Après-Rad: Der aktuelle Kultur-Tip für die Mußestunden nach dem Stadtradeln

Die schönste Kunst findet man seltener in den großen Galerien als in den Hinterhöfen. Ein Hinweis der Nippeser Weinhändlerin Dagmar Johanna Matthias führte mich ins Atelier von Una Sörgel. Una Sörgel, Malerin und Bühnenbildnerin mit bewegter Geschichte, malt mit Wein. Ein kleine Ungeschicklichkeit bei einer abendlichen Mahlzeit hat Una Sörgel auf die Idee gebracht. Da ein Rotweinfleck auf weißem Unterleg-Papier sich nicht ausreiben ließ, hat sie einfach ein paar Tropfen hinzugegeben und das Malheur zur Methode gemacht: „Alles fließt“. Aus dem Fleck heraus entwickeln sich verschlungene Linien, sinnliche Figuren, eigenwillige Malereien mit feinen, fließenden Oberflächenstrukturen, Tentakel, die unter das Bild greifen wollen, was sag ich: Hingehen und anschauen!

Der Wein ist dabei mehr als nur Material. Tatsächlich fließt die Eigenart des Weins in diese Kunst ein: Die Traube, die Süße, die Frucht, die südliche Sonne, der Gesang der Zikaden, Geselligkeiten.

„Zeichnungen in Vinumtechnik“ heute (11.9.) noch im Rahmen der „Offenen Ateliers“ von 17.00 bis 21.00 Uhr Hogenbergstraße 1 im Hof, Köln-Nippes

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Wer will mit durch Kölle fahren?

 
Stellwerk 60 wurde gebaut auf dem Gelände eines alten Eisenbahn-Ausbesserungswerks. Wo Züge gewartet wurden, waren (und sind!) die Schienen nicht weit. Die S-Bahn fährt vorbei und sammelt am nahen Nippeser S-Bahnhof die Fahrgäste ein. Hinter den S-Bahn-Gleisen gibt es allerdings noch weitere Gleise, auch für den Güter-Verkehr. Ich wohne in Bahn-Nähe, habe mich aber längst an den dröhnenden Lärm der Güterzüge, die ab und an vorbeidonnern, gewöhnt. Doch wenn ich ihn auch kaum noch höre: der Sound der Schiene wird mir für immer im Ohr sein.
 
Am Sonntag, 11.9., gibt es die Gelegenheit zu einer Bahn-Reise in die Vergangenheit. Anlässlich des Tages des offenen Denkmals lädt das nur selten geöffnete Rheinische Industriebahn-Museum auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerkes Nippes im Stadtteil Köln-Longerich zu einem Besuch ein.  Man kann dort das Museum (Eintritt frei!) besichtigen, das unter anderem uralte Eisenbahnen beherbergt. Weitere Informationen gibt es auf der Web-Site www.rimkoeln.de, auch folgende schöne:
 

Ein besonderer Höhepunkt sind Rundfahrten mit historischen Eisenbahnfahrzeugen über die Strecke der denkmalgeschützten Köln-Frechen-Benzelrather Eisenbahn durch den Kölner Stadtwald nach Frechen. Besser bekannt auch als die Klüttenbahn.

Die Ticketpreise je Rundfahrten belaufen sich pro Person (ab 14 Jahre): In der 2 Klasse auf 12 Euro bzw. in der 1. Klasse auf 16 Euro. Kinder bis 14 Jahren fahren kostenfrei mit.

 

Team „Stellwerk 60 – SattelFest“ ist am Sonntag dabei. Treffpunkt: 13h an der Mobilitätsstation.

Bis nach Longerich dürften wir mit dem Rad etwa 20 Minuten brauchen. Dort haben wir genügend Zeit, das Museum zu besichtigen, und um 15 heißt es:

Wer will mit durch Kölle fahren?  Rückankunft gegen 16.30.
Anmelden kann man sich nicht, aber Marcel Kleppe, 1.Vorsitzender des RIM, versprach mir am Telefon, dass jeder einen Platz finden werde.
Kapitänin Annette wird voraussichtlich leider nicht mit dabei sein.
 
Herzliche Grüße und Ahoi, Teamkapitänin Lisa

Breite Unterstützung für das Projekt „Stadtkulturerbe Köln“

Am 23. Juni schrieb ich eine offene E-Mail an die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, in der ich die Erhaltung der historischen Grünanlagen einklagte und ihr vorschlug, analog zum Weltkulturerbe für Köln eine offizielle Initiative zum „Stadtkulturerbe“ einzurichten (hier im Blog zu lesen unter „Stadtschreiberin“). Diese Mail ging nachrichtlich auch an die Fraktionen, andere Politiker und die Presse. Nun hat ein großer Kreis Kölner und überregionaler Grün-Initiativen und freundlicherweise diese Forderung aufgegriffen. Der offene Brief ist hier zu lesen: http://www.gruene-lunge-koeln.de/fakten/ver%C3%B6ffentlichungen/

Hinzufügung 28.9.2016 : Ich bin als Mitglied der BI „Grüne Lunge Köln“ Mitunterzeichnerin des oben genannten offenen Briefs. Nach einer Vortrags-Veranstaltung am 27.9.2016 im „Haus der Architektur“ möchte ich mich jedoch ausdrücklich von diesem Brief distanzieren. Folgende meines Erachtens undurchdachte und alberne Behauptung der drei Initiatorinnen stand an dem Abend unwidersprochen im Raum: „Das Kölner Grünsystem erfüllt alle Kriterien, um Weltkulturerbe zu werden.“ So schön es wäre, wenn Innerer und Äußerer Grüngürtel an oberster Stelle einer noch einzurichtenden Liste „Stadtkulturerbe Köln“ stünden – „Weltkulturerbe“ ist definitiv zu hoch gegriffen.

Das Land, wo sich Kohlentrassen in Radwege verwandeln – offene Mail an die WAZ Oberhausen

Als Abonnentin der „Süddeutschen Zeitung“ habe ich am 20. August das Oberhausen-Porträt „Wat willste?“gelesen. Dieser Text bedient leider alle Vorurteile und ist zudem gespickt mit den bunten Bildern einer austauschbaren, abgedroschenen Reise-in-die-Provinz – Fotografie.
Per Internet hab ich die muntere Leser-Diskussion verfolgt. Lachen musste ich über folgende Sätze im Facebook-Eintrag von Ferdinand Tegeler: „Der Autor lebt derzeit in Köln. Das erklärt vielleicht diese geistige Entgleisung.“ Da is wat dran. Es gibt tatsächlich ein Intelligenzgefälle. Menschen aus dem Ruhrgebiet sind allerdings nicht einfach nur klüger, sondern vor allem gewitzter: Den ruhrgebietseigenen Mutterwitz, gewürzt mit einer kleinen, aber feinen Prise Galgenhumor, findet man in Oberhausen, nicht aber in Köln vor.
Ich selber lebe seit 39 Jahren in Köln, ohne verblödet zu sein. Aber anders als SZ-Autor Bernd Dörries stamme ich eben nicht aus Stuttgart, sondern aus Bottrop. „Bottrop“ als Inbegriff von „Kohlenpott“ ist allerdings für den dünkelhaften Kölner noch eine Art Steigerungsform von „Oberhausen“. Das „cz“ in meinem Namen weist zudem auf schlesische Vorfahren hin, die Bergleute waren – keine Eintrittskarte in die Räume der Hochkultur. Wenn man etwa Theaterwissenschaften oder Kunstgeschichte studiert, ist ein polnischer Name -nebst Spuren von Bottropisch im mündlichen Ausdruck- noch immer ein Handicap. Aber ich hänge an meinem Namen -wie auch am Ruhrgebiet- und habe ihn auch nach der Heirat mit einem eschten kölschen Jung mit deutschem Namen nicht abgelegt und an meine beiden Töchter weitergegeben.
Doch eines muss -wenn auch verspätet- gesagt sein. Anders als in der WAZ behauptet ist es kein „Münchener Großstadtblick“, den Bernd Dörries auf Oberhausen wirft. Auch wenn er für die SZ schreibt, tut er das als Kölner „NRW-Korrespondent“, dessen Gesichtsfeld beschränkt ist. Unter dem Beifall seiner Follower twittert Bernd Dörries am 23. August: „Ich bin heute der Aufmacher in der WAZ Oberhausen…“  Ich, Ich, Ich..
Aus eingeengter Ich-Perspektive sieht er nur das, was er sehen will. Es mangelt ihm an Phantasie und am offenen Ohr. Einem neugierigen, wachen Besucher erzählt das Ruhrgebiet seine oft wundersamen Geschichten, vielleicht auch die:
…Die Entdecker unter unseren Vorvätern und Vätern sind nicht über die Weltmeere gefahren, sondern haben Zeugnisse ferner Welten unter der Erde gefunden: Abdrücke, fossile, vorzeitliche Spuren. Manch ein Bergmann hätte die knochenharte, schweißtreibende Arbeit ohne die Hoffnung auf die Entdeckung von etwas Schönem kaum ausgehalten. Für dieses Finden und Entdecken steht im Ruhrgebiet vor allem sein Name: Arno Heinrich.
Arno Heinrich, Bergmann, archäologischer Autodidakt, Initiator und Leiter des 1961 gegründeten Bottroper Heimatmuseums (heute als „Museum für Ur- und Ortsgeschichte“ Teil des Museumszentrums „Quadrat“), hatte ein einzigartiges Gespür für verborgene Boden-Schätze verschiedener Epochen und war ein Meister darin, Fundstücke zu bergen, Verstreutes zusammen zu tragen und aufzubewahren. Bei Grabungen (vor dem Hintergrund von Bauarbeiten) im alten Emschertal fand er Tausende von eiszeitlichen Tierknochen. In Bottrop-Ebel, einem an Essen grenzenden Ortsteil, dessen Name an die Fruchtbarkeit der Emscherebene erinnert (Ebel= fruchtbares Wäldchen), entdeckte Arno Heinrich 1963 einen der größten Neandertaler-Rasthöfe….
Zurück in die Gegenwart und zurück zu Bernd Dörries, der sich bei seinen Lesern anbiedert und in deren Köpfen falsche Bilder erzeugt. So kriegt man allerdings bayrische Schenkelklopfer auf seine Seite: „Was wohl in Hamburg oder München los wäre, wenn eine offene Kloake durch die Stadt fließen würde?“
Wem zur Renaturierung der Flüsse und Bäche nichts weiter einfällt als „das am besten laufende Kooperationsmodell des Ruhrgebiets“, der ist nie wirklich hier gewesen. Als ich letzte Woche an einem Bottroper Bächlein entlang lief, einem Nebenbach der Boye, die wiederum in die Emscher mündet, war ich für Momente fassungslos vor Freude. Die namenlose „Köttelbecke“ darf jetzt nicht nur endlich wieder Bach sein, sondern trägt auch wieder ihren alten Namen: „Vorthbach“. Wer kannte den schon?
Auch wenn das Projekt nie zu Ende sein wird, weil die Bodenabsenkungen ein ewiges Abpumpen notwendig machen, auch wenn die Umgestaltung Unsummen verschluckt: Die Renaturierung der Emscher und ihrer Nebenflüsse wird von unseren Nachkommen als eines der größten Wiedergutmachungsvorhaben bezeichnet werden, als ein historischer Versöhnungsversuch, denn hier gibt man nicht nur den Menschen den Fluss zurück, sondern der Natur ihren Raum.
Ich empfinde das Ruhrgebiet als Region mit einem Gestaltungsspielraum, den es andernorts schon lange nicht mehr gibt. Ein „erschöpfter (und zugleich nervöser) Ort“ ist leider Köln. Wir erleben derzeit, dass diese Stadt gnadenlos zugebaut wird: Geld, Geld, Geld… Das Grün wird immer knapper. Selbst die denkmalgeschützten (und schlecht gepflegten) Grünanlagen des Inneren und Äußeren Grüngürtels sind von Bebauung bedroht.
Zurück ins Ruhrgebiet: Zwischen Oberhausen und Gladbeck erfüllt sich vielleicht demnächst (m)ein Kinder-Traum. Wir sind als Jugendliche gerne über die stillgelegte Flachglas-Trasse von Bottrop nach Oberhausen gelaufen, auch um das Geld für den Bus zu sparen. Es mögen 8 oder 10 Kilometer sein, das Steigen von Schwelle zu Schwelle war mühsam. Oft war es heiß und wir hatten kein Wasser dabei. Wenn du jetzt drei Wünsche frei hättest, hat mich meine Freundin Gerhild damals gefragt, was würdest du dir wünschen?
Die Antwort war pragmatisch – wie im Märchen: Was zu trinken, einen schönen Radweg und ein Fahrrad.
Alaaf und Glückauf,
Lisa Wilczok
Mitglied der Bürgerinitiative „Grüne Lunge Köln“
Stadtschreiberin der Autofreien Siedlung Stellwerk 60 in Köln-Nippes

Da simmer dabei: Stadtradeln 2016

 
Zwischen dem 5. und 25. September nimmt Köln zum ersten Mal am Projekt Stadtradeln teil.
Da simmer dabei: Stellwerk 60 – SattelFest, offenes Team der autofreien Siedlung Köln-Nippes.
Stadtradeln ist eine moderne Variante der friedlichen Groß-Demonstration: Wir Kölner zeigen, dass uns ein Leben ohne Auto richtig in Bewegung bringt.
Für die meisten Bewohner der Autofreien Siedlung ist das Auto die Notlösung, innerhalb der Stadt fahren wir am liebsten per Bahn, Bus oder Fahrrad. Interessant wird sein, einmal die mit dem Fahrrad zurückgelegten Kilometer zu zählen. Über den Zeitraum von drei Wochen notieren wir alle Kilometer, die wir erradeln (auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Kindergarten, zum Einkaufen, zum Kino, Theater, zum Rhein etc.), und präsentieren das Ergebnis im Internet.
 
Das Ziel von Stellwerk 60 – SattelFest ist es, eine große Teilnehmergruppe auf die Beine zu stellen bzw. auf den Sattel zu setzen und gemeinsam auf möglichst viele Kilometer zu kommen.
Nicht nur Bewohner der autofreien Siedlung, sondern auch Freunde, Verwandte, Sympathisanten und alle Kölner Grünschützer können sich der Gruppe anschließen.
Auch unsere großen und kleinen Kinder können mitradeln -per Laufrad, per Dreirad, per Zweirad. Bei der Fahrt mit dem Tandem werden alle Kilometer doppelt gezählt.
Geplant sind überdies gemeinsame Wochenend-Radtouren zum Thema Grünschutz. Unter anderem wollen wir Entdeckungsfahrten unternehmen ins denkmalgeschützte Kölner Grün, insbesondere in die von Bebauung bedrohten historischen Anlagen des Inneren und Äußeren Grüngürtels.

Teamkapitäninnen sind Annette Dauberschmidt und Lisa Wilczok.

Hier meldet man sich an und erhält weitere Informationen:

 

 

Wat is dat denn?

Supermarkt-Platzhirsch REWE ist allein am Nippeser Teilstück der Neusser Straße gleich dreimal vertreten. Hier tragen Lebensmittel der Eigenmarke „Feine Welt“gerne exotisch klingende Namen: Ein Schoko-Brotaufstrich heißt bei REWE nicht einfach „Nutella“, sondern „Dunkles Geheimnis“, und ein schlichtes (leckeres!) Speiseeis „Sanfte Verführung“. Aber nicht nur sprachlich steht REWE für ein Zuviel, sondern auch beim Beitrag zu unser aller Verpackungsmüll.

Was also bedeutet die Aktion „REWE schafft die Plastiktüten ab“? Wird bei REWE jetzt an Verpackung gespart? Mit Frischhalte-Dosen ausgerüstet betrete ich die Filiale. Doch im Verkaufsraum ist alles wie immer. In der Gemüseabteilung gibt’s abreißbare Plastiktüten für Obst und Gemüse. Das Wochen-Angebot lockt mit Rinderrouladen, keimfrei auf Saugeinlagen gebettet und lebensmittelecht schaumstoffverpackt.

Erst an der Kasse bemerke ich eine Veränderung. Statt Plastiktragetaschen gibt es nur noch Papiertüten und Pappkartons. Offenbar ist „REWE schafft die Plastiktüten ab“ Augenwischerei. Korrekt müsste die Aktion heißen: „REWE schafft die Plastik-Tragetaschen ab“ oder „REWE macht die Kassen plastiktaschenfrei“ . Diese schlichte Wahrheit lässt sich allerdings nicht gut verkaufen.

Im dunklen Abseits des Ladenlokals mache ich eine Entdeckung. Neben dem Feuerlöscher sind zweiteilige Papp-Behälter mit rotem REWE-Aufdruck zu einem Turm aufgebaut.

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„Spaghetti-Kürbis, 1.99€“

Ich sehe weder Produktbezeichnung noch Preis, nehme einen Doppel-Karton, gehe zurück zur Kasse und frage, was das darstellen soll.

„Wat is dat denn?!“ Die Kassiererin ist gerade aus dem Urlaub zurück und weiß nicht Bescheid. Auf meine Bemerkung „Könnten Fahrrad-Satteltaschen sein“ und den Hinweis, dass es in der Nähe eine autofreie Siedlung mit entsprechender Kundschaft gibt, zuckt sie die Schultern und schüttelt den Kopf: „Es regnet so viel, da geht das doch direkt kaputt.“ Auch die Kollegin kann nicht weiter helfen, weiß aber, dass die Kartons erst wenige Wochen zuvor kommentarlos geliefert wurden. Auf meine Frage nach dem Preis zieht sie den Scanner über den Strichcode und lacht: „Spaghetti-Kürbis, 1.99€“.

Der Film ist da: Stellwerk 60 im koreanischen TV

Nach dem Besuch der koreanischen Korrespondentin Chi-Suk Kim im Mai ist jetzt ihr Beitrag im koreanischen Fernsehen gelaufen. Der Sender KBS 1TV ist die älteste öffentlich-rechtliche und größte Rundfunkanstalt in Südkorea. Im Magazin „creative“ wird die autofreie Siedlung Stellwerk 60 als Vorzeigeprojekt einer ökologischen und bürgernahen Stadtplanung vorgestellt. Der Bericht konfrontiert das koreanische Publikum mit dem für das traditionelle Deutschlandbild der Koreaner überraschenden Umstand, dass im Autoland Deutschland auch ein autofreies Leben mitten in der Stadt möglich und offensichtlich politisch erwünscht ist.

Der Zuschauer erfährt, dass das Projekt als preiswürdiger Ort im „Land der Ideen“ ausgezeichnet worden ist; Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Köhler sind als staatliche Repräsentanten zu sehen. Der gut 5-minütige Beitrag ist koreanisch, aber die deutschen Wortbeiträge sind nicht synchronisiert, sondern untertitelt. Daher kann man das meiste auch ohne koreanische Sprachkenntnisse verstehen.

Stellwerk60autofrei proudly presents:

Kleine Ergänzung 2021: Durch einen „Umzug“ zwischen zwei YouTube-Kanälen war dieser Film vorübergehend verloren gegangen bzw. unter der alten „Adresse“ nicht mehr aufrufbar. Er hatte bis Anfang 2021 etwa 1300 Aufrufe, was sich jetzt auch nicht mehr „belegen“ lässt. Aber der muntere Film hat den „Ortswechsel“ unbeschadet überstanden!

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin -offene Mail

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
aus Liebe zu ihrer Stadt sind -wenn es Not tut- viele Kölnerinnen und Kölner (beinahe) zu allem bereit. Derzeit erleben wir den starken Auftritt von Bürgerinitiativen, die sich für den Schutz des öffentlichen Lebensraums einsetzen, insbesondere der historischen Grüngürtel-Anlagen. In Lindenthal wehrt sich „Grüngürtel für alle“ gegen Expansionsbestrebungen der 1.FC Köln GmbH & CO. KG. Mitten im Äußeren Grüngürtel sollen zur Förderung des Profi-Nachwuchses Kunstrasenflächen mit Umzäunungen und Flutlichtanlagen sowie Gebäude errichtet werden: Eine tiefgreifende Landschaftszerstörung auf Kosten des Breitensports und der Naherholung.
In Nippes erregt die „Grüne Lunge Köln“ Aufsehen. Am Rand des 60-Viertels wehren sich Mitglieder des Vereins Flora gegen die drohende Bebauung einer großen Fläche des Inneren Grüngürtels und den damit verbundenen Abriss der historischen, denkmalgeschützten Kleingartenanlage mit 322 intensiv genutzten Parzellen. Mit der Bewirtschaftung ihrer Kleingärten leisten hier Menschen aus verschiedenen Kulturen und aller Altersstufen Naturschutz und lebendige Denkmalpflege. Die Abriss-Drohung hat den Zusammenhalt vertieft und kreative Energien freigesetzt. Bewährte politische Aktionsformen wie Plenum und Infostände sichern die Arbeit vor Ort. Per E-Mail und Facebook geht man an die Öffentlichkeit und knüpft überdies direkten Kontakt zur Politik. Die Zusammenarbeit läuft zügig und effektiv: Die Bezirksvertretung Nippes sowie die Ratsfraktionen von CDU und Grünen stehen bereits hinter der Initiative. Innerhalb weniger Wochen wurden per Online-Petition fast 16.000 Unterschriften gesammelt.
Es geht um die Rettung einer für das städtische Klima in mehrfacher Hinsicht bedeutsamen Grünfläche. Wir alle kennen den berühmten Satz von Martin Luther: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Allerdings stellt sich gegenwärtig nicht mehr die Frage, ob ich ein Bäumchen pflanze, sondern: Wohin?
Nicht nur für die Bewirtschafter der Kleingärten, sondern für viele Kölner sind diese Pläne ein Alptraum. Warum will die Stadt ausgerechnet den Inneren Grüngürtel bebauen, der doch zu Köln gehört wie der Dom? Der Grund sind die günstige Lage und eine fragwürdige Zahl. Das Statistische Landesamt NRW prognostiziert einen Anstieg der Kölner Einwohnerzahl auf über 1.200000 im Jahr 2040. Bis zum Jahr 2029 sollen 66.000 neue Wohnungen her.
Köln braucht neue Wohnungen, aber gewiss nicht in diesem Umfang. Andere Berechnungen prognostizieren ein deutlich geringeres Bevölkerungswachstum. Doch wie kommen die überspannten Zahlen zustande?
Die Statistiker des Landesamtes arbeiten nach der sogenannten Komponentenmethode, einem schlichten, abstrakten Verfahren. Das Bevölkerungswachstum wird ermittelt, indem man bestimmte Komponenten berücksichtigt: Alter und Geschlecht der Ausgangsbevölkerung, zu erwartende alters- und geschlechtsspezifische Trends der Fruchtbarkeit, Sterblichkeit, Zu- und Fortzüge. Auf Grundlage der ermittelten Daten wird hochgerechnet.
Diese Prognosen sind ortsfremd und wirklichkeitsfern. Dass sie sogar fahrlässig sind, zeigt ein Blick ins Ruhrgebiet. Hier sollen laut Landesamt-Berechnungen selbst die kreisfreien Städte massiv schrumpfen. Die Einwohnerzahl der Stadt Oberhausen fiele demnach im Jahr 2040 unter die Marke von 200.000. Die Stadt Bottrop (deren Arbeitslosenquote im Mai 2016 mit 7,6% deutlich unter der von Köln lag!) wird laut Statistik im Jahr 2040 8,8% weniger Einwohner haben. Die Prognose missachtet, dass es sich im Neu-Land an der Emscher mittlerweile wunderbar leben lässt, insbesondere für junge Familien. Würde die Kommunalpolitik des Ruhrgebiets auf die Landesamt- Statistik vertrauen, müsste sie zukunftsweisende Projekte wir Innovation City und das grandiose Jahrhundert-Vorhaben Emscher-Renaturierung massiv herunterfahren. So überraschend es klingen mag: Ausgerechnet im durch den Steinkohle-Abbau schwer in Mitleidenschaft gezogenen Ruhrgebiet arbeitet die Politik nicht nur (viel zu bescheiden!) an der Verbesserung des Images, sondern höchst erfolgreich an der Neu-Schaffung und Sicherung von etwas, das es in Köln bald vielleicht gar nicht mehr gibt: Luft zum Atmen und öffentliches Grün.
In Köln-Nippes ist längst einiges aus der Balance geraten. Hier zeigt sich, welche Folgen eine überhöhte Verdichtung haben kann. Allein durch die beiden Neubausiedlungen auf der alten Eisenbahnausbesserungsanlage ist die Einwohnerzahl im letzten Jahrzehnt um einige Tausend gewachsen. Aber gerade der erhoffte Kinderreichtum wird derzeit zum Problem: Schon Grundschulkinder, darunter viele aus den neuen Siedlungen, müssen auf die Schulen der Nachbarstadtteile ausweichen.
Aber es gibt noch einen weiteren, zwingenden Grund, warum man Nippes nicht weiter großmaßstäbig bebauen darf: Das Wasser, das „Prinzip aller Dinge“, das zum Problem werden kann. Große Gebiete unseres Rhein-nahen Stadtteils (auch das Bau-Gelände der ehemaligen Gummifabrik Clouth!) sind hochwassergefährdet. Zudem kann das bestehende Kanalisations-System weitere Abwässer kaum aufnehmen. In Zukunft müssen wir (wie in diesen Tagen!) vermehrt mit Klimaextremen rechnen. Im Sommer 2014 brachte ein Unwetter im wahrsten Sinne des Wortes mitten in Nippes das Fass zum Überlaufen: Bei Starkregen-Fällen im Juli 2014 sind (während der Sommerferien!) in der autofreien Siedlung Stellwerk 60 zahlreiche Keller vollgelaufen. Das Rückstaubecken am östlichen Siedlungseingang konnte die Mengen an Wasser nicht fassen. Statt in den alten Ortsteil abzufließen, staute sich das Wasser und verursachte neben ideellen Verlusten einen Versicherungsschaden, der in die Hunderttausende ging.
Die „Grüne Lunge Köln“ hat noch einen zweiten, untergründig mitschwingenden Namen, den Sprecherin Barbara Burg, Grande Dame der Bewegung, für die Initiative geprägt hat: „Adenauers Erbe(n)“. Denn der Innere Grüngürtel ist Teil eines historischen städtebaulichen Projekts. Mit Blick auf die Zukunft der Kommune entstanden in den Zwanzigerjahren unter Oberbürgermeister Konrad Adenauer der Innere und der Äußere Grüngürtel auf dem Gebiet ehemaliger Festungsanlagen. Adenauer hat schon vor bald hundert Jahren vorausschauend auf die Balance geachtet: Man kann kein Städtewachstum planen ohne die zeitgleiche Planung von Freiflächen.
Dieses Erbe gilt es – auch in Verantwortung für zukünftige Generationen- zu schützen und zu bewahren. So überraschend es klingen mag: Konrad Adenauer, Katholik und Konservativer, erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, hat in weiser Voraussicht bereits Anfang der 1920er Jahre den Grundstein für eine ökologisch orientierte Kommunalpolitik gelegt. Was Adenauer 1955 sagte, klingt noch und gerade im 21. Jahrhundert brennend aktuell: „In unserem Jahrhundert der Technik ist der Zusammenhalt der Kräfte, die sich noch der Erde und den sichtbaren Schöpfungen Gottes verpflichtet fühlen, von besonderer Bedeutung.“
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, als aus dem Ruhrgebiet stammende Wahl-Nippeserin habe ich in Stellvertretung vieler Kölner Bürgerinnen und Bürger einen Vorschlag zu machen: Analog zum Weltkulturerbe möge die Stadt Köln ein Stadtkulturerbe/Stadtnaturerbe einrichten. In Verbindung von Kultur und Natur gehört das Kölner Grüngürtel-System auf den ersten Platz einer noch einzurichtenden Liste.
Der Masterplan nennt den Inneren Grüngürtel „Central Park für die Kölner Bürger“. Im Nippeser Teilstück, dem zukünftigen „Bürgergarten“, bilden laut Masterplan neben den Sportflächen die Kleingärten die Kernelemente des Raums.
Ich bitte Sie, sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, die Bebauung des Bürgergartens und die damit einhergehende Versiegelung einer der letzten noch vorhandenen Versickerungsflächen nicht zuzulassen.
Beim Wohnungsbau – so sagten Sie am 2.9.2015 bei der Veranstaltung „Baukulturelle Prüfsteine zur OB-Wahl“- ist es zudem unumgänglich, die Folgen des Klimawandels zu berücksichtigen: „Wir müssen allerhöchsten Wert darauf legen, dass wir die Frischluftschneisen erhalten… und dass wir die Gebiete, die uns im Masterplan gezeigt werden, schützen.“
Liebe Frau Reker, ich freue mich, Sie als Oberbürgermeisterin zu haben.
Herzliche Grüße,
Lisa Wilczok
Stadtschreiberin der Autofreien Siedlung Stellwerk 60, Köln-Nippes

Besuch aus dem Land der Morgenröte

Kürzlich war ein koreanisches Filmteam zu Gast in der autofreien Siedlung. Unter dem schönen Titel „Besuch aus dem Land der Morgenröte“ berichtete das Stadtteilmagazin „Für Nippes“ darüber. Da der Besuch mit dem Redaktionsschluss für die Juni-Ausgabe zusammenfiel, leider nur in einer Kurzversion. Hier der ungekürzte Artikel:
Derzeit arbeitet Fernseh-Autorin Chi-Suk Kim an einer Dokumentation für den südkoreanischen Sender KBS, die im Juni ausgestrahlt wird. Thema: „Nation Branding“. Es geht darum, Deutschland in Korea noch bekannter zu machen. Ein Thema wird die Kölner Autofreie Siedlung sein. Auf die Frage „Was interessiert an Stellwerk 60?“ erzählte Frau Kim, dass die Koreaner nicht nur von deutschen Autos beeindruckt seien. Deutschland stehe für ein außergewöhnlich hohes ökologisches Bewusstsein und für Innovationsfreude, was die Förderung erneuerbarer Energien angeht. Der kurze Film dürfte dazu beitragen, Stellwerk 60 als deutsches Projekt einer gelungenen ökologischen Erneuerung international bekannt zu machen.
Einige Bewohner der Siedlung begleiteten Frau Kim und ihren Kameramann bei einem besonderen Rundgang. Man flanierte über Straßen und verwinkelte Wege, stieg in die (preisgekrönten) Fahrradkeller und wurde für den filmischen Überblick sogar auf private Dachterrassen gelassen.
Am frühen Morgen waren nur die Katzen draußen, so begann der Rundgang besinnlich. Bewohner von Stellwerk 60 hatten vor der KiTa „Alte Kantine – Lummerland“ einen Frühstückstisch aufgebaut. „Siedler“ Jan Tengeler, Musiker und Co-Autor des Films „Sound of Heimat“, der weltweit in Goethe-Instituten gezeigt wird, hatte sein Akkordeon dabei und stiftete spontan zum Mitsingen an: „Komm, lieber Mai, und mache….“ und „Die Gedanken sind frei.“
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Sounds of Heimat; Foto: Nachbarn60

Im Laufe des Tages wurde die Siedlung immer belebter, nicht nur durch die unzähligen spielenden Kinder. Stellwerk 60 zeigte sich bei bestem Wetter von der Sonnenseite und zog Besucher aus ganz Nippes an, die die autofreien Straßen auch als „Teststrecke“ nutzten. An Christi Himmelfahrt konnte man eine ganze Bandbreite an Fortbewegungsmitteln bewundern, die nur durch Menschenenergie in Gang gesetzt werden: Rollstühle, Kinderwagen, Inliner, Go-Karts, Liegeräder, Einräder, Tandems, Behinderten-Dreiräder, Skateboards und Nordic Skates. Kein Wunder, dass Frau Kim die Siedlung als Park wahrnahm.
Es war ein Tag der deutsch-koreanischen Freundschaft. Frau Kim und ihr Kameramann freuten sich auch über die Einladung zum gemeinsamen Mittagessen. Im Stellwerk 60 – „Speisewagen“ wurde eine Spargelcremesuppe serviert, die Dagmar Johanna Matthias vom „Weinhaus im Viertel“ eigens für den Besuch gekocht hatte.
(Nebenbei bemerkt: Im „Weinhaus im Viertel“ gibt es eine Sommer-Aktion: Man kann -in illustrer Runde am großen Verkostungstisch-  zwischen 12h und 14h zu einem Glas Wein oder Traubensaft sehr leckere, täglich wechselnde Suppen probieren!)
Für den Kameramann, der aus Seoul angereist war, war die Spargelcremesuppe eine exotische Speise. Spargel, erklärte Frau Kim, die in Berlin lebt, sei in Korea (noch) weitgehend unbekannt, da das Gemüse dort nicht nicht angebaut werde.
Die Pariser Prachtstraße Champs-Élysées war am 8. Mai auf einer Strecke von 1,23 Kilometern erstmalig Fußgängerzone. In Zukunft soll die vierspurige Straße jeden ersten Sonntag im Monat autofrei sein –  In Stellwerk 60 heißt es immer: Alle Straßen frei für Fußgänger!
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Umgestiegen: Chi-Suk Kim und Hans-Georg Kleinmann; Foto: Nachbarn60

Porträt der autofreien Siedlung Stellwerk 60 in Köln-Nippes (Ort im „Land der Ideen“ 2007)

In den Jahren 2006 bis 2012 prämierte die von der Bundesregierung und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gegründete Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ mit dem Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ insgesamt mehr als 2500 Ideen und Projekte, die einen „nachhaltigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ geleistet haben.

Stellwerk 60, Kölns erste autofreie Siedlung, wurde am 18. September 2007 ausgezeichnet (s. Tafel am Eingang Wartburgplatz). Damals hatte der Geschäftsführer des Bauträgers Kontrola, Markus Schwerdtner, den Pokal entgegengenommen. Jetzt ist zwar nicht der Pokal, aber der Staffelstab bzw. das Mikrofon an uns Bewohner übergegangen. „Land der Ideen“ fragt „Was wurde aus… Stellwerk 60?“ und gibt einer Bewohnerin und einem Bewohner im Interview die Gelegenheit zu berichten, wie sich die autofreie Siedlung seit der Preisverleihung entwickelt hat:

www.land-der-ideen.de/presse/meldungen/was-wurde-aus-autofreien-siedlung-stellwerk-60

Ergänzung 2019: Leider ist der Artikel stillgelegt. „Land der Ideen“ hat neuerdings nicht nur eine geglättete, stinklangweilige Internet-Seite, sondern offenbar auch ein neues Konzept.
Noch vor drei Jahren hatte man folgende Frage gestellt: „Was wurde aus den prämierten Projekten?“ Das gab den Beteiligten die Möglichkeit, sich an die Geschichte des Projekts zu erinnern und davon zu erzählen.
Heute sind Erinnerung und Geschichte weitgehend tabu. Die Interesse bekundende, im besten Sinne neugierige Frage „Was wurde aus…?“ zählt nicht mehr. Was zählt, sind „Erfolgsgeschichten“ –  So heißt die neue Rubrik.
 
Doch bei genauerem Betrachten findet man noch einen kleinen Hinweis auf das Projekt. Eine letzte Spur: 
 
 
Wir vom Verein Nachbarn60 hatten damals die Freiheit, all das mitzuteilen, was wir über die autofreie Siedlung Stellwerk 60 mitteilen wollten. Das Interview, das weitgehend in Eigenregie entstand, wurde von „Land der Ideen“ behutsam und klug korrigiert.
In meinen alten Mails habe ich zum Glück das komplette Interview (inklusive Fotos) gefunden. Hier zum ersten Mal in der Urfassung vom Januar 2016:
 
 
 
Ausgewählter Ort“ des Jahres: 2007
Name des ausgezeichneten Projekts: Stellwerk 60
Initiator: Arbeitskreis Autofreie Siedlung, gegr. 1994
Projektentwickler: Kontrola Treuhand Gmbh&Co. KG (seit 2010: Bouwfonds/jetzt BPD)
 
 
 
Name der Interviewpartner:
Hans-Georg Kleinmann
Funktion: Vorstandsmitglied des Bewohnervereins Nachbarn60 e.V. ; Mitglied des Arbeitskreises Autofreie Siedlung
 
Lisa Wilczok
Funktion: Mitglied bei Nachbarn60; Gründerin der Öffentlichkeitsinitiative „SiedlerSechzig“
 
 
Interview: Was wurde aus… dem Projekt „Stellwerk 60“?
 
 
Mit 455 Wohneinheiten und über 1.500 Bewohnerinnen und Bewohnern ist die Kölner autofreie Siedlung Stellwerk 60 die größte in Nordrheinwestfalen, als Siedlung mit ausschließlich autofreiem Gelände sogar die größte in Deutschland. Hans Georg Kleinmann, selber „Siedler“, gehört zu den Pionieren einer Bewegung, die in den 1990er Jahren bundesweit ihren Anfang nahm. In verschiedenen deutschen Großstädten bildeten sich Arbeitskreise und Initiativen, in denen Konzepte zum autofreien Wohnen und konkrete Siedlungsentwürfe erarbeitet wurden. Nach jahrelanger Vorarbeit wurde in Köln-Nippes mit Stellwerk 60 einer dieser Entwürfe verwirklicht.
Hans-Georg Kleinmann ist seit 1996 Mitglied des Kölner Arbeitskreises „Autofreie Siedlung“ und Vorstandsmitglied des Siedlungs-Vereins „Nachbarn60“.
Lisa Wilczok ist im Jahr 2006 zufällig auf Stellwerk 60 gestoßen, als sie für ihre Familie eine größere, innenstadtnahe Wohnung gesucht hat. Sie hält das zukunftsweisende Projekt für so gelungen, dass man -so sagt sie augenzwinkernd- Stellwerk 60 schon jetzt komplett unter Denkmalschutz stellen müsste.
Beide erzählen, wie sich das Projekt seit der Preisverleihung entwickelt hat.
 
 
Stellwerk 60 – „Das Plagiieren unserer Idee ist ausdrücklich erwünscht!“
 
 
Vor acht Jahren wurde das Projekt „Stellwerk 60“ als „Ausgewählter Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet. Wie hat sich das Projekt seitdem entwickelt?
 
Hans-Georg Kleinmann: 2013 wurden die letzten Mehrfamilienhäuser gebaut und bezogen, so dass die Bebauung nunmehr abgeschlossen ist. Die Kinder können gefahrlos auf den Straßen spielen. Alle Wege und Straßen sind jetzt offiziell Fußgängerzone, dürfen aber auch mit dem Fahrrad befahren werden. Ebenso ist der Anlieferverkehr frei, für den allerdings jeweils eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden muss. Übrigens sind lediglich drei Straßen asphaltiert und können überhaupt von größeren Wagen befahren werden, etwa der Müllabfuhr, alle anderen Wege sind nur gepflastert. Eine ungehinderte Zufahrt haben natürlich auch Notarzt- und Feuerwehrwagen.
 
Lisa Wilczok: Jetzt, wo nicht mehr gebaut wird, gehört Stellwerk 60 endlich uns, ob wir zu den 80% Mietern gehören oder ein Haus oder eine Wohnung gekauft haben.* (Ergänzung am Ende des Beitrags) Die Siedlung ist zwar von einer Bürgerinitiative initiiert und konzipiert, aber letztendlich von einem Bauträger entwickelt und vermarktet worden. Mein Mann und ich haben unser Reihenhaus in einer Art Katalog ausgesucht. Dass man eine Ausnahmeimmobilie „von der Stange“ kauft, noch dazu seiner Kinder Elternhaus, also mehr als eine Lebensabschnittsbehausung, hat sich schon etwas merkwürdig angefühlt. Mittlerweile sind die Gewährleistungszeiten des Bauträgers auf alle 73 Einfamilienhäuser abgelaufen, was ich, da sich der Bauträger ohnehin gerne aus der Verantwortung gezogen hat, als echte Befreiung empfinde. Wir Hauseigentümer sind keine Kunden mehr, sondern Bewohner. Das Projekt hat Patina gekriegt, die Hecken sind gewachsen, die Sträucher und Bäume. Im Sommer ist es hier so grün und blühend wie sonst nur am Stadtrand.
Es gibt keine Auto-Tiefgaragen, für deren Bau man tief und großräumig in den Erdboden vordringen muss, und weder mehrspurige Straßen noch bunt leuchtende Ampeln. Die Natur „bedankt“ sich dafür, nicht nur die hier zahlreichen Fledermäuse. Auf dem Brachland der ehemaligen Eisenbahnausbesserungsanlage hatten sich viele Singvögel angesiedelt, die nach Abschluss der Bebauung, wie es im Frühlingslied anklingt, „alle wieder da“ sind. Es gibt kaum ein Reihenhaus, wo im Efeu oder in den Blumenkübeln nicht die Amseln nisten, die von Bewohnern aufgehängten Meisenkästen werden lebhaft genutzt. Im Sommer huschen Igel durch die Gärten und jetzt im milden Winter die Mäuse – als Schmaus für die Katzen, die ungefährdet über die Straßen und Wege laufen.
 
Kleinmann: Stellwerk 60 ist in Nippes angekommen. Viele Bewohner sind sportlich aktiv, vor allem im Eisenbahner-Sportverein Olympia, dessen alte Halle direkt neben der Siedlung liegt. Einige Nachbarn sind dort ehrenamtliche Jugendfußball- und Tischtennistrainer. Aber im Zentrum steht der Fußball. Ein bisschen übertreibend sage ich: Alleine die Jungs aus der Siedlung stellen komplette E-und D-Jugend-Mannschaften.
 
Wilczok: Was den täglichen Bedarf angeht, kann man in Nippes fast alles kaufen. Auf dem Siedlungsgelände gibt es einen Laden, wo man auch am Sonntag frische Milchprodukte kriegt. Ansonsten kauft man im Stadtteil ein, zahlreiche Geschäfte, ein traditionelles Kaufhaus und der tägliche Wochenmarkt sind zu Fuß in weniger als zehn Minuten erreichbar. Nippes ist ein kölsches Multikulti-Veedel, hier findet man keine Nobel-Boutiquen, aber einen guten alteingesessenen Schuster und einige Änderungsschneidereien. Es gibt türkische Lebensmittelgeschäfte, eine Bäckerei mit köstlichen Brot aus eigener Backstube und ein bestens sortiertes Viertel-Weinhaus. Hier wie dort gehören Nachbarn aus Stellwerk 60 längst zur Stammkundschaft. Der Nippeser Karnevalszoch, einer der größten Viertelszüge in Köln, läuft am Karnevalsdienstag in unmittelbarer Nähe an der autofreien Siedlung vorbei.
 
Was waren die größten Erfolge?
 
Kleinmann: Der größte Erfolg war und ist das gute soziale Klima. Natürlich gibt es auch hier die üblichen Ehekrisen, aber man rauft sich gerne wieder zusammen. Schließlich gibt es viel zu verlieren: Einen ausgesprochen angenehmen, interessanten Lebensraum. So weit ich es einschätzen kann, kommen die Nachbarn gut miteinander aus. Keiner kann mit seinem Auto protzen, auch die Reihenhäuser sind mit ihren Mini-Gärten und einer Hausbreite von meistens unter fünf Metern recht bescheiden. In Stellwerk 60 leben viele Akademiker, aber keine geldorientierten Spitzenverdiener. Ich kenne ein paar Journalisten und Künstler, aber die meisten Bewohner arbeiten in sozialen Berufen, vornehmlich als Lehrer. Es gibt nur wenig Fluktuation unter den Bewohnern und keine Wohnungen, die länger leer stehen. Vor allem junge Familien suchen hier Wohnungen, allerdings meistens vergeblich.
 
Wilczok: Ich fühle mich hier sicher. In den acht Jahren, die ich in Stellwerk 60 lebe, habe ich noch keine Randale mitgekriegt. Natürlich gibt es auch hier, vor allem am Rand der Siedlung, spontane abendliche Partys, aber die Glasscherben und leeren Schnapsflaschen halten sich in Grenzen. Pöbelnde, respektlose Männergruppen bleiben außen vor. Bezeichnenderweise leben in der Siedlung einige Hebammen, etwa die Familienhebamme Anke Zacharko. Marita Ashauer und Christiane Ippach, Hebammen im Kölner Geburtshaus, haben hier ihre Beratungsräume.
Die jungen Menschen, die hier aufwachsen, sind oft politisch und sozial engagiert, weniger in politischen Partien als in Non-Profit-Organisationen wie z. B. Greenpeace. Einige Schüler arbeiten in den Flüchtlingsinitiativen ihrer Schulen. Nach der Schule absolvieren viele ein freiwilliges soziales und/oder ökologisches Jahr. 2014/15 hat die freiwillige Arbeit junge Leute aus Stellwerk 60 nach Chilé, China und in die Niederlande verschlagen
 
Kleinmann: Übrigens macht der „Siedlungs-Nachwuchs“ doch gerne den Führerschein -ohne gleich ein Auto besitzen zu wollen. Auch meine Tochter hat sich davon nicht abbringen lassen. In einer mobilen Gesellschaft gehört der Führerschein nun mal für die meisten jungen Menschen zur Allgemeinbildung.
 
Wilczok: Viele junge Eltern arbeiten in Teilzeit und entscheiden sich für ein drittes Kind- entgegen dem gesellschaftlichen Trend. In die eh schon schmalen Häuser werden Zwischenwände gezogen. Ich hab da schon die abenteuerlichsten Konstruktionen gesehen, aber es geht. Die autofreie Siedlung ist ein Ort, wo es sich insbesondere als Familie ausgesprochen angenehm leben lässt. Kinder sind hier gut aufgehoben. Etwas überspitzt möchte ich sagen: Stellwerk 60 ist ein Schutzraum für eine bedrohte Lebensform.
 
Und was waren die größten Probleme, mit der Sie seit der Auszeichnung zu kämpfen hatten?
 
Kleinmann: Oft wird die Autofreiheit nicht respektiert. Manche Leute, die hier einziehen, versuchen sogar, die Siedlung mit dem Auto zu befahren. Da hilft in der Regel ein klärendes Gespräch. Problematischer ist die Tatsache, dass einige Bewohner -entgegen ihrer Erklärung im Kauf- oder Mietvertrag- ein Auto besitzen. Sie nehmen den Nachbarn außerhalb der Siedlung die Parkplätze weg, und das schafft sozialen Unfrieden. Mittlerweile hat die Stadt Köln rund um die Siedlung Anwohnerparkplätze eingerichtet, auf die die Bewohner der autofreien Siedlung kein Anrecht haben. Dadurch hat sich die Situation deutlich entspannt. Dennoch ist das Problem nicht gelöst. Gegen eine geringe Gebühr benutzen manche Stellwerk-Bewohner weiterhin die Anwohnerparkplätze.
Das Parkhaus am Siedlungsrand hat Stellplätze für etwa ein Fünftel der Haushalte, was ausreichen muss. Außerdem gibt es dort immer freie, allerdings kostenpflichtige Besucherparkplätze. Wir vom Nachbarschaftsverein können niemandem das Auto verbieten, deshalb versuchen wir Lösungen zu finden: Die meisten Autobesitzer, die hier wohnen, benutzen ihr Fahrzeug nur selten. Zur Arbeit fahren sie mit S-Bahn, U-Bahn oder dem Fahrrad. Wir schlagen den Leuten vor, dass sie etwas weiter weg parken. Zumutbare 15-20 Geh-Minuten von der Autofreien Siedlung entfernt gibt es westwärts Richtung Ehrenfeld genügend freie, kostenlose Parkplätze. Die Gegend rund um Schlachthof und „Pascha“ ist als Wohngebiet völlig unattraktiv, zumal für Familien, aber ideal für das Abstellen von PKWs, die man nur selten benutzt. Und die Autos der Nachbarn sind keine Luxuslimousinen, um die man Angst haben muss. In unmittelbarer Nähe zum östlichen Siedlungseingang gibt es zudem beim Vinzenzhospital ein Parkhaus, das nicht ausgelastet ist. Hier kann man noch Stellplätze mieten. Eigentlich benötigt man als Bewohner der Autofreien Siedlung kein eigenes Auto. Wer dennoch eines braucht, findet es in aller Regel in einer der beiden Cambio-Stationen am Siedlungsrand. Die Nachfrage ist allerdings so groß, dass die 20 PKWs nicht immer ausreichen und am Wochenende „Nachschub“ aus der Innenstadt geholt werden muss.
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Tief- „Garage“ in der autofreien Siedlung Stellwerk 60. Die Zahl der Fahrrad-Stellplätze bemisst sich nach der Wohnungsgröße.

 

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Wilczok: Mir macht noch etwas anderes Sorgen. Wir leben auf dem Gelände eines alten Eisenbahn-Ausbesserungswerks. Daher sind die Böden mit Schwermetallen belastet. Zwar haben vor der Bebauung Messungen den Boden für unbedenklich erklärt, aber es bleibt ein leicht ungutes Gefühl. Man hat versäumt, den Boden einige Meter tief abzutragen, wie es zuletzt vor der Bebauung des Nippeser Clouth-Geländes passiert ist, einer ehemaligen Gummifabrik. Unsere wenigen Äpfel überlasse ich daher gerne den gefräßigen, allgegenwärtigen Grünsittichen. Apropos Clouth: Nippes ist -auch dank der autofreien Siedlung- ein kinderreicher Stadtteil. Die Schulen sind überfüllt, so dass bereits Grundschüler auf die Nachbarstadtteile ausweichen müssen. Immerhin gibt es seit 2010 die neue „Gesamtschule Nippes“. Die ist nur leider im Stadtteil Longerich untergebracht, der zwar zum Stadtbezirk Nippes gehört, aber eben doch weiter außerhalb liegt. Die Chance, die Schule innenstadtnah im Stadtteil Nippes zu bauen, etwa auf dem Clouth-Gelände, ist leider vertan worden.
 
Kleinmann: Erwähnen möchte ich noch ein weiteres Anbindungsproblem an den gewachsenen Stadtteil, das sich beim Starkregen im Juli 2014 gezeigt hat. Damals sind zahlreiche Keller vollgelaufen. Das Rückstaubecken am Siedlungseingang konnte die Wassermassen nicht tragen. Statt in den alten Ortsteil abzufließen, schoss das Wasser in die Siedlung zurück und verursachte erhebliche Schäden.
 
2007 war ein Seniorenprojekt geplant, „Land der Ideen“ berichtete anlässlich der Preisverleihung davon. Was ist daraus geworden?
 
Kleinmann: An alternativen Projekten haben wir ein Mehrgenerationenhaus mit 15 Wohnungen und darüberhinaus 13 Wohnungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Das Seniorenprojekt ist leider gescheitert. Es wurden damals nicht genug Käufer gefunden. Kaum jemand war bereit, eine seniorengerechte Wohnung zu kaufen, aber das Auto abzuschaffen. Die Senioren von heute sind Kinder des Wirtschaftswunders- und gerne rundum mobil. Sie empfinden den Verzicht aufs Auto als Freiheitsberaubung.
 
Wilczok: Vielen älteren Menschen ist es in der Autofreien Siedlung aber auch ganz einfach zu laut. Kindergeschrei kann bis 113 Dezibel erreichen, was in etwa dem Lärm entspricht, den eine kreischende Kreissäge verursacht. Und jetzt stellen Sie sich 20 fröhlich kreischende Kreissägen auf einmal vor.
Quälend können aber auch Eltern sein, die sich „nur zum Wohle der Kinder“ verhalten. Mir ist da eine Geschichte zu Ohren gekommen, von der ich allerdings nicht weiß, ob sie sich so drastisch wirklich zugetragen hat… Wahrscheinlich waren die Neu-Stellwerker durch den strapaziösen Umzug mit ihren Kleinkindern völlig entnervt, anders lässt sich die Nacht-und Nebel-Aktion nicht erklären: In beide Geh-Richtungen verbarrikadierten junge Eltern den Fußweg vor ihrer gerade fertig gestellten, frisch bezogenen Einfamilien-Häuserreihe. So konnten sie die kleinen Kinder unbeaufsichtigt nach draußen schicken, ohne Angst haben zu müssen, dass die Kleinen weglaufen könnten oder in eine Baugrube fallen. Man hatte allerdings versäumt, die Nachbarn, Familien mit älteren Kindern, um Erlaubnis zu fragen. Schlimmer noch: Man hatte sie nicht informiert. So standen eines frühen Morgens Schulkinder auf dem Weg zur Schule vor einem knapp einen Meter hohen Zaun. (Lachend🙂 Die Kinder hatten keine andere Wahl: Sie mussten das Fahrrad schultern und über den Zaun steigen.
 
Arbeiten Sie derzeit an neuen Projekten oder an der Weiterentwicklung Ihrer Idee?
 
Kleinmann: Stellwerk 60 entwickelt sich stetig weiter. 2013 kaufte der Bewohnerverein eine Zweizimmerwohnung am Siedlungseingang und baute sie zur Mobilitätsstation um. Dort können Transportfahrzeuge wie Fahrradanhänger und Sackkarren ausgeliehen werden, der Bestand wird ständig erweitert. Auch gibt es Biertischgarnituren, Feuerkörbe, Leitern- und natürlich die beliebten Go-Karts, komfortable Mehrsitzer, wie man sie aus Vergnügungsparks kennt. Mit dem „Kaffee-Kessel“ haben wir eine Begegnungsstätte mit Bibliothek, einer voll eingerichteten Küche und einem Tagungstisch, an dem 12 Personen Platz haben. Ehrenamtlich wird hier ein Café betrieben, regelmäßig finden Seniorentreffen und Spieleabende statt. Seit Oktober 2015 gibt es das Projekt „Frauencafé International“ zur Integration von Flüchtlingen. Dort wird gemeinsam gekocht und gegessen. Das Café hat einen regen Zulauf, mittlerweile bringen die Frauen auch ihre Kinder mit. Zum Glück gibt es nicht nur zahlreiche Spielgeräte, sondern vor dem Haus Platz genug zum Spielen und Toben- sonst würde das Café aus den Nähten platzen.
Aktuell geht es um die Nutzung einer letzten Brachfläche, die zeitweise als Besucherparkplatz gedient hat. Dort haben wir im November mit dem Urban Gardening begonnen und Pflanzkisten aufgebaut. Erst kürzlich haben wir einen Wohnwagen als Bauwagen für Jugendliche angeschafft und installiert. Und auf dieser letzten Brache stand im Dezember erstmalig unser traditioneller Siedlungs-Weihnachtsbaum.
 
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
 
Kleinmann: Stellwerk 60 sehe ich in einem langfristigen Trend. Den Menschen, die sich in den 1990er Jahren für autofreies Wohnen einsetzten, waren schon damals „die Grenzen des Wachstums“ bewusst. Uns war klar, dass sich die Erde weiter erwärmen würde. Ebenso wie der drohende Klimawandel war es ja kein Geheimnis, dass das Erdöl endlich und nicht erneuerbar ist. Inzwischen hat sich die klimatische Situation weltweit dramatisch zugespitzt. Dass wir derzeit wieder zu Dumping-Preisen Benzin tanken können, ist eigentlich unverantwortlich. Dieses Verschleudern von Sprit spornt nicht nur die hirnlosen Raser an, sondern es gaukelt uns vor, dass die fossilen Rohstoffvorkommen eben doch unerschöpflich seien. Die politisch Verantwortlichen müssen umdenken- und handeln.
Der Bau von autofreien Siedlungen ist da ein ein wichtiger Schritt. Es reicht allerdings nicht aus, nur die Auto-Stellplätze wegzulassen. Wir brauchen zudem eine fortschrittliche, CO2-reduzierte Energienutzung. In Stellwerk 60 werden die meisten Wohnungen durch ein Erdgas-betriebenes Kleinkraftwerk mit Nahwärme versorgt, aber es gibt auch Passiv-Solar-Gebäude: Ein Mehrfamilienhaus mit 21 Wohnungen sowie 11 Einfamilienhäuser. Die alternative Energienutzung hat sich in Stellwerk 60 über die Jahre bewährt.
Stellwerk 60 ist attraktiv für Besuchergruppen aus aller Welt, etwa aus Japan, Südamerika und den USA. Erst im November haben wir 47 US-amerikanische Studenten der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung durch die Siedlung geführt. Die jungen Fachleute stammten aus Pennsylvania sowie aus Texas, wo es keine autofreien Siedlungen gibt.
Das Projekt hat nicht nur Vorzeigecharakter, sondern braucht Nachahmer. Ich wünsche mir, dass demnächst nicht nur in Köln, sondern bundesweit weitere autofreie Siedlungen gebaut werden.
 
Was empfehlen Sie Menschen, die ihre Ideen in die Tat umsetzen wollen?
 
Kleinmann: Sich mit anderen zusammen zu schließen und zu vernetzen. Ich möchte an dieser Stelle den unermüdlichen Martin Esch erwähnen, der auch in der Siedlung lebt. Er hat im Jahr 1994 den Arbeitskreis Autofreie Siedlung mit gegründet, als ich noch gar nicht dabei war, ist also ein wirklicher Pionier. Man muss der Idee vertrauen, viel Zeit investieren, den langen Atem haben und bereit sein, hart zu arbeiten, ohne dafür Geld zu bekommen. Die Stadt Köln musste für das Projekt gewonnen werden und ein Investor gefunden. Stellwerk 60 ist auch eine bemerkenswerte kaufmännische Leistung. Der Bauträger Kontrola hat damals unter der Geschäftsführung von Markus Schwerdtner bewiesen, dass man Häuser auch ohne Stellplatz gut verkaufen kann, zumal in innenstadtnaher Lage. Ohne die jahrelange Zusammenarbeit vieler Menschen würde es Stellwerk 60 nicht geben. Für den Bereich autofreies Wohnen braucht es keine Innovationen mehr, jetzt braucht es innovative Politiker, Stadtverwaltungen und Bauträger. Wir haben Vorarbeit geleistet und sagen: Das Plagiieren unserer Idee ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht!
 
Wie und wo kommen Sie am besten auf neue Ideen?
 
Kleinmann: Stellwerk 60 lebt von den Ideen der Menschen, die hier leben. Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion gibt es auf den regelmäßigen Treffen des Nachbarschaftsvereins. Wir sind für gute Ideen immer aufgeschlossen.
 
Wilczok: Das Beste an der Siedlung sind für mich die vielen freundlichen, pfiffigen und ungewöhnlich respektvollen Kinder. Den meisten geht es hier richtig gut. Tatsächlich ist in Stellwerk 60 manches wie früher. Die Kinder spielen unsere alten Spiele, und sie spielen noch „Räuber und Gendarm“, lange bevor sie in die Lasertag-Indoorhall gehen. Wenn sie dann an Sankt Martin in Gruppen vor der Tür stehen, selbstgebastelte Laternen in der Hand, und „D’r hellije Zinter Mätes“ in ziemlich perfektem Kölsch vorsingen, geht mir das Herz auf.
 
Kleinmann: Wenn ich die spielenden Kinder sehe, weiß ich, wie gut unsere Idee war. Es geht nicht nur darum, unseren Kindern eine bewohnbare Erde zu hinterlassen, es geht darum, schon jetzt unsere Städte kinder- und familienfreundlicher zu gestalten.
 
Herr Kleinmann, eine Frage zum Schluss. Wann sind Sie das letzte Mal Auto gefahren?
 
Kleinmann: Beim Umzug meiner Tochter nach Ravensburg. Entgegen den Vorurteilen bin ich kein Hardliner.
 
 
 
 
* So enthusiastisch kann sich nur eine Hausbesitzerin ausdrücken. Keine (mittlerweile) stark überhöhte Miete zahlen zu müssen, sondern nur Grundbesitzabgaben, ist ein echter Luxus. Stellwerk 60 „gehört“ vielleicht „uns“, aber die meisten Wohnungen sind in Besitz der GAG IMMOBILIEN AG, der BAUGRUND IMMOBILIEN-MANAGEMANT GMBH und der AXA Immobilien GMBH. (Ergänzung 2020)
 
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So traurig es ist, dass man Stellwerk 60 bei „Land der Ideen“ nur noch im Archiv findet: Folgenden Film über die autofreie Siedlung gäbe es nicht, wäre die südkoreanische Fernseh-Autorin Chi-Suk Kim nicht im Jahr 2016 bei „Land der Ideen“ auf uns gestoßen. Mehr hierzu: