Auf Anordnung der britischen Besatzungsbehörde waren im Bottroper Elternhaus meiner Mutter, das später auch mein Elternhaus werden sollte, nach dem Krieg Soldaten einquartiert. Später zog eine dreiköpfige Familie ein, die bei einem Bombenangriff ihre Wohnung verloren hatte. Der Familienvater war ein traumatisierter Augenarzt, der schwer verletzte Soldaten hatte behandeln müssen, darunter viele „Kriegsblinde“.
Meine Mutter, die 1925 geboren wurde, war seelisch verwundet. Ihr einziger Bruder, ein Theaterwissenschaftler, war als Propaganda-Soldat unter nicht geklärten Umständen ums Leben gekommen. Meine Mutter hat den Tod ihres Bruders, der neun Jahre älter war, nie verwunden. Da man seinen Leichnam nicht fand, verlor sie nie die Hoffnung, dass er nach Hause kommen könnte. Aber wer würde ihm mitten in der Nacht die Tür aufmachen?
Meine Mutter konnte ein Leben lang nicht mehr ruhig schlafen und nahm schon in jungen Jahren Schlaftabletten – Ende der 1950er Jahre auch das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan. Beide Schwestern meiner Mutter hatten Pharmazie studiert, beide waren mit Ärzten verheiratet, so dass meine Mutter immer gut informiert war. Elisabeth, die mittlere der Schwestern, hatte als Apothekerin die Familie ernährt, solange ihr Mann, mein späterer Patenonkel, noch in der Ausbildung war. Ich weiß nicht, ob meine Tante, ein sehr gewissenhafter Mensch, meiner Mutter Contergan empfohlen hat, aber ich kann es mir gut vorstellen. Die Apothekerinnen und Apotheker waren ja selber, auch als die verheerenden „Nebenwirkungen“ offenkundig wurden, vom Pharma-Unternehmen Grünenthal belogen und wider besseres Wissen zu Mittätern gemacht worden.
In der Nachkriegszeit machte die Pharmaindustrie mit der seelischen Not der Menschen große Geschäfte. Freiverkäufliche Schlaf- und Schmerzmittel fanden einen reißenden Absatz. „Das Schlafmittel Contergan war vom Pharmakonzern Grünenthal als “sicher” auf den Markt gebracht, von den Ärzten als “sicher” empfohlen und von den Apotheken als “sicher” verkauft worden. Unter den schwangeren Frauen, die es nahmen, waren viele, die den Zweiten Weltkrieg mit seinen entsetzlichen Bombennächten als Kinder oder Jugendliche miterlebt hatten und ihr weiteres Leben lang unter massiven Schlafproblemen leiden sollten. Als Contergan 1957 auf den Markt kam, unterschätzte man (und ignorierte man lange) die möglichen “Nebenwirkungen”, so dass Contergan nicht einmal rezeptpflichtig war.“ https://stellwerk60.com/2020/06/11/elfchen-im-sechsten-die-apotheke-hilft/
Gerne wird verschwiegen, dass Grünenthal seinen Verkaufsschlager Contergan einem Mann mit Nazi-Vergangenheit zu „verdanken“ hatte, dem deutschen Mediziner, Pharmakologen und Chemiker Heinrich Mückter (1914-1987). Mückter, der bei Grünenthal wissenschaftlicher Direktor war, hatte in der NS-Zeit menschenverachtende medizinische Experimente durchgeführt, worüber Grünenthal informiert gewesen sein dürfte, auch darüber, dass Mückter nur durch eine Flucht in die westlichen Besatzungszonen einer Verhaftung hatte entgehen können.
Erfunden wird der Contergan-Wirkstoff Thalidomid „in der Forschungsabteilung der Firma, deren Leiter Heinrich Mückter auch am Gewinn des patentgeschützten Produkts beteiligt ist. Dass ihm die polnische Justiz medizinische Experimente an KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern während der NS-Zeit vorwirft, schadet Mückters Nachkriegskarriere nicht.“ https://www1.wdr.de/archiv/contergan/contergan166.html
Vielleicht war es nicht im Interesse der Bundesregierung, später noch einmal genauer nachzuforschen, denn das westliche Nachkriegs-Deutschland verdankte ausgerechnet Mückter den „freien Zugang“ zum Penicillin. Ende der 1940er Jahre hatte Grünenthal als erstes deutsches Unternehmen Penicillin-Präparate auf den Markt gebracht, dank Mückter. Woher auch immer er die Penicillin-Stämme hatte, „auf legale Weise hätte er sie nicht erwerben können, denn die westlichen Besatzungsmächte hatten Forschung an und Herstellung von Penicillin durch deutsche Unternehmen strikt verboten. Mückter setzte sich über dieses Verbot hinweg und erschlich sich im Januar 1948 unter falschen Angaben bei der britischen Militärregierung die Erlaubnis, mit Penicillin zu experimentieren…Der Frage, wie Mückter damals in den Besitz von Penicillin-Stämmen gekommen war, verweigert sich die Firma bis heute.“ https://www.spiegel.de/geschichte/braune-vorgeschichte-a-948837.html
(Kleiner Einschub: Denkbar ist, dass es einen Ost-West-Deal gegeben hat und die enge Zusammenarbeit zweier zwar „hochkarätiger“, aber schwer belasteter Wissenschaftler. Das ostdeutsche Pendant zu Heinrich Mückter war der fast gleichaltrige Arzt und Mikrobiologe Hans Knöll (1913-1978). Knöll, der als junger Student im Jahr 1932 Mitglied der NSDAP geworden war und der paramilitärischen NSDAP-Kampforganisation SA beitrat, hatte ab 1938 im Jenaer Glaswerk Schott & Gen. ein bakteriologisches Labor aufgebaut. Nachdem ein britisches Forscherteam 1939 den Wirkstoff Penicillin hatte isolieren können, gelang es Knöll im Jahr 1942, aus Penicillin-Stämmen das Antibiotikum zu gewinnen.
Als die Militärverwaltung der SBZ nach dem Krieg die rasche Ausweitung der Produktion befahl, hatte Knöll trotz Nazi-Vergangenheit eine tragende Rolle inne. Unter anderem waren es Knölls umfassende wissenschaftliche Kenntnisse, die der SBZ einen komfortablen Vorsprung gegenüber den westlichen Besatzungszonen sicherten. Ungeachtet seiner NS-Vorgeschichte wurde Knöll im Jahr 1950 erster Direktor des volkseigenen Pharmaunternehmens VEB JENAPHARM. https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Kn%C3%B6ll)
Der oben zitierte Spiegel-Artikel von Armin D. Steuer mit dem Titel „Der Contergan-Erfinder“ bringt nicht nur wesentliche Details ans Licht, sondern erinnert auch an die zynische, modern anmutende Werbestrategie des Unternehmens Grünenthal, das es wagt, ausgerechnet mit Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ für das Schlafmittel zu werben und sich damit auch noch einen seriösen, bildungs- und kulturbeflissenen Anstrich zu geben. „In seinen besten Zeiten bescherte Contergan der CG knapp die Hälfte des Umsatzes. In Zeitungen schaltete die Firma Anzeigen mit der Partitur von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ – Contergan sei so harmlos wie Zucker.„
„Totalitarismus“ bezeichnet nicht nur die totale politische Herrschaft über unsere Köpfe, sondern insbesondere auch die Okkupation unserer Körper. Im Visier der Nationalsozialisten waren die Familien, insbesondere aber Frauen und Kinder. Daher versuchten die Nazis, Mutterliebe, Schwangerschaft und Geburt unter staatliche Kontrolle zu bringen. Während sie „erbkranken Nachwuchs“ zur Vernichtung freigaben, erhoben sie das Kinderkriegen zur soldatischen Pflicht der „arischen“ Frau. Je mehr Kinder sie bekam, desto ranghöher war die Frau. Belohnt wurden die Mütter mit dem Mutterkreuz, das an militärische Orden, aber auch an olympische Medaillen erinnerte. Das Kreuz in Bronze gab es bei vier und fünf Kindern, das silberne bei sechs und sieben und das goldene bei mehr als acht Kindern.
Die Mutterkreuze wurden einmal im Jahr verliehen – am Muttertag. Nach der Machtergreifung hatten die Nazis im Mai 1934 den Muttertag zum gesetzlichen Feiertag erhoben und ins Zentrum ihrer Propaganda gerückt. Meine Mutter liebte Feste, aber sie war außerstande, noch jemals den Muttertag zu feiern. Wenn wir Kinder ihr Geschenke machten, konnte sie sich nicht freuen. In Erinnerung an die Nazi-Zeit empfand meine Mutter den Muttertag, auch wenn sie den Ausdruck nie benutzte, als „Verhöhnung“ der Frau. Erst vor wenigen Jahren habe ich realisiert, dass meine Mutter den Muttertag deshalb so vehement ablehnte, weil sie -anders als wir Kinder- über den grausamen Tod der Mutter meines Vaters im Jahr 1933 Bescheid wusste. https://stellwerk60.com/2021/12/13/13-12-2021-digitaler-stolperstein-zur-erinnerung-an-meine-grossmutter-steffi/
(Auch heute noch wird mit dem Muttertag Politik gemacht. Daher möchte ich noch einmal an den ersten Corona-„Lockdown“ im Frühjahr 2020 erinnern. Für den autoritären, selbstherrlichen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder war der Muttertag 2020 eine gute Gelegenheit, mit großer Geste Lockerungen zu verkünden und sich als Menschen- und Mütterfreund zu präsentieren: „Einen klaren Fahrplan der Lockerungen gibt es in Deutschland und Bayern allerdings noch nicht – kurzfristige Maßnahmen sind möglich. Und am Beispiel des kommenden Muttertags wohl auch durchaus erwünscht! Besuche sollten möglichst im Freien stattfinden, es müsse eine Maske getragen und Abstand gehalten werden, sagte Ministerpräsident Dr. Markus Söder… Ihm sei es wichtig, so der Ministerpräsident, zum bevorstehenden Muttertag wieder Besuchs-Möglichkeiten für Mütter und Großmütter zu schaffen. Das Menschliche müsse im Vordergrund stehen, und deshalb sei ihm der familiäre Bereich besonders wichtig.“) https://www.meine-anzeigenzeitung.de/lokales/freising/muttertag-2020-13755180.html
Meine Mutter, ein großzügiger, neugieriger Mensch, hatte gerne Menschen um sich. Nach dem entsetzlichen Krieg waren für sie Freundschaft und Verwandtschaft überlebensnotwendig. Sie pflegte althergebrachte Verwandtschaften und stiftete neue, indem sie ihre besten Freundinnen zu Schwestern erklärte. Da aber kein Mensch 13 oder mehr Schwestern haben konnte, nannte meine Mutter ihre Wahl-Schwestern “Kusinen”.
Eine dieser Kusinen, eine Jugend-Freundin meiner Mutter und ihrer Schwestern, hatte es nach Leipzig verschlagen: Mia. Gemeinsam mit ihren Schwestern besuchte meine Mutter sie einmal im Jahr. Ab Ende der 1970er Jahre waren auch meine Zwillingsschwester und ich dabei. Wir waren nach Köln gezogen, studierten Geisteswissenschaften und konnten uns die Zeit selber einteilen.
Für uns junge Menschen waren die Kurz-Reisen exotische Trips in ein anderes Deutschland. Für unsere Mutter und unsere Tanten jedoch waren es keine exotischen Trips, sondern immer auch Reisen in die Vergangenheit. Eine Zitterpartie war jedes Mal das Passieren der Grenze bei Herleshausen. Meine Mutter, die es immer geschafft hat, Menschen durch ein paar muntere Sprüche zum Lachen zu bringen, entlockte den Grenzsoldaten trotz vielfacher Bemühungen nicht einmal ein Lächeln. Vgl.: https://stellwerk60.com/2019/08/11/die-broiler-bruederschaft/
Meine Mutter, die ungern diskutierte, beteiligte sich auch in Leipzig nie an den Gesprächen über Politik, denn sie hatte Angst, abgehört zu werden. Tatsächlich war das Haus verwanzt, was uns Jüngere nicht davon abhalten konnte, relativ offen zu reden. Das war nur deshalb möglich, weil sich die STASI -was unserer Verwandten betraf- ausschließlich für deren Ausreise-Pläne interessierte. Irgendwann lud unser „Vetter“ meine Schwester und mich zu einer Stadtrundfahrt ein. Da das Auto abhörsicher war, konnte er uns bei der Gelegenheit in seine Ausreisepläne einweihen.
Unsere jüngeren „Verwandten“ waren der DDR gegenüber kritisch, fanden aber die Bundesrepublik großartig. Sie beneideten uns um die “Segnungen des Kapitalismus”, was sie auch offen zugaben. Meine Schwester und ich wussten die Segnungen allerdings kaum zu schätzen und waren “bunte Vögel” für sie. Das Vorurteil bestätigte sich, als wir bei einer Reise Anfang der 1980er Jahre Latzhosen trugen, die Uniform der Alternativbewegten. Es war natürlich bekloppt, dass wir ausgerechnet beim Besuch im Arbeiter- und Bauernstaat Latzhosen anhatten, aber wir waren jung, fühlten uns frei und dachten uns nichts dabei.
Sommer 2022. Elstern-Ästling auf einer Eiche vor der KiTa „Lummerland“, Köln, Lokomotivstraße:
Vögel sind weder fleißig noch faul. Was sie tun, das würden sie nicht “Arbeiten” nennen. Sie leben im Aus-Tausch mit der Natur, sie nehmen sich, was sie vorfinden, Beeren, Körner, Insekten, und geben zurück, was sie hervorbringen: Nachkommen. Sie kommen nicht auf die Idee, die Natur zu verändern, denn sie sind Teil der Natur. Anders als die Menschen würden sie niemals den Ast zerpicken, auf dem sie sitzen.
So wurden meine Schwester und ich nicht ganz ernst genommen, nicht nur wegen der Latzhosen. Unsere jüngeren, gut ausgebildeten „Verwandten“ konnten nicht verstehen, dass wir Geisteswissenschaften studierten und nicht einen der Abschlüsse machten, mit denen man im Westen richtig viel Geld verdienen konnte. Vor allem aber hatten sie kein Verständnis dafür, dass meine Schwester und ich die BRD-Politik kritisierten. Schließlich hatten wir alle Freiheiten, vor allem die Eine: Wir konnten jederzeit zurück in den Westen. Wir mussten uns nur ins komfortable West-Auto setzen – und verschwanden hinter dem “antifaschistischen Schutzwall”.
Zurück im Westen, fühlte ich mich nach jeder unserer Reisen wie befreit, ich erfreute mich an den (damals noch) relativ intakten Straßen und gepflegten Häuserfassaden. Ich genoss es, eine Luft zu atmen, die nicht nach Braunkohle und Desinfektionsmitteln roch. Vor allem im Winter war die westliche Welt schön bunt. Ja, ich begann, den Kapitalismus zu lieben. Doch es war nur eine Freude auf den (ersten) Blick, denn bald schon fiel mir auf, dass es die (damals noch) bunten, hochglanzlackierten Autos und die Leuchtreklamen waren, die der westlichen Welt Farbe verliehen. Alles war Tünche und Schöner Schein. Unsere Reise-Erzählungen wollte niemand hören. Die Leute jubelten Wolf Biermann zu, aber kaum jemand interessierte sich für die DDR.
So hielt das Gefühl, auf der richtigen Seite der Mauer zu leben, nie lange an, denn es gab keine richtige Seite. Nach unseren Reisen spürte ich einmal mehr, wie gefährdet unsere Welt und wie fragil unsere Freiheit war. Wir, die wir im Herbst 1981 nach Bonn zur Friedensdemo fuhren, hatten etwas, das den Realpolitikern fehlte: Politische Phantasie. Wir wussten, dass die Motive für die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen weder Friedens- noch Menschenliebe waren. Und wir, die wir Ende Februar 1981 an der verbotenen (und Jahre später “freigesprochenen”) Anti-AKW-Demo in Brokdorf teilnahmen, zweifelten schon Jahre vor der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl an einer “friedlichen Nutzung der Kernenergie”.
Bis vor wenigen Jahren hatte ich nur eine Ahnung davon, wie sich das Leben in der DDR für den einzelnen Menschen angefühlt haben muss. Erst im Zusammenhang mit den autoritären staatlichen Corona-Maßnahmen begriff ich, was es heißt, entmündigt zu werden und ohnmächtig zu sein. Denn während der „Pandemie“ erlebten wir Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland am eigenen Leib das respektlose, autoritäre Gebaren einer Obrigkeit, die es sich erlaubt, uns unter dem Vorwand des Gesundheitsschutzes zu bevormunden, sich in unser Leben einzumischen und immer weiter in unsere privaten Räume und in unsere Körper einzudringen.
Endlich hatte ich wieder den Geruch von Desinfektionsmitteln in der Nase:
Anfang März 2021: Ich trage eine Gesichtsmaske und schiebe einen Einkaufswagen vor mir her, dessen Griffe ein Mitarbeiter des Alnatura-Supermarkts desinfiziert hat. Zuvor musste ich mir (viel zu viel!) Desinfektionsmittel in die Hand geben (ach was, schütten!) lassen, sonst wäre ich nicht in den Laden gekommen, biologisch unbedenklich, wie der Mann sagt, zu kaufen bei Alnatura. In der Gemüse-Abteilung angele ich aus einer Kiste einen feuchten, aber knackig wirkenden Salatkopf. Vorher habe ich mehrere Salatköpfe befingert, wobei ich das Desinfektionsmittel losgeworden sein dürfte. Alle machen es so, im Alnatura und anderswo. Zum Obst muss niemand Abstand halten. Da darf angefasst werden, gegrabbelt, gedrückt und an die Nase gehalten bzw. an den staatlich verordneten “Mund-Nasen-Schutz”. Ich hole mir ein kleines Stück überteuerten, aber sehr leckeren Weichkäse. Später lege ich die Einkäufe aufs Kassenband. Die Kundin vor mir hat ihre etwa fünfjährige Tochter in den Einkaufswagen gesetzt. Das Kind muss mit einkaufen gehen, denn aktuell ist die KiTa geschlossen. Das Mädchen darf nicht im Laden herumlaufen, aber immerhin hat man ihr die Hände nicht desinfiziert. Irgendwann stellt sich das Kind aufrecht hin, beugt sich über das Kassenband und zückt grinsend den Zeigefinger. Sie hat ein lecker weiches Teil entdeckt, wie bestellt für’s Fingerchen. Die kleine Einbuchtung auf dem Coeur de Paille (s.o.) rührt daher. Nie hat mir ein Loch im Käse so gut geschmeckt.
Die Parallelen zwischen den Entmündigungen in der DDR und den Entmündigungen im Rahmen der bundesdeutschen Corona-Politik sind offenkundig, was sich während der “Pandemie”kaum jemand getraut hat, offen zu sagen. Die ehemalige Eiskunstläuferin Katarina Witt gehörte im März 2021 zu den wenigen Prominenten, die es wagten, die staatlichen Corona-Maßnahmen mit den Restriktionen in der DDR zu vergleichen:
„’Weitere Freiheitseinschränkungen, Vorgaben, wer wann, wohin, oder überhaupt reisen darf, die existierende festgeschriebene Rechtsstaatlichkeit ausgehebelt und die Unmündigkeit des Volkes, wird unter Vorgabe der Rücksichtnahme festgelegt. Die Ähnlichkeit ist verblüffend, was man im Namen ‘zum Wohle des Volkes’ so kollektiv, früher im Sozialismus und gegenwärtig im Kapitalismus, in so kleinem Kreise einfach durchsetzen kann!‘, so Witt. ‚Ich mag es gar nicht aussprechen, aber ein kleines Teufelchen auf meiner Schulter flüstert mir fast schelmisch ins Ohr – ‚Willkommen zurück in der DDR‘.“ zit. nach: https://www.morgenpost.de/berlin/leute/article231876279/Katarina-Witt-Facebook-Corona-DDR-Reaktionen.html
Mittlerweile denke ich aber, dass nicht nur die DDR der BRD beigetreten ist, sondern (inoffiziell) auch die BRD der DDR. Das JA zur DDR zeigt sich im selbstgerechten Gebaren der bundesdeutschen Obrigkeit, die sich -insbesondere in Gesundheitsbelangen- zunehmend bevormundend und respektlos verhält und immer weiter in die privaten Räume der Bürgerinnen und Bürger (und in die Bürgerin und den Bürger selber) eindringt. Wir erleben eine bundesdeutsche Gesundheits-Politik, die autoritär agiert und sich die DDR-Gesundheitsfürsorge zum Vorbild nimmt.
Nun war die DDR, auch wenn die Bezeichnung “Deutsche Demokratische Republik” etwas anderes vormacht, kein demokratischer Staat. Es gab keine freien Wahlen, sondern ein Einparteiensystem. Eine knapp 1400 Kilometer lange, streng gesicherte innerdeutsche Grenze, der im Westen so genannte “Todesstreifen,” sorgte dafür, dass die Menschen das Land nicht verließen. Den Menschen, die einen Ausreiseantrag stellten, drohten schwere Sanktionen.
Manipulation und Kontrolle waren politischer Alltag. Dabei okkupierte das DDR-Regime nicht nur die Köpfe, sondern auch die Körper der Menschen. Hauptleidtragende der autoritären staatlichen Volkserziehungs-Maßnahmen und der grenzüberschreitenden Gesundheitsfürsorge waren die Kinder. Schließlich gelingt eine umfassende Leibes-Kontrolle der Menschen am besten dann, wenn sie früh anfängt. Bei Verwandtenbesuchen in Leipzig Anfang der 1980er Jahre bekam ich mit, dass Kinder, die in der Krippe betreut wurden, bereits mit zehn Monaten, kaum konnten sie sitzen, „erfolgreich“ aufs Töpfchen “gingen”, was für die Erwachsenen natürlich praktisch war. Solcherart kleine “Wunder” waren in der DDR “Normalität” und Produkt einer autoritären Reinlichkeitserziehung, die wiederum Teil einer allgegenwärtigen Gesundheitsfürsorge war.
Im Deutschland-Archiv der Bundeszentrale für Politische Bildung findet sich ein interessanter Text der Psychiaterin und Psychoanalytikerin Agathe Israel, der ganz alltägliche Situationen der DDR-Kinderbetreuung in ihrer Drastik anschaulich beschreibt. Agathe Israel benennt dabei die dramatischen Folgen einer Erziehung, deren Ziel es war, bereits aus Kleinstkindern sozialistische Persönlichkeiten zu formen: “Es eröffnete sich ein Konflikt, der zwar gefühlt, jedoch kaum gedacht und schon gar nicht öffentlich diskutiert werden konnte: Die autoritär-kontrollierende Strategie, Mündigkeit, Empathie und Verantwortung von früher Kindheit anzuerziehen, behinderte die Entwicklung eben dieser Eigenschaften. Dieses Entwicklungsmilieu im „nazifreien“ Teil Deutschlands erzeugte Autoritätsgebundenheit. Sie ist ein wesentliches Kennzeichen des „totalitären Charaktertyps“.“ https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/259587/fruehe-fremdbetreuung-in-der-ddr/
Gleichzeitig enthält der Artikel eine Fülle erhellender Fakten. Ich bekam viele Informationen, die neu für mich waren, etwa die, dass DDR-Gesundheitsbürokratie und Kindertagesstätten eng miteinander verzahnt waren: “Die Kinderkrippen in der DDRunterstanden dem Ministerium für Gesundheit, das über ein hierarchisch gegliedertes System mit Bezirksärzten und deren Fachreferaten die fachliche und politische Aufsicht und Kontrolle ausübte.” (ebd.)
Zwar unterstehen unsere Kitas nicht dem Bundes-Gesundheitsministerium, aber die bundesdeutschen Gesundheitsbehörden haben unter der Kanzlerschaft der Physikerin Dr. Angela Merkel (CDU), geboren in Westdeutschland, aufgewachsen in der DDR, deutlich an Macht und Einfluss gewonnen. Dass die bundesdeutsche Gesundheitsfürsorge so weit in den persönlichen Alltag vordringen darf, verdankt sich vor allem der kontinuierlichen Zusammenarbeit der Kanzlerin mit der sittenstrengen, hochdisziplinierten CDU-Politikerin Dr. med. Ursula von der Leyen.
Die Politikerin und Ärztin, geboren in Ixelles/Elsene (Brüssel), Belgien, Mutter von sieben Kindern und leidenschaftliche Dressurreiterin (Pferde), kann eine glänzende politische Vita und eine lückenlose Laufbahn (insbesondere unter Merkel) vorweisen:Sie war von 2005 bis 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Kabinett Merkel I ), von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Arbeit und Soziales (Kabinett Merkel II ) und von 2013 bis 2019 Bundesministerin für Verteidigung (Kabinett Merkel III und IV, bis 17. Juli 2019). Am 16. Juli 2019 wurde von der Leyen zur Präsidentin der Europäischen Kommission gewählt. Dieses auf fünf Jahre befristete Amt hat sie seit Ende 2019 inne.
Frau von der Leyen, attraktiv, zielstrebig und durchsetzungsfähig, ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Verordnungen, die die Entscheidungsfreiheit von Eltern einschränken und den Staat dazu ermächtigen, Kinder und ihre Familien ärztlich zu überwachen, in Deutschland vorangetriebenund durchgesetzt wurden.Von der Leyens besonderes Augenmerk galt dabei den „kostenlos“ angebotenen „Kinderfrühuntersuchungen“, die im Jahr 1971 in Westdeutschland eingeführt wurden. Sinn und Zweck dieser „U-Untersuchungen“ ist die mit einem peinlichen Unwort tatsächlich so genannte „Kinderfrüherkennung“. https://stellwerk60.com/2021/06/30/elfchen-im-sechsten-kinderfruherkennung/
Unter Familienministerin Ursula von der Leyen wurde die „Kinderfrüherkennung“ intensiviert, verschärft und ein verbindliches Einlade- und Erinnerungswesen für Früherkennungsuntersuchungen auf den Weg gebracht. Es ist sozusagen Ursula von der Leyens familienpolitisches Vermächtnis, denn kurze Zeit später sollte sie als Ministerin ins Bundesministerin für Arbeit und Soziales wechseln. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal die Kernaussage einer Pressemitteilung des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (holpriges Kürzel für die Behörde:BMFSFJ) aus dem Jahr 2009 zitieren. Die Pressemitteilung mit dem Titel Ursula von der Leyen: „Wir haben das Niveau des Kinderschutzes in Deutschland spürbar erhöht(.)„ steht nach wie vor auf der offiziellen BMFSFJ– Internet-Seite:
Darf der Staat „zum Wohle des Kindes“ in private Wohnungen eindringen, nur weil die Familien nicht zu den „empfohlenen“ Untersuchungsterminen (und dadurch auch nicht zu den entsprechenden Impfterminen) erscheinen? Stellt so nicht der Staat die Eltern unter den unzulässigen Generalverdacht, ihre Kinder zu vernachlässigen oder sie zu misshandeln? Warum misstraut die Politik den Bürgerinnen und Bürgern? Meines Erachtens ist der „Hausbesuch“ des Jugendamts unter den genannten Umständen ein Verstoß gegen Artikel 13 des Grundgesetzes. Zur Erinnerung: „Die Wohnung ist unverletzlich.“ (Artikel 13 GG, Absatz 1)
Würde man Frau Dr. med. Ursula von der Leyen darauf hinweisen, dass das verbindliche Einlade- und Erinnerungswesen für Früherkennungsuntersuchungen möglicherweise gegen Artikel 13des Grundgesetzes verstößt, würde sie (lächelnd) auf den ergänzenden Absatz 7 hinweisen: „Eingriffe und Beschränkungen dürfen im übrigen nur zur Abwehr einer gemeinen Gefahr oder einer Lebensgefahr für einzelne Personen, auf Grund eines Gesetzes auch zur Verhütung dringender Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere zur Behebung der Raumnot, zur Bekämpfung von Seuchengefahr oder zum Schutze gefährdeter Jugendlicher vorgenommen werden.“ (Fettungen von mir)
Tatsächlich kann Artikel 13 des Grundgesetzes je nach politischem Gutdünken unterschiedlich interpretiert und leider auch missbraucht werden, nicht nurzum Schutze gefährdeter Jugendlicher. Im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen mussten unbescholtene Bürgerinnen und Bürger erleben, dass der private Raum nicht mehr unverletzlich ist – ebenso wenig wie der eigene Körper.
Meine Töchter (damals 25 und 22) und ich (damals knapp 63) mussten, nachdem die ältere im Juli 2021 an der Delta-Variante erkrankt war, nicht nur eine zweiwöchige Quarantäne erdulden, sondern auch den Hausbesuch einer Mitarbeiterin des Gesundheitsamt zulassen, die zur Bekämpfung von Seuchengefahr nach telefonischer Vorankündigung am 23.7.2021 bei uns vorbeikam. Sie übertrat zwar nicht die Tür-, wohl aber die Körperschwelle, um bei mir und meiner jüngeren Tochter den amtlich angeordneten PCR-Test vorzunehmen. Die Frau tat ihre Pflicht, das heißt, sie drang mit dem Teststab durch unsere Nasen hindurch bis an die jeweilige Rachenhinterwand vor.
„Rachenhinterwand“ ist ein Bereich meines Körpers, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn habe, aber ich hatte, sonst hätte ich mich erst recht verdächtig gemacht. Was dann kam, war sehr unangenehm, vor allem für meine Tochter, die eine Schockstarre simulierte und sich nicht bewegte. Ich weiß noch, dass ich während der Prozedur langsam, ganz langsam vor dem Teststab zurückwich, was clever war, denn die Frau traute sich nicht, „die Verfolgung aufzunehmen“, vermutlich aus Angst zu stolpern. Und was dann passiert wäre, will ich mir gar nicht ausmalen.
(Doch nicht nur die deutsche Gesundheitspolitik hat damals überreagiert. Als meine ältere Tochter im Juni 2021ihre Schwester besuchte, die für zwei Erasmus-Semester nach Durham/UK gezogen war, wurde sie -aus Deutschland anreisend- in die Kategorie „Amber“eingestuft. Das bedeutete: Online-Anmeldung, COVID-19-Test vor Einreise, 2 weitere Tests vor/am Tag 2 und am/nach Tag 8 nach Einreise, häusliche Quarantäne von 10 Tagen mit Möglichkeit einer Freitestung (immerhin „nur“ per kostenpflichtigem Selbsttest) am Tag 5 nach Einreise. In der Quarantäne erlebte sie, dass ein Mitarbeiter des NHS (National Health Service) völlig überraschend vorbeikam und ihre Anwesenheit kontrollierte.)
Vergessen scheint, dass Artikel13 niemals dazu gedacht war, staatliche Übertretungen zu legitimieren. Im Gegenteil: Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland war und ist eine Replik auf die Willkürherrschaft der Nationalsozialisten. „Die Wohnung ist unverletzlich(.)“ (Artikel 13) ist eine Antwort auf Totalitarismus und Terror im NS-Deutschland. „Die Wohnung ist unverletzlich(.)“ ist ein klarer, ein leiser Satz, aber ein unbedingtes „Nie wieder!„. Artikel 13 erinnert an die totale Überwachung in der NS-Zeit, an die Razzien der GESTAPO, an die systematische Durchforstung und Auslöschung von Privatwohnungen und an die Deportationen. Der Satz kommt so zart daher, dass man ihn ganz leicht ignorieren kann, wegpusten. Er ist so zerbrechlich, wie der Mensch selber zerbrechlich ist.
Ursula von der Leyen war zwar von 2003 bis 2005 niedersächsischeMinisterin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit, nie aber Bundesgesundheitsministerin. Doch gerade in ihrer Amtszeit als Bundes-Familienministerin (2005-2009) wurde aus einer ehrgeizigen Frau mit rascher Auffassungsgabe eine knallharte Machtpolitikerin.
Um zu verstehen, warum Frau Dr. von der Leyen als Gesundheitskontrolleurin auftritt und dermaßen unerbittlich agiert, sollte man sich ihren Lebenslauf genauer anschauen. Ursula von der Leyen, Tochter des CDU-Politikers Ernst Albrecht, Ministerpräsident von Niedersachen in den Jahren 1976 bis 1990, ist zusammen mit sechs Geschwistern in protestantisch-großbürgerlichen, fast schon feudal zu nennenden Verhältnissen aufgewachsen.
In einem anschaulich geschriebenen Cicero-Artikel aus dem Jahr 2013 gibt uns Constantin Magnis Einblicke in einen von Standesdünkel und Arroganz geprägten, streng durchgetakteten Familienalltag. Der Artikel bezieht sich auf die Zeit nach 1971, als die Familie nicht mehr in Brüssel lebte, sondern in Burgdorf-Beinhorn nahe Hannover. Der berufliche Wechsel von Familienvater Ernst Albrecht, der von 1970 bis 1990 Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag war und in den Jahren 1971 bis 1976 einer von fünf stellvertretenden Geschäftsführern des Gebäckherstellers Bahlsen, hatte den Umzug notwendig gemacht.
Ursula ist der Liebling des Vaters. „Trotzdem„, so schreibt Magnis, „wird auch sie zu eiserner Disziplin erzogen.In der Schule wird maximaler Fleiß erwartet, ein Studium ist selbstverständlich, die Promotion erwünscht. Heidi Adele Albrecht erzählt der Bild, wie sie ihren Sohn Harald einmal zur Strafe ohne Handschuhe Brennnesseln pflücken schickt. Fernsehen, berichten Nachbarn, durften die Kinder kaum, Micky Maus lesen auch nicht. Spielkameraden erinnern sich, dass die Albrecht-Buben Kalender hatten, in die sie Termine zum Spielen notierten.… Ungewöhnlich wird bald auch das Leben im Dorf um Tundrinsheide herum. Als Schutz vor der RAF wird in Beinhorn ein eigenes Polizeirevier installiert.Zwölf Beamte und zwei Autos patrouillieren die Straßen, die Kinder werden im Streifenwagen zur Schule gefahren, der Ort wird zur Burg der Albrechts.“ https://www.cicero.de/innenpolitik/portraet-von-ursula-von-der-leyen-planet-roeschen/56367 (Fettungen von mir. Ich nehme an, dass das, was Constantin Magnis schreibt, gewissenhaft recherchiert ist und der Wahrheit entspricht. Eigentlich ist das, was ich lese, so un-heimelich, dass ich es kaum glauben kann.)
Ursula Albrecht wächst auf als Kind einer Vorzeige-Familie. Mit ihrem Umzug nach Deutschland werden sie und ihre Geschwister Teil einer medialen Inszenierung. Hauptdarsteller ist der vor der Kamera stets strahlende Ernst Albrecht, der sich gerne als Familien- und später auch als Landesvater inszeniert. Albrecht, ab dem Jahr 1976 Ministerpräsident von Niedersachsen, ist der smarte, sportliche Typ. Einmal posiert er zusammen mit zwei Söhnen für den „Kicker„- im Fußballtrikot. https://www.spiegel.de/politik/ernst-albrecht-a-a114c50b-0002-0001-0000-000014327668 Nach Vorbild prominenter US-amerikanischer Politiker-Clans schmückt sich Albrecht mit der großen Familie, die, siehe wikipedia, schillernde Vorfahren vorweisen kann. Tochter Ursula knüpft später da an, durch die Heirat mit dem Mediziner Heiko von der Leyen im Jahr 1986 beschert sie der Familie den noch fehlenden Adelstitel – und wird als Politikerin noch erfolgreicher als ihr Vater.
Doch ist eine Familie unter diesen Bedingungen noch ein warmer, heimeliger Ort, ein Schutzraum? Robert Habeck, den ich einmal geschätzt habe, sagte im Jahr 2018 in einem Interview mit dem dänischen Magazin GRÆNSEN: „Ich habe mal gelesen: Heimat ist da, wo man doof sein kann. Das klingt komisch, aber ich finde es genau richtig: Mit Menschen zusammen zu sein, wo man nicht erklären muss, wer man ist.“ https://www.nordschleswiger.dk/de/deutschland-suedschleswig/ich-bin-nicht-nur-da-zuhause-wo-meine-muttersprache-gesprochen-wird. Man kann es auch einfacher sagen: Heimat ist da, wo man so doof sein kann, wie man ist.
Die Albrecht-Kinder dürfen nie einfach nur doof sein, sondern müssen fleißig sein, zielstrebig und gehorsam. Schließlich schaut man auf sie. Sie dürfen sich nicht frei bewegen und werden von der Polizei zur Schule kutschiert. Die ersten Male mag das ja noch aufregend sein, aber dann? Wer will mit 15 noch zur Schule gebracht werden? Wie können Eltern bewaffneten Polizisten, die ständig um ihr eigenes Leben fürchten müssen, ihre Kinder anvertrauen? Personenschutz für Kinder, das hätte Ernst Albrecht bewusst sein müssen, erregt erst recht Aufmerksamkeit. Die bewachte Fahrt zur Schule gefährdet nicht nur Mitschülerinnen und Mitschüler, sondern macht die Sicherheitskräfte selber zur Zielscheibe – und das auf Kosten der Allgemeinheit..
Ernst Albrecht muss tatsächlich große Angst vor der RAF gehabt haben. Nicht ohne Grund, denn Albrecht war nicht zimperlich, was die Terrorabwehr betraf. So waren er und die damalige CDU-Landesregierung in einen -wie sich später herausstellen sollte- vom Verfassungsschutz fingierten Anschlag eingeweiht. „Als Celler Loch wurde die Aktion Feuerzauber[1] des niedersächsischen Verfassungsschutzes bekannt, bei der am 25. Juli 1978 ein Loch mit rund 40 Zentimeter Durchmesser in die Außenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle gesprengt wurde. Damit wurde ein Anschlag zur Befreiung von Sigurd Debus vorgetäuscht, der als mutmaßlicher Terrorist der Rote Armee Fraktion (RAF) im Celler Hochsicherheitsgefängnis einsaß.“https://de.wikipedia.org/wiki/Celler_Loch
Ernst Albrecht hätte, um seine Kinder tatsächlich zu schützen und ihnen ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen, vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktreten müssen, spätestens im Jahr 1986, als der Journalist Ulrich Neufert die wahren Hintergründe der „Aktion Feuerzauber“ aufgedeckt hat.
Doch Albrecht bleibt hart. Würde er seine Mit-Schuld eingestehen, würden auch die eigenen Kinder den Respekt vor ihm verlieren. So aber spielen die Kinder mit. Es ist ihnen nicht zu verdenken, dass sie den Prominenten-Status genießen, denn der ist mit allerlei Annehmlichkeiten verknüpft. Die Albrecht-Kinder beißen in den sauren Apfel und machen sich vor, dass er süß schmeckt.
Fotos der jungen Ursula Albrecht zeigen ein hübsches, selbstbewusstes Mädchen, das es liebt, vor der Kamera zu posieren und gesehen zu werden. Ursula vergöttert den Vater. „‚Röschen‘ hockt nachmittags auf der Haustreppe und wartet, bis ihr Vater nach Hause kommt.“ Wissend, dass sie (schmunzelnde) Zuschauer hat, interessiert sich Ursula Albrecht für alles, was den Vater interessiert, sogar für Landespolitik. „Während die Brüder bei Besprechungen rausgeschickt werden, erleben Besucher, wie Ursula unterm Schreibtisch ihres Vaters sitzen bleiben darf.“ (cicero.de/ s.o.)
In Erziehungsfragen ist Albrechts Ehefrau Heidi Adele seine Verbündete. Vermutlich heißt er es gut, dass sie Sohn Harald ohne Handschuhe Brennnesseln pflücken lässt. Als sozial engagierte „Landesmutter“ hat Heidi Adele Albrecht eine gute Presse. Da wird man schnell leutselig und plappert aus, was man am besten für sich behält. Dass sie ausgerechnet der BILD-Zeitung von ihrer demütigenden Erziehungsmaßnahme erzählt, vermutlich sogar als kleine Anekdote, wundert mich allerdings sehr. Ich gebe „ohne Handschuhe Brennnesseln pflücken Strafe“ in die Suchmaschine ein und werde von einem Ergebnis überrascht, das mich nachdenklich stimmt.
Im Rahmen der Online-Ausstellung „Verfolgung von Jugendlichen im Nationalsozialismus“, die die Lebensläufe von Jugendlichen aus ganz Europa aufzeichnet, „die in der Zeit von 1933 bis 1945 von den Nationalsozialisten aus »rassischen«, politischen, religiösen und anderen Gründen verfolgt und teilweise sogar ermordet wurden…“, wird auch die Geschichte der 1925 in Łódź /Polen geborenen Widerstandskämpferin und Auschwitz-Überlebenden Batsheva Dagan erzählt. Die Jüdin Batsheva Dagan wurde im Jahr 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie Zwangsarbeit verrichten musste, unter anderem im „Brennnessel-Kommando“.
„Bei ihrer ersten Arbeit im »Brennnessel-Kommando« musste Batsheva mit bloßen Händen, ohne Handschuhe, Brennnesseln pflücken, aus denen »Kaffee« für die Häftlinge gekocht wurde. Bei dieser schmerzhaften Arbeit wurden die Zwangsarbeiterinnen von einer jungen Aufseherin bewacht: Irma Grese. Diese hatte einen abgerichteten Hund, den sie auf die Häftlinge hetzte, wenn sie ihrer Meinung nach zu langsam arbeiteten. Auch schlug sie die Frauen zur Strafe ins Gesicht.“ https://www.verfolgung-von-jugendlichen-im-ns.de/index.php/biographies/batsheva-dagan
Ausdrücklich möchte ich an dieser Stelle betonen, dass die promovierte Germanistin Heidi Adele Albrecht gewiss niemals mit den Nazis sympathisiert hat. Die Taten der KZ-Aufseherin Irma Grese lassen sich nur entfernt mit der Erziehungsmaßnahme von Frau Albrecht vergleichen. Während Irma Grese die jungen Zwangsarbeiterinnen systematisch und tagtäglich quälte, war die Bestrafung des Albrecht-Sohns eine Einzelaktion. Dennoch verurteile ich diese Aktion, bei der Sohn Harald nicht nur zu Gehorsam erzogen und bestraft, sondern vermutlich auch abgehärtet werden sollte. In keinem Fall hätte Heidi Adele Albrecht die Erziehungsmaßnahme öffentlich machen dürfen, denn als „Landesmutter“ war sie eine einflussreiche Person und für viele Eltern ein Vorbild.
Der autoritäre Umgangston innerhalb der Familie und das permanente Streben nach öffentlicher Anteilnahme und Anerkennung war gewiss auch eine Reaktion auf einen schweren familiären Schicksalsschlag. Nur wenige Jahre zuvor war die heile Welt für eine Weile zusammengebrochen, als Ursula Albrecht im Alter von 13 Jahren ihre jüngere Schwester Benita-Eva verlor. Diese traumatische Erfahrung ist gewiss eine Ursache für die harte Gesundheitspolitik, die Ursula von der Leyen nach Verabschiedung aus der Bundespolitik als Vorsitzende der EU-Kommission weiter vorantreibt.
Moralisch bedenklich ist allerdings, auf welche Weise Ursula von der Leyen ihre persönliche Lebensgeschichte heranzieht, um als Vorsitzende der EU-Kommission dem Krebs in Europa den Kampf anzusagen. „Mit dem Hinweis auf ihre eigene Familiengeschichte hat die neue EU-Kommissionschefin dem Krebs in Europa den Kampf angesagt. ‚Als ich als Mädchen in Brüssel lebte, starb meine kleine Schwester im Alter von elf Jahren an Krebs‘ sagte die 61-Jährige. ‚Ich erinnere mich an die enorme Hilflosigkeit meiner Eltern, aber auch der medizinischen Betreuer, die sich so liebevoll um sie kümmerten.‚ “ https://www.aerzteblatt.de/archiv/211174/EU-Kommission-Von-der-Leyen-sagt-Krebs-den-Kampf-an
Es sind rührselige Worte, mit denen sich von der Leyen erinnert: „Als ich als Mädchen in Brüssel lebte.“… Gerade die Älteren von uns denken bei der Formulierung an den Titel des berührenden autobiografischen Kinderbuchs von Erich Kästner, das 1957 veröffentlicht wurde und vermutlich bei den Albrechts im Bücherschrank stand: Als ich ein kleiner Junger war … Als ich ein kleines Mädchen war…
Bereits 15 Jahre zuvor hatte die damalige Bundes-Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) in einer Sendung des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks vom Tod der Schwester erzählt, aber nur vor deutschem Publikum, und zwar in der Talkshow „Beckmann“ (4.6.2006, 22.45 Uhr). Auf bz-berlin.de wird am 4.6. für die abendliche Sendung geworben und Ursula von der Leyen zitiert: „Immer noch habe sie das Bild ihrer Schwester im Kopf, wie sie im Bett lag. ‚Sie wurde immer schwächer. Zum Schluß war sie auch gelähmt.‘ Dann kam der Tod. ‚Wir waren an ihrem Sterbebett versammelt. Es gab dann auch das alte Ritual der Totenwache.'“ https://www.bz-berlin.de/archiv-artikel/ursula-von-der-leyen-so-qualvoll-starb-meine-schwester-an-krebs
Ich persönlich bin der Auffassung, dass Kinder und Jugendliche am Sterbe- oder Totenbett eines Geschwisterkindes „nichts zu suchen“ haben. Die Totenwache, die den Beteiligten Tapferkeit und Disziplin abverlangt, macht aus sehr jungen Menschen schlagartig Erwachsene, die sie nicht sind. Meines Erachtens dürften nur die Eltern ihr sterbendes Kind begleiten. Ursula Albrecht war, als ihre Schwester starb, knapp 13 Jahre alt, in einem Alter, in dem Menschen allmählich begreifen, dass sie sterblich sind.
Der wohl größten Trost, den das Leben parat hält, ist die Liebe. Wenn wir verliebt sind, fühlen wir uns unsterblich. Mit knapp 13 sind viele Menschen -wenn auch nur aus der Ferne- zum ersten Mal „unsterblich“ verliebt. In diesem Alter eine Schwester zu verlieren, stelle ich mir entsetzlich vor. Man darf von einem jungen Mädchen nicht erwarten, dass es der toten Schwester „einen letzten Dienst“ erweist. Die Totenwache dürfte das junge Mädchen nicht getröstet, sondern Todesangst hervorgerufen und/oder verfestigt haben. Die Eltern Albrecht hätten Ursula -so meine persönliche Meinung- vom „Ritual der Totenwache“ ausschließen müssen.
Der Tod eines Kindes ist so furchtbar, dass er das Leben der betroffenen Familie(n) vollkommen auf den Kopf stellt. Ich selber habe miterlebt, wie Anfang der 1960er Jahre meine damals zweijährige Großkusine Susanne binnen kürzester Zeit an Leukämie starb, was insbesondere für Susannes Schwester, aber auch für mich und meine Geschwister entsetzlich war. Wir hatten Angst, selber zu erkranken. Gleichzeitig waren wir eifersüchtig auf unsere Kusine, die in der Nachbarstadt lebte, denn unsere Mutter fuhr jeden Tag zu ihr. Für unsere Mutter gab es in diesen traurigen Wochen nur ein Kind: Susanne.
Leukämie war Anfang der 1960er Jahre noch nicht behandelbar. Susannes Vater, selber Arzt, hat damals lebensverlängernde Maßnahmen wie Bluttransfusionen abgelehnt, um seiner Tochter weiteres Leid zu ersparen. Obwohl er der Krankheit gegenüber machtlos war, hat ihn wohl niemand (auch kein Erwachsenener) als „hilflos“ empfunden- so wie Ursula Albrecht ihren „Übervater“ Ernst Albrecht.
Vermutlich hat Ursula Albrecht ihren Vater bis zum Zeitpunkt des Todes ihrer Schwester für allmächtig gehalten. Jetzt bekommt das Bild einen Kratzer.
Ich halte die Generalmobilmachung gegen Krankheiten, und sei es gegen die von uns allen gefürchtete Krankheit Krebs, für gefährlich. Es führt schnell dazu, dass die Gesundheits-Politik allzu schwere Geschütze auffährt.
Ich bin erleichtert, dass ich wenigstens eines der anvisierten Organe, die Prostata, nicht besitze. Dennoch bin ich alarmiert. Der „Sound“ dieser Verlautbarung erinnert mich doch sehr an das „verbindliche Einlade- und Erinnerungswesen für Früherkennungsuntersuchungen„, Ursula von der Leyens familienpolitisches Vermächtnis aus dem Jahr 2009 (s.o.). Gewiss wird das Gesundheitsamt bei mir zuhause „nach dem rechten“ schauen, wenn ich nicht zu den Untersuchungsterminen erscheine.
Frau Dr. med. Ursula von der Leyen empfehle ich, einmal Tempo und Verve zu drosseln und gründlich zu recherchieren. Denn es hat vor mehr als zwanzig Jahren eine großangelegte Studie gegeben, bei der im Rahmen der Früherkennung des Neuroblastoms nicht nur in Deutschland Millionen Kleinstkinder per Urin-Windeltest untersucht wurden. Die Folgen waren für einige der Kinder katastrophal. Da aber niemand von einer Katastrophe und nicht einmal einem medizinischen Skandal redet, werde ich es demnächst an dieser Stelle nachholen…
Natürlich ist die Krebsfrüherkennung, wenn sie nicht überspannt wird, vernünftig. Auch Impfungen sind sinnvoll, solange maßvoll geimpft wird und man den Menschen, der ja über große Selbstheilungskräfte verfügt bzw. sie als Heranwachsende/r erst noch ausbilden muss, nicht entmündigt. Denn Impfungen sind (auch) eine wirksame Möglichkeit, den Menschen körperlich und seelisch zu manipulieren. In der DDR war die Impfung der Massen (und insbesondere der Heranwachsenden) ein zentrales Mittel der Machtausübung. Unter der Losung “Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe” setzte die DDR seit den 1950er Jahren “eine gesetzliche Impfpflicht durch, die immer umfassender wurde: gegen Pocken, Kinderlähmung, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkulose und ab den 1970er-Jahren auch gegen die Masern. Empfohlen wurde, wie auch heutzutage, eine Grippe-Impfung. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr bekamen Heranwachsende insgesamt 20 Schutzimpfungen – staatlich verordnet.” https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/gesundheit/impfen-impfpflicht-polio-epidemie-kinderlaehmung-100.html
Seit dem 1. März 2020 gilt in Deutschland das „Masernschutzgesetz“. Wie früher einmal in der DDR, wo die Masern-Impfpflicht Anfang der 1970er Jahre eingeführt wurde, ist sie jetzt in ganz Deutschland Pflicht. Das bedeutet, dass die Eltern aller Kinder, die über ein Jahr alt sind und eine Gemeinschaftseinrichtung wie KiTa, Kinder-Tagesgruppe oder Schule besuchen oder besuchen wollen, nachweisen müssen, dass die Kinder gegen Masern geimpft sind. Indirekt jedoch verpflichtet diese Impfung auch zur Mumps- und Rötelnimpfung, denn der Masern-Impfstoff ist in Deutschland nur in Kombination mit dem gegen Mumps und Röteln erhältlich.
Wie zu befürchten und nicht anders zu erwarten war, wurden alle Verfassungsbeschwerden gegen die Masern-Impfpflicht zurückgewiesen. Auf der Internetseite der Verbraucherzentrale sind die wesentlichen Inhalte einer Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts vom 18. August 2022 gut zusammengefasst:
“Das Bundesverfassungsgericht hat Verfassungsbeschwerden gegen die Masern-Impfpflicht für Kinder zurückgewiesen und sie für verfassungsgemäß erklärt. Demnach stellt die Impfpflicht zwar einen Eingriff in das Elternrecht und das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit dar.Diese Grundrechtseingriffe seien aber zumutbar und verhältnismäßig, um besonders gefährdete Menschen vor einer Infektion zu schützen. “Angesichts der sehr hohen Ansteckungsgefahr bei Masern und den … verbundenen Risiken eines schweren Verlaufs besteht eine beträchtliche Gefährdung … Dritter”, heißt es in der Urteilsbegründung.“ https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/gesundheit-pflege/aerzte-und-kliniken/alles-zur-masernimpfpflicht-das-muessen-sie-jetzt-wissen-76370
Die Masern sind eine nicht zu unterschätzende Kinderkrankheit. Ich habe meine beiden Töchter (Jahrgang 1999 und 1995) auch deshalb gegen Masern impfen lassen, weil ich einen jungen Mann kannte, dessen Hörvermögen nach einer Masern-Erkrankung im frühen Kindesalter eingeschränkt ist. Leider wurden die beiden bei der Gelegenheit -weil es so üblich war- per Mehrfachimpfstoff (MMR) auch gegen Röteln und Mumps geimpft. Ich war vertrauensvoll und naiv. Mehrfachimpfungen sind lukrativ.
Eine allgemeine Impflicht, wie es sie seit 2020 gibt, ist unverhältnismäßig. Selbst das Bundesverfassungsgericht räumt ein, dass die Impfpflicht einen “Eingriff in das Elternrecht und das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit” darstellt. Doch ist nicht der Impfakt selber unter Umständen ein Angriff auf die körperliche (und seelische!) Unversehrtheit des Kindes?
Kurz vor der “Pandemie” begegnete ich einem Nippeser Bekannten. Er war in großer Sorge um seine Tochter, die im Sommer 2020 eingeschult werden sollte. Das Mädchen, so erzählte er mir, habe eine so schwere Allergie, dass im Falle einer Masern-Impfung mit einem allergischen Schock zu rechnen sei. Man habe ihm gesagt, dass man das Mädchen dennoch impfen müsse. Aber die Familie könne beruhigt sein. Das Mädchen werde im Krankenhaus geimpft, da stünden im Notfall die Experten bereit. Außerdem könne das Kind im Krankenhaus nach der Impfung weiter beobachtet werden.
Was er mir erzählte, war so entsetzlich, dass ich es kaum glauben mochte. Ein allergischer Schock verletzt den Menschen nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Wie kann man unter dem Vorwand, ein Kind schützen zu wollen, in Kauf nehmen, dass es möglicherweise großes Leid erfährt? Unter diesen Umständen wird dem Kind physisch und psychisch Gewalt angetan. Und wenn es schon eine Impfpflicht gibt, wäre dann nicht die Herdenimmunität dazu da, Kindern wie der Tochter meines Bekannten die Impfung zu ersparen und sie vor den unzumutbaren Begleitumständen der “Schutzimpfung” zu schützen?
Später habe ich im Internet einen Text mit den immer noch gültigen Empfehlungen des RKI gefunden, der bestätigt, was mein Bekannte mir erzählt hat. “Ausschließlich Kinder mit klinisch sehr schwerer Hühnereiweißallergie (z.B. anaphylaktischer Schock nach Genuss von geringsten Mengen von Hühnereiweiß) sollten unter besonderen Schutzmaßnahmen und anschließender Beobachtung (ggf. im Krankenhaus) geimpft werden.“https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Impfen/MMR/FAQ10.html
Leben wir noch in einer Demokratie? Die Empfehlungen des RKI sind, wie ich finde, nicht nur undemokratisch, sondern menschenverachtend.
Ich denke, es ist (aus vielerlei Gründen) höchste Zeit für eine Aufhebung der Masern-Impfpflicht. Ein Gerichtsurteil aus dem Sommer 2022, das ermöglicht, dass ein dreijähriges Kind nach Impfung mit einem Einfach-Impfstoff, der in der Schweiz besorgt wurde, in den Kindergarten gehen darf, ist ein Armutszeugnis für die deutsche Gesundheitspolitik, aber dennoch ein kleines Hoffnungszeichen. https://individuelle-impfentscheidung.de/aktuelles/detail/eilantrag-einzelimpfstoff-aus-der-schweiz.html Aber es sollte (und wird hoffentlich) andere Wege geben als den Rechtsweg.
Die autoritäre Kinderbetreuung in den DDR-Kinderkrippen und Kindertagesstätten (inklusive Pflicht-Impfungen und regelmäßiger Gesundheitskontrolle) fand in der Schule ihre Fortsetzung. Wollten die Kinder nicht von den Freizeit- und Gruppenaktivitäten ausgeschlossen werden (und welches Kind will das schon?), mussten sie sich den Jungpionieren anschließen. Die Organisation „Die Jungpioniere“, der fast alle Schülerinnen und Schüler vom 1. bis zum 3. Schuljahr angehörten, war Teil der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“.
Ein sprachliches Zeugnis für die Erziehung zur Unmündigkeit sind Die Gebote der Jungpioniere, die dem Schulkind vorschreiben, wie es zu sein hat: Es soll sich anpassen und funktionieren. Was vom Kind erwartet wird, ist absoluter Gehorsam und eine Einordnung in das sozialistische Kollektiv. Belohnt wird das Kind mit einem Ausweis, einer Uniform, einem Halstuch und dem Gefühl, einer Kindergruppe anzugehören. Die Jungpioniere, das sind WIR.
Ich versuche, mich in eine ehemalige Jungpionierin hineinzuversetzen und aus ihrer Perspektive ein Elfchen zu schreiben. Die Frau ist längst erwachsen, aber im Herzen immer noch Jungpionierin. Wir alle kennen sie. Nach der Wende hat sie im Westen Karriere gemacht. Zugute gekommen sind ihr Intelligenz, Ehrgeiz und ein typisch deutscher, leicht verklemmter Humor. Sie besitzt Eigenschaften, die man auch „deutsche Tugenden“ nennt: Fleiß, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Disziplin.
Diese Frau erfüllt immer und unter allen Umständen ihre Pflicht. Was die Frau auszeichnet, das ist eine gewisse Bescheidenheit. Bei der Corona-Impfung hat sie nicht Erste sein wollen. Sie hat sich nicht in den Vordergrund gedrängt, sondern in die Reihe gestellt und gewartet, bis sie an der Reihe war.
Ich entnehme den „Gebote(n) der Jungpioniere“ die sechs einschlägigen Adjektive und Adverbien und wähle die Ich-Perspektive.
Das kleine Elfchen entsteht ganz von allein…
Ich
war Pionierin,
tüchtig und fleißig!
Ordentlich, sauber, diszipliniert und
gesund!
Ich drucke das Elfchen aus und lese es noch einmal. Es ist stimmig, es passt zu der Frau. Nachts träume ich von ihr, wieder einmal. Vgl.: https://stellwerk60.com/2021/01/27/elfchen-im-ersten-wir-geben-euch-staatssicherheit-ein-gedicht-von-angela-merkel-das-sie-mir-vortrug-wahrend-ich-traumte/ Sie steht freudestrahlend vor mir und liest mir den kleinen Text vor, zweimal, dreimal, sie fühlt sich wahrgenommen, verstanden. Ihre Darbietung ist fehlerlos, der Vortrag wird lediglich von winzigen Glucksern unterbrochen. Diese Frau, die mir jetzt auch noch zuzwinkert, ist in der DDR aufgewachsen und war FDJ-Aktivistin: Angela Merkel!
Als Kind war Angela Merkel Pionierin in der Organisation Ernst Thälmann. Sie wollte immer die Erste sein und war es oft, doch wahrhafte Pionierin war sie erst nach der Wende, sie war vielfache Erste, sie war „als Frau die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Sie war im Amt des Bundeskanzlers die erste Person aus Ostdeutschland und die erste nach der Gründung der Bundesrepublik geborene Person.“https://de.wikipedia.org/wiki/Angela_Merkel
Offenbar hat Angela Merkel nicht nur den autoritären Jargon der DDR-Obrigkeit verinnerlicht, sondern auch deren Geisteshaltung. Das ist verwunderlich, denn ist Frau Merkel nicht DDR-kritisch, war für Frau Merkel die DDR nicht ein Unrechtsstaat? Ich schaue im Internet nach und finde ein spiegel– Video vom 23.9.2010. Wir sehen Angela Merkel, die anlässlich der Feiern zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit das neue Buch von Lothar de Maizière vorstellt: „Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen. Meine Geschichte der deutschen Einheit.“
De Maizière (CDU) war im Jahr 1990 als erster demokratisch gewählter Ministerpräsident zugleich der letzte Ministerpräsident der DDR. Angela Merkel war zu dieser Zeit (zunächst stellvertretende) DDR-Regierungssprecherin – und Lothar de Maizière ihr Vorgesetzter. Die große CDU-Karriere sollte jedoch nicht Lothar de Maizière machen, sondern Angela Merkel.
Im Zusammenhang mit der Buch-Vorstellung hält Angela Merkel eine Rede und stellt klar, dass „trotz des bescheidenen Glücks, das es vor der Wende gegeben habe“ (spiegel), die DDR aus ihrer Sicht ein Unrechtsstaat war: Die DDR „hat einen perfiden Druck auf alle ausgeübt, die in diesem Lande lebten.“ (Video, 0.26-0.36) Indem sie die DDR als „Unrechtsstaat“ abstempelt, rechtfertigt Angela Merkel die Wiedervereinigung, so wie sie vonstatten ging: nach den Vorgaben des „Rechtsstaats“ Bundesrepublik Deutschland.
Angela Merkels Begründung ist meines Erachtens geschichtsverfälschend, denn „einen perfiden Druck“ hat das DDR-Regime nicht auf alle, „die in diesem Lande lebten„, gleichermaßen ausgeübt. Die Brutalität der Obrigkeit bekamen vor allem die Menschen zu spüren, die den Mut hatten, Widerstand zu leisten. Diesen Mut hatte Angela Merkel nicht. Wozu auch? Angela Merkel dürfte ihr bescheidenes Glück genossen haben.
Auf diese Weise stilisiert sich Angela Merkel zum Opfer eines autoritären Regimes, das sie so nie war. Dabei hatte sie kein Problem damit, sich anzupassen, denn ganz im Sinne des DDR-Regimes war sie fleißig, tüchtig und arbeitsam. In der Person der Pastorentochter Angela Merkel verquickt sich die sozialistische mit der protestantischen Arbeitsethik. Weil ich beim Lesen laut lachen musste, möchte ich den Wikipedia-Beitrag zu „Arbeitsethik“ empfehlen. Zur protestantischen Arbeitsethik heißt es da: „Die protestantische Arbeitsethik ist gekennzeichnet durch die Vorstellung von Arbeit als Pflicht, die man nicht in Frage stellen darf. Die Arbeit bildet den Mittelpunkt des Lebens, um den herum Freizeit gestaltet wird. Diametral zur vorreformatorischen Auffassung erklärte der reformierte GeistlicheJohann Kaspar Lavater im 18. Jahrhundert, „[selbst im Himmel] können wir ohne eine Beschäftigung nicht gesegnet sein“ (Aussichten in die Ewigkeit, 1773).“https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsethik
Kaum etwas konnte die DDR-Obrigkeit so sehr erzürnen wie Menschen, die nicht werktätig waren oder ihre Arbeit nicht in den Dienst des Staates stellten. Als verwerflich galt daher die „Arbeitsscheu“. Auf „Arbeitsverweigerung“, aber auch auf Ausübung der Prostitution reagierte der Staat in Berufung auf § 249 des Strafgesetzbuch(es) der DDR mit äußerster Härte. “Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet, daß er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht […] wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe, Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft.“https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/asozialenparagraph-arbeitslos-opposition-arbeitslager-zwangsadoption-100.html
Bei soviel Angst vor Arbeitsverweigerern wundert es nicht, dass Astrid Lindgrens Kinderbuch „Pippi Langstrumpf“ in der DDR zwar gelesen, aber bis 1975 nicht gedruckt werden durfte. Der DDR-Staatsführung galt es als zu anarchistisch. „Als es endlich eine Druckgenehmigung für das Buch gab, kam es nur mit vielen Auslassungen und in geringer Stückzahl auf den Markt.“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/verbotene-lektuere-100.html Pippi Langstrumpf ist gefährlich, weil sie als Minderjährige alleine lebt, weil sie keine Steuern zahlt und keinen Krankenkassenbeitrag und weil sie sich weigert, zur Schule zu gehen. Pippi -das ahnte die ostdeutsche Obrigkeit- würde niemals einem Verein beitreten, schon gar nicht den Jungpionieren. Doch was Pippi besonders gefährlich macht, ist ihr Selbstbewusstsein. Sie führt Respektspersonen (die freundliche Lehrerin, wohlmeinende Fürsorgerinnen, Polizisten) an der Nase herum – und lacht!
Pippi Langstrumpf ist im besten Sinne anti-autoritär. Die weibliche Gegenfigur zu Pippi ist die real existierende, fleißige und tüchtige Angela Merkel. Frau Merkel fehlt es an politischer Leidenschaft. Daher kann sie sich nicht in Menschen hineinversetzen, die aus tiefer Überzeugung allen Risiken zum Trotz Widerstand leisten (müssen!). In ihrer Rede anlässlich der Feiern zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit (s.o.) verliert sie (anders als an anderer Stelle) kein Wort über den politischen Widerstand in der DDR, über Kriegsdienstverweigerer, über Andersdenkende, kein Wort über die Bürgerrechtsbewegung, die Friedensgebete und die Montagsdemonstrationen.
Aber de Maizière verliert ein paar Worte über Angela Merkel und stellt ihr eine Art Zeugnis aus: „Ich habe Angela Merkel nicht erfunden, sondern sie war da und war in meiner Mannschaft und war eine tüchtige Regierungssprecherin. Und sie ist in allen weiteren Verwendungen ebenfalls tüchtig gewesen.„(Video, 1.42-1.52)
Auch in ihrer Verwendung als Bundeskanzlerin ist Angela Merkel durchaus tüchtig gewesen…
Das Foto, das ich mir angucke, zeigt einen nackten kleinen Jungen, der etwa ein halbes Jahr alt ist. In Ermangelung eines Eisbärenfells hat man das Kind auf ein feines Kissen gelegt. Der Junge liegt auf dem Bauch und hebt den Kopf, was ihm noch ein bisschen schwer fällt. Das Kind ist mein späterer Mann Manfred. Es gibt nicht viele Fotos von ihm, aber diese wenigen erzählen viel.
!!!Achtung, der Junge auf dem Foto unten ist nicht „Manfred“. Ich habe mir Bild und Baby nur „ausgeliehen“, d.h. aus dem Internet abfotografiert. Das Foto ist knapp 50 Jahre älter, stammt aus dem Jahr 1909 und zeigt den Vater einer Fotografin namens Monika Paar. Der wache, knuffige Junge, der meinem Mann ähnlich sieht, war damals schon im Krabbelalter und konnte -anders als der kleine Manfred- wegkrabbeln, was er im nächsten Moment wohl auch gemacht hat. https://www.fotocommunity.de/photo/schon-1909-monika-paar/2190985 Sobald ich „mein“ Foto gefunden habe, werde ich es gegen dieses Bild austauschen!!!
Es war einmal: Das Glück, nackt auf dem Bauch zu liegen und nicht damit rechnen zu müssen, verletzt zu werden.
Winter 1957/58: Mein späterer Mann, ein zweitgeborener Sohn, hat seiner Mutter eine gute Geburt beschert. Sie hat ihn einige Wochen lang gestillt und findet es selbstverständlich, dass er kräftig und robust ist. Schließlich ist er ihr Sohn.
Seine Eltern sollten ihm -wie auch den anderen beiden Söhnen- nie Angst machen oder mit Strafe drohen. Eine glückliche Kindheit: So, wie man ist, angenommen werden. Geliebt werden, weil man da ist, nicht zurechtgebogen, nicht belogen, nicht für blöd verkauft werden. Manfred ist schon als Dreijähriger alleine nach draußen gegangen, um mit anderen Kindern zu spielen. Das war damals noch möglich, denn der Autoverkehr hielt sich in Grenzen und das Teilstück der A1 bei Bachem sollte erst gebaut werden, als die Familie nach Frechen-City gezogen war. Manfred wollte nicht in den Kindergarten, obwohl seine Eltern es ihm angeboten hatten. Unter den Frechener Jungs war es verpönt, in den Kindergarten zu gehen. Der Kindergarten war was für Doofe – und für Mädchen.
Allem Fortschritt zum Trotz haben die heutigen Babys die gleichen Bedürfnisse wie die Babys der Steinzeit. Sie wollen es warm haben, wollen in den Arm genommen werden, getröstet, gefüttert, unterhalten, getragen. Ein Menschen-Kind wird mit einer wunderbaren Eigenschaft geboren: Urvertrauen. Als Nesthocker weiß es noch lange nicht, was gut für es ist, es kann sich nicht wehren, wenn man es verletzt. Ein Rest „gesunder Tierverstand“ (Friedrich Nietzsche) lässt die meisten Eltern das Richtige tun: Sie kümmern sich um ihr Kind und passen auf, dass niemand ihm wehtut.
In den frühen menschlichen Gesellschaften haben vermutlich fast ausschließlich Frauen die neugeborenen Kinder versorgt und beschützt. Wir müssen uns vorstellen, dass die Frauen vor der Sesshaftwerdung des Menschen innerhalb ihrer zahlenmäßig überschaubaren „Gesellschaft“ machtvoll waren, jedoch nicht im heutigen, landläufigen Sinne. Sie hatten keine Macht über andere Menschen, sondern waren das Zentrum ihrer Gruppe. Ihre Macht war nicht angemaßt, sondern naturgegeben. Schließlich waren sie es, die das Kind neun Monate in sich trugen, es unter Todesgefahr zur Welt brachten und via Geburt das einzige für Neugeborene „bekömmliche“ und das Überleben des Menschen sichernde Nahrungsmittel produzierten: Muttermilch.
Was die Macht der Frauen (auch für das Selbstbewusstsein der Männer) bedeutete, brachte der humorbegabte US-amerikanisch-deutsche Tübinger Forscher Nicholas Conard im Jahr 2009 auf den Punkt: „Bei mobilen Jäger und Sammlern ist das Schlimmste, was passieren kann, dass Frauen in den reproduktiven Jahren sterben oder gesundheitliche Probleme… Wenn ein paar Männer verschwinden, ist es nicht schlimm. Aber eine gesunde Frau, die Nachwuchs produzieren kann, ist für die Existenz der Gruppe in der Eiszeit sehr wichtig.“https://www.deutschlandfunkkultur.de/vor-zehn-jahren-erstmals-praesentiert-die-venus-vom-hohle-100.html (Fett-Markierung von mir).
Doch der tiefe Respekt vor der Frau hatte mehr als nur praktische Gründe. Denn „was hat die steinzeitliche Welt so lange in der Balance gehalten? Warum hat der Gebrauch von Werkzeugen und Waffen nicht zur Selbstzerstörung geführt? … Entscheidend war die Liebe zum Leben: Das Gespür für Natur, die Ehrfurcht vor der weiblichen Gebärfähigkeit und die Einbettung des menschlichen Daseins in den göttlichen Kosmos…“ https://stellwerk60.com/2022/07/09/elfchen-im-siebten-schoepfungswonne/ Als Gebärende bekommt die Frau eine Ahnung von der allem Lebendigen innewohnenden Schöpfungskraft. Der Schlüssel zur Wahrnehmung dieses Vermögens, das das Gegenteil ist von simpler (männlicher) Muskelkraft, sind die Geburts-Wehen, ein Potential, das in jeder Frau „schlummert“, ob sie ein Kind zur Welt bringt oder nicht.
Es war den Jägern und Sammlerinnen bewusst, dass wir Menschen mit allen Kreaturen verwandt und Teil der Natur sind. Sie wussten, dass der Wechsel der Jahreszeiten die Fruchtbarkeit sicherstellt. Sie lebten in den relativ ruhigen Zeiten vor sich häufenden „Extremwetterereignissen“, vor „Lichtverschmutzung“ und „Lichtsmog“. Der wolkenlose Nachthimmel war klar und der Zusammenhang zwischen Mondrhythmus und Menstruationszyklus unübersehbar.
Die besondere Nähe der Frau zur Natur war offenbar. Die frühen Menschen erfuhren Natur in ihrer Grausamkeit (Erdbeben, Hungersnöte, Mütter- und Kindersterblichkeit u.u.), aber auch in ihrer mannigfaltigen Schönheit und ihrem zyklischen Wiedererwachen. Und eines lernten die Menschen von den wilden Tieren: Um die „Natur nicht zu erzürnen“ und um diese Welt in Balance zu halten, darf sich jede Kreatur nur so viel von der Natur nehmen, wie sie zum Überleben braucht.
Wenn man von einer „Ursünde“ reden will, dann ist es die, dass Männer die Macht ergriffen und der Natur den Krieg erklärten. Mit des Vatergottes Segen machten sie sich die Erde untertan und versuchten, die Natur zu kontrollieren und restlos zu beherrschen. Sie kreierten den „Feind“ und erfanden Waffen, die nicht mehr der Verteidigung gegen wilde Tiere dienten oder der Jagd, sondern der Tötung von Artgenossen, der Vernichtung von Mitmenschen. Was die gegenwärtige Welt mehr als notdürftig „zusammenhält“, ist das Gegenteil einer natürlichen Balance: Das Gleichgewicht des Schreckens. Die feigste, perfideste und erbärmlichste Drohgebärde ist die Drohung mit der Atombombe.
Die Natur ist nicht paradiesisch. Auch wir Menschen einer technisierten Welt werden immer wieder daran erinnert, dass wir sterblich sind. Geburt, Krankheit und Tod lassen sich -trotz aller wissenschaftlichen Bestrebungen- nicht abschaffen.
Die medizinische Wissenschaft hat viel Gutes bewirkt, schlägt aber immer mehr über die Stränge. Frauen müssen heutzutage keine Angst mehr davor haben, bei der Geburt zu sterben. Der Notkaiserschnitt ist eine große medizinische Errungenschaft. Doch die Option Kaiserschnitt hat ihren Preis, denn das ärztliche Versprechen einer „sicheren Geburt“ geht einher mit einer engmaschigen Gesundheitskontrolle. Das jedoch öffnet nicht nur der Medizin, sondern auch der Gesundheitspolitik Tür und Tor.
Wir erleben eine immer weiter fortschreitende Entmündigung der Frau und eine Medizinisierung des Lebens, insbesondere da, wo es beginnt. Die Räume einer genuin weiblichen Erfahrung -wie Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt- sind längst von der Medizin in Besitz genommen worden. Im Rahmen der Schwangerenvorsorge wird die Frau Objekt der Gynäkologie. Ihr Blut wird auf mögliche Anomalien hin untersucht, ihr Bauch ausgeleuchtet, ihr Fötus vermessen. Der Mutterleib ist nicht mehr dunkler, primärer Schutzraum, sondern sein Gegenteil: Durchleuchteter „öffentlicher Ort“ (Barbara Duden).
Jede Geburt ist nicht nur ein Hervorbringen, sondern auch eine Trennung. Nach der Abnabelung lernen sich „Mutter“ und „Kind“, die keine Einheit mehr sind, sondern zwei verschiedene Menschen, überhaupt erst kennen. Um im Anschluss an die Zweieinigkeit im Mutterleib eine Symbiose aufbauen zu können, muss die Mutter, nachdem sie ihr Kind geboren hat, es zu sich holen, sich mit ihm anfreunden. Dieses elementare Wiederfinden, die Ur-Versöhnung, die ihre Zeit braucht, aber in aller Regel gelingt -insbesondere über das Stillen-, wird zunehmend gestört. Die moderne Medizin okkupiert die Leiber und treibt -anders kann ich es leider nicht sagen- einen Keil zwischen Mutter und Kind.
Kaum ist ein Kind abgenabelt, wird es von der Gynäkologie zur Kinderheilkunde weitergereicht. https://stellwerk60.com/2021/06/30/elfchen-im-sechsten-kinderfruherkennung/ Die „kostenlosen“, meines Erachtens übertriebenen und in ihrer Maßlosigkeit grenzüberschreitenden Kinderuntersuchungen 1-9, die alle in die Vorschul-Zeit fallen, enthalten nicht nur „Vorsorgeuntersuchungen“, sondern sind mit immer zahlreicher werdenden „kostenlosen“ Impfungen und Auffrischimpfungen verknüpft, vor allem, aber längst nicht nur gegen Kinderkrankheiten. Und welche Eltern sagen schon NEIN, wenn eine Organisation mit dem Ehrfurcht einflößenden Namen „Ständige Impfkommission“ (STIKO) eine Impfung empfiehlt? Was die Kinder bei den U-Untersuchungen erwartet (ihnen „blüht“), wird in einem „Patienten“(!)-Flyer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) anschaulich beschrieben. https://www.kbv.de/media/sp/Patientenflyer_Frueherkennungsprogramm_Kinder_final.pdf
In den Bundesländern Baden-Württemberg, Hessen und Bayern ist die Teilnahme der Kinder an allen U-Untersuchungen Pflicht. Doch auch in den anderen Bundesländern lassen sich die Kindertagesstätten, wenn Eltern ihr Kind anmelden, nicht nur einen Impfpass mit Nachweis der verpflichtenden Masernimpfung, sondern oft auch ein Heft vorlegen, das die Teilnahme des Kindes an den U-Untersuchungen dokumentiert. Im „Frei“staat Bayern ist darüber hinaus die Teilnahme an der J1 Pflicht. „Art. 14 GDVG verpflichtet Eltern, die Teilnahme ihrer Kinder an den Früherkennungsuntersuchungen („U-Untersuchungen“ U1 bis U9, J1) sicherzustellen.“ https://www.stmas.bayern.de/kinderschutz/praevention/index.php
J1 meint eine Untersuchung für Jugendliche von 12 bis 14 Jahren, die im Jahr 1998 eingeführt wurde. Im Rahmen der J1 wird der „Impfstatus“ überprüft und mittlerweile auch die „kostenlose“ Impfung gegen HPV (Humane Papillomaviren) empfohlen. Wenn sich die Jugendlichen zur Untersuchung angemeldet haben, bekommen sie einen Frage-Bogen in die Hand gedrückt. Den Fragebogen gibt es in verschiedenen, mehr oder minder indiskreten Fassungen. Hier ein Auszug aus der Version von http://www.kinderaerzte-im-netz.de:
„Hast du Sexualprobleme?“ – Angesichts von so viel ärztlichem „Interesse“ sehen viele Jugendliche rot. Kein Wunder, dass nicht einmal 30% aller deutschen Dreizehnjährigen zur J1 gehen. Ich finde diesen nassforsch-lässig das „Du“ benutzenden Aus-Fragebogen scham- und respektlos.
(Kleine Ergänzung 16.3.2023: Gerade habe ich gelesen, dass im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung namens U Null neuerdings bereits Föten in der Kinderarztpraxis vorstellig werden können! „Die U0, eine neue Vorsorgeuntersuchung am Ende der Schwangerschaft, ist ein Angebot für werdende Mütter ab der 28. Schwangerschaftswoche bzw. Eltern, sich beim Pädiater vor der Geburt zu wichtigen Themen der Babygesundheit informieren zu lassen. Sie wird ab dem 1.1.2023 von bestimmten Krankenkassen kostenlos angeboten.“ https://www.kinderaerzte-im-netz.de/mediathek/u0-vorsorge/)
Babys sind noch nicht in der Lage, ein Kreuz in einen Kringel zu malen. Das schützt sie leider nicht davor, geimpft zu werden, auch gegen eine Krankheit, die ihnen kaum etwas anhaben kann und die sie nicht einmal übertragen. Seit Ende Oktober 2022 wird die Corona-Impfung mit dem Impfstoff von BionTech von der STIKO auch für vorerkrankte Kinder ab sechs Monaten empfohlen, wobei „vorerkrankt“ so weit ausgelegt werden kann, dass bis zu 10% der Kinder ab sechs Monaten darunter fallen.
Hiermit unterwirft sich die deutsche der rigiden und riskanten US-Gesundheitspolitik. „Es gibt Länder wie Schweden, Dänemark, die Schweiz, Großbritannien, die empfehlen Kindern unter zwölf gar keine Impfung, also auch keinen Babys oder Kleinkindern. Der Nutzen sei einfach nicht groß genug. Ganz anders die USA: Dort raten die CDC zur Impfung für alle Babys und Kleinkinder, die Weltgesundheitsorganisation sieht das ähnlich.“https://www.deutschlandfunk.de/wie-wichtig-sind-corona-impfungen-fuer-vorerkrankte-kleinkinder-100.html
Indirekt gibt es in Deutschland die Baby-Impfung schon länger. Seit September 2021 empfiehlt die STIKO sowohl stillenden als auch schwangeren Frauen die Corona-Impfung. Ziel der Impfung ist nicht nur der Schutz der Mutter vor einer Corona-Infektion, sondern der Schutz des neugeborenen bzw. ungeborenen Kindes. Die stillenden bzw. werdenden Mütter sollen via Muttermilch bzw. Mutterkuchen Antikörper an ihr Kind weitergeben und so den „Nestschutz“ optimieren.
Diese Empfehlung ist angesichts der Tatsache, dass Babys kaum an Corona erkranken, meines Erachtens inakzeptabel. Völlig missachtet wird, dass die Mutter nicht nur Antikörper, sondern auch Chemikalien sowie mögliche Langzeit-Nebenwirkungen der Impfung an das Kind weitergibt. Die Empfehlung der STIKO ist schon deshalb fahrlässig, da das Blut von neugeborenen Kindern ohnehin schwer mit Schadstoffen belastet ist. Im Jahr 2021 wurde das Ergebnis einer Studie publik. Ein US-amerikanisches Forscherteam konnte „109 verschiedene Chemikalien im Blut der Babys und der Mütter nachweisen. 40 davon stammen aus Weichmachern, 29 aus Medikamenten, 28 aus Kosmetikprodukten und 25 aus typischen Haushaltsmitteln. Außerdem entdeckten die Wissenschaftler 23 Pestizide, sieben polyfluorierte Alkylverbindungen und drei Flammschutzmittel.“https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/109-industriechemikalien-im-blut-neugeborener-babys-13374840
In meinem Blogbeitrag zum Dreifach-Elfchen im Elfchen schrieb ich: „Ich denke, dass die fotorealistische Darstellung der Impfung eines Kindes die Phantasien pädophil gestörter Männer… anregt. Dass das Bundesgesundheitsministerium im Rahmen der Impf-Werbung diese Bilder in Umlauf bringt bzw. bringen lässt, ist meines Erachtens verwerflich.“ https://stellwerk60.com/2022/11/30/dopp-elfchen-im-elften-kinder-die-was-wollen/
Doch was ist an dem Foto so schrecklich? Ich denke nach…
Wahrscheinlich finde ich es deshalb so schrecklich, weil es (indirekt) die hoch umstrittene Corona-Baby-Impfung banalisiert und dabei auch noch lustig daherkommt. Vermutlich bringt der erschrockene Gesichtsausdruck des nichtsahnenden Kindes viele Leute zum Schmunzeln. Wir kennen den untergründig fiesen Humor aus einer Urschrift der „Schwarzen Pädagogik“ (Begriff: Katharina Rutschky), dem „Struwwelpeter“.
Das Buch, das der Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann für seinen dreijährigen Sohn schrieb und illustrierte, fanden damals viele Menschen lustig. So hieß die Erstausgabe im Jahr 1845 noch nicht „Struwwelpeter“, sondern erschien unter dem Titel Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren.“ Nun, so „drollig“ ist es nicht, auch wenn der Titel den Leuten sagt, dass sie lachen dürfen.
Der Erwachsene ist immer stärker als das Kind. Er hat die Macht, es physisch oder psychisch zu verletzen. Das geht leicht, Kinder sind unendlich verletzlich. Vor allem kann man Kindern mit den einfachsten Tricks Angst einjagen. Der „Struwwelpeter“ arbeitet mit simplen Tricks. Wenn die Kinder nicht gehorchen, drohen die schlimmsten Strafen, bis hin zu Verstümmelung oder Tod. Und diese Strafen -das erzählt uns der „Struwwelpeter“- haben sich die Kinder auch noch selber eingebrockt.
Erwachsene lachen über den „Struwwelpeter“, denn die Geschichten provozieren ein allzu menschliches Gefühl: Schadenfreude. Gegenüber Kindern (und seien es deren literarische Pendants) Schadenfreude zu empfinden, finde ich feige und schäbig.
Hoffmann selber muss eine sadomasochistische Freude daran gehabt haben, sich das Zufügen der Schmerzen und das Leid der Kinder auszumalen, denn das Buch ist auf ekelhafte Weise „gelungen“. Dabei wählt er das literarische Mittel der Übertreibung. Erwachsene wissen: Kein Kind wird sterben, wenn es die Suppe, die man ihm vorsetzt, nicht isst. Keinem Kind wird ein Schneider mit der Scher‚ die Daumen abschneiden, weil es am Daumen lutscht. Kleine Kinder wissen das noch nicht. Sie glauben den Erwachsenen alles.
Die Geschichten, die ganz alltäglich daherkommen, machen den Kindern Angst, die eindringlichen bunten Bilder schleichen sich in ihr Unbewusstes und verursachen Alpträume. Und was tun die Kinder? Aus Angst, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte wie Paulinchen, Konrad oder Robert, laufen sie zu den Erwachsenen über und tun das, was Sigmund Freuds jüngstes Kind, die Psychoanalytikerin Anna Freud, in den 1930er Jahren „Identifikation mit dem Aggressor“ genannt hat.
So verkneifen sich die Kinder jegliches Mitgefühl, denn das würde wehtun. Sie zeigen mit dem Finger auf den ungepflegten Struwwelpeter, mit dessen weltberühmt gewordenem Bild das Buch beginnt, und lachen ihn aus: „Sieh einmal, hier steht er, Pfui! der STRUWWELPETER!“
***
In den über hundert Jahren, die zwischen den beiden Bildern (Quellen: s.o.) liegen, sind weltweit immer mehr Hemmschwellen gefallen- nicht nur im Krieg.
Die Wunder Jesu, die uns das Neue Testament erzählt, waren einmal spektakulär. Zu den bekanntesten gehören die Heilung eines Mannes, der von Geburt an blind ist, die Speisung der Viertausend mit fünf Broten und zwei Fischen und der Gang über den See Genezareth.
Doch als Menschen des 21. Jahrhunderts wissen wir, dass sich Wunder fingieren lassen. Mit der Erfindung von Comic-Superhelden wie Batman, Superman und dem weiblichenPendant Wonder Woman sowie der Entwicklung filmischer Tricksequenzen haben die Wunder Jesu endgültig an Überzeugungskraft verloren. Selbst Theologen stellen sich die Frage, ob die Wunder Jesu tatsächlich stattgefunden haben, schon lange nicht mehr. „Dass die Wunder eins zu eins so passiert sind, wie es in der Bibel steht, schließen die meisten Theologen heute aus. Die Erzählungen sind nicht vom Einfluss anderer Geschichten zu trennen und auch nicht von dem, was die Gläubigen nach Jesu Tod als Ausschmückung dazuerzählten. Bis die Evangelien aufgeschrieben wurden, vergingen Jahrzehnte. Keiner der Evangelisten hat Jesus persönlich kennengelernt.“ https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2014/sind-die-wunder-wirklich-geschehen-20727
Da ist es umso verwunderlicher, dass die Wunder Jesu immer noch eins zu eins ernstgenommen werden, wenn auch als Vorlage für Wissenschafts-Ulk. Jack Pop (MDR Wissen) versucht in einem YouTube-Auftritt zu Ostern 2020, die „Wunder“ aus Sicht der Wissenschaft zu entlarven. In welche Trickkiste, so der Tenor des Beitrags, könnte Jesus gegriffen haben? Hat er etwa bei der Verwandlung von Wasser in Wein in Wirklichkeit das Wasser nur rot eingefärbt und dafür zu Kamin gegriffen, einem Extrakt aus der Schildlaus? Pops Sprache ist aufgesetzt lässig. Um sich bei der Zielgruppe „Junge Erwachsene“ beliebt zu machen, spricht er eine saloppe „Jugendsprache“. Wortwörtlich: „Was, wenn der Heiland nur ein krasses Wissenschaftsgenie war?“
Nun finde ich es höchst fragwürdig, wenn man die Wunder Jesu „wissenschaftlich“ beleuchtet und auf diese Weise veralbert. Schließlich handelt es sich bei der Bibel nicht um irgendein Buch. Die Bibel ist ein voluminöses Grundlagenwerk und hat nicht nur unser Menschen-, Gottes- und Weltbild nachhaltig geformt, sondern war wegweisend und tonangebend für die moderne Menschheitsgeschichte. Die Bibel ist das meistverkaufte Buch der Welt und, das wage ich zu sagen, das wirkmächtigste Propagandawerk aller Zeiten.
Ich persönlich finde die Bibel gefährlich, weil uns die Heilige Schrift auf den einen Vater-Gott einschwört, unsere Spiritualität absorbiert, unsere Sehnsucht kanalisiert und unsere Hoffnung auf ein Paradies in enge, patriarchale Bahnen lenkt. Doch was war und ist die eigentliche Mission der Bibel?
Der Sohn Gottes, so erzählt es das Neue Testament, sei auf die Erde gekommen, um die Trennung zwischen Mensch und Gott aufzuheben und den Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies wieder an Gott zu binden. Doch die „Versöhnung“ hat ihren Preis, denn eine andere Trennung wird zementiert, die zwischen Mensch und Natur. Jesus -und das ist fatal- besiegt die Natur. Mit seinen „Wundern“ überwindet er die Schwerkraft, die Elemente, er besiegt unheilbare Krankheiten, und am Ende dann besiegt er, indem er wiederaufersteht, sogar den Tod. An diesen Gott sollen wir glauben. Der Lohn, der uns versprochen wird, falls wir gehorchen, ist ein Leben nach dem Tod und die Aufnahme in das Paradies Gottes.
So untermauert das Neue Testament einen autoritären Grundsatz aus dem sehr viel älteren Alten Testament. Schon im Schöpfungsbericht, noch während er dabei ist, die Erde zu erschaffen, erteilt Gott den Menschen den Auftrag, die Natur zu beherrschen: „Macht euch die Erde untertan.“ (Gen 1,28) Manch einer wird den markigen Appell in der modernen „Einheitsübersetzung“, die die Katholische Kirche benutzt, vergeblich suchen, denn hier findet sich stattdessen die Formulierung „Unterwerft sie euch“. In der Luther-Übersetzung (Aktuelle Fassung von 2017) heißt es aber nach wie vor: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ https://www.die-bibel.de/bibeltext/1.%20Mose%201,28/
Der berühmte Appell ist, seit wir wissen, dass der „Klimawandel“ menschengemacht ist, in Verdacht geraten. Doch der Appell lässt sich, auch wenn er so formuliert ist, dass man ihn kaum wieder erkennt, nicht zum Verschwinden bringen, denn die Aufforderung zur Naturbeherrschung durchdringt die gesamte Bibel.
Indem Gott Adam und Eva segnet, bekommt auch die Naturbeherrschung Gottes Segen: „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ Gen 1,28, EÜ, zitiert nach: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/gen2.html
Nun wirkt der Appell Macht euch die Erde untertan bis heute nach. Auch Naturwissenschaft und Politik haben ihn sich auf ihre Fahnen geschrieben. So findet sich sein sprachliches Echo im hymnischen Leitsatz einer deutsch-französischen Wissenschaftskooperative: „Make Our Planet Great Again.“ Was für eine Anmaßung, die Erde „wieder großartig“ machen, sie (nach den Vorgaben der Wissenschaft?) umgestalten zu wollen! Und was wäre eine „wieder großartige“ Erde?
Der französische Präsident Emmanuel Macron, Kofürst von Andorra, ein Rationalist, der die Etikette hochhält, hätte, als er am 2. Juni 2017 eine „persönliche Botschaft“ an die Weltöffentlichkeit vorlas, fast zu weinen begonnen, vermutlich aus Erschütterung über sich selber. Schlusswort seiner Klima-Botschaft war die Parole Make Our Planet Great Again. Vgl.: https://stellwerk60.com/2021/09/11/elfchen-im-neunten-make-our-planet-great-again-macht-euch-die-erde-untertan/
Adam und Eva versündigen sich, indem sie Gott und die Aufforderung, die Natur zu beherrschen, nicht ernst nehmen. Im 3. Buch der Genesis lässt sich Eva von der listigen Schlange dazu verführen, Gottes Verbot zum Trotz einen Apfel vom Baum der Erkenntnis zu essen. Anschließend verführt sie Adam dazu, es ihr gleichzutun. Jetzt erst realisieren sie, dass sie nackt sind, Mann und Frau. Sie bemerken nicht ohne Entzücken den Unterschied zwischen den Geschlechtern, ahnen, dass man Menschen weder aus Ackererde formt noch aus Rippen schnitzt. Adam und Eva empfinden nicht nur Scham, sondern bekommen eine Ahnung von etwas Schönem: Der leiblichen Liebe.
Indem sich Adam und Eva als Naturwesen erfahren, entscheiden sie sich -ohne es beabsichtigt zu haben- gegen Gott. Denn der erbarmungslose, rigorose Vater-Gott duldet nur ein Entweder-Oder. Er macht seine Drohung wahr, bestraft Adam und Eva mit dem Schicksal, sterblich zu sein, und definiert die Natur, in die er sie stößt, als Ort des Schreckens. Gott vertreibt die Menschen aus dem Paradies, das sich bei näherem Hinschauen als Unort entpuppt: Als sauberer, allzu schöner, bis in den letzten Winkel durchstrukturierter Raum, den Gott allein nach seinen Vorstellungen gestaltet und mit Lebewesen bestückt hat: Künstlich und unisex. Er pflanzt den Menschen Angst ein, Angst vor dem Leben und Angst vor dem Tod. Die moderne politische Propaganda, die mit unserer Todesangst spielt, hat hier ihre Wurzeln.
Gottes Furor richtet sich insbesondere gegen die Frau. Nicht ohne Grund, denn die Frau ist seine Konkurrentin. Sie ist diejenige, die den Menschen zur Welt bringt und mit jeder Geburt die Erschaffung des Menschen aus Ackerboden und Männer-Rippe in Frage stellt. So missachtet Gott die weibliche „Schöpfungswonne“ und reduziert Schwangerschaft und Geburt auf Mühsal und Schrecken: Zur Frau sprach er: „Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. / Unter Schmerzen gebierst du Kinder…“ (Gen 3,16, LU) Gleichzeitig bestraft er Adam und Eva für die aufkeimende gegenseitige Liebe, treibt einen Keil zwischen Mann und Frau und zementiert die leibliche Liebe als Gewalt- und Herrschaftsverhältnis: „ / Du hast Verlangen nach deinem Mann; / er aber wird über dich herrschen.“ (Gen3,16, LU)
Mit der Erschaffung des Menschen installiert der Gott der Genesis ein Herrschaftsverhältnis. Adam und Eva bilden ein patriarchales Ur-Paar, denn von Beginn an herrscht Adam über Eva. Doch gleichzeitig -und darin zeigt sich die Genialität der wirkmächtigen Bibel- macht der Gott der Genesis Adam und Eva zu Komplizen. Ausgerechnet die Frau, deren Leiblichkeit uns in aller Ambivalenz daran erinnert, dass wir Teil der Natur sind, soll sich Seite an Seite mit dem Mann die Erde und alle irdischen Kreaturen untertan machen, die Natur beherrschen. Als seine Assistentin, versteht sich. Schließlich lautet der berühmte Appell nicht Mach dir, sondern Macht euch die Erde untertan. Die Gleichschaltung der Geschlechter, die in unserer Gegenwart mit dem „Wehrdienst“ von Frauen ihren brutalen Höhepunkt erreicht hat, nimmt hier ihren Anfang.
Kann ich Christin sein, ohne dem Gott der Bibel, den ich als kalt empfinde, Glauben zu schenken?
Ein christliches Volks- und Wallfahrtslied aus dem 19. Jahrhundert erzählt von einem göttlichen Naturwunder, das nicht in der Bibel steht. Das Lied wagt einen Perspektivwechsel, denn es rückt nicht den Mann Jesus, sondern die mutterleibliche Zweieinigkeit von Jesus und Maria in den Mittelpunkt. Noch ist Jesus nicht auf der Welt. Er ist noch lange nicht der erwachsene, bewusst agierende Mann, sondern das Wesen im Mutterleib. Der ungeborene Jesus ist noch Teil von Maria und eins mit der Natur.
In einem schönen Text (auch als Podcast zu hören) erklärt uns Doris Blaich, was es mit dem Lied, das so alt nicht ist, wie es scheint, auf sich hat: „Uralt wirkt dieses Lied und die Geschichte, die es erzählt: die schwangere Maria geht durch einen Wald. Er ist völlig verdorrt: überall nur Dornengestrüpp. Doch als Maria den Wald betritt, verwandelt sich diese Wüste…“ https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/maria-durch-ein-dornwald-ging-swr2-weihnachtslieder-100.html
Maria durch ein Dornwald ging
Maria durch ein Dornwald ging Kyrie eleison Maria durch ein Dornwald ging Der hat in sieben Jahr’n kein Laub getragen Jesus und Maria
Was trug Maria unter ihrem Herzen Kyrie eleison Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen Das trug Maria unter ihrem Herzen Jesus und Maria
Da haben die Dornen Rosen getragen Kyrie eleison Als das Kindlein durch den Wald getragen Da haben die Dornen Rosen getragen Jesus und Maria
Das Lied ist schlicht und zart und kommt ohne Superlative aus. Es speist sich aus einem Gefühl, das in der Genesis fehlt: Liebe. Marias Gang durch den Dornwald spiegelt Schwangerschaft (und Geburt) in ihrer Ambivalenz. Maria nimmt einen beschwerlichen Weg auf sich – wie jede werdende Mutter. Es gibt keine Schwangerschaft ohne Beschwerden und keine Geburt ohne Schmerzen. Alles braucht seine Zeit. Aber Schwangerschaft und Geburt münden in eine Erlösung, die so tief ist, wie eine Erlösung nur sein kann. Hierfür stehen die Hoffnung spendenden Rosen. Jede Geburt ist ein Neuanfang.
Ich bin Christin, weil ich zwar nicht den erwachsenen Mann Jesus Christus, aber das ungeborene Kind liebe. Auch ein Kind Gottes -das erzählt die Bibel- muss geboren werden. Für mich ist Jesus Christus Teil der Natur und Teil eines Göttlichen, das größer ist als Gott Vater. Das ungeborene Kind Jesus Christus vollbringt keine Wunder. Es ist die Natur selber, die die Rosen zum Blühen bringt.
Marias Wanderung bezieht sich auf eine Begegnung, von der auch Bibel erzählt: Die Heimsuchung. Die Jungfrau Maria, seit kurzem erst schwanger, besucht ihre Kusine Elisabeth, die ebenfalls ein Kind erwartet, aber schon in drei Monaten entbinden wird. Maria wird bis kurz vor der Geburt bei Elisabeth bleiben, um sie zu unterstützen. Dass Elisabeth schwanger ist, ist verwunderlich, denn Elisabeth, Gattin des Zacharias, war in all ihren Ehe-Jahren unfruchtbar und ist jetzt längst nicht mehr im gebärfähigen Alter.
Superlative der Fruchtbarkeit kennen wir bereits aus dem Buch Genesis. Da sind es vor allem „auserwählte“ Männer, Adam und seine Nachfahren, die noch im hohen Alter Kinder zeugen. Nachdem sie zunächst Väter von Söhnen werden, zeugen sie im Verlauf von mehreren hundert Jahren zahlreiche weitere Kinder. Hier ist allerdings die Phantasie mit den Autoren durchgegangen, und die protzigen Bibel-Passagen hören sich an wie Comic-Geschichten:
Adam war hundertdreißig Jahre alt, da zeugte er einen Sohn, der ihm ähnlich war, wie sein Abbild, und nannte ihn Set. Gen 5,3, EÜ. Nach der Geburt Sets lebte Adam noch achthundert Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Gen 5,4, EÜ. Die gesamte Lebenszeit Adams betrug neunhundertdreißig Jahre, dann starb er. Gen 5,5, EÜ. Set war hundertfünf Jahre alt, da zeugte er Enosch.Gen 5,6, EÜ. Nach der Geburt des Enosch lebte Set noch achthundertsieben Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Gen 5,7, EÜ. Die gesamte Lebenszeit Sets betrug neunhundertzwölf Jahre, dann starb er. Gen 5,8, EÜ.
Auch von einer Frau, die im hohen Alter noch ein Kind zur Welt bringt, erzählt das AlteTestament. 90 Jahre alt muss Abrahams Frau Sara der Bibel nach werden, bevor sie (mit Gottes übernatürlicher Hilfe) endlich schwanger wird. „Abraham und Sara waren schon alt; sie waren in die Jahre gekommen. Sara erging es längst nicht mehr, wie es Frauen zu ergehen pflegt.“ Gen 18,11, EÜ.
Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und sagt: Soll ich wirklich noch Kinder bekommen, obwohl ich so alt bin? Gen 18,13, EÜ. Ist beim Herrn etwas unmöglich? Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich wieder zu dir kommen; dann wird Sara einen Sohn haben.Gen 18,14, EÜ.
(„Ist beim Herrn etwas unmöglich?“ Mit leichtem Schrecken bemerke ich, dass sich die moderne Auto-Werbung auch bei der Bibel bedient: „Nichts ist unmöglich: TOYOTA“ https://www.youtube.com/watch?v=tkIqeI0wZ7c)
Das Neue Testament knüpft mit Elisabeths Schwangerschaft genau da an. Auch sie ist schon in einem Alter, das man heutzutage „Rentenalter“ nennt. Wieder einmal setzt die Macht Gottes die naturgegebenen weiblichen Rhythmen außer Kraft. Es ist der Erzengel Gabriel, „Marias Engel“, der Zacharias den ersehnten Sohn verheißt. Doch anders als Johannes der Täufer wird der Sohn Gottes nicht von einer unfruchtbaren alten Ehe-Frau ausgetragen, sondern von einer fruchtbaren jungen Frau, der Jungfrau Maria.
Unübersehbar ist der Bezug zur Gegenwart. Medizintechnisch ist es möglich, Frauen jenseits der Wechseljahre, die keinen Eisprung mehr haben, befruchtete Eizellen einzupflanzen. Manchmal sind werdende Mütter gleichzeitig werdende Großmütter, dann nämlich, wenn sie sich die befruchteten Eizellen ihrer Töchter einpflanzen lassen und als Leihmütter ihre Enkelkinder austragen.
Tatsächlich spielen Wissenschaftler Gott, doch nur den Einen, den Gott der Bibel. Und wie die keimzellenfreie Befruchtung in der Bibel hat die keimfreie künstliche Befruchtung Gottes Segen.
Mittlerweile dringen die reproduktionsmedizinischen Eskapaden bis in unseren Alltag vor.
Ich kenne eine jüngere verheiratete Frau, die keinen Eisprung hat und daher unfruchtbar ist. Vor ein paar Jahren hat Lena (wie ich sie nenne) ein Mädchen zur Welt gebracht. Die leiblichen Eltern sind ihr Ehemann und eine Eizell-Spenderin unbekannter Herkunft. In einer spanischen Fruchtbarkeitsklinik hat sich Lena eine mit dem Sperma ihres Mannes befruchtete Eizelle der Spenderin in ihre Gebärmutter einpflanzen lassen. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass es tiefenpsychologisch so ist, als sei Lena gezwungen, die Frucht eines Seitensprunges ihres Mannes auszutragen. „Gesund“ für die Seele ist das nicht. Die Zukunft wird zeigen, wie das Kind damit umgeht. Lena hatte ein blondes, blauäugiges Kind bestellt, hat aber ein dunkelhaariges mit braunen Augen bekommen. Das Kind ist „entzückend“.
Der einzige Trost, den der Wahnsinn, unser Leben an die Reproduktionsmedizin zu verkaufen, parat hält, ist die Tatsache, dass die Kinder, die der In-vitro-Fertilisation entspringen, trotz alledem ganz normale, süße, liebe Kinder sind.
Tatsächlich ist unsere Möglichkeit, mitzuentscheiden oder auch nur mitzusprechen, begrenzt. Alle Jahre wieder gehen wir ein Wahllokal und dürfen ein Kreuz in einen Kringel malen, zwischen den Wahlen dürfen wir nicht einmal das.
Immerhin können wir beim „Gang zur Wahlurne“ ausdrücken, mit wem wir sympathisieren. Vor dem Kringel steht der Name einer Kandidatin, eines Kandidaten oder einer Partei. Aber können wir diesen Personen vertrauen? Zur Erinnerung: Olaf Scholz hatte im Wahlkampf 2021 das Versprechen abgegeben, dass es keine Impfpflicht geben werde -und sollte dieses Versprechen brechen, noch bevor er am 8.12. 2021 zum Kanzler gewählt wurde.
Ich habe in naiver alter Treue DIE GRÜNEN gewählt- und bin Annalena Baerbock auf den Leim gegangen. Die spätere Außenministerin warb auf großformatigen Plakaten mit dem alten GRÜNEN-Grundsatz, der auch im aktuellen Wahlprogramm stand: „Keine Waffen und Rüstungsgüter in Kriegsgebiete“. Doch der große Leit-Gedanke verkümmerte im Wahlkampf zur hohlen Werbe-Parole. Mit den Waffen- und Panzerlieferungen an die Ukraine wurde nicht nur ein Wahlkampf-Versprechen gebrochen, sondern ein politisches Credo verramscht.
Nun ist die Bundesregierung dazu verpflichtet, uns, die wir nicht mitentscheiden können, über die Bundespolitik zu informieren. „Am 2. März 1977 unterstrich das Bundesverfassungsgericht die Bedeutung staatlicher Öffentlichkeitsarbeit: Sie muss die Bürgerinnen und Bürger über entscheidende Sachfragen umfassend informieren. Nur so kann jede Einzelne und jeder Einzelne die getroffenen Entscheidungen, Maßnahmen und Lösungsvorschläge richtig beurteilen, sie billigen oder verwerfen (Bundesverfassungsgerichtsentscheidung 44, 125 (164)).“ https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/bundespresseamt/recht-auf-information-460940
Das klingt erst einmal gut. Allerdings sind die Informationen, die etwa das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung („Bundespresseamt“) herausgibt, mehr als nur dürftig. Damit unsere Gedanken ausgewertet und verwertet werden können, werden sie eingeebnet und in vorgefertigte Bahnen gelenkt. Unsere Meinung hat zwar keinen Wert mehr, aber einen Mehrwert im Zusammenhang mit Meinungsumfragen, an denen wir teilnehmen können, um unsere Meinung zu sagen.
Vor Menschen, die sich nicht verblöden lassen, hat die Polit-Spitze Angst. Was für autoritäre Personen gilt, gilt auch für latent labile autoritäre Systeme: Die Nerven liegen blank. Man reagiert, indem man die Kritiker ins Unrecht setzt und sich selber ins Recht – und draufhaut. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953, der blutig und brutal niedergeschlagen wurde, hat Bertolt Brecht in seinem ironischen, hochaktuellen Gedicht dem arrogant-totalitären Regime der DDR eine „Lösung“ vorgeschlagen, wie sie sich das Volk vom Hals halten kann: „… Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“
Weil sie genau das fürchtet und ahnt, greift die Bundesregierung immer tiefer in die Trickkiste primitiver und zunehmend aggressiver Werbung. Wir -das Volk- werden für doof verkauft und müssen das noch teuer bezahlen. Mit sachlicher Information bzw. Aufklärung hat die Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung spätestens seit der „Pandemie“ nichts mehr zu tun.
Schon Ende 2020 wies die FAZ darauf hin, dass die Bundesregierung ihre Werbeausgaben im Jahr 2020 deutlich erhöht hat. „Den größten Anstieg verzeichnete demnach das Gesundheitsministerium. Die Bruttowerbeausgaben des Spahn-Ministeriums sind von etwa 3 Millionen im Vorjahr auf 60 bis 70 Millionen Euro angewachsen. Größter Kostenpunkt ist mit 35 Millionen Euro die Kampagne „Zusammen gegen Corona“.“ https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/regierung-gibt-viel-mehr-fuer-werbung-aus-17058924.html Die Werbeausgabendes Bundesgesundheitsministeriums haben sich demnach innerhalb eines Jahres mehr als verzwanzigfacht! Und dabei waren im Jahr 2020 die Impf-Werbekampagnen gerade erst angelaufen.
Im Jahr 2021 haben sich die Werbeausgaben des Gesundheitsministeriums im Vergleich zu 2019 sogar verfünfzigfacht. Auf kress.de schrieb Marvin Oppong im März 2022: „Die Bundesregierung hat seit Beginn der Pandemie ihre Werbeausgaben drastisch gesteigert, um die Ausbreitung von Covid-19 zu bremsen und die Menschen zum Impfen zu animieren. Allein das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gab im vergangenen Jahr 144,6 Millionen Euro im Zusammenhang mit dem Coronavirus aus, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht.“ https://kress.de/news/detail/beitrag/149100-ueberraschender-geldsegen-fuer-die-medien-so-viele-millionen-gaben-spahn-und-lauterbach-fuer-ihre-corona-kampagnen-aus.html
Es ist kein gutes Zeichen für den Gesundheits-Zustand einer Demokratie, wenn die Volksvertretung nicht mehr auf Dialog und Aufklärung setzt, sondern auf Manipulation. In Deutschland war nicht Auflösung des Volkes die Lösung, sondern dessen Entmündigung und Verblödung. Schließlich waren die staatlichen Corona-Maßnahmen von Beginn an mehr als fragwürdig und stellten einen massiven Eingriff in unsere Grundrechte dar.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verlor mit der „Pandemie“ vollends seine Glaubwürdigkeit. Hier hatte die Bundesregierung ihre zentrale Plattform für die Gesundheitsaufklärung. Ihre volle Wirkung konnte die Werbung aber nur deshalb entfalten, weil die TV- Und Radiospots, die für Maßnahmen und Impfung warben, von vermeintlich objektiven Beiträgen flankiert wurden. Doch gerade dort, wo -wie wir alle glauben sollen- sachlich und gewissenhaft aufgeklärt wird, in den Wissenschaftssendungen, mutierte die Moderation zur Hofberichterstattung.
Nicht nur Gesundheitsminister Karl Lauterbach verdankt der „Pandemie“ einen Karrieresprung, sondern auch viele Expertinnen und Experten, etwa die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die bereits Anfang 2019 im Vorfeld von Corona und im Auftrag des WDR einen tapferen Selbstversuch unternahm. Nur ein Jahr vor Beginn der Corona-„Pandemie“ streifte Mai Thi Nguyen-Kim für „Quarks“ das Jäckchen ab und ließ sich vor laufender Kamera eine Spritze in den Arm stechen bzw. gegen die Grippe impfen, und zwar, um die Glaubwürdigkeit der Angelegenheit zu unterstreichen, von einem wissenschaftlich anerkannten Impfexperten, dem Leiter des Leber- und Infektionszentrums Düsseldorf an der Universitätsklinik, Professor Dieter Häussinger. Den Selbstversuch unternahm Mai Thi Nguyen-Kim, wie es im Begleittext des WDR heißt, „… Um den Geheimnissen des Impfens auf die Spur zu kommen…“ https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/quarks-und-co/video-mai-thi-laesst-sich-gegen-grippe-impfen-100.html Zwar ist das, was Mai Thi erfährt und uns erklärt, allgemein bekannt und wenig geheimnisvoll, aber niedlicher und verharmlosender kann ein Werbefilm für die Grippeimpfung kaum daherkommen. „Das hat jetzt wirklich nur kurz gepiekst“, sagt Mai Thi nach der Impfung. Süß.
Knapp drei Jahre später plädiert Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem Youtube-Kanal maiLab für eine Corona-Impflicht und richtet in einem flapsig-jugendlichen Ton einen flammenden Appell an die Bundesregierung, die sich doch endlich für eine Impfpflicht stark machen möge. Der Vortrag wirkt gekünstelt, die beliebte Wissenschaftsjournalistin hochnervös und marionettenhaft.
Doch warum wirkt ihr mädchenhaft-neckischer Charme mit einemmal unecht und aufgesetzt?
Der Beitrag ist vom 14. November 2021. Längst war durchgesickert, dass sich in Südafrika eine harmlosere Corona-Variante entwickelt hatte, die man später Omikron nannte. Es war eine Frau, die Anfang November 2021 als erste Medizinerin auf die neue Variante und die mit der neuen Variante einhergehenden deutlich leichteren, die Lunge verschonenden Krankheitsverläufe aufmerksam gemacht hatte: Die Allgemeinmedizinerin und Vorsitzende der South African Medical Association (SAMA), Angelique Coetzee.
Anfang 2022 erzählt Angelique Coetzee in einem Interview, dass man ihr verboten habe, die Wahrheit zu sagen. „Angesicht des milderen Verlaufs hätten Regierungen „definitiv überreagiert“, meint Coetzee … im Interview mit WELT. Doch zunächst sollte die Nachricht der leichteren Krankheit gar nicht in den Umlauf gelangen. „Mir wurde gesagt, ich solle öffentlich nicht erklären, dass es eine milde Erkrankung sei. Ich wurde gebeten, von derartigen Äußerungen Abstand zu nehmen und zu sagen, es sei eine ernste Erkrankung. Das habe ich abgelehnt.“https://www.merkur.de/welt/omikron-entdeckerin-corona-variante-afrika-milder-leichterer-verlauf-zr-91341362.html
Vermutlich haben weltweit Wissenschaftler (nebst -innen) bewusst weggehört, denn Omikron stellte nicht nur die Autorität der tonangebenden Wissenschaft in Frage, sondern auch die Weiterführung rigoroser Corona-Maßnahmen sowie die Massenimpf- Politik. Ich vermute, dass die Hardlinerin Mai Thi Nguyen-Kim, als das Video erschien, längst im Bilde war und sich mit dem Gesundheitsministerium abgesprochen hatte. Doch wie reagieren Mächtige, die sich verrannt haben und mit dem Rücken zur Wand stehen? Nicht besonnen, sondern mit doppelter Härte.
Es empfiehlt sich, sich den Beitrag mit dem banalisierenden Titel „Impfpflicht ist OK“ ein Jahr später noch einmal anzugucken. Mittlerweile habe ich die nötige Ruhe dazu. Jetzt, wo die Impfpflicht-Drohung längst passé ist und endlich auch die einrichtungsbezogene Impfpflicht zum Jahresende „ausläuft“, erleben wir eine Phase, die hoffentlich mehr ist als nur eine „Verschnaufpause“.
August 2021: Ich bin mit einigen alten Schulfreundinnen verabredet. Seit über 40 Jahren treffen wir uns alle paar Jahre, diesmal bei Pia in Mönchengladbach. Wir versuchen, das Thema „Corona“ auszuklammern, was nicht ganz einfach ist. Betty, Kinderärztin mit eigener Praxis, befürwortet die Corona-Impfung, die nur wenige Tage später von der STIKO für alle 12-17jährigen empfohlen werden sollte. Ich schweige.
Doch Betty ist nicht nur eine Kinderärztin, die -wie ich finde- allzu gerne impft, sondern ein nachdenklicher, moralischer Mensch. Kürzlich, so erzählt sie, habe eine Mutter filmen wollen, wie ihr Baby geimpft wird. Betty war entsetzt. „Ich muss Ihrem Kind jetzt wehtun“, hat sie zu der Mutter gesagt. „Das können Sie doch nicht filmen.“
Das Anliegen der Mutter überrascht mich nicht. Sie hat sich nichts dabei gedacht zu filmen, wir ihr Kind geimpft wird. Schließlich hat man im Rahmen der Schwangerenvorsorge ihr Kind schon fotografiert oder sogar gefilmt, als es noch gar nicht geboren war. Außerdem bekam die Frau -wie wir alle- überall per Werbefoto oder Film „abwechslungsreich“ vorgeführt, wie Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher Hautfarbe geimpft wurden.
Doch was macht eigentlich eine Impfung per Spritze so heikel?
Mit einer Hohlnadel durchsticht Medizinerin oder Mediziner die Haut, dringt in den Muskel ein und spritzt eine Flüssigkeit in den Muskel. Das muss nicht unbedingt schmerzhaft sein, ist aber eine Grenzüberschreitung. Aus juristischer Sicht sind Injektionen gemäß § 223 StGB grundsätzlich eine Körperverletzung. Zudem ist die Injektionsspritze -mehr noch als das Stethoskop- Symbol ärztlicher Macht. Darüber hinaus hat das Verabreichen einer Spritze aggressiv-sexuelle Momente. Medizinisch sind Injektionen vielfach unumgänglich, sie gehören zum ärztlichen Alltag. Ärzte realisieren jedoch viel zu selten, dass das, was für sie Alltag ist, für den Patienten eine unangenehme Ausnahme bedeutet. Insbesondere bei der Behandlung von Kindern ist äußerste Vorsicht geboten. Vgl: https://stellwerk60.com/2021/06/30/elfchen-im-sechsten-kinderfruherkennung/
Am 17. September 2021 schrieb ich in meinem Blog-Beitrag zu „Karlimpf in allen Gassen“: „Medizinische Maßnahmen als Mittel zur Unterwerfung einzusetzen, ist verwerflich. Seinen entsetzlichen Höhepunkt hatte dieser Wahnsinn in den 1950er und 60er Jahren, als Heimkinder, die keine schützenden Eltern hatten, vielerorts in Deutschland systematisch gequält, ruhig gestellt, misshandelt und (auch für pharmazeutische Studien und Experimente) missbraucht wurden. Zum Einsatz kam hierbei medizinisches Gerät, insbesondere die handliche Injektions-Spritze. „In einer Art Verteidigungsschrift an den Essener Caritas-Direktor bestritt Strehl zwar die Anwendung solcher „Kotzspritzen“, doch zeigen die Quellen ein anderes Bild. Neben den zeitgenössischen Unterlagen berichteten auch verschiedene Heimbewohner über die Verabreichungspraxis solcher Spritzen, die Strehl bei Stationsvisiten offenbar immer bei sich trug, um renitente Kinder bei Bedarf direkt sedieren zu können.“ https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMI17-20.pdf “
Dringend verboten werden müsste die öffentliche Zurschaustellung des Impfakts – insbesondere zu Werbezwecken. Die Vorführung stellt nicht nur den Menschen in seiner Verletzlichkeit bloß, sondern verhöhnt das ärztliche Ethos.
Wie in einer Wiederholungsschleife werden und wurden wir -insbesondere auf dem Höhepunkt der Corona-Impfeuphorie- selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Darstellungen von Impfungen konfrontiert. Auf diese Weise wird eine unserer primitivsten Gefühlsregungen genährt, der Voyeurismus. Mit Aufklärung hat das nichts mehr zu tun.
Anders als Kinderärztin Betty dürften es manche ihrer Kollegen in Ordnung finden, beim Impfen gefilmt zu werden. Irgendwoher müssen die Filme und Bilder, die wir angesichts der Corona-Impfung zu sehen kriegen und die immer häufiger die Kinderimpfung zeigen, ja stammen.
Auf der Internetseite des Bundeskriminalamts (BKA) heißt es: „Kinderpornografie ist die fotorealistische Darstellung des sexuellen Missbrauchs einer Person unter 14 Jahren (Kind).“ Ich denke, dass die fotorealistische Darstellung der Impfung eines Kindes die Phantasien pädophil gestörter Männer ebenfalls anregt. Dass das Bundesgesundheitsministerium im Rahmen der Impf-Werbung diese Bilder in Umlauf bringt bzw. bringen lässt, ist meines Erachtens verwerflich.
Unannehmbar finde ich, dass im Zusammenhang mit der in Deutschland gerade angelaufenen Kleinkind-Impfung Bilder von Baby-Impfungen gezeigt werden. Unten stehendes Bild erschien am 17.11.2021 auf web.de. Dass das Baby eine Windel trägt, dass es festgehalten wird und die impfende Person den Muskel zusammendrückt, erhöht vermutlich den yoyeuristischen Kitzel.
Mich hat das mehr als fragwürdige Werbebild zu meinem (diesmal Dreifach-) Elfchen des Monats inspiriert, das ich an den Anfang meines Beitrags gestellt hatte, aber hier noch einmal wiederhole:
Schnappschuss vom 2.11.2021. Ich halte meine Kamera auf die Internetseite boerse.de. Was ich fotografiere, ist nicht eine einzelne Werbeanzeige, sondern sind zwei verschiedene Anzeigen, die für kurze Zeit (wie zufällig) nebeneinander auf dem Bildschirm erscheinen. Die moderne Internetwerbung ist weitaus wirkungsvoller als die klassische Werbung in den Printmedien, denn sie arbeitet gezielt mit Zusammenschnitten und beweglichen Bildern – und spielt dabei mit den mehr oder weniger bewussten Phantasien der User. Hier sehen wie eine Altherren-Phantasie im 21. Jahrhundert: Ein kleines kokettes Mädchen mit einem Sparschweinchen unterm Arm. Rührend, nicht wahr? Das Mädchen trägt ein Flügelhemd, dessen Ärmel man, wenn es geimpft wird, ganz leicht hochheben kann. Als wir kleine Mädchen waren, wurde uns gesagt, dass wir von fremden Männern nichts annehmen dürften. Doch Bill Gates ist kein fremder Mann, und die Millionen kleiner Mädchen impft er nur in Gedanken… Aber warum finde ich das kleine Mädchen kokett? Ich gucke mir das Bild noch einmal genauer an. Was ich unbewusst aufgenommen hatte, nehme ich jetzt bewusst wahr: Das Mädchen spitzt nicht nur den Mund, sondern drückt ihr Kinn so zusammen, dass es aussieht, als berühre sie ihre Schamlippen. Ich fürchte, der Fotograf hat ihr genau gesagt, wie sie sich anzufassen hat. Diese Werbeanzeige, die seit Wochen auf der Internet-Seite boerse.de für den „Boerse.de-Weltfonds“ wirbt, oberste Zielgruppe: Wohlhabende Rentner, ist meines Erachtens ein Fall von Kinderpornografie. Der Zusammenschnitt beider Werbeanzeigen jedoch (Foto: boerse.de, 2.11.2021) ist nicht nur pornografisch, sondern der Gipfel der Schamlosigkeit.
Die großen deutschen Kirchen besitzen riesige Vermögen. Wir wissen, dass die Kirchen zwar Steuern einziehen, aber als als gemeinnützige, wohltätige beziehungsweise kirchliche Organisationen keine zahlen. Weniger bekannt ist, dass die Kirchen große staatliche Geldsummen erhalten – noch über die Zahlungen für Arbeit im sozialen Sektor hinaus. https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ Welche politischen Befugnisse die Kirche hat , erläutert der erfrischend unsentimentale Politologe Carsten Frerk 2015 in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Die Vertreter der Kirchen, so Frerk, „haben einen Sonderstatus im deutschen Bundestag. Sie können ein und ausgehen, wie es ihnen beliebt. Die Kirchen sagen selbst, dass sie in allen Stadien wichtiger Gesetzesprozesse involviert sind. Selbst in der gerade erst gegründeten Atomkommission, die eine Lösung für die Finanzierung des Atomausstiegs finden soll, finden sich zwei Bischöfe. Hier findet christliche Einflussnahme statt, ohne dass es hierfür eine gesellschaftsrechtliche Grundlage gibt.“ https://www.wiwo.de/politik/deutschland/carsten-frerk-ueber-die-privilegien-der-kirchen-der-staat-macht-sich-zum-devoten-deppen/12559868-all.html
Macht und Geld interessieren ein „Engelchen“ nicht. 1964: Eine Hochzeit in der Bottroper St. Elisabeth- Kirche. Meine Zwillingsschwester und ich sind als „Engelchen“ engagiert. Nach der Hochzeit (rechtes Bild): Während meine Schwester (rechts) diszipliniert die Hände faltet, kann ich kaum noch ruhig stehen, weil ich nur noch an die Bälle denke, die wir zur Belohnung gekriegt haben. Die Taschen unserer Kleidchen sind verdächtig ausgebeult, denn bei der Kaffeetafel (s. Tischkärtchen) gab’s nicht nur Kuchen, sondern auch Süßigkeiten. Die großen katholischen Feste hatten zur Freude der Christen immer auch lebensfrohe heidnische Momente. Dass „Engelchen“ (oder auch „Blumen-Mädchen“) Blüten streuen, über die die Eheleute dann laufen „müssen“, geht auf einen heidnischen Fruchtbarkeits-Brauch zurück. Die gestreuten Blüten bescheren den Brautleuten einen reichen Kindersegen. Es heißt, dass der Duft der Blüten die Fruchtbarkeitsgöttinnen anlockt. Der Auftritt sollte nicht unser einziger bleiben. Man lud uns gerne zu Hochzeiten ein, denn als Zwillinge standen wir mit den Fruchtbarkeitsgöttinnen in enger Verbindung. Mittlerweile hat sich einiges verändert: Im Jahr 2019 wurde die Bottroper St. Elisabeth-Kirche, wo wir später auch zur Kommunion gegangen sind, entweiht – wie viele andere Kirchen. Die Geburt von Zwillingen haben wir heutzutage nicht mehr nur dem Zufall oder der guten Laune heiterer Fruchtbarkeitsgöttinnen zu verdanken, sondern immer häufiger dem kalten Instrumentarium der Reproduktionsmedizin.
Wie eng verfilzt Staat und Kirche sind, brachte die „Pandemie“ zu Tage. Wr erlebten groteske Auswüchse, wie etwa digitale Gottesdienste inklusive digitalem Klingelbeutel (!) oder Heilige Messen im Autokino. Dabei kamen die Corona-Abstandsregeln der klerikalen Berührungsscheu verkrampfter Geistlicher durchaus entgegen. Ich möchte noch einmal an Woelkis öffentlichen Brief an die „Schwestern und Brüder“ vom 19. März 2020 erinnern. Darin schrieb er: „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun haben wir uns nach sehr ernsthaften Diskussionen dazu entschlossen, die körperlichen Versammlungen von Christen auszusetzen… “ Vgl.: https://stellwerk60.com/2020/04/09/fake-news-erzbischof-kardinal-woelki-wird-heute-den-menschen-die-fuesse-waschen/
Dass im Kölner Dom an Heiligabend geimpft wird, wird uns dieses Jahr hoffentlich erspart bleiben.
Derweil gilt es, den Schönen Schein zu wahren. Das „Haus der Kirche“ in Köln-Nippes wird nicht nur das Pfarrbüro von St. Marien beherbergen, sondern auch das Caritas-Zentrum sowie Wohnungen und eine Arztpraxis. Es ist während der „Pandemie“ gebaut worden, also während Woelki -was allgemein bekannt war- den Bericht zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln weiter vor sich herschob. Ich denke, etwas mehr Bescheidenheit in der Namensgebung wäre da durchaus angemessen gewesen.
Das „Haus der Kirche“ kurz vor der Fertigstellung Anfang November 2022
Beim Bau des Hauses ist zu meiner Genugtuung ein Fauxpas passiert. In diesem Fall sitzt der Teufel im Detail, hämisch lachend hockt er in der Außen-Fassade.
Das in die bronzenen Metall-Abdeckungen eingestanzte Muster (kleine Kreuze bzw. Blüten) kam mir bekannt vor. Genau dieses Muster haben manchmal die Gitter in den Beichtstühlen katholischer Kirchen. Doch warum haben Beichtstühle überhaupt Gitter? Wikipedia gibt Aufschluss: „Eingeleitet durch die Synode von Fritzlar (1244) entwickelte sich das (doppelte) Gitterfenster als Trennwand zwischen Priester und Beichtendem. Die Gitter sollten Berührungen in beide Richtungen verhindern und somit auch eventuellem sexuellem Missbrauch vorbeugen.[4] Dennoch kam es häufig zu verbalen Übergriffen seitens des Beichtvaters, die sich außerhalb des Beichtstuhls fortsetzen konnten, wie zum Beispiel bei der Beichtstuhl-Affäre der Jahre 1871/72 in Linz. Die zuvor übliche Absolution durch Handauflegen wurde seitdem abgelöst durch das segnende Kreuzzeichen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Beichtstuhl
Selbst das Tor zur Tiefgaragen-Einfahrt kommt im Beichtstuhl-Outfit daher.
„Meine“ drei Männer (mein Vater, mein Bruder, mein Mann) waren in ihrer frühen Jugend Messdiener. Sie sind zu sanften, verantwortungsbewussten Männern herangewachsen: Freundlich, nur ein bisschen zu sehr, vom Schlag derer, die, wenn man sie ohrfeigt, dem Angreifer noch die zweite Wange hinhalten.
Aber ich glaube und wünsche mir, dass alle drei zu der Gruppe mutiger, kluger Ministranten (und -innen) gehört hätten, die während einer Messe am 3.10.2022 im Rahmen ihrer Wallfahrt nach Rom von ihren Plätzen aufgestanden sind und Erzbischof Kardinal Woelki, der die Messe hielt, den Rücken zugedreht haben.
Schaukasten vor der alteingesessenen Adler-Apotheke in Köln-Nippes, Oktober 2022.
Um mit den Internet-Apotheken konkurrieren zu können, setzen die Apotheken vor Ort zunehmend auf den direkten, persönlichen Kontakt zu den Menschen. Hierbei bekommen sie Rückendeckung von der Bundesregierung. Bereits im Sommer 2019 wurde das „Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken“ auf den Weg gebracht. In der Pressemitteilung des BMG wird der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zitiert: „Die Apotheke vor Ort ist für viele Menschen ein Stück Heimat – und eine wichtige Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten. Darum erhalten Apothekerinnen und Apotheker künftig mehr Geld für neue Dienstleistungen. Wir sorgen für einen fairen Wettbewerb zwischen Vor-Ort-Apotheken und Versandapotheken. Künftig gilt der gleiche Preis für verschreibungspflichtige Arzneimittel bei der Abgabe an gesetzlich Versicherte. So sichern wir die Arzneimittelversorgung in der Stadt und auf dem Land.“https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2019/3-quartal/staerkung-der-vor-ort-apotheken.html
Um die neuen Privilegien und die guten Beziehungen nicht zu gefährden, haben sich die Apotheken von Beginn an hinter die staatlichen Corona-Maßnahmen gestellt. Im Frühjahr 2020 startete die apothekeneigene Unternehmensgruppe NOVENTI die „Initiative gegen Corona“, die das Ziel verfolgt, „zur Aufklärung der breiten Bevölkerung mit aufmerksamkeitsstarken Motiven beizutragen.“ Plakate wurden entworfen und an alle Apotheken verschickt. Eine erste Plakat-Botschaft von NOVENTI und Medienpartner BILD: „Bring Corona nicht zur Oma“. Diese Aufforderung, die mit „Aufklärung“ allerdings herzlich wenig zu tun hat, richtete sich an Angehörige, die einen großen Bogen um ältere Familienmitglieder machen sollten.
Mit Corona, so schrieb ich vor zwei Jahren an dieser Stelle, hat die die Gesundheitswerbung, was alte Menschen betrifft, eine vermeintliche Kehrtwende gemacht. „Nachdem in den letzten Jahren wissenschaftliche Studien herausfanden, was der gesunde Menschenverstand ohnehin wusste, dass nämlich Berührungen der Gesundheit zuträglich sind, wurde im Jahr 2019 von der Krankenkasse DAK körperliche Nähe zu alten Menschen propagiert. Im Befehlston hieß es da: „Geht Omas drücken!“ Ab März war (und ist!), gerade was ältere Menschen betrifft, überall Distanz angesagt. Schnoddrig-lässig heißt es unrein gereimt von oben herab: „Bring Corona nicht zur Oma.“… Von älteren oder alten Frauen generell als von „Omas“ zu reden, ist respektlos. Die Anrede „Oma“ diffamiert, wenn es nicht die eigene ist. Wenn wir Skat oder Doppelkopf spielen und so gute Karten bekommen, dass wir gar nicht anders können als zu gewinnen, haben wir ein „Oma-Blatt“ auf der Hand. „Oma“ ist lieb, aber ein bisschen beschränkt, dümmer als „Opa“, falls es den noch gibt.“https://stellwerk60.com/2020/10/19/elfchen-im-zehnten-was-ist-mit-unserer-gesellschaft-geschehen-wenn/
Im Frühjahr 2020 war noch keine Impfung auf dem Markt, auch nicht für die bedrohte Oma, aber es wurde bereits fieberhaft daran gearbeitet. Auch am guten Verhältnis der Apotheke zu Oma, denn Oma ist Stammkundin, misstraut den neuen Medien und würde ihre Rezepte niemals im Internet einreichen.
Eine ausgesprochen gute Kundin ist Oma schon deshalb, weil sie in der Regel an verschiedenen chronischen Krankheiten bzw. Beschwerden leidet und die entsprechenden ihr verschriebenen, aber auch frei verkäufliche Medikamente einnimmt. „Bei rund 42 % der über 65-jährigen gesetzlich Versicherten liegt nach dem Versorgungs-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) Polypharmazie (fünf oder mehr Wirkstoffe) vor.“ Polypharmazie, d.h. die gleichzeitige und andauernde Einnahme verschiedener Medikamente, verbessert Omas Befinden allerdings nicht unbedingt, im Gegenteil: https://www.aerzteblatt.de/archiv/182151/Polypharmazie-Tendenz-steigend-Folgen-schwer-kalkulierbar
Herbst 2022: Der Schaukasten der Nippeser Adler-Apotheke ist neu bestückt. Die Metallplatte unter dem Kasten ist frisch poliert, das Graffiti entfernt. Man gibt sich seriös, denn „DEINE APOTHEKE IMPFT“. Ein weiteres, transportables Schild im Eingang der Apotheke verrät, dass „wir“ nicht nur gegen Corona, sondern auch gegen Grippe impfen. Das ist möglich, weil der deutsche Bundestag im Mai 2022 das Pflegebonusgesetz verabschiedet hat. Im Zusammenhang mit dem Gesetz hat man auch den Weg frei gemacht „für die Grippeimpfung in der Apotheke – sie wird nun Teil der Regelversorgung und damit unabhängig von Modellprojekten bundesweit möglich.“ https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2022/05/19/bundestag-gibt-gruenes-licht-fuer-regelhafte-grippeimpfungen-in-den-apotheken
Frühjahr 2020, Ort: Schaukasten der „Adler-Apotheke am Wilhelmplatz“, Nippes, Viersener Straße. Werbeplakat von BILD-Zeitung und der „Noventi Health SE“, Deutschland größtem Anbieter für Warenwirtschaftssysteme für Apotheken. Zielgruppe: Passanten (Radfahrer und Fußgänger)
Oma darf längst wieder auf die Straße gehen, auch in die Apotheke, wo sie ihre Medikamente bekommt. In der Apotheke fragt man Oma nach ihrem Impfstatus. Oma ist es unangenehm, sagen zu müssen, dass sie sich noch nie gegen Grippe hat impfen lassen. Um die Apothekerin für sich einzunehmen, sagt sie: „Bitte nicht schimpfen.“ Doch die freundliche Apothekerin schimpft nicht, sondern lächelt. Aber sie macht Oma darauf aufmerksam, dass die Ständige Impfkommission den über 60jährigen beide Impfungen empfiehlt, die gegen Grippe und die gegen Corona. Selbstverständlich seien beide Impfungen auch in der Apotheke kostenlos. Aber Oma solle sich Zeit lassen, es gäbe ja noch Termine im November und im Dezember. Dann will die Apothekerin noch wissen, ob Oma als gesetzlich versicherte Person über 60 Jahre Post vom Gesundheitsminister erhalten habe. Der Brief von Karl Lauterbach enthalte leider einen Fehler, denn es werde nicht erwähnt, dass man sich auch in der Apotheke impfen lassen könne.
„Der Brief enthält nicht nur Fehler, sondern ist ein Fehler“, sagt Oma und lacht. „Diesen Jammerlappen kann ich leider nicht mehr ernst nehmen. Das Schreiben ist eine als persönlicher Brief getarnte Werbepost. Da sind mir die Wurfsendungen von Kaufland oder REWE lieber, da wird der Preis, den ich zahlen muss, offen genannt.“
„Aber die Impfung ist kostenlos.“
„Ja eben,“ sagt Oma. „Man muss immer skeptisch sein, wenn ein Geschäftsmann einem was schenkt. Vor allem als alter Mensch.“
„Aber unser Bundesgesundheitsminister ist doch kein Geschäftsmann“, sagt die Apothekerin.
„So wenig, wie Sie eine Geschäftsfrau sind“, entgegnet Oma. „Außerdem enthält der Brief Halb-Wahrheiten. Für den neuen BA.5- Impfstoff gibt keine klinischen Studien, seine Wirkung wurde nur in Tierversuchen belegt, und in Europa ist der Impfstoff nur deshalb zugelassen, weil angeblich immer noch ein Notfall vorliegt. Und dabei liegt der Schutz vor einer Ansteckung vermutlich bei nicht einmal zehn Prozent.“
„Ich würde Ihnen die Impfung übrigens dringend empfehlen“, sagt die Apothekerin. „Dringend.“
„Sie wissen doch, wie viele Medikamente ich einnehme“, sagt Oma. „Da muss ich nicht noch geimpft werden. Ich habe gerade noch einen Artikel über Medikamentenmissbrauch bei alten Menschen gelesen.“
„Sie sind aber eine ganz Schlaue“, piepst die Apothekerin. „Und woher meinen Sie die Informationen über die Impfung zu haben?“
„Aus einem Interview mit Alexander Kekulé“, antwortet Oma. „Auf t-online.de. Ein kluger Mann. Da kommt der Lauterbach nicht mit. Der Lauterbach denkt viel zu gradlinig, um unsere aus den Fugen geratene Welt noch zu begreifen. Und er macht ständig doofe Fehler. Der hat tatsächlich vergessen, den Brief persönlich zu unterschreiben. Dadurch wirkt das Schreiben stocksteif, was im Fall von Lauterbach natürlich auch wieder authentisch ist. Ich meine, eine Kopie der Unterschrift hätte ja auch gereicht. Der einzige Farbtupfer ist der schwarz-rot-gelbe Streifen im Briefkopf. Aber was überhaupt nicht geht, ist, dass das Datum fehlt. Wahrscheinlich will Lauterbach den Brief im nächsten Jahr wiederverwenden. Aber ich muss jetzt.“
„Auf Wiedersehen“, sagt die Apothekerin.
„Auf Wiedersehen“, sagt Oma. „Und Frohes Neues Jahr.“ Tänzelnden Schrittes verlässt sie die Apotheke.
Vor gut 20 Jahren hat man damit begonnen, das innenstadtnahe Gelände der ehemaligen Köln-Nippeser Eisenbahn-Ausbesserungsanlage mit Wohnhäusern zu bebauen, mit Mehrfamilien-, aber auch mit Einfamilienreihenhäusern. Nach Abschluss der Bauarbeiten leben hier insgesamt über 5000 Menschen, etwa 1500 davon in der autofreien Siedlung Stellwerk 60.
Die autofreie Siedlung liegt genau in der Mitte des bebauten Areals. Was die Siedlung auszeichnet, ist, dass sie wirklich eine ist. Unser großer gemeinsamer Nenner ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Skepsis gegenüber dem Auto. Dass die nachbarschaftliche Kooperation über den Gartenplausch hinaus gelingt, ist vor allem dem Nachbarschaftsverein Nachbarn 60 zu verdanken, dessen aktive Mitglieder seit mittlerweile 15 Jahren unermüdlich organisieren, koordinieren, anleiern, Ideen entwickeln und überhaupt viel Arbeit in das Projekt stecken. Der Gemeinschaftsgarten muss gepflegt werden, die Kettcars, Tandems, Einräder, Biertische und Transportkarren, die alle Vereinsmitglieder in der Mobilitätsstation („Mobi“) kostenlos ausleihen können, müssen regelmäßig gewartet werden, junge Bäume gegossen, Flohmarkt, Sommerfest und Lebendiger Adventskalender organisiert werden u.u.u….
Das Besondere an Stellwerk 60 ist die Familien- und Kinderfreundlichkeit. Die Kinder stören sich nicht daran, dass die Siedlung dicht bebaut ist. Auch die geringe Breite der Reihenhäuser (oft weniger als fünf Meter), die vielen Erwachsenen die Luft zum Atmen nimmt, vor allem dann, wenn man den Nachbarn nicht riechen kann, ist ganz nach dem Geschmack von Kindern. Wo in der Siedlung sie auch wohnen: Die Kinder gehen raus und treffen Kinder. Ihr Draußen wird nicht durch parkende Autos verstopft. Die asphaltierten „Hauptstraßen“, die nur von Müllabfuhr und Notarztwagen befahren werden dürfen, laden ein zum Rollschuhlaufen, Einradfahren, Skateboarden, der autofreie Raum zum Spielen, Raufen und Austoben. Wo Kinder sind, gibt es kein Abstandhalten.
Manchmal bin ich ziemlich genervt, wenn ich einem großen Kettcar ausweichen muss, auf dem fünf kreischende Kinder sitzen. Aber dann erinnere ich mich an die „Pandemie“ mit ihren volkserzieherischen „Sicherheits“-Maßnahmen, ich erinnere mich daran, wie gespenstisch still es selbst in der autofreien Siedlung war, als die Kinder, denen das Virus nie viel anhaben konnte, zu einer Art soldatischem Gehorsam gezwungen wurden, als sie sich nicht einmal zu Hause mit mehreren Freunden treffen konnten, nicht einmal die Kettcars ausleihen und kaum Spaß haben durften. Und wenn ich mir klarmache, wie autoritär, wie lust- und lebensfeindlich die „Gesundheitsschutz“- Maßnahmen waren (und zum Teil noch sind!), dann bin ich erleichtert, dass die Kinder nicht verstummt sind – und kann ihr Gekreische ertragen. Ach was, ich freue mich daran!
Ein Archivfoto aus dem Jahr 2016:
Besuch des Koreanischen Fernsehens in der autofreien Siedlung Stellwerk 60. Die beiden, die hier -gesittet und ohne zu kreischen- auf dem Kettcar sitzen, sind Filmemacherin Chi-Suk Kim und Siedlungs-„Bürgermeister“ Hans-Georg Kleinmann; Foto: Nachbarn60. https://stellwerk60.com/2016/07/17/der-film-ist-da-stellwerk-60-im-koreanischen-tv/
Es ist abwechslungsreich und angenehm, in der autofreien Siedlung zu leben – wenn nur die Bahn nicht so nah wäre. Natürlich ist es grundsätzlich vorteilhaft, in der Nähe zweier S-Bahnhöfe zu wohnen. Auch hält sich die Lärmbelastung innerhalb der autofreien Siedlung in Grenzen. Doch was den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht nur von Stellwerk 60, sondern aller Nippeser Siedlungen zwischen den S-Bahnhöfen Nippes und Geldernstraße droht, ist nicht mehr angenehm, sondern so alptraumhaft, dass man es kaum glauben kann. Wie viele andere hatte auch ich versucht zu verdrängen, was uns seit Jahren „nur“ droht, jetzt aber real werden könnte: Der Bau eines Zuführungsgleises und damit einhergehend die Zerstörung großer Teile des letzten Grüns diesseits der S-Bahn-Linie, eine jahrelange Großbaustelle in unmittelbarer Siedlungsnähe und -nach Beendigung der Bauarbeiten- ein stetiger nächtlicher S-Bahn-Verkehr („Geisterzüge“).
Die Pläne der DB für das Zuführungsgleis sind nicht neu, und die entsprechenden „Planfeststellungsverfahren“ laufen schon seit 2007. Wegen zahlreicher Einwendungen und erheblicher Bedenken, vor allem wegen des zu erwartenden Lärms, musste die Bahn ihre Pläne bereits mehrere Mal aktualisieren. Dass die Deutsche Bahn ihr Vorhaben noch nicht hat durchsetzen können und weiterhin „nachbessern“ muss, ist insbesondere der Anwohnergemeinschaft Nippes (AWG) zu verdanken, deren Mitglieder über die Jahre hinweg das Vorhaben nicht verdrängt, sondern sich der Bedrohung gestellt haben. Bei allen „Planfeststellungsverfahren“ erhob die AWG (nicht zu verwechseln mit dem Verein Nachbarn 60) immer wieder Einspruch und holte vor Jahren bereits ein Gutachten ein, das belegt, dass das Zuführungsgleis nicht nötig ist und es eine menschenfreundliche, wenn auch teurere Alternative gibt. Laut Gutachten könnten S-Bahnen auch auf einem anderen Weg in die mittlerweile in Betrieb genommenen Abstellanlage einfahren.
Was genau droht, erzählt plastisch dieser Aushang der AWG, der Ende Juli im Grünstreifen diesseits der S-Bahn aufgehängt wurde und sich vor allem auf das erste Teilstück hinter dem S-Bahnhof Nippes bezieht:
Mich persönlich hatte bereits Anfang des Jahres eine Nacht-und-Nebel-Aktion in Alarmbereitschaft versetzt. In einer Mensch und Tier überrumpelnden Blitz-Maßnahme wurden im Frühjahr 2022 Tatsachen geschaffen, bereits „Vorbereitungen“ getroffen für die von der Deutschen Bahn geplante Bebauung. Entlang der Bahntrasse wurde gerodet, kleinere Bäume wurden gefällt, Sträucher komplett zurückgeschnitten. Das Gelände wurde -wie es aussieht- für einen Eingriff präpariert, der in keinerlei Hinsicht gebilligt ist. Wer den Kahlschlag in Auftrag gegeben und wer ihn durchgeführt hat, ist nicht bekannt.
Besonders augenfällig ist der Kahlschlag dort, wo er städtischen Grund berührt. Während ein wenige Meter breiter Geländestreifen neben der S-Bahntrasse der Deutschen Bahn gehört, ist ein kleines Wäldchen, das nach dem Willen der DB komplett plattgemacht werden soll, Eigentum der Stadt Köln. Noch scheitert das Bauvorhaben u.a. an diesem kleinen städtischen Wäldchen – und am Widerstand der Stadt Köln, die jedoch im Falle einer Bau-Bewilligung enteignet werden kann.
Ich habe das schwer beschädigte Wäldchen jetzt im September von verschiedenen Seiten fotografiert. Das Wäldchen wurde bei der Aktion unbegehbar gemacht. Abgesägte Äste wurden auf die Wege gekippt und der zentrale Zugang durch einen Baumstamm versperrt.
Fünf sanfte letzte Kurven und ein Hauch von Central Park. „Wo jetzt in dieser Mini-Oase die Blätter rauschen und ein kühles Lüftchen im Sommer angenehm kühlt, sollen S-Bahnen aus ganz NRW nachts zu einem „Parkplatz“ mit 18 Gleisen hin und zurück rollen.“ (AWG)
Da die klugen Köpfe derAWG in ständiger Alarmbereitschaft sind, hatten sie mitbekommen, dass die Deutsche Bahn erneut ein „Planfeststellungsverfahren“ angestrengt hat. Anfang Juli informierte die AWG uns Nippeser Nachbarinnen und Nachbarn sowie den Nachbarschaftsverein der autofreien Siedlung und lud zu einer Info-Veranstaltung mit Begehung des betroffenen Gebietes ein. http://www.awg-nippes.de
Vielleicht muss man vor Ort gewesen sein und sich mit den Betroffenen unterhalten haben, um sich das Ausmaß der geplanten Bau-Maßnahme vorstellen zu können. So war bei der gut besuchten Info-Veranstaltung am 6.8.2022 glücklicherweise Journalist Bernd Schöneck vom Kölner Stadtanzeiger anwesend. In seinem „Kommentar zum Gleisvorhaben in Köln-Nippes“ vom 10.8.2022 mit dem Titel „Es bliebe fast nichts, wie es ist“ stellt Schöneck fest, dass das „Vorhaben wie ein Damoklesschwert über der Nippeser Eisenbahnsiedlung“ schwebt. Weiter schreibt Schöneck, dass man sich des Verdachts nicht erwehren könne, „dass das Vorhaben bereits beim Siedlungsbau geplant war – und das wäre ein Skandal. Denn die Bewohner des Veedels wären bezüglich der Nutzung des Areals im Dunkeln gelassen worden. Zugleich zeigt sich leider erneut, dass das Wohl der Anlieger, vorsichtig gesagt, bei der Bahn nicht an allererster Stelle steht.“ https://www.ksta.de/koeln/kommentar-zum-gleisvorhaben-in-koeln-nippes-es-bliebe-fast-nichts–wie-es-ist-39868530 Aufschlussreich auch: https://www.ksta.de/koeln/nippes/umstrittene-bahn-plaene-fuer-koeln-nippes–das-waere-eine-gefahr-fuer-leib-und-leben–39866080 (Beide Artikel konnte ich auch ohne Abo nach Anmeldung kostenlos lesen.)
Ich bin Bernd Schöneck dankbar für seinen engagierten Kommentar und auch dafür, dass endlich jemand den „Skandal“ zur Sprache bringt. Was die autofreie Siedlung betrifft, spricht einiges dafür, dass der Bauträger Kontrola im Bilde gewesen sein dürfte. Als wir im Jahr 2007 unser Reihenhaus kauften, wurden wir während des ausführlichen Verkaufsgesprächs nicht über die Pläne der Bahn informiert. Wachgerüttelt wurden wir erst im Sommer 2008, als die Mitglieder der AWG anlässlich der ersten Offenlegung zum Protest aufriefen.
Hätte der Stellwerk 60– Bauträger und Projektentwickler Kontrola im Wissen um die Pläne mit offenen Karten gespielt, wäre es schwierig gewesen, die Häuser und Eigentumswohnungen zu verkaufen, zumal -während die Siedlung noch in der Bauphase war- mit der Finanzkrise 2008 der Verkauf ins Stocken geriet. Ohnehin war der Verkauf eine kaufmännische Herausforderung, denn vor 15 Jahren war es keineswegs sicher, ob sich Häuser ohne Stellplatz gut verkaufen lassen.
So aber wurde neben den Häusern in den anderen Bereichen der Eisenbahner-Siedlung ausgerechnet das Vorzeigeobjekt „autofreie Siedlung“ auf ein Verschweigen gebaut. Dabei hatte Kontrola im Jahr 2007 gleich zwei Auszeichnungen entgegengenommen. Stellwerk 60 war nicht nur „Ort im Land der Ideen“, sondern wurde von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen der „Qualitätsoffensive für Familien in Städten und Gemeinden“ ausgezeichnet.
Leider schützen solche Preise die Bewohnerinnen und Bewohner nicht und schon gar nicht vor Willkür-Maßnahmen, sondern dienen lediglich den Bauunternehmen zu Werbezwecken. Nachfolge-Bauträger BPD wirbt heute noch mit dem Kontrola– Projekt „Stellwerk 60“ und wurde vor wenigen Jahren mit dem Bau einer „Klimaschutzsiedlung“ in Köln-Lind betraut. (Allerdings liegen in Großstädten wie Köln die Flächen, auf denen noch ganze Siedlungen gebaut werden können, oft in heikler Nähe zur Autobahn, so auch hier. Diese Siedlung erfüllt zwar die Vorgaben des Leitfadens „100 Klimaschutzsiedlungen Nordrhein-Westfalens“, entsteht aber wenige Kilometer weit weg vom Flughafen Köln-Bonn in unmittelbarer Nähe des Lärmschutzwalls vor der Autobahn A59. Ich weiß nicht, ob es schon Straßennamen gibt. Mein Vorschlag: Am Linder Lärmschutzwall)
Immerhin ist der Linder Lärmschutzwall unübersehbar, während das Nippeser Zuführungsgleis mitsamt seinen landschaftszerschneidenden Lärmschutzwänden lediglich auf dem Papier existiert. Und das, was droht, ist so unglaublich, dass es die meisten verdrängen. In der autofreien Siedlung wurden in den letzten Jahren bereits einige Häuser von ahnungslosen Besitzern an ahnungslose Käufer überteuert verkauft. Auf diese Weise jedoch wird der Bauträger-Skandal, wird das Verschweigen weiter getragen. Der „Marktwert“ ist reine Fiktion. Die permanente Drohung eines Zuführungsgleises senkt nicht nur den ideellen, sondern den tatsächlichen Wert der Immobilien meines Erachtens erheblich – auch den unseres Hauses.
Nachdem wir uns informiert hatten, bildeten fünf Mitglieder des Vereins Nachbarn 60 eine Arbeitsgruppe, um – angeregt von der AWG – eine Einwendung zu formulieren und Unterschriften gegen den Ausbau zu sammeln. Das war nicht einfach, da die Zeit drängte und man den „Abgabetermin“ bei der Bezirksregierung auf den 15.8. gelegt hatte. Viele Nachbarinnen und Nachbarn waren in Urlaub, andere gerade zurück gekommen. Doch da die Sommerferien in diesem Jahr schon am 9.8. endeten, waren die meisten gerade noch rechtzeitig wieder vor Ort. Meistens halte ich mich bei Siedlungsaktivitäten zurück, aber diesmal gab es für mich kein Halten.
Gaby hatte der Arbeitsgruppe die wichtigsten Punkte der Planungsunterlagen vorgestellt, und Beate, die nicht nur ein außergewöhnliches politisches Gespür, sondern die Gabe hat, auch in äußerst angespannten Situationen besonnen zu bleiben, hatte die Einwendung verfasst. Sie opferte mehrere Urlaubs-Tage, um den kaum lesbaren Text durchzuarbeiten, ein Konvolut, das bis zum 15.7. im Internet öffentlich auslag und so umfangreich ist, dass es sich nicht per Mail-Anhang verschicken lässt.
So saßen wir fünf einander abwechselnd in der Mobilitätsstation, wo wir zwischen dem 8.8. und dem 13.8. an fünf Abenden Unterschriften sammelten. Von insgesamt knapp 1000 Unterschriften im gesamten betroffenen Bereich sammelten wir 280 von Bewohnerinnen und Bewohner der autofreien Siedlung, was etwa 20% entspricht. Der gemeinsame Tenor: Wir unterstützen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, aber so bitte nicht!
Interessant war es, auf diese Weise mit den Nachbarn der Nachbarsiedlungen ins Gespräch zu kommen, darunter auch Menschen aus den ganz nahe an die bestehende Bahntrasse herangebauten Mehrfamilienhäusern „Am Ausbesserungswerk“. Ein Bewohner erzählte, dass sich der Estrich in seiner Wohnung durch die permanenten Boden-Erschütterungen so weit gesenkt hat, dass man -sehr zur Freude seiner beiden kleinen Söhne- Matchbox-Autos unter den Zimmertüren hin- und herflitzen lassen kann. Ein anderer erzählte, dass Menschen, die dort eine Wohnung neu beziehen, jetzt schon per Unterschrift zusichern müssen, dass sie, falls das Zuführungsgleis gebaut wird, die Miete nicht mindern.
„Und ist das Gleis einmal fertig“, so schreibt Bernd Schöneck, „würden die Züge nur einige Meter entfernt von den Wohn- und Schlafzimmern der Häuserzeile am Ausbesserungswerk entlang rollen – dem „bewohnten Lärmschutzwall“, wie es recht zynisch hinter vorgehaltener Hand heißt.“ (ksta.de, s.o.) Leider muss ich ergänzen, dass der „bewohnte Lärmschutzwall“ nicht nur hinter vorgehaltener Hand so genannt wird, sondern bereits als ein solcher konzipiert worden ist. Im Stadtteilführer des „Archiv(s) für Stadtteilgeschichte Köln-Nippes e.V.“ heißt es: „Aufsehen erregte vor allem ein direkt an der Bahnlinie liegender Gebäuderiegel, der als Lärmschutz für die rückwärtigen Gebiete an die Stelle der alten Wagenhalle treten sollte. Befürchtungen wegen Lärmbelastungen und einer geplanten Eisenbahntrasse unmittelbar vor den Häusern wurden mit dem Hinweis verworfen, die Bewohner würden vom Lärm nicht gequält, weil auf der Seite zur Bahntrasse nur Treppenhäuser und Küchen vorgesehen seien.“ („Loss mer jet durch Nippes jon“, 3. Auflage 2010, S.36)
Die AWG hat im Jahr 2017 eine Fotomontage kreiert, die leider schaurig realistisch ist. Ich habe mir erlaubt, sie von dem Flyer, wo sie abgedruckt ist, abzufotografieren. Hier wird simuliert, wie es „Am Ausbesserungswerk“ aussähe, wenn…
Nun will die Deutsche Bahn -im wahrsten Sinne des Wortes- noch eins draufsetzen. An der Stelle, die ich, um den Kontrast zum Flyer zu zeigen, im Jetzt-Zustand fotografiert habe, soll nach den Plänen der Bahn zwecks Wendemöglichkeit das Zuführungsgleis sogar zweigleisig verlaufen. Und genau dort will man direkt vor den zwei Gleisen eine sechs (!) Meter hohe Lärmschutzwand errichten! Doch dieses Lärmabwehr-Ungetüm würde den Menschen im Erdgeschoss die Sicht und das Licht rauben und im vierten Stock nicht einmal den Lärm abhalten.
September 2022: Noch nisten hier Rotkehlchen.
abfotografiert von einem Flyer der AWG aus dem Jahr 2017
Mein Elfchen des Monats ist diesmal von der schamlosen FÜR EUCH- Werbekampagne der BILD – Zeitung inspiriert. Im Sommer 2019 startete BILD „… eine neue Werbekampagne, in deren Zentrum die Leser stehen. Die Kampagne „FÜR EUCH. BILD.“ stellt Menschen vor, die jeden Tag für andere im Einsatz sind, die Verantwortung übernehmen und die mehr Wertschätzung verdienen. Statt Situationen mit Schauspielern oder Models nachzustellen, zeigt die Kampagne BILD-Leser wie Krankenschwester Manuela, LKW-Fahrer Reinhold, Polizistin Mehtap oder Oma Lore in ihren Alltagssituationen.“https://www.axelspringer.com/de/ax-press-release/bild-startet-neue-werbekampagne-fuer-euch-bild
Wie schafft man es, Menschen, die eine knallharte Arbeit leisten, eine Arbeit, für die sich die meisten „zu schade sind“, Menschen, die permanent ihre physische und psychische Gesundheit FÜR UNS aufs Spiel setzen und die viel zu wenig verdienen, bei Laune zu halten? Indem man sie lobt, sich bei ihnen bedankt und sie prominent ins Bild setzt. In der Sprache der BILD nennt man das „Wertschätzung“.
Im darauffolgenden Jahr 2020 passte diese Kampagne wie von Jens Spahn bestellt zur bundesdeutschen Gesundheitspolitik. Jetzt machte die Kampagne nicht nur Werbung für die BILD-Zeitung, sondern für die staatlichen Corona-Maßnahmen – und die Corona-Maßnahmen waren wiederum eine Top-Werbung für die BILD. Während der „Pandemie“ mussten die Plakatmotive nur entsprechend aktualisiert und um zusätzliche Motive ergänzt werden. Wir erlebten eine höchst erstaunliche Kooperation zwischen Boulevard-Zeitung und Bundesregierung.
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Wie aber hält man Menschen bei Laune, die einen Lärmschutzriegel bewohnen und dafür auch noch (Miete) bezahlen müssen?
Liebe
Lärmschutzriegel-Bewohnende, schenkt
der Deutschen Bahn
ein Lächeln. FÜR EUCH.
BALD.
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Das gönnerhafte Lob sozial Benachteiligter, die Stärkung der Arbeitsmoral und die Überredung zu eigentlich unzumutbarer Arbeit via Werbung sind nicht neu. Um Arbeitskräfte anzuheuern, wurde schon Mitte des 20. Jahrhunderts eine ausgeklügelte Plakatwerbung eingesetzt, die mit psychologischen Tricks arbeitete. Die Zielsetzung: Den Menschen einen beschämend schlecht bezahlten und dazu noch gesundheitsgefährdenden Job schmackhaft machen.
Dieses Werbe-Plakat aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg richtet sich an junge Schulabsolventen, die nicht das Privileg haben, eine höhere Schule besuchen zu dürfen, sondern -im Gegenteil- schon früh zum Familieneinkommen beitragen müssen. Das Plakat appelliert an das Verantwortungsgefühl und packt die Jungen bei ihrem gerade erwachenden männlichen Stolz. Der Beruf des Bergmanns, so die Botschaft des Plakats, ist nichts für Weichlinge, die nicht zupacken können, sondern „Ein Beruf für ganze Kerle“. (Der Ausdruck „ganzer Kerl“ ist heutzutage kaum noch gebräuchlich. Ein „ganzer Kerl“ sein meint soviel wie „körperlich und mental topfit sowie moralisch integer“.) Die Abbildung des Plakats habe ich von der Internet-Seite „deisterbergbau.de“ abfotografiert und den „Absender“ mithilfe vom Lesebrille und Lupe hoffentlich korrekt entziffert: „Deutsche Verwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge der sowjetischen Besatzungszonen in Deutschland- Ausbildung und Umschulung – Berlin“ Schon mein Urgroßvater Leopold, geboren 1861 in Loslau/Oberschlesien, wurde gegen 1890 durch die Werbung der westdeutschen Bergbauunternehmen ins Ruhrgebiet gelockt. Für meinen Urgroßvater, der damals gerade geheiratet hatte, war die Arbeit unter Tage die vielleicht einzige Chance, eine große Familie -seine Frau Carolina sollte 12 Kinder zur Welt bringen- dauerhaft zu ernähren. Vermutlich hat es schon damals Werbeplakate in Form von Aushängen gegeben, auf denen bereits das noch Jahrzehnte später gegebene Versprechen (s.o.) stand: „Arbeit und Brot auf Lebenszeit“. Im Nachhinein mutet diese Parole zynisch an, denn die „Lebenszeit“ der meisten, zu Beginn ihrer Arbeit noch gesunden Bergleute war begrenzt. Dass sie schwere und schwerste Schädigungen der Lunge davontrugen, gepflegt werden mussten und früh starben, dürfte insbesondere den Verantwortlichen in der SBZ längst bewusst gewesen sein. Erstaunlich ist auch, dass man ausgerechnet in der sowjetischen Besatzungszone mit der Plakat-Werbung im großen Maßstab ein zentrales Kommunikations- und Machtmittel des Kapitalismus einsetzte. Mein Urgroßvater „erkrankte“ schwer an der Staublunge und starb 1916 im Alter von 55 Jahren als Berginvalide. Sein Sohn Karl, mein Großvater, geboren 1898 in Bottrop, starb am 14.Juni 1946, dem Geburtstag des selbsternannten „Bergarbeiterfreundes“ Donald Trump, im Alter vom 57 Jahren an Lungentuberkulose als Folgeerkrankung der Staublunge. Aber was bedeutet eigentlich „Staublunge“? Aufklärend: https://news.rub.de/wissenschaft/2018-08-28-bergbau-diagnose-staublunge
Kürzlich war unser Spülbecken verstopft. Immerhin lief das Wasser ab, wenn auch sehr langsam, anders als vor einem Jahr, am 14.Juli 2021, als sich während eines mehrstündigen(!) Wolkenbruchs das Wasser in den Abwasserrohren unseres Hauses bedrohlich staute und ich trotz eines komfortablen Abstands zur Flutkatastrophe an der Ahr, der Erft und anderswo eine Ahnung davon bekam, wie zerstörerisch Wasser sein kann.
Wenn man in die Suchmaschine „Abfluss verstopft“ eingibt, werden einem zahlreiche Hausmittel empfohlen: Essig, Salz, Backpulver etc.. Man solle nicht gleich zur chemischen Keule greifen, so der allgemeine Tenor. Dankbar für den Vorschlag, die Verstopfung mit einem relativ sanften Gemisch zu lösen, rührte ich einen Brei an aus Wasser, Essigessenz und Salz.
Ich gab die Masse in den Abfluss, wartete, füllte kochendes Wasser nach, wartete wieder, doch das Spülbecken leerte sich nicht schneller als vorher. So schraubte ich den Siphon auseinander und entfernte ein paar lange Töchterhaare. Doch der Pfropfen schien tiefer zu sitzen. Darüberhinaus hatte ich ein neues Problem: Ich hatte es trotz Lesebrille nicht geschafft, die auseinander genommenen Einzelteile passgenau wieder zusammenzusetzen. Jetzt musste ich eine Schüssel unter den tropfenden Siphon stellen, die sich langsam mit Wasser füllte. Ich fühlte mich wie ein HB-Männchen, das seine Zigaretten verlegt hat.
So kam ich auf die Idee zu entrümpeln. Es würde mir gut tun, auf welche Weise auch immer für irgendeine Entschlackung zu sorgen. Ich schnappte mir einen Abfallsack und ging in den Keller. Das war gescheit, denn…
Beim
Ent-ri-rö-rümpeln fand
ich einen Pömpel.
Gurgelnd entflutschte brackige Schlacke…
Pöööölöpölöpöpp
Pömpel. Die Scheu vieler Frauen, das Teil zu benutzen, hängt damit zusammen, dass der Pömpel der Saugglocke ähnelt, die bei etwa 6% aller Krankenhaus-Geburten zum Einsatz kommt. Dann nämlich, wenn das Kind auf seinem Weg in die Welt im geburtstechnisch so genannten „Geburtskanal“ steckenbleibt und sich nicht weiter bewegt. Bei der Saugglocken-Entbindung handelt es sich um einen vaginal-operativen Notfall-Eingriff, der für Mutter und Kind traumatisch sein kann. Doch in der witzelnden Sprache der Spaßgesellschaft wird die katastrophale Erfahrung zuweilen banalisiert und veralbert. Auf eltern.de heißt es in einem Beitrag mit dem Titel „Saugglocke bei der Entbindung: Wann und wie sie eingesetzt wird“ locker-flockig: „Eine Saugglocke, auch Vakuumextraktor genannt, musst du dir vom Aussehen her wie einen Toiletten-Pümpel vorstellen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um einen Sanitär-Artikel, sondern um ein medizinisches Instrument, dass eine Schale aus Silikon oder Metall hat und einen Stab, an dem gezogen wird. Mit einem mechanischen Unterdrucksystem wird die Saugglocke unter der Geburt am Köpfchen des Kindes befestigt.“ https://www.eltern.de/schwangerschaft (Den Rechtschreibfehler „…Instrument, dass…“ habe ich, um das Zitat nicht zu verfälschen, bewusst nicht korrigiert.)
Zurück in den banalen Alltag: Im Nachhinein sage ich mir, dass ich mit Hilfe von Essig und Salz den Pfropfen vorbehandelt und auf diese Weise überhaupt erst pömpelbar gemacht hatte. Aber warum machen wir das, warum kippen wir eine aggressive Masse in den Abfluss und greifen nicht direkt zum Pömpel?
Der Pfropfen ist in unserer Vorstellung so ekelhaft, dass wir meinen, ihn kleinkriegen zu müssen. Beim Pömpeln hingegen zerstören wir den Pfropfen nicht, sondern vertreiben ihn. Dabei können sich schlierige, braungraue Fetzen lösen und an die Oberfläche kommen. Auch mir ist das passiert. Es war so fies, dass ich fast gekotzt hätte.
In einer Wissens-Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde uns im Jahr 2018 erklärt, welche Funktion der Ekel hat, warum wir uns überhaupt ekeln. Auf der Internet-Seite von „Planet Wissen“, einem Gemeinschaftsprojekt des Westdeutschen Rundfunks (WDR), des Südwestrundfunks (SWR) und von ARD-alpha, heißt es in der Text-Version zur Sendung: „Eine Ekelreaktion soll das Infektionsrisiko senken und im Extremfall durch den Brechreflex dafür sorgen, möglicherweise oder tatsächlich verdorbenes oder giftiges Essen schnell aus dem Körper zu befördern.“ https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/emotionen_wegweiser_durchs_leben/pwieekelwennabneigungextremwird100.html
Der Beitrag beschreibt die Funktion des Ekels, die Zweckmäßigkeit der Ekelreaktion für die Aufrechterhaltung der Gesundheit. Das mag medizinisch korrekt sein, ist aber zu kurz gegriffen und darüberhinaus ethisch bedenklich. Zwar zeigt der interessante Text unterschiedliche Facetten und beleuchtet das Ekelempfinden im historisch-sozialen Kontext, doch wie so oft fehlt auch hier einem naturwissenschaftlichen Beitrag die gedankliche Tiefe, das geistige Korrektiv.
Im selben Text benennt ein Satz, wovor wir uns angeblich ekeln: „Ein nahezu weltweit gemeinsamer Nenner sind jedoch Kot, Urin und Eiter sowie Leichen.“ Die Gleichsetzung von Kot, Urin und Eiter mit Leichen ist meines Erachtens moralisch verwerflich. Ich behaupte -und ich drücke mich bewusst vulgär aus-, dass wir Menschen beim Anblick einer Leiche etwas anderes empfinden als beim Anblick eines Scheißhaufens.
Im Sendungs-Video mit dem betont sachlichen Titel „Ekel – Ein universelles Gefühl“, das man sich noch bis zum 26.2.2023 angucken kann (s.o, planet-wissen.de), holt man sich wissenschaftlichen Rat bei einem gepflegt auftretenden Ekel-Experten von der Universität Gießen, der sich angenehm sachlich ausdrückt. Gleichzeitig jedoch treibt der Film die Banalisierung der Vergänglichkeit reißerisch (mit Nah-Bildern!) auf die Spitze. Leichen gehören demnach zu den „Top 5“ der Ekel- „Favoriten“. Eine entwürdigende, nach der Quote schielende populärwissenschaftliche Gruselshow!
Ich habe zweimal im Leben eine Leiche gesehen, die „sterblichen Überreste“ zweier mir sehr naher Menschen. In dem Moment war ich befremdet, erschrocken und sprachlos. Ich war betäubt und empfand einen tiefen Schmerz, aber keinerlei Ekel.