Große Kunst: Das Meisterwerk „Allesdichtmachen“ und seine hoffnungsvolle, utopische Botschaft

Vielen Menschen sagt ein untrügliches Gespür für Machtmissbrauch, dass wir mit den staatlichen Corona-Maßnahmen überrumpelt wurden.

Tatsächlich war das interne Strategie-Papier aus dem Bundesinnenministerium zur Eindämmung der Corona-Krise vom 22. März 2020 so etwas wie eine Gebrauchsanweisung für Menschenführung in pandemischen Zeiten. Dieses Schriftstück war eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, aber am 1. April 2020 hatte das gemeinnützige Portal „Frag den Staat“ dankenswerterweise das vollständige, 17 Seiten lange Papier veröffentlicht.  In diesem Papier wurde ein Worst-Case-Szenario entwickelt, das auf Prognosen sogenannter Fachleute aus den Bereichen Medizin, Wirtschaft und Politik beruhte. Vgl.: https://stellwerk60.com/2023/10/31/elfchen-im-zehnten-man-muss/

Auch Gesundheitspsychologen und PR-Spezialisten, die wissen, dass und wie man Menschen mit Drohungen gefügig macht, dürften an der Ausarbeitung beteiligt gewesen sein. So ungeheuerlich es klingt: Uns Bürgerinnen und Bürgern sollte ganz bewusst via “Schockwirkung” Todes-Angst eingejagt werden. Auf der Grundlage dieses Strategie-Papiers, das der Rechtfertigung der völlig überzogenen staatlichen Maßnahmen diente, verpflichtete man uns während der „Pandemie“ -unter Androhung demütigender Sanktionen- zu einem bedingungslosen Gehorsam.

Nur klafften der heraufbeschworene Worst Case und die Realität schon bald auseinander, denn das Virus war bei weitem nicht so bedrohlich, wie man uns weismachen wollte. Doch anstatt sich zu entschuldigen und den eingeschlagenen Kurz zu korrigieren, hielt die Staatsführung geschlossen an ihrer Schreckens-Version fest, was, wie wir wissen, katastrophale Auswirkungen hatte, insbesondere für die Kinder.

Dieses Papier ist durchdrungen von Angst, aber nicht von der Angst vor Corona, auch nicht von der Sorge der Verantwortlichen um die Menschen, sondern von der Sorge der medialen, politischen und wissenschaftlichen Elite um die eigenen, mit nichts mehr zu rechtfertigenden, aber ins Monströse gewachsenen Privilegien.

Gearbeitet wurde bei der Erstellung -fernab jeglicher Moral- mit den Mitteln der „Schwarzen Pädagogik“ (Terminus: Katharina Rutschky). Mit der Liberalisierung der Erziehung und der Abschaffung von körperlicher Züchtigungen, insbesondere der Prügelstrafe, schien die Schwarze Pädagogik überholt zu sein, doch sie kehrt derzeit mit Wucht zurück und hat in der neoliberalen, autoritären Gesellschaft der Gegenwart Hochkonjunktur.

Dabei ist ihr Gedankengut primitiv. Der „Struwwelpeter“, zentrales Werk der Schwarzen Pädagogik, „arbeitet mit simplen Tricks. Wenn die Kinder nicht gehorchen, drohen die schlimmsten Strafen, bis hin zu Verstümmelung oder Tod. Und diese Strafen -das erzählt uns der „Struwwelpeter“- haben sich die Kinder auch noch selber eingebrockt.“ https://stellwerk60.com/2023/01/31/elfchen-im-ersten-der-schneidge-mit-der-scher/ Im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen wurde jedoch nicht „nur“ Kindern mit schwerer Bestrafung gedroht, sondern uns allen.

Doch dann, Ende April 2021, als ich das Gefühl hatte, dass fast alle Mitmenschen Mitläufer oder völlig verblödet sind und dass die Kunst nur noch gefällig ist, als ich die Hoffnung fast aufgegeben hatte, fand ausgerechnet im geldverblendeten Biederland Deutschland etwas statt, womit nicht mehr zu rechnen war: Große Schauspielkunst. Unter dem Hashtag #allesdichtmachen taten sich etwa 50 teils prominente deutschsprachige Schauspieler ♀︎+♂︎, darunter Tatort-Stars) zusammen, brachten eine ganz andere Perspektive ins Spiel und öffneten den Blick für die irrationalen Abgründe der bundesdeutschen Corona-Politik. Initiator war -in Zusammenarbeit mit einigen Schauspielern- der Drehbuchautor und Regisseur Dietrich Brüggemann.

Die dramatische Idee, die als roter Faden die meisten Beiträge durchzieht, ist so einfach wie genial: Die (Selbst)- Darstellung der „Identifikation mit dem Aggressor“ (Terminus: Anna Freud).

Wir kennen die „Identifikation mit dem Aggressor“ vor allem aus dem privaten Kontext: Weil die geschlagene Frau panische Angst hat, hält sie den schlagenden Mann („Wenn ich nur wollte, könnte ich dich töten, aber ich schone dich, also sei lieb zu mir…“) bei Laune. Um ihn nicht noch mehr zu verstimmen, sagt sie JA , macht ihm Geschenke, lächelt, schweigt, nimmt ihn nach außen in Schutz, bedient ihn und opfert ihm ihre physische und psychische Gesundheit.

Während der „Pandemie“ wurde uns permanent die Identifikation mit dem Aggressor abverlangt, ein freudvolles JAWOLL zu den autoritären Zumutungen, auch zu den meines Erachtens körperverletzenden medizinischen Maßnahmen Maskenpflicht, Corona-Tests und Impfung.

In ihren kurzen Videos führen die Akteure kein Stück des Absurden Theaters auf, sondern -satirisch überspitzt- ihr eigenes Leben vor, das mit der „Pandemie“ ins Absurde abgerutscht ist. In den etwa ein- bis zweiminütigen Spots stellen sich die Akteure kurz namentlich vor und erzählen uns ihre Corona-Geschichte.

Als ein schönes Beispiel sei das Video der Schauspielerin Nadine Dubois genannt. Nadine Dubois steht vor einer weiß getünchten Wand, einer weißen Gardine. Weiß ist auch das ärmellose Hemd, das sie trägt. Wir hören sanfte, beruhigende Musik und Vogelgezwitscher. Nadine Dubois sagt: „Hallo… Ich bin Nadine Dubois, ich bin Schauspielerin, und ich schütze mich und andere, indem ich zu Hause bleibe. Das kann ich mir zum Glück leisten. Es gibt ja auch für alles Lieferdienste. Die kommen dann hier her und bringen mir Sachen, damit ich nicht raus muss. Und es gibt zum Glück die Müllabfuhr und Wasser und Strom… So viele Menschen da draußen krempeln die Ärmel hoch und packen mit an, damit ich hier sitzen und andere schützen kann… Das finde ich gut. Nicht gut finde ich, wenn diese Menschen dann am Wochenende rausgehen aus ihren kleinen, dunklen Wohnungen und sich in den Park setzen. Dann gehe ich auf meinen Balkon, mache davon Fotos und schreibe auf Twitter, dass sie schrecklich egoistisch sind… Und dann gehe ich auf meine Dachterrasse, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und fühle mich gut, weil ich mich und andere schütze… Bleiben Sie gesund und machen Sie’s genauso.“

Text und Darstellung sind großartig. Ein Kunstgenuss! Unbedingt angucken: https://www.youtube.com/watch?v=9_8qOybNDoU

Vermutlich hatten sich die Schauspieler erhofft, verstanden zu werden (auch von den politisch Verantwortlichen), wachzurütteln und Beifall zu bekommen. Das war naiv, doch ohne Naivität wäre diese wunderbar kompromisslose Ensemble-Arbeit wohl nie entstanden oder harmlos ausgefallen. Die Öffentlichkeit hatte nicht die Größe, sich auseinanderzusetzen. Autoritäre Charaktere machen gerne biedere Scherze, aber sie können nicht über sich selber lachen.

So waren die Reaktionen überwiegend böse. Medien und Politik konterten -ohne dass man sich tiefer auseinandersetzte- mit den immergleichen 08/15 – „Argumenten“. Den Akteuren wurde vorgeworfen, Coronaleugner zu sein und der AFD nahe zu stehen. Das war aggressiv und völlig aus der Luft gegriffen, ebenso wie der Vorwurf, die Schauspieler hätten kein Mitgefühl für die Todkranken auf den überfüllten Intensivstationen, die es -nebenbei gesagt- nie gegeben hat (bis auf ein paar Ausnahmen in Ostdeutschland), was die Gesundheitspolitiker damals schon wussten, aber wohlweislich verschwiegen haben.

Eine der aggressivsten Reaktionen, die wohl höhnisches Gelächter ernten sollte, kam von Adolf Winkelmann. „Der Dortmunder Regisseur Adolf Winkelmann bezeichnete die Aktion gegenüber den WDR als „überflüssig“. Sie verwundere ihn aber nicht. „Das sind ja Schauspieler, die wir kennen und die uns immer Texte von klugen Autoren vortragen“, sagte er. „Das, was da jetzt im Netz steht, passiert, wenn man Schauspielern das Drehbuch wegnimmt.“ https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/alles-dicht-machen-corona-kritik-kampagne-100.html

Es ist kein Zufall, dass es nicht Literaten oder bildende Künstler waren, die den Hashtag #allesdichtmachen kreierten, sondern Schauspieler. Gute Schauspieler lernen ja nicht nur den Text auswendig. Sie besitzen eine besonders große Menschenkenntnis, denn sie betrachten die Figuren nicht nur, sondern verkörpern sie und müssen, wollen sie deren Innenwelt begreifen, mit Haut und Haar in sie schlüpfen. Sie verleihen ihr ihre Stimme, ihre Sinne, ihre Bewegungen und ihre Verstand. Gute Schauspieler haben ein Gespür dafür, was zwischen den Personen passiert, für Macht und Ohnmacht, dafür, wie Menschen fertiggemacht und gedemütigt werden.

Wohl alle kennen eines der größten dramatischen Kunstwerke in deutscher Sprache, das Fragment „Woyzeck“ von Georg Büchner. Es erzählt die Geschichte des Soldaten Woyzeck, der erniedrigt, getreten, betrogen und am Ende hingerichtet wird, weil er die tötet, die ihm die Nächste ist, seine Geliebte. Gedemütigt wird Woyzeck auch als Opfer eines brutalen medizinischen Menschenversuchs, der nicht nur dramatische Fiktion ist, sondern unter der Leitung des Chemikers Justus von Liebig (1803-1873) im Jahr 1833 tatsächlich stattgefunden hat. „Ein berühmter Neurologe war Zeuge des wohl ersten Experiments zur Frage, ob Hülsenfrüchte Fleisch ersetzen können. Nach seiner Schilderung musste der Proband drei Monate lang Erbsbrei essen – und nichts als Erbsbrei. Der kommerzielle Hintergrund der Studie: Gelänge es teures Fleisch durch Trockenerbsen zu ersetzen, so könnte man das Militär und das Proletariat viel billiger verköstigen.“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/im-erbsenwahn-100.html

Dem Autor des DLF-Beitrags „Im Erbsenwahn“ verdanke ich ein Aha-Erlebnis. Udo Pollmer schreibt: „Versuche am Menschen waren damals normal. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Ernährungsfragen am Tier zu testen – gab es doch genug Menschen, die entweder aus Armut mitmachten oder die dazu gezwungen werden konnten. Der Tierversuch kam erst auf, als das Leben eines Menschen mehr Wert hatte als das Leben einer Ziege.

Was heißt das für die Jetztzeit? Schließlich sind Menschenversuche wieder Gang und Gebe. Das bedeutet aber nicht, dass das Leben eines Nutztiers wieder mehr Wert hat als das Leben eines Menschen. Es bedeutet vielmehr, dass vor einer immer weiter in die Irre abdriftenden Wissenschaft alle Kreaturen, Mensch und Tier, gleich (=gleichgeschaltet) sind.

Um Woyzecks Innenwelt zu bebildern, lässt Büchner „die Großmutter“ draußen vor der Tür den Kindern ein Märchen erzählen.

Es war einmal ein arm Kind und hat kei Vater und keine Mutter war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum. Und wie’s zu den Sterne kam, warn’s klei golde Mücken, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und gerrt, und da sitzt‘ es noch und ist ganz allein.“

Dieses Märchen, das vom Sterntalermärchen inspiriert ist, ist absolut trostlos. Während das Mädchen im Sterntalermärchen selbstlos handeln kann, weil es an Gott glaubt, hat das Kind im „Woyzeck“ nicht nur beide Eltern verloren, sondern Glaube, Liebe und Hoffnung. (Der reale Soldat Johann Christian Woyzeck (1780-1824), Vorbild für die Dramenfigur, musste mit acht Jahren den Tod der Mutter und mit 13 Jahren den des Vater verkraften.)

Heutzutage würde Büchner die Geschichte anders erzählen. Das Kind kommt in die staatliche Fürsorge, wird eingekleidet, ernährt, medizinisch betreut. Es weiß nicht, dass es keine Eltern mehr hat.

Lächele, dann lächeln die Leute zurück. DU BIST NICHT ALLEIN. Und sollte einmal ein arm Kind sagen, dass der Mond „ein Stück faul Holzist, nimm es nicht ernst, es hat nur schlecht geträumt. DU BIST NICHT ALLEIN. Du kannst dir einen neuen Mond kreieren, kauf dir neue Materialen und…

Und sollte man dir erzählen, dass die Erd ein umgestürzter Hafen ist, dass die Meere wärmer werden und über die Ufer treten, dann darfst du das nicht glauben. DU BIST NICHT ALLEIN. Kauf dir ein Ticket für die weite Welt, setz dich in den Flieger und…

Der Schutz des Kinderglücks vor dem staatlichen Zugriff – Wie die schwedischen Grundschulen unbeabsichtigt zur Corona-„Kontrollgruppe“ wurden

Im Frühjahr 2021 wurden die staatlichen Corona-Maßnahmen weiter verschärft. Die bundesdeutsche Obrigkeit verordnete uns nicht nur Masken, sondern drang immer weiter in unsere Körper vor. Unsere Bäuche – so mussten wir realisieren- gehörten uns nicht mehr. Zum Jahreswechsel 2020/21 begann man weltweit mit der Corona- Impfung älterer Prominenter. Nachdem Netanjahu im Dezember 2020 heldenhaft den Anfang gemacht hatte („Eine kleine Spritze für einen Mann und ein großer Sprung für die Gesundheit von uns allen“), folgten u.a. Queen Elizabeth (Januar 2021), Didi Hallervorden (Januar 2021), Papst Franziskus (Januar 2021) und das schwedische Königspaar Carl Gustav und Silvia (Januar 2021).

Carl Gustav hatte kurz zuvor in seiner Weihnachtsansprache den schwedischen Sonderweg, der auf Eigenverantwortung der Menschen anstatt auf staatliche Restriktionen setzte, radikal in Frage gestellt.

In der Ansprache, die am kommenden Montag in voller Länge ausgestrahlt werden soll, nannte der König die Corona-Strategie des Landes „gescheitert“. Er beklagte eine „hohe Zahl von Toten, und das ist schrecklich“. Eine solch politische Einmischung des Königs und dann noch in dieser Schärfe ist für das Land ungewöhnlich. Schwedische Kommentatoren nahmen sie als weiteres Zeichen für den Ernst der Lage.“ khttps://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-schweden-koenig-1.5151678

In dieser Rede fällt -soweit ich das einschätzen kann- kein Wort zu den Kindern. Das Herzstück des schwedischen Sonderwegs bleibt in der Ansprache unerwähnt. Wir erinnern uns: Schwedische Kindertagesstätten und Grundschulen (das sind in Schweden Gesamtschulen bis Klasse 9) blieben während der gesamten „Pandemie“ offen. Dass Carl Gustav diese Tatsache in seiner Weihnachtsansprache unerwähnt lässt, ist unverzeihlich. Er hätte dem mutigen und besonnenen Chef-Virologen seine Anerkennung aussprechen und sich bedanken müssen. Meiner Meinung nach müsste man Anders Tegnell den Medizin-Nobelpreis verleihen.

O-Ton SWR, Rede Carl Gustav:

Carl Gustav hätte dem mutigen und besonnenen Chef-Virologen seine Anerkennung aussprechen und sich bedanken müssen. Meiner Meinung nach müsste man Anders Tegnell den Medizin-Nobelpreis verleihen.

Natürlich war die Entscheidung des Virologen klar durchdacht und abgesichert. Schon zu Beginn der „Pandemie“ hatten Studien, die sich mittlerweile längst bewahrheitet haben, die Vermutung nahegelegt, dass Kinder weder schwer erkranken noch maßgeblich zum Infektionsgeschehen beitragen. Ich weiß noch, dass ich vor Freude geweint habe, als ich einen Beitrag auf spiegel.online las: https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-kinder-infizieren-sich-offenbar-genauso-haeufig-werden-aber-nicht-krank-a-72e2a605-5865-4d23-81b1-c1c4f453d659

So wurden die schwedischen Grundschulen -ohne dass es beabsichtigt gewesen wäre- während der „Pandemie“ zu einer Art „Kontrollgruppe“. Denn im Vergleich realisierten wir, dass die Kinder der schwedischen „Kontrollgruppe“ nicht schwerer und häufiger erkrankten, dass sie keinerlei Nachteile hatten, sondern weitgehend das große Glück des normalen Alltags (inklusive Sport, Schwimmen, Spielen, Freunde treffen) genießen konnten.

Angesichts dessen wirkt nahezu grotesk, was deutsche Kinder haben erdulden müssen: „Die rund elf Millionen Schülerinnen und Schüler im Land hatten seit Beginn der Pandemie bis zu diesem Frühjahr im Schnitt an mehr als 180 Tagen sogenanntes Homeschooling, Wechselunterricht oder andere Unterrichtsformen, weil Schulen zu oder nur zum Teil geöffnet waren. Das sind 67 Prozent der rund 270 Schultage im untersuchten Zeitraum zwischen Januar 2020 und 20. Mai 2021.https://www.merkur.de/politik/oecd-mehr-als-180-tage-gestoerter-unterricht-in-corona-zeit-zr-90985918.html

Und selbst als man im Frühjahr 2021 die Schulen wieder zum Präsenz- bzw. Wechselunterricht öffnete, war die neue Freiheit schwer erkauft. Etwa zeitgleich mit den kostenlosen Bürgertests, die wir letztendlich alle teuer bezahlt haben, wurden in NRW Selbsttests für Schülerinnen und Schüler verpflichtend, natürlich „kostenlos“:

Bilanz nach der Corona-Zeit in Schulen und Kitas: 3,5 Milliarden Euro für Schnelltests, die man hätte besser investieren können, so die Kritik der Partei „Lobbyisten für Kinder“. Viele Tests liegen noch in den Depots der Bundesländer. Die Summen kamen demnach zwischen März 2021 und Sommer 2022 der Corona-Zeit zustande. Das Infektionsschutzgesetz des Bundes hatte es den Ländern ermöglicht, anlasslos Kinder und Beschäftigte in Schulen und Kitas auf das Coronavirus testen zu lassen.“ (Fettung von mir) https://www.welt.de/politik/deutschland/article247420370/Pandemie-Folgen-Mehr-als-3-5-Milliarden-fuer-Corona-Tests-in-Schulen-und-Kitas.html

So viel zu den ökonomischen Folgen. Nicht wirklich messbar sind die Folgen der psychischen Verwundungen, die den Kindern zugefügt wurden.

Weil Ich nach wie vor nicht fassen kann, wie der medizinische Eingriff PCR-Test banalisiert wird, habe ich -zur Erinnerung- größere Teile aus meinem Blog-Beitrag vom 30.6.2022 kopiert und hier eingefügt. https://stellwerk60.com/2022/06/30/in-dem-moment-als-karl-lauterbach-mit-dem-aufzug-steckenblieb-bekam-ich-corona/:

Die deutsche Gründlichkeit machte nicht einmal vor Kleinkindern halt. Unten stehende Info-Grafik, die demonstriert, wie ein Abstrich für den PCR-Test genommen wird, wurde gleich zweimal -zur Bebilderung zweier verschiedener Artikel- in der „Apotheken-Umschau“ veröffentlicht, im November 2020 und im Juni 2021. https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/infektionskrankheiten/coronavirus/corona-nachweis-die-testverfahren-im-ueberblick-724147.html

Mithilfe moderner Info-Grafiken werden heutzutage komplexe medizinische Themen bildlich dargestellt, damit sie auch für den Laien verständlich sind, doch viele dieser Bilder sind verstörend und schamverletzend. Sie werfen einen fragwürdigen Blick in Körperinnenräume und manipulieren unsere Wahrnehmung. Hier wird der unangenehme, tief in den Kopf eindringende Abstrich für den PCR-Test banalisiert und der Eingriff zu einer Lappalie heruntergespielt:

P1080151

Eine grenzüberschreitende Abbildung eines grenzüberschreitenden Eingriffs. Medizinisch legitimiert dringt „der Arzt“ mit dem „Stäbchen“ in ein Kind ein…  So tief, bis es nicht mehr weiter geht: Bis zum Anschlag. Auf der Grafik bleibt „der Arzt“ unsichtbar, was den Vorgang umso unheimlicher macht. Wir sehen Marie (wie ich sie nenne), ein tapferes, gehorsames, allzeit bereites  PCR-Mädel. Marie, die mich an die  beliebte Mädchen-Comic-Figur „Conni“ erinnert („Conni lernt Radfahren“, „Conni macht Mut in Zeiten von Corona“…), gibt es nicht wirklich, denn Marie ist am Computer entworfen.  Zunge, Gaumen und Rachen sind farblich abgestimmt auf Maries rosafarbenes Hemdchen und das hellrote Haarband. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet, sie schaut fast versonnen. Ihr zartes Köpfchen ist wie gemacht für den Abstrich.                                                         Ich finde diese Grafik entsetzlich. Für kleine Kinder sind Abstriche für den PCR-Test eigentlich unzumutbar, zumal ihnen Corona kaum etwas anhaben kann. Aber auch durch weniger invasive Abstriche, wie sie routine- und regelmäßig an den Schulen durchgeführt wurden, erleiden Kinder seelische Verletzungen, psychische Mikro-Traumata, die Narben hinterlassen.                                         Diese Info-Grafik ist nicht nur widerlich, sondern untergründig pornografisch – unter dem Deckmantel der Medizin. Ich stelle mir gestörte Männer vor, deren sadistisch-perverse, voyeuristische Gelüste hier Nahrung finden und auf einen Klick immer wieder neu angestachelt werden: Aufgespießt. Auch wenn die Grafik zweckdienlich ist,  finde ich, dass sie aus dem Netz genommen werden müsste. Solche Bilder sind gefährlich.

…“

Die Info-Grafik suggeriert, dass der menschliche Hals-Nasen-Ohrenbereich wie geschaffen ist für den PCR-Test. Das klingt praktisch, ist aber irreführend und kaschiert die Brutalität des medizinischen Eingriffs. Da Corona Kindern nicht viel anhaben kann, war der routinemäßig (bei positivem Ergebnis des Schnelltests) durchgeführte PCR-Test eine schwere Körperverletzung. Corona (insbesondere die Omikron-Variante) ist für Kinder harmlos!

Warum war Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nie in der Lage, eine mehr als nur oberflächliche Selbstkritik zu üben und Fehler einzugestehen? Warum hat er nie nach Schweden geschaut, wo die Grundschulen nie geschlossen waren, es aber keinen dramatischen Corona-Ausbruch gegeben hat? Warum hat er nie den Versuch unternommen, Schul-Kindern nicht nur per Impfspritze (was ich als absolut grenzüberschreitend empfunden habe!), sondern mitfühlend nahe zu kommen? https://stellwerk60.com/2021/12/28/wie-suess-oezlem-tuereci-biontech-malt-ein-kleines-herzchen-in-das-goldene-buch-der-stadt-koeln-gedanken-zum-fest-der-unschuldigen-kinder/

Karl Lauterbach -und das macht ihn gefährlich- hat sich während der „Pandemie“ krampfhaft an ein Papier geklammert, das zur Richtschnur der Maßnahmen-Politik der Bundesregierung werden sollte und der Rechtfertigung völlig überzogener Maßnahmen diente. Im Panik machenden, ein Worst-Case-Szenario heraufbeschwörenden „Strategiepapier des Bundesinnenministeriums“ mit dem Titel „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“ heißt es zu den Kindern:

„‚Kinder werden kaum unter der Epidemie leiden“: Falsch. Kinder werden sich leicht anste-
cken, selbst bei Ausgangsbeschränkungen, z.B. bei den Nachbarskindern. Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.'“
https://fragdenstaat.de/dokumente/4123-wie-wir-covid-19-unter-kontrolle-bekommen/

Hier wird die Wirklichkeit grotesk verzerrt. Lauterbach macht mir Angst. Und ist unserem Bundesgesundheitsminister überhaupt zu trauen, wenn er noch im August 2022 ungestraft vor der „Durchseuchung einer ganzen Generation“ (der Kinder) hat warnen dürfen?

13.12.2023: Vierter digitaler Stolperstein – „Medizin ohne Menschlichkeit“ (Alexander Mitscherlich)

Zur Erinnerung an meine Großmutter Steffi veröffentliche ich an dieser Stelle ein viertes Mal nach 2020, 2021 und 2022 einen digitalen Stolperstein.

Digitaler Stolperstein: Voller Entsetzen über die Brutalität politisch legitimierter medizinischer “Maßnahmen” erinnere ich mich in tiefer Trauer an meine nie gekannte liebe Großmutter Stephania (“Steffi”) Wilczok geb. Tkaczik, geboren am 19.3.1898 in Ludgierzowitz/Hultschin, tschechisch Ludgerovice, polnisch Ludgierzowice, aufgewachsen in Bottrop/Ruhrgebiet. Katholikin, Mutter von fünf Kindern. Diagnose: “manisch-depressiv”. “Verstorben” am 13. Dezember 1933 auf der psychiatrischen Station eines Essener Krankenhauses, elf Tage vor dem christlichen Familienfest Weihnachten. Offizielle Todesursache: “Kopfgrippe”

Die genaueren Hintergründe habe ich vor zwei Jahren beschrieben. https://stellwerk60.com/2021/12/13/13-12-2021-digitaler-stolperstein-zur-erinnerung-an-meine-grossmutter-steffi/.

Die kalte, rationale Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten zielte auf die totale Beherrschung der Menschen, ihrer Körper und ihrer Seelen. Das konnte nur gelingen, indem man in den Schutzraum Familie eindrang und Schwangerschaft und Geburt zur Sache des Staates machte. Die Mutter-Kind-Intimität musste reguliert und die Mutterliebe verstaatlicht werden. Dabei spielten die Nazis ein perfides Doppelspiel. Während man die „erbgesunde“ Mutterschaft sentimental verklärte, trieb man die „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ systematisch voran. Nur „erbgesunde Frauen“ sollten Kinder zur Welt bringen, gesunde, wehrtaugliche Söhne, Nachschub für Hitlers Wehrmacht. 

Das Mutterkreuz, mit dem Frauen ausgezeichnet wurden, die vier und mehr Kinder bekamen, war Teil der NS-Kriegspropaganda. Am 16.12.1938, kurz vor dem letzten „Friedens-Weihnachten“, hatte Adolf Hitler den Orden publikumswirksam gestiftet, nicht zufällig knapp neun Monate (!) vor dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1.9.1939 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Mit pathetischen Worten bedankte sich Hitler bei den Müttern, die sich geehrt fühlten und noch nicht ahnten, dass die Nazis sie zwingen würden, ihre Söhne zu opfern: „Als sichtbares Zeichen des Dankes des Deutschen Volkes an kinderreiche Mütter stifte ich das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter.“

Meine psychisch kranke Großmutter Steffi ist schon im Jahr der „Machtergreifung“ getötet worden, kurz bevor am 1. Januar 1934 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft trat. Dass „erbkranke Mütter“ schon im Jahr 1933 in der Nazi-Psychiatrie umgebracht wurden, mögen selbst kritische Historiker kaum glauben, aber es ist anzunehmen, dass einzelne psychisch schwer gestörte Mediziner der infernalischen Versuchung nicht widerstehen konnten und bereits im Vorfeld probegehandelt haben. Das Gesetz aus dem Jahr 1933 „erlaubte“ zwar „nur“ die Sterilisation und nicht die Tötung psychisch kranker Menschen, aber es hat -so kann man im Nachhinein sagen- die Hemmschwelle herabgesetzt und den Weg zur Euthanasie geebnet.

Im Oktober 1939, als die Nazis längst mit der Massentötung behinderter Kinder begonnen hatten, erließ Hitler die Anordnung zur Ausrottung „lebensunwerten Lebens“, die auch zur Ermordung erwachsener Patienten aufrief und in die Aktion T4 mündete, bei der rund 70.000 Menschen ermordet wurden. „Insgesamt sterben im Rahmen der Krankenmorde rund 200.000 Menschen.“ https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Euthanasie-Die-Rassenhygiene-der-Nationalsozialisten,euthanasie100.html Der Auftrag zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ war der einzige, den Hitler je persönlich unterzeichnet hat. Offenbar war ihm die Vernichtung psychisch kranker und behinderter Menschen eine, wenn nicht die Herzensangelegenheit.

Wann mein Großvater Karl seine Kinder über die „Ursache“ des Todes ihrer Mutter aufgeklärt hat, ist mir nicht bekannt. Ich denke, dass er, um seine Kinder zu schützen, ihnen lange Zeit die Wahrheit verschwiegen hat. Glücklicherweise hatte die Familie mitfühlende nahe Verwandte und wurde nach Kräften unterstützt. Gut aufgehoben waren die Geschwister auch in der Kirchengemeinde von St.Joseph in Bottrop-Batenbrock, wo mein Vater Ernst von 1932 bis 1941 Messdiener war.

St. Joseph in Bottrop verbinden viele Menschen mit dem Namen Bernhard Poether. Poether war im April 1939 als Priester nach St. Joseph gekommen, einer Gemeinde im Bottroper Stadtteil Batenbrock, wo viele Bergarbeiterfamilien lebten. In Krakau hatte er Polnisch und Russisch gelernt, so dass er sich mit den polnisch-stämmigen Menschen in ihrer Muttersprache verständigen und Seelsorge leisten konnte. Allerdings war die Polenseelsorge (wie die bedingungslose Menschenliebe überhaupt) den Nazis ein Dorn im Auge. „Die NS-Propaganda forcierte ab Frühjahr 1939 die in großen Teilen der deutschen Bevölkerung vorhandenen antipolnischen Ressentiments. Im August 1939 berichteten Zeitungen und Rundfunk fast täglich über angebliche polnische Grenzverletzungen und Gewaltakte an der in Polen lebenden deutschen Minderheit. Der Überfall auf Polen sollte so als „gerechte Strafaktion“ für die Provokationen erscheinen.https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/ueberfall-auf-polen-1939.html Doch die Gewalttakte von Polen gegenüber Deutschen waren erfunden, eine infame Schuldzuweisung und folgenreiche Propaganda-Lüge.

Am 1. September 1939 wurde mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs die Polenseelsorge verboten. Als sich Bernhard Poether dennoch weigerte, die Polenseelsorge zu unterlassen und weiterhin polnischen Christen die Beichte abnahm, wurde er als „Staatsfeind“ verhaftet. Man brachte ihn nach seiner „Untersuchungshaft“ im Bottroper Gefängnis „erst in das KZ SachsenhausenWP und 1941 ins KZ DachauWP, in das zu dieser Zeit alle inhaftierten Priester verlegt wurden. Hier starb Bernhard Poether an den Folgen körperlicher Misshandlungen und Hunger im August 1942.“ https://wiki.muenster.org/index.php/Bernhard_Poether

Bernhard Poether setzte sich auch für festgenommene polnische Katholiken ein. „ ‚Im Gefängnis habe Poether freikommen können‘, sagt Ewald Spieker. ‚Man hat ihn damals gefragt: Wenn sie einem von zwei Menschen helfen könnten, wem würden Sie helfen, dem Polen oder dem Deutschen?‘ Seine Antwort zeugt von großer Unerschrockenheit und Stärke: ‚Ich würde dem helfen, der die Hilfe am nötigsten braucht.'“ https://www.ikz-online.de/staedte/bottrop/er-starb-weil-er-den-polen-beistand-id9844791.html

St. Joseph in Bottrop. Mein Großvater Karl, der als Bergmann auf der Bottroper Zeche Prosper III arbeitete, hatte nur an einem Sonntag im Monat frei. Es war für ihn kaum erträglich, dass er nach dem Tod seiner Frau nur selten die Möglichkeit hatte, gemeinsam mit den Kindern die Sonntagsmesse zu besuchen.

Elfchen im Elften: Der dreibeinige Hund

Am Tag vor Allerheiligen hatte ich eine schöne Begegnung mit einem dreibeinigen Hund: Lebhaft, blond gescheckt, drahthaarig, freundlich und beweglich. Obwohl ihm ein Hinterbein fehlte, hatte der Rüde einen ausgezeichneten Gleichgewichtssinn. Leicht fiel es ihm nicht, die richtige Position zum Pinkeln zu finden. Er hüpfte auf der Stelle, doch irgendwann drückte er sich an eine Hecke und hob das nicht mehr vorhandene rechte Bein.

Seine junge Besitzerin war gut gestimmt. Ich dachte an unseren vor einem Jahr im Alter von knapp 13 Jahren verstorbenen Familienhund Freki, der irgendwann zu schwach war, das Bein zu heben, und sich zum Pinkeln nur noch hinhockte. Ich hatte mit dem dreibeinigen Hund kein Mitleid, denn er litt nicht, sondern freute sich des Hundelebens, was wohl auch an seinem heiteren „Frauchen“ lag. Mir kam ein Satz, den ich zu einem traurig wirkenden Menschen nicht gesagt hätte: „Manchmal ist es praktisch, nur noch drei Beine zu haben.“ Zu meiner Erleichterung lachte die junge Frau und sagte: „Manchmal macht er sogar Handstand.“

Wir unterhielten uns noch eine Weile. Der Hund war vor zwei Jahren zu seinem „Frauchen“ gekommen. Er hatte in Portugal auf der Straße gelebt und war bei einem Autounfall schwer verletzt worden. Ein lieber zehnjähriger Hund, dem es auf der Straße gut gegangen sein muss und der das große Glück hatte, nach dem schrecklichen Unfall tierärztlich versorgt, gesundgepflegt und genau an den Menschen vermittelt zu werden, zu dem er gehörte.

Als wir uns verabschiedeten, sagte die Frau: „Sie dürfen den auch streicheln.“ „Gerne“, sagte ich, was nicht ganz stimmte. Ich hatte, obwohl ich dem Hund nur meinen Handrücken zum Beschnüffeln reichte, dem verstorbenen Freki gegenüber ein furchtbar schlechtes Gewissen. Es fühlte (und fühlt!) sich an wie Fremd(Gassi)gehen.

Lieber Freki, ich widme dir mein Elfchen des Monats November. Ich bin einem Hund begegnet, der mich beeindruckt hat, denn er hat nur drei Beine, kann aber immer noch markieren. Wie du hörst, handelt es sich um einen Rüden (pardon!). Und es ist dein ehemaliges Revier, das er markiert. Für mich ist dieser dreibeinige Rüde wie dein Sohn, denn er ist ein echtes Stehaufmännchen bzw. ein Stehaufrüde – wie du.

Hundewunder der unfreiwilligen Dreibeinigkeit:

Dann

und wann

trifft man den

dreibeinigen Rüden im Handstand

an

Zwei Tage später wurde mir von change.org eine Petition zugespielt: Tiermediziner:innen für echten Tierschutz! Schlachthofpraktikum beenden. Vor Jahren hatte es schon einmal eine Petition zu genau dem Thema gegeben, die aber versandet war, weil nur wenige Menschen unterschrieben hatten. Die aktuelle Petition hat mehr Aussicht auf Erfolg, denn sie wurde von einem prominenten Tierarzt gestartet, dem YouTuber und ARD-Tierexperten Karim Montasser („Die Haustierprofis“) .

Der Hintergrund: Wer Tiermedizin studiert, muss ein dreiwöchiges Praktikum in einem Schlachthof absolvieren. Die Petition fordert aber nicht nur die ersatzlose Streichung des verpflichtenden Schlachthofpraktikums, sondern formuliert Alternativen: „Stattdessen sollte es durch Praktika ersetzt werden, die auf den Schutz und die Pflege von Tieren ausgerichtet sind.“

https://www.change.org/p/beenden-sie-das-verpflichtende-schlachthofpraktikum-im-studium-der-veterin%C3%A4rmedizinstudium?signed=true

Ich habe dann die Petition unterschreiben, einen kleinen Obolus entrichtet und einen Kommentar verfasst: Dieses Praktikum ist ein brutaler Kniefall vor der Massentierhaltung und entwürdigt uns alle: Mensch und Tier. Viel sinnvoller wäre z.B. ein Praktikum auf einer Auffangstation für verletzte Wildtiere.

Auf die Auffangstation für Wildtiere bin ich deshalb gekommen, weil wir vor ein paar Jahren einmal eine positive Erfahrung mit der tierärztlichen Versorgung eines Wildtiers gemacht haben. Meine Tochter hatte zusammen mit einer Freundin am Rand der autofreien Siedlung nahe der S-Bahn einen verletzten Igel gefunden, der am Bauch eine infizierte Fleischwunde hatte. Der Igel war nicht mehr in der Lage, sich einzurollen, aber er trank gierig das Wasser, das die beiden ihm vorsetzten. Nachdem sie sich per Internet kundig gemacht hatten, betteten die Freundinnen ihn in einen mit einer Decke ausgekleideten Karton und brachten ihn zu einer Braunsfelder Tierarztpraxis, in der verletzte Wildtiere versorgt und nach erfolgreicher Behandlung wieder ausgesetzt werden. Die Behandlung ist für die Menschen, die ein verletztes Tier vorbeibringen, kostenlos, aber eine Spende ist herzlich willkommen. https://www.vetzentrum-koeln.de/wildtiere/

Während ich auf dem Sofa sitzend die Petition kommentierte, hörte ich in dem Moment, als ich die Wörter „Auffangstation für verletzte Wildtiere“ schrieb, einen dumpfen Knall: Eine Taube war von einer Windbö erfasst und an die Scheibe der Terrassentür geworfen worden. Glücklicherweise blieb das Tier unverletzt, machte nicht einmal eine Verschnaufpause und flog direkt weg. Ein Zufall?

An diesem 2. November war es in Köln stürmisch mit einzelnen Böen bis zu 60 km/h. Ein paar Tage später wollte ich wissen, wie stark es den äußersten Westen der Bretagne getroffen hat, das Département du Finistère, wo ich mit meinen beiden Töchtern im Sommer Urlaub gemacht habe.

Tendenziell schwächte sich der Sturm am 1. und 2. November nach Osten hin ab. Doch selbst in Tregunc, also in einer Entfernung von knapp 80 km zum westlichsten Punkt der Bretagne, der Pointe du Raz, gab es Windböen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 142 km/h.

Die Menschen dürften sich in ihren Häusern verschanzt haben, aber wie ist es den Wildtieren ergangen, denen wir im Sommer begegnet sind? Ich hoffe, dass sie alle einen sicheren Unterschlupf gefunden haben.

Küsten-Weg bei Port Manec’h, Bretagne, Ende August 2023. Meeresstille, ein laues Lüftchen und ein schwebender Spatz.
Spatzen sind nicht zähmbar und gelten daher -wie andere Vögel auch- als „Wildtiere“. Doch die Bezeichnung ist ungenau, denn als Kulturfolger leben sie in einer Art Wahlverwandtschaft mit uns Menschen.
Anders als vielfach angenommen leben Spatzen nicht nur im Moment, sondern auch in evolutions- und schöpfungsgeschichtlicher Vergangenheit und Zukunft. Sie paaren sich nicht nur „just for fun“, sondern um ihre Art zu erhalten. Die Aufforderung „Seiet fruchtbar und mehret euch“ würden sie als bevormundend empfinden. Niemand sagt ihnen, dass sie sich fortpflanzen sollen. Sie tun es einfach.
Als wir Anfang September aus der Bretagne zurückkamen, war es in unserem kleinem Garten sehr still. Zwei Wochen lang hatten wir die Vögel nicht füttern können. Es dauerte ein paar Tage, bis die Vögel realisiert hatten, dass die Futterstelle wieder „aktiv“ war. Füttern ist nun mal die beste Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Auch Vögel haben einen Magen, und durch den geht bekannterweise die Liebe.
Nur die Rotkehlchen kamen nicht mehr in die Gärten unserer Häuserreihe. Doch irgendwann -es ging schon auf Ende September zu- haben sie inmitten der Stille höchst melodiös noch einmal zu singen begonnen. Weil es rundum still war, war dieser Wechsel-Gesang von Apfelbaum zu Apfelbaum so klar, so schön, so rein und hoffnungsvoll. Man sagt, dass es die Weibchen sind, die im Herbst singen. Erzählt wird auch, dass die Rotkehlchen dort, wo sie im Herbst singen, im Frühjahr wieder brüten werden. Seid willkommen!

Elfchen im Zehnten: Man muss

Vor vielen Jahren habe ich einmal auf dem Köln-Nippeser Markt ein Gespräch zwischen zwei alten Männern mitbekommen, wobei „Gespräch“ für das, was ich zu hören bekam, ziemlich übertrieben ist.

Der kurze Dialog ist Inhalt meines Elfchens des Monats, das diesmal kein Mini-Gedicht ist, sondern ein kleines Drama:

Zwei

Alte begegnen

sich: „Wie es

et?“ „Ach ja, man

muss.“

Das Gespräch endete hier, die Männer verabschiedeten sich voneinander. Doch der kleine Dialog ist mir seitdem im Ohr. Zwar sind, wenn sich zwei Männer zufällig über den Weg laufen, die Gespräche oft kurz und schroff („Wie geht’s?“ „Kann nicht klagen. Und du?“ „Dito.“), doch in der Antwort „Man muss“ schwingt noch etwas anderes mit, eine gewisse Verbitterung.

Nach Ende der Corona-„Pandemie“ sind freudlose kleine Gespräche allgegenwärtig. Viele Menschen fühlen eine tiefe Ohnmacht. Die was zu sagen hätten, haben nichts zu sagen. Während Internet und Fernsehen die Menschen volllabern, mit Werbung beballern und lautstark alarmieren oder dauerbespaßen, sind wir zum Schweigen verdammt.

Mit der Zurücknahme der entwürdigenden staatlichen Corona-Maßnahmen wurde das Ausmaß der psychischen Verletzungen und Langzeitfolgen sichtbar. Nichts ist wie vorher. Die Maßnahmen waren nicht nur ein Angriff auf unsere Würde, sondern auch auf unsere Selbstachtung und Lebensfreude. Ich selber bin manchmal in einer nie gekannten depressiven Schockstarre – und trauere um die Demokratie.

Während der „Pandemie“ verpflichtete man uns -unter Androhung demütigender Strafen- zu einem bedingungslosen Mitmachen: Ihr müsst gehorchen. Dementsprechend ist das Wort „Müssen“ eine zentrale Vokabel im internen Papier aus dem Bundesinnenministerium zur Eindämmung der Corona-Krise vom 22. März 2020, das eigentlich geheim gehalten werden sollte. Wir erinnern uns: Am 1. April 2020 hatte das gemeinnützige Portal „Frag den Staat“ das vollständige, 17 Seiten lange Papier veröffentlicht. „Indem man uns mit einem “worst case” konfrontierte, den Fachleute aus den Bereichen Medizin, Wirtschaft und Politik prognostiziert hatten, sollte uns ganz bewusst via “Schockwirkung” Todes-Angst eingejagt werden.“ https://stellwerk60.com/2023/09/28/die-digitalisierungsfalle-wie-der-koelner-amtsschimmel-munter-wiehernd-hineintrabt/

Im Papier des Innenministeriums heißt es zur Durchführung der Maßnahmen:

Politik und Bürger müssen dabei als Einheit agieren.
3) Nachvollziehbarkeit: Die Bürger müssen nachvollziehen können, dass folgende Maßnahmen nur mit ihrer Mithilfe zu ihrem Wohl umgesetzt werden (müssen und) können.“
(Fettung und Klammer von mir)

Um dem Geschriebenen Nachdruck zu verleihen und uns die Notwendigkeit der Maßnahmen einzubläuen, wählte man einen autoritären Befehlston und verwendete wiederholt das Wort „müssen“. „Müssen“ ist nicht per se ein Macht-Wort. Manchmal bezeichnet das Wort eine naturgegebene Notwendigkeit, z.B.: „Wir müssen essen, um nicht zu verhungern“… „Wir müssen trinken, um nicht zu verdursten“… „Ich muss mal.“

Hier jedoch geht es um die Demonstration von Macht. Durch die krampfhafte Wiederholung des Wortes „müssen“ kommt es aber dazu, dass der kleine Text aus allen Nähten bzw. Satzzeichen platzt und grammatikalisch entgleist. Der Satz, der mit „Die Bürger“ beginnt, enthält zwei Wörter zu viel, die vermutlich später eingefügt wurden: „… müssen und“. Ich empfehle, den Satz noch einmal genau zu lesen – einmal mit und einmal ohne Klammer.

Alle Menschen in Deutschland waren von den Maßnahmen betroffen, doch besonders hart war es für die Menschen über 60, die unterschiedslos als vulnerabel und bedürftig abgestempelt wurden. Aufmerksame Zeitgenossen mit einem Gespür für die Verletzung elementarer Menschenrechte bemerkten die autoritäre Gleichschaltung schon zu Beginn der „Pandemie“:

„Im April 2020 gab das Deutsche Institut für Menschenrechte eine Stellungnahme mit dem Titel „Menschenrechte Älterer auch in der Corona-Pandemie wirksam schützen“ ab. Das Institut bewertet die These als richtig, dass der Staat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit älterer Menschen auf seinem Staatsgebiet effektiv zu schützen versuchen müsse. Es verurteilt aber die „Fehleinschätzung“, „dass alle älteren Menschen schutzbedürftig sind, weil verkannt wird, dass Ältere keine homogene Gruppe bilden, sondern das Risiko vom individuellen Gesundheitszustand und von der Lebenssituation abhängt…“ https://de.wikipedia.org/wiki/Altersdiskriminierung

Leider wurden kritische und aufmerksame Stellungnahmen wie diese (nicht nur irgendeines, sondern des anerkannten Deutschen Instituts für Menschenrechte!) von den Verantwortlichen ignoriert und missachtet. Das hatte eine mit nichts zu rechtfertigende Respektlosigkeit der Politik gegenüber älteren Menschen zur Folge und führte dazu, dass insbesondere die sehr alten Menschen in den Pflegeheimen der Willkür der „schützenden“ Maßnahmen (Kontaktbeschränkung, Sicherheitsabstand, Maskenpflicht etc.) schutzlos ausgeliefert waren. Weiter zuspitzen sollte sich die Situation mit der Corona-Impfung, als Seniorinnen und Senioren -unabhängig von ihrem individuellen Gesundheitszustand- trotz doppelter Impfung wochen- und manchmal auch monatelang Abstand voneinander halten und in Quarantäne mussten.

Newsletter der Stadt Köln, Frühjahr 2020: „Jung“ wird aufgefordert, den Kontakt zu „Alt“ (Dutt, Hut, Stock) abzubrechen bzw. – „sachlich“ ausgedrückt wie hier- zu „unterlassen“. Allerdings ist die Warnung der Stadt missverständlich. Die Grafik präsentiert ein ausgeh- und selbstverteidigungsbereites älteres Paar, ausgerüstet mit „Stock und Hut“. Und wäre „Köln“ tatsächlich „vorbereitet“ gewesen, wenn „Alt“ sich nicht zu Hause eingeigelt, sondern erhobenen Hauptes mit aufgerichtetem Stock bei „Jung“ auf der Matte gestanden hätte?

Zum Thema Altersdiskriminierung unter dem Deckmantel staatlicher „Wohlfahrt“ vgl.: https://stellwerk60.com/2022/10/31/elfchen-im-zehnten-deine-apotheke-impft/

Die Vokabel „Müssen“ ist auch Erkennungsmerkmal einer neuen bundesdeutschen Kriegsrhetorik. Erst kürzlich hat uns Bundesverteidigungsminister Boris Becker* (pardon: Boris Pistorius) vorgeführt, wie leicht ihm das Macht-Wort über die Lippen geht. In einem Plädoyer für Kampfbereitschaft sagte Pistorius am 29.10. im ZDF: „Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte. Und das heißt: Wir müssen kriegstüchtig werden. Wir müssen wehrhaft sein. Und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.“ https://www.zdf.de/nachrichten/politik/boris-pistorius-krieg-europa-kommentar-100.html

– *Bundesverteidigungsminister Boris Becker? Was wie ein sprachlicher Ausrutscher aussieht, ist keiner. Übersetzt heißt „Pistorius“ tatsächlich „Bäcker“, denn der Name leitet sich von lateinisch „pistor“ = „Bäcker“ ab. Unser Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat aber keinen römischen Migrationshintergrund, sondern clevere Vorfahren, die ihren Familiennamen durch eine Latinisierung veredelt haben. Aufhübschungen wie diese waren bis zum Jahr 1876, als man überall im damaligen Reichsgebiet Standesämter einrichtete und Personenstandsregister einführte, möglich und üblich. –

Angeblich hat es Boris Pistorius nicht so gerne, wenn man ihn scherzhaft „Boris Becker“ nennt oder gar „Bobbele“. Das hat weniger mit Boris Beckers Haftstrafe zu tun als mit der Tatsache, dass Becker als junger Wimbledon-Sieger, Steuerflüchtling und Staatsbürger von Monaco vom Wehrdienst befreit war. Ein Artikel aus dem Jahr 1985: https://www.spiegel.de/sport/begeisterung-macht-nicht-blind-a-011577d7-0002-0001-0000-000013516241

Bedenklich und unannehmbar ist, dass Pistorius von wir redet und auf diese Weise uns alle in seine Kriegsvorbereitungen einbezieht und zu Mittätern macht. Ich sage NEIN! Ich will weder kriegstüchtig werden noch wehrhaft sein noch mich „wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte.“ Mit dieser verschleiernden und verharmlosenden Aussage macht Pistorius uns allen was vor, denn „die Gefahr eines Krieges in Europa“ droht nicht nur. Dieser Krieg ist längst Wirklichkeit geworden.

Für den Satiriker („Pardon“) und Ex-Kriegsreporter Gerhard Kromschröder geht die Militarisierung der Gesellschaft mit einer Militarisierung des Denkens und Sprechens einher. Im FR-Interview mit Claus-Jürgen Göpfert sagte er im April: „In Deutschland herrscht gegenwärtig eine unsägliche Kriegsrhetorik. Wir scheinen diese Kriegsrhetorik geradezu lustvoll anzunehmen und uns in ihr zu suhlen. Oft führt das zu Realsatire. Ich denke an eine Partei, die einmal als Friedenspartei gegründet wurde und damit Erfolg hatte. Sie gefällt sich heute darin, immer neue Waffenlieferungen zu fordern und wechselnde Kriegsszenarien auszumalen. Das hat viel Komik an sich.“ https://www.fr.de/panorama/gerhard-kromschroeder-in-deutschland-herrscht-unsaegliche-kriegsrhetorik-92221691.html

Dass die GRÜNEN ihr zentrales Wahlversprechen („Keine Waffen und Rüstungsgüter in Kriegsgebiete“, Wahlplakat) gebrochen haben und das Gegenteil von dem veranstalten, weswegen ich sie noch 2021(!) -wenn auch zähneknirschend- gewählt habe, ist allerdings mehr als nur tragikomisch. „Das hat viel Komik an sich“, konstatiert Gerhard Kromschröder. Ja, das hat es, doch ich kann nicht mehr lachen. Denn die Kriegspolitik der Bundesregierung ist keine Satire, sondern real.

Dankbar bin ich Kromschröder für den Hinweis auf eine Lachnummer von Cem Özdemir, Mitglied der „Friedenspartei“ DIE GRÜNEN und Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Ich wusste nicht, dass die Bundeswehr seit 20 Jahren den Bundesministerinnen und Ministern anbietet, an einer mehrtägigen Wehrübung in den Streitkräften teilzunehmen. So hatte ich auch nicht mitbekommen, dass das Angebot im Frühjahr 2023 angenommen wurde, und zwar von eben jenem Cem Özdemir, der mit wackerem Büttenreden-Humor im Jahr 1997 gesagt hat: „Ich bin zwar gut zu Fuß, aber ich bin nie eingewandert, sondern hier geboren.“ Zitiert nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Cem_%C3%96zdemir

Vermutlich hat der Mann was nachzuholen. „Ich habe nie Wehr- oder Zivildienst geleistet“, sagte er im Jahr 2001 in einem Interview mit dem SPIEGEL „Die deutsche Staatsbürgerschaft habe ich 1981 unter anderem deshalb angenommen, um nicht in der Türkei Wehrdienst leisten zu müssen. Auch in Deutschland bin ich nie gemustert worden.https://www.spiegel.de/politik/deutschland/40-jahre-zivildienst-haben-sie-eigentlich-gedient-herr-oezdemir-a-126230.html

In der Bundespolitik kommt es nicht gut an, wenn ein Spitzenpolitiker nicht gedient hat. Doch Özdemir gibt sich Mühe. Man muss ergänzen, dass er bereits im Jahr 2019 ein mehrtägiges Praktikum bei der Bundeswehr absolviert hat, und zwar am Bundeswehrstandort Munster in Niedersachsen. Begleitet wurde Özdemir damals von GRÜNEN-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner. Lindner hat, wie es heißt, sogar seine Kriegsdienstverweigerung zurückgenommen, um an der Wehrübung teilnehmen zu können. Aber vielleicht war es ja umgekehrt. Vielleicht hat Tobias Lindner nur an der Wehrübung teilgenommen, um zu zeigen, dass es ein Kinderspiel ist, die Kriegsdienstverweigerung nachträglich zurückzunehmen. https://taz.de/Gruene-und-Bundeswehr/!5601987/

Im Jahr 2023 ist Özdemir wieder dabei, diesmal bei den Feldjägern in Hannover. Schauen wir uns das „Deckblatt“ des Videos an, das der Nachrichtensender der WELT dankenswerterweise ins Netz gestellt hat (s.o.). Der da stolz die Nüstern bläht und dem der Flecktarn prima steht, ist tatsächlich Cem Özdemir.

Dieser Spot macht nicht nur Werbung für den Krieg, sondern auch für die Autoindustrie. Neben Soldaten werden in der Kaserne auch Personenschützer ausgebildet. Bei der viel Sprit vergeudenden Auto-Gaudi „Fahrsicherheitstraining“ kommen ausschließlich Mercedes-Limousinen zum Einsatz. „Als Beifahrer nimmt Cem Özdemir am rasanten Fahrsicherheitstraining teil, Wasserfontänen, Vollbremsungen und waghalsige Wendemanöver inklusive.“ Özdemir zeigt sich beeindruckt: „Das könnte ich nicht, auch nicht nach viel Übung.“ (Video, Min. 1.04 – 1.08)

Übrigens klärt mich die Internet-Seite von Auto Motor und Sport darüber auf, dass sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei Amtsantritt für einen Dienstwagen von Mercedes entschieden hat: das gepanzerte S-Klasse-Modell S 680 Guard.

Dass Özdemir, geblendet von Privilegien und Macht, für Krieg und Mercedes wirbt, aber Süßigkeiten-Werbung einschränken will, ist Ausdruck einer neuen grünen Doppelmoral. Hier hat sich ein Ökospießertum entwickelt, das für mich diese Partei auf Bundesebene unwählbar macht. Kaum waren sie Regierungspartei, sind die Bundes-GRÜNEN zu autoritären Charakteren mutiert. Erinnern wir uns an den bedrohlichen Gesetzentwurf von AMPEL-Abgeordneten für eine Impfpflicht ab 60. Die neuen GRÜNEN haben sich meines Erachtens schuldig gemacht, insbesondere gegenüber den älteren und alten Menschen.

Naiv, wie ich war, habe ich noch 2021 geglaubt, dass Frau Baerbock nicht käuflich ist. Jetzt fühle ich mich für blöd verkauft. Dieses Plakat formuliert ein Versprechen, das gebrochen werden sollte, und ist eine plumpe Anbiederung an potentielle Wählerinnen und Wähler: „Bereit, weil Ihr es seid.“ Hübscher Reim, doch enthält die harmlos daherkommende Parole nicht bereits eine versteckte Botschaft? In den zwei „Ampel“-Jahren waren die GRÜNEN zu allem bereit. Daher lese ich die Parole jetzt anders: „Allzeit kampfbereit, weil ihr es seid.“

Die Digitalisierungsfalle: Wie der Kölner Amtsschimmel munter wiehernd hineintrabt

Im Jahr 2022 wurde das auf fünf Jahre angelegte Projekt #wirfürdiestadt beendet, Teil einer umfassenden Kölner „Verwaltungsreform“. „Wir haben viel geschafft“, so das Resümee der Oberbürgermeisterin Henriette Reker nach fünf Jahren. „Aber zur Ehrlichkeit gehört auch, dass wir auch noch viel vor uns haben.https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/24696/index.html

Was heißt das, was sollen wir mit dieser wenig aussagenden Aussage anfangen? Weiter sagt OB Reker: „Ich habe immer gesagt, diese Reform macht uns zur modernsten Verwaltung Deutschlands. Heute muss ich feststellen, dass wir uns noch nicht so nennen können. Aber diese Reform war der notwendige und erfolgreiche Anstoß auf unserem Weg zur modernsten Verwaltung Deutschlands!“ (s.o.)

Eine hübsche Idee, doch war das vorrangige (auch bundespolitische) Ziel nicht der Abbau der Bürokratie? Die Kölner Stadtverwaltung hat sich trotz Modernisierung in den letzten Jahren noch einmal deutlich ausgedehnt. Im Personalbericht 2021 der Stadt Köln heißt es: „Die Kölner Stadtverwaltung ist im Jahr 2021 erneut gewachsen: 21.623 Mitarbeitende zählt das Stammpersonal der Gesamtverwaltung (Stichtag: 31. Dezember 2021) – 465 Personen mehr als im Vorjahr. Das erklärt sich zu einem großen Teil durch die Bewältigung der Corona-Pandemie.“

Gestern wurde auf web.de Klaus-Heiner Röhl zitiert, Forscher am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Er erklärt, warum der Bürokratieabbau nicht zustande kommt: „Es kommen zwei Dinge zusammen. Zum einen der politische Gestaltungswille, der zu immer neuen Gesetzen führt. Und zum anderen die Tendenz von Verwaltungen, sich selbst auszudehnen, also immer mehr Verwaltung zu schaffen.“

Nun dehnt sich eine Stadtverwaltung ebenso wenig von alleine aus, wie sich ein Luftballon selber aufpumpt. Aus Sicht von uns Bürgerinnen und Bürgern agiert die Stadt-Verwaltung nach der „Pandemie“ schwerfälliger denn je, auch wenn neue Bezeichnungen eine gewisse Dynamik vormachen. Dass die Stadt Köln eine hochmoderne Innovations-Plattform vorweisen kann https://www.innovative-stadt.koeln/, dürfte jedoch den meisten von uns entgangen sein.

Selbst wenn man Innovation und Aufhübschung der Institutionen gutheißt: Was haben wir von der modernsten Verwaltung Deutschlands, wenn die Stadt immer mehr verkommt? Nicht nur die Kölner Straßen und öffentlichen Gebäude sind in einem erbärmlichen Zustand.

Würden Sie diesem Briefkasten einen Liebesbrief anvertrauen?

Ganz lässt er sich trotz immer weiter fortschreitender Digitalisierung nicht abschaffen: Der Briefkasten. Der Transport von Schriftstücken via Post ist ein alter Kommunikationsweg, der (immer noch) erstaunlich gut funktioniert. Tatsächlich gehen nur wenige Briefe verloren. Dabei sehen die Briefkästen aus wie Abfalleimer. Während die Stadtverwaltung modernisiert und mit dem neuesten Equipment ausgestattet wird, sind die wenigen noch übrig gebliebenen Kölner Briefkästen in einem beklagenswerten Zustand. Dass man diesen Briefkasten (Agnesviertel Köln, Krefelder Straße, Sommer 2023) verrotten lässt, ist Ausdruck von Ignoranz und Geringschätzung. Zwar ist für die Pflege vermutlich die Deutsche Post zuständig, aber die Stadt Köln („die Oberbürgermeisterin“) sollte sich dafür verantwortlich fühlen, dass die Stadt nicht völlig vergammelt.

Henriette Reker, die bei Amtsantritt vor acht Jahren schon knapp 60 Jahre alt war, tut alles dafür, nicht als die wahrgenommen zu werden, die sie ist: Eine Bürokratin. Bevor sie Oberbürgermeisterin wurde, hat sie 15 Jahre lang in leitender Position in den Stadtverwaltungen von Gelsenkirchen und Köln gearbeitet. Das permanente Atmen der muffigen Amtsstuben-Luft hat sie empfänglich gemacht für die Modernisierungs- Versprechen der PR- Berater.

Im Prozess der von Frau Reker angestrebten Modernisierung (insbesondere durch Digitalisierung) kam und kommt dem jungen, optisch attraktiven Alexander Vogel (FDP, Politikwissenschaftler der Nintendo-Generation), den die OB bei öffentlichen Auftritten gerne an ihrer Seite hat, eine zentrale Aufgabe zu (vgl. den vorherigen Blog-Beitrag). Um Modernität und Innovationsfreude zu unterstreichen, nennen die Vertreter der PR- Branche Vogel nicht „Pressesprecher“, sondern „Kommunikator“ (was wohl ähnlich kraftvoll rüberkommen soll wie etwa „Terminator“).

In der glatten, mit Anglizismen aufgemotzten Sprache der PR- und Kommunikationsprofis klingt das so: „Der Kommunikator sollte in seiner neuen Funktion die Strukturen des Amtes auf den Prüfstand stellen. Das war 2018. Was darauf folgte, war ein Change-Prozess. Heute, fast vier Jahre später, ist das Team von 35 auf 52 Personen gewachsen. Ein Newsroom wurde etabliert, ein neues Corporate Design gelauncht und die sozialen Kanäle wurden aus dem Dornröschenschlaf geholt. Das Newsroom-Konzept verwandelte die kanalgesteuerte in eine themenfokussierte Kommunikation, so dass im vergangenen Jahr rund 156.000 Menschen durch die sozialen Kanäle auf der Homepage der Stadt landeten. Im Jahr 2022 hatte die Seite insgesamt etwas mehr als 16 Millionen Visits mit knapp über 37 Millionen Seitenansichten.https://www.kom.de/organisiert-im-newsroom/

Es ist äußerst bedenklich, dass man den Erfolg des „Change-Prozesses“ an einer Art „Einschaltquote“ misst. Die blendenden Ergebnisse (16 Millionen Visits mit knapp über 37 Millionen Seitenansichten) sind irreführend. Denn die hohen Zahlen sind kein Beleg für einen lebendigen Austausch zwischen Verwaltung und Bürger, sondern -im Gegenteil- Ausdruck einer völlig verfilzten, gestörten Kommunikation. Die vielbeschworene „digitale Erneuerung“ hat den telefonischen Warteschleifen unzählige Kreisverkehre mit verstopfter Ausfahrt, Holperpisten und Sackgassen hinzugefügt, kafkaesk anmutende digitale Wegenetze. Ich selber musste im Jahr 2021 unzählige Amtsangelegenheiten erledigen und bin -was die „Visits“ betrifft- gefühlt tausendmal auf der Homepage der Stadt Köln gelandet.

Was aber, wenn sich die Stadt Köln direkt an uns Bürgerinnen und Bürgern wendet? Um zu erfahren, was die Stadt Köln uns mitzuteilen hat, habe ich vor ein paar Jahren den Newsletter der Stadt Köln abonniert, ein kostenloses digitales Info-Blatt, das einmal im Monat herauskommt.

Während der „Pandemie“ ist der Newsletter zum Sprachrohr der staatlichen Corona-Politik mutiert. Am 16. April 2021 hat dann die Stadt Köln anlässlich der Ausgangssperre sogar einen die Notwendigkeit der Maßnahme unterstreichenden Sonder-Newsletter herausgegeben.

An dieser Stelle soll nicht thematisiert werden, dass die Ausgangssperre einen massiven Eingriff in die bürgerlichen Grundrechte darstellte. Ebensowenig soll hier diskutiert werden, ob nicht die Kölner Ausgangssperre -vergleichbar mit der Ausgangssperre in ganz Bayern im Frühjahr 2020- unverhältnismäßig war.

Vielmehr interessiert mich der zentrale Text des Newsletters, die Ansprache der Stadt Köln an die „Liebe(n) Leser*innen“ und der Appell der Oberbürgermeisterin Henriette Reker „an alle Kölner*innen„.

Verantwortlich für den Newsletter ist die Stadt Köln (Die Oberbürgermeisterin). Verantwortliche Redaktion: Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Leitung: Alexander Vogel

Argumentation und sprachlicher Duktus der Ansprache erinnern an einen ganz anderen Text, ein internes Papier aus dem Bundesinnenministerium zur Eindämmung der Corona-Krise vom 22. März 2020. Der Titel eines Artikels auf focus.online brachte damals den Skandal (der keiner sein durfte) auf den Punkt: Internes Papier aus Innenministerium empfahl, den Deutschen Corona-Angst zu machen https://www.focus.de/politik/deutschland/aus-dem-innenministerium-wie-sag-ichs-den-leuten-internes-papier-empfiehlt-den-deutschen-angst-zu-machen_id_11851227.html

Das Papier, an dem Expertinnen und Experten aus dem Bereich Wirtschaft und Gesundheitspolitik, aber vermutlich auch aus den Bereichen Kommunikation und Werbepsychologie mitgearbeitet haben, dürfte den Öffentlichkeitsabteilungen aller deutschen Kommunen vorgelegen haben.

Dieses Papier, dessen Herausgabe das Innenministerium letztendlich nicht verhindern konnte, ist ein Armutszeugnis für die Politik unserer Bundesregierung, denn es entwirft eine knallharte Kommunikationsstrategie: Indem man uns mit einem „worst case“ konfrontierte, den Fachleute aus den Bereichen Medizin, Wirtschaft und Politik prognostiziert hatten, sollte uns ganz bewusst via „Schockwirkung“ Todes-Angst eingejagt werden. Die in diesem „internen“ Papier formulierten Vorschläge für Maßnahmen und gezielte Werbestrategien fungierten während der „Pandemie“ als eine Art Gebrauchsanweisung, die in den darauf folgenden Jahren, obwohl der „worst case“ zwar immer wieder heraufbeschworen wurde, aber nie eintrat, fast 1:1 umgesetzt wurde.

Das Papier ist moralisch verwerflich, denn es legitimiert die Verbreitung von Halbwahrheiten und fordert die politischen Entscheidungsträger dazu auf, die emotional aufgeladene Sprache der Werbung zu benutzen. Dass wir dort, wo es um unser Leben und unsere Gesundheit geht, nach den Spielregeln der Werbepsychologie manipuliert und geködert werden, entwürdigt uns Menschen.

Ich zitiere die vielleicht ungeheuerlichste Passage des Papiers, die zeigt, wie katastrophal es um eine bundesdeutsche Gesundheitspolitik bestellt ist, die sich uns Bürgerinnen und Bürgern gegenüber nicht nur zunehmend bevormundend, sondern (werbe-)taktisch verhält:

„Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden:
1) Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause. Das Ersticken oder nicht genug Luft kriegen ist für jeden Menschen eine Urangst. Die Situation, in der man nichts tun kann, um in Lebensgefahr schwebenden Angehörigen zu helfen, ebenfalls. Die Bilder aus Italien sind verstörend.
2) „Kinder werden kaum unter der Epidemie leiden“: Falsch. Kinder werden sich leicht anstecken, selbst bei Ausgangsbeschränkungen, z.B. bei den Nachbarskindern. Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.
https://fragdenstaat.de/dokumente/4123-wie-wir-covid-19-unter-kontrolle-bekommen/

Dass wir Bürgerinnen und Bürger, die wir in politische Entscheidungsprozesse nicht eingeweiht sind, überhaupt Einblick in dieses „vertrauliche“ Papier haben, ist der Aufmerksamkeit des am offenen demokratischen Dialog interessierten gemeinnützigen Portals „Frag den Staat“ zu verdanken, das am 1. April (!) des Jahres 2020 das vollständige, 17 Seiten lange Papier veröffentlicht hat, kommentiert von Arne Semsrott.

Die Veröffentlichung des heiklen Schriftstücks zeigt, wie politische Aufklärung vonstatten gehen kann. Schließlich war die Herausgabe mit einem gewissen Risiko verbunden, denn das „Innenministerium hatte sich geweigert, das Papier auf Grundlage des Presserechts und des Informationsfreiheitsgesetzes für andere Medien verfügbar zu machen: Das Dokument sei „Verschlusssache“ und „nur für den Dienstgebrauch“ (focus.de, s.o.). Obwohl uns Arne Semsrott mit der Herausgabe einen großen demokratischen Dienst erwiesen hat, hat er sich damit gewiss nicht für das Bundesverdienstkreuz empfohlen.

Das Bundesverdienstkreuz wurde während und nach der „Pandemie“ mit Vorliebe denjenigen Journalistinnen und Journalisten verliehen, die ihre Medienpräsenz dafür nutzten, für die Corona-Politik der Bundesregierung zu werben. Ich denke da an die Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin und Fernsehmoderatorin Mai Thi Nguyen-Kim oder -ganz aktuell- an den Physiker und Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch, der am 9.10.2023 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt werden wird.

Ende 2019 wurde der Verdienstorden sogar einer Kunstfigur verliehen. Am 4.12.2019, als der Wissenschaftsjournalist Ralph Caspers mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, heftete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Schloss Bellevue der beliebten und berühmten WDR-MAUS den „Maus-Verdienstorden“ ins Fell. https://stellwerk60.com/2021/09/27/wie-man-kindern-halbwahrheiten-einimpft-die-fragwuerdigen-werbeauftritte-der-oeffentlich-rechtlichen-maus/

Auffällig ist, dass die als integer geltende brave WDR-Werbe-MAUS gerade noch rechtzeitig vor der „Pandemie“ den Orden verliehen bekam. Vier Monate später hätte die spaßige Vorstellung gegen erste Corona-Verhaltens-Regeln verstoßen. Mit dem Maus-Verdienstorden“ ausgezeichnet, machte DIE MAUS -ähnlich wie Elmo und Bibo aus der „Sesamstraße“- während der „Pandemie“ gerade bei den Kindern und Eltern gute Stimmung für Zwangsmaßnahmen und Impfung.

Zurück zum Sonder-Newsletter der Stadt Köln. Das in Henriette Rekers Ansprache an die liebe(n) Leserinnen benutzte Wort „Menschleben“ (vorletzte Zeile) gibt es nicht. Im DUDEN wird es nicht genannt, aber auch im Deutsche(n) Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (Erste Teilveröffentlichung 1854) ist ein Wort, das „Menschleben“ lautet, nicht zu finden.

„Menschleben“ ist die tragikomische Verhunzung des bedeutsamen deutschen Wortes „Menschenleben“. Der DUDEN definiert das Wort „Menschenleben“ folgendermaßen:

1. Lebenszeit (eines Menschen) BEISPIEL: ein ganzes Menschenleben lang; 2. lebendiger Mensch BEISPIEL: der Unfall forderte vier Menschenleben.

Im Wort „Menschenleben“ schwingt mit, dass das Leben jedes einzelnen Menschen Teil des Lebens aller Menschen, Teil der Menschheitsgeschichte, aber immer auch ein besonderes ist. Seinen Ursprung dürfte es in der „Sprache der Dichter und Denker“ haben.

„Deutsches Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm. Anhand literarischer Texte belegen die Geisteswissenschaftler (bzw. ihre Nachfolger) die Verwendung des Begriffs „Menschenleben“.

Ich denke nicht, dass es die Absicht der Oberbürgermeisterin bzw. ihres Stellvertreters war, das Wort „Menschenleben“ zu veralbern und zu verhunzen. Der Gebrauch des Nicht-Wortes „Menschleben“ ist vielmehr Ausdruck einer gewissen Lässigkeit im Umgang mit der deutschen Sprache und einer in der Politik immer mehr um sich greifenden Alles-egal-Haltung.

Zwar muss die Oberbürgermeisterin tagtäglich unzählige Vorlagen unterschreiben, aber ihr Appell im Rahmen der nächtlichen Ausgangssperre ist so heikel und anfechtbar, dass sie den Text vor der Veröffentlichung noch einmal gewissenhaft hätte überprüfen müssen. Vielleicht hat sie das ja auch gemacht, dabei aber allzu sehr auf die Platzierung der Gender-Sternchen geachtet. Und tatsächlich sind alle Sternchen korrekt gesetzt. Alle Achtung!

Man kann übrigens zwar nicht mehr den kompletten Sonder-Newsletter, wohl aber die Ansprache der Stadt Köln noch im Internet finden. https://login.mailingwork.de/-viewonline2/20384/227/9195/nh6yjJAz/3iy4wkEXKr/1 Bis heute (28.9.2023) ist niemand auf die Idee gekommen, den Text, wenn man ihn schon nicht aus dem Netz nimmt, einmal gründlich gegenzulesen bzw. gegenlesen zu lassen. Das ist unglaublich, denn immerhin zählt das Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mittlerweile über 50 (!) gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Verunglückt ist auch der letzte Satz: „Und daher gehen wir in Köln ab Mitternacht entschlossen voran.“ Dass wir entschlossen vorangehen sollen, ist natürlich nur im übertragenen Sinne gemeint und bedeutet keine Einladung zu einer Nachtwanderung mit Frau Reker, aber dennoch ist das Bild im Zusammenhang mit einer tiefgreifenden Corona-Maßnahme unfreiwillig komisch. Wie, so frage ich, können wir ab Mitternacht -wenn auch metaphorisch- entschlossen vorangehen, wo doch Ausgangssperre ist, und wohin?

Eine Reise mit Coronatestfußfessel – Ein abendliches Treffen mit der Frau Keuner

„Hömma Lisa, du kannst ja braten“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner, und stopft sich eine halbe Bulette ins Maul. „Aber wat isst du so langsam?“

„Ich will einfach nicht mehr so viel Fleisch essen.“

„Dann lass dir Zeit“, sagt die Frau Keuner. „Ich mach dat schon.“

Abends ist die Frau Keuner mit paar Flaschen Kölsch vorbeigekommen, und ich hab auf ihren Wunsch Buletten gebraten. Viele, weil ich damit gerechnet hab, dass die Frau Keuner viel essen kann. Die Frau Keuner spießt eine weitere Bulette auf. „Ich wollte dir den Appetit nicht völlig verderben, Lisa, aber die Wahrheit sagen. In dieser Bulette ist nicht nur das Fleisch von einem Rind und einem Schwein, sondern zerkleinertes Fleisch von unzähligen Rindern und Schweinen, denn das wird in riesigen Bottichen zermanscht. Aber sach, willst du nich mehr?“

Ich kann mich erinnern, dass mein großer Bruder vor gefühlt 55 Jahren einmal aus Futterneid vor den Augen seiner hungrigen, entsetzten Schwestern in eine Schüssel mit köstlichem Essen gespuckt hat, und zwar ausgiebig, aber was die Frau Keuner hier macht, das ist schlimmer, das ist Psycho-Spucken.

„Das Fleisch ist bio“, sage ich leise.

„Dann is dat eben Hackfleisch von unzähligen artgerecht gehaltenen Bio-Schweinen und Bio-Rindern. Deine Buletten sind echt lecker, aber noch verbesserungsfähig. Die Zwiebeln könnten feiner geschnitten sein. Ich komm jetzt einmal im Monat vorbei und kontrolliere deine Fortschritte. Das nächste Mal bitte mit Salat.“

„Kartoffelsalat?“

„Jau“, sagt die Frau Keuner. „Buletten mit Kartoffelsalat können wir noch essen, wenn wir überhaupt keine Zähne mehr haben. Aber jetzt pack mir bitte die restlichen Buletten in einen Tuppertopf. Die ess ich morgen in aller Ruhe, und zwar alleine, du störst ja nur.“ Ich räume den Tisch ab und geh mit feuchtem Lappen und anschließend mit trockenem Geschirrtuch über die Platte, denn die Frau Keuner braucht fettfreien Platz für die Computerausdrucke.

Die Frau Keuner pickt ein paar übersehene Fleischkrümel vom Tisch und breitet die Ausdrucke aus. „Lisa, du musst mal langsam lernen, dich zu wehren. Du bist viel zu freundlich, aber die Gesellschaft ist das schon lange nicht mehr. Freundliche Menschen werden nicht ernst genommen. Die Demokratie ist nur noch Alibi. Die Politiker wollen deine Stimme, aber nach den Wahlen wollen sie dich ganz schnell wieder loswerden. Die sind an unserer Arbeit und an unserem Geld interessiert, aber nicht an unserer Meinung, denn das bringt nur Ärger. Wir sind denen lästig. Vielleicht erinnerst du dich: Vor zwei Jahren hast du gesagt, mit dem Jens Spahn würdest du gerne mal ein Gespräch unter vier Augen führen. Nur leider redet der Jens Spahn nicht mit dir. Aber das ist gut so, sonst wäre das Gesagte unter euch geblieben. Wozu hast du deinen Blog? Da kannst du aufschreiben, was du ihm gerne persönlich gesagt hättest. Schreib, was passiert ist, schreib über Jens Spahn. Der Mann hat uns viel angetan“.

„Das kann man doch so nicht sagen“, sage ich leise und räume die Teller in die Spülmaschine. „Der Jens Spahn hat im Jahr 2020 einen FDP-Vorschlag abgelehnt und sich klar gegen die Leihmutterschaft ausgesprochen, und das rechne ich ihm hoch an.“

„Du musst den Spahn jetzt nicht noch in Schutz nehmen“, sagt die Frau Keuner. „Im selben Jahr hat der Jens Spahn die Widerspruchslösung für “Organspenden” vorgeschlagen, so, wie es die schon in der DDR gab. Damit ist er ja zum Glück nicht durchgekommen. Der Jens Spahn ist ein Karriererist, der ist schon mit 15 in die Junge Union eingetreten. Dann war er ausgemustert und hat eine Banklehre gemacht. Der Jens Spahn ist schon früh auf die schiefe Geldbahn geraten. Eigentumswohnung mit Anfang 20, zwei fette Kredite. Die mussten natürlich abbezahlt werden. Und was macht man, wenn man Geld braucht? Geschäfte. So empfiehlt man sich heutzutage für die Politik. Was in der Steinzeit die fette Beute war, sind heute die dicken Geschäfte… Aber wir reden ja jetzt über Corona. Corona hat gezeigt, wie autoritär unsere Politiker ticken, wie groß ihre Angst ist, Macht und Privilegien zu verlieren. Gehen wir mal zwei Jahre zurück. Also… Bundesgesundheitsminister Spahn muss beweisen, dass er alles im Griff hat. Denn in Deutschland regt sich Widerstand, Impf-Widerstand.“

Ich setze mich wieder zu der Frau Keuner, die mir einen Zettel mit Zitat zuschiebt mit der Bitte, laut vorzulesen: „‚Innerhalb der EU wird das Reisen voraussichtlich nicht von der Impfung abhängig sein‘, sagte Spahn der ‚Rheinischen Post‘ in der Samstagsausgabe (08.05.2021). `Auch mit den Testungen wird man sich europaweit gut bewegen können‘, ergänzte er. Spahn selbst werde seinen Urlaub in Deutschland verbringen. ‚In dieser hoffentlich letzten Phase der Pandemie würde ich keine großen Fernreisen planen, Nordsee statt Südsee quasi‘, sagte der CDU-Politiker.https://www.fr.de/politik/jens-spahn-urlaub-bundesrat-lockerungen-geimpfte-genesene-entscheidung-gesetz-deutschland-sommerferien-zr-90497261.html

„Das ist sowas von autoritär“, sagt die Frau Keuner. „Und wieder einmal wird das schöne Wort „Hoffnung“ missbraucht. Hör dir das an: „Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) macht Hoffnung auf den Sommerurlaub in EU-Staaten.“ Da stilisiert sich der Spahn auch noch zum Überbringer der Frohen Botschaft. Das ist gönnerhaft. Doch mittlerweile wissen wir, dass nicht nur beim Maskenkauf einige Milliarden Euro Steuergelder verschwendet wurden, sondern auch bei der Beschaffung von Tests. Das war nur zu unserem Schutz, wie die behauptet haben, das ist nicht mal nachgeprüft worden.“ https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/pcr-tests-111.html

Die Frau Keuner öffnet sich die frische Flasche Kölsch, die ich ihr aus dem Kühlschrank geholt hab. „Die unbrauchbaren Tests müssen jetzt auch alle vernichtet werden, genauso wie die abgelaufenen Impfstoffe und die unbrauchbar gewordenen Masken. Aber der Olaf Scholz wird sich, sobald der angepasste Corona-Impfstoff da ist, trotzdem ein fünftes Mal impfen lassen. Aus Treue zur Pharmaindustrie und aus Rechthaberei.“ Die Frau Keuner trinkt einen Schluck. „Der Scholz wird noch mal so richtig auf die Schnauze fallen… Sach mal, Lisa, heulst du?“ Sie reicht mir die Serviette, mit der sie sich vorhin den Mund abgewischt hat.

„Brauch ich nicht“, sage ich leise. „Ich habe nur immer die Bilder im Kopf. Ende August 2021 sind wir nach Frankreich gefahren. Wir mussten uns per Internet anmelden. Und dann brauchten meine jüngere Tochter und ich noch einen negativen Anti-Gen-Test, also waren wir am Tag vor der Abreise in der Test-Station gegenüber vom alten Schlachthof. Ich konnte mich nicht auf den Urlaub freuen. Wie soll man sich in die Vorfreude fallen lassen, wenn man nicht weiß, ob man nicht auf den letzten Drücker doch noch positiv ist. Vor mir war eine ungeimpfte Frau, ein paar Jahre älter als ich. Wenn man älter ist, zeigt man ja nicht mehr so gerne die Zähne, und man reißt man nicht gerne den Mund auf, vor allem nicht in einer Test-Baracke gegenüber vom alten Schlachthof. Die Frau hat geschrien und gelacht. Krampfhaft. Aber irgendwann hat sie dann doch den Mund aufgemacht.“

„Du hast doch den Spahn gehört“, sagt die Frau Keuner und grinst. „Du konntest froh und dankbar sein, als Ungeimpfte überhaupt ins Ausland zu dürfen. Ich war schon lange nicht mehr verreist. Welche Rentnerin kann sich das denn noch leisten? Den Leuten mit der kleinen Rente bringt die Rentenerhöhung nicht viel. Was sind 5% Rentenerhöhung, wenn du nur 600 Euro Rente kriegst? Aber komm jetzt nicht auf die Idee, mich beim nächsten Mal einzuladen. Wie du Urlaub machst, das ist mir einfach zu spießig. Du machst das, was du auch in Köln machst, du mietest für dich und deine Töchter eine bezahlbare Ferienwohnung und bestückst die mit euren Kölner Plörren. In Paimpol angekommen, gehst du nicht direkt zum Hafen, sondern in den Intermarché. Aber auch nur deshalb, weil es da keinen REWE gibt. Am nächsten Tag fahrt ihr drei zum Plage de Brehec, aber der Strandtag fühlt sich an wie ein Tag in der Riehler Rheinaue.“

„2021 hat es sich wirklich so angefühlt“, sage ich leise. „Aller Zauber war weg.“

„Ich verschick übrigens Urlaubsfotos“, sagt die Frau Keuner. „Wenn du mir sagst, ich soll dir welche schicken, dann setz ich mich vor meine Fototapete und mach Selfies.“

„Was ist das denn für eine Fototapete?“

„Raufaser“, sagt die Frau Keuner. „Weiß, leicht vergilbt. Aber ich sag dir was. Du hast noch Glück gehabt. Andere Ungeimpfte mussten zu Hause bleiben, nur weil der Test positiv war. Aber negativ war auch nicht viel besser. Hör dir Spahns Satz noch mal genau an. Auch mit den Testungen wird man sich europaweit gut bewegen können – Das ist nicht nur gönnerhaft, sondern richtig böse. Und jetzt setz die Wörter „auch die Ungeimpften“ ein, denn die sind ja gemeint. Also… Mit den Testungen werden sich auch die Ungeimpften europaweit gut bewegen können. Woran erinnert dich das?“

Ich ahne, worauf die Frau Keuner hinauswill. „An die elektronische Fußfessel?“

„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Und dabei legt man die elektronische Fußfessel nur entlassenen Schwerverbrechern an, vor allem Sexualstraftätern. Das ist durchaus logisch. Aus Sicht der Bundesregierung waren ja alle Ungeimpften Straftäter. Aber sach, hast du die Coronatestfußfessel für einen Moment vergessen?“

„Nein, die Coronatestfußfessel war zwar unsichtbar, aber die hing mir wie ein Klotz am Bein.“ Doch jetzt gibt es kein Halten mehr, es bricht aus mir heraus: „Warum haben die mich und meine jüngere Tochter gezwungen, uns testen zu lassen? Wir war doch beide nachweislich immun. Meine ältere Tochter hatte Delta, hohe Virenlast, und wir beide haben mit aller Kraft versucht, uns bei ihr anzustecken, aber es hat nicht geklappt. In der Nachbarschaft ist ein junger Mann krank geworden, obwohl er geimpft war. Der hat die ganze Familie angesteckt, obwohl oder weil die auch alle geimpft waren. Die haben es richtig heftig bekommen. Warum gab es kein großes I für immun. Wozu soll ich mich testen lassen, wenn ich immun bin? Ich konnte und kann alles bezeugen. Und in Frankreich durften wir ohne aktuellen negativen Test nicht einmal ins Café. Und das, obwohl wir immun waren. Ich hatte sogar das positive Testergebnis meiner älteren Tochter und unsere negativen dabei und den Beleg für die zweiwöchige Quarantäne.“

Die Frau Keuner lacht: „Was sollen denn die Franzosen mit Kölner Beweismaterial? Außerdem war General Macron doch genauso rigide. Die Franzosen haben mit der Testung von Touristen richtig viel Knete gemacht. Lisa, du bist ein Störfall.“

„Das weiß ich doch“, sage ich. „Aber etwas in mir hat darauf gehofft, dass der Dr. Nießen vom Kölner Gesundheitsamt auf mich zukommt und mich beglückwünscht, dass er mich fragt, wie ich als Frau über 60 es geschafft habe, mich nicht mit der gefährlichen Delta-Variante zu infizieren.“

„Hömma, Lisa, du bist dermaßen naiv. Du stellst die Zwangsmaßnahmen in Frage und erwartest auch noch Beifall. Aber jetzt mach ich einen Test mit dir. Wessen Haaransatz ist das?“

„Spahn? Beide Male?“

„Und jetzt vergleich mal die beiden Urlaubsbilder von Spahn und Ehemann aus den Jahren 2021 und 2023 miteinander. Im Sommer 2021 war der Spahn noch so doof, ein Selfie zu veröffentlichen. Beide tragen keine Sonnenbrille, auch der Spahn nicht, dabei ist der Spahn Bundesgesundheitsminister. Und jetzt kommt’s. Sein Ministerium hat im Frühjahr des selben Jahres ein Heft seiner kostenlosen Werbebroschüre „Im Dialog“ herausgegeben. In Heft 6/April 2021 geht es fast nur um die Impfung, aber auf der Kinderseite (S.34) wird ausdrücklich vor zu viel Sonne gewarnt. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Ministerium/Broschueren/BMG_Dialog_1-2021_bf.pdf

Der Jens Spahn hat für die Broschüre sogar das Vorwort geschrieben. Doch warum hat er die Warnungen seines eigenen Ministeriums nicht ernst genommen? Guck dir noch einmal das Selfie an. Gesundheitsminister Jens Spahn hat Sonnenbrand, knallrote Stirn, knallroter Hals und knallrote Nase. Dat geht doch gar nicht. Wahrscheinlich wollten Spahn und Mann den Beleg dafür liefern, dass es auch in Bayern schön sonnig sein kann, aber doch bitte nicht so. Das sind Top-Fotos für den Pschyrembel.“

„Ein Sonnenbrand kann doch jedem passieren“, sage ich leise.

„Ja, aber doch nicht dem Bundesgesundheitsminister. Der Mann ist doch ein Vorbild, was eine gesunde Lebensweise angeht.“

„Ich kann das so aber nicht in meinen Blog setzen.“

„Zu Zwecken der Aufklärung“, sagt die Frau Keuner. „Als Diashow. Jetzt guck dir bitte das Foto von 2023 an. Das haben Profis gemacht. Mittlerweile hat der Spahn kapiert, dass man als Spitzenpolitiker nicht einfach ein Selfie schicken kann, nicht mit Sonnenbrand und schon gar nicht, wenn der Bundesrechnungshof auf der Matte steht. Das ist jetzt zwei Jahre her, niemand erinnert sich mehr. Sind ja zu viele verstrickt.“ Die Frau Keuner trinkt noch einen großen Schluck Bier.

„Ich vermute, dass der Jens Spahn für das Selfie damals einen richtigen Anschiss gekriegt hat. Deshalb musste sich der Spahn einer Styling-Beratung unterziehen. Die Profis haben das Bild aus dem Jahr 2021 genau analysiert. Der Fotograf hat Spahn und Funke aus der prallen Sonne geholt und in den Halbschatten gestellt. Beide Männer tragen jetzt Sonnenbrillen. Das Bild ist auch nicht während einer Wanderung aufgenommen worden, sondern danach. Im Jahr 2023 haben sich die Jungs den Schweiß abgewaschen. Die Klamotten sind nicht mehr schweißgetränkt, sondern sauber. Man sieht, wie die Männer duften. Und da ist noch was.“

„Das Büschel auf Spahns Stirn? So kommt er seriöser rüber.“

„Das auch“, sagt die Frau Keuner. „Aber guck mal auf Spahns Hals. Genau da, wo der Spahn im Jahr 2021 Sonnenbrand hatte, ist zwei Jahre später der Hemdkragen hochgeklappt. Ganz schön schlau.“

„Jau.“

„Strammer Max für Markus“ ODER „Aus Schnee von Vorgestern kann man keine g’führige Piste mehr bauen“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. Ich bin gerade im Vor-Gärtchen, um Unkraut zu zupfen, da steht die da, hält sich am Gehwagen fest und grinst.

„Tach auch“, sach ich. „Aber ich hab unangekündigten Besuch nicht so gerne.“

„Da solltest du dich in deinem Alter aber langsam drauf einstellen“, sagt die Frau Keuner. „Watt kütt, dat kütt, und zwar oft ohne Anmeldung. Ich sach dir, die Marianne vom Bahnwärterweg, die hatte einen Infarkt. Wie die reanimiert wurde, da hat die sich gesacht: Ich kann noch nich gehen, wie sieht denn die Bude aus? Da is weder aufgeräumt noch geputzt, ich brauch noch wat Zeit. Und jetzt ist die gesund, hat aber einen Putzfimmel. Im Nachhinein sacht die sich: Der Tod hat nur angeklopft, um zu sagen: Marianne, lass deine Bude nich so vergammeln.“

„Welche Marianne vom Bahnwärterweg?“

Die Frau Keuner zuckt die Achseln. „Wurde mir so erzählt. Ich kenn die nicht persönlich. Könntest du mir bitte mal einen Sitzplatz anbieten? Sach mal, hast du die Stühlchen etwa schon für den Winter parat gemacht? Hömma, Lisa, du hast wohl Angst, dass sich eine Gruppe Öko-Touristen in die autofreie Siedlung verirrt und bei dir vorm Haus picknickt. Ich sach dir, die lassen sich nicht davon abhalten, auch wenn die Stühlchen zusammengeklappt sind.“

„Quatsch“, sage ich und klappe der Frau Keuner ein Stühlchen auf.

„Alles Männer, früher lief sowat unter Kegelverein.“ Die Frau Keuner setzt sich leicht ächzend. „Da kannst du noch froh sein, dass es Öko-Touristen aus Baden-Württemberg sind, die nehmen ihre Abfälle wieder mit. Alles kann man natürlich nicht wieder mitnehmen. Irgendwann schellt einer aus der Gruppe an und fragt, ob er mal bei dir aufs Klo kann. Und du traust dich nicht, nein zu sagen. Leider hast du das Klo seit drei Wochen nicht mehr geputzt. Du kannst dem Öko-Touristen ja sagen, dass du nicht geputzt hast, weil du Wasser sparen wolltest. Da hat der Verständnis für. Und wat macht der Ökotourist? Zieht nicht ab. Könnte ja noch ein anderer aus der Gruppe aufs Klo wollen.“ Kurze Redepause, sehr kurz.

„Und dann passiert ein Malheur“, sagt die Frau Keuner. „Einer aus der Gruppe hat Durchfall und schafft es gerade noch so aufs Klo. Und du, du bist so freundlich, dem anzubieten, bei dir zu duschen. Du hättest sogar ein sauberes Handtuch für ihn. Doch leider hört der Mann nicht auf dich, sondern nur auf den Kretschmann. Du kennst doch den Winfried Kretschmann?“

„Natürlich kenn ich den. Der Winfried Kretschmann ist Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Der hat mit dem Markus Söder zusammen schon im November 2021 für die allgemeine Corona-Impfpflicht plädiert. Und das zu genau dem Zeitpunkt, als allmählich klar wurde, dass es eine neue, harmlosere Corona-Variante gibt, gegen die in keinem Fall massengeimpft werden dürfte. Die standen mit dem Rücken zur Wand und haben mächtig auf die Tube gedrückt, was die Impfung angeht. Seitdem weiß ich, wie gut CDU/CSU und GRÜNE zusammenpassen. Wenn der Kretschmann redet, hör ich nicht mehr hin.“

„Nicht hinhören ist ein Fehler“, sagt die Frau Keuner. „Für die jüngeren GRÜNEN ist der Kretschmann ein Öko-Vorbild, auch für den Habeck. Ich sage dir, wenn du gelesen hättest, was der Kretschmann zum Energiesparen gesagt hat, wärest du gewarnt gewesen. Der Kretschmann hat ein Elektroauto und auf seinem Dach eine riesige Fotovoltaikanlage. Seit die Kinder aus dem Haus sind, heizen die Kretschmanns in der Regel nur noch ein Zimmer. Duschen tun die auch nicht so oft.“

„Das ist doch nicht unvernünftig“, wende ich ein.

Die Frau Keuner rümpft die Nase. „Und weißt du, was der Kretschmann wörtlich gesagt hat? … ‚Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung.‘ Klingt schlau. Das Problem ist nur, dass ein gebrauchter Waschlappen gründlich gewaschen werden muss. Im Waschlappen bleibt hängen, was beim Duschen im Abfluss verschwindet. Lisa, du wirst doch irgendwo noch einen Waschlappen haben.“

„Für den Ökotouristen?“, frage ich leise.

„Der hat eigene dabei“, sagt die Frau Keuner. „Das Problem ist nur, dass der Ökotourist die Waschlappen nicht feucht in den Rucksack packen kann. Also lässt er sie da, und zwar für deine nächste 60°-Wäsche. Seine olle Unterbuxe kommt auch noch dazu, denn er hat frische Wechselwäsche dabei. Kann eine Weile dauern, bis die Maschine voll ist, aber der Öko-Tourist ist ein alleinstehender Rentner mit Senioren-Bahncard und 49-Euro-Ticket. Der kommt wieder. Ich sach dir, sich näher kommen ist ziemlich unromantisch, wenn man über 60 is.“

„Auch das noch“, sage ich leise, klappe einen zweiten Stuhl auf und setze mich..

„Lisa,“ fängt die Freu Keuner wieder an, „sei froh, dass du keine wichtige Person bist und nur ein ömmeliges Reihenhaus hast. Als der Jens Spahn noch in seiner Dahlemer Villa gewohnt hat, standen ständig die Gaffer vorm Haus. Ich meine, wie konnte der Mann so naiv sein zu meinen, dass die Leute Beifall klatschen, wenn sich der Bundesgesundheitsminister im Sommer 2020 eine Fünf-Millionen-Euro-Villa für den Luxus-Lockdown kauft, während sich die Menschen in ihren kleinen Wohnungen auf der Pelle hängen. Und wie kann der Jens Spahn so doof sein, ein Paket anzunehmen, wo kein Absender draufsteht. Da kann doch nur Kacke drin sein.“

„Bah!“

„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Aber im Wahlkampf machen die Politiker dann auf Piep, piep, piep – Wir haben uns alle lieb. Wie der Jens Spahn vor zwei Jahren. Da hat er mitten im Bundestags-Wahlkampf auf Instagram ein Urlaubs-Selfie gepostet, und zwar vom Tegernsee. Guck es dir im Internet an, im Vordergrund sieht man Jens Spahn und Mann und im Hintergrund eine Berglandschaft. Die Schlagzeile auf rtl.de war, Moment… “ Die Frau Keuner kramt einen Zettel aus der Jackentasche. „Also, die Schlagzeile war: Jens Spahn (CDU) schickt Grüße aus dem Liebesurlaub in den Bergen. Ist das nicht primitiv? Ich sach dir, im Anschluss an die Nachricht vom Liebesurlaub in den Bergen hat der Spahn noch mehr Pakete ohne Absender gekriegt. Ich schick dir den Link, denn den brauchst du noch.“ https://www.rtl.de/cms/jens-spahn-sendet-urlaubsgruesse-gesundheitsminister-mit-ehemann-am-tegernsee-4809772.html

„Wieso brauch ich den Link?“

„Für den Blog-Beitrag, den du schreibst“, sagt die Frau Keuner. „Ich bin übrigens für die gleichgeschlechtliche Ehe. Das Problem ist nur, dass die gleichgeschlechtlichen Promi-Ehepaare in aller Regel genauso spießig sind wie die heterosexuellen. Vor allem die von der CDU. Ich sehe da eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Pärchen Jens und Daniel und dem Pärchen Hannelore und Helmut. Die Kohls sind ja auch immer in die Berge gefahren. An den Wolfgang-See in Österreich, und der Helmut Kohl wollte nie mit der Familie alleine sein, der wollte die Presse immer dabei haben… Hömma, Lisa, wat sitzt du da die ganze Zeit so doof rum? Hast du wohl mal bitte ein Kissen für mich?“

Ich gehe ins Haus und hole ihr eins. „Für die Hannelore Kohl muss das entsetzlich gewesen sein“, sagt die Frau Keuner. „Wo sie doch unter einer Lichtallergie litt. Licht ist aggressiv, wenn es zu viel wird, vor allem das Licht der Öffentlichkeit… Aber da will ich gar nicht dran denken.“ Die Frau Keuner seufzt, aber dann lächelt sie und singt: „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein…“ Summt, guckt selig. Das Summen geht in ein Brummen über und dann in ein leises Schnarchen.

„Frau Keuner?“

„Schon gut“, sagt die Frau Keuner und gähnt. „Wo war ich noch. Also… Erinnerst du dich noch an die weltweite Reisewarnung vom Auswärtigen Amt, als sie wegen Corona die Grenzen dichtgemacht haben? Das war im Frühjahr 2020. Da hatte der Markus Söder Angst, dass der bayrische Tourismus zusammenbricht. Der Söder hat damals einen kernigen Satz gesagt, der auch noch lustig sein sollte, von oben herab, der Söder kennt ja nur die eine Richtung… Moment, ich muss den noch zusammenkriegen… Also: „Wer Österreich genießen will, der kann das auch in Bayern tun.“ Wäre ich eine österreichische Hotelkraft, wäre ich schwer bedient gewesen, aber die Österreicher haben sich angeblich geschmeichelt gefühlt. Is ja klar, jedes Land will heute Genießerland sein. Is ja auch lecker da. Kennst du Frittatensuppe?“ Ich schüttele den Kopf.

„Du kannst in Bayern keinen Österreich-Urlaub machen“, fährt die Frau Keuner fort. „Doch bei der Frittatensuppe geht das, die kannst du auch in Bayern kochen, sogar vegetarisch. Aber einer wie der Söder wird unruhig, wenn er kein Fleisch kriegt. Der braucht ein ordentliches Stück Fleisch im Bauch. Das sättigt nicht nur, das macht stark. Fleisch ist angeblich auch gut für die Wehrkraft. Deshalb hat der Markus Söder im Frühjahr 2022 ein großes Weißwurst-Frühstück für US-amerikanische Soldaten veranstaltet. Moment, ich kann den Twitter-Text nicht auswendig.“

Die Frau Keuner holt einen weiteren Spick-Zettel aus der Jackentasche und faltet ihn auseinander: „Ich muss mich jetzt zusammenreißen, denn ich esse dermaßen gerne Weißwürste. Wenn ich beim Reden kurz pausiere, liegt das daran, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft.“ Die Frau Keuner stockt, schluckt und redet dann weiter. „Aber die Weißwürste, die man in Köln kaufen kann, haben keine richtige Pelle mehr. Dat beißt sich nicht nur wie Bockwurst, dat bricht sich auch wie Bockwurst.“ Die Freu Keuner seufzt. „Die Pelle von der echten Weißwurst ist so derb, dass man die Wurst nur biegen kannst.“

Die Frau Keuner stockt, schluckt und redet dann weiter. „Also, auf dem offiziellen Twitter-Account vom Markus Söder steht am 11. März 2022: ‚Größtes Weißwurst-Frühstück in Bayern: US-Soldaten verteidigen unsere Demokratie auf der ganzen Welt. Dafür danken wir herzlich mit bayerischen Spezialitäten auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Wir sind verlässliche Partner und stehen vereint zusammen für Frieden und Freiheit.` Das war nur wenige Wochen nach Beginn des Kriegs in der Ukraine, die USA hatten schon mächtig viel Geld in den Irrsinn gepumpt.“

„In der Weißwurst, die man hier kaufen kann, ist kaum noch Kalb drin“, sage ich leise.

„Als wenn du das rausschmecken würdest“, sagt die Frau Keuner. „Das hast du auf der Verpackung gelesen. Auf Twitter kannst du dir übrigens die Fotos vom Weißwurst-Frühstück angucken. Da steht der Söder für Weißwürste an, natürlich an vorderster Front. Und er trägt eine FFP2-Maske, was in dem Zusammenhang schon ein bisschen unpassend ist. Ich versteh aber schon, dass der Söder maskiert war.“

„Warum?“

„Ich würde auch eine Maske tragen, wenn ich Politiker wäre und meine Ehefrau wäre nicht nur seit Ende 2020 Schirmherrin über die berittenen Einheiten der Bayerischen Polizei, sondern auch eine erfolgreiche bayrische Unternehmens-Erbin und Unternehmerin, die versucht hat, mit Corona-Masken zu handeln. Die Frau Baumüller-Söder hat ja angeblich beste China-Kontakte. Da gab es einen erhellenden Artikel im Merkur. Moment… Ich geb dir den Link. Aber die Karin Baumüller-Söder hat immer betont, dass sie mit der Masken-Beschaffung keine Geschäfte machen wollte, sondern nur helfen. Is dat nich lieb?“ Ich nicke. https://www.merkur.de/bayern/nuernberg/ehefrau-karin-baumueller-corona-masken-deals-ffp2-csu-bayern-soeder-91483544.html

Die Frau Keuner lacht. „Lisa, lies bitte die Kommentare, die unter dem Artikel stehen. Manche sind ja kritisch, aber andere… Verstehst du die Sprache? Weißt du, was eine g’führige Piste ist? Was sagst du zu diesem Kommentar? Aus Schnee von Vorgestern kann man keine g’führige Piste mehr bauen…“

„Was das Skifahren angeht, bin ich leider unsportlich“, antworte ich.

„Nicht nur, was das Skifahren angeht“, sagt die Frau Keuner. „Ich hab dich kürzlich an der Tischtennis-Platte gesehen. Schon mal wat von Rückhand gehört?“

„Aber das war ich nicht! Ich spiele schon seit Jahren kein Tischtennis mehr.“

„Dann war das eben deine Doppelgängerin“, sagt die Frau Keuner. „Je älter man wird, desto mehr Doppelgängerinnen hat man. Aber du solltest wirklich an deinem Outfit feilen. Guck dir den Söder an, der sieht immer gut aus, nicht nur wegen der Landtagswahl im Oktober. Und er hat einen gesunden Appetit. Kennst du den Hashtag #Söderisst?“ Ich schüttele den Kopf.

„Söders Lieblingsgerichte sind Nürnberger Rostbratwürste und Kalbskopf mit Kartoffelsalat“, sagt die Frau Keuner. „Den Kalbskopf hat die Mutter Söder immer für den Markus gekocht. Für den Hashtag macht er die Fotos selber, auch die vom Kalbskopf, aber an die eigene Visage lässt er nur Profis ran. Da gab es jetzt diesen Skandal. Der Söder ist ja wirklich fotogen, volle Haare, gute Figur, stattliche Erscheinung, markante Züge, grimmiger Blick. Dass der Bayrische Ministerpräsident fotografiert wird, ist ja normal, aber während seiner Amtszeit haben sich die Ausgaben für Fotos vervielfacht. Hömma, dat sind Steuergelder, geht gar nicht.“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article246678732/Markus-Soeder-Fotos-von-Bayerns-Ministerpraesident-kosten-Steuerzahler-220-000-Euro.html

„Lisa, magst du Strammer Max?“

„Ja“, sage ich. „Wenn der nicht ganz so stramm ist, ohne Schinken, mein ich.“

„Ohne Fleischteil ist dat aber nach Meinung von Markus Söder kein Strammer Max mehr“, sagt die Frau Keuner. „Ende April 2022 war auf #Söderisst ein kompletter Strammer Max abgebildet, mit Käse und Schinken. Und wie nennt der Söder das Tellergericht, das er serviert kriegt? Strammer Max für Markus. Kannst du so in die Suchmaschine eingeben. Da redet ein Ministerpräsident von sich selber in der dritten Person. Ist das nicht peinlich? Die Food-Fotos hat der Söder alle selber geknipst. Aber guck dir mal Strammer Max für Markus an: Ich sage dir, die Spiegeleier waren definitiv zu lange in der Pfanne, das Eiweiß ist porös und leicht angebacken, das Häutchen über dem Eigelb ist schon ledrig, der Schinken ist billiger Pressschinken und der Käse abgepackter Allgäuer Emmentaler, und dann steht im Hashtag nicht einmal, wo der Söder das fotografiert hat.“ Die Frau Keuner hält mir ihr Smartphone hin.

„Viel sehe ich ohne Lesebrille nicht“, sage ich. „Aber dieser Stramme Max für Markus sieht kaltgeworden aus. Geht schnell bei Ei.“

„Sach, Lisa, du bist doch Germanistin. Woher kommt der Ausdruck Strammer Max?“ Ich zucke die Achseln, aber die Frau Keuner gibt Strammer Max bei Wikipedia ein, fängt an zu lachen, prustet, grunzt. „Dat darf doch nicht wahr sein.“

„Was steht denn da?“, will ich wissen, geh ins Haus und schnapp mir die Lesebrille. „Kann ich wohl mal gucken?“

Die Frau Keuner reicht mir ihr Smartphone: „… Der Ausdruck Strammer Max wurde um 1920 im Sächsischen mit der Bedeutung „erigierter Penis“ gebildet und anschließend auf das Gericht übertragen, wohl weil es ein besonders „kräftigendes“ belegtes Brot ist…“ https://de.wikipedia.org/wiki/Strammer_Max

„Jetzt tut mir der Markus Söder fast schon wieder leid“, sage ich.

„Der muss dir nicht leid tun“, sagt die Frau Keuner.

„Aber das darf doch nicht passieren. Warum sagt ihm das denn keiner? Der Markus Söder muss Strammer Max für Markus sofort von seinem Hashtag #Söderisst runternehmen. Der macht sich doch lächerlich.“

„Soll er“, sagt die Frau Keuner. „Der Markus Söder soll sich so zeigen, wie er ist und frisst, denn so geht das nicht weiter. Was bildet sich der Mann eigentlich ein. Wer Österreich genießen will, der kann das auch in Bayern tun... Das erinnert mich an die DDR-Staatsführung. Weißt du, was die damals zu den DDR-Bürgern gesagt haben? ‚Wenn es euch auch nach Italia zieht, dann seid ihr mit Eforie Nord doch viel besser bedient.‘ Die SED-Elite war ja eine geschlossene Gesellschaft. Die Bonzen waren damals schon so schlau, den Massentourismus zu meiden. Und dann haben sie auf der Ostsee-Insel Vilm Nobel-Urlaub gemacht. Da waren sie unbeobachtet. Das Volk ist währenddessen zum Schwarzen Meer gefahren und hat in den Trabis geschlafen. Gardinen vorm Autofenster. Die Hotels waren für die Westdeutschen reserviert. Die hatten ja West-Mark. Wenn ich DDRlerin gewesen wäre, hätte ich die Wessis dermaßen gehasst.“

„Ich hätte uns nicht gehasst, aber fürchterlich gefunden“, sage ich.

„Die haben uns damals schon gegeneinander ausgespielt“, sagt die Frau Keuner. „Und wie gehen die Politiker mit unserem Geld um? Als der Jens Spahn im Jahr 2021 seinen Liebesurlaub gemacht hat, stand der schon sehr unter Druck. Der hatte ja ohne Ende auf dicke Hose gemacht und vom Bundesrechnungshof einen Anschiss gekriegt. Die haben dem Gesundheitsministerium Geldverschwendung vorgeworfen, du erinnerst dich vielleicht, da ging es um die Beschaffung von Schutzmasken. Spahns Ministerium hatte viel zu viele Masken bestellt und dann nicht bezahlt. Das ist so primitiv, dass da keiner drauf kommt.“

Die Frau Keuner macht eine kurze Pause und redet dann weiter. „Schon im Frühjahr 2021 hatte der Unternehmer Walter Kohl, CDU, Sohn vom Helmut Kohl, CDU, das Bundesgesundheitsministerium verklagt. Der Skandal ist ja nicht nur, dass die Masken nicht bezahlt wurden, sondern dass ausgerechnet der Sohn vom Kohl den Großauftrag hatte. Und jetzt gib bitte bei Google „Maskendeals“ ein. Dann siehst du, wer da alle beteiligt war. Eine einzige Vettern- und Ehegattenwirtschaft. Die meisten aus dem Umkreis von CDU/CSU. Alfred Sauter und Georg Nüßlein, Andrea Tandler, Tochter vom ehemaligen CSU-Generalsekretär Gerold Tandler u.u.u. Die Burda GmbH hat mehr als eine halbe Million FFP2-Masken an das Bundesgesundheitsministerium verkauft. Und wer leitet die Burda-Repräsentanz in Berlin? Daniel Funke, der Ehemann von Jens Spahn.“

„Ich hab noch paar Masken übrig“, sage ich. „Rosa“.

„Kannst du wegschmeißen“, sagt die Frau Keuner. „Angeblich taugen die alle nicht mehr. Im Juni habe ich gelesen, dass 755 Millionen Schutzmasken vernichtet werden müssen. Dabei haben sie von Anfang an versucht, den Maskenkonsum ankurbeln, um die teuer bezahlten Dinger irgendwie loszukloppen. Das war dermaßen primitiv. Und wie sie die älteren Menschen veräppelt haben. Weißt du noch, da haben alle gesetzlich Krankenversicherten über 60 einen Brief von der Bundesregierung gekriegt, im Januar 2021. Vielleicht erinnerst du dich, dieses Schreiben, wo stand, dass alle über 60 ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Die Bundesregierung hat behauptet, dass sie uns schützen will. Und dann hat da gestanden, dass man bis zum 6. Januar drei Masken mit hoher Schutzwirkung kostenlos kriegt. Der Brief war undatiert, und da stand nicht einmal ein Neujahrsglückwunsch drunter. Das hat mich stutzig gemacht. Das Schreiben war halbseiden und primitiv, die Absende-Adresse war München-Flughafen.“

Ich nicke: “ Die selbe Absende-Adresse wie beim Brief von Karl Lauterbach.“

„All die Verbrechen haben keine Konsequenzen“, sagt die Frau Keuner. „Die Masken-Deals gelten als Kavaliersdelikte. Sauter und Nüsslein dürfen sogar ihre fetten Provisionen behalten. Die sahnen ab, aber für uns gibt es nicht einmal den versprochenen Trostpreis. Knausrig waren die auch noch. Der Brief von der Bundesregierung ist erst Mitte Januar angekommen, da waren die kostenlosen FFP2-Masken längst weg. Wenn es die je gegeben hat. So lockt man die älteren Menschen in die Apotheke. Leider war ich so wütend, dass ich den Brief weggeschmissen hab.“

„Ich hab den Brief auch erst Mitte Januar gekriegt“, sage ich. „Das war auch zu spät fürs Lockangebot. Aber ich hab den Brief aufbewahrt. Für meinen Blog.“

„Hui“, macht die Frau Keuner. „Ich bin jetzt mal kurz weg. Aber heute Abend komm ich wieder. Und du hast bis dahin Kölsch besorgt und kalt gestellt. Und brat mir bitte paar Buletten. Dass du das Beweismaterial noch hast, dieses unseriöse Schreiben von der Bundesregierung.“

Ich wusste nicht, dass sie dazu in der Lage ist, aber die Frau Keuner lächelt. „Lisa, ich liebe dich.“

„Es war, als könnten wir über das Wasser laufen, ohne unterzugehen“ – Eine kleine Geschichte über das Wunder der Immunität

In einer kleinen Siedlung lebte vor langer Zeit eine Gruppe Menschen. Meistens waren sie unter sich, denn die nächste Siedlung lag einen halben Tagesmarsch weit entfernt. Sie ernährten sich von dem, was sie fanden, von Beeren, Nüssen, Pilzen und den Körnern wilder Getreide. Der nahe Fluss war voller Fische. Das Klima war gemäßigt, die Winter waren mild und die Sommer regenreich, aber auch sonnig.

In den Wäldern gab es so viel Wild, dass die Wölfe keinen Grund hatten, in die Siedlungen der Menschen einzudringen. Die Nattern, die sich über den Boden schlängelten und die Blicke der Menschen in ihren Bann zogen, waren nicht angriffslustig.

Um die Götter nicht zu erzürnen, gingen die Männer nur ab und an auf die Jagd. Die Felle und Häute der erlegten Tiere ließen sich zu Kleidung verarbeiten. Ihr Fleisch wurde über dem Feuer gebraten und aufgeteilt. Die besten Stücke bekamen die jungen, fruchtbaren Frauen. Die Götter wollten es so. Die alten Frauen achteten streng darauf, dass der Wille der Götter respektiert wurde.

Irgendwann jedoch begehrten die Männer auf. „Es ist ungerecht, dass ihr Frauen bevorzugt werdet“, sagte der Anführer der Männer. „Glaubt nur nicht, dass ihr was Besonderes seid, nur weil ihr die Kinder zur Welt bringt. Es mag ja sein, dass ihr diesem Kampf viel Blut verliert, es mag auch sein, dass manchmal eine Frau während der Geburt stirbt, aber ich sage euch, der Kampf gegen die wilden Tiere ist der eigentliche, der noch blutigere Kampf. Der Kampf gegen die Bestie ist ein Kampf auf Leben und Tod.“

Die Frauen konnten den Anführer der Männer nicht ganz ernst nehmen. Eine Geburt war zwar heftig und riskant, aber kein Kampf. Wenn sie in den Wald gingen, um Beeren, Nüsse und Pilze zu sammeln, sahen die Frauen hin und wieder Wölfe, aber noch nie waren sie einer Bestie begegnet. Die Frauen waren gelassen, sie nahmen sich das, was die Natur hergab, sie kannten die Lichtungen, wo die besten Beeren reiften, sie lehrten die Kinder, zwischen unreif und reif, nicht essbar und essbar und zwischen giftig und ungiftig zu unterscheiden. Und irgendwann hatten sie herausgefunden, wie man Beeren und Pilze trocknen und für den langen Winter haltbar machen konnte.

Die Männer jedoch waren unzufrieden. Um Fische zu fangen, musste man schnell sein und mit der Harpune umgehen können, doch die Fische waren so kühl wie das Wasser, in dem sie schwammen, und die Jagd auf sie forderte nicht den ganzen Mann. „Wozu“, fragten sich die Männer, „sollten uns die Götter mit dieser großen Kraft ausgestattet haben, wenn wir nicht auserkoren wären, den Kampf aufzunehmen gegen die wilden, warmblütigen Tiere ?“

Die Männer versammelten sich, um Pläne zu schmieden. „Wir brauchen mehr Hirschfelle“, sagte der Anführer der Männer. „Die Winter werden härter werden.“ Die Männer nickten. „Wir müssen Schweine jagen“, sagte ein anderer Mann, „im Wald leben zu viele davon. Das bringt die Wölfe auf die Idee, sich hemmungslos zu vermehren. Und dann haben wir ein Problem.“ Ein dritter Mann schaltete sich ein: „Das erste Fleisch werden in Zukunft nicht mehr die Frauen bekommen. Wir müssen sie beschützen, denn das Fleisch könnte vergiftet sein. Aber die Frauen brauchen keine Angst zu haben, denn wir Männer werden das Fleisch vor ihnen probieren. Erst wenn wir Männer die Mutprobe überlebt haben, sind die Frauen dran.“ Jetzt jubelten alle.

Von nun an gingen die Männer häufiger jagen. Ihre Jagdlust wurde alleine dadurch gebremst, dass die alten Frauen, die nicht mehr gerne Fleisch aßen und deren Zähne brüchig geworden waren, weiterhin darauf achteten, dass die jungen Frauen die besten Fleischstücke bekamen.

Wenn sie in den Wald gingen, nahmen die Frauen die Kinder mit. Die jüngsten wurden getragen und abgesetzt, die älteren halfen beim Sammeln. Vor allem die süßen Beeren schmeckten den Kindern. So gehörten in jedem Frühjahr die ersten Walderdbeeren ausschließlich ihnen. Alle Kinder, die schon laufen konnten, durften ohne die Erwachsenen in den Wald und Erdbeeren essen, so viele sie wollten. Sie sollten keine Erdbeeren nach Hause mitbringen, aber darauf achten, dass alle Kinder zusammenblieben. Die Erwachsenen vertrauten die kleineren Kinder den älteren an, die schon gut zählen konnten. Es waren 23 Kinder, die an einem milden, sonnigen Tag losgezogen waren, um Erdbeeren zu pflücken. Dass sie am Waldrand die Kinder aus der Nachbarsiedlung getroffen und mit ihnen gespielt und Erdbeeren gegessen hatten, erzählten sie nur den Müttern.

Ein paar Tage später waren die Kinder krank. Als die Menschen sich zur allmorgendlichen Begrüßung trafen, war die Haut der wenigen Kinder, die gekommen waren, voller Pusteln. „Kommt mir nur nicht zu nahe“, schrie ein Mann.

„Das sind die Erdbeeren“, rief ein anderer. „Die Kinder werden nie mehr alleine in den Wald gehen.“

„Ihr Frauen seid schuld, wenn sie sterben“, sagte ein dritter. „Ihr verzärtelt die Kinder und lasst sie viel zu lange eure süße Milch trinken.“

„Beruhigt euch“, sagte die alte Mimi. „Kein Kind wird sterben.“

„Geht, Männer“, rief eine jüngere Frau. „Was versteht ihr Männer schon von den Kindern? Verschwindet!“

„Wir wollten ohnehin gehen“, sagte der Anführer der Männer. „Vor uns liegt ein gefahrvoller Weg. Wir brechen auf, um den Großen Heiler zu finden und ihn um eine Medizin zu bitten, die die Kinder wieder gesund macht, eine Medizin, die ihnen hilft und die das Böse, das von ihnen Besitz ergriffen hat, endgültig besiegt. Wer von euch Männern hat keine Angst, den Gefahren, die auf dem Weg lauern, ins Auge zu sehen, wer ist dabei?!“

Die Männer jubelten, bis auf die alten Männer schlossen sich alle an. Sie bewaffneten sich mit Pfeilen, mit Äxten, mit Schleudern. Der Anführer der Männer kam noch einmal zurück und überreichte Mimi eine Steinschleuder.

„Die könnt ihr wohl nicht mehr tragen“, sagte die alte Mimi und lachte.

Die Alten, die Frauen und die Kinder machten sich eine gute Zeit. Manchmal stieg in der Ferne über dem Wald Rauch auf.

Als die Männer nach ein paar Wochen mit leeren Händen zurückkamen, waren die Felle, die sie trugen, beschädigt. Arme und Beine zerschrammt. Aufgeregt liefen ihnen die Kinder entgegen.

„Die Pusteln sind weg“, sangen die Kinder und tanzten. „Die fiesen, fiesen Pusteln sind weg.“

„Schau mich an“, sagte der Anführer der Männer zu seiner Tochter. „Was haben wir nicht alles auf uns genommen, um den Großen Heiler zu finden und an die Medizin zu kommen.“

„Freust du dich denn nicht?“, fragte das Mädchen leise. „Ich bin gesund und die anderen Kinder auch.“

„Warum hast du nicht auf mich gewartet?“, fragte der Anführer der Männer. „Jetzt bist du nicht mehr meine Tochter.“

Das Mädchen fing an zu weinen. Ihr Vater lächelte und nahm sie in den Arm. „Das war nicht so gemeint,“ sagte er. „Aber wir müssen abwarten. Wahrscheinlich kommt die Krankheit zurück. Ihr habt den Großen Heiler erzürnt. Doch wenn wir erst einmal die Medizin haben, wird die Krankheit nicht einmal mehr den Versuch machen, euch anzugreifen.“

Er ging zu den Frauen, die ein bisschen abseits zusammenstanden. „Wie habt ihr das gemacht, habt ihr die Kinder mit einer eurer seltsamen Tinkturen eingerieben? Bildet euch bloß nicht ein, ihr hättet die Kinder geheilt.“

„Wir haben die Kinder nicht geheilt“, sagte die Frau des Anführers der Männer. „Wir haben nur darauf geachtet, dass sie es warm haben und genug trinken. Sie sind aus eigener Kraft gesund geworden. Es war schön, wir Frauen sind gesund geblieben. Vielleicht sind wir gesund geblieben, weil wir die Krankheit schon hatten, damals, als wir Kinder waren. Du übrigens auch.“

„Was unterstellst du mir, ich soll diese scheußlichen Pusteln gehabt haben?!“

„Frag Mimi“, sagte die Frau. „Doch was wir jetzt erlebt haben, war wie ein Wunder. Die Krankheit konnte uns Frauen nichts anhaben. Lach mich bitte nicht aus, aber es war, als könnten wir über das Wasser laufen, ohne unterzugehen.“

„Du redest wirr“, sagte der Anführer der Männer. „Nur der Große Heiler kann über das Wasser laufen, ohne unterzugehen.“

Jetzt musste die Frau des Anführers der Männer lachen, und weil Lachen nun mal ansteckend ist, fielen alle ein, die Frauen, die Kinder, aber auch einzelne Männer.

Das gutgestimmte Windpocken-Kind.
Karneval im Jahr 2000. Eine Wieverfastelovend-Feier in der städtischen KiTa Ottostraße in Köln-Neuehrenfeld wird zum „Super-Spreader-Event“. Fast alle Kinder bekommen die Windpocken, später auch die Geschwisterkinder, die noch nicht in die KiTa gehen. Schön sieht die kleine Schwester mit ihren Windpocken nicht aus, aber neun Monate alte Babys gucken zum Glück noch nicht in den Spiegel.
Ich weiß, wie unangenehm die Gürtelrose ist, eine Krankheit, die man bekommen kann, wenn man als Kind die Windpocken hatte – Zwei nahe Verwandte waren (fast zu gleichen Zeit, aber räumlich getrennt) daran erkrankt. Und doch bin ich froh, dass meine beiden Töchter neben dem Drei-Tage-Fieber die Windpocken hatten. Die Windpocken sind nach wie vor der beste Schutz gegen die von der STIKO empfohlene Windpockenimpfung.

Am Abend, der ungewöhnlich mild war, wurde in der Siedlung ein Fest gefeiert. Die Kinder waren irgendwann schlafen gegangen, aber die Erwachsenen saßen noch um das Feuer herum. Die Männer jammerten ein bisschen, doch die Frauen waren heiter gestimmt, versorgten die Wunden der Männer und sangen die Lieder, die sie sonst nur den Kindern vorsangen. Hier und da wurden erste zarte Küsse ausgetauscht. Es würde eine lange Nacht werden.

Auch die alten Menschen sollten noch lange wach bleiben „Ich mache mir große Sorgen“, sagte der alte Dado. „Warum lassen sich die Frauen immer wieder von den Männern bezirzen?“

„Ihr Männer seid beschränkt, aber wir lieben euch“, sagte die alte Mimi.

„Irgendwann“, sagte Dado, „werden die Männer eine Steinschleuder bauen, mit der man Steine schleudern kann, die so groß sind wie Berge, so gigantisch, dass sie alle Tiere des Waldes auf einen Schlag töten können.“

„Ach was.“ Mimi lachte. „Steine, die so groß sind wie Berge, lassen sich doch gar nicht bewegen. Und wer alle Tiere auf einen Schlag tötet, zerstört alles.“

„Das ist ihnen egal“, antwortete Dado. „Die Männer werden die große Schleuder vielleicht nicht einmal benutzen, aber immer damit drohen, dass sie es tun. Und sie werden die Boote mit Flügeln ausstatten und versuchen, zu den Gestirnen zu fliegen und den Mond vom Himmel zu holen.“

„Ach was“, sagte Mimi und und legte den Arm um Dado. „Die Männer sind wie kleine Jungs. Sie wollen nur spielen.“

„Sie sind aber keine kleinen Jungs“, sagte Dado. „Manchmal sehe ich die Männer in den Kampf gegen die Menschen anderer Siedlungen ziehen. Und irgendwann werden die Frauen Seite an Seite mit ihnen marschieren.“

„Warum sollten die Frauen das tun? Das ist doch gegen unsere Natur.“

„Aus Liebe“, sagte Dado.

***

Hinzufügung 23. Juli:

Am vergangenen Mittwoch (19.7.2023), fünf Tage nach Veröffentlichung des oben stehenden Beitrags, wurde mein selten gelesener Beitrag vom 17.5.2021 aufgerufen: https://stellwerk60.com/2021/05/17/als-rotkappchen-vor-dem-oster-besuch-bei-der-grosmutter-in-die-vorquarantane-ging-und-was-dann-passierte/

In dieser Geschichte erfahren wir, wie Rotkäppchens Großmutter mitten in der „Pandemie“ zum Entsetzen ihrer Familie eine Ehe mit dem Wolf eingeht und bei der Gelegenheit fünf Wolfskinder adoptiert. Damals geschah etwas Seltsames: Nur wenige Tage nach Veröffentlichung des Beitrags wurde -während der nächtlichen Corona-Ausgangssperre- in der Nähe der autofreien Siedlung Stellwerk 60 ein Wolf gesichtet.

In der Nacht, nachdem der Blog-Beitrag aufgerufen wurde (Nacht zum 20.7.2023), tauchte in Kleinmachnow bei Berlin ein Tier auf, das man aufgrund eines Passanten-Videos als Löwin identifizierte. Nachdem man die Umgebung in Alarmbereitschaft gesetzt und bis zum Freitagvormittag vergeblich nach dem Tier, das kaum Spuren hinterließ, gesucht hatte, gab es Entwarnung: Bei dem Tier dürfte es sich um ein Wildschwein gehandelt haben.

Das wiederum korrespondiert mit meiner kleinen Geschichte über das Wunder der Immunität. Die Männer der kleinen Siedlung dämonisieren nicht nur die Windpocken. Sie suchen einen Grund, jagen zu gehen, und warnen vor gefährlichen Raubtieren, die noch nie jemand gesehen hat.

Seltsam ist das schon, doch werte ich das Zusammenkommen der Sonderbarkeiten als reinen Zufall.

„Im Namen der Bundesrepublik, der evangelischen Kirche, der katholischen Kirche… ICH BITTE SIE UM VERGEBUNG UND ENTSCHULDIGUNG“ – Eine kleine Sternstunde im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Im Sommer 2016 hatte der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki einen bemerkenswerten Auftritt. Nachdem immer mehr Details über Gewalt in den (überwiegend) katholischen Kinderheimen der Nachkriegsjahrzehnte publik geworden waren und der öffentliche Druck immer größer wurde, hatte die Katholische Kirche keine andere Wahl, als öffentlich um Verzeihung zu bitten. Bei der “Tagung für ehemalige Heimkinder der Behindertenhilfe und Psychiatrie und die interessierte Fachöffentlichkeit” sagte Woelki am 23.6.2016 in Berlin: „Als Vorsitzender der Caritaskommission der Deutschen Bischofskonferenz sage ich ausdrücklich, dass ich die damals in den katholischen Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie ausgeübte physische, psychische und sexuelle Gewalt zutiefst bedauere und die Betroffenen dafür um Entschuldigung bitte. Kirchliche Organisationen und Verantwortliche haben in diesen Fällen dem christlichen Auftrag, Menschen mit Behinderung und psychiatrisch Erkrankte in ihrer Entwicklung zu fördern und ihre Würde zu schützen, nicht entsprochen.” https://www.erzbistum-koeln.de/news/Gewaltx_Missbrauch_und_Leid_an_Behinderten_zwischen_1949_und_1975/

Mit seinem Vortrag nahm Woelki Bezug auf eine Studie, die die Katholische Kirche bzw. der Deutsche Caritasverband mit seinem Fachverband Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP) in Auftrag gegeben hatte: „Heimkinderzeit”. In der Studie kommen überlebende Betroffene zu Wort- und erzählen unabhängig voneinander Entsetzliches. Die Studie bringt ans Licht, dass Kinder und Jugendliche (nicht nur) mit Behinderung in der Zeit zwischen 1945 -1975 in den überwiegend katholischen westdeutschen Heimen massiven Gewalterfahrungen ausgesetzt waren und Missbrauch sowie psychisches und physisches Leid erleben mussten. Für Projektleiterin Prof. Dr. Annerose Siebert war der Alltag der Heimkinder “durchzogen von Unterordnung, Isolation und Gewalt” (zitiert nach spiegel.de). Brutalität war nicht die Ausnahme, sondern die Regel, wenn es in den Einrichtungen auch immer wieder einzelne Erwachsene gab, die die Kinder in Schutz genommen und ihnen geholfen haben.

Nach dem Schuldeingeständnis von Seiten der Katholischen Kirche musste gehandelt werden. Die überlebenden Betroffenen wurden als Gewaltopfer anerkannt und konnten ihre Ansprüche auf eine (beschämend geringe) finanzielle Entschädigung von 9.000€ geltend machen, die von der Stiftung „Anerkennung und Hilfe” (Bund, Länder, Katholische und Evangelische Kirche) getragen wurde. “Heimkinderzeit” war nicht nur eine zentrale und bedeutende Aufklärungsleistung, sondern gab den Anstoß für weitere Studien und Forschungsarbeiten. Und doch erzählt “Heimkinderzeit” nicht die ganze Wahrheit.

Denn an anderer Stelle war längst weiter geforscht worden. Dem Mut, der Klugheit und Beharrlichkeit der Pharmazeutin Sylvia Wagner haben wir es zu verdanken, dass noch eine weitere entsetzliche Variante der Gewalt ans Licht kam: Der körperliche und seelische Missbrauch von Schutzbefohlenen mit den Mitteln der Medizin. Im Rahmen ihrer Dissertation im Jahr 2016 entdeckte Sylvia Wagner zahlreiche Hinweise auf medizinisch-pharmazeutische Experimente an Heimkindern, die unter dem Vorwand, psychisch krank zu sein und behandelt werden zu müssen, in die Psychiatrie kamen. Noch vor Fertigstellung ihrer Doktorarbeit gab Sylvia Wagner Ergebnisse an die Öffentlichkeit weiter, so dass kritische Medien berichten konnten.

Bereits am 2.2.2016, also einige Monate vor der Veranstaltung, auf der Woelki seinen großen Auftritt hatte, veröffentlichte spiegel online einen Artikel, der im besten Sinne aufklärt und sich auf die Forschungsergebnisse von Sylvia Wagner beruft. Den eindeutigen Hinweisen auf den schweren Missbrauch mit den Mitteln der Medizin hätten die entsprechenden kirchlichen und staatlichen Aufklärungs-Gremien im Vorfeld der “Tagung für ehemalige Heimkinder der Behindertenhilfe und Psychiatrie und die interessierte Fachöffentlichkeit” unbedingt und unverzüglich nachgehen müssen, was offenbar nicht geschehen ist.

Daniela Schmidt-Langels, Autorin des Spiegel-Artikels, beschreibt, wie eng und unselig Anstalten und schwer belastete Ärzte mit den Pharmaunternehmen kooperierten: „Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf war bis Anfang der Sechzigerjahre Hans Heinze, ein skrupelloser Arzt mit Nazivergangenheit. Während der NS-Zeit war er Gutachter des Euthanasie-Mordprogramms T4, bezeichnete unzählige Kinder als „lebensunwert“ und schickte sie in den Tod. Nach 1945 konnte er seine Karriere in Wunstorf fortsetzen. Unter seiner Leitung mussten Anfang der Sechzigerjahre Heimkinder über längere Zeit die Arznei Encephabol mit dem Wirkstoff Pyritinol schlucken. Der Versuch fand in Kooperation mit der herstellenden Pharmafirma Merck statt. Der Darmstädter Konzern brachte das Medikament 1963 auf den deutschen Markt, es wird heute als Antidemenzmittel verkauft. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte Heinze in einer medizinischen Fachzeitschrift – einer der wenigen bisher bekannten Belege für Medikamententests mit Heimkindern.https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamententests-in-deutschland-das-lange-leiden-nach-dem-kinderheim-a-1075196.html

Einen Einblick in die Abgründe gibt ein Interview mit Sylvia Wagner (Interviewerin: Valerie Höhne), das neun Monate später, -am 2.11.2016- auf taz.de erschien. https://taz.de/Pharmazeutin-ueber-Arzneitests-im-Heim/!5350110/ Da Valerie Höhne kluge und genaue Fragen stellt, die von Sylvia Wagner entsprechend präzise und offen beantwortet werden, habe ich mir erlaubt, zentrale Passagen vom Bildschirm abzufotografieren:

Wir müssen davon ausgehen, dass auch Verantwortliche der Kirche diese entsetzlichen Versuche damals „ab-gesegnet“ haben.

Daniela Schmidt-Langels ist übrigens auch Autorin eines Films, der vier Jahre nach Erscheinen des Spiegel-Artikels am 3.2.2020 in der ARD erstausgestrahlt wurde: “Versuchskanichen Heimkind”. In diesem Film kommen Betroffene zu Wort, die durch die medizinisch-pharmazeutischen Versuche so tief verletzt wurden, dass ihr weiteres Leben schwer beeinträchtigt bzw. zerstört wurde. https://www.fernsehserien.de/filme/versuchskaninchen-heimkind

Mit düsteren Bildern, untermalt mit unheilvoller Musik, lässt uns der Film die leidvollen Erfahrungen der Kinder nachempfinden. Das erste Bild ist eine Luftaufnahme des alten Backstein-Gebäudes der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf. Von oben nähert sich die Kamera dem Gebäude und bewegt sich auf das alte Portal zu. Während wir dem Eingang näher kommen, wird der rote Backstein grau, verliert der Film die Farbe, wird schwarzweiß. Die Kamera nimmt uns mit in den Innenraum. Alles ist in ein kaltes Blau-Grau getaucht. Wir sehen einen Jungen, der Pillen schluckt. Die Räume sind abgedunkelt, die Flure kalt. Später sehen wir ein Mädchen, das auf einem Tisch sitzt, sie trägt einen weißen Umhang und beugt sich nach vorne, ihr Rücken ist für die Punktion freigemacht, wir sehen einen Mann im weißen Kittel, medizinisches Instrumentarium.

Für Manfred Kappeler, emeritierter Professor für Sozialpädagogik, kommen die neuen Ergebnisse nicht überraschend. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Situation der Heimkinder: „Die Kinder und Jugendlichen in den Heimen, um die sich keiner kümmerte, die waren eine ideale Population, um an ihnen Medikamente ausprobieren zu können. Sie konnten sich nicht wehren, sie waren vollständig ausgeliefert… Und wenn es in einem Heim zu einer Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie kam, dann gab es niemanden, der das von außen hätte kontrollieren können. Also, man war davon überzeugt, an diesen Kindern und Jugendlichen, wie vorher an den KZ-Häftlingen, kann man ausprobieren, was für den medizinischen Fortschritt gut ist.“ (Versuchskaninchen Heimkind, min.11.15 bis 11.57)

Der Film porträtiert drei Menschen, die als Kinder bzw. Jugendliche Opfer des medizinischen Missbrauchs wurden. Wolfgang Wagner, geboren 1959, wird als uneheliches Kind seiner Mutter weggenommen und ins Säuglingsheim gesteckt. Als Achtjähriger erhält er die Diagnose „schwachsinnig“. Er wird in die Essener katholische Behinderteneinrichtung Franz-Sales-Haus abgeschoben und mit Neuroleptika ruhig gestellt. Hier erlebt er die brutalen Erziehungsmethoden des ehemaligen Wehrmachts-Arztes Waldemar Strehl („Kotzspritze“), der noch bis 1969 als leitender Arzt in der Einrichtung tätig war. Strehl war ein Sadist, der die Injektionsspritze anstelle von Rohrstock und Peitsche gezielt einsetzte. Zur Zweckentfremdung medizinischer Instrumente als Hilfsmittel brutal-autoritärer Erziehung vgl.: https://stellwerk60.com/2021/09/17/groko-stoppen-teil-2-der-titel-schuetzt-vor-torheit-nicht-impfarzt-prof-auflauerbach/ Wolfgang Wagner, der nie „schwachsinnig“ war, wird insgesamt zwölf Jahre im Franz-Sales-Haus festgehalten, wo man über all die Jahre verschiedene Medikamente in unterschiedlichen Dosierungen an ihm ausprobiert.

Marita Kirchhof, geboren 1953 als uneheliches Kind, wird von ihrer Mutter ins Säuglingsheim abgegeben und wächst im städtischen Kinderheim Hildesheim auf. Hier gilt sie irgendwann als „renitent und abnorm“. Daher bringt man sie zur Begutachtung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf. Hier muss sich die achtjährige Marita einer Rückenmarks-Punktion unterziehen. Dabei wird mit einer Spritze Gehirnflüssigkeit aus dem Wirbelkanal abgesaugt. Eine schmerzhafte und gefährliche Prozedur, nach der Marita tagelang im Bett liegt. Marita sträubt sich gegen den Eingriff, aber die Einwilligung in die Prozedur -so wird ihr erzählt- ist die einzige Chance, nach einem halben Jahr wieder ins Kinderheim zurück zu können.

Doch nicht nur Heimkinder wurden als „psychisch krank“ stigmatisiert und in den psychiatrischen Einrichtungen Opfer medizinisch-pharmazeutischer Tests sowie sadistischer Übergriffe. So beschäftigt sich der Film mit dem Fall des heutzutage schwerkranken Jörg Weidauer, der sich als hochintelligentes Kind in der Schule langweilt und „verhaltensauffällig“ wird. Der Schulleiter, der den unbequemen Schüler loswerden will, stellt die Mutter vor die Alternative: Förderschule oder Max-Planck-Institut. So kommt Jörg Weidauer im Jahr 1977 als achtjähriger Grundschüler in die damalige Kinder- und Jugendpsychiatrie des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, wo man ihn ein halbes Jahr lang stationär behandelt und zweieinhalb Jahre ambulant.

An Jörg werden verschiedene Neuroleptika getestet. Doch nicht nur das. „Eines Tages wurden wir durch diesen langen Gang geführt. Auf der rechten Seite war eine große Tür, durch die wir gingen, und wir mussten uns dann nacheinander ausziehen und wurden fotografiert… Woran ich mich noch sehr deutlich erinnere: Ich bekam so eine Art EEG-Kappe aufgesetzt. Da wurden auch irgendwelche Spritzen in die Kopfhaut gemacht. Und da bin ich also teilweise nachts geweckt worden. Und dann saß ich vor einem Computer und habe da Reaktionsspiele machen müssen. Das ging dann also wirklich stundenlang, bis ich also wirklich unter Schlafentzug litt. Und unter diesen Symptomen und der Erschöpfung wurden dann diese Tests weitergemacht. Welchen Sinn das gehabt hat – Keine Ahnung.“

Jörg Weidauer hat keinen Anspruch auf ein noch so geringes „Schmerzensgeld“. Von der „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ werden nur diejenigen „entschädigt“, die bis Ende 1975 Opfer von Gewalt wurden. Dabei belegt seine Geschichte, dass es auch über das Jahr 1975 hinaus Missbrauch von Kindern und Jugendlichen mit den Mitteln der Medizin gegeben hat, und das unter dem Deckmantel der Fürsorge und Hilfeleistung. Was Jörgs Fall zusätzlich bitter macht, ist die Tatsache, dass ausgerechnet seine Mutter (wenn auch wider besseres Wissen) der Einweisung in die Psychiatrie zugestimmt hat. Was sich Jörg Weidauer dennoch erhofft, ist eine Aufklärung über das, was passiert ist, und eine Entschuldigung derjenigen, die ihn physisch und psychisch so schwer verletzt haben.

Anders als Jörg Weidauer konnten diejenigen, die als Opfer anerkannt wurden, immerhin eine Entschuldigung erwarten. „Konnten“ schreibe ich deshalb, weil die Frist für den Antrag zum 30.6.2021 abgelaufen ist. Menschen, die sich später gemeldet haben oder jetzt erst melden, haben nicht einmal den Anspruch auf eine Entschuldigung. So werden viele Opfer des medizinisch-pharmazeutischen Missbrauchs darüber hinaus Opfer einer kalt und hyperkorrekt agierenden Bürokratie. Ein Skandal, wie ich finde, auch in Anbetracht des riesigen Geld- und Grundbesitzvermögens der Kirchen.

Doch gab es Entschuldigungen von Seiten des Staates und der Kirche. Es ist großartig, dass Daniela Schmidt-Langels in ihrem Film den bewegenden Moment einer solchen Entschuldigung festgehalten hat. Wir Zuschauerinnen und Zuschauer werden Augenzeugen: Eine Vertreterin der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ (links im Bild) entschuldigt sich bei Marita Kirchhof.

(Versuchskaninchen Heimkind, min. 39.40 bis 40.40)

De Film wurde am 3.2.2020 zu einer denkbar ungünstigen Sendezeit erstausgestrahlt, an einem Montag im Nachtprogramm um 23.30 Uhr. Die meisten Menschen dürften zu dieser Zeit schon geschlafen und den Film verpasst haben. Glücklicherweise ist er in der ARD-Mediathek bis Ende 2025 abrufbar und auch auf Youtube verfügbar.

Versuchskaninchen Heimkind ist schockierend gut gelungen, weil er uns nachempfinden lässt, was passiert ist – Und weil seine Bilder uns nicht mehr loslassen. Meiner Meinung nach müsste dieser Film fester Bestandteil des Geschichtsunterrichts an unseren Schulen sein.

Es ist richtig, dass Schülerinnen und Schüler nach Auschwitz fahren und die KZ-Gedenkstätte besuchen. Das Problem ist nur, dass die Exkursion zu einer Pflichtübung wird, die man abhakt. Die Jugendlichen sind zwar für den Moment betroffen, aber sie stellen keinen Bezug zur Nachkriegszeit bzw. ihrer Gegenwart her.

Der Schulunterricht gibt -gerade was die Aktualität des Nationalsozialismus betrifft- viel zu einfache Antworten. Es ist wichtig, dass die Schüler für rechtsradikale Parteien sensibilisiert werden. Doch reicht es nicht, die Jugendlichen gegen die AFD zu „immunisieren“, was ja in aller Regel gelingt. Zwar ist das Gedankengut der Nationalsozialisten in den rechtspopulistischen Parteien lebendig, aber als „Gedankengut“ ist es nur die Spitze des Eisbergs, denn Brutalität, Menschenverachtung und Gleichgültigkeit wirken an anderer Stelle fort. Die von der Euthanasie faszinierten Nazi-Ärzte der Nachkriegszeit waren bestens getarnt, kaum jemand war so dumm, in die NPD einzutreten.

Zurück zu Kardinal Woelki. In seinem Vortrag sind die medizinisch-pharmazeutischen Experimente kein Thema. Auf dieses Weise verharmlost Woelki das tatsächliche Grauen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat im Rahmen einer Pressemitteilung Kardinal Woelkis Rede vom 23.6.2016 als pdf ins Internet gestellt, so dass man sie genau studieren kann. Dieser Vortrag dient leider der Selbstreinwaschung. https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2016/2016-113a-Vortrag-Kard.Woelki.pdf

In der Anrede erfahren wir, wer bei dem Vortrag zugegen war. Es waren nicht nur Projektleiterin, Kirchenvertreter und Betroffene, sondern auch hochrangige Politikerinnen und Politiker: “Meine sehr verehrten Damen und Herren aus allen Ebenen des Deutschen Caritasverbandes, sehr geehrte Frau Prof. Siebert, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Bundesregierung, der Ministerien und dem Parlament, sehr verehrte, liebe Damen und Herren, um die es heute geht…” (s.o.)

Vertreterinnen und Vertreter der Pharmaindustrie waren offenbar nicht zugegen. Vermutlich waren sie nicht eingeladen worden. Ein Schuldeingeständnis von Vertretern der Pharmaunternehmen hätte den feierlichen Rahmen gesprengt und die tatsächlichen Dimensionen der gegenseitigen Verstrickungen offengelegt. Auf Anfragen reagierten die Pharma-Unternehmen mit selbstgerechter, gewissenloser Gleichgültigkeit. „Die involvierten Konzerne lehnen auf Anfrage jedoch jede Verantwortung für die damaligen Studien ab. Merck etwa verweist auf die damals andere Gesetzeslage zur Dokumentation von Medikamententests: ‚Wir können uns nicht für etwas entschuldigen, was nicht in unserer Verantwortung lag. Sollten sich Dritte nicht entsprechend Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich.'“ s.o.: https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/medikamententests-in-deutschland-das-lange-leiden-nach-dem-kinderheim-a-1075196.html

Zwar war es bis in die 1970er Jahre rechtens, dass man an Kindern ohne deren Einwilligung bzw. die Einwilligung der gesetzlichen Vertreter medizinische Tests durchführen konnte, doch diese Untersuchungen waren ein mehrfacher Verstoß gegen das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, insbesondere gegen Paragraf 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. aber auch gegen Paragraf 2: Niemand darf einen anderen töten oder verletzen.

Und wie ist es um die Gesetzgebung bestellt, wenn sie die schutzbedürftigen Kinder nicht schützt, sondern den medizinischen Übergriffen ausliefert? Spätestens als Contergan 1962 vom Markt genommen wurde, hätte die Politik aufhorchen und das Arzneimittelgesetz ändern müssen.

An einer Aufklärung im Sinne einer umfassenden, schonungslosen Wahrheitsfindung kann die Katholische Kirche nicht interessiert sein, denn die Aufdeckungen rütteln am Firmament der großen Kirchen, die trotz alledem immer noch als moralische Instanz gelten. Einen Bezug zur Gegenwart stellt Woelki ebenfalls nicht her, auch nicht den naheliegenden zum sexuellen Missbrauch (insbesondere) in der Katholischen Kirche.

Vor diesem Hintergrund empfinde ich Woelkis vermeintlich anteilnehmenden Sätze vom 23.6.2016 als heuchlerisch und sentimental: “…Wir haben heute gehört, welches Leid schutzbefohlene junge Menschen in katholischen Einrichtungen (der Behindertenhilfe und Psychiatrie) erfahren haben. Als Bischof schmerzt mich jede einzelne dieser Erzählungen sehr. Und dabei ahne ich all die unerzählten Erfahrungen, um die nur Opfer und Täter wissen – gebe Gott, dass diese Erfahrungen nicht dem Vergessen preisgegeben sind...” War Woelki damals wirklich nur umwölkt von “Ahnungen”?

“Behindertenhilfe und Psychiatrie” habe ich bewusst in Klammern gesetzt, denn Misshandlungen von Schutzbefohlenen fanden und finden auch in anderen Räumen der Kirche statt. Und wenn einer mehr als nur eine Ahnung hat von den “unerzählten Erfahrungen, um die nur Opfer und Täter wissen”, dann ist es Erzbischof Kardinal Woelki.

Noch tritt Woelki nicht zurück. Derzeit befindet er sich im Sommerloch, denn hier in NRW haben die Sommerferien begonnen. Doch an der Basis, wo vielerorts gute Arbeit geleistet wird, regt sich Widerstand. Unlängst wurde Woelki, gegen den mittlerweile auch wegen Meineides ermittelt wird, daran gehindert, eine Messe zu halten. In Aachen fand am 18.6.2023 im Rahmen der sogenannten Heiligtumsfahrt eine große Open-Air-Messe statt, die Woelki leiten sollte. Doch im Mädchenchor des Aachener Doms gab es im Vorfeld heftige Diskussionen. Mehr als die Hälfte der 120 Sängerinnen weigerten sich, mit Woelki, der die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche weiterhin verschleppt, zusammen auf der Bühne zu stehen. Der Protest führte dazu, dass Woelki der Messe fernblieb – und der Mädchenchor des Aachener Doms geschlossen auftrat.

Ein Video des Aachener Doms. Mit einem Flashmob machten die Sängerinnen des Mädchenchors auf ihr Chorfestival am 24. und 25. September 2022 aufmerksam: