Ernst Jandl-Gedächtnis-Elfchen: Die Politik verliert den ÜberLick

11.3.21: 10. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Fukushima am 11.3.11

11h: Sirenenalarm. Ich gucke ins Internet, was man ja tun soll, wenn die Sirenen heulen, und erfahre etwas, das mich überrascht: Im Bundesland Nordrhein-Westfalen sind heute, am 11.3.2021, überall die Sirenen zu hören, denn heute ist „Warntag 2021“. Hatten wir einen solchen „Warntag“ nicht schon einmal?

In die „Suchen“-Funktion meines Blogs gebe ich „Warn-Apps“ ein und komme auf einen Beitrag vom 15. September 2020 ( https://stellwerk60.com/2020/09/15/veedel-for-future-bei-der-wahl-des-stadtrates-erreichen-die-grunen-in-nippes-3887/ ), wo ich folgendes schrieb: „Nicht nur die Sirenen werden getestet, sondern auch die Warn-Apps. Unter dem seltsam drohenden, völlig verunglückten Veranstaltungs-Titel „Wir warnen Deutschland“ (kein Witz!) wurde am 10. September der erste bundesweite Katastrophen-Warntag durchgeführt, der demnächst regelmäßig einmal im Jahr stattfinden soll. Pünktlich um 11:00 Uhr ertönten bundesweit die Sirenen. Zeitgleich wurde erstmals flächendeckend neben anderen Apps die Warn-App NINA („Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes“) ausprobiert. Doch ausgerechnet NINA versagte. ‚Während in einigen Städten die Sirenen heulten, das Radio und das Fernsehen warnten, blieben die Warn-Apps still – und verschickten ihre Warnungen teils über eine halbe Stunde zu spät.‘ https://www.hna.de/welt/warntag-2020-deutschland-panne-bayern-katwarn-nina-probealarm-warnung-twitter-katastrophe-zr-90040078.html?cmp=defrss…“

Zurück zum „Warntag 2021“ in Nordrhein-Westfalen. Haben die Verantwortlichen vergessen, dass sich heute vor zehn Jahren die Reaktorkatastrophe von Fukushima ereignet hat? Warum gibt es keine bundesweite Schweigeminute, sondern einen landesweiten Probealarm?

11h30: Der Himmel reißt auf. Ich gehe zum Nippeser Markt und begegne dort einem alten Mann, der eine FFP2- Maske trägt, Fratzen schneidet und wild gestikuliert. Man könnte ihn für verrückt halten. Die Leute sind froh, dass er Abstand halten muss. Sie halten hilfesuchend nach dem Ordnungsamt Ausschau. Durch die Maske hindurch kann der Mann immer noch singen: „Fleißig, fleißig, die DDR, die ist nicht mehr. Oder, oder? Fleißig, fleißig, drei mal elf ist dreiunddreißig. Oder, oder?“

Ich weiß nicht, ob der Mann verrückt ist. Aber die Politik? Spielt die nicht verrückt?

Im Jahr 2015 hat der Ullstein-Verlag Astrid Lindgrens Tagebücher 1939-1945 herausgegeben.(Original: Krigsdagböcker 1939 – 1945) Angelika Kutsch und Gabriele Haefs haben das Buch aus dem Schwedischen sorgsam ins Deutsche übersetzt. Der deutsche Titel des Buchs lautet: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Mit diesem Titel könnten auch Tagebücher aus der Jetztzeit überschrieben sein.

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Vielleicht waren es die beiden Übersetzerinnen, die die schöne Idee hatten, im Vorsatz des Buchs das Faksimile eines von Astrid Lindgren mit der Hand geschriebenen Satzes abzudrucken, der dem Buchtitel als Vorlage diente. Zu deutsch: „Aber die Menschheit hat nun einmal komplett den Verstand verloren.“ (Astrid Lindgren, 12.Mai 1942)

Die Politik verliert den ÜberLick

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Popopo die Polili

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ÜberLick

Samstag 24.10.2020, spiegel.de. Während die Grafik der Seiten während des Vormittags immer wieder verändert wurde, blieb die Schlagzeile gleich: Polens Präsident Duda positiv getestet. Auch der Text unter der Schlagzeile blieb der gleiche – sowie der Rechtschreibfehler im letzten Wort: „Der Überlick“. Offenbar kam niemand auf die Idee, einmal „konservativ“ den Text zu prüfen. Erst nach Stunden (!) wurde der „Flüchtigkeits“-Fehler korrigiert… Mit Corona häufen sich nicht nur die Rechtschreibfehler.

Schauen wir uns unten stehendes Bild einmal genauer an: Ich bin keine Befürworterin der Politik von Andrzej Duda, im Gegenteil. Doch diese Schlagzeile (unter dem „News-update“!) ist nicht informativ, sondern reißerisch. Meines Erachtens wird Andrzej Duda hier zur Zielscheibe einer untergründig aggressiven „Berichterstattung“. Denn oben auf der Seite (oberhalb der Schlagzeile) wird für ein Computer-Kriegsspiel geworben, das vermutlich nicht einmal als jugendgefährdend und kriegsverherrlichend eingestuft wird, es aber ist. https://worldofwarships.eu/de/

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Im Zusammenhang mit der Werbung für „World of Warships“ dürfte die Schlagzeile Polens Präsident Duda positiv getestet, so ist zu befürchten, bei vielen „Usern“ Kriegs-Gelüste hervorrufen, triumphale, gefährlich diffuse NEUE MÄNNERPHANTASIEN. Das Virus wird zum Angreifer erklärt, der es auf alle Menschen abgesehen hat, aber aktuell auf Andrzej Duda. Mögliche Assoziationen: Duda vom Virus getroffen, ey, du da… Duda von Corona angeschossen, ey, du da… Corona hat Polen erwischt, ey, du da… Jetzt bist du dran, Duda, ey du da…

Zugleich wird ein Superlativ präsentiert, der Leserinnen und Leser in Angst und Schrecken versetzt und das Virus dämonisiert: „In Deutschland wurden so viele neue Fälle an einem Tag registriert wie noch nie seit Beginn der Pandemie.“ Corona, so wird suggeriert, ist längst außer Kontrolle. Corona läuft Amok.

Doch das eigentliche Opfer heißt Duda. Andrzej Duda ist Präsident der Republik Polen. Wie wir alle wissen, begann am 1. September 1939 mit dem hinterhältigen Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Dass DER SPIEGEL (spiegel.de) eine zentrale Werbefläche an die Macher des Computer-Kriegsspiels „World of Warships“ („KOSTENLOS SPIELEN“!) verkauft hat (ausgerechnet auf der Wissenschafts-Seite, die für Objektivität steht!), ist meines Erachtens unannehmbar. Dass es passieren konnte, dass und wie diese Werbung mit der Meldung „Polens Präsident Duda positiv getestet“ zusammengebracht wurde, macht mich fassungslos!

Ach, mein lieber Herr Jandl, wir erleben zurzeit ein politisches Dulcheinandel, und die Medien dulcheinandelen mit. Lieber Herr Jandl, die klaren, klugen, präzisen und wunderschönen Gedichte, die Sie damals geschrieben haben, sind hochaktuell.

Ihr Gedicht „Schtzngrmm“ aus dem Jahr 1957, das ich zur Zeit ständig im Kopf habe, tröstet mich, denn es ist so wahrhaftig. Es ist nicht nur ein Zeugnis für den Irrsinn des Krieges, sondern eine Kritik an der verblödenden medialen Beballerung mit sogenannten „Informationen“ und dem verrückten und verrückt machenden Werbe-Trommelfeuer, dem wir nicht erst seit Corona -aber seit Corona mehr denn je- permanent ausgesetzt sind .

Für dieses Video, das „Peteratanas“ ins Netz gestellt hat, bin ich dankbar:

„Mental health is equally as important as physical health“ – Vom Frühlingserwachen der Studenten* in Leeds, Nippes und anderswo

Am Dienstagnachmittag war ich beim Kölner Amtsgericht am Reichensperger Platz, um im Rahmen einer Erbschaftsangelegenheit einen DIN A4-Umschlag in einen großen, goldumrahmten, in die massive Mauer des pompösen Gebäudes eingelassenen Briefkasten einzuwerfen, in den vermutlich tausend und mehr solcher Umschläge passen.

Eigentlich hatte ich den Umschlag am Vortag gegen 18h in den gelben Kasten vor der Nippeser Post einwerfen wollen, aber ich kam zu spät. Die letzte Leerung ist seit ein paar Jahren jeden Werktag um 17.30h, was ich immer wieder vergesse. Davor wurden die Kästen um 18h und um 19h geleert. Was für ein Luxus. Vor nicht allzu langer Zeit gab es sogar eine Nachtleerung um 23h. Doch die guten alten Zeiten, als die Studenten* auf den letzten Drücker eine Stunde vor Mitternacht ihre Examensarbeiten in den Briefkasten werfen konnten oder zur Hauptpost bringen, sind vorbei.

(*Ich verkneife mir das neudeutsche Wort „Studierende“, da es so behäbig klingt. Dieses politisch korrekte, wohlmeinende Partizip Präsens macht aus jungen, wissbegierigen Menschen behäbige Couch-, Laptop- bzw. Smartphone-Potatoes, die sich lediglich aufrichten, um an den Rechner oder ins Fitnessstudio zu gehen. Ihr Wissen beziehen sie aus Wissenschaftssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wie Quarks und Leschs Kosmos, wo gründlich aufgeklärt wird und man die Welt von allen in Frage kommenden Fragezeichen restlos befreit.

Natürlich gibt es solche „Studierende“, aber zum Glück nicht nur. Und es gibt auch andere Personen, auf die der Begriff „Studierende“ vielleicht noch besser passt. Das sind die, die es immer gab und mit denen ich schon als Studentin (vor vierzig Jahren!) nie was zu tun haben wollte: Karrieristinnen und Karrieristen, die in den Studierendenparlamenten (die tatsächlich so heißen!) bequemer denn je sitzen, um sich dort eine Pole Position zu sichern im Hinblick auf eine Zukunft in den Chefetagen von Wirtschaft und Politik.

Leider vernebelt die bürokratendeutsche Wortneuschöpfung „Studierende“ auch den Blick auf die Vergangenheit. Mich erstaunt nicht, dass es mittlerweile sogar Texte gibt, in denen von einer „Studierendenbewegung der 1960er Jahre“ die Rede ist. Im Himmel lacht Rudi Dutschke und schüttelt den Kopf. Wir dürfen nicht vergessen: Politische und geistige Impulse sind in aller Regel von Studentinnen und Studenten ausgegangen, auch und gerade von den vielgescholtenen 68ern. Ich wünsche mir eine neue Studentenbewegung!)

Ich gucke ins Internet um rauszukriegen, wo es überhaupt noch Briefkästen gibt. Immerhin nennt onlinestreet.de 17 Briefkästen im Postleitzahlenbereich 50733 (Nippes), die einmal am Tag alle zur selben Uhrzeit (16h) geleert werden. Wie macht die Post das? Wie stellt die Post es an, alle 17 Nippeser Briefkästen gleichzeitig zu leeren? Fahren 17 Elektro-betriebene gelbe Autos pünktlich um 16 Uhr jeden der 17 Briefkästen einzeln an?

Da das Wetter richtig schön war, verband ich den Gang zum Amtsgericht mit einem Hunde-Spaziergang. Auf dem Heimweg gingen Hund Freki und ich quer durchs Agnesviertel und anschließend durch die Grünanlage im Inneren Grüngürtel zwischen Neusser Straße und Niehler. Da das Ordnungsamt hier gerne patrouilliert, hielt ich Freki an der Leine. Und da die Mitarbeitenden des Ordnungsamts derzeit auch gerne Menschen dabei ertappen, dass sie sich nicht fortbewegen, sondern in verdächtigen Gruppen beisammen sitzen, hatten die Leute auch (noch) keine Grills aufgestellt.

Öde war die Stimmung trotzdem nicht, im Gegenteil. Die Menschen bewegten sich, aber nicht, weil sie es mussten, sondern weil sie es wollten. Die an diesem Tag -ob mit oder ohne Maske- mit sichtlich großem Vergnügen Fußball, Basketball oder andere verbotene Spiele spielten, waren mindestens dreihundert vorwiegend junge Personen aus mindestens 200 verschiedenen Haushalten. Es war brechend voll auf den Wiesen, aber auch auf den Wegen, und gar nicht so einfach, sich an den Joggern, Skatern, Fußgängern und Radfahrern vorbei einen Weg zu bahnen. Sollte ich mir jemals das Virus einfangen, dann jetzt und hier: Nichts wie durch.

Die sich hier des Vorfrühlings erfreuten, hatten nicht den Fehler gemacht, die Freude per Facebook publik zu machen, anders als ein paar Wochen zuvor zwei junge Männer in Leeds. Meine jüngere Tochter, die als Erasmus-Studentin in England weilt, erzählte mir am Telefon von einer bemerkenswerten Aktion. In Leeds hatten zwei Studenten über Facebook zu einer Schneeballschlacht eingeladen. Am 14.1.2021 kamen Hunderte junger Menschen zusammen und genossen -ob mit oder ohne Maske- eine ausgelassene, friedliche und freundliche Schneeballschlacht, wobei es vor allem die Schneebälle waren, die den Sicherheits-Abstand nicht einhielten. Meine Tochter, die in Durham (wo die Supermärkte Schlitten verkauften) ebenfalls viel Schnee hatte, schickte mir folgenden Link:

https://news.sky.com/story/covid-19-lockdown-flouting-leeds-snowball-fight-was-a-laugh-people-needed-12188778

In dem Artikel kommen zwei Studenten zu Wort, die mehr oder weniger zufällig vor Ort waren. Der eine, ein 21jähriger namens Liam Ford, vermutlich ein Studierender, distanziert sich kopfschüttelnd von den jungen Leuten und zeigt sich schockiert. Der 20jährige Student Adam jedoch, der aus gutem Grund seinen Nachnamen nicht nennt, sagt:

„I think a lot of people were just in the park anyway enjoying the snow and joined in… It was a very welcome relief… a welcome laugh that people needed… I know many students who are extremely depressed, and stressed with online exams and have had little support… Mental health is equally as important as physical health… so many young people and students really have nothing to keep them going at this point.“

Weil ich die Sätze so wichtig finde, habe ich sie mit Hilfe der künstlichen, aber gar nicht so dummen Intelligenz von DeepL.com übersetzt und die Übersetzung nur leicht verändern müssen:

„Ich glaube, viele Leute waren sowieso gerade im Park und haben den Schnee genossen und mitgemacht… Es war eine sehr willkommene Abwechslung… genau das Lachen, das die Leute brauchten… Ich kenne viele Studenten, die extrem deprimiert und gestresst sind von den Online-Prüfungen und kaum Unterstützung bekommen haben… Psychische Gesundheit ist genauso wichtig wie körperliche Gesundheit… so viele junge Leute und Studenten haben wirklich nichts, was sie noch stark bleiben lässt.“

Was Adam sagt, berührt mich, denn es zeugt von einem Verantwortungsgefühl, das die politisch Verantwortlichen leider nicht haben. Es scheint weder Johnson noch Merkel bewusst zu sein, dass die rigiden Corona-Maßnahmen katastrophale Folgen für die Psyche der Betroffenen (und wir sind alle Betroffene!) haben. Die Befürworter der sogenannten „Schutzimpfung“ sind, so sehe ich es, am Schutz unseres Seelenheils weitgehend desinteressiert.

Dabei sind es neben den Geboten (Lass dich impfen, halte den Abstand ein… ) gerade die Verbote, die unser Wohlbefinden massiv beschneiden. Wir sollen nicht rauchen, denn das Rauchen erhöht das Risiko, an Corona zu erkranken. Wir sollen nicht zu viel essen, denn Übergewicht erhöht das Risiko, an Corona zu erkranken. Und vor allem sollen wir zu den Mitmenschen auf Distanz gehen, keine Feste feiern, Menschen-Ansammlungen meiden, unsere Lust am Miteinander nicht ausleben, denn die Begleiterscheinungen der Zuneigung, insbesondere die Freude daran, andere Menschen (vielleicht auch spontan!) zu umarmen, erhöhen das Risiko, an Corona zu erkranken, massiv.

Aber wir sollen uns impfen lassen, denn insbesondere die neuen mRNA- Impfstoffe sind so raffiniert und ausgeklügelt, dass der Impfling nicht einmal mit dem Virus in Körperkontakt kommt, sondern nur mit dessen genetischen Informationen.

Doch wir Bürgerinnen und Bürger sollen uns nicht nur impfen lassen, sondern kaufen, weil das Kaufen, insbesondere im Internet, keinerlei Infektionsrisiko darstellt. Auch Aktien können wir unbesorgt kaufen, per Internet-Depot jederzeit.

Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, soll angesichts des DAX-Höhenflugs gesagt haben, dass der Kauf der Deutsche Bank– Aktie keinerlei Gesundheits-Risiko darstelle. Außerdem soll er, was ich allerdings nur aus sehr unsicherer Quelle weiß, gesagt haben, dass die 100 Postbank-Filialen im Jahr 2021 auch deshalb geschlossen werden müssten, weil die erforderliche Corona-Stoßlüftung der oft überalterten Räume kaum noch möglich sei und daher der Infektionsschutz der Mitarbeiter*innen sowie der Kund*innen nicht mehr gewährleistet werden könne.

Im Anschluss an die Schneeballschlacht hat es übrigens keine Häufung von Infektionen gegeben. Der Nutzen der friedlichen Schneeballschlacht überwog den Schaden (wenn es den überhaupt gab) bei weitem. Dennoch wurden die beiden Studenten zu horrenden Geldstrafen verurteilt. Ich hoffe, dass die beiden das verkraften und finanzielle Unterstützung bekommen. Und ich bin mir sicher: Die jungen Menschen, die dabei waren, werden einmal stolz ihren Enkelkindern erzählen, dass sie den Mut besaßen, lustvoll und friedlich die Corona-Zwangsmaßnahmen in Frage zu stellen und der cold old Corona-Politik den Spiegel vorzuhalten.

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Aus einem Hauseingang fische ich ein liegengebliebenes Exemplar vom „Kölner Wochenspiegel“: „Wenn das Eis nicht trägt“. Etwas macht mich stutzig, das Datum: 7. Woche, 19./20. Januar 2021. Erstaunlich: Hat der Januar jetzt mehr als sieben Wochen? Außerdem war das Eis auf dem Aachener Weiher doch erst Mitte Februar so dick, dass uns niemand mehr das Betreten der Eisfläche verbieten konnte… Das korrekte Datum steht auf der zweiten Seite des Blatts: 19./20. Februar 2021… Die Unterzeile des Titel-Fotos lautet: „Seltsames Bild: Während die Berufsfeuerwehr Köln die „Eisrettung“ auf dem Aachener Weiher übte, tummelten sich zahlreiche Schlittschuhläufer auf der Eisfläche.“ Meines Wissens waren die Eisläufer lange vor der Feuerwehr da. Korrekt müsste die Zeile folgendermaßen lauten: „Nachdem tagelang schon zahlreiche Menschen auf dem Eis waren, ohne dass es nennenswerte Zwischenfälle gab, geschweige denn einen Einbruch ins Eis, rückte die Feuerwehr an, um die Eisrettung zu üben.“ 

Die drohende Schlagzeile „Wenn das Eis nicht trägt“ erinnert mich an eine ebenfalls die Gefahren heraufbeschwörende Schlagzeile aus dem Sommer. Damals titelte der Kölner Stadtanzeiger: „Unterschätzte Gefahr. Das Schwimmen im Rhein ist lebensgefährlich.“ Der Artikel war eine Reaktion darauf, dass die Menschen an den Rhein gingen und die Freibäder mieden, wo sie unter totaler Kontrolle waren, wo man sich per Internet anmelden musste, wo Duschen und Umkleidekabinen geschlossen waren, wo man nur in Bahnen nur in die eine Richtung schwimmen durfte, wo die Aufenthaltsdauer beschränkt war, weil alle paar Stunden desinfiziert wurde und und und… Vgl.: https://stellwerk60.com/2020/06/06/eilmeldung-maske-weg-abstand-passe-menschenmassen-am-fuehlinger-see/

Nachtrag 15.3.2021:

Weltweit wird derzeit gegen Studenten, die nicht viel mehr tun als ihre Lebensfreude auszuleben, vorgegangen. https://web.de/magazine/news/coronavirus/unfassbare-szenen-tausende-feiern-spring-break-florida-maske-abstand-35629414 Auch hier, beim Spring Break in Florida, gab es, nachdem man die jungen Menschen zunächst feiern ließ, zahlreiche Festnahmen.

An das Märchen „Der Wolf und die sieben Geisslein“ erinnert, was 14 französische Erasmus-Studenten in Thessaloniki erlebten, als eine Polizei-Einheit in eine Wohnung eindrang. Der Böse Wolf gab sich nicht einmal die Mühe, die Pfoten weiß anzumalen: „Die junge Frau, die den Beamten die Tür öffnete, habe versichert, es befänden sich nur drei Personen in der Wohnung. Allerdings hörten die Beamten Geräusche und ließen sich von einem Staatsanwalt einen Durchsuchungsbefehl ausstellen. In der Wohnung fanden sie insgesamt 14 junge Leute vor, von denen die meisten in Schränken und unter Betten den Augen der Polizei entgehen wollten. Einer von ihnen habe versucht, über einen Balkon zu fliehen, sei jedoch aufgehalten worden.“ Alptraumhaft!

https://www.rnd.de/panorama/erasmus-studenten-machen-party-in-griechenland-gaste-verstecken-sich-A4CSEIFL2ROB3WSMXNLCYCTZ3E.html

Schnee-Elfchen: Tauwettertrotz

In Köln fiel pünktlich zu den Sonntagen 17.1. und 24.1.2021 etwas Schnee. Es sollte dabei bleiben. Selbst im Februar, als halb Deutschland im Schnee versank, schneite es in Nippes nur vereinzelte Flocken. Doch an den beiden Januar-Wochenenden war die Stimmung ausgelassen. Eine Ahnung vom Winter, wie er früher einmal war, ließ viele Menschen die Corona-Zwangsmaßnahmen für eine Weile vergessen.

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Rodeln am Bahndamm. Mit ein bisschen Phantasie lässt sich selbst Köln-Nippes in Sölden verwandeln.

Mitglieder der Urban Gardening-Gruppe hatten am 24. Januar im Siedlungs-Garten60, der sich zur Zeit in Winterruhe befindet, Schnee zusammengetragen, einen hohen, dünnen Schneemann gebaut und ihn auf den Namen „Schlanker Schneemann“ getauft. Wie wir wissen, schwitzen dicke Menschen schneller. Ähnlich verhält es sich mit dem Schneemann. So war es eine gute Idee, keinen kugelig-dicken Schneemann zu bauen, denn tatsächlich blieb der flachbäuchige -während es regnete!- noch tagelang.

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26.1.2021: Nach zwei Tagen war der Schnee fast geschmolzen, aber der schlanke, mittlerweile schiefe Schneemann stand immer noch.

Der

Schlanke Schneemann

Erfror fast, aber

Schwitzte kaum Eiswasser aus

Tauwettertrotz

Im „Originalzustand“ (24.1.) bewundern kann man den schlanken Schneemann auf der Internetseite des Vereins Nachbarn60. https://www.nachbarn60.de/nachrichten60detail/schlanker-schneemann-im-garten60.html

Der wenige Schnee hatte sich gleichmäßig über das Gelände verteilt, so dass fast alle, die Schneemänner bauen wollten, was abkriegten. Dennoch war -wie in Köln üblich- Eile geboten. In die weißen Westen der Nippeser Schneemänner mischten sich Erde und Blätter.

Echte Fründe ston zesamme“:

Karnevals-Elfchen im Zweiten: Köln feiert nicht, aber dafür ordentlich

In diesem Jahr fällt in Köln der Karneval aus. Nicht einmal private Feiern sind erlaubt. Mittlerweile kann sich die Kölner Stadtspitze sicher sein: Angesichts drohender Bußgeld-Strafen und drohendem Eintrag in eine Art „Corona-Vorstrafen-Register“ wird sich das Närrische Volk selbst am Rosenmontag an die Vorgaben halten.

Zu Beginn des Karnevals-Session sah das noch anders aus. Da musste die Stadt Köln sich noch was einfallen lassen, um den Leuten den Verzicht schmackhaft zu machen. Man startete eine große Werbeaktion und brachte ein neues kölnisches „Wir“ ins Spiel. Zur Erinnerung: Der Kölner Karneval steht seit jeher für ein kölnisches „Wir“. So singen wir mir den „Bläck Fööss“ seit fast 50 Jahren: „Mer Losse D’r Dom En Kölle.“ (Wir lassen den Dom in Köln.)

Da das „Wir“ zur Pflicht erklärt wurde und wird, ist das neue kölnische „Wir“ eine Attacke auf unser freiheitlich-kölnisches Wir-Gefühl. „Wir alle müssen auf das Feiern am 11.11. verzichten“, sagte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker damals mit erhobenem Zeigefinger, was mich an Angela Merkel erinnerte: „Es gilt das Motto: ‚#diesmalnicht‘. Wir wollen weiter als Hochburg der Jecken gelten – und nicht als Hochburg der Infektionen.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Weil „wir alle“ nicht feiern durften, war die Stimmung am 11.11. entsprechend öde. Als ich an jenem Mittwoch spätnachmittags hier in Nippes über die fast menschenleere Neusser Straße ging, entdeckte ich eine Karnevalsmülltonne. Offenbar hatten AWB-Mitarbeiter zum Karnevals-Auftakt wie jedes Jahr zusätzliche Mülltonnen aufgestellt. War es der AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln GmbH entgangen, dass am 11.11.2020 alle Karnevalsfeiern und auch der Kauf und Verkauf von Alkohol verboten waren? Ich fragte nach und bekam folgende Antwort:

Die Mülltonnen sind aufgestellt worden…

Nur

Für den

Fall dass trotz

Ausfallender Karnevalsfeste Festabfälle anfallen

Alaaf!

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Dezember 2020: Diese vergessene Karnevals-Müll-Tonne (Nippes, Neusser Straße, stadtauswärts auf der rechten Straßenseite, Höhe Tchibo) stand kurz vor Weihnachten immer noch dort und ist irgendwann weggeräumt worden, um den Restmülltonnen der privaten Haushalte Platz zu machen. ———–    Februar 2021: Da in diesem Jahr der Karneval ausfällt, sind die Karnevals-Mülltonnen im Februar nicht mehr aufgestellt worden. Diese Tonne stand übrigens genau da, wo am Karnevalsdienstag „immer“ der Nippeser Karnevalsumzug vorbei läuft. Schön für die Stadt Köln: Da mit dem Karneval auch die Karnevalszüge ausfallen, fällt in diesem Jahr auch kein Zugabfall an. ———– Doch wenn er  öffentlich ausfällt, fällt der Abfall zu Hause an. Insbesondere die Gelben Tonnen quellen im Lockdown über.  Nicht nur in Herne und Mönchengladbach warnen sogenannte „Mülldetektive“: „Mehr Müll durch Corona“ https://www.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/die-muelldetektive-mehr-muell-durch-corona-100.html Nach Weihnachten registrierten private Mülldetektive bzw. Abfallspitzel, dass die Deckel der Papier-Mülltonnen durch die Bestückung mit Versand-Kartons  vielerorts hochstanden und sich nicht mehr schließen ließen, was bei stürmischem Wetter zu einer Vermüllung der Umgebung beitragen kann und auch tatsächlich beitrug. Da die Menschen auf den Versandhandel angewiesen sind, droht in England mittlerweile sogar ein Pappwerden der Knappe (pardon: Knappwerden der Pappe). Kein Scherz: https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/lieferprobleme-im-vereinigten-koenigreich-wird-die-pappe-knapp-a-186fa640-8f64-427b-ba0f-db73fbff26ac

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+++Eilmeldung: Steinmeiers Fuchs war 2017 wissenschaftliches Versuchskaninchen und hatte den Spitznamen „Frank-Walter“ – Mein Gott, Theo!+++

Die Werbung für öffentliche Gesundheitsmaßnahmen kommt oft locker-flockig daher. Gerne wird ein kumpelhafter Ton angeschlagen. „Ist doch nur ein kleiner Pieks“, so lautet eine altbekannte Floskel, mit der man derzeit auch die Corona Impfung an den Mann bzw. die Frau bringt. „Der kleine Pieks“ banalisiert einen heiklen medizinischen Eingriff. Schließlich wird uns, wenn wir geimpft werfen, von jemand anderem, den wir (in der Regel) nicht kennen, eine Substanz, die wir nicht wirklich kennen, verabreicht. Wir vertrauen einer Medizin, die es vermeintlich gut mit uns meint. Eigentlich redet man so mit Kindern.

„Ist doch nur ein kleiner Pieks“, das sagen Eltern vor einer Impfung zu ihren Kindern, um ihnen die Angst vor der Spritze zu nehmen. Eigentlich ist das paradox, denn gleichzeitig bläuen sie den Kleinen ein, dass sie von Fremden nichts annehmen sollen, und schon gar nicht, dass sie sich entblößen oder gar berühren lassen sollen. Doch „der Onkel Doktor“ (wie man in meiner Kindheit noch sagte) ist kein Fremder, er ist auch kein böser, sondern ein guter Onkel. Er tut den Kindern zwar weh, aber das muss leider sein, denn er will ja nur Gutes. Das zumindest sollen die Kinder glauben. So wurden und werden wir mit „Ist doch nur ein kleiner Pieks“ von klein auf dazu gebracht, Ärzten und Ärztinnen (die es ja in der Regel tatsächlich gut mit uns meinen) blind zu vertrauen.

Die Menschen, die derzeit weltweit gegen Corona geimpft werden sollen, sind (zumindest vorläufig) keine Kinder. Diese Menschen sind wir Erwachsene. Uns soll das Unbehagen nicht an irgendeiner, sondern an der Spritze genommen werden. Mit der Verniedlichung „kleiner Pieks“ verkauft man uns alle für blöd: Sei kein Frosch, lass dich impfen... „Sei ohne Sorge“ (Ingeborg Bachmann, Reklame)

Doch dürfen wir einer Politik, der herzlich wenig einfällt angesichts der realen Bedrohungen, insbesondere der Klimakatastrophe, überhaupt noch vertrauen? Wie ist es um die Gesundheit einer Gesundheitspolitik bestellt, die angesichts von Corona einen weltweiten Impf-Wettlauf anstachelt und in einen meiner Meinung nach blinden Impf-Aktionismus verfällt? Auch wenn Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, bereits jetzt mit Ausschluss aus vielen Veranstaltungen gedroht wird (Restaurantbesuche, Reisen etc.), können wir (noch) NEIN sagen zur Impfung, denn noch gibt es das Grundgesetz mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 II 1GG), das auch davor schützt, gegen den eigenen Willen geimpft zu werden.

Dass für Impf-Maßnahmen geworben wird, ist nicht neu. Neu ist aber, dass mit der Werbung für den vermeintlich „kleinen Pieks“ Weltpolitik gemacht wird. Wir erleben eine gesundheitspolitische Propaganda nie gekannten Ausmaßes.

Weltweit lassen sich Spitzenpolitiker vor laufender Kamera gegen Corona impfen. Ein Medien-Highlight der weltweiten Impfpropaganda war die Impfung des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu. „Der Auftakt zur ehrgeizigen israelischen Impf-Kampagne wurde live im Fernsehen übertragen. „Eine kleine Spritze für einen Mann und ein großer Sprung für die Gesundheit von uns allen“, witzelte Netanyahu (71) im Sheba Medical Center in Ramat Gan.“ https://www.fokus-jerusalem.tv/2020/12/20/netanjahu-ein-grosser-sprung-fuer-die-gesundheit-von-uns-allen/

Hiermit spielt der Präsident des „Impfweltmeisters“ Israel auf einen der berühmtesten PR-Sätze aller Zeiten an, das sentimentale, gewiss schon auf der Erde vorab eingeprobte Statement der Ergriffenheit des US-Astronauten Neil Armstrong nach der ersten Mondlandung am 21. Juli 1969. Via Rundfunk hörten von der Erde aus mehr als eine Million Menschen Armstrong sagen: “That’s one small step for man, one giant leap for mankind.” Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit. Dass der Flug zum Mond der weiteste „Weitsprung“ der „Menschheit“ in den Himmel hinein einschließlich Landung auf einem Planeten bleiben sollte, konnte Armstrong nicht ahnen.

(Vermutlich wäre die Metapher „riesiger Sprung“ nicht gewählt worden ohne den Weitsprung-Weltrekord von Bob Beamon.) Zur Erinnerung: Ein Jahr zuvor hatte Bob Beamon bei den Olympischen Spielen in der Höhenluft von Mexiko-City mit 8,90 m einen neuen (den!) Weltrekord im Weitsprung aufgestellt. Beamon, ein „Naturtalent“, hatte in dem Moment starken Rückenwind, der gerade noch zulässig war. Die Spuren, die der Sprung im Sand hinterließ, wurden zwar noch vor dem nächsten Springer weggefegt, hinterließen aber einen Abdruck in den Köpfen und Herzen von Millionen Fernsehzuschauern.

Die Fuß-Spuren der Astronauten auf dem Mond hingegen werden für immer bleiben. Denn auf dem Mond gibt es weder Wetter noch Wind. Das ist schon unheim(e)lich. Offensichtlich ist der vielbesungene Mond, dessen Leucht- und Anziehungskraft die Rhythmen des irdischen Lebens beeinflusst, nicht dafür da, von Erdmenschen betreten zu werden. Armstrongs vermeintlicher „Sprung“, Resultat einer großen technischen Leistung, lässt mich kalt. Hingegen bin ich sehr berührt, wenn ich mir ein Video von Beamons Rekord-Sprung angucke. Bob Beamons Sprung war auch ein Triumph des schwarzen Mannes über den weißen.)

Auch US-Präsident Joe Biden ließ sich vor laufenden Kameras impfen. Anschließend rief er alle Amerikaner auf, sich ebenfalls impfen zu lassen. In Deutschland ist der Tenor ein anderer. Da ist Zurückhaltung angesagt. Angela Merkel wird sich erst impfen lassen, „wenn sie an der Reihe ist.“

Sich „vorzudrängeln“ käme auch nicht gut. Schließlich könnte es Erinnerungen wachrufen an die Sonderbehandlung bundesdeutscher Spitzenpolitiker bei der Schweinegrippe – Impfung im Jahr 2009. So schrieb die Süddeutsche Zeitung am 19.10.2009: „Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Bundesregierung, Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr einen anderen Impfstoff bekommen als Otto Normalverbraucher. Sie erhalten einen Schweinegrippeimpfstoff vom US-Pharmakonzern Baxter, der keinen umstrittenen Wirkstoffverstärker enthält.Schweinegrippe – Aufregung um „Zwei-Klassen-Impfung“ – Politik – SZ.de (Dass ausgerechnet „Pandemrix,“ der Stoff fürs Volk, als Spätwirkung bei vielen, meist jungen Menschen Narkolepsie verursachen würde, konnte noch niemand wissen. Um den Verdacht, es gäbe eine Zwei-Klassen-Medizin, zu entschärfen, ließen sich damals demonstrativ auch Wissenschaftler mit Pandemrix impfen, etwa der Virologe Alexander Kekulé. )

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird erst dann zur Impfung gehen, wenn er an der Reihe ist. Dennoch heißt es, auch und gerade in Krisenzeiten, die Bürger bei guter (Impf)Laune zu halten. Dass die Namensuche für den Fuchs von Bellevue mit dem Impfbeginn in Deutschland zusammenfiel, ist kein Zufall.

Steinmeiers öffentliche Vorstellung des Fuchses auf Instagram kam heiter und lustig daher. Man braucht nicht einmal einen Instagram-Zugang, um ihn sich anzusehen. Der Schnappschuss zeigt einen Fuchs, der sich mit dem Schwanz die Augen zuhält. So als wollte er sagen: Ihr könnt mich mal. Putzig, was?

Weiter heißt es augenzwinkernd auf Instagram:

„🦊 Dürfen wir vorstellen? Der heimliche „Schlossherr“ von Bellevue, dem es im Park des Berliner Amtssitzes sichtlich gut gefällt. Eine Namenstaufe ist schon länger fällig, daher unsere Frage an Sie: Wie soll unser Schlossfuchs heißen? Aus allen Vorschlägen wird der Bundespräsident einen Namen auswählen, der hier offiziell verkündet wird.https://www.instagram.com/p/CJV5vF7sGqM/?utm_source=ig_embed

Den Fuchs „heimlicher Schlossherr“ zu nennen, ist eine neckische Anbiederung. „Heimlicher Schlossherr“ erinnert mich übrigens an „die heimliche Chefin“ Melania Trump. Siehe hierzu: https://www.krone.at/2060288

Ach, lass doch den Leuten den Spaß, höre ich irgendwen sagen. Außerdem heißt der Fuchs Theo. Das ist die Abkürzung von Theodor, Geschenk Gottes.

Gut, sage ich. Aber schaut man einem geschenkten Gaul, bevor man ihn ins Haus bzw. in den Garten bittet, ins Maul? Ist Misstrauen angebracht gegenüber dem Gast? Lockt man ihn in eine Lebendfalle? Überrumpelt man den Gast, betäubt man ihn, jagt man ihm eine Spritze in den Muskel, untersucht man seinen Gesundheitszustand? Macht man ihn zum Objekt der Forschung, legt man ihm ein Halsband mit einem Sensor um, um ihn auf seinen Streifzügen durch den Park von Bellevue bewachen und beobachten zu können? Und macht man sich ihn zum Kumpel, indem man ihm den Spitznamen „Frank-Walter“ verpasst?

Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern im Jahr 2017 tatsächlich geschehen. Eine junge Wissenschaftlerin hatte die Erlaubnis und vermutlich auch den Auftrag, im Hochsicherheitsgelände rund um das Schloss Bellevue eine Lebendfalle aufzustellen. https://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/verfuchst-noch-mal-berlins-beruehmtester-fuchs-wird-jetzt-ueberwacht

Etwas ist zu befürchten. Gerade dann, wenn viele Wildtiere winterschlafen, paaren sich die nachtaktiven, winterwachen Füchse. Zu Frühlingsbeginn könnte es dann soweit sein. Spätestens an Ostern dürfte es heißen: Der Fuchs von Bellevue ist Vater geworden…. Mein Gott, Theo!

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Kleiner Nachtrag vom 9.2.2020: Auf dem EXPRESS von heute heißt es nicht nur „Kleiner Pieks“, sondern Corona-Piks. Ohne Dehnungs-„e“ verkürzt sich das „i“, wird aus dem Pieks ein Piks. Das hört sich an wie „picken“ und klingt, als würde die kurze Nadel einer kleinen Impfspritze die Haut nur kurz streifen. Das ist aber nicht so. Die Kanüle der Spritze muss durch die Haut hindurch in den Muskel eindringen und entsprechend lang sein. Die vielen Symbol- Fotos zum Thema Corona-Impfung, die wir seit einiger Zeit Tag für Tag in Zeitschriften oder im Internet sehen, zeigen reißerisch und untergründig aggressiv (teils tropfende) Impfspritzen mit langen Kanülen.

Eine peinliche PR-Panne: Steinmeiers Fuchs lebt nicht erst neuerdings in Bellevue, sondern war schon unter Gauck Medien-Liebling

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat, wie ich in meiner Eilmeldung berichtete, den Fuchs, der im Park von Schloss Bellevue lebt, am 28.1. auf den Namen „Theo“ getauft. Kurz nach Weihnachten hatte er auf Instagram dazu aufgerufen, Namen vorzuschlagen. Mehr als 10.000 Menschen reichten, so heißt es, ihre Ideen ein – per Instagram, per E-Mail und zum Teil sogar -zur Freude des gerührten Bundespräsidenten- mit handgeschriebenen, persönlichen Briefen.

Erinnert werden soll mit dem Namen an Theodor Heuss. Theodor Heuss, FDP, Journalist und Publizist, war der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland.

Seine Frau Elly Heuss-Knapp teilte das Schicksal mit anderen Präsidentengattinnen. Als ihr Mann Theodor Heuss im Jahr 1949 Bundespräsident wurde, unterbrach sie ihre berufliche Laufbahn und wurde die erste First Lady der Bundesrepublik Deutschland. Ganz einfach dürfte der Verzicht auf die eigene Karriere für die ehrgeizige Elly Heuss-Knapp (1881-1952) nicht gewesen sein. Schließlich war Elly Heuss-Knapp, die als First Lady im Jahr 1950 das Müttergenesungswerk mitgründete, nicht nur Lehrerin, Politikerin und Sozialreformerin, sondern hatte jahrelang als Werbe-Fachfrau das Familienleben finanziert.

Sie hatte ihre Karriere im Jahr 1933 bei der Firma Wyberg begonnen, deren Inhaber ihr Cousin Hermann Geiger war. Elly Heuss-Knapp „revolutionierte“ die Radiowerbung. Sie „gilt als Erfinderin des Jingles als akustisches Warenzeichen eines Unternehmens. Diese Idee ließ sich Heuss-Knapp patentieren und setzte sie auch für andere Unternehmen und Produkte ein; etwa für NiveaErdalKaffee HagBlaupunkt und Persil.[3 (wikipedia.)

Elly Heuss-Knapp war nicht nur Verkäuferin, sondern eine scharfsinnige Werbe-Psychologin. Sie arbeitete daran, Werbung so zu gestalten, dass die Menschen nicht meinen, sie würden dazu überredet, eine Ware zu kaufen, sondern dass sie glauben, es aus innerer Überzeugung zu tun. Im Jahr 2010 schrieb Katja Iken auf spiegel-online: „Ihr Erfolgsrezept gilt heute noch: Werbung müsse „idealerweise im Kopf herumgehen“, lautete Ellys Credo, dort das Unterbewusstsein „massieren“ und schließlich „unter die Haut kriechen“.

Dass die höchst intellektuelle Heuss-Knapp höchst primitive, aber wirkungsvolle Werbesprüche kreierte, bezeugt ein NIVEA-Werbespot aus dem Jahr 1938. Die Journalistin Katja Iken hat einen werbe-historischen Schatz mit originalen Zeilen der Werbetexterin ausgegraben. Unbedingt angucken: https://www.spiegel.de/geschichte/werbung-a-948721.html#fotostrecke-52643d5a-0001-0002-0000-000000108544

Elly Heuss-Knapp war keine Nazi-Sympathisantin, aber ihre Kreativität kam den Nationalsozialisten entgegen. Schließlich war die Entwicklung neuer Methoden der Manipulation und Menschenführung systemrelevant. Die NS-Kriegs-Propaganda, die mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die Warenwerbung verdrängte, hat sich insbesondere von der Warenwerbung inspirieren lassen.

In der Rückschau FRAGMENT VON ERINNERUNGEN AUS DER NS-ZEIT, die einige Jahre nach Theodor Heuss‘ Tod veröffentlicht wurde, erinnert Heuss an die „große Zeit“ seiner Frau. Nicht ohne Stolz erzählt er von einem Besuch seiner Gattin bei Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht:

… an Aufträgen fehlte es, ehe der Krieg die Käuferlage verwandelte, überhaupt kaum
mehr. Freilich, die ganze Rundfunk-Waren-Werbung war bedroht, weil Goebbels
nur mehr politische Propaganda zulassen wollte; Elly ging damals zu Schacht auf die Reichsbank – sie hatte 1918 mit ihm Wahlreden gehalten; jetzt legte sie ihm ihre in die Zehntausende Mark gehenden Aufträge an Sprecher, Sänger, Musiker vor, und Schacht erreichte es, daß das Verbot um dreiviertel Jahr verschoben wurde, (daß die Komponisten ihrer kleinen Stücke lauter „Nichtarier“ waren, sagte sie ihm aber vorsichtshalber nicht)
.“ https://www.ifz muenchen.de/heftarchiv/1967_1_1_heuss.pdf S.10

Geradezu neckisch mutet an, was da in Klammern steht: Dass Schacht „vorsichtshalber“ verschwiegen wurde, dass ‚die Komponisten ihrer kleinen Stücke lauter „Nichtarier“‚, also vermutlich Juden waren. Das jedoch dürfte Hjalmar Schacht, dem ja die Namen der Künstler vorlagen, wohl kaum entgangen sein. Dass die jüdischen Komponisten weiterhin beschäftigt wurden, war ihm sicherlich recht, denn deren Arbeit war von großem ökonomischen Nutzen.

In einer Rezension zu Christopher Koppers Buch „Hjalmar Schacht: Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier“ schreibt Matthias Streitz auf spiegel.online: „Tatsächlich half Schacht Bankiers wie Max Warburg und distanzierte sich von der Pogromnacht 1938, das betont auch Kopper. Doch Schacht habe sich weniger aus menschlichen Motiven engagiert, schreibt er – sondern weil er ökonomischen Schaden für Deutschland befürchtete. Die Diskriminierung jüdischer Mitbürger durch die Nürnberger Rassegesetze hat Schacht jedenfalls ausdrücklich unterstützt.“ https://www.spiegel.de/wirtschaft/bankier-hjalmar-schacht-hitlers-selbstherrlicher-helfer-a-446423.html

Die Warenwerbung im staatlichen Rundfunk war zwar, wie ich las, auf eine Radio-Stunde am Vormittag beschränkt. Doch dürfte auch die Werbung dazu beigetragen haben, den Menschen den vergleichsweise preiswerten „Volksempfänger“ schmackhaft zu machen. „Trotz einer vergleichsweise hohen monatlichen Rundfunkgebühr von 2 RM erhöhte sich die Ausstattung der deutschen Haushalte mit Radiogeräten zwischen 1933 und 1941 von 25 auf 65 Prozent.“ https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/alltagsleben/volksempfaenger.html

Heute werden wir auf Schritt und Tritt gegängelt und manipuliert. Dabei wird weniger für das Produkt geworben als für ein Lebensgefühl, eine Weltanschauung, für Gesundheit und Wohlbefinden. Noch relativ neu ist die Werbung für die in meinen Augen ausgesprochen fragwürdige, autoritäre und respektlose Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Wir sollen dazu gebracht werden, dass wir -ohne das „Angebot“ kritisch zu hinterfragen- zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, dass wir uns impfen lassen und unsere Organe „spenden“. Der grundsätzlich treffende Ausdruck „gläserner Mensch“ ist fast schon verharmlosend, denn wir sind nicht aus Glas, sondern aus Fleisch und Blut. Ich empfinde die bundesdeutsche Corona-Politik, die uns den Atem nimmt und die Daseinsfreude, als Attacke auf unseren Leib und auf unser Leben.

Dabei paart sich der Versuch, Menschen zu manipulieren, oft mit Dummheit. Wenn man Menschen für blöd verkauft -das wissen Werbepsychologen- sollte man so vorgehen, dass die Menschen den Täuschungsversuch nicht gleich bemerken. Elly Heuss-Knapp, einer gewissenhaften Frau, wäre vermutlich nie etwas so Peinliches passiert wie den Werbe-Experten der Gegenwart.

Ist den Beratern des Bundespräsidenten tatsächlich entgangen, dass im Schlosspark Bellevue bereits in der Amtszeit von Joachim Gauck Füchse beobachtet und gefilmt wurden? Um das herauszubekommen, genügte mir ein kurzer Blick ins Internet.

https://twitter.com/tagesthemen/status/71812365599834521707.04.2016, 18:58SCHLOSS BELLEVUE

Ein Artikel auf abendblatt.de (Hamburger Abendblatt) vom 7.4.2016 mit dem Titel „Kamera erwischt Fuchs beim Besuch bei Bundespräsident Gauck“ geht noch einen Schritt weiter. Wir erfahren, dass der Steinmeier-Fuchs nicht erst ein Gauck-, sondern wahrscheinlich bereits ein Wulff-Wolf (pardon: Wulff-Fuchs) war: „Das Bundespräsidialamt sieht in dem Fuchs auch keinen Störenfried. Bei einer Nachfrage unserer Redaktion am Donnerstagabend wunderte sich eine Mitarbeiterin des Bundespräsidenten nicht über den Fuchs, sondern über die Frage. „Der ist doch schon Jahre hier“, teilte sie stattdessen mit. Sogar Nachwuchs habe es schon gegeben. Ob Fuchs und Gauck sich Gute Nacht sagen, blieb offen.“ https://www.abendblatt.de/vermischtes/article207399161/Kamera-erwischt-Fuchs-beim-Besuch-bei-Bundespraesident-Gauck.html

Damals war man so schlau, dem Fuchs keinen Namen zu geben. Vielleicht hatte man sich die Romanze auch für den Notfall aufbewahrt, für den Fall nämlich, dass die Politik irgendwann einmal nicht mehr glaubwürdig sein würde, dass die politisch Verantwortlichen nervös werden könnten und dringend Sympathieträger bräuchten.

Was haben sich Steinmeiers PR-Berater bei der „Fuchstaufe“ gedacht? Wussten sie nicht, dass Steinmeiers Fuchsfreundschaft eine aufgewärmte Präsidenten-Geschichte ist? Oder hatten sie einen fiesen Spaß daran mitzuerleben, wie einfach sich die Menschen in Krisenzeiten an der Nase herumführen lassen?

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier,

mit Ihrer Werbe-Aktion halten Sie die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland zum Narren. Sie setzen Ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel und beschämen unser aller Vertrauen.

***

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Eine deutsche Wirtschaftswunder-Kindheit zwischen „Knüppelkuh“ und „Kadus für’s Haar“. Das Foto hat unsere Mutter im Mai 1960 aufgenommen. Meine Zwillingsschwester Brigitte (rechts) und ich sind knapp zwei Jahre alt. Luftballons finden wir toll. Diesen Werbe-Ballon hat unsere Mutter von einem Friseur-Besuch mitgebracht. Anderthalb Jahre später sollten wir in den Kindergarten kommen und einer klassisch autoritären Erzieherin begegnen. vgl.: https://stellwerk60.com/2020/04/28/comeback-der-knueppelkuh/  Die Prügelstrafe war noch nicht abgeschafft, und unter den Lehrern gab es „alte Nazis“. Wir Kinder durften noch öffentlich angeschrien werden, doch gab es auch andere Töne: Die Einflüsterungen der Werbung als schöne, neue, sanfte Gewalt.

+++Eilmeldung: Steinmeiers Fuchs (der aus dem Schlosspark von Bellevue) hat endlich einen Namen!+++

Vor genau einer Woche überraschte uns eine DPA-Eilmeldung: „Laschet in Briefwahl als CDU-Vorsitzender bestätigt“.
„Nach seiner Wahl bei einem Online-Parteitag am vergangenen Samstag“, so hieß es in der Eilmeldung, die auf eine Bekanntgebung der CDU reagierte, „bestätigten ihn die Delegierten auch in der anschließenden Briefwahl.“

Es ist erstaunlich, wie wichtig derzeit Nachrichten genommen werden, die aus Richtung CDU kommen. Ein Wahlsieg der CDU bei der diesjährigen Bundestagswahl am 26. September, so wird uns in den Medien suggeriert, ist sicher, die Frage ist eigentlich nur noch: Welcher Kandidat der CDU tritt Angela Merkels Nachfolge an?

Die Nachricht, dass der Fuchs von Bellevue jetzt endlich einen Namen hat (und dadurch fast zum Haustier wird), wird uns als Randnotiz verkauft. Weil ich es besser weiß und weiß, wie staatstragend gerade die kleinen Nachrichten jenseits der Weltpolitik sind, mache ich aus der Randnotiz eine Eilmeldung: +++Steinmeiers Fuchs (der aus dem Schlosspark von Bellevue) hat endlich einen Namen!+++

Denn Politik findet vornehmlich auf den Panorama-Seiten statt. Unsere Herzen müssen erreicht und erobert werden, um die Corona-Maßnahmen inklusive Impfung überhaupt durchdrücken zu können. Die Sympathieträger für diese autoritäre, populistische Politik heißen nicht Laschet, Merkel, Spahn, sondern Heidi, George, Archie – und Theo. So heißt nämlich unser aller Bundesfuchs.

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Es ist schade, dass „Theo“ nicht gefüttert wird, zeigt doch sein „Überfall“ aufs Bellevue-Vogelhäuschen, dass er Körner mag. Wenn man ihnen Körner-Futter anbietet, lassen sich selbst klassische Fleischfresser unter den Wildtieren davon überzeugen, dass auch die vegetarische Mahlzeit gut schmecken und satt machen kann… Eigentlich war die Vogeltränke für die Singvögel gedacht. Aber auch die Taube hat ihren Spaß. Manchmal pickt sie den kleineren Vögeln die Körner weg. Aber das tut sie (anders als so mancher Mensch) nicht, weil sie den anderen was wegnehmen will, sondern weil sie Hunger hat. Ich warte, bis die Taube weggeflogen ist, und streue neues Futter aus. So dass am Ende alles was abkriegen, auch die Mäuse, die keinen Grund mehr haben, ins Haus zu kommen.

Elfchen im Ersten: „Wir geben euch Staatssicherheit“ (Ein Gedicht von Angela Merkel, das sie mir vortrug, als ich von ihr träumte)

*27. Januar 1756, Wolfgang Amadeus Mozart

We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep. (William Shakespeare: The Tempest ( Der Sturm), 4. Akt, 1. Szene, Prospero)

Wir sind so wirklich wie die Träume wirklich sind, und unser kleines Leben ist gebettet in den Großen Schlaf. (LiWi, 2021)

***

Vor ein paar Tagen träumte ich in einer sternenklaren Nacht von Angela Merkel. Ich wollte nie von ihr träumen, aber dann war sie da: „Hallihallo!“ …

… Es ist Nacht, ich sitze auf dem Sofa. Plötzlich höre ich eine seltsam heitere Stimme, Kichern, Glucksen. Die Stimme kommt aus dem Fernseher, den wir uns zur Fußball-WM 2006 gekauft haben. Das Gerät ist ziemlich kaputt und geht nur noch an, wenn man draufhaut. Der Ton funktioniert nur manchmal.

Aber jetzt funktioniert der Ton so gut wie damals im Jahr 2006. Die Stimme, die erklingt, kenne ich. Es ist eine mädchenhafte Stimme. Unverwechselbar: Es ist die berühmteste weibliche Stimme der Bundesrepublik Deutschland: „Hallöchen. Seid ihr alle da? Priwétik!“

Ja!“, rufe ich. „Wie toll! Der Fernseher tut es ja noch, und ich dachte schon, ich müsste mir nach fast 15 Jahren einen neuen kaufen. Und dabei sind schon Spülmaschine und Drucker kaputt. Und das im Lockdown. Ich muss für jede Kopie in die Post, weil der Copy-Shop coronabedingt dicht ist. 39 Cent das Stück und eine Scheiß-Qualität. Wenn jetzt der Fernseher wieder funktioniert, wenn noch das Bild kommt, bin ich happy.“

Tatsächlich belebt sich der Bildschirm: Angela Merkel erscheint. Ich hätte zwar gerne gewusst, welche Nachtwäsche Angela Merkel trägt, Nachthemd oder Schlafanzug, aber zu meiner Erleichterung trägt Angela Merkel auch mitten in der Nacht bildschirmgerecht eine dieser Designer-Jacken, die nicht so aussehen als ob, diesmal in blau. Doch etwas irritiert mich: Angela Merkel, die immer eine waschbare EU-Werbe-Stoffmaske getragen hatte und zuletzt demonstrativ FFP2 trug, ist maskenlos erschienen.

„Frau Merkel, Sie kommen mir so nackt vor. Warum haben Sie keine Maske an? Weil das alles nur ein Traum ist?“

Ich hab keine Maske an, damit ich Sie besser anstecken kann“, sagt Angela Merkel und kichert: „Trara, trara, Weg mit AHA! Zurück zum Gesichts-FKK! Aber Spaß beiseite. OHNE ist das neue MIT, mit Lippenstift. Na, steht er mir?“ Angela Merkel will die Lippen spitzen, muss aber niesen: „Entschuldigung. Der Jens, der hatte übrigens auch einen Schnupfen, nur einen Schnupfen. Und auch sein Lebensgefährte hatte, wenn der Daniel überhaupt welche hatte, nur leichte Symptome.“

Frau Merkel, das weiß ich doch“, sage ich. „Aber ich mag den Promi-Klatsch nicht hören. Mir ist schon klar, dass der Jens Spahn nur einen kleinen grippalen Infekt hatte. Ich weiß auch, dass Sie wissen, dass das Virus nicht so gefährlich ist, wie Sie uns vormachen. Aber wenn Sie erlauben, mache ich jetzt den Fernseher aus, ja? Ihr Politiker sucht ja neuerdings die Bürgernähe, aber ich will nicht, dass Sie zu mir ins Wohnzimmer kommen, denn ich möchte jetzt ein bisschen alleine sein.“

Das heißt nicht ‚Politiker'“, korrigiert mich Frau Merkel. „Das heißt ‚Politikerinnen‘ und ‚Politiker‘. Und es heißt auch nicht ‚Bürger‘, sondern ‚Bürgerinnen und Bürger‘. Außerdem komme ich nicht zu Ihnen ins Wohnzimmer, sondern bleibe ganz brav hier im Fernsehgerät. Prost!“ Angela Merkel nippt an einem winzigen Glas Weißwein, das sie mit einem Mal in der Hand hat.

„Auf Wiedersehen, Frau Merkel!“

„Ich bleibe“, sagt Angela Merkel. „Sie können mich nicht ausschalten, denn Sie müssen ja wissen, was die aktuellen Maßnahmen sind. Sie sind dazu aufgerufen, sich informieren zu lassen. Die Solidargemeinschaft kann von Ihnen verlangen, dass Sie Nachrichten empfangen, um zu erfahren, welche neuen Verhaltensregeln es gibt, die zu befolgen Sie verpflichtet sind, damit sie sich und die Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht in Gefahr bringen. Wir erleben eine Pandemie. Die Corona-Pandemie. Wir erleben eine Jahrhundert-Katastrophe. Wissen Sie das denn nicht?“

„Ich bevorzuge das Internet.“

„Aber das Internet ist unseriös. Nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk schützt die Bürgerinnen und Bürger. Die Rundfunkgebühren sind keine Zwangszahlung, sondern eine Schutzgebühr, die sie zahlen, damit Sie sicher sein können, keine ungeprüften Nachrichten zu empfangen. Nur so sind können Sie sichergehen, Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger und sich selber nicht zu gefährden. Gucken Sie wirklich nicht fern? Fernsehen ist doch die schönste Entspannung. Sie werden doch nicht so dumm sein, €17.50 im Monat zu bezahlen und nicht einmal den ‚Tatort‘ zu gucken.“

„Fernsehen ist nicht entspannend“, sage ich leise. „Und der ‚Tatort‘ ist mir zu brutal geworden. Außerdem tut es mein Fernseher nicht mehr richtig.“

„Der ‚Tatort‘ ist nur ein Fernsehspiel“, sagt Angela Merkel. „Außerdem haben wir, um die Kinder zu schützen, die ja mit vor dem Fernseher sitzen, die Sexszenen reduziert.“

„Frau Merkel, ich denke nicht an die Sexszenen. Die finde ich tatsächlich fürchterlich. Aber wenn wir Fernsehzuschauer….“

„Stop!“, unterbricht mich Angela Merkel, hebt den Zeigefinger, schaut sich selber auf die Fingerspitze und kichert: „Hallo, kleiner Genderfinger.“ Jetzt guckt sie mich an und zwinkert mit dem Auge: „Es heißt, wie mir mein kleiner Genderfinger gerade gesagt hat, ‚Fernsehzuschauerinnen‘ und ‚Fernsehzuschauer.'“

„Gut, ich korrigiere mich“, sage ich. „Also, wenn wir Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer den im Fernsehen Agierenden dabei zugucken, wie sie vor der Kamera und vor unser aller Augen Sex haben, fremdschämen wir uns. Überhaupt wollen wir ja den Menschen auch im realen Leben nicht dabei zugucken. Und wir wollen nicht, dass man uns zuguckt. Das wollen Sie doch auch nicht, Sie und Sauer. Aber wenn ich mich auch noch so sehr fremdschäme, bin ich trotzdem immer ein bisschen neidisch. Auf die Leichen in der Gerichtsmedizin, die jetzt in allen Krimiserien vorkommen und für hohe Einschaltquoten sorgen, bin ich nicht neidisch.“

„Sie nehmen das zu ernst“, kichert Angela Merkel. „Der Münsteraner Tatort ist doch so lustig.“

„Das ist überhaupt nicht lustig“, sage ich. „Wir sollen abgestumpft werden, gleichgültig werden gegenüber der Leichenschau und gleichgültig gegenüber den Toten. Die Familie sitzt vor dem Fernseher und guckt zu, wie der Pathologe das Messer ansetzt.“

„Schätzchen, wo leben wir.“ Angela Merkel lächelt. „Außerdem mag ich den Professor Börne.“ Sie summt, sie pfeift… Ich erkenne nicht Gutes ahnend die Melodie von „In der Weihnachtsbäckerei“, und jetzt singt Angela Merkel auch noch: „Wenn ich eine Leiche wäre und Professor Börne käme, wär ich gleich in ihn….“ Klatscht zweimal in die Hände: „Verknallt.“

Ich bin mit einem Mal, obwohl ich nur träume und im Traum weiß, dass ich nur träume, vollkommen ernüchtert. Ich weiß, dass Angela Merkel solche gestörten Phantasien nicht hat. Und doch spüre ich, dass ich ihre kalte Politik nicht mehr ertragen kann. Ich sehne mich nach Bundeskanzler Willi Brandt, und ich weiß, dass diese Bundeskanzlerin niemals etwas tun würde, das der großen, spontanen, solidarischen Geste, Willi Brandts Kniefall in Warschau vor fünfzig Jahren, auch nur entfernt ähnlich wäre. Ich halte diese Frau für leidenschaftslos, und meine Hoffnung, dass sie sich irgendwann einmal für die in meinen Augen gnadenlose Corona-Politik entschuldigen wird, insbesondere bei den alten Menschen und bei den Kindern, schwindet.

Dann sage ich etwas, das mich selber verwundert: „Hatten Sie jemals eine außerkörperliche Erfahrung, Frau Merkel? Nein? Stellen Sie sich bitte vor, der Leichnam in der Gerichtsmedizin wäre Ihrer: Die Seele hat den Körper verlassen und nimmt von außen wahr, wie die Überlebenden sich über den toten Körper beugen, der von der Seele verlassen daliegt und sich nicht mehr zur Wehr setzen kann. Wenn ein Obduktionssaal Schauplatz einer Szene im ‚Tatort‘ ist, ist das meines Erachtens die Störung der Totenruhe im Namen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“

„Sie sind ja nur neidisch“, sagt Angela Merkel und trinkt noch ein winziges Schlückchen. „Außerdem ist das, was Sie sagen, juristisch irrelevant, denn es handelt sich nicht um eine Störung der Totenruhe, weil ja die Leichen nur gespielt sind. Man tut nur so, als ob da einer tot wäre.“ Jetzt lächelt Angela Merkel: „Ich weiß jetzt, warum Sie etwas gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben. Ich habe gerade per App erfahren, dass Ihre jüngere Tochter von Juli bis November keine Rundfunkgebühren gezahlt hat. Ich gehe nicht, ich bleibe so lange, bis Ihre Tochter per SMS, Mail oder Telefonanruf ihre Bereitschaft erklärt hat, bis einschließlich November ihre Schulden zu bezahlen.“

„Aber, aber…“, stammele ich. „Meine Tochter verbringt zur Zeit ein Erasmus-Jahr in England. Sie lebt in einer studentischen Wohngemeinschaft. In der Miete, die sie für ihr Zimmer dort zahlt, ist ein Beitrag zum Beitrag ihres Haushalts für die British Broadcasting Corporation (BBC) enthalten. Außerdem ist sie in meinem Haushalt gemeldet, und für diesen Haushalt bezahle ich Rundfunkgebühren. Da muss sie das nicht auch noch.“

„Aber das muss sie belegen“, sagt Angela Merkel. „Weinen Sie etwa? Aber Schätzchen, das wollte ich nicht.“

Ich schlucke. „Sie konnte sich erst Mitte September bei mir anmelden, weil wegen Corona kein Termin im Bürgeramt frei war. Offiziell war sie noch in Heidelberg gemeldet, wo sie stellvertretend für ihre Studenten-Wohnheim-WG die Rundfunkgebühren bezahlt hat, die dann untereinander aufgeteilt wurden. Sie wollte sich noch im August bei mir anmelden, um am 27. September an den Kölner Kommunalwahlen teilnehmen zu können, weil man ja, um wählen zu können, seit mehr als zwei Wochen angemeldet sein muss. Da wird selbst bei Menschen, die fast immer in der Stadt gelebt haben, keine Ausnahme gemacht. Dann war Anfang September ein einziger Termin im Köln-Kalker Bürgeramt frei, der ihr auch angeboten wurde, aber an dem Tag konnte sie nicht. Wählen konnte sie übrigens auch nicht. Und jetzt will die GEZ…“

„Stop!“ Angela Merkel hebt den Genderfinger. „Die GEZ gibt es nicht mehr, wir reden von einer öffentlich-rechtlichen, nicht rechtsfähigen Gemeinschaftseinrichtung namens ‚ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice‘.“

„Frau Merkel, ich kann nicht mehr.“

„Sie können schon noch. Außerdem schlafen Sie doch.“

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Die GEZ (die ich bewusst so noch nenne) hat Zugriff auf alle unsere Meldedaten, in meinen Augen ein Skandal : „Die Einwohner­melde­ämter über­mitteln Melde­daten an den Beitrags­service, wenn sich bei voll­jährigen Ein­wohnern Daten geändert haben. Anders als bei der anlass­bezogenen Melde­daten­über­mittlung werden beim bundes­weiten Melde­daten­abgleich die Daten sämt­licher voll­jährigen, in Deutsch­land gemeldeten Personen über­mittelt, um deren Beitrags­pflicht zu klären.“ (www.rundfunkbeitrag.de) Man kann das auch positiv betrachten: In vielen Fällen („Verifizierung“ des Wohnorts) würde ein kurzer Anruf beim Einwohnermeldeamt genügen, um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen. Meine Tochter z.B. müsste nicht mehr krampfhaft belegen, dass sie bei mir gemeldet ist. Kleiner Tip: Der Beitragsservice ist auch per Mail zu erreichen, aber nicht unter der Schein-Adresse info@, sondern unter datenschutz@beitragsservice.de. Meine nebenstehende Mail wurde tatsächlich (freundlich) bearbeitet, aber meine „Belege“ wurden nicht akzeptiert. „Schuld“ an dem Schlamassel haben aber nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behörde, die ja auch nur ihren Job tun. Das Problem ist eine neue gesetzliche Grundlage von 2013.  Ein typisch deutsches, aus mindestens fünf einzelnen Wörtern zusammengesetztes Wortungetüm mit 29 Buchstaben bezeichnet die neue gesetzliche Grundlage- und ist bezeichnend für die Sache: Der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag.

„Es ist so“, sage ich. „Meine Tochter hat Mitte September völlig überraschend einen Termin für die Anmeldung im Bürgeramt Köln-Nippes gekriegt. Nachdem sie angemeldet war, hat sie die Anmeldebestätigung weggeworfen, weil sie froh war, endlich angemeldet zu sein, und weil sie dachte, dass es reicht, den Ausweis vorzulegen, der ja belegt, dass sie gemeldet ist.“

„Aber auf dem Ausweis fehlt das Anmelde-Datum“, sagt Angela Merkel. „Ätschi bätschi.Sie reibt mit dem Genderfinger der rechten Hand über den Zeigefinger der linken. „Aber lassen Sie nicht den Kopf hängen, das lässt sich bestimmt klären.“

„Ich weiß nicht, warum der Beitragsservice sich nicht direkt beim Bürgeramt erkundigt, seit wann meine Tochter gemeldet ist. Stattdessen soll sich meine Tochter im Bürgeramt eine neue Meldebescheinigung abholen, die wieder 9 Euro kostet, aber die haben da nur einen Termin in sechs Wochen frei. Aber da meine Tochter ja in England weilt, kann sie die Meldebescheinigung nicht persönlich abholen. Sie kann mich beauftragen, doch um die Bescheinigung abholen zu können, brauche ich eine Vollmacht von meiner Tochter, die meine Tochter aber nicht ausstellen kann, weil sie in England ist. Und dass der Postweg noch weniger sicher ist als vor Corona, das wissen Sie. Ich habe ein Päckchen nach England und ein Päckchen in die Niederlande geschickt, aber die sind nie angekommen.“

„Aber Sie haben doch sicher noch die Belege?“

„Wozu? Ich dachte, dass alle Päckchen, die man mit DHL schickt, ankommen.“

„Tun sie aber nicht“, sagt Angela Merkel. „So ist das bei einer Pandemie. Da können die Bürgerinnen und Bürger nicht erwarten, dass alle Sendungen befördert werden. Man sollte sich alles belegen lassen. Sie haben ein Recht auf einen Beleg, auch und vor allem an der Supermarkt-Kasse. Aber es gibt ja noch den Brief. Und Briefe kommen trotz der Jahrhundertkatastrophe noch an.“ Sie verschränkt die Arme: „Warum lassen sie Ihre Tochter im Stich? Bezahlen Sie doch einfach das Geld und ersparen Sie dem Mädchen den Kummer.“

„Meine Tochter hat keinen Kummer. Die ist nur sauer und genervt. Sie versteht die Welt nicht mehr bzw. immer besser.“

„Werden Sie nicht noch frech“, sagt Angela Merkel. „Ich sag Ihnen was. Sie sind dermaßen egoistisch.“

„Bitte, Frau Merkel gehen Sie. Ich stelle jetzt meinen Rechner an, da kann ich selber entscheiden, was ich mir anhöre und was nicht.“

„Damit tun Sie sich keinen Gefallen. Im Fall einer Atomkatastrophe werden Sie so nicht in der Lage sein, sich rechtzeitig zu informieren. Was die Impfung angeht, sind Sie sehr bald an der Reihe, aber im Falle eines Atomunfalls werden Sie, das kann ich Ihnen versprechen, gewiss nicht zu den ersten gehören, die wir evakuieren.“

Ich will den Fernseher ausschalten, aber es geht nicht, nichts geht, der Fernseher lässt sich nicht ausschalten, alle Knöpfe und Tasten sind spurlos verschwunden, ich suche nach einem Schalter, aber es gibt keinen. Auch das Kabel fehlt. Und die Antenne.

„Lassen Sie das, ich bin kitzelig“, kichert Angela Merkel, fängt dann aber an zu jammern, hält sich die Ohren zu und ruft: „Jens, kommst du mal?“

„Schon gut“, sage ich und setze mich wieder aufs Sofa. „Ich gehe auch gleich in ein anderes Zimmer.“ Ich versuche, mich aufzurichten, aber ich falle direkt aufs Sofa zurück.

„Der Jens kommt schon nicht“, sagt Angela Merkel. „Es wäre zwar schön, wenn der Jens dir mal etwas erklären würde, aber der interessiert sich leider nicht für dich.“ Kichert: „Aber ich bräuchte mal ein weibliches Ohr. Wir müssen ja nicht politisieren. Hol dir doch auch ein Gläschen Wein. Kennst du das Lied?“ Singt: “ ‚Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt die kleine Wanze…‘ Das haben wir damals, als die Mauer gebaut wurde, gerne gesungen. Aber es war ja nicht nicht nur eine Wanze, sondern da waren viele, viele Wanzen. Es wurden ja überall Wanzen installiert, Überwachungsgeräte, auch in Privaträumen. Furchtbar. Die Idee mit dem Schutzwall war aber nicht nur schlecht. Es ist nämlich richtig und wichtig, dass der Staat die Bürgerinnen und Bürger schützt. Denn selber können sie das nicht.“

„Schon gut, Frau Merkel“, sagte ich. „Aber können wir nicht bitte weiter „Sie“ zueinander sagen?“

Angela Merkel seufzt. „Warum können mich die Leute nicht einfach in Ruhe lassen? Was haben sie sich aufgeregt über meine Jahresendfigur, die ich an Neujahr hatte. Findest du mich auch zu dick? Angeblich waren Fettflecken auf meiner goldenen Jacke. Ich hab noch nie so viel Gans gegessen. Es gab ja dieses Überangebot an Gänsen, weil die Leute die bestellten Gänse nicht abholen wollten wegen der Corona-Pandemie. Die kamen alle in Verdacht, in größerer Runde zu feiern. Aber an einer Gans ist doch gar nicht viel dran. Hast du meine Ansprache gesehen?“

„Nein.“

Angela Merkel gähnt: „Aber das war nur der Schattenwurf, da sollte sich jeder mal genau das Video ansehen. Hassbriefe habe ich gekriegt. Zum Beispiel: ‚Ein Abiturdurchschnitt von 1,0 an der Erweiterten Oberschule schützt offenbar nicht davor, 45 Jahre später Fettflecken auf der Jacke zu haben.‘ Ist das nicht widerlich? Mein Abitur liegt doch über 47 Jahre zurück. Wenn man ’45 Jahre‘ sagt, sieht das so aus, als wäre ich zwei Mal sitzen geblieben.“

„Das sind blöde Briefe“, bemerke ich. „Aber doch keine Hassbriefe.“

„Sie sind vielleicht nicht so sensibel wie ich“, sagt Angela Merkel. „Und manche Personen haben uns schon vor Weihnachten eine autoritäre Struwwelpeter-Pädagogik vorgeworfen. Wir hätten die Kinder gezwungen, Masken zu tragen und Abstand zu halten nach dem Motto: ‚Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind.‘ Die Menschen sind so undankbar geworden.

Und dann haben sie uns und der WHO die Weihnachtsgeschichte kaputt gemacht. Die war so schön wie ein Märchen. Da hat der Weihnachtsmann den Kindern erzählt, dass er gegen Corona immun ist und trotz der Maßnahmen kommen kann und Geschenke bringt. Soll ich dir den Link verraten? https://www.mdr.de/brisant/weihnachtsmann-immun-corona-100.html Es kann aber sein, dass die Seite nicht mehr verfügbar ist. Weihnachten ist ja vorbei. Aber ich kann dir sagen, dass der Weihnachtsmann uns versichert hat, dass er die Geschenke nur bis zur Bordsteinkante bringt, um den Sicherheitsabstand zu wahren. Ist das nicht süß?“

„Aber das ist doch bekloppt“, sage ich.“Wenn der Weihnachtsmann immun ist, kann er doch auch ins Haus kommen.“

„Aber der Weihnachtsmann soll ein Vorbild sein. Man hat uns und der WHO vorgeworfen, dass wir Gute Laune machen und den Konsum ankurbeln wollen. Das sind Verschwörungstheorien. Die Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker haben uns auch vorgeworfen, dass wir uns in ihre Angelegenheiten einmischen. Da gab es tatsächlich Eltern, die dieses Weihnachten ausnahmsweise ganz schlicht feiern wollten, ganz ohne Geschenke. Ich finde das nicht schön gegenüber den Kindern.“

„Denn jetzt wollten natürlich alle Kinder Geschenke vom MDR-Weihnachtsmann“, sage ich.

„Das ist nicht der MDR-Weihnachtsmann“, sagt Angela Merkel und gluckst. „Der Weihnachtsmann kommt von weit weit her, aus dem Hohen Norden.“

„Meine Töchter sind erwachsen und haben nur wenige Geschenke gekriegt“, sage ich. „Beide dasselbe schöne Buch: ‚Menschwerdung eines Affen‘.“

„Wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt die Affen auch noch“, kichert Angela Merkel und fängt wieder an zu singen: “ ‚Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt die kleine Wanze…‘ Ich weiß nicht, was die Leute haben. Vor Überwachungsanlagen müssen doch nur diejenigen Angst haben, die was zu verbergen haben. Ich habe nichts zu verbergen, ich bin transparent. Von mir ist alles bekannt: Alle meine Zensuren, die genauen Geburtsdaten der Mitglieder meiner Familie. Jeder darf wissen, wann mein Vater geboren ist, meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester. Die waren übrigens alle einverstanden. Die Bürgerinnen und Bürger erfahren sogar, wo der Joachim und ich unser Ferienhaus haben. Ich würde niemals falsche Angaben machen.“

Angela Merkel räkelt sich. Ich habe übrigens auch mal ein Elfchen geschrieben. Es spielt in der DDR und heißt: ‚Wir geben euch Staatssicherheit‘. Also…. Die Einleitung geht so: Wir sollten nicht nur die Menschen durchimpfen, den Hirntoten Organe entnehmen und weiter verpflanzen, sondern…“

Angela Merkel räuspert sich:

„… Die

Mauer mitsamt

Allen Wanzen in

Alle Mitbürgerinnen und Mitbürger

Einpflanzen…“

„Schön, nicht wahr?“, kichert Angela Merkel und klatscht in die Hände. „Und ich habe damals schon die digitale Erneuerung vorhergesehen mit all ihren Möglichkeiten, unser Leben noch sicherer zu machen. Ich bin nämlich…“ Sie zwinkert mit dem Auge. „Ich bin eine kleine Wahrsagerin.“ Neben Angela Merkel erscheint eine zweite Figur. „Da bist du ja endlich, Jens.“

In diesem Moment wurde ich wach…

Die Hundertjährige, die in einem Bottroper Senioren-Heim lebt, wo auch sehr alte Menschen nur leicht an Corona erkranken – Herzliche Glückwünsche zum 100. Geburtstag, liebe Tante Luise!

Meine Tante Luise wohnt seit 15 Monaten im Bottroper Seniorenheim St. Hedwig, einem Haus der Caritas. Luise ist mittlerweile bettlägerig. Dass sie sich trotzdem wohl fühlt und die Lebenslust nicht verloren hat, hat vor allem einen Grund: Das leckere Essen. Das Essen, das ihr ans Bett gebracht wird, schmeckt Luise ausgesprochen gut, denn es kommt nicht von auswärts, sondern wird in der Küche von St. Hedwig frisch zubereitet. Luise sieht fast nichts mehr, hat aber noch Appetit und einen guten Geschmackssinn.

Das rigorose Corona-Besuchsverbot hat ihr nicht viel anhaben können. Luise wohnt in einem Doppelzimmer, so dass sie immer Gesellschaft hat. Es könnte auch anders sein, aber die Zimmernachbarin und Luise verstehen sich prächtig. Luise lebt nach mehreren leichten Schlaganfällen nicht mehr nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit. In Kontaktverbots-Zeiten ist das gut, denn in ihrer Phantasie empfängt Luise, die lockdown-bedingt zur Zeit keinen Besuch haben darf, tagtäglich Besucher. Alle Verwandten kommen sie besuchen, die Lebenden wie die Toten. Man unternimmt Spaziergänge, die Sonne scheint, niemand trägt einen Mundschutz, was Luise auch als respektlos empfinden würde. Die Stimmung ist großartig.

Aber das größte Glück ist für Luise, dass sie eine 21einhalb Jahre jüngere Halbschwester hat, die sich viel um sie kümmert, auch um Praktisches wie die Auflösung des Hausstands etc. Diese kluge und aufmerksame Halbschwester, deren Namen ich nicht nennen darf, hat anstelle von Luise eine Unterschrift abgegeben: Ein JA zur Corona-Impfung am morgigen Samstag. Sie hat mich vorhin am Telefon davon überzeugt, dass es richtig ist, dass Luise morgen, wenn das mobile Impfteam ins Altenheim St. Hedwig kommt, gegen Corona geimpft wird. Abgesehen davon, dass es einen gewissen Gruppenzwang gibt, wäre Luise nämlich bestimmt auch für die Impfung. Sie hat sich seit zwanzig Jahren regelmäßig gegen Grippe und einmal auch gegen die Pneumokokken impfen lassen. Das, so erklärte mir meine „Halbtante“, hat ihr ein Gefühl der Sicherheit gegeben. Nennenswerte Nebenwirkungen hatte Luise nie.

Für Luise ist es wahrscheinlich wirklich gut, aber ich persönlich finde es seltsam, wenn 100jährige geimpft werden, nur weil sie zur Corona-„Risikogruppe“ gehören. Auch ich gehöre mit 62 allmählich zu immer mehr „Risikogruppen“, was das „Einfangen“ schwerer Krankheiten (und das Sterben) angeht.

Ich muss mir sagen, dass es nicht so schlimm ist, wenn die Impfung Luises Erbgut beeinträchtigt, und ich muss mir sagen, dass sie wohl kaum in Gefahr ist, in fünf oder zehn Jahren an Narkolepsie zu erkranken. Luise ist als Impfling in guter Gesellschaft mit der Queen, mit Didi Hallervorden, mit Papst Benedikt, Netanjahu und Carl Gustav. Sie gehört zu einer Gruppe, deren Mitglieder mit neuem Wir-Gefühl sagen: Schaut her, wir sind geimpft. Aber Luise, die nicht eitel ist, kennt dieses Schaut her nicht. Sie hat auch keinerlei Ehrgeiz, sich vorbildlich zu verhalten. Und da sie zwar 100 Jahre alt, aber nicht die Queen ist, erwartet es auch keiner von ihr.

Seit vorgestern, als ich meine „Halbtante“ schon einmal anrief, weiß ich noch etwas : Auch alte Menschen erkranken, wenn die (Pflege) -Bedingungen gut sind (und das gilt für St. Hedwig in Bottrop) in den meisten Fällen nur leicht an Corona. Oft haben auch sehr alte Menschen keine Symptome. Sie leiden auch nicht unbedingt unter Atemproblemen, was ich erstaunlich finde, wo sich doch alte Menschen schnell eine Lungenentzündung „holen“. Der erste Corona-„Ausbruch“ in St. Hedwig im November 2020 war schnell unter Kontrolle. https://www.caritas-bottrop.de/aktuelles/presseberichte/presse/corona-infektionen-in-st.-hedwig-8295831a-b360-4f0b-b1ea-efca073c1122 Vermutlich ist St. Hedwig -auch wenn es in den Medien anders dargestellt wird- nicht die Ausnahme.

Vielleicht trotzen die Bewohnerinnen (die meisten sind Frauen) von St. Hedwig auch deshalb Corona, weil sich die Bottroper Luft deutlich verbessert hat. (Vgl. hierzu meinen Blog-Beitrag vom 2.September 2016: https://stellwerk60.com/2016/09/02/das-land-wo-sich-kohlentrassen-in-radwege-verwandeln-offene-mail-an-die-waz-oberhausen/ ) Noch in meiner Kindheit in den 1960er Jahren war der Schnee -vor allem in Zechennähe- nach kurzer Zeit schwarz. Heutzutage bleibt der Schnee weiß, nur bleibt leider der Schnee aus. Auch am 15. Januar, wo es ihn zur Freude meiner Tante Luise auch im Ruhrgebiet eigentlich immer gab.

Mit Stolz und Freude gebe ich an dieser Stelle den 100. Geburtstag meiner Tante Luise bekannt.
Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag. Verlier den Hunger nicht, liebe Luise. Glückauf!

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Mein Vater im Alter von 16 Jahren. Optisch könnte er ein Zwillingsbruder meiner Zwillingsschwester (mit 16) sein, die mir wiederum überhaupt nicht ähnlich sieht. Mein Vater war ein kluger, sanftmütiger Mann. Er sollte Karriere machen, aber kein Karrierist sein. Heutzutage kann man keine politische Karriere mehr machen, ohne Karrierist/in zu sein. In den Machtpositionen fehlt es an starken, sanftmütigen Männern. Und es fehlt uns an Politikerinnen und Politikern, die statt der Ellbogen den Verstand gebrauchen.

Meine Tante Luise hat 25 Jahre bei Karstadt in Bottrop als Kassiererin gearbeitet. Vermutlich hat die Kasse immer gestimmt. Anders als ihr Bruder Ernst hatte Luise keine kaufmännische Ausbildung. Das Foto zeigt ihren Bruder/meinen Vater als Bottroper Handelsschüler. Er ist Messdiener und Mitglied einer katholischen Messdiener-Gruppe. Dass er handwerklich unbegabt ist, schützt ihn davor, Bergmann zu werden. Wir schreiben das Jahr 1938. Die Essener Friedrich Krupp AG schaut sich in den Handelsschulen der Nachbarstädte nach begabten Nachwuchskräften um. Mein Vater, gerade 16 Jahre alt und seit dem 13. Dezember 1933 Halbwaise, bekommt das verführerische Angebot, bei Krupp eine Ausbildung zum Industriekaufmann zu machen.

Mein Großvater Karl Wilczok ist alarmiert. Dass der Rüstungskonzern ein neues Verwaltungsgebäude baut und auch den kaufmännischen Bereich aufrüstet, lässt ihn aufhorchen. Es dürfte ihm auch nicht entgangen sein, dass Adolf Hitler und Benito Mussolini im Vorjahr in der Nachbarstadt Essen waren, um der „Waffenschmiede des Deutschen Reiches“ einen Besuch abzustatten. Am 27. September 1937 haben Hitler und Mussolini gemeinsam das Werksgelände besichtigt und sich von Juniorchef Alfried Krupp von Bohlen und Habach unter anderem die Panzerwerkstätten zeigen lassen.

Mein Großvater tut das Beste, was ein Vater für seinen Sohn tun kann. Er bewahrt ihn vor einer beruflichen Entscheidung, die mein Vater später bitter bereut hätte. Stellvertretend für seinen gerade einmal 16jährigen Sohn sagt mein Großvater Karl, Bergmann, Katholik und entschiedener Nazi-Gegner, klar und deutlich NEIN.

Ein Unterschied ums Ganze ODER Der schwedische Corona-Wunderweg: Tack ska du ha, Sverige!

Schon zu Beginn der Corona-Krise im Frühjahr 2020 hatte die parlamentarische Monarchie Schweden einen Sonderweg eingeschlagen. Bis heute ist man in Schweden diesem Weg treu geblieben. Man macht nicht Panik, schürt nicht die Angst vor dem Virus, sondern behält -soweit möglich- die Ruhe. Die schwedische Staatsführung unterschätzt das Virus nicht, aber hält sich mit Verordnungen und Restriktionen zurück, stattdessen vertraut sie auf die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger. Auch jetzt, zu Beginn des Jahres 2021, wird trotz steigender Infektionszahlen -wie übrigens auch in Japan- kein Lockdown verhängt.

Im Zentrum steht das Wohlergehen des Kindes. Kinder sind noch zu klein, um lebenswichtige Entscheidungen treffen zu können, aber sie müssen darauf vertrauen können, dass die Erwachsenen sich vernünftig verhalten. Der Kern des schwedischen Sonderwegs, der sich immer mehr als „Wunderweg“ herausstellt, ist das Offenhalten der Kindergärten und Grundschulen. (Anders als die deutsche Grundschule ist die schwedische eine Gesamtschule und geht bis Klasse neun. In Schweden kommen also auch 15jährige Jugendliche nach wie vor in den Genuss eines weitgehend normalen Schulalltags. Vgl. meinen Blog-Beitrag vom 25. März 2020, den dringenden Appell an die deutsche Bundesregierung: „Seid so besonnen wie die Schweden und öffnet die Kindertagesstätten und Grundschulen!“)

Auch in Schweden geht es um Eindämmung der Infektionszahlen, aber man vertraut auf die Eigenverantwortung der Menschen. Das Eindringen des Staates in die Privatsphäre der Menschen, das hierzulande unerträgliche Ausmaße angenommen hat, hält sich in Schweden in Grenzen. Dass die Schweden einen Versuch wagen, der sich aus Respekt und Vertrauen speist anstatt aus Misstrauen, will man hierzulande kaum wahrhaben. Denn der schwedische Sonderweg, der einen Lockdown nach wie vor ausschließt, ist nicht nur ein bisschen, sondern grundsätzlich anders.

Dennoch versuchte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn auf der sozialen Plattform „Jodel“ Ende Oktober die Unterschiede zu verwischen. Er behauptete folgendes: „Wir in Deutschland sind ja eher den schwedischen als den spanischen Weg gegangen.“ Ja, anders als in Spanien gab es in Deutschland keine vom Militär überwachten Ausgangssperren. Doch anders als die Schweden waren (und werden) wir Deutsche -unter Androhung von zum Teil drakonischen Geldstrafen- an fast allen öffentlichen Orten überwacht.

Natürlich würden die Schweden nicht weiterhin so besonnen bleiben können, würden nicht zahlreiche Studien belegen, dass es richtig ist, Schulen und Kindertagesstätten offen zu halten. Aktuell gibt eine Datenanalyse, deren Kernaussagen ich hier zitiere, weil sie so wichtig sind:

„… Kurzfassung 04.01.2021

Am 23. Dezember 2020 hat die Europäische Gesundheitsbehörde (ECDC) in Stockholm eine aktuelle und umfassende Datenanalyse der Rolle von Schulen und Kitas in der COVID-19-Pandemie veröffentlicht (European Centre for Disease Prevention and Control. COVID-19 in children and the role of school settings in transmission – first update. Stockholm; 2020).

Fünf Kernbotschaften resultieren aus diesem Report.

  1. Kinder erkranken selbst nur sehr selten schwer an COVID-19.
  2. Kinder jeden Alters sind grundsätzlich empfänglich für SARS-CoV-2 und können das Virus übertragen. Jüngere Kinder scheinen weniger anfällig für Infektionen zu sein; wenn sie infiziert sind, führt dies seltener zu einer Weitergabe der Infektion.
  3. Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen nehmen am Infektionsgeschehen teil, sind aber nach aktuellem Wissensstand (und Einschätzung von CDC und ECDC) selbst kein Treiber der Pandemie.
  4. Für Kinder sind Schulen und KiTas systemrelevant, denn sie treffen im Kern ihre sozialen und intellektuellen Grundbedürfnisse und bestimmen ihre Entwicklung; Schulen und KiTas spielen eine wesentliche Rolle bei der Aufdeckung medizinischer oder sozialer Probleme wie Vernachlässigung. Insofern bedürfen jedwede Einschränkungen, die Kindern fremdnützig auferlegt werden, einer wissenschaftlich konkret belegbaren Rechtfertigung.
  5. Schulschließungen können nur das letzte Mittel sein. Eine Reihe konkret benennbarer Interventionen sind verfügbar, die davor ergriffen und konsequent umgesetzt werden können, z.B. Etablierung von AHA+L RegelnMasken etc. in den Schulen und auf den Schulwegen, strukturiertes Ausbruchsmanagement, Etablierung hygienebeauftragter Lehrer etc. (s.u.).

Aufgegriffen werden die Gedanken auch in Deutschland. „Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) empfehlen den politischen Entscheidungsträgern mit Nachdruck, die Kernbot­schaften der ECDC als Richtschnur des Handelns auch in Deutschland heranzuziehen.

Prof. Dr. Johannes Hübner, Mikrobiologe und Kinderarzt, Vertreter der DGPI und der DGKH, sagte in einem Interview auf spiegel-online : „Die Eindämmung des Infektionsgeschehens ist sicher im Moment unsere wichtigste Aufgabe. Meiner Meinung nach steht das aber nicht in einem direkten Zusammenhang mit den Schulen. So gab es in Deutschland ganz klar keine Zunahme der Infektionen nach dem Ende der Sommer- und Herbstferien. Untersuchungen in Schulen haben herausgefunden, dass Infektionen dort selten und Übertragungen innerhalb der Schule die Ausnahme sind. Kinder und Schulen sind keine Treiber der Pandemie.“

Meldungen wie diese sind in ihren Grundaussagen übrigens nicht neu. Studien, die belegen, dass das Virus für Kinder kaum gefährlich ist, hat es schon Anfang 2020 gegeben. Ich habe damals in meinem Blog-Beitrag „Manchmal könnte ich Corona küssen“ auf einen erhellenden Artikel hingewiesen: https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-kinder-infizieren-sich-offenbar-genauso-haeufig-werden-aber-nicht-krank-a-72e2a605-5865-4d23-81b1-c1c4f453d659

Leider ist auch die aktuelle Meldung schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden, denn sie hinterfragt den knallharten politischen Kurs der Bundesregierung. Die Feststellung, dass die Schließung der Schulen eine Maßnahme ist, die eigentlich das letzte Mittel sein sollte, stellt die gesamte bisherige Corona-Schulpolitik in Frage. Doch unsere Politiker, allen voran der hyperaktive Markus Söder, sind zu einer Selbstkritik, die jetzt dringend nötig wäre, offenbar nicht mehr in der Lage.

Heribert Prantl, Journalist und Jurist, Autor des Buchs „Kindheit. Erste Heimat“, stellte schon am 15. März 2020 in der Süddeutschen Zeitung die Frage: „Wann wird aus der Demokratie eine Virolokratie?“ In seiner SZ-Kolumne vom 6.9.2020 deutet er an, was die Corona-Maßnahmen für die Seelen-Welt der Kinder bedeuten:

„… Heimat. Die Kindheit ist der Ort, der ganz vielen einfällt, wenn sie gefragt werden, was für sie Heimat ist. Kindheit ist erste Heimat. Die Fragen, die ich mir und die ich Ihnen stelle, lauten: Was richtet Corona in der Kindheit der Kinder an und damit in ihrem späteren Leben? Was bedeutet die Distanz zu Menschen, Tieren und Dingen, die ihnen das Virus auferlegt, für ihre Beheimatung in der Welt?“

Ich finde die Sätze ganz wunderbar, obwohl ich denke, dass es nicht das Virus ist, dass den Kindern die Distanz auferlegt, sondern eine fragwürdige Corona-Politik. Zum Vergleich: Auch in Schweden sorgt das Corona-Virus für hohe Infektionszahlen, aber die schwedische Politik auferlegt den Kindern keine auch nur annähernd so große Distanz zu Menschen, Tieren und Dingen. Meines Erachtens verhält sich die bundesdeutsche Politik nicht mehr demokratisch. Sich das einzugestehen, tut weh. Wie wir alle (fast alle) hänge ich an der Demokratie.

Heribert Prantls Begriff Heimat möchte ich ergänzen durch das Wort Urvertrauen. Urvertrauen lernt das Kind im Umgang mit den Eltern, insbesondere der Mutter, in deren Leib das Kind heranwächst, die es zur Welt bringt und stillt. Urvertrauen kann verkümmern, wenn es sich nicht erneuert, wenn das Leben nicht an diese frühen Momente anknüpft. Menschen werden sich nur dort aufgehoben und beheimatet fühlen, wo der Umgang miteinander sie an die „erste Heimat“ erinnert. Das gilt insbesondere auch für den wichtigsten öffentlichen Raum der Kinder: Die Schule. Hier, wo man sich nicht einmal mehr die Hand geben darf, wird angesichts der Maßnahmen Ur-Vertrauen zerstört. Das gegenseitige Berührungsverbot für Kinder, die sich anders als Erwachsene „normalerweise“ ja ständig berühren, die ja noch balgen wollen, streicheln, sich an den Händen halten, schubsen, aneinander reiben, macht die Schule, wo all das aktuell verboten ist, immer mehr zu einem Ort, wo die Kinder sich nicht mehr heimisch fühlen, zu einem unheimlichen Ort.

Dass Schweden sich im Gegensatz zu allen anderen europäischen Ländern weiterhin besonnen zeigt, obwohl man sich dadurch (kulturell) isoliert, gibt mir Hoffnung und Kraft in einer Zeit, in der viele Menschen angesichts der Zwangsmaßnahmen bereits jetzt resignieren.

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Seitdem ich diese Mund- Nasenbedeckung trage, habe ich in U-Bahn und Einkaufsläden kein Unbehagen mehr. Die Aufkleber passen mit einer Größe von 7×10 cm genau auf eine handelsübliche Einwegmaske. Man kann sie im Internet bestellen, meine sind von „Flaggenfritze“ (5 Stück kosten 3.95€, der Versand noch einmal 3.90€.)  Da es den Versand nicht teurer macht, bestellt man am besten eine große Schwedenflagge in Top-Qualität (90x150cm, 9,95€) gleich mit. Übrigens: Auf FFP2-Masken, die in dieser Woche in Bayern Pflicht werden, passen die Aufkleber nicht.