins Spiel gebracht. Vegane Brot-Aufstriche kommen gut an, und so wird zur Zeit munter ausprobiert, was man den Leuten verkaufen kann. Grundsätzlich kann man (fast) alles aufs Brot schmieren. „Aufstrich“ heißt: Bunte Zutaten (im Alnatura- „Grünkohl-Aufstrich“ sind neben Grünkohl 14 weitere Zutaten, darunter Maisstärke, Knoblauch und Agavendicksaft) werden miteinander vermengt und so fein püriert, dass sie nicht mehr zu identifizieren sind.
Ich mag Kohl sehr gerne, denn er ist lecker herzhaft und beißt sich so schön, bis auf den einen… Grünkohl ist ein Gemüse, das ich allenfalls warm und schon gar nicht wurstlos verzehren kann.

„Viel Milch, wenig Kakao“, so wurde noch 1988 für Kinderschokolade geworben: https://www.youtube.com/watch?v=jzi-ek-Cd98 Heutezutage jedoch gilt Kinderschokolade als ungesunder, dick machender Kariesverursacher. Stattdessen, so heißt es, sollen Kinder auf den Obst-und Gemüsegeschmack kommen.

 

Auf diesem mit knapp 24 Euro völlig überteuerten Advents-Kalender wirbt ein von Turnvater Jahns früher Fitness-Parole „frisch, frei, fröhlich, fromm“ inspirierter Slogan: „Eine frühe Freundschaft mit Obst und Gemüse.“ Allerdings freunden sich die Kinder, die mit dem Kalender beglückt werden, eher mit Verpackungsmüll und Wegwerfspielzeug an als mit Obst und Gemüse.
Im Kalender sind neun „Quetschies“: Obst und Gemüse aus der Tube. Natürlich haben (auch ältere) Kinder Spaß, denn per Quetschie müssen sie den Brei nicht einmal mehr löffeln, sondern können ihn sich nuckelnd und saugend direkt hinter die Zähnchen quetschen. Viiiieeel Verpackung, nix dahinter. Mittlerweile regt sich öffentlicher Widerstand: https://www.oekotest.de/kinder-familie/Quetschies-Sechs-Gruende-gegen-Obstbrei-aus-der-Tuete_600861_1.html

 

Elfchen im Elften: Tagtraum einer blauäugigen Katze

Gäbe

Es doch

Käfigstäbe und hinter

Den Käfigstäben tausend ausgebrochene

Panther

REWE-Parkplatz in Nippes, Nohlstraße, September 2019. Dass man uns (und der Katze) zusammengewurschtelte Schlachthofabfälle als FEINE BEUTE verkauft, finde ich beschämend. Hauskatzen fressen Dosenfutter. Doch selbst satte Katzen verlieren nicht ihren Jagdtrieb.
Katzen verfügen ein höchst sensibles Gehör. Sie bewegen sich fast lautlos und schleichen sich an ihr Beutetier an. Sie hören, was wir Menschen gar nicht hören können, die Angst der Maus, ihr Hochfrequenz-Quieken.
Bei dieser Katze handelt es sich, so wollen wir hoffen, um ein Fotoshop-Geschöpf. Selbst wenn es sie wirklich gäbe, ginge sie wohl kaum auf Beutefang. Weiße, blauäugige Katzen sind oft taub. Aber wer weiß, wovon diese hier träumt? Sie würdigt die FEINE BEUTE keines Blickes. Wäre wenigstens Maus in der Dose…

„Katzen würden Whiskas kaufen“. Mit dem berühmt gewordenen Werbespot wurde in den 1960er Jahren Katzenfutter als das verkauft, was es ist: ein Lebensmittel für unsere Hauskatzen, die nur noch zum Zeitvertreib jagen. Zwar bestand auch Whiskas wohl nie aus feinem Fleisch, wie hier Experten „demonstrieren“, aber die Haltung des Menschen gegenüber dem Tier war 1965 noch einigermaßen respektvoll.

Elfchen im Zehnten: Wenn ich ein Sittich wär…

Flög

Ich ohne

Zu zögern zu

Dir, rotleuchtender weißfleischiger Apfel

Schnabelwahl

Bei den Halsbandsittichen kann man Weibchen (links) und Männchen (rechts) deutlich voneinander unterscheiden. Das Weibchen hat rundum den Hals einen hellgrünen, unauffälligen Streifen. Bei den Männchen hingegen ist dieser Streifen so rot wie der Schnabel und viel deutlicher ausgeprägt. Das zu wissen, beflügelt meine Phantasie. Jetzt gibt es nicht nur einen Sittich, sondern einen ER und eine SIE. Wie langweilig wäre unser aller Leben, ob Mensch oder Tier, ohne die Differenz der Geschlechter: Es lebe der Unterschied!

Elfchen im Neunten: Wildblumenweisheit

 

Der Sommer 2019 war zwar wieder viel zu trocken, aber eine regnerische erste Augusthälfte sorgte für Entspannung. Und anders als im Vorjahr gab es nur wenige Tropennächte (über 20°). Es geschehen also noch Zeichen und Wunder. Aber auf Wunder darf man nie warten. Wir müssen was tun.

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Ein Wildblumenstreifen vor der KiTa Lummerland. Das Grünflächenamt der Stadt Köln hat im vergangenen Jahr einen Teil der Wiese an den Nachbarschaftsverein der autofreien Siedlung übergeben. Die Pflege der Wiese ist eine echte Herausforderung: Das Gras wird nicht gemäht, sondern gesenst. Der Hingucker sind allerdings die Wildblumen. Mehr Informationen unter: https://www.nachbarn60.de/wildblumenwiese.html

Auf der Internet-Seite des Nachbarschaftsvereins werden auch die wohlklingenden Namen der Wildblumen genannt: „Ackersenf, Klatschmohn, Margerite, Kamille, Steinklee, Wiesen-Flockenblume, Glockenblume, Moschusmalve, Echte Malve, Schafgarbe, Löwenzahn, Weißklee, Ackerklee, Färber-Kamille, Kornblume, Spitzwegerich und Vergißmeinnicht…“ Ich habe mir erlaubt, ungenau zu zitieren und das heuer längst verblühte „Vergißmeinicht“ nicht mit zwei „S“, sondern mit „ß“ zu schreiben. Ich mag das scheue Vergißmeinicht, mag seinen Namen und den Buchstaben „ß“, den es nur in klein gibt und ausschließlich in der deutschen Sprache.

 

 

Nie

Leuchteten die

Farben so schön

Wollte die Welt untergehn

Wildblumenweisheit

 

Elfchen im Achten: Jautsch

Die Stadt Köln schafft seit einiger Zeit nicht nur immer mehr Briefkästen, sondern auch öffentliche Mülleimer ab. Das trifft vor allem die Hundebesitzer hart, die ja die gefüllten „Hundekotbeutel“ nicht ewig mit sich herumtragen, sondern möglichst schnell loswerden wollen. Ich beobachtete folgendes: Als an der Ecke Sechzigstraße/Werkstattstraße der Bodenbelag des Bürgersteigs erneuert wurde, stand den Arbeiten ein Müllbehälter im Weg. Der wurde kurzerhand entfernt und nie wieder aufgestellt. Das ist kein Einzelfall. Auch andere vor allem für die Nippeser Fußgänger wichtige Abfallbehälter sind spurlos verschwunden. Zwei Beispiele: Ein Müllbehälter stand  an der Hartwichstraße kurz vor dem S-Bahnhof Nippes, direkt neben den Glascontainern, der zweite an der Kempener Straße auf Höhe der Bus-Haltestelle St. Vinzenz-Krankenhaus.

Mysteriös ist das Verschwinden nicht. Ein Mitarbeiter der AWB erklärte mir den Schwund folgendermaßen: Das Entfernen von  Mülltonnen geschehe in bester nachhaltiger Absicht. Die Stadt Köln wolle ihre Bewohner zu achtsamen, mündigen Bürgern erziehen. Stelle man weniger Mülltonnen bereit, würde auch weniger Müll produziert. Die Menschen würden vor dem Wegschmeißen noch einmal gründlich nachdenken, sie würden die Dinge besser pflegen und sorgsamer mit ihnen umgehen.

Ein Denkfehler mit Folgen: Der Wanderer, der kein Klo vorfindet, kann in seiner Not im Wald verschwinden. Doch mitten in Nippes gibt es keinen Wald. Und es ist nicht unbedingt ein Klo, das man braucht. Was soll man tun, wenn man eingekauft hat und im Rucksack platzt der Joghurtbecher auf oder der Saft läuft aus? Wer in solch einer Situation weit und breit keinen Abfalleimer findet, erklärt die (Um)Welt zur Müllkippe.

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Diese Quetschtube mit der Bezeichnung „Wahre Schätze“ hatte jemand -wütend, wie es scheint- auf den Bürgersteig geschmissen und noch mal nachgetreten. Die Tube beinhaltet weder Ketchup noch Mayonnaise, sondern eine REPARIERENDE SPÜLUNG.  Mit der Lüge, dass man Spliss reparieren kann oder dem falschen Versprechen, dass sich graue Haare wieder in braune verwandeln lassen, macht die Kosmetikindustrie schöne Geschäfte.

 

 

Jautsch

Klockslülps ulff

Weial schwulpp balumm

Blotzel seufzl loff ploff

Squiekasquiek

 

Die von mir im Elfchen benutzten Wörter stammen inklusive „Jautsch“ allesamt aus Band 3, 2005 der „Simpsons Classics“ (Superhelden im Überfluss). Meine jüngere Tochter hat jahrelang, als wir noch via Zimmerantenne die privaten Fernsehsender inklusive Pro7 empfangen konnten, „Die Simpsons“ geguckt, und sie hat Simpsons-Hefte gesammelt. Ich bewahre sie für sie auf: Wahre Schätze würde ich niemals wegschmeißen.

Im Impressum der deutschen Ausgabe wird leider kein Übersetzer genannt. Deutsch ist, wie man sieht, nicht nur eine Sprache der Dichter und Denker, sondern auch eine vortreffliche Comic-Sprache. „Jautsch“ habe nicht ich, sondern „Jautsch“ hat sich sozusagen selber geschrieben. Ich habe nur die im Heft verstreuten Wörter zum Elfchen zusammengestellt. Um die Ausdrücke dem Thema gemäß noch saftiger zu machen, habe ich ein paar Mal den Buchstaben „R“ gestrichen und ein paar Mal zusätzlich den Buchstaben „L“ eingefügt. Die schönen Wortneuschöpfungen „Jautsch“ und „Squiekasquiek“ habe ich unangetastet gelassen.

 

 

 

Elfchen im Siebten: Falscher Alarm

 

Für meinen Mann, der heute Geburtstag hat

 

 

Alle

sehen  Gelb

schaff mir endlich

den Dreck vom Hals

 Schwarmintelligenz

 

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Die Deutschen sind, so sagt man, Weltmeister im Mülltrennen. Mülltrennen tut vor allem Kindern gut, denn es schult das Unterscheidungsvermögen. Heutzutage, da wir Menschen kaum noch spüren, wo uns der Kopf steht, und wir nicht mehr wissen, wo der Hammer hängt, ist es wichtig, dass wir von klein auf lernen, Materialien voneinander zu unterscheiden, zum Beispiel Glas von Papier. Manchmal jedoch ereilt die Deutschen der vorauseilende Gehorsam, so wie hier. Der an alle Haushalte verteilte „Abfall- und Wertstoffkalender“ der Kölner „Abfallwirtschaftsbetriebe“ (AWB) nannte als „Entsorgungs“-Termin den Dienstag in der darauf folgenden Woche. Aber die Tonnen waren schon so voll, wie sie erst eine Woche später hätten sein sollen. Nachdem der erste Nachbar am Montagnachmittag seine Mülltonne zur Abholung bereit gestellt hatte, machten es ihm alle nach. „German Angst“: Eine diffuse Angst vor Schmutz, Armut, Behinderung, Krankheit, Ungeziefer, Alter, Krebs.

 

 

 

 

 

 

 

Elfchen im Sechsten: Raupe Nimmerallein

 

 

Die

kleine Raupe

Nimmersatt ist nimmer

allein Soll mich das

freu’n?

 

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Nippes, Werkstattstraße: Sich abseilende Raupen der Gespinstmotte. Anders als die Raupen des Eichenprozessionsspinners stellen sie keine Gefahr für die Gesundheit des Menschen dar.

Eigentlich sind auch die Raupen des Eichenprozessionsspinners nicht angriffslustig. Wir kommen ihnen nur zu nahe. Mit dem Klimawandel haben sich die Tierchen sehr vermehrt. Sie haben -so kann man es betrachten- „Verstärkung“ geholt. Mit ihren unzähligen Brennhaaren schützen sie sich vor ihren Feinden. Und der schlimmste Feind ist nicht mehr der Kuckuck.

Elfchen im Vierten: Unverpackt

Glanzfolienlos

wird Schokolade

fade aus Goldhase

Pappnase aus unverpackt angepackt

 Schade

 

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Bei Tante Olga werden vor Ostern unverpackte Osterhasen verkauft. Ich würde mir nie einen holen. Wie kann ich ihn transportieren, ohne dass er abgegriffen wirkt, gar angegriffen? Auf Schokolade sind Fingerabdrücke fies. Macht unverpackt dick? Nicht unbedingt, aber unverpackte Schokolade sollte man so schnell wie möglich aufessen.                                                                             Auch verpackte Schokolade wird irgendwann ungenießbar. Diesen Schokoladen -Nikolaus hätte ich früher auspacken und aufessen müssen.  Ein schwacher Trost: Nach vier Monaten Schonzeit in Schönheit macht er mich jetzt nicht mehr dick.

 

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Blaue Augen, rote Lippen: Ein Schokoladen- Nikolaus, wie es ihn mittlerweile fast überall gibt. Wir kaufen ihn eigentlich nur wegen der schönen Verpackung. Und verwahren ihn, bis er nicht mehr nach Schokolade schmeckt, sondern nach Seife, Zucker und Fett, nur weil ihm das Rot so gut steht.