Elfje im Vierten: Nichtsdestotrotz

Seit dreieinhalb Jahren veröffentliche ich einmal im Monat ein „Elfchen des Monats“. Aber was sind eigentlich „Elfchen“?

Elfchen sind kleine Gedichte, die aus nur elf Wörtern bestehen, die sich auf fünf Zeilen verteilen. Die erste Zeile eines Elfchens enthält nur ein Wort, die zweite zwei Wörter, die dritte drei, die vierte vier. Die letzte Zeile besteht wie die erste aus nur einem einzigen Wort. Elfchen können gereimt sein, müssen es aber nicht. Das Elfchen ist eines der kleinsten nur vorstellbaren Gedichte.

Ursprünglich stammen Elfchen aus den Niederlanden. Das Elfchen „wurde in den 1980er Jahren im Amsterdamer Taaldrukwerkplaats erstmals in den Niederlanden eingeführt. 1988 wurde es auf einem Workshop zu kreativem Schreiben in Aachen von dem niederländischen Theaterwissenschaftler und Schriftsteller Jos von Hest vorgestellt und deutschsprachigen Pädagogen bekannt gemacht.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Elfchen

So kam das Elfchen, das ursprünglich „Elfje“ heißt, über die deutsche Grenze. Ich bin ihm begegnet, als unsere Kinder, die 2002 und 2005 eingeschult wurden, in der zweiten oder dritten Klasse waren. Sie sollten Elfchen schreiben und hatten Spaß dabei. Überhaupt war das Lesen- und Schreibenlernen spielerisch, was einige Kinder überfordert hat, den meisten aber entgegen kam.

Reformpädagogische Ansätze, die im Zusammenhang mit der 68er- und der Alternativbewegung aufgegriffen und weiterentwickelt wurden, haben die deutschen Grundschulen -zumindest was die ersten beiden Schuljahre betrifft- grundlegend verändert. Die Kinder lernen voneinander und miteinander, Schule kann Spaß machen. Leider werden die spielerischen und kooperativen Ansätze zurückgedrängt, wenn in der dritten Klasse der „Lernstand erhoben“ wird und jedes einzelne Kind Vergleichsarbeiten („VERA“) in den Fächern Deutsch und Mathematik schreiben muss. Was auf diese Weise gefördert wird, ist nicht das Kind, sondern ein an der Erwachsenengesellschaft orientiertes Konkurrenzdenken. Das Leistungsdenken wird noch verschärft, wenn in der Jahrgangsstufe 3 etwa zeitgleich mit „VERA“ die „Empfehlungen“ für die weiterführende Schule ausgegeben werden. Fortan lernen die Kinder nicht mehr aus Freude, sondern aus Angst.

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„FOSCHABUCH“ (Forscherbuch) mit Radierspuren und Eselsohr aus dem Jahr 2005. Kinder, die nach Gehör Schreiben lernen, fangen schon nach wenigen Wochen zu schreiben an. Wir versüßten unserer Tochter Carla (damals sechs Jahre alt und Erstklässlerin) einen Sonntagsausflug ins Bergische Land, indem wir ein paar lose Blätter zu einem Notizbuch zusammenhefteten. In „CARLASFOSCHABUCH“ trug Carla auf der Rückfahrt, als die Eindrücke noch frisch waren, ihre Natur-Beobachtungen ein.                                                                                                                                          Die Klassenlehrerin hat sich stets davor gehütet, die „Fehler“ der Kinder zu korrigieren, die ja keine Fehler sind und irgendwann -wie Halsschmerzen- von selber verschwinden.  Dennoch wurden wir Eltern der I-Dötzchen momentweise unruhig: Wird unser Kind jemals schreiben können? Es wird, es hat schon begonnen. Wir Eltern erlebten das kleine alltägliche Wunder der Selbstregulierung.

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Übersetzung… WIHABN AFDERWISEINREGSEN bedeutet: „Wir haben auf der Wiese ein Reh gesehen.“ WIEHABN ANENASChÄCGSEN bedeutet: „Wir haben eine Nacktschnecke gesehen.“

Eieieieiei…

Erwachsene, die Elfchen schreiben, spüren dabei eine kindliche Freude. Elfchen sind einfach, können aber auch große Kunst sein. Elfchen sind mal tiefgründig, mal heiter – so wie unten stehendes Elfchen, meine Liebeserklärung an die Leckerei Rührei.

Doch wie kommt das Schreiben in Fluss, wie setzt sich ein Elfchen in Bewegung? Nun, mein kleines Rührei-Elfchen kommt dadurch in Bewegung, dass ich den Buchstaben R durch das L austausche. Gleichzeitig stelle ich mir vor, wie ich Butter in der Pfanne zerlasse und den nur mit einem Schuss Wasser verquirlten, leicht gesalzenen Eierbrei dazu gebe…

Kalt

gestelltel velquilltel

Eielblei fühlt sich

kühl an. O Leckelei

Lühlei!

Eieieieiei…

Kurz vor Ostern lege ich „wie immer“ Eier scharf ein und komme dabei ins Grübeln: Anders als Kartoffeln lassen sich Eier nicht schälen. Damit man sie überhaupt pellen kann, müssen Eier gekocht sein. Aber ist ein „hartgekochtes“ Ei wirklich hart?

Um meinen Zweifeln Ausdruck zu verleihen, schreibe ich ein Elfchen. Doch während ich das tue, setzt sich ein eckig-hartes Wort mitten in die erste Zeile: „Nichtsdestotrotz“. Ich kriege das Wort nicht weg. „Nichtsdestotrotz“ trotzt wie Ottos Mops im gleichnamigen berühmten Gedicht von Ernst Jandl. Dabei ist das Wort „Nichtsdestotrotz“ dermaßen bekloppt, dass man meinen könnte, es handele sich um eine Karikatur der deutschen Amtssprache. Und siehe da…

Wieder einmal klärt mich Wikipedia auf: „Das Wort entstand in der Studentensprache als scherzhaftes Kofferwort, indem die beiden gleichbedeutenden Wörter ,nichtsdestoweniger‘ und ,trotzdem‘ zu einem verschmolzen wurden… Obwohl ‚nichtsdestotrotz‘ ursprünglich keine ernsthafte Wortbildung war, hat das Wort sich inzwischen in der Standardsprache etabliert.https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtsdestotrotz

Weil mir das gefällt, lade ich das Wort „Nichtsdestotrotz“ nicht aus, sondern herzlich dazu ein, in meinem Elfchen die erste Zeile zu sein.

Nichtsdestotrotz

bleiben Eier

hart gekocht immer

noch weich, lecker weich…

Och!

Eieieieiei…

An Ostern haben meine Töchter Weltschmerz. Aus dem Mund der älteren kommt ein Satz, den schon die jungen Frauen meiner Generation gesagt haben: „Kann man in diese Welt noch Kinder setzen?“

Darauf gibt es nur eine Antwort: „Sollen wir das Kinderkriegen weiterhin den Doofen überlassen?“ Das ist ein bisschen übertrieben. Ich bin ja selber keine Doofe und habe Kinder gekriegt, was natürlich auch am „richtigen Mann“ lag, aber die mir allerliebsten Frauen meiner Generation haben keine Kinder. Und wenn ich neben „meinen“ Menschen, die schon gestorben sind, irgendwelche Menschen vermisse, dann sind das diese nie geborenen Kinder.

In diesen traurigen, noch viel trauriger gewordenen Zeiten habe ich manchmal einen Liedanfang im Kopf: „Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein, Marie, du Dickmadonne, dass wir dich warfen in diese Welt… “ Der Schöpfer dieser schönen Zeilen aus dem Jahr 1982 ist Wolf Biermann, der uns gezeigt hat, wie ausdrucksstark die deutsche Sprache ist und dass man auch auf deutsch nichtsdestotrotz lebenspralle politische Chansons komponieren kann.

Vögel singen, damit andere Vögel sie hören. Aber sie lieben es auch, sich selber singen zu hören, was ich hier in der autofreien Siedlung, wo kein Autolärm stört, Tag für Tag wahrnehme. Kinder singen uns Erwachsenen gerne was vor, und sie genießen es, sich selber dabei zuzuhören. Noch ohne alle Eitelkeit -denn kleine Kinder sind so wenig eitel wie die Amseln- ergötzen sich die Kinder daran, Laute und Melodien erzeugen zu können. Allein dafür macht es Sinn, aus dem Ei geschlüpft bzw. geboren worden zu sein.

Ein kleines Mädchen, ein meisje, das großen Spaß an sich selber hatte und munter brabbelnd und lallend gesungen hat, bevor sie überhaupt sprechen konnte, das ist Marie, Tochter von Tine Raben und Wolf Biermann.

Nä, wat is dat schön! Frühlingserwachen aus dem Alptraum IMPFPFLICHT

Es wird in Deutschland keine allgemeine Corona-Impfpflicht geben!

Weder der Gesetzentwurf von AMPEL-Abgeordneten für eine Impfpflicht ab 60 noch der Entwurf der UNION, der unter anderem den Aufbau eines zentralen Impfregisters vorsah, erhielt am 7.4.2022 im Bundestag eine Mehrheit. Da auch Masken- und Testpflicht weitgehend zurückgenommen wurden, fühle ich mich aktuell relativ sicher vor weiteren Angriffen auf meine leibliche Unversehrtheit, auf meine Würde und mein Glücksempfinden. Wir Ungeimpften sind noch einmal davongekommen.

Nach wochenlangem Gefeilsche und Geschachere sollten laut Gesetzentwurf einer Gruppe aus den Reihen der AMPEL „nur noch“ Menschen über 60 zur Impfung verpflichtet werden. Dieser vermeintlich kleinste gemeinsame Nenner war ein Lockangebot an die CDU/CSU, deren Mitglieder die AMPEL-Gruppe brauchte, um die allgemeine Impfpflicht überhaupt noch in irgendeiner Form durchdrücken zu können.

Vielleicht hatte man nach Griechenland geschielt, wo am 16.1.2022 eine Impfpflicht für Menschen über 60 in Kraft getreten ist. Im Falle der Verweigerung einer Impfung mussten ältere Griechen im Monat Januar 50 € und seit Februar monatlich 100 € Strafe bezahlen. Diese Strafzahlungen sind zwar aktuell ausgesetzt worden, könnten aber im Herbst wieder aktiviert werden. https://taz.de/Senioren-Impfpflicht-in-Griechenland/!5843964/ (Kleine Anmerkung zum Begriff „Senioren-Impfpflicht“, der im ansonsten guten und informativen TAZ-Artikel durchgehend verwendet wird: Im Zusammenhang mit der Corona-Impfung wirkt der Zusatz „Senioren“ verharmlosend und beschönigend. Es klingt, als sei die „Senioren-Impflicht“ eine staatliche Zuwendung, heiter-neckisch nach dem Motto: Erst kam die Senioren-BahnCard – Jetzt kommt die Senioren-Impfpflicht. „Alten-Impfpflicht“ zu sagen, wäre korrekt, das brächte die Eiseskälte der staatlichen Hygienemaßnahme auch sprachlich auf den Punkt.)

Für jüngere Menschen mag eine Impfpflicht „über 60“ wie eine Entschärfung klingen, aber für mich naturgemäß nicht, denn ich bin 63 und gehöre allein deshalb auch laut RKI zu den „vulnerablen Gruppen“. Als wäre Älterwerden nicht schon beschissen genug, sollten ausgerechnet die Älteren zu einer Impfung verpflichtet werden, die sich längst als medizinischer Flop entpuppt hat. Zudem stellt schon der Wunsch nach einer Alten-Impfpflicht uns ungeimpfte Ältere unter den unausgesprochenen Generalverdacht, dass wir durch unser „Trotzverhalten“ (Ranga Yogeshwar) gegenüber der Impfung eine „Überlastung des Gesundheitssystems“ lächelnd in Kauf nehmen.

(Was Ranga Yogeshwar betrifft, möchte und muss ich mich korrigieren. Den Ausdruck „Trotzverhalten“ habe ich aus seinem Mund nicht gehört, aber den in diesem Zusammenhang pseudowissenschaftlichen Begriff „Trotzreaktion“. Mit oberlehrerhafter Attitüde begründete Yogeshwar in der ZDF-Talkshow Maybritt Illner am 13.1.2022, warum er ein „Skeptiker der Impflicht“ ist: „Das Ziel muss sein, dass sich die Menschen impfen lassen, aber durch eine Pflicht erzeugen wir so etwas wie eine Trotzreaktion.“ https://www.zdf.de/nachrichten/video/politik-illner-yogeshwar-corona-impfpflicht-100.html)

Die Wahrheit ist: Unter den Ungeimpften -auch den älteren- gibt es viele, die das Gesundheitssystem kaum oder gar nicht belasten, weil sie nur selten zum Arzt gehen und Krankheiten -solange das geht- mit Hausmitteln auskurieren. Ich zum Beispiel habe (immer noch) keine schweren chronischen Krankheiten und schlucke daher auch keine harten Medikamente. Die Pharma-Industrie verdient kaum etwas an mir. Meine Skepsis gegenüber Medikamenten beschert(e) mir -so denke ich- ein verlässlich arbeitendes Immunsystem. So gerne es manche hätten: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit Corona auf die Intensivstation komme und das Gesundheitssystem belaste, ist äußerst gering.

Die Grippe hatte ich noch nie, und In den zwei Corona-Jahren hatte ich nicht einmal einen Schnupfen. Mein verzweifelter, tragikomisch anmutender Versuch, mich bei meiner Tochter, die im Sommer „Delta“ hatte, anzustecken, misslang. Ich war damals enttäuscht, denn ich wollte das Genesenen-G. Die Gesundheitsbürokratie stellt aber nur der Person einen Genesenennachweis aus, die einen positiven PCR-Test vorweisen kann. Meine Immunität, die durch eine persönliche Erfahrung bewiesen und durch ein zeitgleiches negatives Testergebnis gesundheitsamtlich belegt ist, wird amtlich dennoch nicht anerkannt.

Mit 63 bin ich 20 Jahre älter als ein 43 Jahre alter Mensch, aber genauso viele Jahre jünger als der 83jährige. Richtig alt bin ich noch nicht, aber meine leise knirschenden Knie erweisen sich allmählich als nur bedingt Reihenhaus- tauglich. Mehr als noch vor zwanzig Jahren habe ich eine Ahnung davon, wie sich „alt“ anfühlt. Ich kann nicht mehr rennen, allenfalls traben. Daher traue ich mich kaum noch, etwa auf Höhe von Alnatura die ampelarme Neusser Straße zu überqueren. Noch kann ich mich wehren, doch eher verbal. Hochbetagte, schwer Kranke und Gebrechliche können sich, wenn man sie angreift, meistens gar nicht mehr wehren. Das dürfen sie aber auch nicht, denn sie sind in aller Regel auf die Hilfe anderer angewiesen.

Die sehr alten Menschen in den Pflegeeinrichtungen sind neben den Kindern die Hauptleidtragenden einer meines Erachtens inhumanen Corona-Politik. Selbst die Menschen, die doppelt geimpft waren, hat man in Sicherheitsverwahrung genommen und monatelang so behandelt, als stellten sie eine Gefährdung für sich und andere dar. In einer Erklärung von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann vom 12.6.2021 liest sich das so:

„Gerade die Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeeinrichtungen und ihre Angehörigen haben besonders unter den Kontaktbeschränkungen in der Pandemie gelitten. Es ist nicht akzeptabel, wenn Bewohnerinnen und Bewohner, die nicht infiziert sind und bereits über einen vollständigen Impfschutz verfügen, in Einzelzimmer-Quarantäne müssen. Das ist nicht nachvollziehbar und widerspricht der geltenden Rechtslage. Ich möchte, dass diese Menschen ihre geliebten Angehörigen jederzeit sehen können. Mit den Impfungen erhalten die Menschen in den Pflegeeinrichtungen auch ihre Freiheit und Selbstbestimmung zurück.“ https://www.land.nrw/pressemitteilung/corona-pandemie-freiheiten-fuer-bewohnerinnen-und-bewohner-der-stationaeren

Wenn Laumann Anfang des Jahres 2021, als die alten Menschen in den Heimen reihenweise doppelt geimpft wurden, diese Erklärung abgegeben hätte, wäre das in Ordnung gewesen. So aber kam sie Monate zu spät und war daher nichts weiter als ein gönnerhaftes Gesülze, das lediglich der Selbstbeweihräucherung dient. Der letzte Satz ist eine hohle Behauptung, denn mit den Impfungen hatten die Menschen keinesfalls „ihre Freiheit und Selbstbestimmung“ zurück. Sie mussten, auch wenn sie doppelt geimpft waren, im Falle eines „Corona-Ausbruchs“ unmittelbar in Einzelzimmer-Quarantäne. Gemeinschafts-Aktivitäten wie z.B. Singkreise oder Spielnachmittage fanden ebensowenig statt wie gemeinsame Mahlzeiten. Warum hat sich Laumann nie bei den Menschen entschuldigt?

Doch warum ähneln die Altenheime ein Jahr später immer noch Hochsicherheitstrakten? Warum erlässt das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen am 1. April 2022 (kein Aprilscherz!) eine 13 (!) PDF-Seiten lange Allgemeinverfügung über „Besondere Schutzmaßnahmen vor Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus in Einrichtungen der Pflege, der Eingliederungshilfe und der Sozialhilfe.“? https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/220401_coronaaveinrichtungen.pdf

Während die allgemeine Impfpflicht im Bundestag abgelehnt wurde, gilt für die Bewohnerinnen und Bewohner der Altenheime längst eine indirekte Impfpflicht. „… 5.1. Vor der Aufnahme neuer Bewohnerinnen oder Bewohner ist von den Einrichtungen darauf
hinzuwirken, dass ihnen ein Impfangebot gemacht wird. Ist dies vor der Aufnahme nicht
möglich, so muss es umgehend nach der Aufnahme nachgeholt werden.“
(PDF MAGS, s.o.) Selbst dann, wenn sie doppelt geimpft und geboostert sind, stehen die alten Menschen auch heute noch unter permanenter, zermürbend bedrohlicher Corona-Aufsicht.

Und warum verpflichtet man ausgerechnet die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pflegebereich zur ohnehin fragwürdigen Corona-Impfung? Wir wissen doch, wie wichtig körperliche Nähe ist, gerade auch für alte Menschen. In der Regel sind es die Ungeimpften, die das Virus nicht dämonisieren und keine übertriebene Berührungsscheu haben. Und eben diese Menschen sind es, die den alten Menschen Mut machen und Zuversicht spenden. Die „einrichtungsbezogene Impfpflicht“, ein Angriff auf die Würde, das Glücksempfinden und die Lebensfreude, müsste schnellstmöglich aufgehoben werden!

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, weitgehend geimpft und geboostert, also fein raus, haben am 7.4. 2022 ohne Fraktionszwang abgestimmt, individuell, allein „nach Wissen und Gewissen“. Eine Anmaßung, wie ich finde, denn betroffen sind nicht die durchgeimpften Abgeordneten, betroffen bin ich. Was ist mit meinem Gewissen? Bin ich unwissend oder gar gewissenlos, weil ich ungeimpft bin?

Wäre es zur Alten -Pflichtimpfung gekommen, hätte ich mir von Karrieristinnen und Karrieristen, die in viel zu großer Zahl steuerfinanziert und bestens situiert im Bundestag sitzen, die Corona-Impfung vorschreiben lassen müssen, etwa von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert. Kühnert, halb so alt wie ich, ist ein stets bildschirmschön gestylter, ambitioniert frisierter Polit-Shooting-Star, der nach einem abgebrochenen Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaft vier Jahre lang im Callcenter von MyToys.de gearbeitet und dort sein Wissen (und Gewissen!) erworben hat.

Doch seit Omikron wächst auch unter den geimpften Mitbürgerinnen und Mitbürger die Skepsis, was die Corona-Politik betrifft. Schon vor der Entscheidung im Bundestag -die Spatzen pfiffen es von den Dächern- befürworteten immer weniger Menschen eine allgemeine Impfpflicht.

Am Tag nach der Entscheidung, die Stimme des Volkes:

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Diese Grafik habe ich am Tag nach der Abstimmung, Freitag, 8.4.2022, von web.de abfotografiert.                                          In Paragraph 5 des Grundgesetzes heißt es: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern.“ Ja, wir haben Meinungsfreiheit, aber unsere Meinung hat keinerlei politisches Gewicht. Sie interessiert nur diejenigen, die gewählt werden oder/und uns etwas verkaufen wollen. Als Mitglieder von Zielgruppen werden wir permanent unserer eigenen Meinung beraubt, ohne dass wir es spüren. Wie leicht man Meinungen manipulieren kann, weiß die Werbebranche, die so boomt wie noch nie. Nur scheinbar fragt man nach unserer Meinung. In Wirklichkeit horcht man uns aus, zapft uns an, legt uns Meinungen in den Mund. Zu vorgefertigten Aussagen können wir nur noch JA oder NEIN  anklicken und manchmal eine Nicht-Meinung wie KEINE AHNUNG.

Dadurch dass man die Impfpflicht zur Abstimmung im Bundestag freigab, wurde ein Eingriff von großer Tragweite banalisiert. Schlimmer noch: Man verlieh den „Volksvertreterinnen“ und „Volksvertretern“ Macht über mein, über unser Leben!

Entsetzt bin ich über die Politik der GRÜNEN, die ich seit Jahrzehnten wähle, auch weil die GRÜNEN den „Klimawandel“ schon früh realisiert und nie geleugnet haben, dass er menschenverursacht ist. Jetzt habe ich politischen Liebeskummer: Bis auf sechs Menschen haben alle Abgeordneten der GRÜNEN, die sich fast alle an der Abstimmung beteiligt haben, gehorsam für den Antrag der Gruppe um Janosch Dahmen und Heike Baehrens (Impfpflicht ab 60, Ende offen) gestimmt.

Auch die Kölner Kandidatin Katharina Dröge, die ich aus alter GRÜNEN-Treue bei der Bundestagswahl 2021 gewählt habe (Wahlkreis Köln III, Stadtbezirke Ehrenfeld, Nippes und Chorweiler), gab der Gruppe um den gesundheitspolitischen Sprecher der GRÜNEN, Janosch Dahmen, ihr Ja-Wort. Frau Dröge ist in Münster geboren. Den Kölnern sei gesagt: das westfälische Wort „dröge“ bedeutet das Gleiche wie das kölsche Wort „drüsch“ = „trocken“, „langweilig“, „leidenschaftslos“. Ob Frau Dröge wirklich drüsch ist, weiß ich allerdings nicht.

Was gegen Liebeskummer helfen kann: Sich ebenfalls trennen, realisieren, dass die Trennung überfällig war. Bei der NRW-Landtagswahl am 15.5. werde ich nicht mehr die GRÜNEN wählen. Und wenn die leidenschaftliche Sahra Wagenknecht auch nicht für den Landtag in Nordrhein-Westfalen kandidiert, ist meine Wahl dennoch eindeutig.

Ein Tipp zur Abstimmung über die Impfpflicht: Man kann das genaue Abstimmungsergebnis auf der Internet-Seite des Bundestags nachlesen: https://www.bundestag.de/parlament/plenum/abstimmung/abstimmung?id=767

Von Seiten der Bundesregierung wurde die Abstimmung über die Impfpflicht zu einer Art Chefsache erklärt. Bundeskanzler Olaf Scholz beorderte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, die in Brüssel an NATO-Beratungen über den Ukraine-Krieg teilnahm, eigens nach Berlin zurück, damit sie pflichtgemäß (und hochsymbolisch!) ihr Ja-Wort zur Impfpflicht abgeben konnte.

Wie kann die GRÜNEN-Politikerin Annalena Baerbock so wenig Gespür für Natur haben, dass sie noch in der harmlosen Omikron– Variante den Feind wittert, der mit einer Impfpflicht bekämpft werden muss?

Nun geht es in der Bundespolitik wohl kaum um Gespür, allenfalls um Kalkül. Dabei berührt die Abstimmung über eine Impfpflicht Grundfragen unserer Existenz: Leben und Tod, Gesundheit, Krankheit, Heilung, Glaube, Liebe, Hoffnung… Ich persönlich finde die Tatsache, dass über eine massive Verletzung der leiblichen Autonomie und der menschlichen Würde per Stimmzettel abgestimmt wird, ethisch verwerflich. Pragmatisch, so als handele es sich um die Freigabe eines Autobahnabschnitts.

Ich denke, Annalena Baerbock weiß, dass Omikron weniger gefährlich und eine Impfung nicht mehr gerechtfertigt st, denn sie ist intelligent. Nur passt Skepsis nicht ins Konzept bzw. den Koalitionsvertrag. Dass Omikron relativ harmlos ist und die Impfung offensichtlich ein Flop, stellt nämlich die gesamte Gesundheits- und Forschungspolitik unserer Bundesregierung in Frage.

Ein Beitrag auf der Internet-Nachrichten-Seite des VDI (Verein deutscher Ingenieure) brachte es Ende 2021 auf den Punkt: „Die künftige Regierung übernimmt das Ruder in einer Zeit, in der das Coronavirus weniger denn je im Griff zu sein scheint. Die Pandemie zu besiegen, sei vordringlichste Aufgabe, heißt es deshalb im Koalitionsvertrag... Der Kampf gegen Corona wird vornehmlich Aufgabe der SPD sein, die das Ressort Gesundheit übernehmen wird. In der Krise sieht die Koalition aber auch die Chance, Deutschland zum weltweit führenden Biotech-Standort zu machen. Die Entwicklung des ersten mRNA-Impfstoffs habe das Potenzial deutscher Forschung sichtbar gemacht.https://www.vdi-nachrichten.com/wirtschaft/politik/koalitionsvertrag-die-reaktionen-der-branchen/

„Wir haben Lust auf Neues“, steht laut VDI im Koalitionsvertrag. Ein hübscher, aber leider verharmlosender Satz, vermutlich aus der „Feder“ von Werbetextern, die an anderer Stelle Texte und Bilder für die neuen Kollektionen der Modeanbieter kreieren. Nun, ich habe auch „Lust auf Neues“, auf neue Schuhe zum Beispiel. Emanuel Macron hat, wie wir wissen, auch „Lust auf Neues“, zum Beispiel auf neue AKWs. Wenn Machthaber sie verspüren, kann „Lust auf Neues“ gefährlich werden, insbesondere in den Bereichen Atomkraft, Rüstung und Biotechnologie.

Ein allgemeine Impfpflicht hätte es deutlich erleichtert, die „Erfolgsgeschichte“ rundum das Unternehmen Biontech weiter zu spinnen, denn Biontech ist abhängig von den Einnahmen durch den Impfstoff. „Da sich BioNTechs Krebs-Therapeutika allerdings noch in Studienphasen befinden, ist das Unternehmen bis auf Weiteres auf Impfstoff-Einnahmen angewiesen. Diese wiederum hängen in hohem Maße vom Fortgang der Pandemie, einer möglichen Impfpflicht in manchen Ländern und den Entwicklungen konkurrierender Hersteller wie ModernaValneva oder Novavax ab.https://www.boerse.de/geldanlage/BioNTech-Aktie-Kennt-die-Mainzer-Erfolgsgeschichte-eine-Fortsetzung-von-Miss-boersede/33680711

Angesichts der Abschwächung des Virus, der mangelhaften Wirksamkeit der Impfung und der ernstzunehmenden Nebenwirkungen ist ein weiterer Kniefall der Politik vor dem Unternehmen Biontech, wie wir ihn hier in Köln hautnah miterleben mussten, kaum noch vorstellbar. (Vgl.: https://stellwerk60.com/2021/12/28/wie-suess-oezlem-tuereci-biontech-malt-ein-kleines-herzchen-in-das-goldene-buch-der-stadt-koeln-gedanken-zum-fest-der-unschuldigen-kinder/) Dennoch wird die Corona-Politik von Merkel & Co fortgesetzt, wird munter weiter Impfstoff eingekauft und werden nach wie vor gesunde 5-12jährige Kinder geimpft.

Dass die Impfpflicht nicht mehr droht, haben wir nicht der politischen Einsicht, sondern einer politischen Dummheit zu verdanken. Warum konnten die Abgeordneten von GRÜNEN und SPD, nachdem der Antrag aus den eigenen Reihen abgelehnt worden war, nicht dem Antrag der Union zustimmen? So hätte man sich -was die Impfpflicht betrifft- alle Türen offen halten können!

Stattdessen misstraut man sich. Derzeit bekriegen sich die Parteien, wie man es schon lange nicht mehr erlebt hat. Köpfe rollen, etwa der von Familienministerin Anne Spiegel, oder sollen rollen. https://www.tagesschau.de/eilmeldung/anne-spiegel-ruecktritt-101.html Warum wird in einer Zeit, da die Kriegspolitik von Olaf Scholz (SPD) unbedingt kritisch hinterfragt werden müsste, in alten Akten gewühlt, warum hat die Süddeutsche Zeitung Dokumente ausgegraben, die die Vermutung nahe legen, dass der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in den 50er Jahren die SPD hat bespitzeln lassen? https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/deutschlands-watergate-wie-adenauer-die-spd-ausspionieren-liess-e506616/?reduced=true

Eben jener Konrad Adenauer hat einmal einen Satz gesagt, der oft zitiert wurde und wunderbar auf die derzeitige Situation passt: „In der Politik geht es nicht darum, recht zu haben, sondern recht zu behalten!“

Zurück zur Impfpflicht… Ich finde es immer wieder höchst erstaunlich, dass es noch Kinderärztinnen und Kinderärzte gibt, die nicht jede von der STIKO empfohlene Impfung für jedes einzelne Kind empfehlen und Impfungen grundsätzlich mit den Eltern absprechen. Das ist riskant, denn Kinderarztpraxen sind alles andere als Goldgruben, und gerade mit den Mehrfach-Impfungen lässt sich viel Geld verdienen. Einer dieser mutigen Ärzte ist Dr. med. Steffen Rabe, Sprecher des Vereins „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung“.

Steffen Rabe ist ein glänzender Autor und scharfsinniger Beobachter der Corona-Politik. Dass er auch künstlerisch begabt ist, wusste ich bis vor kurzem, als ich unten stehendes Video entdeckte, noch nicht.

Elfchen im Dritten: Olaf muss niesen

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an einen TV-Werbespot, mit dem vor etwa fünfzig Jahren für WICK Formel 44 -Hustensirup geworben wurde: Olaf ist Zirkusakrobat. Husten kann er sich nicht leisten, denn er muss während der Aufführung über ein Drahtseil balancieren. Dabei steht ihm ein zweiter Akrobat auf den Schultern, der wiederum eine Akrobatin geschultert hat.

Jetzt gibt es einen Notfall: Olaf sitzt kurz vor der Vorstellung hustend in der Kabine. Zum Glück hat sein männlicher Mitarbeiter WICK Formel 44 besorgt. Eine Mitarbeiterin flößt Olaf den Husten-Sirup ein, eine andere tätschelt dem starken Mann beruhigend die Glatze: „Wirst sehen Olaf, das wirkt schnell.“ Im September 2020 hat „Ein Kanal“ den Spot dankenswerterweise auf YouTube ins Netz gestellt.

Der gut gemachte kleine Film, der einer gewissen Selbstironie nicht entbehrt, ist in puncto Wissenschaftlichkeit bzw. Pseudowissenschaftlichkeit ein Vorläufer bzw. Vorreiter heutiger Pharma-Werbung, denn die medizinischen Experten werden nachgeplappert. „Geht bis tief in die Bronchien…“, weiß Olafs Kollege, während die offenbar neurowissenschaftlich geschulte Kollegin die Ergänzung parat hat: „… Und beruhigt die Hustenzentrale im Gehirn.“

Die Werbung machte WICK bekannt, hatte aber noch eine andere Wirkung. Wir Kinder hatten, wenn wir irgendwo den Namen „Olaf“ hörten, direkt den Spot vor Augen. Für die Olafs unter unseren Mitschülern war das doof, sie wurden ausgelacht, nur weil sie „Olaf“ hießen. Noch heute muss ich bei „Olaf“ immer an „Olaf hat Husten“ denken. Dass der schöne Zirkusakrobat eine entfernte Ähnlichkeit mit Bundeskanzler Olaf Scholz hat, ist reiner Zufall.

Das politische Drama, das wir derzeit erdulden müssen, ähnelt einem Drahtseilakt. Nur findet der Tanz über dem Abgrund nicht im Zirkuszelt statt. Und wenn unser aller Bundes-Olaf auch nicht hustet, heißt das noch lange nicht, dass er nicht niesen muss.

Mein Elfchen des Monats März ist einem Menschen-Floh gewidmet, dem es gelungen ist, aus dem Flohzirkus (einer brutalen und dazu noch ulkig-unterhaltsamen Tiervorführung, die es immer noch gibt!) auszubrechen.

Olaf muss niesen…

Denn

flohgemut kroch

der entflohene Zirkusfloh

ins Nasenloch und lachte

noch

„HAIG, REAGAN, SCHMIDT – BEKRIEGT EUCH DOCH ZU DRITT“ (Friedensdemo Bonn, 1981) – Die Gleichberechtigung wird durch eine Wehrpflicht für Frauen ad absurdum geführt

Was viele nicht wissen: So etwas wie das „Turbo-Abi“ hat es in Westdeutschland vor über vierzig Jahren schon einmal gegeben, Stichwort: „Kurzschuljahre“. Konkret sah das so aus: Meine Zwillingsschwester und ich sind Ostern 1965 eingeschult worden. Als wir im Sommer 1968 nach drei Jahren und vier Monaten aufs Gymnasium kamen, hatten wir zwei volle Schuljahre (1. und 4. Klasse) und zwei Kurzschuljahre (2. und 3. Klasse) hinter uns. Die Verkürzung unserer Grundschul- (damals Volksschul-) Zeit hing damit zusammen, dass der Schuljahres-Beginn in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern vom Frühjahr auf den Sommer verlegt worden war.

Bis ich vor ein paar Tagen auf spiegel.de einen in bester alter Spiegel-Manier geschriebenen Artikel vom 16.1.1966 entdeckte, hatte ich keine Ahnung davon, wie chaotisch die bildungspolitische „Entscheidungsfindung“ damals verlief – unter Ausschluss der betroffenen Lehrer, Eltern und Schüler, die nur wenige Monate vor dem Beginn des Schuljahrs 1966/67 kurzfristig informiert und undemokratisch überrumpelt wurden. Das Sagen hatten -ebenso wie heute- sogenannte „Experten“. https://www.spiegel.de/politik/grenze-des-ertraeglichen-a-b9e98a3d-0002-0001-0000-000046265355

Der Artikel liest sich wie eine Tragikomödie. Laut lachen musste ich, als ich las, was den Abiturienten drohte, die -um das Zeugnis der Reife zu erhalten- trotz der Kurzschuljahre 13 komplette Jahre „abzusitzen“ hatten. Da zwei ihrer 13 Schuljahre um jeweils vier Monate verkürzt werden sollten, stand an, die Oberprima (Klasse 13) um insgesamt acht Monate zu verlängern. Ob es wirklich dazu kam, ist mir nicht bekannt: „Und überall in der Bundesrepublik wird ausgerechnet die Oberprima, die zahlreiche Experten für überflüssig halten, zur wichtigsten Klasse des Gymnasiums: mit 20monatiger Dauer… Angesichts dieser Perspektiven lobte Kultusminister Orth die Presse: »Die habbe geschribbe, daß mer verrückt sin.«“ (spiegel.de, s.o.)

Ende der 1960er Jahre gab es aber auch viele vernünftige Reformen: Die Volksschul-Zeit wurde auf neun Jahre verlängert, Grund- und Hauptschule lösten die Volksschule ab, die erste Gesamtschule wurde eröffnet, und endlich wurde Englisch an allen weiterführenden Schulen Unterrichtsfach. Aber das Kernstück der Schulreformen war die Koedukation.

Während meine Zwillingsschwester zusammen mit zwei Freunden auf das erst 1967 gegründete Bottroper Vestische Gymnasium kam, beschlossen meine beste Freundin und ich, auf das Städtische Jungengymnasium zu wechseln, dessen Sexta ein Jahr zuvor für Mädchen geöffnet worden war. Unsere Eltern hatten nichts dagegen. Unsere beiden Brüder gingen schon auf die Schule, kamen in die Obertertia und waren positiv aufgefallen, was natürlich von Vorteil war.

Vermutlich waren unsere Brüder, die gedacht hatten, uns zumindest in der Schule los zu sein, ziemlich bedient. Schwer bedient war der Freund meiner älteren Schwester, ein attraktiver, aber leicht blasierter Oberprimaner, der später einmal Schönheitschirurg werden sollte. Es fühlte sich (und kam) gut an, einen Bekannten und noch dazu eine Art Schwager in der Oberprima zu haben. So suchte ich den Schulhof nach ihm ab und ließ ihn in keiner Pause in Ruhe: „Huhu, Hans-Leo, hier bin ich!“

Dass den Mädchen der Zugang zur „höheren Bildung“ nicht weiter verschlossen blieb, hatte vor allem ökonomische Gründe. Durch die Koedukation sollte nicht nur die Chancengleichheit hergestellt, sondern die „Ausschöpfung gesellschaftlicher Begabungsreserven“ sicher gestellt werden.

Zum Glück waren unsere Lehrer nicht ökonomisch gestimmt. Am Tag unserer Einschulung in die Sexta wandte sich Klaus Kayser, Lehrer für Religion und Geschichte und späterer Leiter des Gymnasiums Laurentianum in Arnsberg, in einer Ansprache an die angehenden Sextaner und insbesondere an uns Sextanerinnen. Endlich seid ihr Mädchen da, so etwa sagte es Herr Kayser, ihr selber werdet durch den gemeinsamen Unterricht mit den Jungen ein bisschen frecher, was gut ist. Aber noch viel wichtiger ist etwas anderes, denn ihr Mädchen habt eine Aufgabe. Die Jungen sind viel zu wild. Ihr werdet sie erziehen und dazu bringen, dass sie sich in Zukunft vernünftig verhalten.

Nachdem ich das gehört hatte, fand ich es noch aufregender, als Mädchen auf ein Jungengymnasium zu gehen, auch wenn die Bezeichnung nicht mehr ganz stimmte. An die genauen Zahlen kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber im Schuljahr 1968/69 dürften neben 140 Jungen 15 Mädchen die Sexta besucht haben. Doch erst im Jahr 1971 wurde der Name der Schule korrigiert, die übergangsweise „Städtisches Gymnasium für Jungen und Mädchen“ hieß.

Mein Abitur-Jahrgang 1977 war dann der erste am Bottroper „Heinrich-Heine-Gymnasium“. Dass die Schule schließlich so hieß, verdankte sich einer Kooperation von Lehrern und Schülern. Die Schulpflegschaft (Elternvertretung) hatte den Vorschlag der Lehrer, die Schule „Heinrich-Heine-Gymnasium“ zu nennen, abgelehnt und dem Rat der Stadt Bottrop den öden, nichtssagenden Namen „Stadtgymnasium“ vorgeschlagen. Die beiden Schülervertreter hatten zwar für „Heinrich-Heine“ gestimmt, waren aber in der Versammlung der Schulpflegschaft klar in der Unterzahl. Niemand hatte die anderen Schülerinnen und Schüler gefragt! Das holten wir nach. Unsere Schülerzeitung „Holzwurm“ rief eine Sondersitzung ein. In einer Blitzaktion sammelten wir am nächsten Tag 1250 Unterschriften pro „Heinrich-Heine“, die wir ins Rathaus brachten. Wir hatten Erfolg und machten eine wichtige Erfahrung: Gemeinsam sind wir stark!

Ich hatte eine angenehme und freie Schulzeit zwischen Penne und PISA. An meiner Schule gehörte ich zum ersten Jahrgang, der in den Genuss (!) der Oberstufenreform kam. Ich konnte Chemie und Physik abwählen und mich meinen Lieblingsfächern Deutsch, Geschichte, Philosophie und Biologie (Evolution!) widmen. Einige unserer Deutsch- und Geschichtslehrer waren von den gesellschaftskritischen Schriften aus dem Umkreis der Studentenbewegung inspiriert. So lernten wir zu hinterfragen, analysierten Werbetexte und politische Reden, und einige von uns wurden leidenschaftlich querdenkende Demokraten.

Lehrer und Schüler respektierten sich gegenseitig. Unsere Lehrerinnen und Lehrer hätten sich dagegen gesträubt, geschlechtsneutral als „Lehrkräfte“ bezeichnet zu werden, wie es heutzutage gender-korrekt vielerorts üblich ist. Und sie hätten es unannehmbar gefunden, mithilfe von Werbe-Bildern, die an Zahnpasta-Reklame erinnern (lauter lächelnde Lehrkräfte!), auf eine locker-flockige und respektlose Weise für den Lehrer- Beruf gewonnen zu werden. So zumindest versucht es seit ein paar Jahren das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Per Du macht man da den Lehrer zum Deppen. O-Ton Das Bildungsportal:

„Interessierst du dich für das Grundschullehramt oder das Lehramt an Berufskollegs? Du möchtest Lehrerin oder Lehrer für sonderpädagogische Förderung werden? Oder möchtest du an weiterführenden Schulen unterrichten? Auf diesen Seiten findest du alle Informationen zu den verschiedenen Lehrämtern und über den Lehrerberuf allgemein: Voraussetzungen, Jobaussichten und den Ablauf der Ausbildung.“ https://www.lehrer-werden.nrw/

Heute schmücken sich die Gymnasien mit den wohlklingenden Namen großer Geister, doch erleben wir seit Jahrzehnten eine zunehmende Austreibung des Geistes aus den Schulen und eine Entmündigung von Lehrern und Schülern. Egalisierende internationale Vergleichstests wie PISA, der zunehmende Leistungsdruck, das Hochschrauben des Numerus Clausus, das Zentralabitur und das völlig undurchdacht eingeführte und wieder abgeschaffte „Turboabi“ (G8) haben zu Verödung und Verarmung geführt.

Mit den Corona-Maßnahmen wurde und wird die Schule endgültig zum Spielball einer lebensfernen, ökonomisch orientierten Bildungspolitik. Mit dem Online-Lernen auf Sicherheits-Abstand wurde der autoritäre Frontalunterricht wieder eingeführt. Corona-Tests, Maskenpflicht und die Andienung der Impfung sind grenzüberschreitend. Tiefgreifender als die in meiner Schulzeit noch üblichen schallenden Ohrfeigen verletzen die Maßnahmen die körperlich-seelische Autonomie der heranwachsenden jungen Menschen, denen Corona in aller Regel nicht viel anhaben kann. Mehr als funktionieren sollen Schüler und Schule nicht. Unsere Kinder haben keine andere Chance, als zu gehorchen.

Ein altes deutsches erzieherisches Sprichwort droht(e) „ungehorsamen“ Kindern mit körperlichen Züchtigungen: „Wer nicht hören will, muss fühlen!“ An die brutale Struwwelpeter-Pädagogik knüpfen die Corona-Maßnahmen an, was sich in einer EXPRESS-Schlagzeile vom 15.4.2021 spiegelt: „Wer sich nicht testen lässt, muss nach Hause“.

Mittlerweile ist die Koedukation selbstverständlich. Doch noch zu meiner frühen Schulzeit wurden Jungen und Mädchen nur in der Volksschule gemeinsam unterrichtet. Die Schulen, an denen man höhere Bildungsabschlüsse erwarb, waren in der Regel streng nach Geschlechtern getrennt. Das sollte lange Zeit vor allem den Männern zugute kommen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts -und nachdem Frauen jahrzehntelang dafür gekämpft hatten- konnten die ersten Mädchen auf einem eigens eingerichteten Mädchengymnasium Abitur machen und anschließend studieren.

Ich stelle mir vor, Mädchen und Jungen würden immer noch getrennt unterrichtet, aber der Ruf nach Koedukation würde lauter. Irgendwer würde fragen: Warum sollen wir die Koedukation einführen? Eine vorstellbare Antwort: „Ich glaube, das wird zu einer besseren Stimmung und mehr Effektivität führen.“

Diese hübsch klingende Antwort wurde im Jahr 2017 wirklich gegeben. Sie stammt allerdings nicht von einem Bildungspolitiker, sondern von einem immer noch amtierenden Verteidigungsminister, und das Thema ist nicht die Koedukation, sondern die Wehrpflicht für Frauen, die in Schweden im Jahr 2017 zeitgleich mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht neu eingeführt wurde. „… Nun will Schweden wieder auf eine umfassende Landesverteidigung setzten. Dazu braucht es die allgemeine Wehrpflicht als Grundbaustein. Die sich gern als feministisch bezeichnende rot-grüne Regierung erhofft sich durch die Wehrpflicht für Frauen auch eine ausgewogenere Armee. Auch sei ein gemischter Arbeitsplatz attraktiver. „Ich glaube, das wird zu einer besseren Stimmung und mehr Effektivität führen“, sagte Verteidigungsminister Hultqvist dem Radio Schweden.https://www.morgenpost.de/politik/article209807259/Schweden-fuehrt-Wehrpflicht-wieder-ein-auch-fuer-Frauen.html

Dass in Schweden die Wehrpflicht für Frauen eingeführt wurde, wusste ich nicht. Ich muss gestehen, dass es mich enttäuscht und erschreckt, denn ich sympathisiere mit dem Land, wo man es geschafft hat, die Kinder vor den völlig überzogenen, allerorts üblichen Corona-Maßnahmen zu schützen. Die große schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren wäre -da bin ich mir sicher- gegen eine Wehrpflicht für Frauen gewesen.

Eine ausgewogenere Armee, … ein gemischter Arbeitsplatz, … eine bessere Stimmung, … mehr Effektivität… Laut Peter Hultqvist, der auch unter Schwedens neuer Ministerpräsidentin Magdalena Andersson Verteidigungsminister ist, sind Frauen offenbar dazu da, den Männern den Krieg zu versüßen. Doch die Armee ist eben kein „Arbeitsplatz“ wie jeder andere. Der vermeintliche Frieden schlägt -wie wir gerade erleben- schnell in sein Gegenteil um. Erschreckend ist, dass diese Haltung sich auch noch „feministisch“ nennt. Mit einer Wehrpflicht für Frauen wird die „Gleichberechtigung“ ad absurdum geführt, denn im Falle eines Krieges hätten die Frauen nicht nur die gleichen „Rechte“, sondern auch die gleichen grausamen Pflichten wie die Männer: Sie wären dazu verpflichtet zu töten.

Noch wird diese entsetzliche Vorstellung auch in Deutschland, wo es Berufssoldatinnen gibt, verdrängt. Vielen Menschen fehlt die Phantasie, sich den Krieg vorzustellen, doch aktuell ist er näher gerückt. Aber wie würde die Öffentlichkeit reagieren, wenn Soldatinnen der Bundeswehr bei militärischen Einsätzen ums Leben kämen? Bis jetzt sind die Todesopfer fast ausschließlich Männer, wie ich auf Wikipedia lese: „Seit 1992 kamen bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr 115 Bundeswehrangehörige (Soldaten) nach Angaben der Bundeswehr (Stand Februar 2022) ums Leben. Davon fielen 37 durch Fremdeinwirkung und 22 starben durch Suizid.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Todesf%C3%A4lle_der_Bundeswehr_bei_Auslandseins%C3%A4tzen

Der Wikipedia-Beitrag enthält eine Liste: „Todesfälle der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen durch Unfälle, natürliche Ursachen, Suizidhöhere Gewalt oder Feindeinwirkung.“ In dieser Liste wird nur eine einzige verstorbene Frau erwähnt, und diese Frau ist nicht bei einem Unfall oder durch „Fremdeinwirkung“, sondern durch Suizid ums Leben gekommen. Auffällig und erschreckend ist, wie viele Soldaten sich das Leben nehmen. Würde man die Namen der Soldatinnen und Soldaten erwähnen, die die „Auslandseinsätze“ zwar überlebt haben, aber traumatisiert sind, entstünde eine endlos lange Liste.

Außenministerin Annalena Baerbock dürfte sich ihr Amt ganz anders vorgestellt haben. Vermutlich hat sie von Dienstreisen geträumt, von Fotoshootings, Festessen und anderen Anlässen, sich in chicen Klamotten zu zeigen. Durch den Krieg in der Ukraine wurde sie jedoch schnell vom Laufsteg herunter auf den Boden geholt. Ernst genommen wird sie nicht wirklich. Vom meines Erachtens irrwitzigen Vorhaben des Bundeskanzlers, die Bundeswehr mit 100 Milliarden Euro aufzurüsten, wurde Baerbock angeblich überrascht, vor allem wusste die Außenministerin wohl nichts von der horrenden, in keiner Weise zu rechtfertigenden Höhe der Summe. https://web.de/magazine/politik/russland-krieg-ukraine/habeck-baerbock-scholz-100-milliarden-plan-ueberrascht-36650002 Dieser Alleingang unseres Bundeskanzlers erinnert mich an einen der Vorgängerregierung, nämlich daran, „dass die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem damaligen Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) kurz vor der Amtsübergabe am 8. Dezember den Verkauf von drei Kriegsschiffen und 16 Luftabwehrsystemen genehmigt hatte. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) unterrichtete den Bundestag erst einen Tag vor der Wahl von Olaf Scholz zum Kanzler darüber – aber ohne den Wert der Ausfuhren zu nennen.“ https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-12/ruestungsausfuhren-waffenexporte-merkel-scholz?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

Unter dem Deckmantel „Sicherheit“ wird weiter aufgerüstet und Angst geschürt, dabei müsste weltweit konsequent abgerüstet werden. Warum nicht Frieden wagen- gerade angesichts des Kriegs in der Ukraine? Sehr lesenswerter Artikel des Ökonomen Tilman Brück, ehemaliger Leiter des Friedensforschungsinstituts SIPRI: https://www.deutschlandfunkkultur.de/krieg-ukraine-pazifismus-noch-zeitgemaess-100.html

Beim Aufräumen ist mir kürzlich ein 40 Jahre altes Foto in die Hände gefallen: „HAIG, REAGAN, SCHMIDT – BEKRIEGT EUCH DOCH ZU DRITT“ – Diesen Spruch hatten wir am Vorabend der großen Friedensdemonstration am 10.10.1981 im Bonner Hofgarten in unserer WG-Wohnküche kreiert. 250.000 Menschen demonstrierten damals für Abrüstung, ein atomwaffenfreies Europa und insbesondere gegen den NATO-Doppelbeschluss, die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Europa.

Für uns war das Lachen über den Aufrüstungs-Wahnsinn ein Mittel, uns nicht ohnmächtig zu fühlen.

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Am Rande der Bonner Friedensdemo. Der blondgelockte dreijährige Junge, dem ich gerade aus der Regenjacke helfe, ist mein späterer Stiefsohn Andreas, der mit seinem Vater zusammen in unserer Wohngemeinschaft lebte. In der WG war Andreas gut aufgehoben. Ich fand es chic, einen Freund zu haben, der alleinerziehender Vater war. Noch chicer fand es meine Mutter, die sich wünschte, dass dieser verantwortungsvolle junge Mann einmal ihr Schwiegersohn werden möge. Nach einigen Umwegen sollte es knapp 18 Jahre später dazu kommen. Alleinerziehende Väter bekommen -so habe ich es erfahren- viel mehr Unterstützung als alleinerziehende Mütter. In unserer WG fühlten sich alle für Andreas verantwortlich. Mit kleinen Kindern zusammen haben auch ernste Erwachsene wieder den Mut zu spielen- so wie hier. Ohne Andreas hätte ich mich wohl kaum getraut, Kriegsbemalung zu „tragen“. Foto: Hans Manfred Schmidt

MEIN ENGEL – Das Wunderkind Wiktoria

An ganz alltäglichen Orten begegne ich in den letzten Jahren Menschen, die real sind („aus Fleisch und Blut“) und die doch aus einer Anderwelt zu stammen scheinen. Einer dieser Menschen, die mich an Märchenfiguren erinnern, ist das Mädchen Wiktoria.

Begegnet bin ich ihr im Frühherbst 2019 im Kölner Handwerkerinnenhaus -am Tag der Offenen Tür. Zur Erinnerung: In den Zeiten vor Corona öffneten an bestimmten Tagen Ateliers und Werkstätten ihre Türen auch für Besucher, die dort normalerweise keinen Zutritt haben. Jeder war willkommen, es gab weder Test- noch Impfausweis- noch irgendwelche Einlasskontrollen. Die offene Tür war ein über die Stadt oder das Land verstreutes kulturelles Ereignis abseits der Groß-Events. Wie großartig, gastfreundlich und großzügig das war, weiß ich erst heute. Denn auch wenn die Veranstaltungen nach wie vor so heißen und der Eintritt nichts kostet: Den „Tag der offenen Tür“ gibt es nicht mehr.

Im Handwerkerinnenhaus hatte man an dem Tag einen kleinen Basar aufgebaut. An einer Handvoll Ständen wurden Töpfer-Arbeiten verkauft und andere schöne, originelle, von Hand gefertigte Dinge, die man „Kunsthandwerk“ nennt.

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Die Grenzen zwischen Kunsthandwerk und Kunst sind fließend. Im nordholländischen Dorf Groet vermietet die Familie Bakker ein Ferienhaus. Dieses Haus ist ein inspirierender, eigensinnig ausgestatteter Ort. „Hausherr“ Jaap Bakker gehört zu den bildenden Künstlern, die sich ihre Kinderphantasie bewahrt haben.  Welches Kind träumt nicht davon, einmal einen Schatz zu finden? Doch das ist gar nicht so einfach. So beträgt etwa die Wahrscheinlichkeit, in einer Auster eine Perle zu finden, 1:35.000. https://www.fewo-in-holland.de/blog/austernperle-finden Der Mangel an Perlen in Nordsee-Austern brachte Jaap Bakker auf die tierfreundliche Idee, Austernschalen zu einer Nordseerose zusammenzufügen, sie miteinander zu verleimen und zu guter Letzt drei Perlen in die Mitte der Blüte zu setzen. Da Jaap Bakker die Blume in kleiner Stückzahl gefertigt und für ein paar Euro an seine Feriengäste verkauft hat, bin ich stolze Besitzerin einer echten Groeter Nordseerose.


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„Höhlenkunst“

Am Tag der offenen Tür 2019 präsentierte das Handwerkerinnenhaus auch Arbeiten, die Schülerinnen und Schüler einer Förderschule in Jülich hergestellt hatten. Das hing mit dem Hauptanliegen des Hauses zusammen, der Förderung junger Mädchen. Das Kölner Handwerkerinnenhaus hat eine eigene Werkstatt und „ist ein Lern- und Bildungsort, an dem Mädchen und Frauen neue Fähigkeiten und Stärken an sich entdecken und ihre Berufschancen und -perspektiven erweitern.“ https://www.handwerkerinnenhaus.org/

Im Kunstunterricht hatten die Jülicher Jugendlichen kleine, zerbrechliche Drahtgebilde gebastelt und in Einmachgläser gesteckt. Die Einmachgläser wurden dann bei hoher Temperatur eingeschmolzen und die Drahtgebilde auf diese Weise „eingerahmt“ und „haltbar“ gemacht. Wiktoria, die die Jülicher Schule besucht, war mit ihrer Lehrerin da. Die Lehrerin bemerkte mein Interesse und erzählte mir, wie Wiktoria arbeitet.

Wiktoria nimmt ein Stück Draht in die Hand. Sie hat keinen Plan und überlegt nicht lange, sondern fängt an. Der Draht hat Anfang und Ende. Zwischen ihren Fingern kommt er in Bewegung, entsteht eine Figur. Manchmal ist es eine Tierfigur, aber am liebsten formt Wiktoria Engel, mal heitere, mal nachdenkliche Engel. Das Stück Draht ist nie zu kurz und nie zu lang, es reicht immer genau aus. Wenn der Draht aufgebraucht ist, ist die Figur fertig. Irgendwann fing Wiktoria an, Engel zu formen, sie tut es einfach, denn sie kann nicht anders.

Mich erinnern ihre Engel an die von Paul Klee. Der Maler Paul Klee (1879-1940) hat sein Leben lang Engel gezeichnet, die meisten davon im Jahr 1939. Im Jahr, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, begann Klees letztes Lebensjahr. Indem er die Zwischenwesen zeichnend sichtbar machte, konnte Paul Klee der Hölle für Momente entrinnen. „Seine Engel hat er in der Zwischenwelt ‚geschaut‘, sagt Paul Klee. Für ihn liegt zwischen irdischer Welt und höchsten geistigen Welten eine Zwischenwelt. Und Klee ist überzeugt, da Einblick zu haben.“ https://rundfunk.evangelisch.de/kirche-im-radio/morgenandacht/paul-klee-und-seine-engel-10795

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Für acht Euro kaufe ich ein „Mängelexemplar“. Der Aufhänger ist abgerissen, aber MEIN ENGEL ist luftig und heiter. Die Flügel sind ausgebreitet wie Arme: Lass dich umarmen. MEIN ENGEL ist weiblich, ein Mädchen. MEIN ENGEL hält den Kopf gerade, so dass der Heiligenschein nicht herunterfallen kann. MEIN ENGEL streut rostige Brösel. Die sind nicht hübsch, aber auch für was da: Wer genau hinschaut, entdeckt ein flauschiges Küken.

Auch Wiktorias Engel scheinen aus einer Zwischenwelt zu stammen. Die Lehrerin, die sehr aufgeregt ist, zeigt mir einen Ordner mit Fotos der Arbeiten Wiktorias. Ihre Engel sind ausdrucksstark und berührend. Wenn ich sage, dass ich „erschüttert“ war, ist das nicht übertrieben. „Ich wage es kaum zu sagen“, sage ich zur Lehrerin. „Aber es ist so, als hätte Wiktoria eine göttliche Eingebung.“ Die Antwort: Ein Nicken.

In diesen traurigen Zeiten ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen -vor allem Frauen- Schutzengel ins Fenster stellen. Es gibt getöpferte, genähte, gemalte, es gibt geschmackvolle, austauschbare, kitschige, es gibt pausbäckige und magere Engel. Sie alle stehen für die Hoffnung und für die Sehnsucht nach einer friedlichen, besseren Welt.

In ihren Sternstunden vermag die Dichtkunst, Engelsenergien spürbar zu machen. So verleiht der Lyriker Joseph von Eichendorff (1788-1857) im Gedicht „Mondnacht“ seiner Seele (Engels)-Flügel:

„… Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
..“ (Dritte Strophe)

Wiktorias Lehrerin zeigt mir das Foto eines Engels, der den Kopf gesenkt hält. Sie bittet Wiktoria, mir zu erklären, warum der Engel traurig ist. Wiktoria redet leise. „Der Engel klagt Gott an“, sagt sie. „Es ist so viel Unrecht in der Welt. Warum guckt Gott zu, warum lässt er den Krieg geschehen, warum greift Gott nicht ein, wenn Menschen gemobbt werden?“

Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, Gott* greift schon ein, aber anders, als wir denken, selten im „Direktgang“. So stattet Gott Menschen mit der Gabe aus, Menschen den Spiegel vorzuhalten. Menschen mit dieser Begabung werden oft ausgegrenzt. Vermutlich wird auch Wiktoria ausgegrenzt und gemobbt, denn sie hat eine „Lese- und Rechtschreibschwäche“ und geht (oder ging) auf eine Förderschule.

Woran erkennt man einen Engel? Das Merkmal der Engel, das sind die Flügel. Doch wer nur auf die Flügel achtet, wird den Engel übersehen. Meine Begegnung mit Wiktoria hat meinen Glauben an die kosmischen Engelsenergien genährt – und meine Hoffnung auf eine bessere, friedliche Welt.

*Wie schon einmal geschrieben, meine ich mit „Gott“ nicht den monotheistischen Vatergott. Diesen begreife ich zwar nicht als „falsch“ oder erfunden, aber als Einengung und Vereinseitigung eines weitaus umfassenderen Göttlichen.

Elfchen im Zweiten: Adieu, AHAmpelmann!

An den Schaltern von Commerzbank und Sparkasse KölnBonn kann man weder Briefmarken kaufen noch Päckchen aufgeben. Bei der Postbank ist das anders. Ihre Filialen ähneln, auch wenn die Beratungsräume mit Teppichboden ausgelegt sind, Gemischtwarenläden, und das gefällt mir.

Dass ich mein Postbank-Konto trotz der relativ hohen Gebühren behalte, ist reine Nostalgie. Als es die Postbank noch nicht gab, sondern Postscheck- bzw. Postgiroämter, bot die Post Sparbücher an, die ordentlich verzinst waren und mit denen man sogar in den Postämtern kleiner südfranzösischer Ortschaften ohne Gebühren Francs abheben konnte.

In den frühen 80er Jahren studierten wir Geisteswissenschaften, hatten viel Zeit und reisten am liebsten mit dem Fahrrad. Es war ganz einfach: Irgendwann im Spätsommer, wenn es uns nach Südfrankreich zog, radelten wir zum Kölner Hauptbahnhof, kauften günstige Rückfahrkarten und gaben unsere Fahrräder auf, die weder versichert noch verpackt werden mussten. Ein paar Tage später fuhren wir mit dem Zug den Fahrrädern hinterher. Das war nicht ohne Risiko. Einmal sind die Fahrräder erst drei Tage nach uns im Bahnhof von Lyon angekommen. Aber das war uns egal, denn so lernten wir, bevor wir uns ins Umland aufmachten, Lyon kennen.

Meistens hatten die Fahrräder nach dem Transport ein paar kleinere Kratzer, aber auch das störte uns kaum, denn die Fahrräder waren nicht neu. Meins hatte nicht einmal eine Gangschaltung und taugte kaum für die Berg-Etappen. Weil ich nicht besonders sportlich bin, kam es mir recht. So schob ich das Rad, hatte ein paar Momente für mich und lauschte den Grillen. Wir hatten Zelt und Schlafsäcke dabei und in den Satteltaschen Bücher, die an der Uni nicht gelesen wurden, Werke mit wohlklingenden Titeln: „Die Dialektik der Aufklärung“, „Männerphantasien“ und „Geschichte und Eigensinn“ (je 1,2kg!). Wir waren jung, stark, naiv, verliebt, hatten noch gute Nerven- und Postsparbücher.

Irgendwann wurde nicht nur das klassische Postsparbuch abgeschafft, sondern auch die Möglichkeit, ein Fahrrad preiswert und ohne großen Aufwand nach Frankreich zu verschicken. Vermutlich hat es dermaßen viele Schadensersatz-Forderungen gegeben, dass es sich für die Bahn nicht mehr rentiert hat.

Wie in den Bahnhofs-Gebäuden herrscht auch in den Räumen der Post ein zunehmend ruppiger, unwirscher Ton – sofern es diese Räume noch gibt. Die Deutsche Bank, der die Postbank gehört, hat angekündigt, bis Ende 2023 von derzeit 750 Filialen weitere 200 zu schließen. Vor allem in den Innenstädten greifen die „Sparmaßnahmen“. In Köln sollen in Kürze die Filialen am Kartäuserwall (Südstadt) und am Sudermannplatz (Agnesviertel) dichtmachen. Wie lange die Nippeser Postbank-Filiale erhalten bleibt, ist derzeit unklar, denn auch für die verbleibenden 550 Geschäftsstellen soll es lediglich eine Standortgarantie bis Ende 2024 geben.

Die Nippeser Filiale wird vielleicht deshalb (noch) nicht geschlossen, weil sie mitten in Nippes ideal liegt. Die Räume selber sind nicht mehr zeitgemäß. Um in den Schalterraum zu gelangen, muss man eine Treppe hochsteigen. Dennoch ist die Filiale gut besucht. Vor Weihnachten standen die Leute sogar bis auf die Straße Schlange, nicht nur wegen der Abstandsregeln. Da der Briefmarkenautomat monatelang kaputt war, wurden auch die in die Schlange verbannt, die nur eine Briefmarke brauchten.

Irgendwann wurden Ordnungskräfte eingestellt, die die Einhaltung des Corona-„Sicherheitsabstands“ überwachten. Eine der Ordnungskräfte war ein hektischer junger Mann, der sich verhielt, als sei er staatlich geprüfter „Hüppekästchen“ -Schiedsrichter. Er pfiff alle Leute zurück, die es wagten, die rote Linie bzw. das rote Klebeband auch nur um wenige Zentimeter zu übertreten.

Der kleine hübsche Mann bewegte sich, als zöge eine unsichtbare Hand an einer mit all seinen Gliedern einzeln verbundenen Strippe. Sein Hampeln trug nicht zur Entspannung bei, im Gegenteil. Einmal geriet ich, als ich ein Päckchen aufgeben wollte, mit dem Mann aneinander. Es war Samstagmittag, seit zehn vor eins hatte ich in der Schlange gestanden und war in der Schlange stehend die Treppe hochgestiegen. Um Punkt ein Uhr, genau in dem Moment, als ich an der Reihe gewesen wäre, den Schalterraum zu betreten, schloss die Post. Die Leute, die vor mir waren, kamen noch dran. Sie kamen auch noch raus. Nur ich…

Der Hampelmann stellte sich in den Zugang zum Schalterraum, stemmte die Beine in den Boden und legte die Arme an. Er ließ mich nicht vorbei und verlagerte sein Gewicht mal auf den linken, mal auf den rechten Fuß. Ich konnte nicht anders: Ich nahm ihn vorsichtig bei den Schultern und versuchte, ihn zur Seite zu schieben. Er wehrte sich nicht, sagte nur leise: „Hilfe, Hilfe“. Die Hilfe bekam er. Und was bekam ich (ab)? Das erzähle ich ein andermal…

Aktuell hat sich die Lage entspannt, aber wohl nur, weil Weihnachten vorbei ist und die Leute weniger Briefe und Pakete verschicken. Für die Postbank ist Corona einmal mehr ein Vorwand, die Zahl der Kunden zu reduzieren. Jetzt, in der Karnevalszeit, darf nur eine (!) Person den Schalterraum betreten. Das ist -ich kann es nicht anders sagen- ein Schlag in den Nacken der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Post. Denn so nagt der „Schutz vor Corona“ langsam, aber sicher am aktuell noch bis Juni 2023 bestehenden Kündigungsschutz.

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Nachtrag 7. März 2022: Mit einem Sicherheitsabstand von ein paar Tagen ist diese Info, die vermutlich jederzeit spontan eingeblendet werden kann, kurz nach Aschermittwoch wieder ausgetauscht worden. 

In dem Zusammenhang konnte man auch die Sicherheitskräfte entlassen. Dort, wo der Hampelmann stand, wenn er mal stand, steht jetzt mitten im Weg eine Ampel. Doch auch die spielt manchmal verrückt, und auch die wird irgendwann abgeschafft werden. Ob zusammen mit der gesamten Filiale, wissen wir nicht.

Den kleinen hübschen Mann habe ich nicht mehr wiedergesehen, was ich schon ein bisschen bedaure.

Adieu, AHAmpelmann!

Jetzt

ist hier

eine Ampel an,

denn fort ist der

AHAmpelmann

***

Allen, die meinen Blog von außerhalb Deutschlands besuchen, schulde ich eine Erklärung: Was ist AHA?

Wenn sich auch die Hygiene-Regeln weltweit ähneln dürften, ist doch die neckische AHA-Formel typisch deutsch. Plakat des Bundesministeriums für Gesundheit: Mit der AHA-Formel durchs Jahr!

aha

 

„Durchs Jahr“ klingt bedrohlich, hat doch 2022 erst gerade begonnen. Bei der Internet-Recherche stelle ich zu meiner Beruhigung fest, dass das Plakat schon ein Jahr alt ist, und zwar von Januar 2021. Ich will mit AHA nicht durch noch ein Jahr. Und ein „AHAlle Jahre wieder“ wäre entsetzlich.

Wer AHA schon spießig findet, dem sei gesagt: Es geht noch zwangsvergnügter. Ich schätze den Humor der Wiener Stadtverwaltung und insbesondere die Wiener Hundekotsackerl, aber OIDA

„Die Stadt Köln möge allen 2000 Menschen, denen abgelaufener Impfstoff verabreicht wurde, Schmerzensgeld zahlen!“ – Offene Mail der Frau Keuner an Dr. Johannes Nießen, Leiter des Gesundheitsamts der Stadt Köln

Ich bin gerade dabei, für’n kleines Mittagessen Kartoffelreste in die Pfanne zu schnibbeln, Pommes Sarladaises mit viel Knoblauch und glatter Petersilie, lecker, da klingelt’s.

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner.

„Tach“, sach ich. „Aber ich hab überhaupt keine Zeit.“

„Aber ich.“ Die Frau Keuner drückt sich samt Gehwagen an mir vorbei ins Haus. „Hömma, Lisa, kennste mich noch? Seitdem ich dir erzählt hab, dass ich geimpft bin, guckst du mich nicht mehr an.“

„Ich halt mich eben an die AHA-Regeln“, sage ich. „Und ich müffel neuerdings nach Knoblauch. Seit Corona…“

„Dat riech ich“, unterbricht mich die Frau Keuner. „Bissken eng hier. Aber wenn du auch stinkst, kannst du mich immer noch angucken.“

„Wissen Sie“, sage ich schnell, „warum die Pommes Sarladaises „Sarladaises“ heißen?“

„Ach, Schätzchen“, sagt die Freu Keuner und singt: „Ich war noch niemals in New York, ich war schon zweimal in Sarlat… Hömma, Lisa, lenk nicht schon wieder ab, ich sach dir, du kannst es dir leisten, nich geimpft zu sein. Du hast ein Reihenhäusken, bissken piefig, aber Eigenheim. Jetzt hast du sogar ein Auto, und dat als Bewohnerin der autofreien Siedlung. Sach mir bloß nich, dat du die alte Kiste vorm Schrottplatz gerettet hast und dat die bei dir ihr Gnadenbrot fristet. Guck nicht so pikiert, dat hast du der Gerda erzählt.“

„Ich kenn keine Gerda.“

„Red keinen Quatsch“, sagt die Frau Keuner. „Mit über 60 kennt jede eine, die Gerda heißt. Aber sag, kennst du eine Anna, eine jüngere mit zwei kleinen Kindern?“ Ich zucke die Achseln.

„Dann hast du der Anna die Story erzählt.“

Bevor ich „nein“ sagen kann, hat die Frau Keuner auch schon den Gehwagen abgestellt und ist -wie auch immer- über Hütehund Freki gestiegen, der quer im Flürchen liegt und den Zugang zum Wohnzimmer versperrt. „Wat seh ich da? Da steht ja immer noch der kaputte Stuhl, den du schon vor drei Monaten auf den Sperrmüll getan hast. Zurückgeholt, wa?“ Ich schieb der Frau Keuner, bevor die den Halt verliert, schnell einen intakten Stuhl hin.

Die Frau Keuner setzt sich, aber stänkert immer noch: „Wie sieht dat denn hier aus, wie kann man in dem Zustand Gäste empfangen?“

„Welche Gäste?“, frage ich leise.

„Nette Leute wie mich“, sagt die Frau Keuner. „Und mach jetzt nicht einen auf einsam und allein. Die Gerda hat mir da wat anderes erzählt. Hömma, Lisa, du kannst dich hier verbuddeln, Silberfischchen füttern, Müll ansammeln, lecker kochen, dich bemitleiden und Wein saufen. Zur Zeit vergammeln viele gute Stuben. Noch musst du dich auch nicht impfen lassen. Meinst du, ich hätte das freiwillig getan? Ich hab von allen Seiten Druck gekriegt. Du kannst es dir leisten, deinen Job zu verlieren, denn du hast keinen. Ist ein echter Luxus, sich die Plörre nicht in den Arm drücken zu lassen.“

„Frau Keuner, ich…“

„Komm mir nicht mit irgendwelchen faulen Ausreden“, sagt die Frau Keuner. „Aber du kannst alles wieder gut machen. Ich hab heute morgen eine Mail an den Kölner Gesundheitsamtsleiter geschickt, an den Dr. Johannes Nießen. Der Nießen ist der, der neben noch zwei Kölnern seit zwei Monaten in Lauterbachs Corona-Expertengremium sitzt. Kölscher Klüngel, dat sach ich dir. Im Internet steht keine Mail-Adresse vom Gesundheitsamt. Ich konnte also meine Mail nur an stadtverwaltung@stadt-koeln.de schicken. Dat kann ich vergessen. Also wirst du meine Mail heute noch auf deinem Blog öffentlich machen. Du setzt dich jetzt an den Rechner. Wenn du den Freki an die Seite schiebst und mir mein Wägelchen bringst, bin ich weg.“

Die Frau Keuner richtet sich langsam auf und hält sich am Tisch fest. „Du kannst dir gerne wat zu essen machen, aber danach machst du dich an die Arbeit. Und wenn ich nachher wiederkomm, dann stoßen wir mit lecker Kölsch auf Omikron an. Omikron ist der Game Changer. Dat haben die nur noch nich begriffen. Wie kann die Stadt Köln denn so blöd sein, jetzt, wo halb Europa schon das Ende von Corona feiert, den Zoch zu stutzen. Hömma, Lisa, der Zoch kütt in diesem Jahr ins Rheinenergie-Stadion. 2G+ und 11,11 € Eintritt.“ Die Frau Keuner schluckt und reibt sich die Augen. „Omikron ist unsere Rettung. Und nachher… Nachher singen wir die schönen neuen Lieder: Mamor, Stein und Impfnadel bricht… Oder kennst du das? Am Sonntag will mein Süßer mit mir boostern gehen… Jetzt guck nicht so bedient. Bis dann, ja?“

***

An dieser Stelle veröffentliche ich die Mail der Frau Keuner. Der Wortlaut ist weitgehend unverändert. Ich habe allerdings, nachdem ich alle Zahlen überprüft und die gewagten Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft hatte, einige Belege und Links hinzugefügt. Darüberhinaus habe mir erlaubt, ein paar kleine Rechtschreibfehler zu korrigieren. Auch wenn ich die Mail unterstütze, gibt sie doch ausschließlich die Meinung der Frau Keuner wieder. Die beiden RKI-Tabellen, die die Frau Keuner ihrer Mail angehängt hat, habe ich mitsamt Erklärung an passender Stelle eingefügt…

***

Köln, 10.2.2022

Sehr geehrter Herr Dr. Nießen,

gestern bin ich mit einer Nippeser Mitbürgerin ins Gespräch gekommen, die eine Einladung zur vierten Impfung gekriegt hat. Sie gehört zu den über 2000 (!) Menschen, die zwischen dem 26. Dezember 2021 und dem 5. Januar 2022, also an den kurzen Tagen zwischen den langen Rauhnächten, hier in Köln versehentlich mit einem abgelaufenen Impfstoff der Marke Moderna geimpft wurden.

Was passiert ist, haben die Betroffenen -so unglaublich das klingt- erst Tage später nicht persönlich, sondern aus der Presse erfahren: Im gefrorenen Zustand wäre der verabreichte Impfstoff noch bis zum Juni 2022 „haltbar“ gewesen, doch zwecks Verwendung war er aufgetaut worden. Nur hatten die Impf-Dienstleister viel zu viel aufgetaut, denn es waren bei weitem nicht so viele Impfwillige gekommen, wie man gedacht hatte. Was für eine Schlamperei!

Jeder Kölner hat da direkt das beliebte Lied vom Jupp Schmitz im Kopp. Die Geschichte: Einmal im Monat wird in einem Verein Erbsensuppe gekocht. Diesmal ist sie besonders lecker, nur leider hat sich der Wirt vertan und zu viel gekocht. Deshalb schnappt sich der Vereinspräsident das Mikrophon und ruft laut in den Saal:

Es ist noch Suppe da, es ist noch Suppe da… Wer hat noch nicht, wer will noch mal…

Vielleicht war an dem Tag noch Suppe da, weil es Erbsensuppe war, die schmeckt ja aus dem Groß-Bottich irgendwie immer nach Suppenküche. Es geht auch lecker. Herr Dr. Nießen, vielleicht kennen Sie das österreichische Speiselokal Essers im Stadtteil Neuehrenfeld. Dort serviert man an jedem ersten Donnerstag im Monat köstliche Backhendl im Korb, Salat dazu, aber nichts anderes. Das Hendl-Essen ist beliebt. Es ist aber auch sehr lecker! Was ist schon der ostdeutsche Broiler im Vergleich zu einem Steirischen Backhendl? Damit Wirtin Iris planen kann, müssen sich die Gäste Wochen im Voraus anmelden und dabei genau angeben, mit wie vielen Hendl-Essern sie kommen. Man kann dann immer noch absagen. Kommt man aber am Hendl-Tag mit einer Person bzw. Hendl-Esserin weniger als angemeldet, wird das überzählige Hendl berechnet. Man kann es direkt verspeisen oder im Hendl-Sackerl nach Hause mitnehmen. Die Iris vom Essers achtet sehr genau auf Frische und weiß um die Salmonellen-Gefahr. Sie ist nicht nur eine tolle Wirtin und Sommeliere, sondern auch eine gute Geschäftsfrau. Würde sie so schlecht wirtschaften wie die Bundesregierung, könnte sie den Laden dichtmachen.

Wie kann man aber auch so bescheuert sein, über unsere Köpfe hinweg diese gigantischen Mengen Impfstoff zu ordern? „Die Bundesregierung hat seit Beginn der Pandemie insgesamt mehr als 660 Millionen Dosen Corona-Impfstoff bestellt, die bis 2023 ausgeliefert werden sollen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Kathrin Vogler hervor, die dem ARD-Politikmagazin „Report Mainz“ vorab vorliegt. Darunter sind rund 367 Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer, 120 Millionen Dosen von Moderna, aber auch mehrere Millionen Dosen der Impfstoffe Novavax, Valneva und des Herstellers Sanofi. Die bestellten Vakzine haben nach Angaben der Bundesregierung einen Gesamtwert von rund 12,5 Milliarden Euro.“ https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/impfdosen-117.html

Was ich nicht verstehe: Warum hat die Bundesregierung nicht für den Fall, dass sich das Corona-Virus abschwächen sollte, mit den Pharmaunternehmen eine Art Rücktrittsversicherung abgeschlossen? Angesichts der harmlosen Variante Omikron müsste die Bundesregierung zum Wohle des Volkes schnellstmöglich von den Bestellungen zurücktreten, was aber offenbar nicht möglich ist, denn laut „den Lieferverträgen ist Deutschland verpflichtet, die gesamte bestellte Menge Impfstoff abzunehmen.“ (tagesschau.de, s.o.) Aber vielleicht will die Bundesregierung nicht zurücktreten, sondern immer und ewig singen:

Es ist noch Impfe da, es ist noch Impfe da, wer hat noch nicht, wer will noch mal…

Es ist wie in diesen fiesen Familien: Der Teller muss leer gegessen werden. Aber den Impfstoff kann man ja nicht essen, da muss jemand kommen, der… Doch wohin jetzt mit den Mengen? Der beste Ort, Impfstoffe zu verknappen, ist der menschliche Körper. Kaum gab es die Impfung, wurde ja mächtig auf die Tube gedrückt bzw. auf den Impfspritzen-Kolben – und hinein damit. „Impfen, was das Zeug hält!“ – das forderte schon Anfang 2021 Karl-Josef Laumann, CDU, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Dnn was sagt der Kölner? „Was fott es, ess fott.“

Es ist noch Impfe da, es ist noch Impfe da, wer hat noch nicht, wer will noch mal…

Doch was mir am meisten stinkt, Herr Dr. Nießen, das ist die Anbiederung der Stadt Köln an die Bürgerinnen und Bürger. Oberbürgermeisterin Henriette Reker wurde im April 2021 gegen Corona geimpft, und zwar mit Moderna, denn Astrazeneca kam für sie aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage. Das war eigentlich Rechtfertigung genug, doch Frau Reker setzte noch eins drauf: Um ja nicht den Anschein zu erwecken, sie würde sich als was Besseres fühlen und den Kölnern was wegnehmen, ließ sie sich demonstrativ mit einer Restdosis impfen. https://www.t-online.de/region/koeln/news/id_89838366/koeln-henriette-reker-mit-restdosis-gegen-corona-geimpft.html

Ich persönlich nehme ja gerne Reste zu mir, aber nicht öffentlich und auch nur dann, wenn es sich um Nahrungsmittel handelt. Da riechen und schmecken wir meistens, wenn was schlecht und vergammelt ist. Und wenn man was Schlechtes gegessen hat, kann man noch immer versuchen zu kotzen. (Übrigens hätte die Nippeser Betroffene auch fast gekotzt). Bei einem Impfstoff geht das schlecht.

Herr Dr. Nießen, ich erlaube mir, Sie zu zitieren: „Wir schließen eine gesundheitsschädliche Wirkung durch den verabreichten Impfstoff aus. Was die Wirksamkeit angeht, lassen Erfahrungen aus vergleichbaren Fällen den Schluss zu, dass auch nach Verabreichung eines wenige Tage zu lang aufgetauten Impfstoffs ein unverminderter Impfschutz besteht.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/corona-lage-koeln-39

Doch wie können Sie eine gesundheitsschädliche Wirkung durch den Impfstoff, dessen Haltbarkeitsdatum überschritten ist, ausschließen, wo wir doch wissen, dass auch eine Impfung mit „frischem“ Corona-Impfstoff in vielen Fällen gesundheitliche Schäden hervorruft? Außerdem kann niemand die gesundheitsschädliche Langzeit-Wirkung eines abgelaufenen Impfstoffs ausschließen, wo wir nicht einmal wissen, wie ein frisch aufgetauter Corona-Impfstoff langfristig wirkt.

Und diese Kölner „Panne“ ist auch noch zu einer Zeit passiert, als längst klar war, dass die Omikron– Variante zwar ansteckender, aber deutlich harmloser ist. Ich persönlich bin zweifach geimpft, werde mich aber nicht boostern lassen. Liebend gerne würde ich Ihnen Ihre Reste abnehmen, aber nicht diese. Ich hab mir die Statistiken des RKI angeguckt und kann nur sagen, dass man insbesondere älteren Menschen von einer sogenannten „Auffrischimpfung“ -und sei es auch frisch aufgetauter Impfstoff- dringend abraten müsste.

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Wochenbericht/Wochenbericht_2022-02-03.pdf?__blob=publicationFil

Tabelle 3 bezieht sich auf alle Varianten, Tabelle 4 ausschließlich auf Omikron. Man kann nicht nur herauslesen, wie viel harmloser die Omikron-Variante ist, sondern auch, dass die Impfung kaum schützt. Für Omikron gilt: Menschen über 60 sterben, seit Omikron dominant ist, deutlich seltener an Corona, aber Ältere mit Auffrischimpfung sterben sogar häufiger als nur doppelt Geimpfte.

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Aber es werden uns nicht nur abgelaufene Impfdosen als „Auffrischung“ verabreicht, sondern auch „abgelaufene“, d.h. veraltete Informationen als frische Nachrichten serviert. Auf Ärzteblatt.de wurde am 4.2.2022 ein Artikel veröffentlicht, der sich auf Daten vom 4.12.2021 bezieht. So etwas ist nicht nur wissenschaftlich inkorrekt, sondern irreführend. Denn mittlerweile, zwei Monate später, hat Omikron (Gott sei Dank) alles auf den Kopf gestellt.

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/131575/CDC-Geboosterte-sterben-97-Mal-seltener-an-COVID-19?rt=27a1e265edbe7b41181e070a386e17af

Im Zusammenhang mit dem Kölner Skandal erinnere ich mich an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986. Während die Menschen in der DDR zunächst überhaupt nur aus den West-Medien von dem Unfall erfuhren, wurde eine mögliche Gesundheitsgefahr von den bundesdeutschen Verantwortlichen zunächst heruntergespielt. „Die sowjetischen Behörden vermelden den Unfall erst am 28. April, nachdem Schweden und Finnland stark erhöhte Strahlenwerte gemessen haben. Obwohl wenig über das Ausmaß des Unfalls bekannt wird, gibt sich die Bundesregierung gelassen: In einem Fernsehinterview mit der Tagesschau erklärt Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU), dass eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung „absolut auszuschließen“ sei. Es gebe keinen Anlass zu handeln. Eine Gefahr bestünde nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern rund um den Reaktor.https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Tschernobyl-Katastrophe-Wie-Deutschland-reagiert-hat,tschernobyl230.html

Auch damals entstand ein „Entsorgungsproblem“: Wohin mit den verstrahlten Lebensmitteln? „In den Wochen nach dem Unglück gab es in der DDR plötzlich ein reichhaltiges Angebot an Gemüse; es war jenes, das den Ostblocklieferanten vom Westen nicht abgekauft wurde.[112] Da viele Bürger aufgrund der über westliche Radio- und Fernsehprogramme empfangenen Warnungen diese Angebote nicht einkauften, wurde dieses Obst kostenlos in Kindergärten und Schulen verteilt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Tschernobyl Mit „Rücksicht auf den sozialistischen Bruderstaat“ wurden die gesundheitlichen Gefahren nicht nur heruntergespielt, sondern verleugnet. Die „großzügige“ Beschenkung der Kinder mit vermutlich kontaminierten Lebensmitteln ist verwerflich, eine Propaganda-Maßnahme, die bei mir nur Entsetzen hervorruft. Wahrscheinlich war die Gabe sogar gut gemeint, „denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Gut gemeint ist sicherlich auch die Impfung von Kindern zwischen fünf und elf Jahren, die man derzeit trotz Omikron immer noch in der Lanxess-Arena anbietet.

Sie, Herr Dr. Nießen, haben ja schon im Dezember lautstark Werbung für die Kinderimpfung gemacht: „Der Start der Kölner Kinder-Impfaktion in der Lanxess Arena ist am Freitag reibungslos verlaufen. Bis einschließlich Dienstag werden dort rund 4000 Dosen des speziell für Kinder dosierten Impfstoffes von Biontech an Fünf- bis Elfjährige verimpft. Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, betonte die Wichtigkeit der Aktion: „Die Kinder sind eine große Bevölkerungsgruppe, bei der die Inzidenz deutlich zu hoch ist. Deswegen ist es unheimlich wichtig, mit den Impfungen zu starten, um insgesamt einfach möglichst viele Menschen zu impfen.“https://www.ksta.de/koeln/lanxess-arena-so-verlief-der-start-der-koelner-kinder-impfaktion-39314860?cb=1645033932697&

Nach wie vor gibt es keine allgemeine Empfehlung der STIKO für die Impfung von Kindern dieser Altersgruppe. Kinder mit einem umstrittenen Impfstoff zu impfen, nur weil die Inzidenz unter Kindern „deutlich zu hoch ist“ und „um insgesamt einfach möglichst viele Menschen zu impfen“, finde ich persönlich furchtbar.

Es ist noch Impfe da, es ist noch Impfe da, wer hat noch nicht, wer will noch mal…

Zum Schluss eine dringende Bitte:

Ich habe die Summe, die die Bundesregierung für die Corona-Impfstoffe bezahlt, auf die Impfung aller Kölnerinnen und Kölner (von 0 bis…) umgerechnet. Bei einer Million Einwohnern wären das 156 Millionen Euro, die wir alle bezahlen! Dagegen sind 1 Million Euro ein Witz. Als kleine Entschuldigung möge die Stadt Köln daher allen 2000 Menschen, denen abgelaufener Impfstoff verabreicht wurde, ein Schmerzensgeld von mindestens 500€ zahlen!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihre Frau Keuner, Köln-Nippes

***

Der liebe Gott am alten Stellwerk – Was ist eigentlich SYNCHRONIZITÄT?

Seit ein paar Jahren erlebe ich immer wieder Erstaunliches, das sich rational nicht erklären lässt. Meine Töchter, die beide Psychologie studieren, haben mir erklärt, dass es sich um Ereignisse handelt, die der Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung (1875-1961), „Synchronizität“ genannt hat. Es ist gut zu wissen, dass es für meine Erfahrungen einen Begriff und eine Erklärung gibt, und vor allem: Dass andere Menschen Ähnliches erleben.

Leider sind die Definitionen, die ich im Netz finde, so abstrakt, dass sie kaum jemand verstehen kann. Die konkreteste ist noch folgende Erklärung im Wikipedia-Eintrag:

Es handelt sich bei der Synchronizität um ein inneres Ereignis (eine lebhafte, aufrührende Idee, einen Traum, eine Vision oder Emotion) und ein äußeres, physisches Ereignis, welches eine (körperlich) manifestierte Spiegelung des inneren (seelischen) Zustandes bzw. dessen Entsprechung darstellt“. https://de.wikipedia.org/wiki/Synchronizität

Diese Definition (in dem ansonsten sehr erhellenden Beitrag zu Synchronizität) sagt allerdings nur den Menschen etwas, die bereits Synchronizitäts-Erfahrungen gemacht haben. Und sie fasst auch nicht das Rätselhafte und Wundersame. Daher möchte ich das Phänomen einfach erklären. Am besten geht das, wenn ich es mit dem Träumen vergleiche: Man stelle sich vor, die Absonderlichkeiten, die wir träumen, passieren wirklich!

Träume können schön sein oder bedrohlich, schlicht oder hochkomplex, banal oder existentiell. Oft halten sie uns den Spiegel vor. Manchmal ertappen sie uns. Träume führen uns mit Personen zusammen, die wir nie treffen wollten. Wir finden uns in liebender Umarmung mit einem Menschen wieder, den wir „in echt“ nicht mögen. Was bedeutet das? Sehnen wir uns insgeheim nach diesem Menschen?

Erstaunlich finde ich immer wieder, dass uns ein Traum keine zusammenhanglosen Bilder serviert, sondern eine sinnvolle und oft klar strukturierte Geschichte erzählt, die ziemlich verrückt sein kann und oft auch überraschende Wendungen enthält. Doch wer oder was erzählt da eine Geschichte? Etwas scheint in uns zu sein, das mehr über uns weiß als wir selber. Keine künstliche Intelligenz, sondern eine wirkliche, eine geheimnisvolle. Wenn wir wieder wach sind, ist der Traum zu Ende. Meistens jedenfalls.

Synchronizitätserlebnisse ähneln Träumen, doch ist das, was in unseren Träumen „nur geträumt“ ist, real. Seltsamkeiten, wie sich sich sonst nur im Traum ereignen, passieren tatsächlich. Berühmt geworden ist eine Geschichte, die C.G. Jung in seiner analytischen Praxis selber erlebt hat.

Eine junge Patientin hatte in einem entscheidenden Moment ihrer Behandlung einen Traum, in welchem sie einen goldenen Skarabäus zum Geschenk erhielt. Ich saß, während sie mir den Traum erzählte, mit dem Rücken gegen das geschlossene Fenster. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, wie wenn etwas leise an das Fenster klopfte. Ich drehte mich um und sah, dass ein fliegendes Insekt von außen gegen das Fenster stieß. Ich öffnete das Fenster und fing das Tier im Fluge. Es war die nächste Analogie zu einem goldenen Skarabäus, welche unsere Breiten aufzubringen vermochten, nämlich ein Scarabaeide (Blatthornkäfer), Cetonia aurata, der gemeine Rosenkäfer, der sich offenbar veranlasst gefühlt hatte, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in ein dunkles Zimmer gerade in diesem Moment einzudringen.“ (zitiert nach wikipedia, s.o.)

Ich persönlich mag Streitgespräche, doch meistens geht es da nur um den Schlagabtausch, während sich die Fronten verhärten. Jeder will gewinnen, ich, wenn ich dabei bin, übrigens auch. (Nebenbei gesagt: In der geschlossenen Gesellschaft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist seit Corona das Denken tabu. Sorgfältig ausgewählte Talkshowgäste führen Scheingefechte, bei denen alle gewinnen, denn die einzelnen Positionen unterscheiden sich nicht wirklich voneinander. Man bestätigt sich gegenseitig und geht gut gestimmt aus der Veranstaltung heraus. Dieser Triumph ist jedoch nur durch die Ausgrenzung Andersdenkender erkauft.)

Erkenntnis jedoch kann nur gewonnen werden, wenn die Gesprächspartner nicht miteinander konkurrieren. Ist die Gesprächs-Situation offen und entspannt, kann gelingen, was der Schriftsteller Heinrich von Kleist (1777-1811) in einem Aufsatz „Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ genannt hat.

So wie in C.G. Jungs Behandlungsraum: Die Patientin erinnert sich an den Traum und bewahrt ihn auf diese Weise davor, dass sie ihn wieder vergisst. Dann nämlich würden seine Bilder und Botschaften wieder ins Unbewusste abgleiten. Während die Patientin ungestört ihren Traum nacherzählt, ins Bewusstsein holt und noch einmal zum Leben erweckt, ist der Therapeut entspannt und gespannt zugleich, er ist ganz Ohr. Das ist nicht ungefährlich, da er an eben dieser Stelle ungeschützt ist. Doch C.G. Jung vertraut seiner Erfahrung und hört auf das Ohr, denn er weiß: Als unser ältestes, erstes, schon in einer frühen Phase unserer pränatalen Existenz hochentwickeltes Wahrnehmungsorgan ist das Ohr das Kontaktorgan und die Pforte zu unserer Innenwelt und dem Unbewussten.

Und es ist wiederum das offene Ohr, das die Klopfgeräusche eines kleinen Käfers vernimmt, dessen ferner Verwandter, der Skarabäus, als Glücksbringer gilt, weil er über telepathische Fähigkeiten verfügt. „Die Bedeutung als Glücksbringer und Schutzsymbol resultiert aus der früheren Annahme, dass Skarabäen das Nilhochwasser angeblich frühzeitig spüren. Die Tiere wanderten weg vom Wasser, tauchten in den Häusern auf und kündigten so den Ägyptern das ersehnte Nilhochwasser an.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Skarab%C3%A4us

Nur gut, dass C.G. Jung den Käfer (im Fluge!) gefangen hat, denn vielleicht wollte der kleine, neugierige Käfer nicht nur in das Zimmer hinein fliegen, sondern in das Ohr des großen Wirklichkeitsdeuters krabbeln. Der außergewöhnlich phantasiebegabte C.G.Jung sagte einmal einen wunderbaren (aus heutiger Perspektive „globalisierungskritischen“) Satz, der oft zitiert werden sollte: „Das einzig lebenswerte Abenteuer kann für den modernen Menschen nur noch innen zu finden sein.“ (C.G. Jung: Der Mensch und seine Symbole.) Dieses abenteuerliche menschliche Innen interessiert natürlich auch einen Käfer. Wie dem auch sei: Was sich da zwischen Therapeut, Patientin und Käfer ereignet, spiegelt nicht nur den Traum der Patientin, sondern hört sich an wie ein Traum. Nur ist es keiner.

Manche Menschen berichten davon, dass sich während eines intensiven Gesprächs mit einem seelenverwandten Menschen plötzlich in der Außenwelt etwas ereignet, das das Gespräch bebildert. Ich kenne das von Telefongesprächen mit meiner jüngeren Tochter, die die Gewohnheit hat, mich anzurufen, wenn sie zu Fuß unterwegs ist.

Ende Mai 2021: Meine Tochter Carla gehört Brexit-bedingt zu den vermutlich letzten Erasmus-Studentinnen in England und wird noch bis Ende Juni 2021 an der „Durham University“ eingeschrieben sein. Während die Lehrveranstaltungen fast alle online stattfinden, werden im Frühjahr 2021 endlich wieder (kostenlose) Uni-Sportkurse angeboten. Das Angebot ist groß- auch für die Erasmus-Studenten, die ja nicht einmal Studiengebühren zahlen. Die bewegungsfreudige Carla würde am liebsten alle Kurse belegen, was natürlich nicht geht. So entscheidet sie sich für Fußball, Tennis, Kanu auf dem Fluss Wear, Volleyball, Badminton und Netball, laut Carla „eine Art Soft- Basketball für Frauen“.

Jetzt ist sie auf dem Weg zum Badminton-Training, das in einer hochmodernen Halle im „Maiden Castle Sports Park“ stattfindet. Da sie das Corona-Test-Ergebnis abwarten muss, hat sie noch Zeit und ruft mich an. Ich sitze gerade am Computer und studiere den Wetterbericht für Durham. „Du hast heute Nebel“, sage ich. „Wann kriegst du dein Testergebnis?“

„Gleich“, sagt meine Tochter. „Aber hier ist es nicht nebelig.“

„Merkwürdig“, sage ich. Wir reden vom Rasenmähen, um das Carla nicht herum kommt, weil es in ihrem WG-Zimmer-Mietvertrag ausdrücklich als Pflicht vermerkt ist, dann von den Krähen, die in Durham anders aussehen als in Köln oder Heidelberg. Währenddessen gucke ich kurz ins Internet und stelle fest, dass das Symbol, das ich im Wetterbericht gesehen habe, tatsächlich „Nebel“ anzeigt. Jetzt wird mir Brillenwerbung eingeblendet. Dafür hat sich laut Wetterbericht der englische Nebel verflüchtigt. Ich klicke den Wetterbericht weg, aber wieder kommt Brillenwerbung.

„Mir werden ständig Brillen eingeblendet“, sage ich zu meiner Tochter. „Was soll ich denn damit? Aber der Nebel hat sich aufgelöst.“

„Sag ich doch“, lacht die. „Aber das ist ja lustig.“

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Im Gras findet meine Tochter eine Brille, die sie im Sport-Center abgibt. Ich beschließe, nicht mehr so oft in den Wetterbericht zu gucken, der neuerdings eh kaum noch stimmt.  Carlas Schatten belegt, dass es in Durham nicht nebelig ist. (Selfie: Carla)   Carla hatte zu dieser Zeit, wie man sieht, gestutzte Fingernägel. Das war den Netball- „Benimmregeln“ geschuldet. Wenn zwei College-Mannschaften aufeinander treffen, kontrolliert die Schiedsrichterin vor dem Spiel die Fingernägel der Spielerinnen. Damit sich die Spielerinnen nicht kratzen können, müssen die Nägel kurz geschnitten sein und dürfen nicht über die Fingerkuppe ragen.

Eine telepathisch-telekommunikative Nabelschnur…

November 2021: Meine Tochter Carla, die Corona-bedingt überwiegend online studiert, ist wieder aus England zurück, zur Zeit aber in Frankreich. Sie ist auf dem Weg zum Bahnhof von Saint-Germain-En-Laye und nutzt die Gelegenheit, mich anzurufen. Wir reden über dies und das, und dann erzählt sie mir etwas, das sie beunruhigt: Sie hat schon mehrere junge Französinnen kennengelernt, die mit dem Militär liebäugeln und von einer Karriere bei der Armee träumen. Carla, die als Fußballerin den spielerischen Zweikampf nicht scheut, ist eine glühende Pazifistin.

Ich necke meine Tochter und erinnere sie daran, dass sie -nachdem sie sich bei einer Werbeveranstaltung in ihrer Schule spaßeshalber in eine Liste eingetragen hatte- eine Zeitlang immer wieder Post von der Bundeswehr bekam.

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Köln-Nippes, Herbst 2020. Eine perfekte Tarnung: S-Bahn im Military-Look. Werbe-Slogan: „MACH, WAS WIRKLICH ZÄHLT. Nach der Schule liegt dir die Welt zu Füßen.  MACH SIE SICHERER.“ Diese offensive Zurschaustellung der Bundeswehr wäre zu Zeiten einer allgemeinen Wehrpflicht  undenkbar gewesen. Doch der Bundeswehr fehlen die Rekruten. Wer geht nach der Befreiung von der Wehrpflicht noch freiwillig zur Bundeswehr? Also muss Werbung her.                       Frühsport und Drill im Dreck konnten die wehrpflichtigen Männer meiner Generation noch abschrecken, werden aber heutzutage den jungen Leuten als Fitness-bzw. Survival- Training  verkauft. So banalisiert man den Krieg. Military Fitness lockt leider auch Frauen an. Die Schlacht -so wird suggeriert- ist eine schweißtreibende Angelegenheit, und zwischen Fitness-Studio und Front besteht kaum noch ein Unterschied.                                                                                                    Mit großem medialen Aufwand startete  die Bundeswehr im Jahr 2015 eine erste bundesweite Werbekampagne. Die junge blonde Frau, die uns in einem kleinen Video vorgestellt wird, wollte eigentlich Lehrerin werden. In der Eingangssequenz wandert sie mit einem Rucksack auf dem Rücken durch eine Alpen-Landschaft. Aber sie ist keine Backpackerin, sondern angehende militärische Führungskraft. Gerade absolviert sie einen freiwilligen Wehrdienst bei den Gebirgsjägern, was sie auf die Idee bringt, sich zur Offizierin ausbilden zu lassen. https://www.welt.de/kultur/video149501137/Mach-was-wirklich-zaehlt.html

Der Krieg lässt Carla und mich nicht los. Da man am Telefon schlecht schweigen kann, reden wir und reden, auch über Carlas Vater, der ein leidenschaftlicher Kriegsdienstverweigerer und überzeugter Zivildienstleistender war. Mit Zivis, die er später unterrichtet hat, hat er Klaus Theweleits „Männerphantasien “ gelesen. Wir reden und reden und landen bei Trump: Eigentlich sind militärische „Übungsflüge“ über Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern verboten. Am Tag nach Trumps Wahl zum Präsidenten der USA sind jedoch „just for fun“ Kampfjets über Köln und auch über die autofreie Siedlung hinweg geflogen. Weil ich zufällig draußen war, habe ich es überhaupt nur mitgekriegt. Scheinbar hat es niemanden interessiert. Gruselig!

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagt meine Tochter und lacht. „Da kommen Panzer angefahren.“

Was gerade noch Gesprächsthema ist, kann schnell Realität werden. Straßenkreuzung in Saint-Germain-En-Laye, Panzer-Transport:

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Ich muss gestehen, dass diese und andere Erlebnisse -kleine Synchronizitäten- mir zunächst nicht ganz geheuer waren. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, denn sie passieren oft und sind zwar rätselhaft, aber (in der Regel!) alltäglich. Meine „Allltagswunder“ sind weder gut noch schlecht, sondern erstaunlich. Um Synchronizität zu erleben, muss man offen sein und darf keine Angst davor haben, verrückt zu werden.

Es ist überlebensnotwendig, dass wir uns und insbesondere unsere Kinder vor den Schreckens- und Horrorbildern schützen, mit denen wir tagtäglich beballert werden, nicht nur im Internet, sondern zunehmend auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Denn diese Bilder machen Angst. Sie besetzen und zerstören nicht nur die Phantasie, sondern verfolgen uns bis in unsere Träume. Ich denke dabei nicht nur an offen brutale Szenen. Erschreckend finde ich den Krimi-Schauplatz Gerichtsmedizin. Auch in den Krimis, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk ausstrahlt, werden „gespielte“ Leichen schamlos zur Schau gestellt. Insbesondere im Münsteraner „Tatort“, der zur besten Sendezeit familienfreundlich daher kommt, werden Krankheit, Mord, Tod und Sterben veralbert und banalisiert.

„Alltagswunder“ können wir nur dann erleben, wenn wir es schaffen, uns die offen oder versteckt brutalen Bilder vom Leibe zu halten. Im Fernsehen meiner Kindheit gab es „Kinderstunde“, „Sendeschluss“ und mediale Verschnaufpausen. Wir Kinder der 1960er Jahre, so behaupte ich, haben noch anders geträumt. Meine Kinder-Alpträume waren so harmlos, dass ich eine Technik entwickeln konnte, mich daraus zu retten und in Sicherheit zu bringen. Praktischerweise hatte ich immer den gleichen Alptraum: In dem kleinen Wäldchen, wo wir Kinder gerne spielen, werde ich von einem Krokodil verfolgt. Dann sage ich mir, dass es in Bottrop keine Krokodile gibt, ziehe mich mit aller Kraft aus dem Traum heraus und wache auf. Der Trick klappt immer noch, auch wenn das Krokodil mittlerweile der Mensch ist.

Manchmal habe ich das Gefühlt, dass ich geneckt werde. Da ertappt mich jemand, ein Schelm, ein Trickster. Der Witzbold hält mir den Spiegel vor und kennt meine Ticks und Marotten. Und er weiß um mein Faible für Zahlen.

Im Sommer habe ich mir zum ersten Mal im Leben ein Auto gekauft. Als ich ein gutes Angebot bekam, schlug ich direkt zu. Es ging nicht anders: In der verkehrten Welt der autoritären Corona-Maßnahmen ist ausgerechnet das Auto (m)ein Freiheits-Gefährt.

Juni 2021: Ich habe das Glück, kurzfristig einen Vormittags-Termin in der KFZ-Zulassungsstelle zu bekommen. Ich habe ein Wunsch-Kennzeichen im Kopf, ein Buchstabenpaar und die zweistellige Hausnummer meines Elternhauses. Ich bin optimistisch, schließlich will ich nicht das beliebte Autokennzeichen K FC plus einer Zahl zwischen 1 und 9999. Diese Kennzeichen sind längst alle vergeben.

Zufällig werde ich an genau den Schalter geschickt, dessen Nummer mit meiner Elternhaus- Nummer bzw. Autokennzeichen-Wunschzahl identisch ist. Das passt, denke ich. Doch leider ist mein Wunsch-Kennzeichen schon vergeben. Übrig sind nur noch drei- und vierstellige Zahlen. Ich habe ein paar tausend Zahlen zur Auswahl. Die Frau hinter dem Schalter ist geduldig. Nach einigem Überlegen entscheide ich mich für eine dreistellige Zahl. Ich bin mir jedoch nicht ganz sicher, ob diese Zahl die richtige ist. Das sollte sich ändern.

Nachmittags gehe im REWE einkaufen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich kaufe, ein paar kleine Teile, aber an den Geldbetrag erinnere mich genau: Die krumme Summe entspricht genau den Zahlen auf meinen Autokennzeichen!

November 2021: Ich schreibe an meinem Blogbeitrag „The Great Health Dictator“, der auch eine Hommage an Charlie Chaplin ist. Auf dem Weg zum Siedlungsladen denke ich darüber nach, dass ich alle Informationen aus dem Internet habe und dass es eigentlich schade ist, kein Buch über Chaplin zu besitzen. Gleichzeitig bin ich froh darüber, denn wir haben zu viele Bücher, außerdem leben in unserem Haus bücherliebende Silberfischchen. Kurz vor dem Geschäft bemerke ich eine „Zu Verschenken“- Kiste. Darin sind zwei gut erhaltene Bücher: Ein Kochbuch und…

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Dass es sich bei meinem Fundstück laut Verlags-Werbung um einen „Sensationsfund“ handelt, finde ich lustig. Ich habe das Buch mit nach Hause genommen, denn Geschenke darf man nicht ausschlagen. 

Blödel-Ölfchen: Klimakommentar des Meisenknödels

Der Januar 2022 ist so mild, dass schon jetzt das Gras wieder wächst. Wie kräftig und saftig -wenn auch spärlich- die Halme mancherorts sprießen, demonstrieren fünf Meisenknödel, die vor dem Nippeser Mehrfamilienhaus Am alten Stellwerk 32 an den Ästen eines Baumes hängen.

Die

Sturmfrisur des

Meisenknödels ähnelt der

des Greisenschädels – O schneemännerloser

Jänner!

***

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Immerhin wurde bei der Herstellung dieses Knödels frischester Grassamen verbacken! Etwas Gutes haben die milden Temperaturen: Fiele auch nur ein bisschen Schnee, würden die Nippeser Kinder kleine Schneemänner bauen, und die Meisenknödel müssten als Köpfchen herhalten. Leider kann ich mich nicht am Grün erfreuen. Wenn der Winter ausbleibt, erfriert das Frühlingserwachen.

Genau vor einem Jahr war in Nippes an den beiden Sonntagen 17.1. und 24.1.2021 etwas Schnee gefallen. Damals „war die Stimmung ausgelassen. Eine Ahnung vom Winter, wie er früher einmal war, ließ viele Menschen die Corona-Zwangsmaßnahmen für eine Weile vergessen.“ https://stellwerk60.com/2021/02/22/schnee-elfchen-tauwettertrotz/

Ich wünsche unseren Kölner Kindern, die (genauso wie die schneeverwöhnten Kinder in Süddeutschland) tagtäglich die geballte Dummheit der öffentlich tonangebenden Erwachsenen ausbaden und seit fast zwei Jahren die Zumutungen einer respektlosen, autoritären Corona-Politik erdulden müssen, viel Schnee, wenn nicht jetzt, dann im Februar!

Dir, Ökohund Freki (vgl: https://stellwerk60.com/2021/05/24/elfchen-im-funften-hunde-brauchen-baume/), wünsche ich den Schnee natürlich auch!

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Das Bad im Schnee  – Berauschend für ältere… Hunde.

Elfchen im Ersten: Das Corona-Sicherheitsdreieck ist da, AHA!

Das

Corona-Sicherheitsdreieck ist

da! Um 93%

senkt es die Ansteckungsgefahr.

AHA!

Während wir uns mittlerweile wieder an den Kassen knubbeln, werden wir in den Supermärkten nach wie vor dazu angehalten, Abstand von- und zueinander zu halten. Im Nippeser Alnatura, wo ich Stammkundin bin, nötigt man uns immerhin nicht mehr, einen Einkaufswagen zu nehmen. Das gefiel mir schon deshalb nicht, weil die Griffe der Wagen für jeden Kunden einzeln frisch desinfiziert wurden und oft klebrig waren.

Noch vor einem Jahr hieß es, der Einkaufswagen sei eine Art Schutzschild und gewähre aufgrund seiner komfortablen Länge den erforderlichen Sicherheitsabstand zum Vordermann bzw. zur Vorderfrau, so dass die Ansteckungsgefahr reduziert werden könne.

Das war albern, denn wir stellten und stellen, kaum sind wir im Laden, den Einkaufswagen irgendwo ab, um zügig zwischen den Gängen hin- und herlaufen zu können. Wer klammert sich schon an den sperrigen Einkaufswagen? Vielleicht der angespannte Karl Lauterbach (falls er sich noch traut, einkaufen zu gehen). Und der auch nur in Sorge um den Einkaufswagen-Chip bzw. den sauer verdienten Euro. Lauterbach sei gesagt: Alnatura stellt die Einkaufswagen chiplos zur Verfügung, da könnte er endlich einmal loslassen.

Auf die Fragwürdigkeit der 1,5 m-Abstandsregel machte am 6. November 2021 eine Gruppe junger Performance- Künstlerinnen aufmerksam. Ausgestattet mit einem selbstgebauten gleichseitigen Corona-Sicherheits-Dreieck, bestehend aus drei hölzernen Leisten von jeweils 1,5 m Länge, wandelten die jungen Frauen schweigend durch den Nippeser Alnatura– Biosupermarkt. Große Kunst zwischen Broccoli, Lauch und Olivenöl!

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Für Unruhe sorgte der unangekündigte Auftritt beim Verkaufspersonal. So wollte eine Alnatura– Mitarbeiterin den Künstlerinnen das Fotografieren verbieten. Dieses Verbieten ist aber meines Wissens verboten, denn in  den videoüberwachten Verkaufsräumen muss es den Kunden erlaubt sein, Fotos zu machen.

Zuvor hatten die Künstlerinnen vergeblich versucht, im benachbarten REWE in den Verkaufsraum vorzudringen. Hier jedoch hatten sich die Gänge als zu eng erwiesen. Der Nippeser Alnatura-Bio-Supermarkt hingegen ist im Sommer 2021 maßnahmengerecht umgebaut worden. Ladenlokal und Verkaufsfläche wurden deutlich vergrößert und die Gänge, wie man sieht, so großzügig verbreitert, dass bei zukünftigen Pandemien die Sicherheitsmaßnahmen zügig umgesetzt werden können. AHA! 

Unpraktisch wäre es, wenn es Gegenverkehr gäbe, wenn zwei Corona-Sicherheitsdreiecke mit jeweils drei an den drei Ecken befestigten Personen einander entgegen kämen. Probleme könnte es auch beim Besuch eines mehrstöckigen Einkaufszentrum geben. Wenn die Personen die Rolltreppe benutzten, könnten sie zwar eine Ecke hochklappen, um nebeneinander zu passen, doch das Nebeneinander würde den Abstand aufheben und so wiederum das Ansteckungsrisiko erhöhen. Außerdem würde die an der hochgeklappten Ecke befestigte Person bei der Aktion in der Luft baumeln! Personen mit Corona-Sicherheitsdreieck sei daher -und man vermeide jeglichen Gegenverkehr!- die Benutzung des Treppenhauses empfohlen.

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Treppenhaus mit pinkfarbenen Wänden im Einkaufszentrum The Galleries, Washington/UK, September 2020.  Doch Vorsicht: Zwei Corona-Sicherheitsdreiecke passen nicht nebeneinander auf die Treppe. (Kleiner Hinweis: Das Treppenhaus war, auch wenn es anders rüberkommt,  gründlich geputzt. Die Flecken auf dem Foto rühren ausschließlich von meiner defekten Kamera her, die ich nach der Reise gegen ein gleiches, aber intaktes Gebrauchtmodell (Ebay) austauschen musste.)

Ich bin mir sicher, dass sich der österreichische Schriftsteller Ernst Jandl an der Performance der jungen Künstlerinnen ergötzt hätte. In Erinnerung an den Rechts-Links-Jongleur und sprachgewaltigen Experten für die Verkehrte Welt schreibe ich daher erneut ein

Ernst Jandl-Gedächtnis-Elfchen:

Mit dem Colona-Dleieck im Tleppenhaus eines noldengrischen Einkaufszentlums

Volsicht:

Was Sichelheit

velschafft, setzt reidel

den Rinksvelkehl außel Klaft!

Volsicht!