„Corona ist Blöt“ – was die Politik Schulkindern zumutet

Nachbarskind Lena* geht in die vierte Klasse der Nippeser Gemeinschaftsgrundschule Steinbergerstraße. Im Sommer wird sie aufs Hansa-Gymnasium in der Innenstadt wechseln, das bereits ihr älterer Bruder besucht. Viel lieber wäre Lena mit ihren Freundinnen auf das Nippeser Leonardo-Da-Vinci-Gymnasium gegangen, aber eine Anmeldung dort wäre riskant gewesen.

Denn bei der Vergabe von Schulplätzen gibt es eine Abstandsregelung, die mit den aktuellen Corona-Abstandsregelungen wenig zu tun hat, aber ähnlich lebensfern ist. Man misst den Abstand zwischen Wohnung und Schule. Anders als ihre Freundinnen, die nur einen knappen Kilometer weit weg von der Schule wohnen, hätte Lena einen Schulweg von etwa 1,2 Kilometern. Weil das 400 oder 300 Meter zu weit ist, stehen ihre Chancen schlecht. Und würde sie am Leonardo-Da-Vinci nicht angenommen, verlöre sie den Geschwister-Bonus fürs Hansa. In einer Pressemitteilung der Stadt Köln vom 14.4.2020 heißt es: „92 Prozent aller Kölner Viertklässler wechseln somit zum neuen Schuljahr an das Gymnasium ihrer ersten Wahl.“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/21724/index.html Das hört sich schön an, aber es stimmt nur für das, was auf dem Papier steht, denn das „Gymnasium der ersten Wahl“ ist -wie bei Lena- oft schon ein Kompromiss.

Dass das sture Befolgen einer Abstandsregelung über die schulische Zukunft eines Kindes entscheidet, ist eine Zumutung. Wie so oft müssen Kinder die Fehler der Erwachsenen ausbaden. Als die autofreie Siedlung Stellwerk 60 und eine noch größere Nachbarsiedlung gebaut wurden, hatte es die Stadt Köln versäumt, sich um neue Kindergarten- und Schulplätze zu kümmern, so dass selbst Grundschulkinder auf Nachbarstadtteile ausweichen mussten. Insbesondere in Köln-Nippes ist die Lage nach wie vor angespannt, was sich durch die Bebauung des Clouth-Geländes noch weiter zugespitzt hat.

Immerhin wird es Lena vergönnt sein, bis zum Abitur noch neun hoffentlich „komfortable“ Schuljahre vor sich zu haben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (drei von 625 Gymnasien, wie ich lese) sind zum Schuljahr 2019/2020 alle Gymnasien im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland NRW zu G9 (d.h. dem Abitur nach neun Jahren auf der weiterführenden Schule) zurückgekehrt. Das ist gut so und war längst überfällig. Dennoch gibt es nach wie vor G8-Hardliner wie den Kieler Bildungsforscher Olaf Köller, der in einem Interview sagt: „Wenn man böse wäre, könnte man sagen: Die Politik ist vor dem Bürgertum eingeknickt – ohne wissenschaftliche Belege für das, was in der Debatte immer behauptet wird.“ https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/nrw-kehrt-zu-g9-zurueck-die-politik-ist-vor-dem-buergertum-eingeknickt-a-1283907.html

Doch es ist anders. Die Politik ist nicht eingeknickt, sondern man hat endlich eingesehen, dass G8 nicht der richtige Weg war. Hauptleidtragende waren in den letzten 15 Jahren (und werden es noch einige Jahre sein) diejenigen, die die Fehlentscheidung annehmen und mit ihr leben und arbeiten mussten: Kinder und Lehrer, aber auch die Eltern. Ich persönlich musste miterleben, wie meine beiden G8-Töchter ihre Köpfe mit viel zu viel überflüssigem Wissen vollpumpen und Nachtschichten einlegen mussten, um das ohnehin fragwürdige Zentralabitur gut zu packen. Bildung in einem umfassenden Sinn blieb dabei vollkommen auf der Strecke.

Schamlos finde ich, dass man, anstatt sich für den großen Fehler zu entschuldigen, uns Bürgern auch noch die Kosten, die das bildungspolitische Chaos verursacht hat,  vorrechnet. Noch einmal Olaf Köller:  „Bundesweit dürften die Kosten im Milliardenbereich liegen. Und sie sind mit der Umstellung zurück auf G9 noch nicht behoben: Wir werden demnächst Jahrgänge haben, in denen es wegen der Verlängerung keine Abiturienten gibt. Auch das verursacht noch einmal erhebliche volkswirtschaftliche Kosten.“ (s.o.)

Schon im Jahr 2005, als G8 unter einer rot-grünen Landesregierung eingeführt wurde,  hatten Lehrer und Eltern immer wieder ihre Bedenken geäußert. Ich erinnere mich an ein Party-Gespräch mit Barbara, einer Lehrerin, die damals sagte, dass das dreizehnte Jahr als allmählicher Ausklang besonders wichtig sei. In diesem dreizehnten Jahr, so Barbara, machten die jungen Menschen noch einmal einen großen Entwicklungssprung – hin zur „Reife“.

 

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Ein Kind hat einen Zettel aufgehängt: „Corona ist blöt!“… Vor allem in der Grundschule hat es in den vergangenen Jahrzehnten sinnvolle Reformen gegeben. Eine davon ist das Schreibenlernen nach Gehör. Das fördert das Sprachgefühl. Kinder beginnen schon früh, kleine (oft ausdrucksvolle) Texte zu schreiben. Wichtig ist, dass die Kinder keine Angst haben müssen, Fehler zu machen. Wenn Eltern die ersten „Texte“ ihrer Kinder sehen, sind sie oft erschrocken: Wird mein Kind jemals ordentlich schreiben können? Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Es wird.

 

„Man mus mazn schuz tagen“, lese ich. Ja, man muss. Ich habe so oft in den letzten Wochen mitbekommen, wie sich Kinder (meistens im Eingangsbereich irgendwelcher Einkaufsläden) schreiend dagegen gewehrt haben, einen „Mund-Nasenschutz“ anzuziehen. Kinder maskieren sich gerne, aber nicht auf Befehl.

Die sogenannten „Lockerungen“ sind keine, denn sie haben die krampfhafteste Zwangsmaßnahme überhaupt erst mit sich gebracht: Die Maskenpflicht. Es soll uns ins Gesicht geschrieben stehen, dass wir zum Vorgehen der Bundesregierung Ja! sagen. Wir müssen uns ducken, wollen wir was zu essen kriegen. Wir parieren, wir ziehen uns dieses Jawoll! im wahrsten Sinne des Wortes an.

Nie hätte ich für möglich gehalten, was die Politik derzeit den Schulkindern zumutet. Für mich ist der offizielle Beschluss, dass die Maske zur „Grundausstattung“ aller Schulkinder gehört, die autoritärste pädagogische Maßnahme, die ich jemals erlebt habe, denn sie duldet keinen Widerspruch, wird als „Schutzmaßnahme“ verkauft und erfasst ohne Ausnahme alle. Und dabei ist der Zwang zur Maske nicht nur überzogen, sondern unvernünftig, denn anders als etwa die Schweinegrippe, an der vor allem jüngere Menschen schwer erkrankt und auch einige Kinder (vor allem Babys) gestorben sind, ist das Corona-Virus, wie wir längst begriffen haben sollten, für Kinder ungefährlich.

Doch die Behörden bleiben hart. Engherzig und knickrig verhält sich unsere „verarmte“ Kommune, die nicht einmal kostenlose Masken für alle bereit stellt.

….. Hinsichtlich der Schutzmasken hat sich der Krisenstab der Stadt Köln heute den aktuellen Positionen des Städtetages NRW angeschlossen. Seit dem 4. Mai 2020 gehört eine Mund-Nasen-Bedeckung zur Grundausstattung aller Schülerinnen und Schüler. Für die Grundausstattung tragen die Erziehungsberechtigten die Verantwortung. Die seit 27. April 2020 bestehende Verpflichtung, bei Einkäufen sowie der Nutzung des ÖPNV eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, stellt bereits eine Verpflichtung zur Beschaffung und Nutzung dar. Es besteht aber nur dann eine generelle Maskenpflicht in der Schule, wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Ob Schülerinnen und Schüler auf dem Schulgelände und in Klassenzimmern eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen müssen, entscheidet die jeweilige Schulleitunghttps://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/21778/index.html

Aber wie können Lehrerinnen und Lehrer unter diesen Bedingungen überhaupt noch unterrichten? Der Konflikt wird auf die Schulen abgewälzt. Und wieder einmal arbeitet die Politik mit Misstrauen und Drohungen: Wird der Mindestabstand nicht „freiwillig“ eingehalten, verdonnert man die ganze Schule zur Maskenpflicht.

Vor ein paar Tagen erfuhr ich, dass der Vater einer Schulfreundin meiner Tochter Carla an Corona, wie es hieß, gestorben ist. Er war noch keine fünfzig Jahre alt, litt aber an einer schweren Diabetes. Ich bin ihm nie begegnet.

Erwachsene mit Diabetes sind gefährdet. Doch wie ist es um die Schulkinder bestellt, die Diabetes haben? Dürfen sie jetzt, so wie die anderen Kinder, wenigstens an einzelnen Tagen zur Schule? Auf die Grundschule Steinbergerstraße gehen (und gingen) auch Kinder, die an Diabetes Typ 1 erkrankt sind. Ich weiß das, weil unser Wahllokal (fast immer) ein Klassenzimmer dieser Schule ist. Wenn wir zur Wahl gegangen sind, sind mir wiederholt Aushänge aufgefallen, die die Mitschülerinnen und Mitschüler informieren und um Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit bitten.

In den allermeisten Schulen sind Kinder  mit Diabetes „willkommen“. In Thüringen jedoch, so lese ich, sollten Kinder mit Diabetes Typ 1 nicht zur Schule gehen, weil sie zur Gruppe der Vorerkrankten gehören. Man orientierte sich dabei an den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI), das alle Diabetiker pauschal als gefährdet einstuft..

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat Ende April direkt Alarm geschlagen. Sie warnte vor einer Ausgrenzung dieser Kinder: „Aus kinderdiabetologischer Sicht spricht also nichts dagegen, dass im Zuge der aktuell geplanten Schulöffnungen auch die hierzulande rund 30.000 Kinder und Jugendlichen mit Diabetes die Schule besuchen“, bilanziert DDG Vizepräsident Professor Dr. med. Andreas Neu aus Tübingen den aktuellen medizinischen Wissensstand. Er verweist auf die Stellungnahme der AG Pädiatrische Diabetologie (AGPD), die hierzu die aktuellsten Informationen zusammengetragen hat.[1] Diese basiert auf einer Datensammlung der International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes (ISPAD) aus der bislang keine bedenklichen Zusammenhänge zwischen COVID-19 und Kindern mit Diabetes abgeleitet werden könnten.“ u.a.: https://www.diabetologie-online.de/a/schuloeffnungen-ddg-kinder-mit-diabetes-nicht-pauschal-vom-unterricht-ausschliessen-2154989

Doch warum hat das Robert-Koch-Institut (RKI) keine Entwarnung gegeben, was den Schulbesuch der betroffenen Kinder angeht? Warum unterscheidet man im Zusammenhang mit Corona nicht zwischen an Diabetes erkrankten älteren Erwachsenen und Kindern? Ich sehe hierin ein Versäumnis, das nicht nur inhuman, sondern inakzeptabel ist und ein Nachspiel haben müsste.

In der autofreien Siedlung standen in den letzten Wochen überall Verschenke-Kisten herum. Neuerdings veranstalten die Kinder auch endlich wieder private Flohmärkte, die hier bei gutem Wetter (und in „Friedenszeiten“) alltäglich sind.

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Kinder-Flohmarkt: „Alles desinfiziert“

Zum Glück roch es rund um den Stand nicht nach Desinfektionsmitteln, sondern nach frischen Waffeln!

 

*Name geändert

Als die Menschen im Dom-Gottesdienst die Masken abnahmen…

In Italien müssen alle steuerpflichtigen Bürgerinnen und Bürger eine Kirchen- bzw. Kultursteuer bezahlen, denn von ihrer Einkommenssteuer zieht der Staat 8 ‰ direkt ein.  Immerhin kann man auf der Steuererklärung angeben, welcher Religionsgemeinschaft das Geld zufließen soll, man kann auch sagen, dass es dem Staat zugute kommen oder für soziale Zwecke verwendet werden möge, aber der Großteil des Geldes landet Jahr für Jahr bei der katholischen Kirche.

Anders als die Deutschen können sich die Italiener also nicht durch einen Kirchenaustritt von der Kirchensteuer befreien. Katholiken, die aus der Kirche austreten, müssen sich aus dem Taufregister löschen lassen. Aber wer macht das schon? Es ist, als würde man einen Teil der eigenen Geschichte auslöschen.

In einem erhellenden Artikel zu Italien aus dem Jahr 2008 lese ich: „97 Prozent der Bevölkerung ist katholisch getauft, aber nur 21 Prozent der Italiener gehen noch regelmäßig in die Kirche. Kathedralen und Basiliken verwaisen zusehends.“ https://www.deutschlandfunk.de/leere-kirchen-volle-kassen.795.de.html?dram:article_id=117563

Aktuell sind zwar immer noch rund 80% der Italiener Katholiken, aber das sind schon weniger als noch vor 12 Jahren. Heißt das, dass die italienischen Kinder nicht mehr getauft werden? 80% ist immer noch eine stolze Zahl, aber sie spiegelt nicht die Realität wieder, denn die Kirchen sind leer. So nutzt auch die die italienische katholische Kirche die Corona-Krise dafür, die Werbetrommel zu schlagen. Wie in Deutschland waren (und sind bis zum 18. Mai) in ganz Italien öffentliche Gottesdienste verboten.

Um nicht noch weitere Gläubige zu verlieren, übertrug die Kirche nicht irgendwelche Gottesdienste, sondern die täglichen Frühmessen des Papstes in der vatikanischen Residenz Santa Marta live über katholische Internet- und TV-Kanäle. Eine schlaue Idee: Der Papst ist ja kein gewöhnlicher Geistlicher, sondern gilt für die Katholiken als Stellvertreter Christi auf Erden.

Zunächst war das Interesse an den Übertragungen gering, doch nachdem ab Ende März der öffentlich-rechtliche Sender Rai 1 die Messe austrahlte, entwickelte sich der Gottesdient zum Quoten-Hit. „Steigende Todeszahlen sowie immer striktere Schutzmaßnahmen der Regierung in Rom ließen das Interesse an den tröstenden Worten des Kirchenoberhaupts schnell wachsen. Franziskus nutzte die Chance. Einmal mehr bewies er Volksnähe und nahm die Sorgen von Millionen Menschen in seinen Gebetsintentionen auf. Er würdigte den aufopferungsvollen Einsatz von Pflegern, Ärzten, Politikern und Seelsorgern. Vor allem den unter den Einschränkungen leidenden Familien sprach er immer wieder Mut zu.https://religion.orf.at/stories/3002453/

Paolo Rodari, Chef vom Sender TV2000, der von der italienischen Bischofskonferenz unterhalten wird und ebenfalls die Frühmessen ausstrahlt, „sieht in den  hohen Einschaltquoten ein Indiz für einen „spirituellen Notstand“.“   https://religion.orf.at/stories/3002453/

Fernsehen und Internet machten nicht einmal halt vor der Live-Übertragung  des Blutwunders des Stadtheiligen Januarius (italienisch Gennaro), das sich -wie erwartet- am 2. Mai termingerecht in Neapel ereignete. „Während einer nicht-öffentlichen Zeremonie in der Kathedrale mit Kardinal Crescenzio Sepe verflüssigte sich das in einer Glasampulle aufbewahrte eingetrocknete Blut des Märtyrers. Sepe sprach von einem „Zeichen der Hoffnung“ in schweren Zeiten.“ https://www.katholisch.de/artikel/25372-blutwunder-in-neapel-macht-italien-hoffnung-in-corona-krise

Das Blutwunder soll, wie ich lese, seit dem Mittelalter belegt sein. In Italien „operiert“ die katholische Kirche traditionell mit eucharistischen Wundern, die sich in ganz Italien angeblich immer wieder ereignen. In Deutschland ist das anders. Da haben vor allem die Wunder Jesu Christi eine hohe, aber eher symbolische Bedeutung. Erschreckend und erstaunlich finde ich daher, dass jetzt auch die deutsche katholische Kirche begeistert aufspringt und das Kölner Domradio einen Artikel über das Blutwunder in Neapel in roten Lettern mit „Es ist geschehen!“ untertitelt. https://www.domradio.de/themen/glaube/2020-05-03/es-ist-geschehen-blutwunder-neapel-macht-italien-hoffnung  Ich persönlich glaube zwar an Wunder, aber eben nicht unbedingt an katholische – und schon gar nicht an solche, die Jahr für Jahr feste Termine einhalten.

Aber wie steht es um den derzeitigen „spirituellen Notstand“ der Deutschen? Würden sie bei der ersten öffentlichen Sonntagsmesse am 10.12.2020 vor dem Dom Schlange stehen? Um das herauszufinden, meldete ich mich per Internet für den Früh-Gottesdienst an. Es war überhaupt  kein Problem, für die Messe um 7h noch Karten zu kriegen…

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So wird der „spirituelle Notstand“ gemanagt: Damit sich der Einlass „reibungslos vollzieht“, verteilt die katholische Kirche „Nutzungs- und Anwendungshinweise“.

 

Da der im Wetterbericht angekündigte Regen ausfiel, setzte ich mich in aller Frühe auf mein Grachtenrad und radelte via Agnesviertel und Eigelstein über sonntäglich leere Straßen die knapp vier Kilometer zum Dom.

Ich stellte mein Fahrrad unterhalb der Domplatte ab und machte mich auf den „Weg zum Dom“, gemäß der Einlasskarte mit Schutzmaske, denn…

  • Wir empfehlen Ihnen dringend, auf dem Weg zum Dom, in der Warteschlange vor dem Dom und in der Kathedrale eine Schutzmaske zu tragen.

Okay, nur: wo war die Warteschlange? Maskengeschützt betrat ich den Dom und bemerkte, dass es noch Einlasskarten gab, die an einem kleinen Tischchen verkauft wurden. Ein schutzmaskierter Mann in Kirchengewand teilte mir einen Platz in der fünften Reihe zu, der eigens für mich reserviert war. Ich saß ganz linksaußen, während man den Platz rechtsaußen einem Mann zuwies, der keinen Blickkontakt zu mir aufnahm. Unsere Bank die wir ganz für uns hatten, war die dritte belegte, weil man Reihe zwei und vier ausgespart hatte.

Ich guckte mich um, zählte durch und kam auf gerade mal 27 von 122 zugelassenen Personen. Doch was sah ich da? Als das „Vater unser“ angestimmt wurde, nahm eine Frau die Schutzmaske ab und holte tief Atem. Fast alle machten es ihr nach. Was für eine Befreiung! Wir wurden während der Messe noch einmal an die dringende Empfehlung erinnert, eine Schutzmaske zu tragen, aber das beeindruckte kaum jemand.

Beim „Kommuniongang“ wurde uns die Hostie unter einer Plexiglasscheibe hindurch gereicht. „Mundkommunikation“ war -wie angekündigt- nicht möglich. Man hielt sich an die Anweisungen der Deutschen Bischofskonferenz. Demnach „soll der Priester beim Überreichen der Hostie nicht mehr „Der Leib Christi“ sagen, und der die Hostie empfangende Messbesucher soll auf das übliche „Amen“ verzichten.“ https://www.sueddeutsche.de/panorama/kirche-gottesdienst-mit-auflagen-kein-gesang-hostie-mit-der-zange-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200426-99-837246 Nach Empfang der Hostie zog im Kölner Dom kein Mensch mehr seine Maske an.

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Selfie mit Kleinbildkamera. Der Mund- und Nasenschutz drückt mir die Ohren zusammen. An diesem Morgen sehe ich wie ein Halfjehang aus, wie die Kölner sagen.  „Nach der Definition des Rheinischen Wörterbuchs ist ein Halfjehang ein „nachlässig, halbbekleidetes Weib“, aber „auch wohl von einem Manne.“ … Heute bezeichnet man mit Halfjehang jedoch ganz allgemein einen Menschen, der keinen Wert auf gut sitzende Kleidung legt.“ https://www.genios.de/presse-archiv/artikel/GAZ/20151001/halfjehang-die-kleidung-sitzt-schie/201510012473846.html

KATHOLISCH ÖFFENTLICHE „BÜCHEREI – ON – LEINE“

Im Pfarrbüro von St. Marien hatte ich einmal eine nette Begegnung:

Im Jahr 2015 hatte sich meine Tochter Lea nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr dafür entschieden, Psychologie zu studieren. Sie musste sich bei jeder Universität einzeln bewerben und jedes Mal das Abiturzeugnis vorlegen. Manchen Unis reichte eine einfache Kopie, andere wollten eine beglaubigte haben. Von der Schule hatte meine Tochter zwei beglaubigte Kopien bekommen, die natürlich direkt aufgebraucht waren. So bot ich meiner Tochter an, im Pfarrbüro von St. Marien nachzufragen. Dort war man sehr freundlich. Die Mitarbeiterin machte noch eine Extra-Kopie, setzte den Stempel „beglaubigt“ darauf und den der Pfarrei St. Marien darunter.

Bezahlen durfte ich nichts, nicht einmal der Kirche was spenden. „Das kostet doch die jungen Menschen ein Heidengeld, wenn sie sich überall einzeln bewerben“, sagte die Frau. Nun, „Heidengeld“ sagte sie nicht, das habe ich jetzt eingefügt. Das Wort kommt mir in den Sinn, obwohl wir ja wissen, dass diejenigen, die zu viel Geld haben, nicht unbedingt Heiden sind (s. katholische Kirche). Die Universität Bremen, an der meine Tochter schließlich landete, hat die Kopie nicht angenommen. Man erwartete eine von einer öffentlichen Behörde ausgestellte Beglaubigung. Den Stempel der katholischen Kirche empfand man offensichtlich als unseriös oder gar „unecht“. In Bayern wäre das nicht passiert (da passiert derzeit anderes, das fragwürdig ist), aber Bremen ist nun mal traditionell evangelisch.

Das Haus, in dem sich das Büro befand, ist abgerissen. An der Stelle wird jetzt das „Haus der Kirche“ gebaut. Für die Zwischenzeit ist das Parrbüro in ein Gebäude in der Wilhelmstraße umgezogen, das auch die „Bücherei St. Marien“ beherbergt sowie den Arbeitskreis „Eine Welt im Veedel“ (den Nippesern wohlbekannt durch den freitäglichen „Fairer Handel“-Marktstand). Die Bücherei ist zur Zeit geschlossen, aber man hatte die schöne Idee, eine Wäscheleine vors Fenster zu spannen und „Kleine Kostbarkeiten“ daran aufzuhängen.

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Aktuell lädt man Kinder dazu ein, Bilder zu malen (gelbe Kopie: „Das sehe ich aus meinem Fenster“), die eingesammelt und veröffentlicht werden sollen.

Vor zwei Wochen hatte ich mir ein Gedicht, das dort gleich doppelt hing, von der Leine genommen:

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Vor allem im Gesundheitswesen erhalten wir in den letzten Jahren vermehrt „unerwünschte Belehrungen“. Gesundheit wird zur Bürgerpflicht-  und auch der Frohsinn.

 

In der Aktion „Für ein gesundes Miteinander“ gibt die DAK Verhaltensmaßregeln: „Ihr könnt euch mal ! … Freundlich grüßen. Denn Freundlichkeit im Alltag ist ansteckend und führt zu weniger Aggression und Stress. Gute Laune, guten Tag.“

Die Aktion „Für ein gesundes Miteinander“ suggeriert, dass wir normalerweise ziemlich unfreundlich (ungesund) miteinander umgehen. Das mag für manche Menschen immer und für viele Menschen manchmal stimmen (auch für mich), so pauschal jedoch ist das eine böse Unterstellung. Es ist wünschenswert, dass Menschen freundlich zueinander sind, aber bitte nicht auf Befehl! Diktierte Gefühle fördern die Heuchelei. Der Zwang zur Nähe, der hier so locker-lässig daherkommt, führt eher dazu, dass wir uns noch mehr voneinander entfernen.

In Deutschland gibt es mittlerweile das Schulfach „Glück“ – auch auf Anregung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ich finde, es müsste ein anderes Schulfach geben: NEIN. Wie lerne ich, angesichts des Zwangs zu Frohsinn, Gesundheit und Glück nicht immer freundlich zu lächeln, sondern in der Lage zu sein, NEIN zu sagen.

 

Coronoia lässt die Kassen klüngeln: Der FC Köln erklärt dem Erzbistum, wie man Tickets verkloppt

„Man kennt sich, man hilft sich.“ (Konrad Adenauer)

Wir erleben sogenannte „Lockerungen“, aber was bleibt und durch die Maskenpflicht noch verschärft wird, ist der „Sicherheitsabstand“. Die Kinos, die davon leben, dass die Menschen dicht an dicht sitzen, bleiben weiterhin geschlossen. Nach wie vor darf nur ins Kino, wer bereit ist, in einer Blechkiste vorzufahren und darin sitzen zu bleiben. Im Autokino soll man zwar, sobald das Fahrzeug steht, die Sicherheitsgurte ablegen, man darf die Fenster öffnen, aber damit endet auch schon die Bewegungsfreiheit.

Derzeit werden in ganz Deutschland (bis auf Bayern, wo sogar die Autokinos geschlossen sind) neue, oftmals mobile Autokinos eröffnet. Auch wenn sich die Betreiber die Hände reiben, kann das auf Dauer nicht gut gehen. Denn es werden keine neuen Filme gezeigt, obwohl die längst abgedreht und vorab gezeigt worden sind. Damit aber diese neuen Filme in die Kinos kommen, müssen die klassischen Kinos wieder geöffnet werden. Das lohnt sich aber nur, wenn die Säle voll sind, was aber nur dann gewährleistet ist, wenn die Menschen keinen Sicherheitsabstand einhalten müssen.

Die Kirchen haben ein ganz ähnliches Problem wie die Autokinos: Keine neuen Impulse. Der Run auf die Gottesdienste wird schnell abflauen. Immerhin braucht man seit dem 1. Mai nicht mehr ins Internet oder -wie bei den Oster-Gottesdiensten- ins Autokino, um eine Messe zu besuchen. Auch im Kölner Dom werden am Muttertag endlich wieder öffentliche Sonntags-Messen stattfinden – unter besonderen Auflagen.

Der Kölner Dom ist ja nicht irgendeine Kirche, sondern das kölnische Aushängeschild. Als Weltkulturerbe-Stätte und Deutschlands größte Kathedrale ist der Dom eine Kirche der Superlative. Nach Fertigstellung im Jahr 1880 hatte der Kölner Dom im Wettkampf um das höchste Gebäude der Welt die Turmspitzen mit 157 m am weitesten oben. Jedes Kölner Schulkind (das klettern kann, denn es gibt keinen Aufzug) erklimmt irgendwann die 533 Stufen, die zur Besucherplattform (97 m) hoch führen.

Am letzten Sontag gab es im Dom nach sechs Wochen wieder einen Gottesdienst, aber nicht für alle Kölner, sondern ausschließlich für „Mitarbeiter des Doms, Sänger, Lektoren und Messdiener sowie einige Pressevertreter.“ Man wollte, so hieß es, den Normalfall üben. Das Fazit der Übung: Zur öffentlichen Messe zugelassen sein werden immer nur 122 Personen, und auch nur dann, wenn sie einen Mundschutz tragen und den Sicherheitsabstand einhalten. https://www.sueddeutsche.de/panorama/gottesdienst-koelner-dom-coronakrise-1.4895447  Ich fand leider nirgendwo eine Anwort auf meine Frage, wie man das Kollekte-Problem lösen wird. Gibt es weiterhin nur einen digitalen Klingelbeutel?

Gestern kam ich gegen 19.30 vom Einkaufen zurück und radelte wie fast jeden Tag an St. Marien vorbei. Doch was sah ich? Vor der Kirche standen Liegestühle, zwei Einzel- und ein Doppelsitzer waren mit entsprechendem Sicherheitsabstand höchst einladend platziert. Menschen hatten sich in die Stühle gefläzt, die Hosen hochgekrempelt, Pulle Bier dabei. Richtig schön. Was war los? Hat der Katholische Kirchenverband Bilderstöckchen-Nippes den Vorplatz der Kirche zum Beach-Club erklärt?

 

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Die Auflösung: Das angrenzende Café Rosenrot hat die Liegestühle vor die Kirche gestellt, um den Menschen, die Essen bestellen, die Wartezeit zu versüßen. Diese beiden sehr freundlichen und gut gestimmten Nippeser Mitbürger waren mit dem Fotografiertwerden direkt einverstanden…. Im Hintergrund wird am „Haus der Kirche“ emsig weiter gearbeitet. „Haus der Kirche“ klingt, als stünden das Gebäude insbesondere der Gemeinde zur Verfügung. Aber so ist es nicht. Hierzu mehr im stets informativen Nippes-Magazin  (früher „Für Nippes“) http://veedelmedia.de/flip-pdf/fuer-nippes_2015-2

 

Für die Messen am Sonntag oder die Abendmesse am Samstag konnte man sich ab Mittwoch Karten reservieren lassen. Die Zugangskarten sind kostenlos, aber nicht übertragbar. Hatten wie das nicht schon mal? Ich denke da an die Gottesdienste im Autokino.

Hilfe bei der Reservierung bekommt die Katholische Kirche vom 1.FC Köln, der derzeit ebenfalls Einnahmeeinbußen zu verkraften hat. Für die Reservierungen benutzt die Kirche genau das Computersystem, das der Fußballclub 1. FC Köln für seine Fan-Kommunikation verwendet. „Der Verein hat deshalb Unterstützung bei der Schulung von Mitarbeitern der Pastoralbüros angeboten“, heißt es auf erzbistum-koeln.de  Generalvikar Dr. Markus Hofmann: „Wir sind dem 1. FC Köln sehr dankbar…  Das ist ein schönes Zeichen der Verbundenheit.“ Alexander Wehrle , Geschäftsführer des 1. FC Köln, sagt„Wir haben dem Erzbistum sehr gerne mit unserer Erfahrung geholfen. Als Club der Stadt stehen wir zu Köln und seinen Bürgern und natürlich auch zu den Kirchen. Wenn wir etwas dazu beitragen konnten, dass Menschen in unserer Stadt trotz der Einschränkungen der Corona-Krise ihren Glauben leben und ausüben können, freut uns das sehr“,

So wäscht eine Hand die andere – aus Hygienegründen natürlich  rein digital.

Den Hinweis auf das schöne Adenauer Zitat verdanke ich einem Artikel von Ertay Harif, in dem der Kölsche Klüngel anschaulich (und in seiner Ambivalenz!) beschrieben wird. https://koeln-magazin.info/kluengel0.html

Der Nächste, bitte!

Die Beklommmenheit in der Arztpraxis: Angstvoll, wie in einer Art abgefederter Schockstarre in einem Wartezimmer sitzen und auf etwas warten, das man eigentlich nicht haben will, in der stillen Hoffnung, dass der Zahnarzt, kurz bevor man aufgerufen wird, zusammenbricht, wissend, dass der vereiterte Backenzahn dann erst recht keine Ruhe gibt – dieses Unbehagen, das wir alle kennen, konnte niemand so gut beschreiben wie der Österreicher Ernst Jandl.

 

Ernst Jandl:

fünfter sein

tür auf
einer raus
einer rein

vierter sein

tür auf
einer raus
einer rein

dritter sein

tür auf
einer raus
einer rein

zweiter sein

tür auf
einer raus
einer rein

nächster sein

tür auf
einer raus
selber rein

tagherrdoktor

 

 

Derzeit wird uns zugemutet, tagtäglich, wenn wir Einkaufen gehen, 1 bis 2 Meter Abstand haltend in Warteschlangen zu stehen. Eine fiese Beklommenheit macht sich breit. Wir reden kaum miteinander, sondern schweigen und atmen Desinfektionsmittel ein. Die Welt wird zum Wartezimmer. In der Kölner Bäckerei Merzenich, wo morgens immer viel los ist, sagten die Verkäuferinnen bis vor kurzem: „Wer ist jetzt dran?“ Heute wird man aufgerufen mit: „Der nächste bitte.“

Aushang am DM in Köln-Nippes, Neusser Straße:

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Das brachte mich auf die Idee, einen kleines, von Ernst Jandl inspiriertes Gedicht zu schreiben: 

 

irgendwann dran

wann dran?
3 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
2 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
1 vor dir
1 Kunde raus, 1 Kunde rein

wann dran?
1 Kunde raus, du rein
fein

Fake News: Erzbischof Kardinal Woelki wäscht am Gründonnerstag Kölner Katholiken die Füße

 

Gründonnerstag 2020

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Jahr 2019 in Nordrhein-Westfalen sprunghaft gestiegen. Insgesamt traten, so lese ich im Internet, 120.188 Menschen aus der Kirche aus. Es dürfte sich vor allem um Katholiken handeln, denn die meisten Christen in NRW sind Katholiken, und während noch in den 1990er Jahren deutlich mehr evangelische Christen aus der Kirche austraten, sind es heutzutage vermehrt Katholiken, die der Kirche deutschlandweit den Rücken zuwenden.

In der Katholischen Kirche wundert man sich darüber, wo doch die Katholische Kirche derzeit kaum Negativ-Schlagzeilen macht. Seit dem Skandal um Tebartz van Elst sind einige Jahre vergangen. Vgl.: https://stellwerk60.com/2017/05/01/lange-nichts-gehoert-von/ Auch der noch größere Skandal, der sexuelle Missbrauch in der Katholischen Kirche, ist in den Medien kaum noch Thema. Nur keine schlafenden Hunde wecken, denken sich die Verantwortlichen in der Katholischen Kirche. Man schiebt den Skandal auf die lange Kirchenbank und versucht, ihn bürokratisch zu meistern. Hier in Köln hat man einen Betroffenen-Beirat eingerichtet, und für die Mitarbeiter der Kirche bietet man entsprechende Schulungen an.

Die Katholische Kirche wächst und wächst und wächst – allerdings nur materiell. Das Erzbistum Köln ist eine der reichsten Diözesen Deutschlands. Die Kirchensteuern sind hoch, und trotz der Kirchenaustritte wächst das Vermögen. Doch der Kirche gehen die Menschen abhanden. Wenn zur Zeit Predigten vor leeren Bänken stattfinden (die dann per TV übertragen werden), ist das nicht wirklich neu, denn die Messen werden vielerorts schon seit Jahren kaum noch besucht. Das gilt übrigens nicht für die katholische, sondern auch für die evangelische Kirche. https://www.evangelisch.de/inhalte/131523/08-02-2016/pfarrer-steht-am-sonntagmorgen-vor-leeren-baenken

Weil viele Menschen, die nicht mehr zur Kirche gehen, irgendwann ganz austreten, setzt die Katholische Kirche vermehrt auf Werbung. Denn die Kirchensteuern sind nach wie vor ihre Haupteinnahmequelle. Der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki lässt keine Gelegenheit aus, Werbung für die Katholische Kirche zu machen, so sprang er höchst medienwirksam im Rahmen des traditionellen Treffens im Erzbischöflichen Haus für den an Grippe erkrankten Kölner Karnevalsprinzen Christian II. ein. Aber Woelki sprang nicht nur ein, sondern munter, wenn auch ein bisschen ungelenk mit, so beim Seniorenkarneval der Gemeinde St. Josef in Braunsfeld:  https://www.domradio.de/video/kardinal-woelki-als-prinz

Woelki ist ein eitler Mann, eine Mischung aus Hochwürden und Harry Potter. Mit seinen immer noch vollen, scheitelbaren Haaren gibt er eine gute Figur ab. Hübsch ist, wie die feinen Pony-Haare unter der Mitra hervorlugen. Wenn man sich vor die Kamera stellt, anstatt mit den Menschen zu reden, garantiert das nicht nur Virenfreiheit, sondern einen komfortablen Sicherheitsabstand.

Ich befürchte, Woelki hat die Bodenhaftung vollkommen verloren. In einem öffentlichen Brief an die „Schwestern und Brüder“ vom 19. März sagt er: „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun haben wir uns nach sehr ernsthaften Diskussionen dazu entschlossen, die körperlichen Versammlungen von Christen auszusetzen.“

Wie kann man allen Ernstes, wenn man die Gottesdienste meint, von „körperlichen Versammlungen von Christen“ reden? Es gibt abgehobene Menschen, die können nicht mit anderen zusammen in einem Raum sein. Sie können es nicht ertragen, mit Fremden die Atemluft zu teilen. Vor allem dann nicht, wenn diese Menschen zu den Schichten gehören, die man heute mit einem sozialen Unwort als „bildungsfern“ bezeichnet. (vgl. „Liste der sozialen Unwörter“ http://www.armutsnetzwerk.de/netzwerk-2014/start/presse/339-liste-der-sozialen-unwoerter.

In der Messe, in die ich als Kind ging, spielte Klassenzugehörigkeit keine Rolle. Woelki ist auf eine Weise dünkelhaft, die ich als unchristlich empfinde. „Selbst in Kriegszeiten sind die Gottesdienste nicht ausgefallen, doch nun…“ Woelkis Worte sind ein arroganter Schlag in den Nacken der Christen, die während des Zweiten Weltkriegs bis zuletzt darum gekämpft haben, in die Kirche gehen zu können und die Gottesdienste besuchen zu dürfen, darunter meine katholischen Großväter, der Bergmann Karl Wilczok und der Lateinlehrer Josef Verron. Diese Menschen haben selbst dann noch den Weg in die Kirche gefunden, als die Glocken schwiegen, weil sie längst abgerissen waren, da man ihr Material für die Herstellung weiterer Waffen brauchte. https://www.katholisch.de/artikel/18653-kirchenglocken-fuer-hitler Vor diesem Hintergrund ist die Geste der Katholischen und der Evangelischen Kirche, bis Gründonnerstag jeden Abend um 19.30h die gut gewarteten Kirchenglocken zu läuten, nicht nur nostalgisch-sentimental, sondern infam.

Dabei hätte die Katholische Kirche gerade jetzt die große Chance gehabt, neue Mitglieder zu gewinnen. Man hätte auf den Friedensgruß verzichten, aber die Messen stattfinden lassen können  – mit einem gewissen Sicherheits-Abstand. Man hätte nicht unbedingt Füße waschen müssen, aber über die schöne Geste der Fußwaschung miteinander reden können. Nähe suchen. Aber dann hätte man ja Kontakt zu den Menschen aufnehmen müssen. Nicht virtuell, sondern real. Unter den Talaren… Ja, Kardinal Woelki kommt allmählich ins Schwitzen. Bald wird er ein heikles Schriftstück vorlegen müssen: Den verschobenen Bericht zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln. Man bittet die Menschen, noch etwas Geduld zu haben. Wenn es zur Zeit keine Kirchenaustritte gibt, liegt es allein daran, dass die Ämter geschlossen sind. (Erhellendes zu Woelkis Werdegang und zur Doppelmoral der Katholischen Kirche fand ich in einem Artikel von Peter Hertel: http://www.imprimatur-trier.de/2011/imp110714.html )

Gestern Mittag ging ich auf der Neusser Straße einkaufen. Zu meiner Freude ist das Marhaba, ein orientalisches Imbissrestaurant, wieder geöffnet. Mit einem Shawarma-Sandwich in der rechten Hand, die Hundeleine in der linken, suche ich mir einen Sitzplatz. Mir steht der Sinn nach Biergarten. Meine Hände sind noch klebrig vom Desinfektionsmittel, das man mir bei Alnatura in die offenen Hände gesprüht hat, nirgendwo kann ich mir die Hände waschen, aber das ist mir egal. Ich hab Hunger. Und bin so erleichtert, dass das Marhaba nicht dichtgemacht hat.

Doch alle Bänke sind besetzt, vor meinem Lieblings-Café Eichhörnchchen stehen Tische, aber keine Stühle. Gegenüber vom Eichhörnchen entdecke ich in einem Gärtchen einen Sitzplatz, Treppenstufen, die zu einem kleinen Haus hoch führen. Hier ist jetzt keiner, die Rollläden sind heruntergelassen.

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Ein schattiges kleines, ein bisschen verwahrlostes Gärtchen mit schief gewachsener Magnolie. Hier draußen am Fuße der Kirche hat mehr als zwanzig Jahre lang Konstantin von Eckardt gelebt, der „Maler von Nippes“. Nachdem er in seiner kleinen Blockhütte tot aufgefunden worden war, hatte man das Gelände geräumt. Wenig später begannen umfassende Renovierungsarbeiten. Das Dach und der Turm der Kirche St. Marien wurden saniert.  Das Außengelände ist immer noch Baustelle – bis auf das kleine Gärtchen. Zur Zeit könnte man hier Tische und Stühle aufstellen – mit Abstand natürlich.

Gerade als ich mich setzen will, kommt eine Frau angeradelt. Sie steigt ab, stellt sich als Mitarbeiterin der Kirche vor – und bleibt auf Abstand.

„Was wollen Sie hier?“ fragt die Frau. „Mich kurz auf die Treppenstufen setzen“, antworte ich. „Aber ich will nicht, dass Ihr Hund sich hier entleert“, sagte die Frau. „Das ist ein Grundstück der Kirche.“ Ich schlucke: „Aber alle Bänke an der Neusser Straße sind besetzt. Ich räume auch alles weg. Ich habe sogar AWB-Hundekottüten dabei. Die städtischen Beutelspender sind endlich wieder befüllt, nachdem die Stadt Köln das Befüllen über mehrere Wochen versäumt hat.“ Die Frau verschränkt die Arme und schüttelt den Kopf.

„Schade“, sage ich nach einer Weile. „Aber Sie kennen doch bestimmt den Kardinal Woelki.“ Ich ernte einen argwöhnischen Blick, aber rede weiter: „Am letzten Sonntag, da ist mir was aufgefallen. Die Kirchenglocken läuteten so schön und klar wie lange nicht mehr, gewiss war die restaurierte Glocke von St.Marien dabei. Das ist die Kirche, in deren kühlendem Schatten wir jetzt gerade stehen, aber das wissen Sie ja besser als ich. Zuletzt habe ich die Glocken so klar gehört, als ich ein Kommunionkind war. Da habe ich mich richtig eingeladen gefühlt, wie von Gott gerufen. War das schön! Als erwachsener Mensch glaube ich immer noch daran, dass es etwas gibt, das größer ist als wir, aber mit dem Menschenverstand nicht zu fassen. Dieses Göttliche findet man überall, aber gewiss nicht in der verknöcherten, autoritär strukturierten Katholischen Kirche. Und warum lässt die Kirche die Glocken erklingen? Die Kirchenglocken setzen die Menschen doch in die frohe Erwartung, mit anderen Menschen zusammen die Heilige Messe feiern zu können. Ich denke, diejenigen, die noch in die Kirche gehen, sind ältere Menschen, vornehmlich alte Frauen. Die hören die einladenden Glocken, aber man lässt sie nicht am Gottesdienst teilnehmen. Sagen Sie, glaubt Erzbischof Kardinal Woelki an Gott?“

„Woher soll isch dat denn wissen?“, fragt mich die Frau.

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St. Marien in Nippes ist derzeit geschlossen. Man restauriert die Orgel, so lese ich. Dass die Arbeiten ausgerechnet in der Karwoche durchgeführt werden, befremdet mich sehr. Auch draußen vor der Kirchentür wird eifrig in die Zukunft der Katholischen Kirche investiert. So etwa beim Bau des neuen Parrheims Haus der Kirche (rechts im Bild). Nicht nur rundum St. Marien in Nippes, sondern insbesondere in der Kölner Innenstadt sind zahlreiche Immobilien im Besitz der Erzdiözese Köln. Aus dem Jahr 2015, aber nach wie vor aktuell:  https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kirche-erzbistum-koeln-legt-vermoegen-offen-a-1018989.html

Ich musste 61 Jahre alt werden, um zu erleben, wie sich Stubenarrest anfühlt

Ich hatte als Kind nie Stubenarrest. Meine Eltern hätten sich vor uns Kindern geschämt, wenn sie uns Stubenarrest erteilt hätten. Sie waren überhaupt nicht autoritär.

Andere Eltern waren autoritär. Ihre Kinder bekamen Stubenarrest, obwohl es keinen Grund gab. Der Stubenarrest war eine reine Machtdemonstration. Einmal habe ich einen Stubenarrest miterlebt. Wir waren eine Handvoll Kinder, sechs oder sieben Jahre alt, und wollten ein Mädchen zum Spielen abholen. Babette, so hieß das Mädchen, durfte nicht nach draußen. Wir waren „kein guter Umgang“. Die Wohnung lag im Erdgeschoss. Immerhin durfte Babette das Fenster öffnen und mit uns reden, aber sie hätte sich niemals getraut, aus dem Fenster zu klettern. Peter, der selber eine strenge Mutter hatte, hatte die rettende Idee: Wenn Babette schon nicht nach draußen durfte, brachten wir das Draußen zu ihr.

Der Weg, der zum Garten führte, war mit roten Kieselsteinen bestreut. Wir gaben den Steinchen eine neue Funktion, sammelten sie ein und warfen sie durchs Fenster. Immer mehr… In meiner Erinnerung ist das Zimmer mit Steinchen überschwemmt. Babette jubelt, sie watet singend durchs Steinchenmeer…

Irgendwann kam die Mutter ins Zimmer und knallte das Fenster zu. Doch dadurch hatte sie sich selber eingesperrt, stand sprachlos hinter der Scheibe und verstand die Welt nicht mehr.

Ich hoffe, es wird dem Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, CSU, einmal ähnlich ergehen. Entsetzt war ich, diese Drohung zu lesen: „Wenn sich viele Menschen nicht freiwillig beschränken, dann bleibt am Ende nur die bayernweite Ausgangssperre als einziges Instrumentarium, um darauf zu reagieren. Das muss jedem klar sein.“ Markus Söder kostet seine neue Macht aus, setzt die Bürger ins Unrecht und sich selber ins Recht. Das ist anmaßend und autoritär. Bayern hat am 20.3.2020 als erstes Bundesland „Ausgangsbeschränkungen“ verhängt, und alle anderen Länder sind Bayern gefolgt. Es ist zum Weinen und zum Lachen: Mit 61 Jahren habe ich zum ersten Mal im Leben Stubenarrest.

Heribert Prantl, Jurist, Journalist und Autor, langjähriger Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, nennt in einer Video- Kolumne die Ausgangsbeschränkungen „den größten Grundrechtseingriff, der den Bürgerinnen und Bürgern in Bayern seit dem Zweiten Weltkrieg widerfahren ist.“ https://www.sueddeutsche.de/politik/soeder-bayern-ausgangsbeschraenkung-1.4853207

Im Jahr 1949, als das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erlassen wurde, wurde mein Vater Ernst Wilczok, SPD, im Alter von 27 Jahren (ehrenamtlicher) Oberbürgermeister der Ruhrgebiets-Stadt Bottrop. Er blieb es (ehrenamtlich) 34 Jahre lang -mit zwei Unterbrechungen- bis zu seinem Tod im Jahr 1988. Niemals hätte er sich angemaßt, sich in das Leben der Bürgerinnen und Bürger einzumischen oder sie zu erziehen.

Herr Markus Söder, Sie verstoßen gegen Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Herr Söder, ich schäme mich für Sie – vor meinem vor 32 Jahren verstorbenen Vater.

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In ihrem Newsletter demonstriert die Stadt Köln, wie gut sie eine Katastrophe (die in diesem Fall keine ist) verwalten kann. Die Coronoia unserer Politik zerstört die Betriebe, die eine Stadt erst lebendig machen, wie etwa Kneipen, Cafés und Buchläden, führt aber nicht zur dringend notwendigen Entschlackung der Bürokratie.

Scheinheilig Geist im Kölner Norden

Werner Bartens, Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, Menschenfreund und Mediziner, ein Journalist mit Freude an der Wahrheitsfindung, hat im Herbst letzten Jahres über einen Apothekenskandal recherchiert und dabei einen Krankenkassenskandal aufgedeckt: Weil sie anlässlich der Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes die krankenkassenfinanzierte Billigvariante einer Zuckerlösung zu sich nahmen, die in der Apotheke zubereitet worden war, starben in Köln zwei schwangere Frauen. https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/apotheken-koeln-glucose-loesung-schwangerschaftsdiabetes-1.4623731

Bartens nennt auf den Cent genau die beschämend geringen, entlarvenden Beträge: Die Kosten für die Fertiglösung, die für die Frauen viel sicherer ist, betragen zwischen 4,59€ und 5,53€, sind also ohnehin schon billig. Dennoch werden die Kosten seit 2016 mehr erstattet. Damals haben die Krankenkassen, so Bartens, mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) vereinbart, dass künftig nur noch die selbst angerührte Zuckerlösung bezahlt wird, für die die Apotheker gerade mal 1,21 Euro bekommen. Gerade in der Schwangerenbetreuung offenbart sich die Doppelmoral unseres Gesundheitssystems. Während etwa der sogenannte „Wunschkaiserschnitt“ generös finanziert wird, knausern die Kassen ausgerechnet da, wo eine sorgsame Schwangerenvorsorge wichtig und sinnvoll ist. Dass hier pro schwangerer Frau rund vier Euro eingespart werden, ist verantwortungslos und grob fahrlässig.

Dass der „Tatort“ nicht irgendeine Kölner Apotheke war, sondern die Heilig Geist-Apotheke in Longerich, ließ mich aufhorchen. Die Apotheke liegt auf dem Gelände des Heilig Geist-Krankenhauses. Zum Nippeser St. Vinzenz-Hospital, nur einen kurzen Fußweg weit weg von der autofreien Siedlung Stellwerk 60, hat das Heilig-Geist eine eher unheilige Beziehung.

An eben jenes Heilig Geist-Krankenhaus ist nämlich vor zwei Jahren der erst 2013 eröffnete Nippeser Hebammenkreißsaal „umgezogen“ – und die gesamte Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. Der einzige Hebammenkreißsaal in ganz Köln war gut ausgelastet. Der Grund für die Schließung der Abteilung war kalte Ökonomie: Der Rückgang der gynäkologischen Operationen. Die Abteilung hat sich nicht mehr rentiert. Die Zahl der (früher einmal viel zu oft ausgeführten) Gebärmutterentfernungen ging auch in Nippes deutlich zurück. Einem profitorientierten Gesundheitsmanagement ist die schöne Nachricht ein Dorn im Auge. Nicht stattfindende Operationen rechnen sich nicht. https://www.hebammen-nrw.de/cms/aktuelles/meldungen/einzelansicht/datum/2017/04/06/st-vinzenz-klinik-in-koeln-schliessung-im-rundumschlag/

Da auch das Kölner Geburtshaus seit 2004 nicht mehr in Nippes ansässig ist, ziert der stolze Aufdruck „Born in Nippes“, ob in rosa oder bleu, kaum noch einen Baby-Strampler, auch wenn die Hausgeburtszahlen wieder steigen. Das liegt daran, dass der GKV,  der bundesweite Verband der Krankenkassen in Deutschland,  mittlerweile dazu verpflichtet ist, den Hebammen Sicherstellungszuschläge zu zahlen, die die Kosten der hohen Haftpflichtversicherungs-Beiträge (ab dem 1.7.2020 9.098 Euro jährlich!) weitgehend auffangen. (Zur Erinnerung: Viele Hebammen, die Hausgeburten betreut hatten, mussten aussteigen, als die Beitragssätze für die Haftpflichtversicherung  im Jahr 2014 horrend anstiegen.) Der bleibende Schaden: Die hohen und ständig steigenden Versicherungsbeiträge suggerieren, dass während der Hausgeburten immer mehr Katastrophen passieren, was in keiner Weise den Tatsachen entspricht.

Der Hebammenkreißsaal im Veedel Nippes ist passé. Am wirtschaftlich arbeitenden Heilig Geist-Krankenhaus interessiert das nicht. Man arbeitet gemäß den Richtlinien eines „prozessorientierten Qualitätsmanagementsystems.“ „Qualität“ ist im Zusammenhang mit Geburten ohnehin ein fragwürdiger Begriff, aber am Heilig-Geist ist eben diese Qualitätssicherung das Aushängeschild. „Die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe ist DIN EN ISO 9001:2008 zertifiziert“, heißt es rot und fett gedruckt im Internet.

Das Heilig-Geist ist „erfolgreich“, denn die Abteilung boomt. Doch dass man den Zuwachs an Geburten im Jahr 2018 um rund 21% insbesondere dem Dichtmachen der Abteilung in Nippes zu verdanken hat, wird in der offiziellen Presseinformation vom 18.Januar 2019 verschwiegen. Scheinheilig Geist im Kölner Norden. http://www.hgk-koeln.de/fileadmin/user_upload/Krankenhaeuser/Heilig_Geist/Presse/Presseinformation_Frauenklinik_Geburtshilfe_2019_final.pdf

Heutzutage kann es sich auch ein Geburtshaus nicht mehr leisten, die Kriterien des  „Qualitätsmanagements“ zu ignorieren. Das Kölner Geburtshaus ist laut Internetseite  DIN ISO 9001:2015 zertifiziert. Doch gerade Frauen, die sich für eine Entbindung im Geburtshaus entscheiden, gucken auf andere Zahlen, und die sind beeindruckend:

Etwa ein Viertel aller Frauen, deren Geburt im Geburtshaus beginnt, entbinden nicht dort. Oft müssen die Frauen doch noch ins Krankenhaus gebracht werden, weil Komplikationen auftreten. Wann es brenzlig wird oder werden könnte, haben die erfahrenen Hebammen genau im Blick. Wenn die Frauen dann doch im Krankenhaus „landen“, ist das noch lange nicht gleichbedeutend mit einem Kaiserschnitt. Von allen Geburten, die von Hebammen des Geburtshauses Köln betreut wurden (zu Hause oder im Geburtshaus), endeten im Jahr 2016 nur 6,2% mit einem Kaiserschnitt (deutschlandweit 31,1%!)

Übrigens: Das 5000. Kind, das im Kölner (ursprünglich Nippeser, mittlerweile Ehrenfelder) Geburtshaus zur Welt kam, wurde im November 2019 geboren, heißt Karl und ist ein…..

NIPPESER Jung!

 

Clownin Carla, born in Bensberg 1999

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Ferien auf Spiekeroog 2001: Das Leben ist lecker!

 

 

 

„GEHT OMAS DRÜCKEN!“

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. „Keine Zeit, ich muss die Bahn kriegen“, sach ich.

„Dann nimmste eben die nächste oder übernächste“, sagt die Frau Keuner. „Geht auch ganz schnell. Ich hatte dir doch von meiner Tante erzählt, die Lungenkrebs hat. Die war so niedergeschlagen, weil ihre Enkelin sie nicht mehr drücken will. Aber als ich sie Weihnachten besucht hab, hatte sie richtig gute Laune. Hömma, die ist gedrückt worden, und wie.“ Die Frau Keuner lacht, hustet, aber kriegt sich schnell wieder ein. „Die hatte Besuch von einem anderen Enkelkind, dem Cousin von der Frieda. Der Luca ist ne janz fiese Möpp. Der hat so wie die anderen Enkelkinder immer Geld zugesteckt gekriegt, sich aber nie dafür bedankt. Wat soll man sich für 50 Euro bedanken. So ist der. Und jetzt kommt der zu der nach Hause, denn da ist sie zur Zeit, und der bedankt sich und drückt sie, dass es richtig unangenehm ist. Meine Tante hat genau gewusst, was war. Hab ich mir schon gedacht, dass du vorbeikommst, hat sie gesagt, dein bester Freund hat doch geheiratet. Ihr wart beim Junggesellenabschied im Pascha Nightclub, und dann seid ihr raus und weiter in Richtung XTRAFIT, und da seid ihr bestimmt an dem bekloppten Plakat vorbeigekommen: GEHT OMAS DRÜCKEN! – DAK. Und jetzt piesackt dich dein Gewissen. Fürs nächste Weihnachten gibste mir mal deine Kontonummer. Kauf dir meinetwegen ein paar Pascha-Dollars für den Private Dance, aber rück mir nie wieder auffe Pelle. Du kannst irgendwelchen Damen anne Brust packen, aber bitte nicht mir.

„Für ein gesundes Mteinander“ – DAK-Werbeplakat an der Inneren Kanalstraße zwischen Hornstraße (Pascha) und Gleisdreieck (XTRAFIT-Fitnessstudio)
In Deutschland gehen jeden Tag etwa eine Million Männer in den Puff. So schön es wäre – wir können die Puffs nicht einfach abschaffen, denn unsere Gesellschaft ist patriarchal degeneriert. Und wohin mit der einen Million?
Puffs sind eine Verhöhnung der leiblichen Liebe. Was von der Liebe bleibt, ist komerziell legitimierte Notdurftverrichtung – im Fall Pascha in Kooperation mit der Stadt Köln. Anfang der 1970er Jahre konnte ein professioneller Betreiber auf städtischem Grund das europaweit erste Puff-Hochhaus bauen, ein sogenanntes „Laufhaus“ mit 126 Zimmern auf elf Etagen. So konnte, wie es heißt, die Kölner Prostitution aus der Innenstadt herausgeholt, gebündelt und besser kontrolliert werden.
Die Hornstraße gehört zwar offiziell zum schönen, gutbürgerlichen Stadtteil Neu-Ehrenfeld, liegt aber abseits vom beliebten Wohngebiet im Niemandsland zwischen Liebig- und Innerer Kanalstraße. Immerhin stinkt es hier nicht mehr nach Schlachthof-Abfällen wie noch vor zwanzig Jahren. Die Fleischversorgung Köln, unmittelbarer Pascha-Nachbar, hat mittlerweile den Betrieb eingestellt.

 

 

 

 

Eine Begegnung mit der Frau Keuner: Die unannehmbaren Rechenfehler der Gesundheitsaufklärer

 

 

 

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner.

Sie kommt mir am Siedlungeingang Kempener Straße entgegen und guckt ziemlich bedient. „Ich wollte einen Aschenbecher kaufen“, sagt die Frau Keuner. „Für wenn Raucher zu Besuch kommen. Bekloppte Idee. Meine Oma hatte einen aus Meissner Porzellan, mit Goldrand und Blümchenmuster. Der stand nur in der Vitrine, aber sowat von schön. Aber heute traut man sich nicht mal mehr, im Laden nach nem Aschenbecher zu fragen. Als hätte man wat Verbotenes vor. Ich war im Kaufhof und hab eine Kundin gefragt, ob sie nicht vielleicht weiß, wo die Aschenbecher stehen. Die wollte wissen, ob ich Raucherin bin. Bin ich nicht, hab ich der gesagt, ich brauche den Ascher für meine Gäste. Wenn die schon auf den Balkon müssen zum Rauchen, dann sollen die es wenigstens schön haben. Und weißt du, wat die da gesacht hat? Den Gästen einen Aschenbecher anbieten ist Beihilfe zum Selbstmord. Hömma, die Leute sind doch total durchgeknallt. Die Frau hat mir den Tedi empfohlen. Ich bin dann dahin. Total unaufgeräumter Laden, schlimmer als der Schlecker, und guck mal, wat die da verkaufen. Geisterbahn-Interieur. Kann man sich doch nicht ins Wohnzimmer stellen.“ Die Frau Keuner hält mir ein Foto unter die Nase: „Is dat nicht furchtbar?“

Tedi, Nippes, Neusser Straße. Überall ist Geisterbahn…

„Unser Haus brennt“, sagt die Frau Keuner. „Aber die Greta Thunberg würde niemals behaupten, dass unser Haus brennt, weil die Leute rauchen. Die Raucher schaden sich vielleicht selber, aber doch nicht uns allen. Die tragen nicht zur Klimakatastrophe bei.“ Sie bückt sich ächzend und pickt eine leere Zigarettenpackung vom Boden. „Lungenkrebs-Originalfoto. Wie kann man denn den Menschen solche Ekelbilder vor den Latz knallen?“

Ich habe die Schachtel mitgenommen und abfotografiert.
Bild und Text sind übrigens keine deutsche Erfindung. Die Europäische Kommission hatte dieses und andere Motive ihren Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt und ihnen bereits 2004 „angeboten“, die Bilder zu verwenden. Vorauseilend gehorsam war Belgien das erste EU-Land, das Zigarettenschachteln mit den abschreckenden Motiven bedruckte. Seit 2016 ist der Abdruck der Schock-Bilder Pflicht. Die abschreckenden Bilder müssen seitdem zusammen mit textlichen Warnungen, die schon 2003 verpflichtend wurden, mindestens zwei Drittel der Vorder- und auch der Rückseite der Zigarettenpackungen einnehmen.

„Was gibt denen das Recht, sich so daneben zu benehmen?“ fragt die Frau Keuner. „Muss die deutsche Gesundheitspolitik denn alles nachbeten, was von der EU kommt? Früher dachte ich, die Verantwortlichen in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind gebildete Leute, aber dat sind nur primitive Gemüter.“

„Das sehe ich ein bisschen anders“, wende ich ein. „Während der Aids-Krise hat die Bundeszentrale gute Aufklärungsarbeit geleistet. Die BZgA hat dafür gesorgt, dass die Ansteckungen weniger wurden, hat erklärt, wie man sich schützt und dass man sich nur über einen intensiven Körperkontakt anstecken kann. Das war doch gut.“

„Das war doch gut, so guuuuut“, äfft die Frau Keuner mich nach. „Aber Herzchen, das war auch gut, aber ist lange her. Da war noch die Rita Süssmuth Gesundheitsministerin. Da hatten wir noch nicht diesen autoritären Business-Gockel, wie heißt der noch, diesen Hahn, diesen… Du bist blauäugig, du mit deinem Reihenhäusken. Ich weiß ja, du gehst zum Billigfriseur auf der Neusser Straße und lässt dir da ne 0815-Tarnkappe verpassen, und dann erzählst du mir von deinen Second-Hand-Schnäppchen, da war doch dieses René-Lezard-Jäckchen für zwei Euro von Humana, dabei könntest du dir brandneue Designer-Klamotten leisten. Jetzt biste eingeschnappt, wa? Hab ich einen wunden Punkt erwischt?“

„Nein“, jammere ich, doch die Keuner macht weiter: „Luxusmieze. Du bist nicht gezwungen, den Billigeinkauf beim Lidl zu machen. Nitritpökelsalzverunreinigte Wurst kaufen oder Schweinebraten aus Massentierhaltung. Du doch nicht, nein, du gehst wie alle diese Besserverdienenden in den Alnatura, du kaufst nur Fleisch von Tieren aus „artgerechter Haltung“. Wenn ich das Wort schon hör. Schlachten ist immer brutal. Natürlich kriegen artgerecht gehaltene Tiere besseres Futter. Der Hänsel im Märchen auch, der kriegt nach mageren Jahren endlich lecker zu essen. Doch davon wird er leider selber lecker.“

Auf den Schnuller geklebte Kippe: EU-Werbe-Hänsel.
Meiner Meinung nach werden hier rauchende Eltern (und deren Kinder) denunziert. Auch wenn das alberne Bild ein Fotoshop-Produkt ist: Wo bleibt da der Kinderschutz?

Mit einem Mal wird die Frau Keuner weich: „Lass dich mal in den Arm nehmen.“ Sie drückt mich. „Haste du ein Taschentuch für mich?“ Hab ich. „Wir wissen doch alle, dass Rauchen eine Hauptursache für Lungenkrebs ist“, sagt die Frau Keuner. „Aber das da ist keine Aufklärung, sondern Meinungsmache. Das ist ein Angriff auf die Raucher, auf die Krebskranken, aber auch auf die Alten, denn die meisten Kranken sind ja alt. Meine Tante hat Lungenkrebs. Die ist 78 und hat nie geraucht, und viele ihrer Mitpatientinnen auch nicht. Und jetzt…“

„Und jetzt?“, frage ich, denn die Frau Keuner sagt nichts mehr. „Und jetzt?“, wiederhole ich. „Na ja“, sagt die Frau Keuner. „Die kranken Frauen fühlen sich missachtet. Jetzt haben sie sich zusammengesetzt und recherchiert und gerechnet. Es klingt ja überzeugend: Rauchen verursacht 9 von 10 Lungenkarzinomen. Aber es ist eine Fehlinformation. Denn was haben die Frauen rausgekriegt? Dass die Gesundheitsaufklärer uns nicht die Wahrheit erzählen. Die Experten können nicht rechnen. Selbst wenn 9 von 10 Lungenkrebskranken rauchen oder geraucht haben, ist das Rauchen nicht unbedingt die Ursache für deren Krebs und schon gar nicht die einzige. Und guck mal auf die Frauen. Unter 10 Frauen, die an Lungenkrebs erkranken, sind überhaupt nur sechs Raucherinnen. Dass Rauchen 9 von 10 Lungenkarzinomen verursacht, stimmt also hinten und vorne nicht.“

Ich denke kurz nach und kann nur nicken. „Aber weißt du, was besonders traurig ist?“, sagt die Frau Keuner. „Dass die Enkel einen Bogen um meine Tante machen. Ich würde die Frieda so gerne einmal drücken, hat meine Tante gesagt, aber die will nicht. Ich bin doch nicht ansteckend, aber die Frieda ekelt sich vor mir. Sie hat diese furchtbaren Bilder im Kopf.“

 

 

 

Netto, Merheimer Straße, 9.12.2019.
Hier gibt es Tabak-Großpackungen mit entsprechend überdimensionalen Warnaufdrucken. Jedes Kind, das im Zeitschriftenregal nach Heftchen wie „Lillifee“ (s. oben links) sucht, wird mit den verstörenden Bildern konfrontiert.

Zum Schluss was Erfreuliches: Den Schokoladen-Weihnachtsmann in Rut-Wiess hatte ich (mit dem Rücken zum Tabak) auf den Express gestellt, damit er dem 1. FC Köln Glück bringt. Es hat geklappt. Der FC ist Ende 2019 nicht mehr auf einem Abstiegsrang.