„Hömma, Lisa, deine Tochter hat DELTA, und du lädst mich nicht zur Viren-Party ein: Kniesbüggel!“ – Eine Begegnung mit der Frau Keuner

„Tach“, sacht meine Nachbarin, die Frau Keuner. „Kann ich deine Tochter wohl mal sprechen?“

„Hä?“ Ich war nur kurz vor der Tür, zwei Fahrräder aus dem Schuppen holen, hab die Haustür aufgelassen, da war die Frau Keuner auch schon da, als wenn sie drauf gewartet hätte. Die hat den Gehwagen die Stufe hochgebockt und is rein ins Haus. Jetzt sitzt die Frau Keuner am Tisch, und wenn die erst mal sitzt, dann sitzt die.

Ich räuspere mich: „Frau Keuner, das geht jetzt nicht, ich muss Sie leider bitten, das Haus zu verlassen.“ Die Frau Keuner verschränkt die Arme.

„Meine Tochter ist vor zwölf Tagen positiv getestet worden“, sage ich und räuspere mich wieder. „Gestern stand das Gesundheitsamt hier noch einmal auf der Matte und hat den Abstrich für den abschließenden PCR-Test durchgeführt. Meine Tochter ist zwar wieder negativ, aber bis einschließlich 23.59 Uhr ist die in Quarantäne. Die darf noch nicht raus und die darf vor allem keinen Besuch haben. Die hat gehustet, geschnieft und geschwitzt. Sie wissen doch, wie hoch ansteckend die Delta-Variante ist. In den letzten Wochen habe ich mich kaum getraut, die Fenster zu öffnen, damit das Virus nicht entfleucht und halb Nippes verseucht. Es ist gut möglich, dass das Delta-Virus hier…“

„… Immer noch sein Unwesen treibt“, ergänzt die Frau Keuner und lacht. Sie schließt die Augen und holt tief Luft. „Bissken abgestanden, die Luft, aber lecker Aerosole. Wo du mir schon sonst nichts anbietest, will ich wenigstens echte Kölner Corona-Luft einatmen.“ Die Frau Keuner legt den Kopf in den Nacken, atmet tief durch die Nase ein und tief durch den Mund aus.

„Frau Keuner, bitte verlassen Sie das Haus. Meine jüngere Tochter und ich stehen als ungeimpfte Kontaktpersonen einer Infizierten immer noch unter Corona-Verdacht. Und nur weil wir uns kooperativ verhalten, sieht das Gesundheitsamt von unangekündigten Hausbesuchen ab.“

„Und der angekündigte Besuch war lustig, wa?“, foppt mich die Frau Keuner. „Dat sind die neuen Vertreter, aber die kommen nicht mehr von Vorwerk, sondern vom Gesundheitsamt.“

„Es war gruselig“, antworte ich. „Da kam eine vermummte blonde junge Frau. Hellblauer Schutz-Anzug, hellblaue Maske, blaue Augen. Ich war so schlau, ganz langsam vor dem langen Stäbchen zurückzuweichen, aber meine Tochter dachte, dass es nicht weh tut, wenn sie nur den Kopf ruhig hält.“

„Ach wat“, sagt die Frau Keuner und grinst. „Wenn du nicht protestierst, dringen die umso tiefer in dich ein. Das geschulte, erfahrene Personal führt das lange, lange Teststäbchen mit ruhiger Hand durch die Nase tief und immer tiefer ein bis hinten an die Rachenwand, ja, mit ruhiger Hand platziert die medizinische Fachkraft das lange, lange Teststäbchen hinter dem Gaumenzäpfchen. Und? Hat das Personal dir Impfmuffel auch schön Angst gemacht? Hat man dir auch einen Pulsoximeter an den Finger geklemmt?“

„Ich, ich“, stammele ich. „Ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Das…“

„Dat gibbet bei Saturn und überall“, lacht die Frau Keuner. „Der Pulsoximeter gehört heutzutage in jede Hausapotheke.“

„Das ging schneller, als ich reagieren konnte“, sage ich. „Ohne Vorankündigung und alles im Hauseingang. Und die Frau hat nur auf Nachfrage gesagt, dass sie meinen Pulsschlag und den Sauerstoffgehalt meines Blutes testet. Dabei stand ich gesund und munter auf beiden Beinen vor ihr. Ich meine, die ist vom Fach, die muss doch ein Gespür dafür haben, dass es mir gut geht. Und wollen Sie wissen, was die Person gesagt hat?“

„Was hat die denn gesagt?!… Jetzt sach schon!“

Ich lasse die Frau Keuner eine Weile zappeln und rede dann weiter: „Wortwörtlich hat die zu mir gesagt: Es kann sein, dass Sie in Kürze beatmet werden müssen. Sie wissen nichts davon, denn noch fühlen Sie sich wohl, aber Ihr Zustand kann sich binnen kürzester Zeit dramatisch verschlechtern. Sie hätten die Untersuchung auch ablehnen können, aber seien Sie froh, dass Sie kooperiert haben, denn Ihre Werte sind in Ordnung.“

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Ein leider unscharfes Selfie meiner physisch und psychisch verletzten jüngeren Tochter, die ebenso wie ich vermutlich gegen Delta immun ist: Am Morgen nach dem äußerst unangenehmen Abstrich für den PCR-Test war ihr rechtes Auge (der Stab wurde ins rechte Nasenloch eingeführt) gerötet. Außerdem verspürte  die „Kontaktperson“ tagelang einen stechenden Schmerz im Hals.                                                              Abstriche für PCR-Tests sind immer unsanft und sollten in der Corona-Diagnostik nicht routinemäßig durchgeführt werden. Wie brutal sie sein können, musste eine meiner Schwippschwägerinnen erfahren. Bei ihr wurde ein Nerv getroffen. Nachdem sie sich vor ein paar Jahren die Nase gebrochen hat, sieht der Innenraum ihrer Nase anders aus als die Norm-Naseninnenräume auf den Abbildungen in den Fachbüchern. Das medizinische Personal müsste für den Fall, dass man solche Eingriffe überhaupt vornimmt, dringend angehalten werden, nach Vor-Verletzungen zu fragen!

Zum Vergleich hatte meine Tochter auch das andere Auge fotografiert:

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„Am Anfang dachte ich, es ist nur ein Gerücht“, sagt die Frau Keuner. „Aber dann stimmt es also, dass deine Tochter Corona hatte? Delta auch noch.“ Ich nicke und setze mich zu ihr an den Tisch.

„Es ist schon vernünftig, dass du mir kein Käffken anbietest“, sagt die Frau Keuner. „Boah ey, Lisa, du hast Corona geküsst!“

„Hä?“

„Man hat dich beobachtet. Du hast am 21. Juli gegen 16h von irgendwoher ein Auto geholt und unerlaubterweise im Wendehammer geparkt. Dann hast du deine Tochter zu Hause abgeholt und zum Auto gebracht. Eng umschlungen. Bei welchem Arzt wart ihr denn, wart ihr auch in der Praxis Dr. Knoop? Stimmt es, dass die ein riesengroßes Wartezimmer mit einem riesigen, stets weit geöffneten Fenster haben und ein Extra-Stühlchen für die Personen, die unter Corona-Verdacht stehen? Und haben die euch eine halbe Stunde warten lassen, obwohl dat Mädchen Fieber hatte und gehustet und geschnieft hat?“ Ich nicke.

„Hömma, Lisa, du hast deine Tochter auf offener Straße ohne alle Hemmungen abgeknutscht.“

„Weil sie mir so leid tat.“

„Angeblich hast du laut und deutlich Willkommen, Corona! gesagt“, lacht die Frau Keuner. „Und als am nächsten Tag klar war, dass die Delta hat, hast du wahrscheinlich einen Luftsprung gemacht. Und du hast alles dafür getan, dich bei ihr anzustecken. Du hast mit ihr in einem Bettchen geschlafen, du hast aus ihrem Becherlein getrunken und von ihrem Tellerchen gegessen.“

„Ja, ja, ja!“

„Ihr habt euch schön amüsiert. Und mir hast du nicht Bescheid gesagt, dass ihr eine Corona-Party feiert.“

„Eine Quarantäne ist alles andere als eine Party“, entgegne ich. „Das ist eine Freiheitsberaubung. Ja, ich wollte mich anstecken, weil ich keine Angst vor Corona habe und weiß, dass Corona mir nicht viel anhaben kann, obwohl ich knapp 63 bin. Hat offensichtlich nicht geklappt. Der Selbstversuch ist schiefgegangen. Und warum? Weil ich Corona längst gehabt haben muss. Aber ich hätte mich strafbar gemacht, wenn ich Sie eingeladen hätte. Frau Keuner, wir haben einen Termin. Ich kann nicht mehr, ich will raus!“

Die Frau Keuner lacht: „Lenk nicht ab. Ihr habt gefeiert. Letzte Woche standen hier zig Papiertüten vom REWE-Lieferdienst vor der Tür. Und jetzt machst du mitten in der Quarantäne ne kleine Radtour.“

„Nein“, wende ich ein. „Wir verhalten uns völlig korrekt. Meine kleine Tochter und ich fahren jetzt zum Test-Zentrum, um uns freitesten zu lassen. Ich kann nicht mehr. Ich will raus. Man hat uns eingesperrt, obwohl wir immun sind. Nur wenn wir weiterhin negativ sind, dürfen wir raus aus der Quarantäne. Sonst…“

„Sonst ist es wie beim Fußball“, lacht die Frau Keuner. „Dann geltet ihr zwar sechs Monate als genesen, aber die quälende Quarantäne geht noch ein paar Tage in die Verlängerung. Und beim Elfmeterschießen gibt es nur ein Tor. Deins.“

Die Frau Keuner richtet sich auf und bewegt sich langsam Richtung Haustür. „Und wat seh ich da? Satteltaschen für den Großeinkauf. Da wolltest du auf dem Weg zum Test-Zentrum an der Liebigstraße noch mal kurz beim ALDI vorbei.“

„Das sieht nur so aus“, sage ich schnell.

Die Frau Keuner lacht, wird aber wie so oft plötzlich sehr ernst. „Freu dich, dass dir Delta nichts anhaben kann. Und sei froh, dass du nicht geimpft bist, denn wenn du es wärest, hättest du zwar nicht in Quarantäne gemusst, aber man würde behaupten, dass dich nur die Impfung vor einer Ansteckung geschützt hat. Vermutlich hattest du die Alpha-Variante, die dich aber auch vor Delta schützt. Das ist allerhand für eine Olle wie dich. Solltest du dich jetzt noch impfen lassen, zerstörst du im Nachhinein die natürlich erworbene Immunität.“

Ich hebe den Arm zum Corona-Ellenbogen-Abschied. Die Frau Keuner berührt meinen Ellenbogen mit ihrem und fängt an zu heulen, und ich spüre, wie auch mir die Tränen kommen. Ich mache ihr die Tür auf, damit sie das nicht mitkriegt. Doch als sie draußen ist, bleibt sie stehen, dreht sich zu mir um, atmet tief durch und reibt sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Noch nie hatte ein einzelnes NEIN eine solch große Bedeutung“, sagt die Frau Keuner. „Du musst jetzt stark bleiben. Wir werden niemals erfahren, wie viele Menschen bereits immun waren, als sie geimpft wurden. Wir Menschen verfügen über große Selbstheilungskräfte, aber die Impfung vertuscht die Wahrheit. Deshalb musste alles so schnell gehen, deshalb die Panikmache. Die Corona-Impfung ist der größte medizinische Skandal in der Menschheitsgeschichte.“

„Das kann man doch so nicht sagen“, sage ich.

„So kann man das auch nicht sagen“, sagt die Frau Keuner. „Skandal ist untertrieben. Die Corona-Massenimpfung ist eine Katastrophe. Und dabei dürften die meisten Schulkinder längst immun sein. Es ist verwerflich, die Kinder zu impfen.“

„Ich will das Genesenen-G, für mich und meine kleine Tochter. Ich will meine Freiheit wiederhaben.“

„Stark bleiben, NEIN sagen“, verabschiedet sich die Frau Keuner. „Im Namen des Lebens.“

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Meine Tochter gilt als „genesen“. Doch leider freut sich die Gesundheitspolitik nicht über eine selbsterworbene Immunität. Im Gegenteil: Nach sechs Monaten ist von Amts wegen Schluss mit „genesen“. Offiziell ist die Impfspritze schon gezückt. Impfjuristisch ist der „Genesenen“-Status der Erstimpfung gleichgestellt. 

„Unser bester Schutz“ – Die aktuelle HANSAPLAST-Werbung dürfte gestörte Männer zum Konsum von Kinderpornos ermuntern!

Auf der Internetseite des BKA heißt es: „Kinderpornografie ist die fotorealistische Darstellung des sexuellen Missbrauchs einer Person unter 14 Jahren (Kind). Der Herstellung solcher Darstellungen liegt ein realer (oft schwerer) sexueller Missbrauch zugrunde. Durch die (weltweite) Verbreitung und Verfügbarkeit erfolgt eine dauerhafte Viktimisierung der Opfer.https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/Kinderpornografie/kinderpornografie_node.html

Beim BKA gehen jeden Tag zig Meldungen zu Kinderpornografie im Internet ein. Diese Meldungen werden sehr ernst genommen und konsequent verfolgt, denn hinter den Bildern und Filmen verbergen sich reale Fälle von Missbrauch.

Das Internet ist eine Fundgrube für Kinderpornografie. Es bedient Exhibitionisten und Spanner, denn es gestattet nicht nur die Zurschaustellung der sexuellen Misshandlung, sondern auch das (unbeobachtete!) Zuschauen. Darüberhinaus ermöglicht es gestörten Männern (es sind in aller Regel Männer), das „Material“ zu sammeln und weiterzugeben.

Doch so wichtig das Aufdecken der Missbrauchs-Fälle ist – Ist die Fokussierung auf das Internet nicht (auch) ein Ablenkungsmanöver? Denn krankhafte Neigungen finden nicht nur im Netz Nahrung. Kinder, denen noch nicht bewusst ist, dass man ihr Vertrauen in die Erwachsenenwelt schamlos missbraucht, werden immer mehr (und das öffentlich und legal!) für Werbezwecke instrumentalisiert. Im Zusammenhang mit dem Fall Edathy schreibt die Journalistin Andrea Roedig im Jahr 2015: „Der Pädosexuelle rührt an ein Tabu, doch die empörte Zurückweisung seines Begehrens ist problematisch. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er auch als Sündenbock fungiert... Am Schreckbild des Kinderschänders entlädt sich das schlechte Gewissen einer hypersexualisierten Gesellschaft, in der noch jede Zahnpasta-Reklame voll ist mit Anspielungen aufs Geschlecht. Wir alle schauen ja die ganze Zeit auf mehr oder weniger offen erotisierte Bilder – auch von Kindern und Jugendlichen.https://www.deutschlandfunkkultur.de/paedophilie-was-der-fall-edathy-ueber-unsere-gesellschaft.2162.de.html?dram:article_id=312340

Wir erleben eine unannehmbare gesellschaftliche Doppelmoral. Während man vorgibt, zum Wohle der Kinder zu handeln, stellt unter dem Deckmantel von Schutz und Sicherheit insbesondere die Werbung für Hygiene- und Gesundheitsartikel Kinder in fragwürdigen Posen dar, die perverse Gelüste anstacheln und bedienen. Ich sehe hierin einen Missbrauch der kindlichen Unschuld. In dem Zusammenhang wollte ich mir die aktuelle Hansaplast-Plakatwerbung am Nippeser Bahnhof (vgl. vorheriger Blog-Beitrag) noch einmal genauer anschauen, aber das Plakat ist mittlerweile entfernt worden. An der Ecke Liebigstraße/Herkulesstraße (direkt über dem Tunnel der A57/Teilstück Schnellstraße K4) in Neuehrenfeld entdeckte ich das gleiche noch einmal.

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„Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.“ (Hänsel und Gretel, Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Stelle 15). Was die Hexe im Märchen sagt, könnte heute der verirrte Mann sagen: „Liebes Kind, hast du dir wehgetan? Nicht weinen, ich habe ein Pflaster dabei. Bei mir geschieht dir kein Leid.“

Das Plakat, das so freundlich und harmlos daherkommt, ist voller sexueller Anspielungen. Um das zu verdeutlichen, habe ich die zentralen Details umkringelt.

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Das Mädchen ist kurz vor der Pubertät, neun oder zehn Jahre alt. Es fährt so wild, dass nicht nur die langen Haare fliegen, sondern kleine Steine und Schmutzbrösel hoch spritzen. Die Kleine trägt einen Sicherheitshelm und ein Kleinkinder-Kleidungsstück, ein Latz- Spielhöschen. Ihre Beine sind gespreizt. Zwischen den kurzen Hosenbeinen ist (im „Schritt“) eine kompakte Hosennaht zu erkennen. Diese Naht fällt durch ein paar leuchtend blaue Farbflecken ins Auge, denn die Jeans ist an dieser Stelle unregelmäßig ausgewaschen. Das Mädchen hat sich schmutzig gemacht (bzw. die Bildbearbeitung lässt es schmutzig erscheinen), nur das Knie ist sauber geblieben, „wie geleckt“. Das Hansaplast-Schutzschild rückt das saubere Knie mit dem perfekt sitzenden sauberen Pflaster (und einer schwachen Hautrötung unterhalb des Pflasters) in den Bild-Mittelpunkt.

Die Spitze des Hansaplast-Schutzschildes zeigt auf das rechte Hosenbein, das ein wenig vom nackten Oberschenkel absteht. Das Hosenbein ist ausgebeult, denn offenbar haben sich hier Steine verfangen. Männerphantasien: Wer mag der Herr wohl sein, der die Steinchen aus dem Hosenbein pickt? Ich finde es unverantwortlich und beschämend, dass die Stadt Köln (unseren!) öffentlichen Raum für diese Werbung zur Verfügung stellt.

Vermutlich haben dem Mädchen die Foto-Aufnahmen sogar Spaß gehabt. Denn Kinder wissen nicht, was sie tun. Außerdem bekommen sie etwas zurück: Geld. Ich persönlich kenne einen hübschen elfjährigen Knaben, dessen Eltern das Geld, das er sich als Klamotten-Model verdient, „für die Ausbildung“ zurücklegen. Und ich weiß von einem damals 13jährigen Mädchen, das für eines der Stay-Friends– „Klassenfotos“, die uns vormachen, sie seien „echt“, gemodelt hat.

Aktuell ist diese Pflasterwerbung auch eine Werbung für die Corona-Kinder-Impfung, denn das kleine Pflaster (auch wenn es hier das für eine Impfung gänzlich ungeeignete Knie ziert), ist das Symbol schlechthin: Ich bin geimpft. Gottseidank ist die Bundesregierung bei ihrem Vorhaben, allen Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren ein „Impfangebot“ zu machen, gebremst worden, denn die ansonsten impffreudige Ständige Impfkommission (STIKO) hat bislang nur eine eingeschränkte Empfehlung ausgesprochen. Dass Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO, Mitte Juli den Mut hatte, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sagen, dass er seine Enkelkinder nicht impfen lassen würde, finde ich großartig.

Dass der Zusammenhang zwischen Werbung und Kinderpornografie auch (oder gerade?) von den Experten nicht erkannt wird bzw. verdrängt werden muss, bezeugt ein Beitrag in der Ärztezeitung aus dem Jahr 2014. In einem Interview kommt Prof. Dr. Tillmann Krüger zu Wort, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie in Hannover. https://www.aerztezeitung.de/Politik/Jeder-einzelne-verhinderte-Uebergriff-lohnt-den-Aufwand-244685.html

Prof. Dr. Tillman Krüger ist als Arzt auch Leiter des Präventionsprojektes „Dunkelfeld“ an der Medizinischen Hochschule Hannover. Das Projekt „Dunkelfeld“, das es mittlerweile an zahlreichen deutschen Hochschulen gibt (in Sachsen-Anhalt auch als digitales Angebot), hatte seinen Ursprung in Jahr 2005, als man mit einer Werbe-Kampagne auf ein besonderes Therapie-Angebot am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité aufmerksam machte. Der Slogan: Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?

Ziel von „Dunkelfeld“ ist es, „sexuelle Übergriffe durch direkten körperlichen Kontakt oder indirekt durch den Konsum oder die Herstellung von Missbrauchsabbildungen im Internet (sogenannte Kinderpornografie) zu verhindern.“ Im Interview erklärt Tillmann Krüger, was unter Prävention zu verstehen ist: „Menschen mit pädophilen Neigungen sollen lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, damit sie keine sexuellen Übergriffe auf Kinder oder Jugendliche begehen.“

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Krüger,

ich persönlich unterstütze grundsätzlich den Gedanken der Prävention, nur fürchte ich, dass er permanent konterkariert wird, denn Männer mit pädophilen Neigungen werden in der hypersexualisierten Gesellschaft ununterbrochen mit Reizen gefüttert. Die Werbung, die wir seit Jahrzehnten zu sehen bekommen, auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ist gespickt mit sexuellen Anspielungen. Wie aber sollen Männer mit pädophilen Neigungen lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren, wenn die Werbung auf Kontrollverlust abzielt?

Der wohl bekannteste Werbespruch mit verklemmt-sexuellem Unterton stammt aus dem Jahr 1969 und hat damals die Erwachsenen zum Schmunzeln gebracht. Es ist der doppeldeutige Satz, den man einem kleinen Mädchen zwecks TV-Werbung für die COLGATE-Zahnpasta in den Mund gelegt hat: Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt. Im Werbespot sehen wir nicht nur das eine kleine Mädchen im blauen Röckchen, das freudestrahlend aus der Zahnarzt-Praxis gelaufen kommt, sondern später noch etwa dreißig weitere Kinder: Die Mädchen stehen in kleinen Gruppen um Tische herum und putzen sich eifrig die Zähne. Sie alle tragen weiße (weiß wie Zähne) Hemdchen und kurze rote Höschen.

Im Interview mit der Ärztezeitung sagen Sie: „Sicher, aber man kann die Betroffenen nicht mit Scheuklappen durchs Leben gehen lassen. Sie werden Kinder im knappen Höschen am Strand sehen. Sie werden auch mal Schwimmen gehen wollen. Aber in kritischen Situationen gilt es zu sagen, „Mensch, da gehe ich nicht mehr hin“. Oder „Ich geh nur schwimmen, wenn da keine Kinder sind.“

Männer mit pädophilen Neigungen müssen nicht -wie Ihre Sätze suggerieren- an den Strand gehen, um „Kinder im knappen Höschen“ zu sehen.

Ein Hansaplast-TV-Werbefilm aus dem Jahr 2015, der an einem feinsandigen, sauberen Strand spielt, setzt auf die Farbe Blau: Der blaue Himmel, das blaue Meer, blau gekleidete Personen. Das kurze Höschen des kleinen Mädchens ist sandfarben. Ihr leicht verwundeter Finger, den die Mutter mit einem Pflaster umwickelt, ist mit blondem Flaum behaart. Am Schluss des Spots sitzt das Mädchen im Sand. Die Hosenbeine stehen leicht von den Schenkeln ab. Eine Männerphantasie: Wenn sich nur Sand (und meine Hand) darin verfinge. Aus eigener Erfahrung mit kleinen Kindern am Strand kommt mir ein Satz in den Sinn, den ich einmal auf einer Postkarte gelesen habe: Damned Sand gets into everything.

Mit Hansaplast in der Reiseapotheke für die Ferien vorsorgen: Nie war der Badestrand so sauber wie heute.

Elfchen im Sechsten: „Kinderfrüherkennung“

Kennst

du das

Land, wo schon

Kleinkinder zur Musterung müssen?

Dahin!

Eine deutsche Großstadt, Frühjahr 2021: Ein acht Monate altes Mädchen bekommt hohes Fieber. Die Mutter des Kindes vermutet das Drei-Tage-Fieber, eine harmlose Kinderkrankheit, die sie schon bei ihrem älteren Kind miterlebt hat. Es ist selbst für Ärzte nicht so einfach, das Drei-Tage-Fieber zu diagnostizieren: Der für die Krankheit typische Hautausschlag stellt sich verspätet ein, in der Regel erst dann, wenn das Kind kein Fieber mehr hat. Da die junge Frau sich nicht ganz sicher ist, geht sie mit dem Kind zur Kinderärztin.

Es könne das Drei-Tage-Fieber sein, sagt die Kinderärztin, aber das hohe Fieber sei besorgniserregend und könne ein Hinweis sein auf eine Nierenbeckenentzündung. Die komme bei kleinen Mädchen gar nicht so selten vor und müsse wegen drohender Langzeitschäden sofort behandelt werden. Um sicher zu gehen, überweist sie das Kind ins Krankenhaus.

Im Krankenhaus wird ein Corona-Test durchgeführt. Das Kind darf dabei auf dem Schoß der Mutter sitzen und hält still. Der Test ist negativ. Man ordnet eine Blutuntersuchung an, um weitere Krankheiten auszuschließen. Ob ihr Kind nicht am Drei-Tage-Fieber erkrankt sein könne, wendet die Mutter ein, findet aber kein Gehör. Man nimmt dem Kind Blut ab, was für das Kind furchtbar ist. Es schreit, schlägt um sich und windet sich. Eine Mitarbeiterin legt sich auf das Kind, eine andere dreht dem Mädchen den Kopf zur Seite.

Im Anschluss an die Blutabnahme lässt sich das Kind kaum noch beruhigen, es weint und schreit. Die Blut-Werte sind „unauffällig“, aber man will einen Zugang legen. Das Kind soll im Krankenhaus bleiben, da man es weiter „beobachten“ müsse. Die Mutter übernachtet bei dem Kind, darf es aber nicht zu sich ins Bett nehmen. Sie rückt das Kinderbett an ihres heran und öffnet das Gitter. So beruhigt sich das Kind. Die Mutter kann nicht schlafen. Sie hat Angst um ihr Kind, nicht wegen einer möglichen schweren Krankheit, an die sie nicht glaubt, sondern wegen der ärztlichen Maßnahmen.

Am nächsten Tag fühlt sich das medizinische Personal nicht für das Kind zuständig. Die Mutter wartet stundenlang auf einen Arzt, der sich angekündigt hat, aber nicht kommt. So nimmt sie ihre Tochter auf eigene Verantwortung mit nach Hause. Zwei Tage später klingt das Fieber ab, und das Kind bekommt den Hautausschlag, der für das Drei-Tage-Fieber typisch ist.

Wenige Tage später ist das Kind wieder gesund. Die junge Frau geht einkaufen, legt ihr Kind in den Kinderwagen und nimmt es in den Supermarkt mit. In dem Moment, als sie gemäß Maskenpflicht den medizinischen Mund-Nasenschutz anzieht, schreit ihr Kind wie am Spieß.

Ich habe die Geschichte mitbekommen, weil ich zufällig einer Sprachnachricht gelauscht habe. Ich saß auf einem der einzeln stehenden Stühle vor dem Nippeser Café Eichhörnchen. Auf der anderen Seite der Holzkiste, die als Tisch dient, saß eine Frau, die die Sprachnachricht abhörte. Ich wollte mich wegsetzen, aber die Frau bat mich zu bleiben und die Sprachnachricht mit anzuhören. In Absprache mit der Absenderin, die kurz informiert wurde, stellte sie ihr Smartphone laut. Was ich schreibe, entspricht in etwa dem, was ich gehört habe. Bei ein paar Einzelheiten bin ich mir nicht ganz sicher. Vor allem weiß ich nicht, wie dem Kind Blut abgenommen wurde. Aber ich will es auch nicht wissen, denn ich finde es nur furchtbar.

Geschichten wie diese häufen sich in Corona-Zeiten. Die Atmosphäre in den Krankenhäusern ist extrem angespannt. Viele Ärztinnen und Ärzte haben die Gelassenheit verloren. Wenn es nur irgend geht, sollten Menschen -insbesondere die Eltern fiebernder Kinder- einen Bogen um Krankenhäuser machen.

Später frage ich mich, ob die Blutabnahme überhaupt medizinisch notwendig war. Tatsächlich lese ich im Internet, dass ein Urintest ausreicht, um eine Nierenbeckenentzündung auszuschließen: „Bei unklarem Fieber sollte besonders bei Kindern in den ersten Lebensjahren und spätestens am 4. Fiebertag auch mit einem Urintest eine behandlungs-bedürftige Blasen- oder Nierenbeckenentzündung ausgeschlossen werden.“ https://www.kinderaerzte-im-netz.de/krankheiten/drei-tage-fieber/

Was mutet man Kindern und Eltern zu? Warum wird ein Baby, das Fieber hat und sich ohnehin krank fühlt, auf Corona getestet, warum stellt man schmerzhafte, unzumutbare und offenbar nicht einmal notwendige Untersuchungen an? In Artikel 2 des Grundgesetz(es) für die Bundesrepublik Deutschland heißt es: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Wird hier nicht das Grundgesetz (massiv!) verletzt?

Wohlgemerkt: Kinderärztliche Versorgung ist sinnvoll und wichtig. Eine große medizinische Errungenschaft ist das Apgar- Score, eine Untersuchung, die kurz nach der Geburt auch von Hebammen durchgeführt wird und schnell Aufschluss gibt über den Gesundheitszustand des neugeborenen Kindes. Diese Untersuchung, die weltweit üblich ist, wurde übrigens von einer Frau entwickelt, und zwar von der US-amerikanischen Ärztin Virginia Apgar (1909 -1974). https://de.wikipedia.org/wiki/Apgar-Score

Doch inwieweit darf der Staat mit medizinischen Maßnahmen in das Leben der Menschen eindringen? Fakt ist: Wir sind nicht nur private Personen, sondern Bürgerinnen und Bürger. In Artikel 6 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Demnach ist es Aufgabe der Eltern, auf die Gesundheit ihrer Kinder zu achten. In der Regel wissen es die Eltern selber: Kinder müssen lernen, sich zu waschen, die Zähne zu putzen, sich durch Kleidung vor Kälte und Regen zu schützen etc. Eltern vermitteln nicht nur Nestwärme und Sicherheit, sondern begleiten ihre Kinder beim Großwerden, beim Laufen- und Sprechenlernen u.u.u.

Doch die Pflege und Erziehung der Kinder ist nicht allein (und leider immer weniger) Eltern-Recht : „Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Grundgesetz Art. 6, Absatz 2). Das ist grundsätzlich vernünftig. Demokratie beruht auf dem solidarischen Miteinander. Doch wie weit darf die „staatliche Gemeinschaft“ (wer oder was auch immer sich dahinter verbirgt) mit der Überwachung gehen? Ist die „staatliche Gemeinschaft“ überhaupt noch eine, entfernt sich da nicht ein politischer Elite-Club immer mehr von den Menschen – um sie gleichzeitig zu kontrollieren? Und wie können wir sicher sein, dass der Elite-Club, der stellvertretend für die „staatliche Gemeinschaft“ agiert, es gut meint mit den Kindern?

Allgemeine kinderärztliche Untersuchungen machen Sinn, auch die U-Untersuchungen – solange sie freiwillig sind. Doch die Freiwilligkeit ist immer mehr eingeschränkt worden.

Verordnungen, die die Entscheidungsfreiheit der Eltern einschränken und den Staat dazu ermächtigen, Familien ärztlich zu überwachen, wurden in Deutschland maßgeblich vorangetrieben durch die ehrgeizige CDU-Politikerin Ursula von der Leyen, Ärztin, Mutter von sieben Kindern und leidenschaftliche Dressurreiterin (Pferde). Von der Leyen, spätere Bundes- Verteidigungsministerin (2013-2019), war von 2005 bis 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

Aus dem Jahr 2009 stammt eine Pressemitteilung des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit dem holprigen Kürzel BMFSFJ, deren Kernaussage, was die „Kinderfrüherkennung“ betrifft, wie folgt lautet:

„Fast alle Bundesländer haben ein verbindliches Einlade- und Erinnerungswesen für Früherkennungsuntersuchungen eingeführt … Zentral sind dabei stets Einladungssysteme mit Rückmeldemechanismen. Wenn Familien nicht zu Untersuchungsterminen beim Kinderarzt erscheinen, wird systematisch nachgehakt. Notfalls schaut das Jugendamt zuhause nach dem rechten.“ ” https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/presse/pressemitteilungen/ursula-von-der-leyen-wir-haben-das-niveau-des-kinderschutzes-in-deutschland-spuerbar-erhoeht–87356

Der immer wieder offen ausgesprochene Hintergedanke ist, dass durch die U-Untersuchungen Fälle von Körperverletzung und sexuellem Missbrauch aufgedeckt werden sollen. Das heißt allerdings, dass alle Eltern hier unter einen Generalverdacht gestellt werden. Kinderärztinnen und Kinderärzte macht man zu Erfüllungsgehilfen, indem man sie dazu aufruft, den Körper der Kinder nach Spuren einer möglichen Gewalteinwirkung abzusuchen. Aber ist der aufspürende ärztliche Blick nicht selber gewaltsam? Was mutet man den Kindern (und Eltern) zu?

Auffällig ist, dass die Fälle von Kindesmisshandlung trotz (oder gerade wegen?) der Untersuchungen nicht sinken, sondern steigen. Außerdem dürfte mit der Ächtung der körperlichen Gewalt die Zahl der psychischen, subtilen Gewaltakte noch einmal deutlich zugenommen haben. Die psychische Misshandlung macht keine blauen Flecken. Seelische Verletzungen sind unsichtbar.

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Kinder-Untersuchungsheft meiner jüngeren Tochter, Jahrgang 1999. Das rechte Blatt („Kinderfrüherkennung“) bezieht sich nicht auf die U8 (linke Seite), sondern ist ein versehentlich nicht herausgetrennter Durchschlag für die KV (Kassenärztliche Vereinigung), der von der U7 stammt. Wir hatten damals das Glück, einen freundlichen Kinderarzt zu finden, der die Punkte nicht einzeln abgehakt hat, sondern den Mut hatte, seiner ärztlichen Intuition zu vertrauen. Schon aus versicherungstechnischen Gründen wird es sich heutzutage kaum ein Arzt/eine Ärztin mehr erlauben, den Bogen nicht akribisch auszufüllen.                                                                                        Unbegreiflich finde ich, dass seit Jahrzehnten niemandem auffällt, dass „Kinderfrüherkennung“ ein Unwort ist. Es gibt medizinische Methoden zur Früherkennung diverser Krankheiten, insbesondere von Krebs (Krebs-Früherkennung). Aber kann man Kinder früherkennen? Ist denn das Kind eine (lebensbedrohliche) Krankheit?

Und wenn dann die Familie endlich wieder die Koffer packt, erlaubt sich die Krankenkasse, ein Wörtchen mitzureden, denn auch und gerade auf Reisen, so redet man uns ein, drohen unseren Kindern Gefahren. Die AOK hat eine 16-teilige Checkliste für die „Kleinkinder-Reiseapotheke“ ins Netz gestellt. Da kann ich nur sagen: Nix wie weg! https://www.aok.de/pk/magazin/cms/fileadmin/gemeinschaftlich/artikel/PDF/aok_checkliste-reiseapotheke-kleinkinder.pdf

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Zäpfchen, Salben und Segen auf all deinen Wegen. Die AOK Rheinland ist immer dabei. Bahnsteig-Werbung, Hbf Bonn, Juni 2021

Als Rotkäppchen vor dem Oster-Besuch bei der Großmutter in die Vorquarantäne ging – Und was dann passierte

Als Rotkäppchen kurz vor Weihnachten 2020 dreizehn Jahre alt wurde, nahm sie endlich das rote Käppchen ab. Seitdem trug das Mädchen den lieben langen Tag einen roten Mund- Nasenschutz. Käppchen und Maske zusammen – das sah einfach nicht gut aus. Aber sie nannte sich nicht Rotmaske, sondern immer noch Rotkäppchen.

Rotkäppchen hatte ihre Großmutter fast ein Jahr lang nicht gesehen. Die Großmutter lebte wie eh und je in ihrem Waldhaus und rief einmal in der Woche ihre Enkelin an. Manchmal fuhr sie mit dem E-Dreirad über die Waldwege zum Einkaufen in die Stadt. Rotkäppchens Vater, der sich eigentlich nur zu den Feiertagen bei seiner Mutter meldete, hatte die Großmutter unterstützen wollen und schon zu Beginn der Krise bei ihr angerufen.

„Mutter, ich muss dir leider etwas mitteilen. Wir erleben gerade eine schwere Seuche.“ Er schluckte: „Corona. Pass bitte auf dich auf.“

Die Großmutter lachte: „Junge, was erzählst du mir da? Ich hab keinen Fernseher, aber WLAN. Ihr Städter spinnt. Seit die Füchse wieder in die Städte kommen und die Krähen nicht mehr abgeschossen werden dürfen, fühlt ihr euch verfolgt. Ihr seht überall Ungeziefer und Viren. Ihr dreht komplett durch. Begreift doch endlich, dass sich die Natur nicht kontrollieren lässt.“

„Mutter, es ist ernst“, sagte der Sohn. „Ich könnte dir doch die Lebensmittel vorbeibringen. Ich stelle dir alles vor die Tür, klingele kurz an und gehe schnell zum Auto zurück. Mutter, wir…“ Er schluckte. „Mutter, wir können uns zuwinken.“

„Mach dich nicht lächerlich“, sagte die Großmutter. „Du bist ein sentimentaler Hypochonder und hast panische Angst vor dem Tod. Ich bin alt, aber du musst keine Angst vor mir haben. Alt ist nicht ansteckend, mein Sohn.“

„Ich habe keine Angst vor dir, sondern um dich“, entgegnete Rotkäppchens Vater. „Ich habe Angst, dass du dich bei mir ansteckst.“

„Wieso sollte ich das?“

„Mutter, mach jetzt bitte keine Witze. Ich will verhindern, dass ich dich anstecke. Es geht nicht um meine Gesundheit, sondern um deine. In deinem Alter ist eine Infektion lebensbedrohlich. Ich…“

„Halt!“, sagte die Großmutter. „Sprich nicht so laut, ich bin nicht schwerhörig.“

„Gut“, sagte Rotkäppchens Vater. „Aber begreif, Mutter, du musst dich vor uns schützen.“

„Das ist mir nicht neu“, sagte die Großmutter und legte auf.

Rotkäppchen hätte die Großmutter allzu gerne besucht. Aber das war leider nicht möglich, ihr Vater hatte es ihr schon zu Beginn der Krise verboten, denn sie musste ja die Großmutter schützen. Im Schaukasten der Apotheke hing ein Plakat, das so rot war wie ihr Käppchen: „Bring Corona nicht zur Oma.“

Rotkäppchen fühlte sich angesprochen, ja ertappt. Sie träumte sogar von dem Plakat. Doch im Traum stand auf dem Plakat ein ganz anderer Satz: „Bring den Wolf nicht zur Oma.“ Rotkäppchen erschrak. Schließlich war sie diejenige gewesen, die den Unhold zur Oma gebracht hatte, denn sie hatte dem Bösen Wolf damals den Weg verraten.

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Bring

den Wolf

nicht

zur Oma.

Fortan sah es Rotkäppchen als ihre Aufgabe an, Kinder und Jugendliche über die Gefahren der Corona-Infektion aufzuklären. Da sie bereits als Kind eine traumatische Erfahrung mit dem Bösen gemacht hatte, galt sie trotz ihrer jungen Jahre schon bald als Expertin. Sie ging in die Schulen und hielt Vorträge. Rotkäppchen brachte den Schülerinnen und Schülern bei, wie man sich vor dem Virus schützen kann.

Mit einfachen Worten erklärte sie auch kleinen Kindern die AHA-Regeln. Das H für Hygiene war ihr besonders wichtig, nicht nur, was das Händewaschen betraf. Denn als sie damals dem Wolf begegnet war, hatte der nicht gerade sauber ausgesehen und zudem übel gerochen, und was noch schlimmer war: Beim Anblick des unschuldigen Kindes war ihm der hochinfektiöse Speichel aus dem Maul gelaufen und auf den Waldboden getropft.

Rotkäppchen wurde als hochbegabt eingestuft und bekam das Angebot, schon vor dem Abitur Gesundheitspsychologie zu studieren. Weihnachten würde sie die Großmutter mit der Neuigkeit überraschen. Doch die Großmutter hatte es längst über das Internet erfahren, denn die Nachricht stand in mehreren Online-Zeitungen. Leider hatte die Großmutter was gegen die Gesundheitspsychologie.

Gesundheitspsychologen und insbesondere Gesundheitspsychologinnen waren für die Großmutter Personen, die sich auf oft unannehmbare Art und Weise in das Leben anderer Leute einmischten, insbesondere in das Leben der Dicken, der Raucher und der Alkoholtrinker. Die Großmutter, eine leidenschaftliche Rotweintrinkerin, sagte für Weihnachten ab. Dabei hätte ihr Besuch, wie Rotkäppchens Vater seiner Mutter erklärt hatte, kein Problem dargestellt. Sie hätte als einzige Person aus einem anderem Haushalt ungeprüft zu Besuch kommen können.

Was war nur mit Großmutter los? Rotkäppchens Vater wurde böse. Wie konnte sie ihre Enkelin so enttäuschen und verunsichern? Auch das Weihnachtsgeschenk hatte die Großmutter nicht angenommen.

„Warum schenkst du mir ein Smartphone?“, fragte die Großmutter am Telefon. „Du kannst mir doch nicht vorschreiben, was ich brauche.“

„Mutter, es ist wichtig, dass sich auch die Älteren an der digitalen Erneuerung beteiligen.“

„Es ist wichtig, dass sich nicht auch noch die Älteren veräppeln lassen“, sagte die Großmutter. „Ich will keine Apps. Findest du es gerecht, dass ich mehr Geld für meine Straßenbahn-Karte zahlen muss, nur weil ich keine App habe?“

„Sieh es bitte anders, Mutter. Du bezahlst so viel wie immer. Aber diejenigen, die eine App haben, zahlen eben weniger. Das Angebot könntest du auch wahrnehmen.“

Die Großmutter lachte und legte auf. Einige Monate hörten sie nichts voneinander. Doch gegen Ostern 2021 meldete sich ihr Sohn.

„Mutter, ich möchte dir etwas mitteilen. Du wirst direkt nach Ostern geimpft. Ich komme mit deiner Hausärztin bei dir vorbei.“

„Was erzählst du da?“, fragte die Großmutter. „Ich habe weder Haustier noch Hausärztin. Und wenn ich mich für einen entscheiden müsste, dann für den zähnefletschenden Hund und nicht für die die Impfspritze zückende Medizinerin. Der Hund droht nur.“

Rotkäppchens Mutter hatte alles mit angehört, denn ihr Mann hatte das Telefon laut gestellt. Jetzt übernahm sie den Telefonhörer. Sie räusperte sich und sprach mit leiser, gebrochener Stimme: „Bitte, lass dich impfen. Dann brauchst du keine Angst mehr vor dem Virus zu haben.“

„Ich habe keine Angst“, sagte die Großmutter. „Ich misstraue nur der Impfung. Lieber stecke ich mich freiwillig an, als mich unfreiwillig impfen zu lassen.“

„Hilfe“, jammerte im Hintergrund Rotkäppchens Vater. „Ich kann nicht mehr. Meine Mutter ist selbstmordgefährdet.“

„Mutter, wir wollen dich doch so so so gerne besuchen“, sagte Rotkäppchens Mutter, die die Fassung behielt. „Aber es wäre viel viel viel schöner, wenn du geimpft bist, denn die Impfung schützt dich davor, dich bei uns anzustecken. Wir wissen ja nicht, ob wir nicht vielleicht ansteckend sind. Der Inzidenz-Wert ist erschreckend hoch.“

„Ich bin längst längst längst immun gegen euch“, sagte die Großmutter.

Rotkäppchens Vater machte sich große Sorgen. Eine Großmutter zu haben, die sich der Impfung verweigerte, konnte für Rotkäppchen rufschädigend sein. Überhaupt wurde die Großmutter für die Familie zunehmend zur Belastung. Es sprach sich herum, dass die Großmutter eine Corona-Leugnerin und Verschwörungstheoretikerin war. Irgendwer hatte sie auf einer Querdenker-Demo gesehen, denn sie war auf den Bildern in der Tagesschau deutlich zu erkennen gewesen, und zwar in den Reihen der AFD. Die Leute grüßten nicht mehr.

Am Telefon platzte Rotkäppchens Vater der Kragen: „Dass du mir das antust, Mutter!“

„Was lässt du dir erzählen?!“, schrie die Großmutter. „Ich finde die AFD fürchterlich, das weißt du doch. Außerdem bin ich viel zu faul zum Demonstrieren. Früher, ja. Da waren die Demos noch politische Volksfeste… Komm sing doch, Vogel, sing, daß Gorleben lebt… Ich kann ohnehin nicht mehr so lange stehen. Und auf Demos ist nie ein Klo in der Nähe. Ich denke nur, wir müssen über neue politische Aktionsformen nachdenken. Bei der Critical Mass Corona wäre ich gerne dabei. Ich wünsche mir dezentrale Aktionen.“

„Tu mir das nicht an, Mutter! Willst du etwa zu diesen aggressiven Radfahrern gehören, die den Straßenverkehr blockieren?“

„Du denen gehöre ich längst.“ Die Großmutter lächelte. „Ich war schon oft dabei. Außerdem sind nicht wir Radfahrer aggressiv, sondern die Autofahrer. Wir fahren im Pulk und halten anderthalb Meter Sicherheitsabstand voneinander. Ich bin jetzt auf das E-Dreirad umgestiegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und um den Anschluss an die Gruppe zu halten. Junge, ich kann sitzend demonstrieren. Zur Zeit findet ja wegen Corona keine Critical Mass mehr statt. Die kritische Masse wurde platt gemacht. Höchste Zeit, sie wieder zu beleben, und zwar dezentral. Nicht nur zum Thema Klima, sondern zum Thema Corona. Ich wünsche mir kleine Pulks, die überall gleichzeitig starten und…“

„Stop!“, schrie Rotkäppchens Vater. „Du wirst dir die Knochen brechen. Wir müssen über das Haus reden, du müsstest renovieren, um den Wert des Hauses zu erhalten. Falls du Pflege brauchst und in ein Heim kommst, werden wir das Haus verkaufen müssen, um den Pflegeplatz finanzieren zu können. Mutter, unser Waldhaus steht unter Denkmalschutz, aber du lässt es vergammeln.“

„Das Waldhaus ist immer noch mein Haus“, sagte die Mutter.

„Aber wir müssen für die Pflege aufkommen.“

„Für welche Pflege?“

„Mutter, es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber du gefällst mir überhaupt nicht.“

„Danke gleichfalls“, sagte die Großmutter und legte auf. Sie seufzte tief. Die Corona-Krise brachte traurige Wahrheiten ans Licht. Die Zwangs-Maßnahmen wirkten: Die Reichen wurden immer reicher, die Armen immer ärmer. Starbucks und MacDonalds überlebten, aber die kleinen, lebendigen Cafés, Kneipen und Restaurants waren längst platt. Die Leute hatten sich der Macht gebeugt. Sie standen stramm, misstrauten und verpfiffen einander. Die Menschen unterwarfen sich den neuen Gesetzen und ließen sich lächelnd impfen, um endlich Ruhe zu haben. Der Umgangston war autoritär. Im Namen der Staatsgewalt maßregelten spießige Kinder ihre freundlichen alten Eltern. Ihr Sohn, ein Betriebswirt, der bei amazon auf die schiefe Geld-Bahn geraten war, war selbstbewusst wie noch nie.

Aber jetzt war die Gelegenheit da, dem Jungen die Wahrheit zu sagen. Ein paar Tage später rief sie ihn an.

„Es ist alles wieder gut“, sagte sie leise lachend. „Lass uns miteinander reden. Es ist schön, dass du dich um mich sorgst. Aber mach dir um das Geld keine Gedanken. Ich hab ausgesorgt, denn ich habe vor ein paar Jahren im Lotto gewonnen. Eine hübsche Summe im sechsstelligen Bereich.“

„Mutter, du… Warum hast du uns das nicht erzählt?“

„Ist ja schon peinlich.“

„Ach, Mutter. Weißt du was, wir werden dich besuchen, und zwar an Ostern, denn das müssen wir feiern. Aber vorher geht meine kleine Familie in die Vorquarantäne. Und anschließend machen wir noch einen kostenlosen Corona-Bürgertest. Für das Geld, das wir sparen, bringen wir dir Blumen mit.“

„Das würdet ihr für mich tun?“, fragte die Großmutter leise. „Gibt es jetzt eine Vorquarantäne für Menschen?“

„Aber ja“, sagte Rotkäppchens Vater und gluckste.

„Ich kenne die Vorquarantäne nur von den Haustieren, die die Leute nach Großbritannien mitnehmen wolllten“, sagte Rotkäppchens Großmutter. „Das war eine Regelung aus dem 19. Jahrhundert. Es konnte ja sein, dass die Tiere die Tollwut hatten, also mussten Hunde und Katzen bis vor 20 Jahren in die sechsmonatige Vor-Quarantäne, was natürlich maßlos übertrieben war. Du siehst, die Ansteckungs-Angst, die wir heute erleben, ist nicht neu. Aber eine Vor-Quarantäne ist meiner Meinung nach Tierquälerei.“

„Die Vorquarantäne für Menschen ist keine Quälerei, denn sie dauert nur wissenschaftlich empfohlene zehn Tage“, sagte Rotkäppchens Vater. „Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar ist vor Weihnachten mit der ganzen Familie in die Vorquarantäne gegangen, um die Schwiegermutter besuchen zu können. Ich finde das großartig.“

„Was ist daran großartig?“

„Dass offenbar die ganze Familie auf den Häuptling gehört hat“, sagte Rotkäppchens Vater. „Das hätte ich auch gerne.“

„Ja, ja.“ Die Großmutter grinste. „Und woher weißt du das?“

„Aus der neuen OMA“, sagte Rotkäppchens Vater. „Das Magazin für aktive Großeltern. Ich schicke dir eine Mail mit einem Foto vom Heft.“

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„Ein bildhübscher Junge“, sagte die Großmutter. „So einen wünscht man sich als Schwiegersohn. Du hattest mir ja im letzten Jahr sein Buch geschenkt: Nächste Ausfahrt Zukunft. Das war gut gemeint von dir, aber… Ein irreführender Buchtitel. Als wenn es so einfach wäre. Blinker setzen und raus aus der Patsche. Sich über die Navi informieren lassen und schnell die letzte Ausfahrt vor dem Total-Stau nehmen, während die anderen stecken bleiben. Nur hängen die Schlaumeier, die abfahren, dann oft stundenlang auf der Landstraße mit all denen, die ebenfalls meinten, schlauer zu sein. Außerdem macht der Ranga Auto-Werbung.“

„Wieso das denn?“

„Ich glaube kaum, dass er mit dem Fahrrad über die Autobahn fährt und radelnd die Ausfahrt Zukunft nimmt. Sag, hatte der Ranga die Idee mit der Vorquarantäne?“

„Jein“, sagte Rotkäppchens Vater. „Das war mit Christian Drosten abgesprochen. Ranga Yogeshwar hat die Idee umgesetzt. Er hat es stellvertretend für uns alle ausprobiert. Großartig! Ich lese es dir vor …“

„Nein“, sagte die Großmutter. „Das hätte ich gerne schwarz auf weiß. Schick mir doch bitte ein Foto des Artikels per Mail.“

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„Für den Ranga Yogeshwar ist die Schwiegermutter… am Ende ihres Lebens“, sagte die Großmutter, nachdem sie den Artikel gelesen hatte. „Bin ich das für dich auch?“

„So würde ich das nie ausdrücken“, sagte Rotkäppchens Vater. „Aber wissenschaftlich korrekt ist das ja schon.“

„Ich bin enttäuscht“, sagte die Großmutter. „Was ist dem Ranga Yogeshwar passiert? Der ist doch eigentlich ein großartiger Journalist. Ist das noch der selbe Mann, der mutige, politisch kritische Berichte zum Thema Atommüll verfasst hat? Was ist mit ihm passiert? Wie dieser Mann sich neuerdings ausdrückt: Wir brauchen andere Strategien, auch mit Blick auf Schnelltests. Damit diese Menschen noch ein Stück Lebensqualität haben. Der Ausdruck Lebensqualität ist wirtschafts- und sozialwissenschaftlich korrekt, aber eiskalt. Außerdem ist das Werbesprech. Für wie tot hält er uns alte Menschen? Das ist Ausbeutung.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“, empörte sich Rotkäppchens Vater. „Das ist doch keine Ausbeutung! Die Oma bekommt großzügige Geschenke. Yogeshwars Kinder haben ihr ein Smartphone gekauft. Mittlerweile ist die Schwiegermutter in der Familie die WhatsApp-Queen.“

„Das ist doch ein alter Schmarren“, sagte die Großmutter. „Der Ranga hat schon vor drei Jahren in einem Stern-Interview erzählt, dass die Schwiegermutter per WhatsApp mit den Enkeln kommuniziert. Ich schicke dir gerne den Link. https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/-ranga-yogeshwar–haben-roboter-bald-die-weltherrschaft-inne—7847034.html Mir gefällt das gar nicht, was er da tut. Er benutzt die Familie für Werbezwecke.“

„Wie bitte?!“

„Er macht hier Werbung für die Corona-Zwangsmaßnahmen“, sagte die Großmutter. „Und für die digitale Erneuerung, die mit den Maßnahmen einhergeht.“

„Du bist ja nur neidisch“, sagte Rotkäppchens Vater.

„Der Ranga ist zu schön, um wahr zu sein“, sagte die Großmutter. „Ich würde nur gerne wissen, wie die Schwiegermutter es findet, dass er von einem Magazin namens OMA Tausenden von Schwiegermüttern in die Augen guckt. Dabei interessiert er sich gar nicht für die Oma. Der Mann hat doch Einfluss. Warum macht er nichts dagegen, dass die Menschen in den Altenheimen schon seit Wochen in Quarantäne sind, obwohl man sie zwei Mal geimpft hat? Die Alten haben kein schönes Leben mehr. Aber sag, wie lange geht ihr drei in die Vorquarantäne?“

„10 Tage.“

„Eine gute Idee“, sagte die Großmutter. „Dann mache ich in den zehn Tagen den Frühjahrsputz. Es soll schön sein, wenn ihr kommt. Ja!“

Die Großmutter legte auf, atmete auf. Sie stand eine Weile nur so da und wurde dann mit einem Mal von einem tiefen Lachen ergriffen. Konnte nicht mehr aufhören zu lachen. Sie machte sich in die Hose, aber es war ja kein Mensch in der Nähe, der das sah. Und die Zimmertierchen, die Silberfischchen, Stubenfliegen, Spinnen und Schneider, die Motten und Milben würde es ohnehin nicht interessieren. Es war ihr alles auf die schönste Weise egal. Mediziner würden das, was ihr geschah, einen Lachkrampf nennen, eine Affektinkontinenz. Aber das war kein Krampf und keine Inkontinenz, sondern ein Ausbruch, eine Befreiung. Das war einfach nur kosmisch.

Also ging Rotkäppchen mit ihrer Familie in die Vorquarantäne. Wenn sie bei schönem Wetter aus dem Fenster nach draußen guckte, sah Rotkäppchen, dass die selben Kinder, die sie unterrichtet hatte, die AHA-Regeln nicht beherzigten, sondern miteinander spielten und rauften. Sie rief beim Schuldirektor an und beschwerte sich.

„Petze“, sagte der Schulleiter. Ausgerechnet der Mann, der sie immer gefördert hatte. Rotkäppchen weinte bitterlich.

„Was ist los?“, fragte die Mutter, die ins Zimmer gerannt kam.

„Mir ist so langweilig“, sagte Rotkäppchen.

„Du hast doch jetzt deinen Podcast“, sagte die Mutter.

„Ich hab aber gar keine Freunde mehr“, sagte Rotkäppchen. „Ich kriege nur jeden Tag Mails mit Heiratsanträgen von angehenden Ärzten und Apothekern. Gestern war ein fünfzehnjähriger Medizinstudent dabei.“

„Wunderbar!“, freute sich die Mutter und klatschte in die Hände. „Der junge Mann hat mindestens drei Klassen übersprungen!“

„Mama, was soll ich denn damit? Mir ist so langweilig.“

„Stell dich nicht so an und sieh das positiv“, sagte die Mutter. „Dann langweilst du dich jetzt mal.“ https://web.de/magazine/ratgeber/kind-familie/laaangweilig-eltern-meistens-falsch-reagieren-34573652

Endlich war die Quarantäne vorbei. Alle drei hatten sich testen lassen. Welche Freude es war, negativ getestet worden zu sein. Mit dem Testergebnis gingen alle drei zum Friseur. Gut schauten sie aus.

Als sie am Waldhaus ankamen, stand die Tür weit offen, so wie damals, als Rotkäppchen bei der Großmutter ankam, aber der Wolf ihr zuvorgekommen war und die Großmutter gefressen hatte. Doch diesmal war alles anders. Auf der Wiese vor dem Haus blühten bunte Frühlingsblumen.

„Hereinspaziert“, rief von drinnen die Großmutter.

Der Hauseingang war hübsch geschmückt. Im Flur hatte die Großmutter die Osterhasen-Bilder aufgehängt, die Rotkäppchen vor ein paar Jahren gemalt hatte. Eine riesige Bodenvase mit blühenden Kirschzweigen, an denen bunte Eier hingen, verstellte den Blick auf den Wohnraum. Alles verhieß ein wundervolles Osterfest. Nur hatte das Rotkäppchen einen strengen Geruch in der Nase, der ihr bekannt vorkam.

„Darf ich vorstellen?“, sagte die Großmutter. „Das ist Wolf, mein neuer Ehemann und… “ Die Großmutter streichelte die Pfote des Wolfs, der neben ihr am Tisch saß und einen Napf mit Lamm-Ragout vor sich hatte, der Leibspeise von Rotkäppchens Vater.

„Ehemann und?“, wiederholte Rotkäppchens Mutter und hielt sich die Nase zu.

„Mein neuer Ehemann und mein Alleinerbe und…“

„Und?!“ Jetzt schrie Rotkäppchens Mutter.

„Vater meiner fünf Adoptivkinder“, sagte die Großmutter. „Endlich habe ich eine große und lustige Familie.“

„Juchhu“, freute sich Rotkäppchen. „Habe ich jetzt endlich Vettern und Kusinen?“

Die Großmutter nickte: „Mindestens 36.“

„Ist das amtlich?“, fragte Rotkäppchens Vater und setzte sich mit Abstand ans andere Ende des Tisches.

„Aber ja“, sagte die Großmutter. „Falls ich sterben sollte, was ich nicht vorhabe, können sich sechs Kinder über einen Pflichtanteil freuen. Das macht für dich, mein Sohn…“

„Ein Vierundzwanzigstel“, sagte Rotkäppchens Mutter, die Juristin war und Fachanwältin für Erbrecht. Sie hielt sich die Hand an den Kopf und ließ sich auf das ordentlich gemachte Bett der Großmutter fallen.

„Mutter, das glaub ich nicht“, sagte Rotkäppchens Vater.

„Das ist doch wohl nicht beurkundet, oder?“, fragte seine Frau.

„Doch“, sagte die Großmutter. „Wir wollten keine wilde Ehe. Es gibt ein handschriftliches, sicher verwahrtes Testament. Wolf tut sich schwer mit dem Schreiben, außerdem hat er nichts zu vererben. Ich bin der Part vom Paar, der schreiben kann.“

„Wie …?“ Rotkäppchens Vater atmete schwer. „Wie…. Wie habt ihr das gemacht? Ich meine, ihr müsst doch auf dem Standesamt gewesen sein.“

Großmutter lächelte: „FFP2.“

***

Ergänzung Pfingsten 2021:

Nur wenige Tage, nachdem ich die Geschichte aufgeschrieben hatte, überraschte mich die Nachricht, dass in der Nacht auf den Donnerstag im Kölner Nordwesten, ganz in der Nähe der autofreien Siedlung Stellwerk 60, ein Wolf gesichtet wurde. Wie einst der Rattenfänger von Hameln seine Chance witterte, als alle Erwachsenen in der Kirche waren, so nutzte dieser Wolf die nächtliche Ausgangssperre zu einem Streifzug durch die ungewöhnlich menschenleeren Stadtteile Ehrenfeld, Bilderstöckchen und Weidenpesch. Dass er mehrfach in den Nähe der mehrspurigen Straße namens Gürtel beobachtet wurde (Melatengürtel und Parkgürtel), überrascht mich nicht. Hier begegnen einem manchmal wilde Tiere. Vgl.: https://stellwerk60.com/2019/12/13/der-stadtjager-und-der-waschbar/

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Schon am nächsten Tag schaltete man das Lanuv ein, das „Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen“. Der Kölner Stadtanzeiger fasste den Stand der Ermittlungen folgendermaßen zusammen: „…In Köln gab es derweil noch einen weiteren Zwischenfall, in den ein Wolf involviert gewesen sein könnte. Am Donnerstag „wurden in der nördlichen Kölner Rheinaue vier tote Schafe gefunden, die in der Nacht von einem großen Hund oder einem Wolf getötet worden waren“, teilt das Lanuv mit. Ein Wolfsberater habe im Auftrag der Behörde die gerissenen Schafe dokumentiert und Proben für die genetische Untersuchung durch das Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen genommen. Wenn sich der Wolfsverdacht bestätigt, kann der Tierhalter eine Entschädigung beantragen, erklärt das Lanuv weiter…https://www.ksta.de/koeln/-extrem-selten–wolf-irrt-durch-koeln-und-wird-von-ueberwachungskamera-gefilmt-38411732 Mein großer Hund hat ein Alibi. Er war hier und hat geschlafen. DIE ZEIT DER WÖLFE ist nicht seine.

„Für den Franz-Josef Strauß waren die politischen Kritiker weder ‚Wutbürger‘ noch ‚Verschwörungstheoretiker‘, sondern ‚Ratten und Schmeißfliegen‘ “ – Weiter geht’s mit der Frau Keuner

„Tut das gut“, sagt die Frau Keuner, nachdem sie einen Schluck Kölsch getrunken hat. „Das nenne ich Freiheit. Mitten auf der Straße kühles Kölsch direkt aus der Pulle, unbeobachtet. Deshalb möchte ich nicht prominent sein. Da musst du dich immer kontrollieren, immer aufpassen, was du sagst, denn du wirst ständig beobachtet. Du lebst ja nicht nur vom, sondern im Fernsehen. Aber manchmal vergessen die Promis, dass wir sie beobachten. Ich denk da an den Jogi Löw. Wo der sich überall hingepackt hat.“

„In die Nase doch nur, oder?“

„Nicht nur“, sagt die Frau Keuner. „Hast du das damals nicht mitgekriegt? 80 Prozent von euch und ich … Die Pressekonferenz, wo der Poldi das gesagt hat, kannst du dir auf You Tube angucken.“

„Da hatte man noch was zu lachen“, sagt die Frau Keuner. „Jetzt tritt der Jogi ab. Der sieht ja neuerdings ziemlich alt aus. Als Fernseh-Figur kannst du nicht unbeobachtet altern. Die Fernsehzuschauer ertappen dich sozusagen dabei. Und die kriegen es alle mit, wenn du pummelig wirst. Je höher die Einschaltquote ist, desto mehr Leute sitzen vor dem Fernseher und sagen: Ist der Eckart von Hirschhausen aber moppelig geworden. Vor den Leuten kannst du auch nicht verstecken, dass du gesoffen hast. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass die Margot Käßmann verpfiffen wurde, als die damals ein einziges Mal zu viel gesoffen hat. Ist allerdings auch bescheuert, sich als öffentliche Person alkoholisiert hinters Steuer zu setzen.“

„Ich glaub, die konnte einfach nicht mehr, die musste mal…“, sage ich. „Das war schlau.“

Wir sind vor dem Haus angekommen, wo die Frau Keuner wohnt. Es ist nicht so leicht zu erkennen, denn die Mehrfamilienhäuser sehen alle gleich aus und sind aneinander gebaut. Alle Häuser haben ein gemeinsames Dach, wie mir die Frau Keuner erklärt. Und deshalb hatten alle Häuser ein gemeinsames kaputtes Dach und eine gemeinsame Baustelle.

Die Frau Keuner geht noch nicht hoch. „Schön, mit dir zusammen draußen Bier zu trinken. Aus einer echten Glasflasche. Für zu Hause hol ich mir ja meistens das Weißbier von Aldi in der Plastikpulle. Das schütte ich mir dann in ein Glas um. Aber direkt aus der Pulle geht Plastik überhaupt nicht. Wie hieß noch die Karnevalsaktion der Stadt Köln, wo die Leute dazu erzogen werden sollten, das Bier nicht mehr aus Glasflaschen zu trinken, sondern aus stabilen Plastikbechern?“

Mehr Spaß ohne Glas“, sage ich. „Ich versteh das schon. Es liegen ja schon ohne Karneval überall Scherben rum.“

„Dann sollte man, anstatt uns alle damit zu bestrafen, Bier aus Plastikbechern zu trinken, lieber den Flaschenpfand auf fünfzig Cent erhöhen“, sagt die Frau Keuner. „Nicht nur zur Karnevalszeit. Könnte man ja mal ausprobieren. Für acht Cent bringt niemand die Bierflasche zurück. Prost.“

„Wie hat sich eigentlich das Leben auf der Baustelle angefühlt?“, frage ich.

„Dumme Frage“, sagt die Frau Keuner. „Wie wohl? Ich hatte monatelang das Gerüst direkt vor dem Fenster. Wie soll ich mich gefühlt haben? Bedroht! Du weißt ja nie, wer zu dir will, Einbrecher, die Polizei oder die aufsuchende Impfung. Es gibt so viele Leute, die ihren Mitmenschen einen Schreck einjagen wollen. Erinnerst du dich noch an die Horrorclowns, die vor ein paar Jahren unterwegs waren? Stell dir vor, ein als Krankenhausclown verkleideter Eckart von Hirschhausen und der Impfarzt Karl Lauterbach tun sich zusammen, die klettern über das Gerüst auf deinen Balkon und klopfen von außen an dein Fenster. Lustig, was?“ Die Frau Keuner nimmt einen Schluck Bier. „Wenn du alleine lebst, ist so eine Baustelle alptraumhaft. Erst recht in Corona-Zeiten. Puff geschlossen, Stadion nur für geladene Gäste. Das macht die Männer noch aggressiver, als sie ohnehin sind. Eigentlich sollte das Gerüst vor Weihnachten abgebaut werden. Soll ich dir Fotos zeigen? Ich hab die Fotos an das Heimatministerium geschickt: Das ist sooo deutsch: Pfusch am Bau.“

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Hereinspaziert!

„Und warum haben Sie die Fotos an das Heimatministerium geschickt?“, will ich wissen.

„Weil die da auch für den Bau zuständig sind. Das Heimatministerium ist das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Ich finde, ein Bundesministerium für Bau und Heimat sollte darauf achten, dass so gebaut wird, dass sich die Menschen überall in Deutschland in ihren Wohnungen beheimatet fühlen. Aber die sind da leider mehr an PR als am Gemeinwohl interessiert. Das Heimatministerium gibt Broschüren heraus, die uns die unternehmerfreundliche Politik als bürgerfreundlich verkaufen. Stadtentwicklungsbericht 2020. In den Großstädten wird der soziale Wohnungsbau gefördert, damit die Leute nicht mehr gezwungen sind, von Köln nach Frechen zu ziehen, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können.

„Das klingt doch gut“, sagte ich.

„Ja, das klingt gut“, sagte die Frau Keuner. „Aber dann bauen die die Wohnungen so billig, dass nach ein paar Jahren saniert werden muss. Prost.“

„Prost auch“, sage ich. „So fördert man das Handwerk.“

„Hömma, wie redest du?! Lisa, du musst keine Miete zahlen. Du bist fein raus. Das hier ist geplanter Verschleiß am Bau. Wenn ein Staubsauger nach ein paar Jahren kaputt geht, kannst du den wegschmeißen, weil sich die Reparatur nicht mehr lohnt, aber du kannst ein Wohnhaus nicht in die Tonne kloppen. Man darf doch beim Bau der Wohnhäuser nicht an den falschen Stellen sparen. Wobei die falschen Stellen für manche Leute genau die richtigen sind. Ich denke, mein Vermieter GAG hat sich die Sanierung teuer bezahlen lassen. Auf unsere Kosten, denn auf der öffentlich geförderten Baustelle leben wir. Ich habe gerade mal 15% weniger Miete gezahlt. Warum musste ich überhaupt noch Miete bezahlen? Warum hab ich kein Schmerzensgeld gekriegt?“

„Warum gucken Sie mich an?“, frage ich. „Ich bin keine Vermieterin.“

„Aber Eigentümerin“, sagt die Frau Keuner. „Ich weiß ja, dass eure schmucken Reihenhäuser kurz nach Ablauf der Gewährleistungsfrist sanierungsbedürftig waren und es immer noch sind. Hast du mir selber erzählt. Aber ihr könnt selber entscheiden, wann und ob ihr euch das Gerüst vor die Häuserreihe stellt. Und ihr könnt die Bruchbuden teuer verkloppen. Die autofreie Siedlung ist ja eine Top-Adresse für Leute mit Kleinkindern. Die kaufen die Häuser, obwohl sie wissen, dass die Bausubstanz schlecht ist. Der Bauträger hat ja damals keinen Unterschied gemacht zwischen Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern. Billiger, billiger, billiger.“

Die Frau Keuner verstummt, aber nur, weil sie trinkt. Sie setzt die Flasche ab, wischt sich mit dem Handrücken über den Mund und redet dann weiter: „Jetzt wurde im Heimatministerium der Förderaufruf Post-Corona-Stadt gestartet. Es geht um die Finanzierung zukünftiger Bauprojekte. Woran erinnert dich das Vorhaben Post-Corona-Stadt? Was soll da mit unseren Geldern gefördert werden? Welche Nachkriegs-Vokabel fällt dir dazu ein?“

„Wiederaufbau?“

„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Aber warum fühlt sich der Heimatminister nicht verantwortlich für die Stadt vor Corona, für den Zustand der Häuser, die schon vor Jahren und Jahrzehnten gebaut wurden? Warum lässt man zu, dass die Menschen gerade in den Großstädten völlig überhöhte Mieten zahlen müssen? Das Bundesverfassungsgericht hat gerade den Berliner Mietpreisdeckel gekippt. Sag mal, interessiert dich das nicht?“

„Ich muss jetzt gehen“, sage ich.

„Du wartest, bis wir hier fertig sind“, sagt die Frau Keuner, stellt die Bierflasche ab und kramt ihr Smartphone aus der Tasche. „Hömma, wir sind das Volk. Wer zahlt die Steuern, wer bezahlt Rundfunkgebühren, wer finanziert das Wohlleben der Politiker? Und was sagt unser Heimat- und Innenminister Horst Seehofer, der sich gerade als einziger Bundesminister nicht den Ladenhüter Astrazeneca, sondern die vermeintliche Nobel-Impfung Biontech hat verabreichen lassen? Der Mann ist so gönnerhaft. Was steht da auf der Web-Site? Moment…“

Die Frau Keuner setzt die Lesebrille auf und tippt auf dem Smartphone herum: „Er sagt… Hier: Wir greifen Menschen unter die Arme, bei denen der Lohn trotz Arbeit nicht für die Miete ausreicht. Hömma, ist dat dem sein Geld? Ich sage dir, ich will nicht, dass mir einer an den Arm greift, ich will nicht, dass mir einer unter die Arme greift, ich will überhaupt nicht, dass man sich an mir vergreift. Wem gehört das Geld, wem gehört die Welt? Die Prominenten leben in ihrer wohltemperierten Blase und haben Angst, dass die Blase, die immer dicker wird, platzt. Irgendwann wird sie das. Die Demokratie, das sind wir. Denn wer gestaltet das Leben in den Städten, in den Stadtteilen, auf den Straßen, auf den Plätzen? Wer macht Musik, wer hält ein Schwätzchen, wer sorgt öffentlich für gute Stimmung? Doch nicht die Politiker.“

„Bah“, mache ich. Ich habe den Fehler gemacht, mir die Flasche mit dem schon ollen Restschluck Bier an die Lippen zu setzen..

„Dat gönn ich dir“, sagt die Frau Keuner und lacht. „Kölsch wird schnell schal, das muss man schneller trinken, als man kann. Davon leben die Brauhäuser. Du traust dich wohl nicht, den Rest vor meinen Augen in den Gully zu kippen.“

„Ach was.“

„Ja ja“, grinst die Frau Keuner. Sie steckt das Smartphone zurück in die Tasche. „Was ich noch sagen wollte: Der unglaubwürdigste Politiker ist für mich Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. Da sitze ich vor dem Fernseher und gucke mir seine Weihnachtsansprache an. Ich ahne nichts Böses, da sagt der Steinmeier diesen Satz: Wann kann ich meine Träume wieder leben? Das haben angeblich die Bürger den Steinmeier gefragt. Dass dieser Präsident sich nicht schämt. Zu Beginn der Rede wird die schöne, wunderbar intakte, gerüstlose Fassade von Schloss Bellevue gezeigt. Auf diese Fassade wurden in der Adventszeit, wie der Steinmeier sagt, gefühlvolle Sprüche projiziert. Für die Weihnachtsansprache wurde das noch einmal nachinszeniert. Wir Fernsehzuschauer gucken auf die Fassade und sehen leuchtende Satzfetzen, die auftauchen und wieder verschwinden. Tolle Installation. Nur ein einziger Satz ist komplett: Wann kann ich meine Träume wieder leben? Diese Anbiederung an die Menschen ist übelste politische Propaganda. Zum Glück gibt es das Internet, denn die Rede ist da konserviert. Ja, den Schmarren kann man sich auf You Tube noch einmal ganz genau angucken, und zwar kritisch und mit Abstand. Ich kann den Beginn der Rede auswendig. Also, hör gut zu…“

„Muss das sein?“

„Muss sein“, sagt die Frau Keuner. „Weil das so entlarvend ist. Also: Dieser tiefe Seufzer, liebe Landsleute, ist eine von tausenden persönlichen Botschaften, die mich aus allen Teilen unseres Landes erreicht haben. Viele der Zuschriften haben wir in der Adventszeit hier draußen auf der Fassade von Schloss Bellevue zum Leuchten gebracht – jede einzelne ein Zeichen der Sehnsucht am Ende eines Jahres, das wir uns alle ganz anders vorgestellt hatten.“ Die Frau Keuner macht eine kurze Pause und fragt dann: „Was sagst du als Sprachwissenschaftlerin dazu?“

„Tut weh“, sage ich nur. „Sentimentales Gesülze.“

„Genau“, sagt die Frau Keuner. „Dass der Mann sich nicht schämt. Für diesen Schwulst, dieses Geseire. Als würden wir uns mit unseren Sorgen und Nöten an den Bundespräsidenten wenden, obwohl doch die Bundespolitik für diese neuen Nöte und Sorgen verantwortlich ist.“

„Ob man das so sagen kann?“, unterbreche ich die Frau Keuner.

„Kann man“, sagt die Frau Keuner. „Und guck dir die Formulierungen an: Dieser tiefe Seufzer…, eine von tausenden persönlichen Botschaften…, jede einzelne ein Zeichen der Sehnsucht… Viele Menschen empfinden so, aber viele empfinden ganz anders. Sie sind wütend, sie sind so wütend wie noch nie, und wer das ganz genau weiß, ist Frank Walter Steinmeier. Der schreibt ja seine Reden nicht selber, die schreiben psychologisch geschulte Werbetexterinnen und Werbetexter, die uns Bürgerinnen und Bürger beschwichtigen und besänftigen sollen. Denn der Steinmeier hat auch andere Briefe gekriegt, sachliche, kritische Briefe mit klugen, nachdenklichen Sätzen, aber die kritischen Sätze passten nicht auf die Fassade, deshalb verschweigt man sie. Ich hatte den Steinmeier hierhin eingeladen, damit der sich mal die Baustelle anguckt. Damit er sieht, dass es auch andere, weniger schöne Fassaden gibt. Frank-Walter Steinmeier ist nicht gekommen, und ich hab auch keine Antwort gekriegt. Aber dann…“ Die Frau Keuner hört auf zu reden und atmet schwer.

„Aber dann…? Bitte, Frau Keuner, reden Sie weiter.“

„Aber dann kam ein Mann vorbei, der hat das Gerüst fotografiert. Weißt du, was der gesagt hat? Ich beneide Sie darum, hier zu leben. Das ist Kunst, Verpackungskunst. Wo jetzt die Theater geschlossen sind, können Sie froh sein, Teil eines Kunstwerks zu sein. Sind die denn alle bekloppt?“

Die Frau Keuner kippt den Rest Kölsch in den Gully. „Erinnerst du dich an den Löwenthal? Das waren noch Zeiten, als die Moderatoren noch offen reaktionär waren, damals, als im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von links noch Gegenwind kam.“ Sie fängt an zu singen: „Die Milch wird sauer, das Bier wird schal, im Fernsehen spricht der Löwenthal…“

„Ich sehne mich nach Politikern wie Franz Josef Strauß“, sagt die Frau Keuner. „Der Strauß hat seine Aggressionen nicht versteckt. Der war furchtbar, aber der hat nicht auf Gutmensch gemacht. Der Mann hat sich nicht bei uns eingeschleimt. Für den Franz-Josef Strauß waren die kritischen Menschen weder Wutbürger noch Verschwörungstheoretiker, sondern Ratten und Schmeißfliegen.“

„Der Strauß war doch ein Polterer“, sage ich.

„Aber immerhin kein Bürokrat“, sagt die Frau Keuner. „In den letzten Jahren haben wir uns zu sicher gefühlt und nicht aufgepasst. Wir haben uns eingebildet, dass nur die AFD unsere Demokratie gefährdet. Aber die CDU…“

„Das geht mir zu weit, Frau Keuner, die CDU gefährdet doch nicht unsere Demokratie.“

„Hab ich das etwa behauptet?“ Die Frau Keuner drückt mir die leere Bierflasche in die Hand.

Ernst Jandl-Gedächtnis-Elfchen: Die Politik verliert den ÜberLick

11.3.21: 10. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Fukushima am 11.3.11

11h: Sirenenalarm. Ich gucke ins Internet, was man ja tun soll, wenn die Sirenen heulen, und erfahre etwas, das mich überrascht: Im Bundesland Nordrhein-Westfalen sind heute, am 11.3.2021, überall die Sirenen zu hören, denn heute ist „Warntag 2021“. Hatten wir einen solchen „Warntag“ nicht schon einmal?

In die „Suchen“-Funktion meines Blogs gebe ich „Warn-Apps“ ein und komme auf einen Beitrag vom 15. September 2020 ( https://stellwerk60.com/2020/09/15/veedel-for-future-bei-der-wahl-des-stadtrates-erreichen-die-grunen-in-nippes-3887/ ), wo ich folgendes schrieb: „Nicht nur die Sirenen werden getestet, sondern auch die Warn-Apps. Unter dem seltsam drohenden, völlig verunglückten Veranstaltungs-Titel „Wir warnen Deutschland“ (kein Witz!) wurde am 10. September der erste bundesweite Katastrophen-Warntag durchgeführt, der demnächst regelmäßig einmal im Jahr stattfinden soll. Pünktlich um 11:00 Uhr ertönten bundesweit die Sirenen. Zeitgleich wurde erstmals flächendeckend neben anderen Apps die Warn-App NINA („Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes“) ausprobiert. Doch ausgerechnet NINA versagte. ‚Während in einigen Städten die Sirenen heulten, das Radio und das Fernsehen warnten, blieben die Warn-Apps still – und verschickten ihre Warnungen teils über eine halbe Stunde zu spät.‘ https://www.hna.de/welt/warntag-2020-deutschland-panne-bayern-katwarn-nina-probealarm-warnung-twitter-katastrophe-zr-90040078.html?cmp=defrss…“

Zurück zum „Warntag 2021“ in Nordrhein-Westfalen. Haben die Verantwortlichen vergessen, dass sich heute vor zehn Jahren die Reaktorkatastrophe von Fukushima ereignet hat? Warum gibt es keine bundesweite Schweigeminute, sondern einen landesweiten Probealarm?

11h30: Der Himmel reißt auf. Ich gehe zum Nippeser Markt und begegne dort einem alten Mann, der eine FFP2- Maske trägt, Fratzen schneidet und wild gestikuliert. Man könnte ihn für verrückt halten. Die Leute sind froh, dass er Abstand halten muss. Sie halten hilfesuchend nach dem Ordnungsamt Ausschau. Durch die Maske hindurch kann der Mann immer noch singen: „Fleißig, fleißig, die DDR, die ist nicht mehr. Oder, oder? Fleißig, fleißig, drei mal elf ist dreiunddreißig. Oder, oder?“

Ich weiß nicht, ob der Mann verrückt ist. Aber die Politik? Spielt die nicht verrückt?

Im Jahr 2015 hat der Ullstein-Verlag Astrid Lindgrens Tagebücher 1939-1945 herausgegeben.(Original: Krigsdagböcker 1939 – 1945) Angelika Kutsch und Gabriele Haefs haben das Buch aus dem Schwedischen sorgsam ins Deutsche übersetzt. Der deutsche Titel des Buchs lautet: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Mit diesem Titel könnten auch Tagebücher aus der Jetztzeit überschrieben sein.

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Vielleicht waren es die beiden Übersetzerinnen, die die schöne Idee hatten, im Vorsatz des Buchs das Faksimile eines von Astrid Lindgren mit der Hand geschriebenen Satzes abzudrucken, der dem Buchtitel als Vorlage diente. Zu deutsch: „Aber die Menschheit hat nun einmal komplett den Verstand verloren.“ (Astrid Lindgren, 12.Mai 1942)

Die Politik verliert den ÜberLick

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Popopo die Polili

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ÜberLick

Samstag 24.10.2020, spiegel.de. Während die Grafik der Seiten während des Vormittags immer wieder verändert wurde, blieb die Schlagzeile gleich: Polens Präsident Duda positiv getestet. Auch der Text unter der Schlagzeile blieb der gleiche – sowie der Rechtschreibfehler im letzten Wort: „Der Überlick“. Offenbar kam niemand auf die Idee, einmal „konservativ“ den Text zu prüfen. Erst nach Stunden (!) wurde der „Flüchtigkeits“-Fehler korrigiert… Mit Corona häufen sich nicht nur die Rechtschreibfehler.

Schauen wir uns unten stehendes Bild einmal genauer an: Ich bin keine Befürworterin der Politik von Andrzej Duda, im Gegenteil. Doch diese Schlagzeile (unter dem „News-update“!) ist nicht informativ, sondern reißerisch. Meines Erachtens wird Andrzej Duda hier zur Zielscheibe einer untergründig aggressiven „Berichterstattung“. Denn oben auf der Seite (oberhalb der Schlagzeile) wird für ein Computer-Kriegsspiel geworben, das vermutlich nicht einmal als jugendgefährdend und kriegsverherrlichend eingestuft wird, es aber ist. https://worldofwarships.eu/de/

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Im Zusammenhang mit der Werbung für „World of Warships“ dürfte die Schlagzeile Polens Präsident Duda positiv getestet, so ist zu befürchten, bei vielen „Usern“ Kriegs-Gelüste hervorrufen, triumphale, gefährlich diffuse NEUE MÄNNERPHANTASIEN. Das Virus wird zum Angreifer erklärt, der es auf alle Menschen abgesehen hat, aber aktuell auf Andrzej Duda. Mögliche Assoziationen: Duda vom Virus getroffen, ey, du da… Duda von Corona angeschossen, ey, du da… Corona hat Polen erwischt, ey, du da… Jetzt bist du dran, Duda, ey du da…

Zugleich wird ein Superlativ präsentiert, der Leserinnen und Leser in Angst und Schrecken versetzt und das Virus dämonisiert: „In Deutschland wurden so viele neue Fälle an einem Tag registriert wie noch nie seit Beginn der Pandemie.“ Corona, so wird suggeriert, ist längst außer Kontrolle. Corona läuft Amok.

Doch das eigentliche Opfer heißt Duda. Andrzej Duda ist Präsident der Republik Polen. Wie wir alle wissen, begann am 1. September 1939 mit dem hinterhältigen Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Dass DER SPIEGEL (spiegel.de) eine zentrale Werbefläche an die Macher des Computer-Kriegsspiels „World of Warships“ („KOSTENLOS SPIELEN“!) verkauft hat (ausgerechnet auf der Wissenschafts-Seite, die für Objektivität steht!), ist meines Erachtens unannehmbar. Dass es passieren konnte, dass und wie diese Werbung mit der Meldung „Polens Präsident Duda positiv getestet“ zusammengebracht wurde, macht mich fassungslos!

Ach, mein lieber Herr Jandl, wir erleben zurzeit ein politisches Dulcheinandel, und die Medien dulcheinandelen mit. Lieber Herr Jandl, die klaren, klugen, präzisen und wunderschönen Gedichte, die Sie damals geschrieben haben, sind hochaktuell.

Ihr Gedicht „Schtzngrmm“ aus dem Jahr 1957, das ich zur Zeit ständig im Kopf habe, tröstet mich, denn es ist so wahrhaftig. Es ist nicht nur ein Zeugnis für den Irrsinn des Krieges, sondern eine Kritik an der verblödenden medialen Beballerung mit sogenannten „Informationen“ und dem verrückten und verrückt machenden Werbe-Trommelfeuer, dem wir nicht erst seit Corona -aber seit Corona mehr denn je- permanent ausgesetzt sind .

Für dieses Video, das „Peteratanas“ ins Netz gestellt hat, bin ich dankbar:

Eine peinliche PR-Panne: Steinmeiers Fuchs lebt nicht erst neuerdings in Bellevue, sondern war schon unter Gauck Medien-Liebling

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat, wie ich in meiner Eilmeldung berichtete, den Fuchs, der im Park von Schloss Bellevue lebt, am 28.1. auf den Namen „Theo“ getauft. Kurz nach Weihnachten hatte er auf Instagram dazu aufgerufen, Namen vorzuschlagen. Mehr als 10.000 Menschen reichten, so heißt es, ihre Ideen ein – per Instagram, per E-Mail und zum Teil sogar -zur Freude des gerührten Bundespräsidenten- mit handgeschriebenen, persönlichen Briefen.

Erinnert werden soll mit dem Namen an Theodor Heuss. Theodor Heuss, FDP, Journalist und Publizist, war der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland. Vielleicht wollen sich Steinmeier und seine PR-Berater mit der Namensgebung auch vor Heuss‘ Gattin verbeugen, Elly Heuss-Knapp, einer psychologisch geschulten Pionierin der Massenwerbung.

Seine Frau Elly Heuss-Knapp teilte das Schicksal mit anderen Präsidentengattinnen. Als ihr Mann Theodor Heuss im Jahr 1949 Bundespräsident wurde, unterbrach sie ihre berufliche Laufbahn und wurde die erste First Lady der Bundesrepublik Deutschland. Ganz einfach dürfte der Verzicht auf die eigene Karriere für die ehrgeizige Elly Heuss-Knapp (1881-1952) nicht gewesen sein. Schließlich war Elly Heuss-Knapp, die als First Lady im Jahr 1950 das Müttergenesungswerk mitgründete, nicht nur Lehrerin, Politikerin und Sozialreformerin, sondern hatte jahrelang als Werbe-Fachfrau das Familienleben finanziert.

Sie hatte ihre Karriere im Jahr 1933 bei der Firma Wyberg begonnen, deren Inhaber ihr Cousin Hermann Geiger war. Elly Heuss-Knapp „revolutionierte“ die Radiowerbung. Sie „gilt als Erfinderin des Jingles als akustisches Warenzeichen eines Unternehmens. Diese Idee ließ sich Heuss-Knapp patentieren und setzte sie auch für andere Unternehmen und Produkte ein; etwa für NiveaErdalKaffee HagBlaupunkt und Persil.“ (wikipedia.)

Elly Heuss-Knapp war nicht nur Verkäuferin, sondern eine scharfsinnige Werbe-Psychologin. Sie arbeitete daran, Werbung so zu gestalten, dass die Menschen nicht meinen, sie würden dazu überredet, eine Ware zu kaufen, sondern dass sie glauben, es aus innerer Überzeugung zu tun. Im Jahr 2010 schrieb Katja Iken auf spiegel-online: „Ihr Erfolgsrezept gilt heute noch: Werbung müsse „idealerweise im Kopf herumgehen“, lautete Ellys Credo, dort das Unterbewusstsein „massieren“ und schließlich „unter die Haut kriechen“.

Dass die intellektuelle Heuss-Knapp höchst primitive, aber wirkungsvolle Werbesprüche kreierte, bezeugt ein NIVEA-Werbespot aus dem Jahr 1938. Die Journalistin Katja Iken hat einen werbe-historischen Schatz mit originalen Zeilen der Werbetexterin ausgegraben. Unbedingt angucken: https://www.spiegel.de/geschichte/werbung-a-948721.html#fotostrecke-52643d5a-0001-0002-0000-000000108544

Elly Heuss-Knapp war keine Nazi-Sympathisantin, aber ihre Kreativität kam den Nationalsozialisten entgegen. Schließlich war die Entwicklung neuer Methoden der Manipulation und Menschenführung systemrelevant. Die NS-Kriegs-Propaganda, die mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die Warenwerbung verdrängte, hat sich insbesondere von der Warenwerbung inspirieren lassen.

In der Rückschau FRAGMENT VON ERINNERUNGEN AUS DER NS-ZEIT, die einige Jahre nach Theodor Heuss‘ Tod veröffentlicht wurde, erinnert Heuss an die „große Zeit“ seiner Frau. Nicht ohne Stolz erzählt er von einem Besuch seiner Gattin bei Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht:

… an Aufträgen fehlte es, ehe der Krieg die Käuferlage verwandelte, überhaupt kaum
mehr. Freilich, die ganze Rundfunk-Waren-Werbung war bedroht, weil Goebbels
nur mehr politische Propaganda zulassen wollte; Elly ging damals zu Schacht auf die Reichsbank – sie hatte 1918 mit ihm Wahlreden gehalten; jetzt legte sie ihm ihre in die Zehntausende Mark gehenden Aufträge an Sprecher, Sänger, Musiker vor, und Schacht erreichte es, daß das Verbot um dreiviertel Jahr verschoben wurde, (daß die Komponisten ihrer kleinen Stücke lauter „Nichtarier“ waren, sagte sie ihm aber vorsichtshalber nicht)
.“ https://www.ifz muenchen.de/heftarchiv/1967_1_1_heuss.pdf S.10

Geradezu neckisch mutet an, was da in Klammern steht: Dass Schacht „vorsichtshalber“ verschwiegen wurde, dass ‚die Komponisten ihrer kleinen Stücke lauter „Nichtarier“‚, also vermutlich Juden waren. Das jedoch dürfte Hjalmar Schacht, dem ja die Namen der Künstler vorlagen, wohl kaum entgangen sein. Dass die jüdischen Komponisten weiterhin beschäftigt wurden, war ihm sicherlich recht, denn deren Arbeit war von großem ökonomischen Nutzen.

In einer Rezension zu Christopher Koppers Buch „Hjalmar Schacht: Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier“ schreibt Matthias Streitz auf spiegel.online: „Tatsächlich half Schacht Bankiers wie Max Warburg und distanzierte sich von der Pogromnacht 1938, das betont auch Kopper. Doch Schacht habe sich weniger aus menschlichen Motiven engagiert, schreibt er – sondern weil er ökonomischen Schaden für Deutschland befürchtete. Die Diskriminierung jüdischer Mitbürger durch die Nürnberger Rassegesetze hat Schacht jedenfalls ausdrücklich unterstützt.“ https://www.spiegel.de/wirtschaft/bankier-hjalmar-schacht-hitlers-selbstherrlicher-helfer-a-446423.html

Die Warenwerbung im staatlichen Rundfunk war zwar, wie ich las, auf eine Radio-Stunde am Vormittag beschränkt. Doch dürfte auch die Werbung dazu beigetragen haben, den Menschen den vergleichsweise preiswerten „Volksempfänger“ schmackhaft zu machen. „Trotz einer vergleichsweise hohen monatlichen Rundfunkgebühr von 2 RM erhöhte sich die Ausstattung der deutschen Haushalte mit Radiogeräten zwischen 1933 und 1941 von 25 auf 65 Prozent.“ https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/alltagsleben/volksempfaenger.html

Heute werden wir auf Schritt und Tritt gegängelt und manipuliert. Dabei wird weniger für das Produkt geworben als für ein Lebensgefühl, eine Weltanschauung, für Gesundheit und Wohlbefinden. Noch relativ neu ist die Werbung für die in meinen Augen ausgesprochen fragwürdige, autoritäre und respektlose Gesundheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Wir sollen dazu gebracht werden, dass wir -ohne das „Angebot“ kritisch zu hinterfragen- zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, dass wir uns impfen lassen und unsere Organe „spenden“. Der grundsätzlich treffende Ausdruck „gläserner Mensch“ ist fast schon verharmlosend, denn wir sind nicht aus Glas, sondern aus Fleisch und Blut. Ich empfinde die bundesdeutsche Corona-Politik, die uns den Atem nimmt und die Daseinsfreude, als Attacke auf unseren Leib und auf unser Leben.

Dabei paart sich der Versuch, Menschen zu manipulieren, oft mit Dummheit. Wenn man Menschen für blöd verkauft -das wissen Werbepsychologen- sollte man so vorgehen, dass die Menschen den Täuschungsversuch nicht gleich bemerken. Elly Heuss-Knapp, einer gewissenhaften Frau, wäre vermutlich nie etwas so Peinliches passiert wie den Werbe-Experten der Gegenwart.

Ist den Beratern des Bundespräsidenten tatsächlich entgangen, dass im Schlosspark Bellevue bereits in der Amtszeit von Joachim Gauck Füchse beobachtet und gefilmt wurden? Um das herauszubekommen, genügte mir ein kurzer Blick ins Internet.

Ein Artikel auf abendblatt.de (Hamburger Abendblatt) vom 7.4.2016 mit dem Titel „Kamera erwischt Fuchs beim Besuch bei Bundespräsident Gauck“ geht noch einen Schritt weiter. Wir erfahren, dass der Steinmeier-Fuchs nicht erst ein Gauck-, sondern wahrscheinlich bereits ein Wulff-Wolf (pardon: Wulff-Fuchs) war: „Das Bundespräsidialamt sieht in dem Fuchs auch keinen Störenfried. Bei einer Nachfrage unserer Redaktion am Donnerstagabend wunderte sich eine Mitarbeiterin des Bundespräsidenten nicht über den Fuchs, sondern über die Frage. „Der ist doch schon Jahre hier“, teilte sie stattdessen mit. Sogar Nachwuchs habe es schon gegeben. Ob Fuchs und Gauck sich Gute Nacht sagen, blieb offen.“ https://www.abendblatt.de/vermischtes/article207399161/Kamera-erwischt-Fuchs-beim-Besuch-bei-Bundespraesident-Gauck.html

Damals war man so schlau, dem Fuchs keinen Namen zu geben. Vielleicht hatte man sich die Romanze auch für den Notfall aufbewahrt, für den Fall nämlich, dass die Politik irgendwann einmal nicht mehr glaubwürdig sein würde, dass die politisch Verantwortlichen nervös werden könnten und dringend Sympathieträger bräuchten.

Was haben sich Steinmeiers PR-Berater bei der „Fuchstaufe“ gedacht? Wussten sie nicht, dass Steinmeiers Fuchsfreundschaft eine aufgewärmte Präsidenten-Geschichte ist? Oder hatten sie einen fiesen Spaß daran mitzuerleben, wie einfach sich die Menschen in Krisenzeiten an der Nase herumführen lassen?

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier,

mit Ihrer Werbe-Aktion halten Sie die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland zum Narren. Sie setzen Ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel und beschämen unser aller Vertrauen.

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Eine deutsche Wirtschaftswunder-Kindheit zwischen „Knüppelkuh“ und „Kadus für’s Haar“. Das Foto hat unsere Mutter im Mai 1960 aufgenommen. Meine Zwillingsschwester Brigitte (rechts) und ich sind knapp zwei Jahre alt. Luftballons finden wir toll. Diesen Werbe-Ballon hat unsere Mutter von einem Friseur-Besuch mitgebracht. Anderthalb Jahre später sollten wir in den Kindergarten kommen und einer klassisch autoritären Erzieherin begegnen. vgl.: https://stellwerk60.com/2020/04/28/comeback-der-knueppelkuh/  Die Prügelstrafe war noch nicht abgeschafft, und unter den Lehrern gab es „alte Nazis“. Wir Kinder durften noch öffentlich angeschrien werden, doch gab es auch andere Töne: Die Einflüsterungen der Werbung als schöne, neue, sanfte Gewalt.

Corona-Elfchen: Schöne Aussicht (Bellevue)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist mir nicht unsympathisch. Beeindruckt war ich (wie viele andere Menschen auch), als Steinmeier im Jahr 2010 seiner schwerkranken Ehefrau Elke Büdenbender eine Niere gespendet hat. Er ist, wie es scheint, ein eher sanftmütiger Mann, der in der Öffentlichkeit nicht über die Stränge schlägt, ganz anders als etwa Markus Söder (Bayern) oder Armin Laschet (Nordrhein-Westfalen), zwei Ministerpräsidenten, mit denen neuerdings der Donald durchgeht.

Ich denke da insbesondere an Laschets berühmt gewordenen autoritären „Weihnachtssatz“. Ende November hatte er in der „Welt am Sonntag“ gesagt: „Es wird wohl das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben.“ Laschet, so lese ich bei wikipedia, wurde als Student Mitglied der katholischen Studentenverbindungen KDStV Aenania München und KDStV Ripuaria Bonn. Beide Verbindungen, denen ausschließlich Männer beitreten können, sind autoritär strukturiert. Zwar sind diese Männerbünde ausdrücklich „nichtschlagend“, doch wie wir wissen, können auch und gerade Worte verletzen. Verbale Schmisse sitzen tief – und die Narben sind unsichtbar.

Später hat Laschet nach öffentlicher Kritik den Satz „relativiert“. Im ZDF-„heute-journal“ sagte er: „Natürlich ist es auf Lesbos schlimmer und natürlich ist es in Afrika in Elendsvierteln schlimmer. Das ist ja alles wahr. Aber die Botschaft ist: Dieses Weihnachten wird anders sein als alle Weihnachten, wie wir sie kennen. Es wird Verzicht bedeuten.“ Höre ich da eine klammheimliche Freude durch?

„Verzicht“ war auch eine Botschaft der diesjährigen Weihnachtsansprache von Bundespräsident Hans-Walter Steinmeier. Ich gucke mir die Rede, gehalten am 1. Weihnachtstag, ein paar Tage später im Internet an. Diesmal, im Corona-Jahr, wirkt Steinmeiers Auftritt im Schloss Bellevue fast surreal.

Ausstattung und Bühne sind betont schlicht: Steinmeier hält die Rede im Stehen, er trägt ein weißes Hemd, einen schwarzen Anzug, eine graugemusterte Krawatte, am Revers die Anstecknadel des Großen Bundesverdienstkreuzes. Die Brille ist mattrandig, das Puder reichlich dick aufgetragen. Nur das Brillenglas glänzt (der Zuschauer achte auf den weißen, sich auf dem Brillenglas hin- und herbewegenden Punkt). Die Fahne mit übergroßem Bundesadler ist nicht gehisst, sondern fungiert am rechten Bühnenrand als eine Art Vorhang. Der Baum, eine Tanne, ist einfach dekoriert. Rote Kugeln an roten Bändern, weiße Kerzen in einfachen Kerzenhaltern. Ein Kronleuchter im Hintergrund, einziges Luxusstück, ist ebenfalls mit weißen (echten?) Kerzen bestückt.

Hier wird nicht geprotzt, so will man uns sagen. Auf Schloss Bellevue ist alles anders als in Washington D.C., wo die luxus- und dekorationsverliebte First Lady Melania einmal unzählige Weihnachtsbäume bringen ließ, um das Weiße Haus in einen leuchtenden Nadelwald zu verwandeln. Nein, hier sind neben dem Wachpersonal viele fleißige ungenannte Helferinnen und Helfer am Werk, die den Bundesfundus, da alles ordentlich gelistet ist, gut kennen, und die ganz genau wissen, in welcher Kiste sie die alten, vielfach benutzten Strohsterne finden, die alle Jahre wieder den wichtigsten deutschen Tannenbaum schmücken und der ganzen zugeschalteten Welt zeigen, wie redlich, wie ehrlich, wie tüchtig und bescheiden wir Deutsche doch sind.

Steinmeier sagt, dass sich in der Krise gezeigt habe, „wie viel wir doch miteinander bewegen können“. Was und wen er mit „miteinander“ meint, ist mir nicht ganz klar. Steinmeier redet in einem schnurrenden, einlullenden Ton. Der Mann hat keine Mimik. Ziemlich steif steht er da. Überhaupt ist die Szenerie unbeweglich. Befindet sich Steinmeier vor einer Fototapete? Doch jetzt…. flackert eine Kerze, dann zwei, dann… Irgendwo in Bellevue muss jemand ein Fenster geöffnet haben, um stoßzulüften und das Virus zu vertreiben…

Denn das Virus hat keinen Respekt vor der Macht und schon gar nicht vor älteren mächtigen Männern. Und es kennt, wie eine angstvolle Angela Merkel schon zu Ostern gesagt hat, keine Feiertage. Doch ihre Angst ist, so denke ich, eigentlich weniger eine Angst vor dem Virus als eine Angst vor dem Verlust von Privilegien und Macht, eine Angst vor der Klimakatastrophe und der Weltwirtschaftskrise.

Angela Merkels bieder-spitzfindige Personifizierung des Virus‘, das keine Feiertage kennt, hat der allzeit abwehrbereite Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, der aktuelle Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes und Präsident des CPME in Brüssel, Talkshow-Dauergast Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, in der TALKSHOW „MAYBRIT ILLNER“ aufgegriffen und weiter zugespitzt: „Das Virus kennt kein Weihnachten, keinen Ramadan und kein Chanukka, es kennt nur Opfer.“

Ich könnte jetzt darüber schreiben, wie politische Propaganda funktioniert, wie versucht wird, Menschen zu entmündigen und -insbesondere durch Text und Bild- zu manipulieren, aber ich verschiebe es auf später und werfe meinen Blick zurück nach Bellevue…

Das Fenster scheint wieder geschlossen zu sein, das Virus vertrieben, denn alles ist still. Unheimlich still, unwirklich still, windstill….. Hier in Bellevue spürest du kaum einen Hauch…

Im

Schloss ist

Ruh‘. Still brennen

die Kerzen, schweige auch

du

Ausblick:

Die Lage ist ernst, doch dank Impfung nicht hoffnungslos, wie uns Frank-Walter Steinmeier mit ernster, versteinerter Miene in seiner Weihnachtsansprache erzählte.

Doch ein paar Tage nach Weihnachten wurde es rund um Schloss Bellevue richtig neckisch und lustig. Ein PR-Berater muss zu Steinmeier gesagt haben: „Frank-Walter, in deiner Rede gab es einen Mangel an Wärme. Wir müssen das „Wir-Gefühl“ stärken. Erinnerst du dich an den alarmierenden Satz, den du vor zwei Wochen gesagt hast?“

Steinmeier zuckt die Achseln: „Wie war der noch, der Satz?“

Der PR-Berater klärt Steinmeier auf. „Dein Satz lautete: Die Lage ist bitterernst.“

Steinmeier reckt den Daumen und lacht: „Guter Satz, oder?“

Jetzt lacht auch der PR-Berater: „Frank-Walter, so gefällst du mir schon viel besser. Aber jetzt, wo die Impfung beginnt und das neue Jahr vor der Tür steht, brauchen wir gute Laune für alle. Hast du vielleicht eine Werbeidee? Vielleicht könnte man sich direkt an die Menschen wenden. Auf keinen Fall per Twitter, da bringen dich die Leute mit dem Trump in Verbindung. Frank-Walter, wie wär’s mit Instagram?“

„Ja“, sagt Steinmeier. „So können wir auch Oma und Opa dazu ermuntern, sich endlich ein Smartphone zu kaufen.“

Der PR-Berater runzelt die Stirn: „Die Großeltern haben mittlerweile fast alle ein Smartphone, aber die gucken nur Enkelkinderfotos. Das ist das Problem. Oma will nur die WhatsApp und sonst keine. Das muss anders werden. Aber ich hab da eine Idee. Wir könnten es so machen wie der 1.FC Köln. Im Frühjahr, als der Kölner Zoo wegen Corona geschlossen wurde und der FC pausieren musste, da ist doch der Hennes zum ersten Mal Vater geworden.“

„Welcher Hennes?“, fragt Steinmeier. „Meinst du den Geißbock, der nach dem Hennes Weisweiler benannt ist, das Maskottchen vom FC? Aber warum ist der Hennes Vater geworden?“

„Das Problem ist“, sagt der PR-Berater, „dass die Fans den Kontakt zum Verein verlieren, wenn der FC nicht spielt. Der Hennes ist ja bei den Heimspielen dabei. Aber der lebt im Kölner Zoo.“ Kichert: „Im Kleinen Geißbockheim.“ Dass der Hennes Vater wurde, und der Hennes wollte, und zwar mit der Inge, das war eine super Werbe-Idee von der Stadt Köln und vom FC. Frank-Walter, wir haben kein Königshaus mit süßen Kleinkindern. Wir brauchen ein Tier.“

Und was las ich ein paar Tage später auf zeit.de?

„…. Berlin (dpa/bb) – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sucht einen Namen für einen Fuchs, der regelmäßig durch den Park seines Amtssitzes Schloss Bellevue in Berlin streift. «Dürfen wir vorstellen? Der heimliche «Schlossherr» von Bellevue, dem es im Park des Berliner Amtssitzes sichtlich gut gefällt», schrieb Steinmeier am Montag auf seiner Instagram-Seite. «Eine Namenstaufe ist schon länger fällig, daher unsere Frage an Sie: Wie soll unser Schlossfuchs heißen?» Aus allen Vorschlägen werde Steinmeier einen Namen auswählen, hieß es weiter…“

Man wendet sich hier nicht an Grundschulkinder, was ja ganz lustig wäre. Nein, der Adressat, das sind wir, die Bürger und Bürgerinnen der Bundesrepublik Deutschland. Wir sind das Volk, das selig verblöden soll.

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Dieses hübsche Weihnachts-Rotkehlchen hat mir meine Tochter, 21, aus Durham/UK mitgebracht. Sie studiert in Heidelberg Psychologie und verbringt in Durham ein Erasmus-Jahr. Angesichts des Brexits wird sie zu den letzten „Studierenden“ gehören, die (in England) noch in den Genuss des klassischen Erasmus- Stipendiums kommen. („Erasmus“ ist ein EU- „Stipendium für alle“. Die „Studierenden“ müssen keine Höchstleistungen erbringen, um an ein Stipendium zu kommen. Studiengebühren fallen ebenfalls nicht an. So haben (bzw. hatten) über „Erasmus“ auch Kinder von weniger wohlhabenden Deutschen die Möglichkeit, an englischen Universitäten zu studieren. Meine Tochter bekommt etwas über 400 Euro (inklusive England-Zuschlag) im Monat, was immerhin für das WG-Zimmer reicht. Sollte sie in England keine Leistungsnachweise erbringen, muss sie das Geld zurückzahlen, aber das wird schon.) Den Robin („Rotkehlchen“) hat meine Tochter im Handgepäck transportiert. Im Flugzeug waren auf dem KLM-Flug von Newcastle (Risikogebiet) nach Amsterdam (Risikogebiet) am 4.12.2020 fast alle Plätze besetzt, die Passagiere saßen dicht bei dicht und hatten unvermeidlichen, aber lukrativen Körperkontakt. Als der Snack (Zitronenkuchen), der inklusive war, gereicht wurde, nahmen fast alle die Gesichtsbedeckungen ab. Das mutierte Virus, so habe ich mir sagen lassen, mag Kuchen. Solange der Rubel rollt bzw. das Pfund oder der Euro, kräht da kein Hahn nach, sage ich in Anspielung auf einen ganz anderen Vogel.

Elfchen im Zwölften: Morgen, Oma, wird’s was geben…

Digitaler Stolperstein: Voller Entsetzen über die Brutalität politisch legitimierter medizinischer „Maßnahmen“ erinnere ich mich in tiefer Trauer an meine nie gekannte liebe Großmutter Stephania („Steffi“) Wilczok geb. Tkaczik,, geboren am 19.3.1898 in Ludgierzowitz/Hultschin, tschechisch Ludgerovice, polnisch Ludgierzowice, aufgewachsen in Bottrop/Ruhrgebiet. Katholikin, Mutter von fünf Kindern. Diagnose: „manisch-depressiv“. „Verstorben“ am 13. Dezember 1933 auf der psychiatrischen Station eines Essener Krankenhauses, elf Tage vor dem christlichen Familienfest Weihnachten. Offizielle Todesursache: „Kopfgrippe“

Ergänzung 6/2022: Genauer habe ich die Geschichte meiner Großmutter Steffi in einem Blogbeitrag vom 13.12.2021 beschrieben. https://stellwerk60.com/2021/12/13/13-12-2021-digitaler-stolperstein-zur-erinnerung-an-meine-grossmutter-steffi/

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Morgen, Oma, wird’s was geben, morgen werden wir…

… uns

freu’n, einmal

werden wir noch

wach, heißa, dann ist

Impfungstach!

Vielleicht werden in deutschen Altenheimen demnächst Lieder wie dieses erklingen, dann nämlich, wenn sich Mitarbeiter (♀︎+♂︎) eines mobilen Impfteams angekündigt haben, um Mitarbeiter des Heimes (♀︎♀︎+♂︎) sowie Bewohner (♀︎♀︎♀︎+♂︎) gegen Corona zu impfen. Dass ärztliches Personal in die Einrichtungen kam, um zu impfen, damals gegen die Pneumokokken, hatten wir im Frühjahr 2020 schon einmal.

Ich zitiere (inklusive „Corona-Elfchen“) aus meinem Blog-Beitrag „Zweites Corona-Elfchen: Coronoia… War es nicht fahrlässig von Angela Merkel, sich in Erwartung des Höhepunkts der Krise noch gegen Pneumokokken impfen zu lassen?“ vom 27. März:

„… Eine Epidemie aufgrund eines unerforschten Erregers ist oft schon vorbei, bevor ein verlässlicher Impfstoff entwickelt ist. Oder sie ist weniger dramatisch, als man uns vormacht. Den sogenannten Experten, die das Gegenteil behaupten, können und dürfen wir nicht vertrauen.

Vor allem alte Menschen sind der ärztlichen Willkür schutzlos ausgeliefert. So hörte ich gestern von einer Zwangsmaßnahme in einem Seniorenheim. Mit dem schlichten Satz „Wir tun euch was Gutes“ kamen Mitarbeiter einer Gesundheitsbehörde zu den alten Menschen, um sie gegen Pneumokokken zu impfen. Niemand hat sich dagegen gewehrt. Die alten Menschen waren froh, überhaupt Zuwendung zu erfahren.

Ich musste an das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ denken: „… So klopfte jemand an die Hausthür und rief: Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von Euch etwas mitgebracht…“

In

Traurigen Zeiten

trägt der Böse

Wolf einen weißen Kittel.

Coronoia*

Die treffende Wort-Neuschöpfung  „Coronia“ fand ich heute Nacht auf der klugen Internetseite des Münchener Kinderarztes Dr. Steffen Rabe: https://www.impf-info.de/82-coronoia/314-coronoia.html …“

Obwohl ich über 60 Jahre alt bin, würde ich mich niemals gegen Corona impfen lassen. Ich habe einige alterstypische unangenehme Zipperlein, aber keine Angst vor Corona, denn ich vertraue auf mein starkes Immunsystem. Mir muss niemand attestieren, dass ich gesund bin. Ich meide Arztpraxen, habe aber leider keine guten Zähne. Deshalb muss ich (Generation Betthupferl) öfter, als mir lieb ist, zum Zahnarzt.

Über die Kinderkrankheiten, die ich hatte, möchte ich an anderer Stelle schreiben. So ist meine bisherige Krankheiten-Lebensgeschichte schnell erzählt: Vor sechsunddreißig Jahren hatte ich meine letzte und einzige Blasenentzündung, vor 41 Jahren meine letzte und einzige Mandelentzündung. Vor sechs Wochen hatte ich nach dem Zurückschneiden unserer Buchenhecke meine bislang einzige Bindehautentzündung, die ich auf Hinweis meiner Tochter mit Schwarzem Tee „therapiert“ hab. Ich bin im Winter zwei- bis dreimal erkältet, aber nicht schwer. In aller Regel läuft mir nur die Nase, die allerdings sehr. Vermutlich hatte ich schon unzählige andere Krankheiten, bin aber nicht zum Arzt gegangen. Mitmenschen, die es nicht gut mit mir meinen, sagen: „Warte, balde… erwischt es dich auch.“

Ich schütze mich gegen Kälte und Regen, ernähre mich gut, trinke Kaffee und Rotwein, esse nur selten Fertiggerichte, aber täglich frischen Salat. Ich verzehre weder Hormone noch Vitamine noch Nahrungsergänzungsmittel. Ich mag zwar Vollmilchschokolade, aber keinen Kuchen, was mein Mann immer bedauert hat. Ich vertrage fast alles, nur keine Chemie. Auf synthetische Süßstoffe reagiere ich mit Bauchkrämpfen und Durchfall. Nachdem ich mit der oben erwähnten Mandelentzündung zum Arzt gegangen bin, wo man mir ein Antibiotikum verschrieb, hatte ich eine schwere Penicillin-Allergie. Mein Kopf war furchterregend „elefantös“, und meine Ohren waren so dick angeschwollen, dass sie sich nicht mehr zusammendrücken ließen. Ich weiß noch, wie ich vor dem Spiegel stand – und heulen und lachen musste.

Ich habe im ganzen Leben so viele Tabletten zu mir genommen wie andere Menschen an einem einzigen Tag schlucken müssen. Mit achtzehn habe ich (zum Glück nur) drei Monate DIE PILLE genommen, einen Medikamentenrest, den ich von irgendwoher hatte.

Wohlgemerkt: Ich bin keine Hardlinerin, was Impfungen angeht. Wenn eine Krankheit die Menschen in Not bringt, hat der Staat, sofern es einen zuverlässigen und sicheren Impfstoff gibt, die Pflicht, die Menschen zu impfen. Ich, Jahrgang 1958 wie Ursula von der Leyen, habe es noch miterlebt: Unter dem pfiffigen Motto „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ sind alle westdeutschen Kinder in den 1960er Jahren in der Schule gegen Polio geimpft worden. Was weniger bekannt ist: Die Massenimpfung haben wir dem Kalten Krieg zu verdanken. Nachdem in der DDR im Jahr 1961 die erste Schluckimpfung mit einem Lebendimpfstoff eingeführt wurde, der in den USA entwickelt, aber in der UdSSR produziert worden war, stand die Bundesrepublik Deutschland massiv unter Druck.

Anders als zur Tetanusimpfung, bei der wir eine Spritze bekamen, was wir (nicht zu Unrecht) als Überrumpelung empfanden, sind wir Kinder gerne zur Polio-Impfung gegangen. Das Stück Zucker wurde uns anders als die Hostie nicht auf die Zunge gelegt. Wir nahmen es in die Hand und steckten es uns selber in den Mund (zumindest war es in meiner Heimatstadt Bottrop so). Es fühlte sich so an, als würden wir uns selber impfen.

Vieles spricht gegen die Corona-Impfung. Zum einen glaube ich, dass die Impfung nicht nur die Abwehr-, sondern auch die Selbstheilungskräfte blockiert. In meinem Fall hieße das, die Impfung würde eine leidlich gesunde, optimistische, wenn auch ältere Menschen-Frau, deren Körper sich schon oft selber geheilt hat, zu einer bedürftigen machen.

Zum anderen weiß niemand, ob die Impfung nicht eventuell schwere Nebenwirkungen auslöst, die erst nach Jahren auftreten können. So ist insbesondere die Massen-Impfung riskant, denn die gefährdet uns alle. Ich zitiere aus meinem Blog-Beitrag „Der ideale Patient – Plädoyer für die Abschaffung des Präpkurses“ vom 19.10.2019:

„…. Richtig dramatisch wird es, wenn eine „neue“ Krankheit auftaucht. Während der Schweinegrippen-Krise 2009 sind die Gesundheitsorganisationen weltweit in Panik geraten. Auch die deutsche Gesundheitspolitik hat damals die Besinnung verloren. Trotz vielfacher Warnungen wurden gigantische Mengen des ungeprüften Impfstoffes Pandemrix geordert. „Die Bundesländer hatten 34 Millionen Dosen des Impfstoffs Pandemrix vom Pharmakonzern Glaxosmithkline abgenommen und dafür circa 280 Millionen Euro bezahlt. Am Ende ließen sich während der bis dato größten Impfaktion aber erheblich weniger Menschen immunisieren als angenommen.“ https://www.aerzteblatt.de/archiv/115575/Schweinegrippe-Uebrig-gebliebene-Impfdosen-werden-vernichtet

Die Impfung wurde bundesweit empfohlen, aber von den Bürgern kaum angenommen. Gott sei Dank, denn die Impfung hatte und hat erhebliche Nebenwirkungen. Bis heute sind alleine in Deutschland mehr als hundert meist junge Menschen an Narkolepsie erkrankt (viele von ihnen erst nach Jahren!). Die Pandemie ist jedoch ausgeblieben, Pandemrix-Dosen im Wert von 20 Millionen Euro mussten vernichtet werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben damals eine unrühmliche Rolle gespielt, indem sie in Sondersendungen für die Impfung geworben haben. Was, muss man sich fragen, wird bei einer „echten“ Pandemie passieren?…“ https://stellwerk60.com/2019/10/19/der-ideale-patient-pladoyer-fur-die-abschaffung-des-prapkurses/

Vorausgegangen war ein politischer Skandal. Während das Innenministerium den umstrittenen Impfstoff Pandemrix zwecks Impfung der Massen bestellt hatte, wurde für die Mitglieder der Bundesregierung sowie Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr ein anderer Impfstoff geordert, der als weniger bedenklich galt und keinen umstrittenen Wirkstoffverstärker enthielt, ein Schweinegrippeimpfstoff vom US-Pharmakonzern Baxter.

Natürlich konnte sich die Bundesregierung den Vorwurf der Zwei-Klassen-Impfung nicht gefallen lassen. Nachdem auch das für die Zulassung von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut “ versicherte, dass es kein größeres Risiko für die Bevölkerung und „keinen besseren oder schlechteren Impfstoff“ gebe, ließen sich u.a. auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) demonstrativ mit Pandemrix impfen. Eine fahrlässige und gefährliche Trotzhaltung, wie sich herausstellen sollte.

Interessanterweise hat damals Alexander Kekulé, den wir derzeit als Corona-Experten erleben, die Impfung mit Pandemrix empfohlen und gewiss viele Menschen von der Schweinegrippe-Impfung überzeugt. Andererseits -und das ist ihm hoch anzurechnen- dürfte er einige Menschen davon abgehalten haben, ihre Kinder impfen zu lassen. „Virologe Alexander Kekulé rät gesunden Erwachsenen zur Impfung – trotz auch von ihm geäußerter Kritik an dem von den Bundesländern bestellten Impfstoff. Die Nebenwirkungen seien nicht viel anders als zum Beispiel bei einer Tetanus-Impfung, sagte der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle im Deutschlandradio. Erstmals gebe es die Chance, „so eine Influenza-Welle wirklich durch eine Impfung zu begrenzen“, meinte er. Auch er selbst werde sich impfen lassen, mit Pandemrix. Bevor er allerdings seine drei kleinen Kinder impfen lasse, werde er „warten was sich noch tut in den nächsten Wochen“. https://www.sueddeutsche.de/politik/schweinegrippe-aufregung-um-zwei-klassen-impfung-1.36055#

Sich mit Pandemrix gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen, war, wie wir erleben sollten, ein fahrlässiger Rat. Wir können, so müssen wir folgern, auch den Empfehlungen der anerkannten Virologen und Institute nur bedingt vertrauen. Aktuell kommt hinzu, dass es sich bei der Corona-Impfung um eine „komplett neue Impftechnologie“ handelt. Die Impfstoffe sind sogenannte mRNA-Impfstoffe. Es werden keine („bösen“) Viren gespritzt, sondern „nur“ die vermeintlich „sauberen“ genetischen Informationen. Allerdings muss gesagt werden, dass gerade genetische Informationen, in den menschlichen Körper gespritzt, d.h. in uns hinein losgelassen, letztendlich unberechenbar sind.

Ich habe meine Informationen über „mRNA-Impfstoffe“ aus dem einleitenden Trailer zur Hart aber fair– Talksendung „Operation Impfung: Ist sie gut, ist sie sicher, wer bekommt sie wann?“ am 30. November. https://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/videos/video-so-funktionieren-die-corona-impfstoffe-102.html

Leider war die Sendung selber nicht aufklärend, sondern eine Propagandasendung pro Impfung. Pflichtgemäß wurde zwar auf mögliche Nebenwirkungen hingewiesen, doch trug die vermeintliche Selbstkritik letztendlich nur zur Verschleierung bei. Dabei heißt es im Trailer wortwörtlich: „Sollten es diese Impfstoffe auf den Markt schaffen, wären es die ersten mRNA-Impfstoffe, die für den Menschen zugelassen werden.“ Offensichtlich will man nicht nur Geld scheffeln, sondern Wissenschafts-Geschichte schreiben, und genau das ist fatal. Korrekt hätten wir Fernseh-Zuschauer folgendermaßen aufgeklärt werden müssen: „Die Wissenschaftler/innen tun ihr Bestes, nur leider können sie auch nicht einschätzen, wie riskant eine Impfung mit mRNA-Impfstoffen letztendlich ist.“ Und noch etwas hätte diskutiert werden müssen: Ist es tatsächlich nötig, die Massen zu impfen? Initiiert man mit der groß angelegten Impfung nicht einen hochriskanten globalen Menschenversuch? Meiner Meinung nach sollte man, wenn überhaupt, nur Risikopatienten impfen.

Was ich völlig unannehmbar finde, ist das mediale Spiel mit Heilserwartungen. Monatelang lautete die zentrale Schlagzeile: Wann ist es soweit? Wir wurden süchtig gemacht auf eine Erlösung, die in diesem Fall als Impfspritze daherkommt.

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Spiegel-online: Verballhornung des berühmten Ausschnitts aus Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“, zu sehen an der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Die abgebildeten Hände sind die linke Hand von Adam (links unten) und die rechte von Gott (rechts oben). Auf dem originalen Fresko sind die Hände etwa auf einer Höhe. Keiner der beiden hält etwas in der Hand. Adam sitzt da in lässiger Pose, das Bein angewinkelt, den Arm aufgestützt.  Michelangelos Adam ist völlig relaxt – ganz anders als sein angespanntes Gegenüber: Michelangelos Gott. Ein vieldeutiges Fresko, das schon unzählige Male interpretiert worden ist. Hier jedoch (vgl. auch Spiegel-Titel Heft 44/20) wird ihm eine plumpe Eindeutigkeit übergestülpt. Die Grafik hat den Bild-Ausschnitt gedreht bzw. gekippt. Das fällt nicht auf, denn der Riss im Putz (ein Blitz!), der sich neben anderen Rissen auch auf dem originalen Fresko findet, wurde computertechnisch nur leicht verändert und dezent gekippt , so dass er wie auf dem Original (s.u.)  fast senkrecht fällt. Eine geschickte optische Täuschung, denn aus veränderter Perspektive scheint es, als hockte Adam völlig erschöpft auf dem Erdboden: Adam, ein Hänger, ein verlorener Junkie in Erwartung der erlösenden Heroindosis.

Wann ist es soweit? fragen kleine Kinder, die es nicht erwarten können, Geburtstag zu haben. Aber vor allem fragen sie es vor Weihnachten. Es ist so schön, dass an Weihnachten -so habe ich es als Kind empfunden- nicht nur man selber, sondern jeder Mensch mit Jesus Geburtstag hat.

Mein Mann und ich haben die gemeinsam verbrachte Vorweihnachtszeit immer sehr genossen, vor allem, als die Kinder noch klein waren. Wir haben gebastelt, gebacken, die Wohnung geschmückt. Unsere Kinder haben Adventskalender geliebt und -so aufgeregt sie auch waren- geduldig ein Türchen nach dem anderen geöffnet. Und sie haben die Tage gezählt bis zum Wiedersehen mit ihren Verwandten. Weihnachten ist das Fest der Gegenseitigkeit. Wir teilen uns festliche Mahlzeiten und tauschen Geschenke. In diesem Jahr fällt -amtlich verordnet- mit dem Verbot von Weihnachtsmärkten, Glühwein-Ständen und „Lebendigen Adventskalendern“ auch die kollektive gesellschaftliche Vorfreude aus. Die maßlosen „Maßnahmen“ sind nicht nur ein massiver Angriff auf unsere Freude, sondern auch auf unsere Vorfreude.

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Wann ist es endlich soweit? Diesen Adventskalender hat unsere jüngere Tochter im Jahr 2008 für uns Eltern gebastelt. Da war sie neun Jahre alt und gerade von Köln-Neuehrenfeld ins zwei Kilometer weit entfernte Nippes umgezogen. Ein Umzug ist für Kinder immer auch ein kleiner Heile-Welt-Untergang. Unsere Kinder mussten zum Glück nicht die Schulen wechseln. Überhaupt ist es für Kinder, die klare Orientierungen brauchen, wichtig, dass möglichst alles so bleibt, wie es ist. Im Jahr 2020 ist nichts mehr so, wie es war. Doch (nicht nur) Kinder brauchen, wie wir alle wissen, Rituale. Nachdem Halloween und die Feste zu  Sankt Martin und Nikolaus schon nicht wie gewohnt stattgefunden haben, gibt es auch Weihnachten nur in der Light-Version.

Aber die Frage Wann ist es soweit? ist älter als Weihnachten. Ursprünglich, so denke ich, wurde sie nicht einmal ausgesprochen. Eigentlich berührt die Frage nicht die Geburt Jesu Christi, sondern die Geburt eines jeden Menschen. Denn die Frage Wann ist es soweit? ist eine Frage an die schwangere Frau, die ein geheimes, weitgehend unbewusstes Wissen in sich trägt über die Entstehung des Menschen. Die Frau, die, um Leben zu geben, ihr Leben riskiert, flößte tiefen Respekt ein. Heute ist „der Mutterleib als öffentlicher Ort“ (Barbara Duden) wissenschaftlich „erforscht“, vermessen. Der ärztliche Blick ist zunehmend respektlos. Und an die Stelle der Frage Wann ist es soweit? tritt ein lapidares „Für wann bist du ausgerechnet?“

Bei der gnadenlosen Durchleuchtung des Mutterleibs hat man ebenso wenig einen Hinweis auf Gott gefunden wie bei der Erforschung des Alls. Wie auch? Das Göttliche wäre nicht das Göttliche, ließe es sich wissenschaftlich aufspüren.

Doch bei der Rettung der Welt wird die Wissenschaft eine zentrale Rolle spielen. Es waren Wissenschaftler, die die Gefahr der Erderwärmung erkannten und das Ozonloch entdeckten. Aber es sind auch Wissenschaftler, die sich immer mehr erlauben, Gott zu spielen und über unser Leben, Gebären und Sterben zu entscheiden. Wir müssen miterleben, was die klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts – etwa der sprach- und gedankengewaltige Theodor W. Adorno („Dialektik der Aufklärung“) -vorhergesehen haben: Dass Aufklärung in ihr Gegenteil umschlägt.

Die Behauptung, dass all das, was wir derzeit erdulden müssen, zu unserem Wohl geschehe, ist eine sentimentale Anmaßung. Im Wikipedia-Beitrag zu Hybris fand ich ein treffendes Zitat: „Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“ (Karl Popper)

Traurig ist: Anders als im Frühjahr 2020 werden mittlerweile auch in Deutschland viele Todesopfer registriert, deren Tod „mit Corona in Zusammenhang“ gebracht wird. Auffällig ist, dass es die meisten Toten in Bayern gibt, insgesamt wurden hier seit Beginn der Aufzeichnungen 5483 Todesfälle gemeldet (nachgetragene Zahl vom 18.12.). Das sind deutlich mehr als im Bundesland NRW (5075 gemeldete Todesfälle am 18.12., Quelle: JHU CSSE COVID-19 Data), das mit knapp 18 Millionen Einwohnern nicht nur das bevölkerungsreichste Bundesland ist, sondern mit 526 Einwohnern je Quadratkilometer unter den Flächenstaaten auch der am dichtesten besiedelte. Zum Vergleich: In Bayern leben etwas mehr als 13 Millionen Menschen – aber nur 186 Einwohner pro Quadratkilometer. Dass ausgerechnet in Bayern, wo der autoritäre Ministerpräsident Markus Söder (CSU) seit Beginn der Krise ohne Erbarmen den bundesweit härtesten Corona-Kurs fährt, besonders viele Menschen sterben mussten und müssen, lässt aufhorchen.

Dabei hatte man sich kürzlich noch mit einer hübschen Broschüre gefeiert. In der vom Bayerischen Innenministerium herausgegeben Schrift mit dem Titel „92 Tage Katastrophenfall: Corona-Pandemie in Bayern“ heißt es:

Der Erfolg Bayerns bei der Bewältigung der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 fiel nicht vom Himmel. Er ist das Ergebnis deutlicher Führung mit klaren Strukturen, unendlicher Einsatzbereitschaft der vielen haupt- und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sowie der Bereitschaft der Menschen, zusammenzuhalten und Geduld zu haben.“ (JOACHIM HERRMANN, MdL, Bayerischer Staatsminister des Innern, für Sport und Integration)

Natürlich dürfte es insbesondere Markus Söder nicht entgangen sein, dass die Zahl der Menschen, deren Tod mit einer Corona-Infektion im Zusammenhang gebracht wird, in Bayern extrem hoch ist. Doch anstatt sich endlich zu mäßigen, hat er mit noch größerer Härte reagiert. Auf einer Sondersitzung am 6. Dezember hat Ministerpräsident Markus Söder erneut für ganz Bayern den Katastrophenfall ausgerufen, der am 9. Dezember in Kraft getreten ist und vorerst bis zum 5. Januar 2021 gelten soll. Das ist meines Erachtens vollkommen unverantwortlich. Etwas ist was faul im Freistaat Bayern.

Leider ist der kernige Markus Söder über Bayern hinaus tonangebend. Am 13. Dezember werde ich in den kommenden Jahren nicht nur an den gewaltsamen Tod meiner Großmutter Steffi denken, sondern auch an den totalen Lockdown, der heute, am 13. Dezember 2020, in einer Sonntags-Konferenz für ganz Deutschland beschlossen wurde.

Elfchen im Elften zum Karnevals- und Alkohol(ver)kauf(s)verbot: Auch ohne Bier und Wein…

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, kam an einem Rosenmontag ein Fotograf der WAZ in unseren Kindergarten, um Fotos vom Kinderkarneval zu machen. Damals, vor mehr als fünfzig Jahren, war das kein Problem, denn die Fotografen machten sich noch nicht verdächtig, nur weil sie Kindergesichter fotografierten. Sie mussten auch keine Einverständniserklärung der Eltern einholen. Wir Kinder waren stolz und aufgeregt. Am nächsten Tag erschien dann in der Bottroper Lokalausgabe der WAZ ein Artikel. Da meine Schwester und ich auf einem der Fotos waren, hatte meine Mutter den Artikel für uns aufgehoben. Er hatte eine neckisch-biederwitzige Schlagzeile, die aus 9 Wörtern bestand. (Um ein Elfchen daraus zu machen, habe ich 2 Wörter hinzugefügt.)

„Auch

ohne Bier

und Wein können

wir fröhlich sein“ – Auch

Daheim!

Über die Biederkeit der Schlagzeile haben wir später noch viel gelacht (Und ich, eine passionierte Rotweintrinkerin, habe den Artikel bis heute aufbewahrt). Die Spießer, das waren die anderen, die uns nichts anhaben konnten.

*** Ergänzung 14.11.2021. Ich habe den alten Zeitungsausschnitt (WAZ, Bottroper Stadtanzeiger, 2. März 1965) wiedergefunden:

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Ich hatte die „Schlagzeile“, die keine Schlagzeile ist, sondern eine Bildunterzeile, nicht ganz korrekt im Ohr. Außerdem sind meine Schwester (links) und ich hier nicht vier oder fünf, sondern schon sechs Jahre alt. Wir sollten kurze Zeit später, nach Ostern, eingeschult werden. Ich finde übrigens nicht, dass die Kinder es „den Alten“ nachmachen. Verkleidungslust ist eine Kinderlust, und Erwachsene, die Karneval feiern, knüpfen, wenn sie sich verkleiden, an eine ihrer größten Kinder-Freuden an.

Bis vor kurzem dachte ich, der piefige deutsche Humor sei ausgestorben. Doch „werch ein illtum“ (Ernst Jandl). In diesen traurigen Coronoia-Zeiten ist der Kleinbürger wieder da, feiert der latent aggressive deutsche Biederwitz fröhliche Urständ. Wer des Spießers Sprache fließend beherrscht, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Das Virus kennt keine Feiertage“. Wäre ich ein Alien, könnte ich aus sicherer Entfernung über Frau Merkel lachen. Aber ich lebe auf der Erde, wo sich die Lage immer mehr zuspitzt. Der autoritäre Biederwitz spiegelt die Mentalität der meiner Meinung nach vollkommen unangemessenen bundesdeutschen Corona-Politik, die tatsächlich (und das zeigt der rigide Umgang mit Andersdenkenden) keinerlei Spaß kennt.

Zurück zum Karneval: Nun wissen wir alle, dass Kinder (zum Glück) keinen Alkohol mögen. Sie müssen auch nichts trinken, um einander näher zu kommen. Kinder sind Kindern nicht fremd. Sie gehen aufeinander zu und haben in aller Regel weder Angst noch Hemmungen. Bei uns Erwachsenen ist das anders. Wir sind schon oft enttäuscht worden, wenn wir Nähe gesucht haben. Daher sind wir nicht mehr unbefangen.

Der Genuss von Drogen kann uns unbefangener machen. Allerdings sind gerade die halluzinogenen Drogen, etwa auch Cannabis, nur schwer kontrollierbar. Kiffen kann schnell dazu führen, dass uns ist, als säßen wir in der Achterbahn oder auf der Fähre von Dover nach Calais bei Windstärke 10. Der Verzehr von Space-Cakes kann aber auch eine ausgesprochen angenehme Wirkung haben. Unter günstigen Umständen ist Cannabis ein wunderbares Aphrodisiakum, denn manchmal wirkt es wie ein Bad in einer Art Jungbrunnen. Daher kann ich gerade vernünftigen älteren Menschen, die sich seit vielen Jahren gut kennen, gerne haben und einander vertrauen, eine Reise nach Alkmaar inklusive Einkehr im Coffeeshop nur wärmstens empfehlen, auch Joachim Sauer und Angela. Tatsächlich kommen wir auf diese Weise an verborgene Gefühle heran: „Ich möchte noch mal 20 sein und so verliebt wie damals….“

Alkohol kann solche Wunder nicht bewirken, ist aber viel besser kontrollierbar. In Maßen genossen fördert der Alkohol das friedliche und freundliche Miteinander. Ohne Sektempfang ist eine Hochzeitsfeier kaum denkbar. Im Karneval ist der Alkohol unerlässlich – trotz aller Schattenseiten (Kotzepfützen, Glasscherben, „Schnapsleichen“).

Mit dem Verbot der öffentlichen Feste zum Karnevalsanfang war zu rechnen, denn es ist Teil der allgemein bekannten Corona-Zwangsmaßnahmen, doch das absolute Alkohol(ver)kauf(s)verbot am 11.11. habe ich persönlich nur deshalb verkraftet, weil ich anders als des Rotkäppchens Großmutter (die aber, wie manche sagen, auch schlauer geworden sein soll) über das alltägliche Viertel hinaus eh immer genug Wein vorrätig habe.

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„Alkoholverkaufsverbot“ am 11.11.. Die deutsche Sprache, insbesondere die Amtssprache, hat die Neigung, aufgeblasene Wort-Ungetüme zu kreieren, Begriffe, die sich aus einzelnen Wörter zusammen setzen und unter Umständen endlos in die Länge wachsen. Hier sind es die drei Wörter „Alkohol“, „Verkauf“ und „Verbot“. Der Siebensilber „Alkoholverkaufsverbot“ hat mit 21 Buchstaben nur eine Stelle weniger als das Zahlenungetüm IBAN. Beim Eintragen einer IBAN in einen Überweisungsträger ist nicht möglich, was hier gemacht wurde: Da das XL-Wort „Alkoholverkaufsverbot“ nicht auf die Tafel passte, wurde der Buchstabe „f“ weggelassen.

Im Verkaufsraum von Alnatura sagte mir ein freundlicher Mitarbeiter, dass das Fotografieren der Regale zwar nicht grundsätzlich verboten sei, dass er mich aber trotzdem bitten würde, es sein zu lassen. Ich versicherte ihm, dass ich nicht vom konkurrierenden (Wein)- Fach sei, gelobte Besserung und steckte den Fotoapparat zurück in die Tasche.

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Bescheuert: Gelbschwarze Absperrbänder spiegelten den Ernst der Lage.

In einem der berühmtesten und berührendsten Kölner Karnevalslieder spielt der Alkohol eine zentrale Rolle. Das Lied der Bläck Fööss erzählt vom alten Mann, der vor der Wirtschaftstür steht, kein Geld hat, aber so gerne dabei wäre. Doch dann kommt jemand aus der Kneipe heraus, geht auf den alten Mann zu und lädt ihn ein: „Drink doch eine met.“

Natürlich ist dieses Lied, das in einer Kneipe spielt, die wie jede Kölner Kneipe an Karneval proppenvoll ist, in Zeiten eines „Lockdown Light“ politisch nicht korrekt. Was tun? Die Antwort der Stadt Köln ist nachzulesen im aktuellen Newspaper der Stadt Köln. Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, ein Impfstoff, wirksame Medikamente – auf diese Zeiten können wir uns jetzt schon freuen. Aber bis dahin bitte ich Sie, bitte ich Euch alle – und Ja, ich erwarte es auch –, in Abwandlung eines der schönsten kölschen Lieder zu sagen: ‚Drink doch KEINE met‘…!“ https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/mitteilungen/22575/index.html

Liebe Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker,

ich weiß, dass Sie mit einem Karnevals- und Alkoholverkaufsverbot uns Bürgerinnen und Bürger vor einer Ansteckung mit Corona schützen wollen. Doch die Verbote gehen zu weit. Das Alkoholkaufverbot ist entmündigend und respektlos gegenüber all den Bürgerinnen und Bürgern, die sich seit dem Frühjahr an die Vorgaben gehalten haben. Es stellt uns unter einen Generalverdacht: Wir alle könnten mit Hilfe von Alkohol auch außerhalb eines der derzeit geschlossenen Superspreader-Orte (Kneipen und Restaurants) ein Superspreading-Event anzetteln, z.B. eine Karnevalsfeier.

Dem Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln ist bei der Werbekampagne für die Aktion „diesmalnicht“ ein schwerer Schnitzer passiert. Das Motto „Drink doch KEINE met“ ist nicht nur anbiedernd. Mit der Änderung des einen Worts wird ein Lied verhunzt und veralbert, das längst zum Kölner kulturellen Erbe gehört. Wir Kölnerinnen und Kölner lieben das Lied, auch ich als Wahl-Kölnerin. Nicht einmal der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, der zwei Menschen das Leben gekostet hat und durch einen schweren Fehler im Rahmen des Ausbaus der U-Bahn verursacht wurde, hat „Drink doch Eine met“ etwas anhaben können, denn das Lied ist uns allen im Ohr – und wir tragen es in unserem Herzen…

Mit der Aufforderung „Drink doch KEINE met“ ändert sich das Lied von Grund auf. Ich erlaube mir, die Geschichte neu zu erzählen: Ein alter Mann steht vor der Wirtschaftstür…

„Hallo, Sie da“, sagt der Mann vom Ordnungsamt, der auf seinem Kontrollgang an der Kneipe vorbei kommt. „Ziehen Sie mal die Maske hoch, auf der Neusser Straße ist Maskenpflicht, gehen Sie besser nach Hause. Und ziehen Sie endlich die Maske hoch… Immer noch nicht begriffen, dass die Kneipe zu ist und es keinen Alkohol gibt? Drink doch KEINE met, verstanden? Klare Ansage von der Frau Reker. Kein Wenn und Aber. Was sagst du da, die Frau Oberbürgermeisterin will sich bei den Kölnern beliebt machen? Nur weil sie sagt, dass sie eine Jeckin ist und selber gerne feiern würde, aber uns zuliebe auch gerne ein Opfer bringt? Schwerhörig? Drink doch KEINE met! Was sagst du da, du willst gar nicht in die Kneipe, aber du kannst auch keinen Alkohol kaufen, und das, wo die Läden doch jetzt so lange auf sind? Hättest du doch gestern kaufen können. Hingen doch überall Informationen. Beim Aldi zum Beispiel, da bist du doch bestimmt Kunde. Was sagst du da? Im Frühjahr waren die Weinregale noch brechend voll, als längst kein Klopapier mehr da war? Das findest du einen Widerspruch? Außerdem…“ Der Ordnungsamtsmann rückt seine Maske zurecht und redet dann weiter: „Außerdem schwächt Alkohol dein Immunsystem und macht dich anfällig für Corona. Da kannst du der Frau Reker wirklich dankbar sein, denn ein Alkoholverkaufsverbot schützt dich. Aber die Stadt Köln hat eine frohe Botschaft für dich. Du bist über 80 und wirst als erster geimpft.“ Der Amtsmann grinst und singt: „Und häste och kei Jeld, dat es janz ejal. Ahler Mann, die Impfung kostet nichts!

Auf der Neusser Straße in Nippes war es gestern nachmittag, obwohl die Geschäfte geöffnet waren, seltsam still. Die wenigen Autos fuhren auffällig langsam. Es dämmerte, ich kam aus Richtung Agnesviertel und war ein bisschen melancholisch gestimmt. Doch auf der Höhe von Tchibo hörte ich mit einem Mal Musik, zunächst einzelne Klänge, die sich, als ich weiter ging, zu Liedern zusammensetzten. Vor dem Kaufhof stand ein Leierkastenmann. Der Mann hatte einen Hut voller Süßigkeiten neben den Leierkasten auf den Boden gestellt. Da er die Kurbel weiter drehte, musste ich dem maskierten Mann verboten nahe kommen, um zu verstehen, was er mir sagte: „Greifen Sie zu, die Süßigkeiten sind noch von Halloween, ich hatte sie für die Kinder gekauft, aber die durften ja wegen Corona nicht klingeln, und es sind auch keine gekommen“ Ich blieb eine Weile dort stehen – und habe selten erlebt, wie beglückend und berauschend Musik ist.